Die Gruft Heinrichs des Löwen ist nicht nur der Ort im Braunschweiger Dom der die sterblichen Überreste des Domstifters und seiner Gemahlin Mathilde von England (1156–1189) bewahrt, sondern ist auch ein Zeugnis des 20. Jahrhunderts. Ihre heutige Gestalt entstand während der nationalsozialistischen Umgestaltung des Braunschweiger Doms und dokumentiert bis heute den ideologischen Umgang mit Geschichte und Denkmalpflege in jener Zeit.
Die mittelalterliche Grablege des Herzogspaares befand sich ursprünglich unter dem Grabmal im Langhaus des Doms. Im Zuge archäologischer Untersuchungen der Jahre 1935 bis 1937 wurde das Grab freigelegt. Unterhalb des Grabmals entstand eine neue Gruftanlage. Diese Baumaßnahme war Teil einer umfassenden Neugestaltung des Braunschweiger Doms, den das nationalsozialistische Regime zu einer sogenannten „Nationalen Weihestätte“ ausbauen wollte.
Mit diesem Umbau verband sich eine gezielte politische Deutung der Geschichte. Heinrich der Löwe wurde als Symbolfigur nationaler Größe vereinnahmt und in das historische Selbstverständnis des Regimes eingebunden. Die Gruft erhielt eine monumentale, auf Dauerhaftigkeit und Feierlichkeit angelegte Gestaltung. Materialwahl, Proportionen und reduzierte Formensprache orientieren sich an der Repräsentationsarchitektur der 1930er Jahre und unterscheiden sich bewusst von der romanischen Architektur des Doms.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die nationalsozialistischen Zeichen und zahlreiche ideologische Ausstattungsstücke aus dem Dom entfernt. Die Gruft blieb hingegen erhalten. Ihre Bewahrung dient heute nicht der Fortführung ihrer ursprünglichen Aussage, sondern der kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Entstehungsgeschichte. Sie ist ein authentisches Dokument dafür, wie historische Orte politisch umgedeutet und für ideologische Zwecke instrumentalisiert werden können.
Heute eröffnet die Gruft zwei Perspektiven auf die Geschichte des Braunschweiger Doms: Sie erinnert an Heinrich den Löwen und Mathilde als Stifter des Doms und zugleich an die tiefgreifenden Veränderungen, die das Bauwerk während der nationalsozialistischen Herrschaft erfuhr. Die Auseinandersetzung mit beiden Perspektiven ist Teil des heutigen Selbstverständnisses des Braunschweiger Doms als Ort des Glaubens, der Geschichte und der kritischen Erinnerungskultur.