05/03/2026 0 Kommentare
Vergeben und Versöhnen
Vergeben und Versöhnen
# Wort zum Alltag

Vergeben und Versöhnen
„Und vergib uns unsere Schuld.“ So beten wir in jedem Vater Unser, so auch später hier und heute im Dom. Wie wird man schuldig? Wie lädt man Schuld auf sich? Wird man schuldig, wenn man Bomben auf den Iran wirft und damit Menschen tötet? Oder ist man gerechtfertigt, weil man die dort Lebenden von Tyrannen befreit? Wird man schuldig, wenn man Waffen in die Ukraine liefert, die, wie es Waffen nun einmal so zu eigen ist, Tod und Zerstörung bringen? Oder ist man gerechtfertigt, weil man die „gute“ Seite unterstützt? Wird man schuldig, wenn man von alledem nichts tut, stiller Beobachter bleibt und die anderen einfach mal machen lässt? Oder ist man gerechtfertigt, weil, wer nichts tut, auch nichts Falsches tut?
Und vergib uns unsere Schuld, das erbitten wir von Gott, oder gleich noch viel konkreter in der Versöhnungslitanei aus Coventry: Vater vergibt – den Hass, die Besitzgier, den Neid, den Hochmut. Man könnte fragen, ob denn der Titel mit „Versöhnungslitanei“ überhaupt stimmt, oder ob der Text nicht treffender mit „Vergebungslitanei“ überschrieben wäre; Vater vergib. Doch dieses Bittgebet wurde 1958 explizit als „Litany of Reconciliation“, als Versöhnungslitanei geschrieben. Und das aus gutem Grund.
Denn Versöhnung setzt Vergebung voraus. Ich kann mit niemandem echten Frieden schließen, wenn ich ihm zürne. Ich kann mich nicht versöhnen, wenn da noch Wut und Trauer oder gar Hass in mir sind. Zur Versöhnung brauchts einen reinen Tisch, einen Strich drunter und einen Schwamm drüber. Menschen, die sich ihr vermeintliches Fehlverhalten, wenn auch nur einseitig oder im Stillen, immer wieder vorhalten, werden niemals ganz im Frieden miteinander leben können.
In unserem Verhältnis zu Gott braucht es sogar noch eine Schippe mehr. Miteinander nur im Frieden zu sein, reicht zumindest Gott nicht aus. Er will uns seine Liebe schenken und die verträgt nichts Unvergebenes. Gottes Vergebungsbereitschaft ist groß. Doch sie als Freifahrtschein zu verstehen, ist ganz sicher nicht der richtige Weg. Insofern ist es gut, sich immer wieder seiner eigenen Baustellen zu vergewissern und eben auch um Vergebung zu bitten, damit die Liebe Raum finden kann. Und Liebe, Gottes Liebe, tut not. Aus ihr können wir die Kraft ziehen, die es braucht, um selbst zu vergeben.
Versöhnung braucht Vergebung und der Bedarf an beidem ist unüberschaubar, natürlich ganz besonders dort, wo im Moment Bomben und Raketen einschlagen. Wie soll echter Frieden entstehen zwischen dem Iran und Israel, wenn die Nationen nicht bereit sind, sich all das, was gerade passiert und schon passiert ist, zu vergeben?
Doch auch dort, wo die Waffen schweigen, wird Vergebung gebraucht, um Versöhnung möglich zu machen: zwischen den tief zerstrittenen Menschen auch in unserer Gesellschaft, die sich durch das Gift der Radikalisierung voneinander entfernt haben, um nur ein Beispiel zu nennen.
Versöhnung braucht Vergebung und diese Vergebung können nur wir gewähren, das nimmt uns niemand ab. Aber nur so geht Frieden, nur so hat er eine Chance.
Und darum: Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Amen.
Prädikant Heiko Frubrich
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