26/06/2026 0 Kommentare
S – Schweigegebot
S – Schweigegebot
# Wort zum Alltag

S – Schweigegebot
Im ersten Korintherbrief kann man lesen: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden.“
Diese Worte dienten bis ins zwanzigste Jahrhundert und mancherorts auch noch in der Gegenwart als Legitimation, um Frauen von öffentlichen Ämtern, Predigtdiensten und aus der theologischen Lehre auszuschließen. Zudem verhinderten sie auch im weltlichen Kontext die Gleichberechtigung von Frauen und wurden zum Beispiel in der Schweiz jahrzehntelang als Argument gegen das Frauenstimmrecht verwendet.
Und nicht zuletzt tat man wohl auch dem Paulus unrecht, der ja zwei Verse vorher gesagt hatte: „Ihr könnt alle prophetisch reden, doch einer nach dem andern, damit alle lernen und alle ermahnt werden.“ Alle. Der Apostel wollte keinen Unterschied zwischen Sklaven und Freien, Juden und Griechen; er schätzte kluge Frauen, wie Junia oder Phoebe und war ein ausgezeichneter Kenner der Schriften. Weder in der Thora noch im Talmud wird Frauen oder Mädchen das Lernen oder Reden verwehrt.
Warum steht es dann da?
Die Forschung, namentlich der durchaus konservative Neutestamentler Hans Conzelmann, hat Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezeigt, dass diese Verse später in den berühmten Paulsubrief eingefügt wurden.
Man fand alte Handschriften, in denen die beiden Verse an andere Stellen geschoben wurden. Dies ist ein ungewöhnlicher Vorgang. Üblicherweise wurde sich enorm um Texttreue bemüht. Darum gibt es zwar typische Abschreibfehler – aber keine kompletten Satzverschiebungen.
Man geht also schon fast sechzig Jahre lang davon aus, dass spätere Autoren, die Frauen in ihren Gemeinden zurückdrängen wollten, die Autorität des Paulus missbraucht haben, um eigene Machtinteressen voranzutreiben.
Nicht schön.
Aber ebenso unschön ist es, dass die revidierte Lutherübersetzung zum Reformationsjubiläum 2017 die Verse ohne jeden Hinweis beibehielt (im Gegensatz zur Bibel in gerechter Sprache) – als wäre ihre verquere Wirkung schon recht. Paulus schrieb: „Zur Freiheit habe ich Euch befreit“ und meinte alle samt ihrem gesunden Menschenverstand.
Dompredigerin Cornelia Götz
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