09/09/2026 0 Kommentare
Runter von der Straße
Runter von der Straße
# Wort zum Alltag

Runter von der Straße
Zum Glück sei jetzt noch warm draußen, sagt Udo. Da muss er nicht lange überlegen, wo er übernachtet. Eine Parkbank wird sich finden. Seit fünf Monaten ist Udo obdachlos. Er sagt lieber wohnungslos und meint damit, dass alles nur vorübergehend sei.
Schließlich hat er manchmal ein Obdach im Wohnheim für Menschen ohne Wohnung. Da muss man nach dem Frühstück wieder raus. Über Tag kann man dort nicht bleiben. Dann läuft Udo zu Fuß durch die Stadt. Oder er fährt Straßenbahn, wenn es regnet.
Er sei immer noch erstaunt oder besser erschrocken, sagt Udo, wenn er an dieses Jahr denkt: Wie schnell es gehen kann, ohne Wohnung zu sein.
Erst verliert er die Arbeit. Dann kann er ohne Einkommen seine Kreditraten nicht mehr zahlen. Und die Miete auch nicht. Udo steckt in der Falle.
Die Mietschulden wachsen und werden zu hoch. Schließlich muss er raus.
„Das also ist mir passiert“, sagt Udo. Viel Geld hatte er nie. Jetzt hat er auch noch erhebliche Schulden. Und keine Wohnung mehr. Udo merkt, wie lange so ein Tag draußen werden kann. Wenigstens friert er nicht. Und noch hat er die Dauerkarte für die Öffis.
Aber was kommt dann? Wie soll es weitergehen? Im Wohnheim haben sie
ihm Hilfe angeboten, aber es zieht sich mit den Ämtern. Und es braucht
Mut zum Sprung über den eigenen Schatten.
Manchmal seufzt Udo. „Ach Gott ...“, fängt es immer an. Mehr erlaubt sich Udo nicht. Er will nicht sein, was er ist: hilflos. Bald hat er ein Treffen mit jemandem von der Behörde. Das ist schon wieder peinlich. Aber es ist nötig. Udo wird hingehen - und vorher noch ein paar Mal „Ach Gott …“ murmeln. Irgendwie steckt er fest. Innerlich und äußerlich. Das fühlt er mehr, als er es sich eingestehen kann.
Udo träumt von Hilfe und zweifelt gleichzeitig. Manchmal fällt ihm dann seine Mutter ein. Die ist schon lange tot, aber manche ihrer Sätze bleiben im Kopf. Einer lautet: „Junge, mach dich nicht klein!“ Das sagt sich so leicht und lebt sich manchmal so schwer.
„Ach Gott …“, seufzt Udo. Und dann denkt er noch etwas mehr: „Ach Gott, mach doch einen neuen Anfang mit mir!“ Runter von der Straße: Dieser Weg braucht viele kleine Schritte, ja! Aber das hier könnte für ihn der erste sein.
Pfarrer Henning Böger
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