Pfingsten

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# Predigt

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PFINGSTEN 2026,
da sind wir mit festlicher Musik, rotem Parament und feiern den Geburtstag eines wackeligen, angefassten Ladens, der nicht nur vergessen zu haben scheint, dass es nie sein Ziel war oder hätte sein sollen, Championsleague zu spielen, groß und reich zu sein – sondern auch (und das ist bei weitem kritischer), wofür, warum, für wen er da ist und wir ihn brauchen.
Krisen, Irrtümer; Sackgassen gehören zur Geschichte des Geburtstagskindes, unserer Kirche, dazu. Die immer neue Notwendigkeit, sich zu sortieren und zu besinnen auch. 
Heute ist der Termin dafür.
Halten wir also inmitten drohender Kürzungen, Rückbauprozesse und der Angst vor Bedeutungsverlust oder gar -losigkeit fest:
Das Reich Gottes unter uns, seine Anfänge, sein Aufblitzen, war immer verbunden mit Bildern klimperkleiner Strukturen und Effekte. Ein Senfkorn, eine Prise Salz, ein Licht. Wichtig waren nicht Menge und Größe, sondern das „ob“.
Das „ob“ macht den Unterschied, den jede und jeder verstehen kann, ob es Salz und Licht gibt – oder nicht. Es macht einen Unterschied für unser Leben und unsere Gesellschaft, ob es Kirche gibt oder nicht.
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den schwachen mächtig“ schrieb Paulus an die Gemeinde in Korinth und es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass auch diese unserer Geschwister Ermutigung brauchten. Der Weg durch den Alltag der Welt ist immer wieder zäh und anstrengend – und wir bedürftig nach Anerkennung und Erfolg. Aber Paulus wusste, die Korinther wussten und wir wissen es auch: Das Kleine, das Schwache, das Zarte und Gefährdete ist nicht der Kompromiss, sondern der Kern.
Denn das stärkste Bild all der Winzigkeit und Ohnmacht, der härteste Kontrast zu den Macht- und Überzeugungsmechanismen unserer Welt ist das Kind in der Krippe. Es ist nicht geeignet für Truppenübungsplätze und Börsensäle, das große Bankett, den roten Teppich. Aber: Niemand von uns wäre ohne dieses Kind da. Grundsätzlich nicht und auch nicht heute hier an diesem Ort im Herzen der Stadt, der womöglich auch etwas zu groß geraten ist.
Dieses Kind ist Grund und Ziel. In ihm liegen Hoffnung und Zukunft. Neuanfang.
Das sollte allen zu denken geben, die meinen, dass es klug ist, an Kindern zu sparen. Und auch denen, die glauben ihrer Erfahrung wegen weiter zu sehen und es besser zu wissen.
Auch dieses Kind wird erwachsen werden.
Aber es wird seinem Anfang treu bleiben.
Es wird unser Menschenleben teilen, die Einsamkeit, den Schmerz, die Freundschaft. Es wird sterben – zur Unzeit? Und niemals tot sein. Im Gegenteil.
Am dunkelsten Punkt wird grundsätzlich anders, was wir überschauen.
Am einsamsten Punkt, geschieht unvermuteter Trost.
Durch die Leere und Unverbundenheit trägt seine Form der Vergewisserung und Stärkung – das Abendmahl.
Wir können dazugehören. Zur Geschichte dieses Kindes. Wir sind hineingetauft, in die Verheißung einer gerechteren friedlichen Welt, die mit ihm Wirklichkeit wird, weil Gott uns beim Namen gerufen hat und wir es nicht überhören konnten.
Wir sind verbunden zu seinem Leib.
Noch so ein Bild. Größer als ein Senfkorn. Klarer nicht.
Leib. Nicht Haus. Nicht Nation. Nicht Idee.
Leib. Kopf und Glieder, Haut und Herz, Knochen und Zelle.
Ich denke nicht, dass wir dieses Bild für unsere Kirche haben, um den Unterschied zwischen oben und unten; Denker*innen und Fußvolk, Gehirn und Fingernagel zu verinnerlichen und uns dann demütig und passiv einzusortieren – das würde nicht passen zu all dem anderen, was uns gesagt ist. Gott hat uns ja gerufen. Licht und Salz der Erde zu sein.
