Palmarum

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# Predigt

Palmarum

Jetzt kippt es. Die eben noch gejubelt haben, zerstreuen sich. Sie werden sehr bald Anderes schreien. Es gibt nur noch eine kleine Atempause vor der Katastrophe: die Salbung in Betanien. Erinnern Sie sich? 
Ganz kurz vor seiner Verhaftung war Jesus Christus noch einmal in einem Haus zu Gast. Man saß beieinander, aß und trank - da kommt eine Frau und leert ein Fläschchen unvorstellbar kostbaren Öls über Jesu Kopf. 
Es folgt eine erregte Debatte: Hätte man mit dem Geld für das Öl nicht etwas Sinnvolleres machen können? Jesus beendet die Diskussion, ergreift Partei für die Namenlose und hält fest: wann immer von ihm, Jesus Christus, die Rede ist, soll man sich auch ihrer erinnern.
Er hat sein Evangelium ein für alle Mal mit ihrem Gedächtnis verknüpft.
Unglaublich!
Aber so ist es nicht gekommen.
Wir denken nicht, wenn wir Abendmahl feiern und seine Einsetzungsworte hören, wenn wir bei einer Taufe seinen Befehl lesen, von der Kindersegnung hören oder im Gottesdienst seine Gleichnisse - an die Frau aus Betanien.
Unsere sonntägliche Gottesdienstordnung kommt - nicht nur hier am Dom sondern überall, soweit ich weiß - ohne sie aus. 
Nur alle sechs Jahre am Palmsonntag hören wir von ihr.
Es ist dann Markus, der davon erzählt: Es waren nur noch zwei Tage bis zum Passafest. Die Stadt füllte sich und die Mächtigen in Jerusalem wollten diesen Menschen, diesen Unruhestifter, Prediger und Heiler endlich aus dem Weg haben, festsetzen, hinrichten - um in Ruhe und ohne Aufruhr zu feiern. Kreuzigungen waren ein alltägliches Schauspiel. Seine würde nur eine unter zahllosen anderen sein. Die Schlinge zog sich zu. Jesus selbst hatte immer wieder davon gesprochen. Nur wenige Verse später wird Markus vom Verrat des Judas und der Einsetzung des Abendmahls berichten.
Aber dazwischen gibt er, der sich doch sonst so kurz fasst, dieser namenlosen Frau Raum. 
Mitten in der Zuspitzung dieser ungeheuerlichen Geschichte Gottes mit den Menschen, kurz bevor sein Sohn am Kreuz sterben und sich der Himmel verfinstern wird, berichtet Markus von dieser Szene. Er nimmt also Jesu Aufforderung, vor allem diesen Moment nicht zu vergessen, ernst.
Schon merkwürdig. Denn es gibt so Vieles auf dem Weg Jesu, bei dem solch verordnetes Erinnern naheliegender scheint: die Speisung der 5000 oder die Sturmstillung, die Auferweckung der Tochter des Jairus oder der Wandel auf dem See…
Aber nein: daran - an die namenlose Frau mit ihrem Öl - sollen wir uns erinnern. 
Also noch einmal hinschauen. Lesen: „Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.“ 
Es ist nur ein halber Satz, diese Ortsangabe zu Beginn. Ich habe viele Male darüber hinweggelesen. Aber jetzt wundere ich mich. Wenn er nach Betanien ging, wenn er auf Gastfreundschaft, Erholung und ein gutes Essen hoffte, warum ging er dann nicht zu Maria und Marta? Was wollte er in dieser Gegend - Betanien, das heißt das „Haus der Armut“ - bei einem Aussätzigen?
Ging es ihm gar nicht um Geborgenheit und vertraute Gesellschaft?
Suchte der erschöpfte und gejagte Mensch vielleicht einfach nur einen Unterschlupf, an dem er nicht vermutet und sofort aufgegriffen würde. Suchte er einen Ort, von dem sich Menschen fernhalten würden? 
