08/06/2026 0 Kommentare
1. Sonntag nach Trinitatis
1. Sonntag nach Trinitatis
# Predigt

1. Sonntag nach Trinitatis
Heute ist ein wunderbarer Tag. Weil Ihr da seid. Kinder, die zur Domsingschule gehören und hier mitsingen wollen, Eltern, die das richtig und wichtig finden. An solchen Tagen merken wir alle, dass etwas gut ist und gelingt, Zukunft hat - oder eben: dass Segen darauf liegt.
Und zugleich ist da immer ein Kontrast zu dem, wie es in unserem Alltag, unserer Stadt und unserer Welt zugeht. Das ist so, obwohl wir schon so lange wie es Menschen gibt und erst recht seitdem Jesus Christus unter uns gelebt hat, wissen, was gut und gerecht ist, wie es zugehen müsste, damit alle überall gute Tage wie wir diesen hier erleben: Wir kommen satt und gesund in den Dom, müssen unterwegs keine Angst haben, beraubt, verhaftet oder von Drohnen getroffen zu werden und gehen nachher dorthin zurück, wo wir ein Dach über dem Kopf haben, ein Tür, die wir öffnen und schließen können wie wir wollen und jede Menge sauberes Trinkwasser, das aus der Leitung kommt. Wir haben jeden Grund, froh und dankbar zu sein. Aber weil es eben gleichzeitig immer mehr Menschen immer schlechter geht, müssen wir aufpassen, damit aus diesem Unterschied kein „drinnen und draußen“, „schwarz und weiß“ wird und erst recht, dass wir nicht denken, dass wir es irgendwie verdient hätten, dass es uns so viel besser geht als vielen anderen oder wir gar die besseren Menschen wären. Diese Gefahr besteht schon immer. Darum haben wir die Bibel. Sie reißt uns immer wieder neu die Augen auf, erzählt Beispiele, erinnert uns, dass es Gottes Gabe und Gnade ist, dass wir solche wunderbaren Tage wie heute erleben und auch, dass wir den Schwung, den er uns gibt, nutzen sollen, damit es auch im Alltag derer neben uns und der Menschen, die wir gar nicht kennen, die aber genau wie wir ihr eines einziges Leben auf dieser Erde jetzt leben, ein bisschen heller und freundlicher wird.
Heute haben wir eine Geschichte von einem armen und einem reichen Mann gehört. Sie markiert ein Kernproblem, vielleicht das Problem überhaupt: die Gefahr von Besitz. Grausamkeit, Leere, Einsamkeit, Gewalt, Hunger, Krieg… - oft, wenn nicht allermeist liegt die Gier dahinter oder die Sorge um Besitz, die Unfähigkeit ohne sehr viel Geld zurechtzukommen. In unserer Geschichte kostet die Hartherzigkeit des einen, dem das worum er gebeten wird zum Leben nicht fehlen würde, den Reichen seine Menschlichkeit und den Armen das Leben. Die zwei schaffen es nicht miteinander. Sie lernen nicht zu teilen. Nicht ihr Essen, nicht ihre Medikamente, aber auch nicht ihre Hoffnung, nicht ihren Glauben. Es ist eine hässliche Geschichte. Sie geht nicht gut aus. Der eine kommt in den Himmel und hat es gut in alle Ewigkeit. Der andere nicht. Es gibt keine Versöhnung. Keine neue Chance.
Es ist eine Geschichte. Sie soll uns nicht Angst vor der Hölle machen (ich glaube nicht, dass es die gibt), sondern sie will uns warnen. Denn es ist nicht egal, ob wir uns interessieren, wie es anderen geht. Es ist nicht egal, ob wir uns erstmal nur um uns selber kümmern und dann um andere. Es ist nicht nur für den riskant, der in seiner Existenz bedroht ist. Es gibt ein zu spät.Und wir können nicht behaupten, dass wir das nicht wüssten. Im Taufbefehl Jesu, unter dem wir alle getauft sind, heißt es: „Lehrt sie halten, was ich Euch gesagt habe.“ Also suche den Frieden und jage ihm nach, selig sind die Barmherzigen, brich mit dem Hungrigen dein Brot, geh zwei Meilen mit… Und auch das haben Menschen gehört und ernstgenommen. Wir sind keine Monster. Nur sehr unvollkommen.