Ich denke, es geht nicht mal um Abhängigkeit und Angewiesensein, weil sich darin etwas ausdrückte, was nach enormer Unfreiheit klingt. Uns aber ist gesagt, wieder schreibt Paulus, dieses Mal einer anderen Gemeinde: „Zur Freiheit habe ich euch befreit.“ Mit unserem Gott „können wir über Mauern springen“ und sollten es auch tun.
Ich lese in diesem Bild vom Leib Christi, der unsere Kirche ist, dass wir alle teilhaben und beitragen: zu ihrem Herzschlag und ihrem Puls, ihrer Kraft und Stärke, ihrer Widerstandsfähigkeit und Kreativität, ihrem langen Atem, ihrer Liebe und Verletzlichkeit, ihrem Zorn und ihrem Mut – weil wir verbunden sind durch den Geist, von dem Pfingsten erzählt.
Der kam mit Brausen, so haben wir es vorhin gehört. Mit Wucht.
Und er traf auf Menschen, die von den Umständen ihrer Zeit, den politischen Umbrüchen, den Traumata, die Krieg, Besatzung und Gewalt in Familiengeschichten einschreiben, geprägt waren.
Er traf auf Menschen, die sich Jesus Christus nah gefühlt, seine Worte gehört und die Art, wie er die Welt veränderte, erlebt hatten und in deren Leben und Glaubensgewissheit der Tod mit solcher Härte eingebrochen war, dass sie sich mit gröbster Not aufrecht hielten.
Er traf auf Menschen, die vom leeren Grab, der Auferstehung und Himmelfahrt gehört, das vielleicht sogar miterlebt hatten und zutiefst gewillt waren, dieser Hoffnung zu trauen und nach vorn zu schauen und die trotzdem verwirrt, verstört, verunsichert waren.
Er traf sie an!
Denn es heißt in der Apostelgeschichte: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren alle an EINEM Ort beieinander.“
In meiner alten Lutherbibel ist dieses „einem“ tatsächlich fettgedruckt.
Nur dieses Wort.
Und also nehme ich –
inmitten unserer Strukturdebatten, inmitten all der Fragen nach Erreichbarkeit und medialer Reichweite, inmitten der anstrengenden Suche nach Kriterien, wie viele Gebäude, Gemeinden und Pfarrämter wir erhalten wollen oder können, wahr: „Sie alle waren an einem Ort beieinander.“
Physisch. Von Angesicht zu Angesicht.
Sie waren gekommen und wollten da sein.
Sie hatten einen Ort, der ihrer war, an dem sie sich treffen konnten, Zuflucht finden. 
Sie hatten EINEN Ort.
Den braucht es.
Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut.
Wir haben einen Körper. Mit dem müssen wir wo sein und bleiben.
Wir sind ein Leib. Keine Fiktion.
Wir sind Wirklichkeit. Wir atmen und schwitzen, haben Hunger und Durst, wir werden müde, wollen sprechen und gehört werden, sind bereit mitzufühlen, zu teilen und zu helfen. Wir wollen etwas bewegen und einen gurten Grund haben aufzustehen.
Und manchmal brauchen wir auch eine Berührung. In echt. Auf der Haut.
Sie hatten einen Ort.
Und dort, beieinander, erleben sie das Brausen.
Dieses überwältigende Gefühl, einander zu verstehen.
Diese unhinterfragbare Gewissheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Klarheit und Wahrheit.
Das kann nicht teilen, wer nicht dabei ist. Das geht nicht theoretisch und auf dem Papier.
Darum gibt es draußen die seltsamsten Deutungen und Erklärungsversuche.
Nicht alle sind wohlwollend.
Nicht alle halten für möglich, dass das wichtige dort passiert, wo sie nicht sind.
Auch wir werden heute dieser Geschichte nur bruchstückhaft verstehn.
Die Bibel kann man nicht ein- für allemal deuten und festlegen.
Gottes Wort und erst recht sein Geist sind lebendig – egal wie klapprig unsere Kirche daherkommt.
Aber wenn wir uns darauf einlassen, dass die Bibel immer neu eröffnet, was Not tut und wo es hingehen kann, dass sie immer wieder überraschend den Punkt zeigt, der jetzt dran ist, dann ist die kleine Wort Senfkorn und Salz. Dann macht dieser eine Ort, an dem wir versammelt sind, den Unterschied.


Dompredigerin Cornelia Götz

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