Perfekt

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# Wort zum Alltag

Perfekt

Im Urlaub war ich einmal in Belgien und habe dort eine kleine Chocolaterie besucht, wo Pralinen und andere Süßigkeiten aus Schokolade hergestellt werden. Der Meister dort führte uns durch seine Werkstatt und erzählte von seinem Handwerk. Früher, sagte er, hätten die Lehrlinge vor allem eines gelernt: Perfektion. Jede Praline sollte exakt gleich aussehen – die gleiche Form, die gleiche Größe, die gleiche Oberfläche. Man übte so lange, bis jede einzelne genauso perfekt war wie die andere.
Doch irgendwann begannen die Kunden zu reagieren. Sie schauten auf die Pralinen und sagten: „Die sind zu perfekt. So etwas kann kein Mensch gemacht haben. Das müssen Maschinen in einer Fabrik gefertigt haben.“ Das war für den Chocolatier ein überraschender Moment. All die Mühe um Perfektion führte gerade dazu, dass die Menschen das Menschliche darin nicht mehr erkennen konnten. Seitdem hat er seine Ausbildung komplett verändert. Natürlich sollen die Lehrlinge weiterhin sorgfältig arbeiten.
Aber sie lernen auch: Jede Praline darf ein wenig anders aussehen. Ein kleiner Unterschied in der Glasur, eine leicht andere Form, eine winzige Unregelmäßigkeit. Gerade daran erkennt man: Hier hat ein Mensch gearbeitet. Das ist Handarbeit. 

Diese kleine Geschichte erzählt eigentlich etwas sehr Grundsätzliches über uns Menschen. Wir leben in einer Kultur, die stark von Perfektion geprägt ist. Wir optimieren Lebensläufe, kuratieren Bilder unseres Lebens, vergleichen uns ständig mit idealen Bildern. Perfektion erscheint als Ziel – als Zustand, in dem alles glatt, kontrolliert und fehlerfrei ist.
Doch paradoxerweise gilt: Je perfekter etwas wirkt, desto weniger menschlich erscheint es.
Das Menschliche zeigt sich nicht in der makellosen Gleichförmigkeit, sondern in der Spur der Person. In der kleinen Abweichung. In dem, was nicht völlig berechenbar und nicht völlig standardisiert ist.
Auch theologisch ist das eine bemerkenswerte Perspektive. Die Bibel beschreibt den Menschen nicht als Produkt einer perfekten Serie, sondern als Geschöpf. Im Bild des Töpfers etwa – Gott formt den Menschen aus Erde. Ein Bild, das Handwerk beschreibt, nicht industrielle Produktion.
Ein Bild von Berührung, Formung, Beziehung.
Was von Hand geformt wird, trägt immer eine Spur des Formenden – und zugleich eine Eigenheit des Materials. Gerade darin liegt seine Würde.
Vielleicht ist deshalb die Vorstellung eines vollkommen glatten, perfekten Menschen eigentlich eine Illusion. Ein Mensch ohne Brüche, ohne Grenzen, ohne Widersprüche wäre am Ende nicht menschlicher, sondern eher maschinenhaft.
Das Evangelium geht sogar noch einen Schritt weiter: Es wertet nicht nur die Unvollkommenheit nicht ab – es entdeckt gerade darin einen Ort der Begegnung mit Gott. Der Apostel Paulus schreibt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das bedeutet nicht, dass Schwäche romantisiert wird. Aber es bedeutet, dass Gott nicht erst dort gegenwärtig ist, wo alles perfekt funktioniert. Gottes Wirken zeigt sich oft gerade in dem, was nicht vollkommen ist.
Vielleicht könnte man sagen: Unser Leben gleicht diesen handgemachten Pralinen. Jede und jeder von uns ist geformt – mit Sorgfalt, mit Liebe, mit Geduld. Aber nicht als identisches Stück einer Serie. Sondern als einzigartiges Werk.
Und vielleicht sind es gerade die kleinen Unregelmäßigkeiten unseres Lebens – unsere Grenzen, unsere Eigenheiten, unsere Brüche – die sichtbar machen, dass wir nicht Produkte einer Maschine sind, sondern einzigartige Geschöpfe. Nicht perfekt. Aber unverwechselbar. Und gerade deshalb: von unschätzbarem Wert!


Helge Böttcher, Domkirchenvorstand

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