Darum gehört zu diesem Sonntag noch eine andere Geschichte. Die hat eine etwas andere Art. Es ein Bericht davon, wie Christinnen und Christen - die die erste Geschichte auch kannten - versucht haben, es besser zu machen. Das klingt nun so: Die Menschen, die zusammen waren - so wie wir hier als Gemeinde - waren ein Herz und eine Seele. Sie fühlten miteinander. Sie verstanden sich. Sie waren sich einig. Es kam nicht darauf an, wem was gehörte. Sie hatten verstanden, dass Besitz spaltet. Darum gehörte alles allen gemeinsam. Und tatsächlich: Es gab niemanden, der nicht genug zu essen oder zu trinken hatte, der fror oder obdachlos war. Sie alle hörten und erzählten sich von Ostern und der Auferstehungsgeschichte, damit sich niemand mehr vor dem Tod und dem, was danach sein würde, fürchten muss (das ist der Grund, warum ich glaube, dass es keine Hölle gibt) und auch, damit niemand mit seiner Angst davor erpresst werden kann.W eil das so war, spürten alle Gottes Gnade. Niemand fühlte sich übersehen, unwichtig oder unnütz. Alle merkten, dass Gott sie sieht. Sie organisierten es so, dass sie ihre Häuser, Grundstücke und was sie sonst noch hatten, verkauften, und den Erlös nicht versteckten, sondern mitbrachten und gemeinsam darüber entschieden. Auch die ganz Reichen machten mit. Es wäre jetzt ganz leicht, wirklich ganz einfach, zu erklären, warum das nicht funktioniert. Ich wüsste viele Gründe. Aber das ist zu einfach. Denn dann würden wir nicht nur die Warnung aus der ersten Geschichte überhören, sondern wir würden auch völlig aufgeben, überhaupt zu versuchen, dass es in unserer Welt - auch durch uns - besser werden kann.
Darum lohnt es sich, auch wenn wir das alles nicht für realistisch halten, darüber nachzudenken, warum Menschen von diesem Versuch immer wieder erzählt haben. Warum sie nie aufgegeben haben nach Lebensformen zu suchen, die Menschen nicht mehr zwischen Habenden und Habenichtsen unterscheidet. Es muss eine Spur darin geben, die es wert ist erfolgt zu werden. Eine solche Spur könnte in dem Wort „Zuwendung“ stecken. Das ist ja ein tolles Wort. Wir verwenden es, wenn man Geld für einen guten Zweck gibt - also nicht beim Einkaufen, sondern für jemand anderen. Aber wir sagen „Zuwendung“ auch, wenn wir selbst uns zuwenden und jemandem direkt das geben, was wir können. Und das ist vielerlei. Die einen haben Hoffnung, die anderen Liebe, die dritten Mut und Ideen. Manche haben Geduld. Die einen können gut mit Kindern umgehen, die anderen mit alten oder einsamen Menschen. Die einen können gut organisieren, die anderen können reparieren, die dritten kochen. Manche machen es schön in einem Raum. Andere können Musik machen oder aus der Bibel vorlesen. Das alles ist Zuwendung. Das alles sind Schätze, die nicht in Tresoren oder Scheunen zu finden sind. Sie liegen in uns. Davon wird man ein Herz und eine Seele. Gott macht es vor. Wir können es ihm nachmachen, weil wir ihm ähnlich sind, weil er es uns zeigt und immer wieder daran erinnert und zwischendurch Schwung durch gute Tage schenkt. Wie heute.
Dompredigerin Cornelia Götz
Kommentare