09/07/2026 0 Kommentare
5. Sonntag nach Trinitatis
5. Sonntag nach Trinitatis
# Predigt

5. Sonntag nach Trinitatis
Was zählt am Ende einer Nachtschicht?
Dass nichts Schlimmes passiert und es ruhig geblieben ist.
Dass alle sicher ans Ziel gekommen sind.
Für Simon und alle anderen Fischer zählt der Fang.
Sie brauchen ihn zum Leben.
Aber die Mühe war vergeblich.
Jetzt waschen sie die Netze, flicken Löcher, beseitigen Unrat und bereiten ihr Material für die nächste Nacht vor. Dann werden sie wieder rausfahren und zurückkommen.
Wenn es schlecht kommt, dann wird es wieder vergeblich sein.
Es ist unglaublich ermüdend.
Vergeblichkeit zermürbt.
Nicht nur die Fischer.
Auch die, die gewarnt haben - vor dem expandierenden Chinageschäft, der Privatisierung der Eisenbahn, dem Klimawandel, der Überalterung der Gesellschaft.
Vergeblichkeit zermürbt - wenn das Restaurant leer bleibt, der Laden, die Kirche.
Wenn Verabredungen nicht eingehalten werden und es für die AFD immer weiter aufwärts geht.
Die Männer am See Genezareth sind von diesem erschöpfenden Trott ihres Lebens offenbar so müde, dass sie sich nicht interessieren, was die Menge von diesem Jesus will.
Es geht an ihnen vorbei.
Soll er reden…
Das tut er - aber er sieht die Männer am See.
Sieht sie wirklich.
Leise verändert sich die Blickrichtung.
Weg von der Menge.
Es geht um den einen. Genau dich.
Er geht hin und bittet den Simon, ihn ein Stück rauszufahren.
Er bittet. Weil er weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, eher eine Zumutung.
Der Mann ist ja grade erst reingekommen.
Simon tut das.
Wortlos.
Vielleicht ist es ihm egal.
Vielleicht kommt ihm die Verzögerung gerade recht, denn was er soll er denen, die auf ihn und den Fang warten, sagen?
Vielleicht tut es gut, wenigstens einem einen Wunsch erfüllen zu können.
So fahren sie ein Stück.
Dann wendet sich Jesus den Menschen am Ufer zu und spricht.
Immer ist es sein Wort, das zählt.
Immer dreht sich darum alles.
Jetzt nicht.
Jetzt kommt es auf den einen an.
Fahr raus, dorthin, wo es tief und dunkel ist und wirf die Netze wieder aus, sagt er.
Jetzt antwortet Simon.
Meister, sagt er und das ist das letzte Mal, dass er das sagt. Später wird ihn HERR nennen.
Meister. Das ist sinnlos. Wider alle Erfahrung.
Kein gescheiter Mensch tut das am hellerlichten Tag.
Aber - wenn Du es sagst.
Und dann fährt er.
Ins Ungewisse, ins Unabsehbare.
Er lässt sich nicht treiben.
Er tut es entschlossen. Mit ganzer Kraft.
Wenn Du es sagst.
Das ist der Wendepunkt seines Lebens.
Er weiß nur noch nicht.
Und dann füllen sich die Netze.
Allein kann er die vielen Fische nicht hochziehen; die Netze würden reißen.
Er braucht Mitstreiter*innen, Gefährten, Kolleginnen - er winkt und offenbar haben ihn die anderen nicht aus den Augen verloren, nicht aufgegeben - trotz der unabsehbaren und in ihren Augen vermutlich unsinnigen Tour.
Sie kommen und helfen.
Und das ist dringend nötig.
Fast sinken die Boote.
Der Fang ist so überwältigend, dass es den Simon erschüttert und erschreckt.
Er sinkt auf die Knie.
Nicht dankbar sondern angstvoll, nicht ehrfürchtig sondern furchtsam.
Geh weg.
Geh weg aus meinem Leben.
Was Du wirkst, ist mir zu groß.
Ich bin sündig, verkrümmt, entfremdet, voller Scham.
Ich habe mich längst eingerichtet im falschen Leben.
Lass mich.
Und auch seine Freunde verlieren das Gleichgewicht.
„Fürchte dich nicht!“, sagt Jesus. „Fürchte dich nicht!“
So ermutigt Gott den zaghaften schüchternen Jeremia.
So richtet es Jesaja von Gott an die verschleppten Israeliten aus.
So hört es Zacharias.
So klingt es in der Weihnachtsnacht.
So sagt er es dem Vater, Jairus, dessen Kind im Sterben liegt.
Das ist die Botschaft am Ostermorgen angesichts des leeren Grabes.
Und in der Offenbarung am Ende.
Immer wieder.
Der Grundton der Bibel, der Botschaft Gottes an uns Menschen, heißt: „Fürchte dich nicht!“
Vertrau mir.
Es ist nicht vergeblich.
Ihr werdet nicht verlorengehen.
Die Nacht wird nicht endlos sein.
Ich mache alles neu.
Und dann kommt weniger eine Berufung als eine Verheißung: „Von nun an wirst du Menschen fangen“.
Du wirst sie ins Leben und ans Licht ziehen - aus der Dunkelheit und Tiefe, von dort, wo es keinen festen Grund gibt.
Du wirst sie mitziehen.
Das Neuwerden verwandelt.
Sie und Dich.
Der große Fang, der sehnlichst erwartete Erfolg, verliert an Bedeutung.
Auch das gehört zu dieser Geschichte.
Es gibt so viel vergebliche Mühe.
Aber auch belanglose Erfolge.
Simon lässt beides hinter sich.
Er geht mit.
Er folgt nach.
Er fürchtet sich nicht.
Und beginnt ein neues Leben.
Und wir sehen und hören: Dieser Neuanfang hat etwas mit Vergebung zu tun.
Sie steckt in der Vergeblichkeit.
Denn Scheitern braucht Vergebung.
Weil Vergeblichkeit sich nicht rückgängig machen lässt.
Weil Vergeblichkeit nicht mit Mitteln dieser Welt geheilt werden kann.
Weil Vergeblichkeit bewusstes Loslassen braucht.
Vergeblichkeit braucht Vergebung – auch sich selbst gegenüber.
Was zählt am Ende einer Nachtschicht?
Dass die Sorge, ein Notfall könnte eintreten, zu Ende ist.
Dass die Mühe, rechtzeitig am Ziel zu sein, vergessen ist.
Dass das Leben nicht vergeht.
Dass es wieder hell wird und ein neuer Tag beginnt.
Amen.
Dompredigerin Cornelia Götz
Kommentare