Und wenn es so war, lag er dann nicht wie bei einem orientalischen Festmahl zu Tisch, sondern einfach nur erschöpft am Boden? Das griechische Verb an dieser Stelle ist jedenfalls das, was auch bei dem Gelähmten oder der kranken Schwiegermutter des Petrus steht: liegen, weil man nicht stehen kann.
Da hinein - an diesem Ort - taucht eine Frau auf. Sie erinnert an den Engel, der dem halbtoten Elia in der Wüste Wasser und Brot brachte. Sie ist irgendeine. Jede. Sie ist ihm nachgegangen. Sie hat keine Angst, sich mit dem angeblich hochgefährlichen Todeskandidaten zu solidarisieren, sie hat keine Angst vor dem Aussatz und der tiefen Armut in diesem Haus. 
Mögen die vielen die Seite wechseln.
Sie bleibt. Und übergießt ihn mit reinem duftenden Öl. 
Was muss das in dem mutmaßlich übelriechenden Haus - Simon litt ja an einer Hautkrankheit, hatte Geschwüre, offene Wunden, absterbende Stellen - für eine Wohltat gewesen sein!
Patrick Süskind schreibt in seinem Roman „Das Parfüm“: „Der Duft war so himmlisch gut, dass ihnen schlagartig das Wasser in die Augen trat … und man mit einem Schlag die Ekelhaftigkeiten um sich her vergaß“, denn „es gibt eine Überzeugungskraft des Duftes, die stärker ist als Worte…“. 
Dieser Duft, ein ganzes Fläschchen, muss so intensiv gewesen sein, dass es auch andere merken. Dieser Duft muss ihnen wie aus einer fremden unzugänglichen Welt erschienen sein. Dieser Duft weckt Assoziationen und Erinnerungen.
Menschen kommen dazu und sehen: Die Frau hat das Fläschchen zerbrochen. Alles soll für ihn sein, als würde sie in ihm das Leid der Welt pflegen. Sie sagt kein Wort. Es klingt, als passierte da etwas wie im 23. Psalm: „Er erquickt meine Seele. …  Du salbest mein Haupt mit Öl“. Es muss ein solcher Kontrast zu der Wirklichkeit in diesem Haus gewesen sein! Kein Wunder, dass die anderen zornig werden. 
Was für eine Verschwendung! Da hätten ja vielleicht auch ein paar Tropfen gereicht!„Aber Jesus sprach…“ schreibt Markus.
Das Öl hat ihm gutgetan. Er richtet sich auf. Ist wieder präsent und stabil. Er wird seinen Weg jetzt zu Ende gehen und für seine Sache sterben. Die Frau weiß es und er weiß es auch. Gleich wird er aufstehen und einen Raum suchen, er wird das Abendmahl feiern. Und diesen Duft am Leib haben, die Erinnerung an die tiefe und bedingungslose Solidarität eines anderen Menschen, deren Nächster er wirklich war. Sie hat gesehen und gehandelt. Noch hängt der Duft in der Luft. Jetzt mischt er sich ein: „Lasst sie! Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Ihr habt allezeit Arme bei euch … Sie hat meinen Leib zum Begräbnis gesalbt…“
Und er sagt damit: Die Armut wird mit seinem Weg ans Kreuz nicht zu Ende kommen. Der Hass wird bleiben. Menschen werden einander verlassen, verraten, foltern und umbringen. 
Aber wann immer von ihm die Rede sein wird, sollen Menschen sich erinnern, dass in diesem Moment - auf der Kippe, als er die letzten Schritte für sie alle womöglich nicht hätte gehen können - eine namenlose Frau treu geblieben ist, ihre Kraft, ihre Liebe, ihren Mut und alles, was sie konnte, mit ihm geteilt hat. 
Und dass deshalb die Welt nicht ins Dunkel kippt.


Dompredigerin Cornelia Götz

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