21/05/2026 0 Kommentare
O - Odem
O - Odem
# Wort zum Alltag

O - Odem
In meiner Heimatkirche, der Kreuzkirche auf dem Chemnitzer Kaßberg, steht an der Orgelempore der letzte Vers aus dem Buch der Psalmen: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“Als Kind hat mich dieses Wort „Odem“ sehr beschäftigt. Es kam im Alltag nicht vor und dieser Vers erschloss mir nicht, ob auch ich Odem habe und deshalb Gott loben soll oder wer denn die sind, die Odem haben und was die, die Gott loben dann von mir unterscheidet. Irgendwann hatte ich eine halbwegs tragfähige Erklärung durch ein anders Wort: „Alles, was Atem hat“ und damit ja auch: „Alles was singen kann, lobe den Herrn.“ Und dann ist solche eine Aufforderung an der Orgelempore, wo wir Kurrendekinder jedenfalls für die liturgischen Teile des Gottesdienstes rund um den Spieltisch unseres Kantors standen, ja auch einleuchtend. Und dennoch zu kurz gesprungen. Darum Bibelkunde: O – Odem
Denn Odem ist nicht nur ein altmodisches Wort; es verweist auch auf eine geistliche Tiefendimension, die kirchenjahreszeitlich unbedingt in die Nähe von Pfingsten gehört, weil das hebräische Wort hinter „Wind“ und „Luft“, „Atem“ und „Hauch“ auch das Wort für „Geist“ ist „Ruach“. Ruach bewegt das Urmeer der Schöpfung. Ruach ist Gottes Lebensatem, das Urprinzip seiner Schöpfung. Mit seinem Geist haucht er Menschen Leben, Atem – oder wie Martin Luther übersetzte – Odem - ein. Ohne Gottes Geist sind wir, wie der weise Prediger Salomo schrieb, Staub: „Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.“ Gottes Atem kann auf Menschen ruhen. Von David wird das erzählt. Aber auch von den Propheten. Jesaja schreibt in seinen weihnachtlichen Verheißungen, dass der Geist Gottes, der den Friedefürsten erfüllen wird, Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis und Gottesfurcht bewirkt. Odem verbindet sich mit der Taufe Jesu, der davon spricht, dass es das eine sei, mit Wasser und das andere mit Geist getauft zu werden. Zu Pfingsten schließlich feiern wir das Herabkommen des Heiligen Geistes und damit den Beginn der Kirche, der christlichen Gemeinde. Letzteres mag in unseren Ohren – erst recht, wenn wir die Institution Kirche sehen - so theoretisch klingen, dass wir eher Staublunge kriegen als frische Luft. Aber es lohnt, diesen Gedanken zu verinnerlichen und ihm Lebenskraft zuzutrauen. Der Theologe Eberhard Jüngel jedenfalls fand 1999 auf der EKD-Synode in Leipzig folgende noch immer existentielle Worte: „Wenn die Christenheit atmen könnte, wenn sie Luft holen und tief durchatmen könnte, dann würde auch sie erfahren, dass im Atemholen zweierlei Gnaden sind.... Einatmend geht die Kirche in sich, ausatmend geht sie aus sich heraus.“
Einatmend werden wir erfüllt – mit Gottes Odem, seiner Gnade, seinem Geist und Segen. Ausatmend loben wir. Oder mit Martin Luthers Gottesdienstdefinition: „Wir hören auf Gottes Wort“ – es kommt über die Luft, den Atem, die Stimme eines anderen, Gottes Geist, Odem also in unser Ohr und unsere Herzen. Und wir „antworten mit Gebet und Lobgesang“. Das möge den Raum erfüllen. Denn : „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“
Dompredigerin Cornelia Götz
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