27/04/2026 0 Kommentare
Jubilate
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# Predigt

Jubilate
Gehen oder bleiben? Manchmal ist das die entscheidende Frage. Sie betrifft unsere Loyalität und unsere Treue, unsere Kraft. Sie berührt unsere Beziehungen und Wurzeln. Die Antwort kommt allermeist nicht ohne Brüche und Gewissenskonflikte aus. Gehen oder bleiben? Das frage ich mich, wenn es zu spät geworden ist und ich nicht mehr klar denken kann - aber nicht die erste sein will, die geht. Dann es geht um Höflichkeit oder Gastfreundschaft, manchmal auch um geteilte Last. Gehen oder bleiben - hat jede und jeder durch, wer das Zerbrechen einer Liebesbeziehung durchlitten oder sich durch Ärger und Krisen gequält hat. Gehen oder bleiben - war ein Riesenthema am Ende der DDR. Es kostete Freundschaften, Heimat, Haushalte, mühsam gesammelte Platten… Gehen oder bleiben betrifft politische Entscheidungen und Bündnisse, unseren Glauben und die Zugehörigkeit zu unserer Kirche. Gehen oder bleiben ist mithin eine Frage, die zwingt zurückzublicken auf das, was war und sich klar zu werden über die Hoffnungen, die wir in die Zukunft setzen. Und damit sind wir angekommen an diesem Sonntag.
Ostern liegt schon eine Weile zurück. Noch singen wir das große festliche Halleluja - aber trägt uns die Osterfreude noch oder schleppen wir uns schon wieder und quälen uns mit der sichtbaren Kirche, ihren fühlbaren Strukturen und unseren Fluchtimpulsen? Leuchtet das Licht von Ostern noch in und aus uns oder glimmt es mühsam gegen die Not an, dass wir zwar glauben wollen, dass Gott da ist und Partei ergreift für die Schwachen - aber: wenn sein die Kraft ist, wo wirkt sie und wann geschieht sein Wille auf Erden? Wo sind die Glaubensfrüchte, wo ist die Ernte - warum entscheiden sich so viele für‘s Gehen?Und nicht zuletzt: Warum musste Jesus Christus gehen - hätte er nicht bleiben können und so seine Treue zu uns erweisen? Was sollen uns seine Worte, wenn das Herz schmerzt und der Verstand beim Glauben stört, die Knochen weh tun und alles so unglaublich mühsam ist?
Wer wollte bleiben bei einem, der sich in Ohnmacht erweist? Wer wollte bleiben, wo die Letzten, die Schwächsten die Ersten sind? Wo - um Himmels Willen - haben wir angedockt? Ist noch Zeit zu gehen? „Ich bin der wahre Weinstock“ sagt Jesus Christus da hinein. Und vorher auch schon. Denn nach Ostern ist vor Ostern und vor Weihnachten und vor morgen. Und dies ist sein Bild für die Zeit nach Ostern, für die Zeit seiner Abwesenheit bis er wieder kommt, für die Zeit unseres Lebens. „Ich bin der wahre Weinstock“. Und uns dämmert: mögen wir eine klare Vorstellung von dieser Pflanze und womöglich passable Oenologen sein, mag das Bild vom Weinstock auch vertraut klingen (das Weinwunder von Kana und heilsgeschichtliche Bedeutung des Weins beim Abendmahl kennen wir von ihm); das jetzt wird ganz anders. Es ist kein normaler Weinstock, sondern der „wahre“, der eine. Keine Pflanze, gehegt und gepflegt, von denen die vor uns waren.Sondern Jesus sagt: „Mein Vater, Gott, ist der Gärtner.“
Er hat gepflanzt, er schenkt Leben und Gedeihen. Er kann Früchte geben, die wir nicht wachsen lassen können. Er kann sie auch verweigern und wir werden nicht verstehen, warum. Er unterscheidet zwischen denen, die gut tragen und noch mehr Frucht bringen können und den anderen. Und er erinnert:Ohne Weinstock vermag die Rebe nichts. Wir wissen es aber wir hören es nicht. Wir wollen selber Weinstöcke sein, gepflanzt an den Wassern des Lebens und wurzelnd im Brunnen der Vergangenheit - mit Blättern, die ins Licht wachsen.
Aber Jesus schärft nach:„Ich bin der Weinstock.“ Ich habe die Wurzeln, den Zugang zum Wasser, die Kraft, die Blätter treibt.Ihr lebt, weil ich lebe.Es ist Gnade, wenn wir gedeihen und Anfechtung, wenn wir es nicht tun. Das schmerzt. Das ist nicht fair. Das ist die Wahrheit. So erleben wir das Hier und jetzt. Schmerz gehört dazu, Zorn und Ungerechtigkeit auch.Wer wollte da nicht gehen? Aber haben wir diese Freiheit?Das Bild entlässt uns nicht. Was soll eine Rebe ohne Weinstock?
Jesus zieht an uns. Er spürt, wie schwer es ist, nach Ostern ist, zu bleiben - dann wenn wir glauben müssen ohne zu schauen. Er weiß, dass wir die Fruchtlosigkeit fürchten. Aber:„Ihr seid schon rein.“ sagt er. Gott sieht euch an wie seine schönsten Reben. Deswegen sang Dorothee Sölle in der letzten Strophe des Paul-Gerhardt-Liedes „Du meine Seele singe“: „Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen deinen Ruhm, der Herr allein ist König, ich eine“ schöne, statt „welke“ Blum. Denn Gott guckt uns nicht nur schön, wir sind es auch. Ganz egal, was wir glauben, welche Enttäuschung uns wegtreibt, welcher Zweifel uns zu Konsequenzen zwingt.
Geht nicht weg!
„Bleibt“. Bleibt in mir! Ist das eine Bitte? Ist das unsere Freiheit? Zu Bleiben? Ich gehe an den Anfang meiner Gedanken zurück. Was brauchen wir, um bleiben zu können, bleiben zu wollen?Einen Pass und ein Zuhause. Freiheit. Arbeit. Luft. Wasser. Brot. Einen, der mich sieht und hält. Was braucht es, um in dieser Kirche zu bleiben?Einen Ort. Einen Taufschein, Gottes Geist. Gemeinschaft. Brot und Rosen.
„Bleibt in mir und ich in euch. … Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Ich lebe und ihr lebt durch mich. Und Achtung! Ich werde überhaupt erst ein vollständiger Weinstock durch Euch. Es ist ein Bild tiefer Wechselseitigkeit und Verbundenheit, fast als machte sich Gott abhängig von uns. Und dann kommt noch ein erstaunlicher Satz: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann werdet ihr Frucht bringen und meine Jünger werden.“ Hier sagt keiner, dass wir Frucht bringen müssen. Hier ist gesagt, dass wir Frucht bringen werden. Aber vor allem: das Fruchtbringen und Jüngerin-, Jüngerwerden ist eins, geschieht parallel. Es steht noch aus. Es steht immer wieder aus.Jüngerin, Jünger kann man nicht ein für alle Mal sein - wir müssen und können es immer wieder werden. Gehen oder bleiben. Diese Entscheidung können wir nicht ein für alle Mal treffen, sie steht immer neu an, sie ist immer wieder schwierig und Voraussetzung für die Frucht - die Gott wachsen lässt.
Dompredigerin Cornelia Götz
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