01/02/2026 0 Kommentare
Letzter Sonntag nach Epiphanis
Letzter Sonntag nach Epiphanis
# Predigt

Letzter Sonntag nach Epiphanis
Das ist der letzte Sonntag nach Epiphanias - Fest der Verklärung. In meinen Ohren klingt das freundlich. Wenn das Gesicht eines Menschen sich verklärt, wenn es aus ihm heraus leuchtet und schimmert, ist das ja ein gutes Zeichen: Vielleicht spiegelt sich im Gesicht eines Vaters, dass er von Liebe zu seiner kleinen Tochter überflutet wird oder wir sehen Frieden in den gelösten Zügen eines alten Menschen, der ohne Angst gehen kann. Vielleicht ist es auch der besondere Glanz nach einem Begreifen, einer spirituellen Erfahrung oder der Begegnung mit vollkommener Schönheit. Vielleicht ist es der Glanz der Gottesnähe. Verklärung - das ist: wenn man außen sehen kann, dass inwendig Besonderes geschieht.
Es sieht ganz anders aus als Schock, Schrecken, Angst - selbst die tendenziell negative Verwendung des Wortes für eine unangemessenen Weichzeitung oder zu freundliche Sicht hat eine positive Schlagseite. Auch das Evangelium erzählt von Verklärung: Jesu Gesicht leuchtet, Gott spricht und alle können es hören. Seine Jünger wünschten, dass es nicht aufhört.Unser Text hingegen kommt mit Wucht, unbarmherzig blendend, Distanz auslösend.
Sie haben die Verse aus dem ersten Kapitel der Offenbarung des Johannes vorhin gehört.Es ist das letzte Buch der Bibel, auf das alles hinzulaufen scheint - am Ende der Zeit.Ganz am Ende schließen sich die Kreise: Neuschöpfung und lebendiges Wasser umsonst. Die Stadt aus dem Himmel und Gottes Hütte bei den Menschen. Kein Leid und Geschrei, keine Tränen, kein Tod. Ein kristallenes Meer und Gesang.Aber erstmal:Bedrängnis.Der hier schreibt, erlebt sich in der Schicksalsgemeinschaft Gefährdeter.Der hier schreibt, lebt im Exil, vielleicht sogar in der Verbannung.Der hier schreibt, muss versuchen, geduldig auszuhalten. Der hier schreibt, ist seines Bekenntnisses wegen in Gefahr - er hat also nicht im Privaten geglaubt, sondern Konsequenzen aus dem gezogen, was ihm Nachfolge Jesu bedeutet und sich damit in Not gebracht.Nun ist er auf einer Insel, abgeschnitten von den anderen. Woher soll hier Rettung kommen? Geschweige denn Verklärung?Bedrängnis drückt - auf die Seele und das Herz, auf die Stimme und den Magen, auf den Atem.Da hört er hinter sich (!) eine Stimme - so groß als bliese eine Posaune.Womöglich hat er tagelang kein menschliches Wort gehört. Wie muss er erschrocken sein!Was kann es Gutes geben, das so laut ist?Und dann auch noch im Rücken. Er kann nichts sehen. Diese Stimme wummert ihm einen Auftrag ins Kreuz: „Schreib auf, was Du siehst und schicke es an folgende sieben Gemeinden!“Hören ist ja schon schrecklich - aber was wird da in seinem Rücken erst zu sehen sein?Welche Wirklichkeit wird da aufscheinen?Welche Wahrheit?Johannes, der folgerichtig der Seher heißt, dreht sich um, um zu sehen. So schlicht steht es da.Aber es braucht dafür ungeheuren Mut und Vertrauen. Der sich jetzt umdreht, hat die Option, sich voller Zweifel oder bitterer Resignation zu entfernen, gar nicht erst. Und er ahnt: Was er jetzt gleich zu sehen bekommt, wird ihn - wenn man von der Stimme auf das Wesen schließt - nicht zärtlich anrühren wie das Kind in der Krippe...
Eigentlich möchte man sich die Augen zuhalten.Aber Johannes dreht sich, sieht und fällt wie tot um. Schreck, Erschütterung, Ehrfurcht - mit einem Wort: das Heilige.Vor fast genau neunzig Jahren erschien einer der theologischen Bestseller des 20. Jahrhunderts: Rudolf Otto: „Das Heilige“. Mitten im ersten Weltkrieg beschrieb er das Heilige als erschütternd und faszinierend zugleich und erfand ein neues Wort: das „Numinose“. Denn das Heilige, so schrieb er, ist unbegreifbar. Nicht nur weil mein Erkennen und Verstehen unüberwindbare Grenzen hat, sondern auch „weil ich hier auf ein überhaupt ‚Ganz Anderes‘ stoße, das durch Art und Wesen meinem Wesen inkommensurabel ist.“ Also absolut unvergleichbar. Und - weiter Rudolf Otto - „vor dem ich deshalb in erstarrendem Staunen zurückpralle.“Oder eben wie tot umfalle. Da liegt er.
Zwischen goldenen Leuchtern, die gar nicht erst gegen die Erscheinung in ihrer Mitte anleuchten, steht einer gleißend hell mit flammenden Augen und einem Schwer im Mund, Sternen in den Händen, glühenden Füßen…und einem Gesicht, dass wie die Sonne blendet.Der Glanz auf Jesus Gesicht und dem des Mose, der Glanz, den Elisabeth mit ihrem Tuch verhüllt – hat eine überwätigende Quelle und hier findet einer Worte.Und hört – dröhnend wie ein Wasserfall: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“Fürchte Dich nicht!Vertrau mir.Der jetzt spricht, redet nicht von einem Vertrauensvorschuss, wie er von uns im wahren Leben dauernd erwartet und immer wieder enttäuscht wird: der hier ruft appelliert an unsere Glaubenserfahrung, wie sich durch die ganze Bibel zieht.Fürchte Dich nicht!Es gibt keinen Grund, schon gar nicht vor mir.Meine Verheißung hat dich geleitet und mein Segen war mit dir.Ich bin da - wie ich es immer war und immer sein werde. Darum: Fürchte Dich nicht.Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte kriegt jetzt in der Bedrängnis enorme Kraft.Gott ist nicht einfach der Liebe.Gott bleibt nicht das Kindchen im lockigen Haar. Er ist „erschienen die Welt zu versühnen.“Er ist geboren mitten in die Verlorenheit der Welt hinein.Mit Vollmacht.Und ganz anders. Und wir können ihm vertrauen! Das ist die Botschaft dieses Sonntages in unsere Misstrauensgesellschaft hinein. Fürchte dich nicht!Hab Vertrauen!!!Verklärt Vertrauen?Bestimmt.Klarheit, die man in sich trägt, leuchtet auch außen.Vertrauen braucht Beziehung, noch besser Liebe. Die leuchtet erst recht.Johannes hat sich gefangen. Schon sitzt er und schreibt.Und wir atmen freier, erinnern uns, dass wir die Köpfe gehoben haben, weil Erlösung naht. Jetzt ist sie da.Mitten in dieser Welt. Gott geht mit - heilt und teilt, zeigt Wege zum Frieden - in Menschengestalt. Und weil er gnädig mit uns ist, offenbart er die andere Gestalt nur ganz Wenigen. Wir dagegen müssen uns nicht tot stellen und auch nicht tot umfallen, wenn er uns anruft. Sondern können uns getrost umdrehen, die Perspektiven wechseln, hinschauen, Vertrauen wagen.Und leuchten.
Dompredigerin Cornelia Götz
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