09/07/2026 0 Kommentare
Sommer ist Ferienzeit, Urlaubszeit, Reisezeit...
Sommer ist Ferienzeit, Urlaubszeit, Reisezeit...
# Wort zum Alltag

Sommer ist Ferienzeit, Urlaubszeit, Reisezeit...
Vielleicht bleiben Sie hier, in der Umgebung. Mit Zeit für den Wald, ein Buch, Musik, Museum, Zeit für das, was sonst zu kurz kommt. Vielleicht fahren Sie weit weg,
Auch zu biblischen Zeiten sind Menschen gereist, aber viel beschwerlicher, mit viel kleinerem Radius und nicht als Freizeitbeschäftigung wie wir: Sie trieben Handel, kundschafteten neue Weideplätze aus, überbrachten Nachrichten. Propheten wie z.B. Jona oder Elia zogen mit einem göttlichen Auftrag in die Fremde. Jesus wanderte durch Galiläa und heilte im Namen Gottes. Paulus schaffte es, christliche Vorstellungen bis nach Rom zu verbreiten. Wenn wir biblische Erzählungen vom Unterwegs-Sein lesen, können wir an Erfahrungen teilhaben, die Menschen auf ihren Reisen machten. Wir können miterleben, dass ihre Sichtweisen und Handlungen sich veränderten. Wir können auch selbst erleben, wie Reisen uns verändert.
Ich durfte kürzlich etwas Zeit in Litauen verbringen. Anreise mit Zug und Fahrrad nach Kiel, Fähre nach Klaipeda, Zeit für die Stadt und die Kurische Nehrung. Dort nahm ich viel imposante Natur und schön res-taurierte Gebäude wahr, erfuhr aber auch von der Mühe, die Menschen seinerzeit aufbringen mussten, um in der kargen Dünenlandschaft zu überleben. Im Museum folgte ich Erinnerungsspuren, die von mutigen Eisfischern auf dem zugefrorenen Haff erzählten. Es wurden Menschen gezeigt, die Krähen fingen, damit ihre Familien im Winter nicht verhungerten. Ich sah Fotos, die die Annexion des fruchtbaren Memellandes durch Nazi-Deutschland festhalten, Fotos von flüchtenden Menschen und von russischer Besetzung. Von solchen Schrecken ahnt man als Urlauber erst einmal nichts, wenn man heute durch die Natur streift oder im Café Kuchen verspeist. Man muss schon genauer hinschauen und etwas über die Menschen und die Gegend wissen wollen.
Auf meiner Reise erwachte in mir ein Wunsch. Der Wunsch, dass die Bäume doch sprechen könnten, um von Erfahrungen früherer Menschen zu erzählen. Und das nicht nur in Litauen, denn jede Landschaft, jede Stadt, birgt Erinnerungen, die zu wichtig sind, um vergessen zu werden. Auch hier in Braunschweig könnten die Bäume und die Gebäude - wie unser Dom - davon erzählen, was Hass und Gewalt in unserer Stadt angerichtet haben. Nicht nur in der Ferne können wir Erinnerungsspuren schauend und durch Begegnungen mit Menschen folgen, sondern auch, wenn wir die Urlaubs-Zeit hier in Braunschweig verbringen.
Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 1985, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa und der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eine Bitte an die Menschen formuliert. Sie lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen und Amerikaner, gegen Juden oder gegen Türken, gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Die Bibel erzählt von Anfang an von der Auseinandersetzung mit Hass und Gewalt. Die beginnt mit Kain und Abel, als Gott dem Mörder Kain mit folgender Frage Rechenschaft abverlangt: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“
Und die Bibel zeigt auch, dass Hass und Gewalt überwunden werden können. Joseph z.B. setzt dem Unrecht, das seine Brüder ihm zufügen, Großmut entgegen. Jesus preist die Gewaltfreien und Sanftmütigen selig. Unsere humanistischen Werte schöpfen aus solchen Quellen.
Auch das Reisen, das Unterwegs-Sein, kann dazu beitragen, dass unliebsame Erinnerungen wach gehalten werden. Sich dem Hass und der Gewalt zu widersetzen beginnt dort, wo wir aufmerksam für die kulturellen Wurzeln anderer Menschen sind, ihnen offen begegnen, einander zuhören und versuchen, einander zu verstehen. Denn Richard von Weizsäckers Bitte ist heute, nach über als 80 Jahren, aktueller denn je.
Wir wünschen Ihnen gute Erlebnisse und Begegnungen während Ihrer Urlaubs-Zeit. Bleiben Sie behütet.
Christine Lehmann, Nagelkreuzgemeinschaft
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