24/07/2026 0 Kommentare
Psalmen essen
Psalmen essen
# Wort zum Alltag

Psalmen essen
Manchmal ist es mit dem Internet wie in einer klassischen Bibliothek. Man stöbert in den Regalen, zunächst zielstrebig, dann ein bisschen vom Weg abgekommen aber lustbetonter – liest sich fest, blättert weiter, findet, was man nicht gesucht hat aber umso besser gebrauchen kann. So was zum Beispiel – von Dorothee Sölle: „Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot. Und so möchte ich als erstes sagen: Esst die Psalmen. Jeden Tag einen. Vor dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen, egal. Haltet euch nicht lang bei dem auf, was ihr komisch oder unverständlich oder bösartig findet, wiederholt euch die Verse, aus denen Kraft kommt, die die Freiheit, Ja zu sagen oder Nein, vergrößern.“ Ja. das hat mir gefehlt.Ich habe mich an das stundenlange Psalmenbeten bei den Benediktinerinne erinnert. Und dann Psalm 1 aufgeschlagen – in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, die in diesem Jahr zwanzig wird:
„Glücklich sind die Frau, der Mann, die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen, nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen noch zwischen Gewissenlosen sitzen, sondern ihre Lust haben an der °Weisung Gottes, diese Weisung murmeln Tag und Nacht. Wie Bäume werden sie sein – gepflanzt an Wasserläufen, die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit, und ihr Laub welkt nicht. Was immer sie anfangen, führt zum Ziel. Nicht so die °Machtgierigen: Wie Spreu sind sie, die der Wind verweht. Darum bestehen °Gewalttätige nicht im Gericht, Gottlose nicht in der Gemeinde der Gerechten, auf den Weg der Gerechten gibt Gott Acht, der Weg der °Machtgierigen aber verliert sich.“
Ein bisschen schlucken, ein bisschen darauf herumkauen, manches ausspucken. Beiseitelassen, was irritiert, zu schwarz weiß erscheint, eher nach Konflikt als nach Befriedung klingt und Verse wiederholen, aus denen Kraft kommt: „Glücklich sind die Frau, der Mann, die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen … Was immer sie anfangen, führt zum Ziel.“ Vielleicht ist das nicht dringender als das Zeitungslesen - aber davor und danach ein Psalmvers – zum Verdauen, zum Einordnen, zum Relativieren, zum Ermutigen. Das ist gut gegen Magenschmerzen und Verspannung und stärkt die Seele und das Rückgrat, den reinigenden Zorn und die Sanftmütigkeit.
Und weiter gehts. In den Abend und das Wochenende, die Zeit, die kommt.
Dompredigerin Cornelia Götz
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