Müde

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# Wort zum Alltag

Müde

Gestern war der parlamentarische Abend in Hannover – eine Begegnung zwischen den niedersächsischen Kirchen, der Diakonie und Landtagsabgeordneten. Nach dem Wahlergebnis vom Sonntag war es gut, sich aufzumachen, einander zu vergewissern und nicht ohne Charme, dass Sebastian Krumbiegel – Frontmann der „Prinzen“ – zugesagt hatte über „Demokratie“ im Spätsommer 2026 zu singen und zu erzählen. Kunstfreiheit und Kulturförderung gehören ja schnell zu den gefährdeten Arten. Er war angefasst – das merkte man u.a. daran, dass er zu seiner und allgemeiner Verblüffung den Text eines Liedes, das er zum Besten geben wollte, vergessen hatte. Freudsch? Vielleicht.
Aber als noch eindrücklicher als den unterhaltsamen ehemalige Thomaner empfand ich die Rede unserer Landtagspräsidentin. Hanna Naber sagte, sie schlafe schlecht und sei – noch nur deshalb – müde.
Müde.
Müde nach zahllosen Reden und Grußworten über den Wert der Demokratie.
Müde nach ihrem unermüdlichen Werben für Menschenwürde und Menschenrechte, die allen – allen? ja allen! – zustehen.
Müde nach jahrelangem Engagement für ein menschenfreundliches Miteinander, für Gerechtigkeit und Humanität.
Müde.
Solche öffentliche Verletzlichkeit muss man sich erstmal trauen.
Wie vielen mag sie aus dem Herzen gesprochen haben? Gerade auch denen in Sachsen-Anhalt, die nun mit einer überaus schweren Situation leben müssen?
Ich habe an Elia gedacht. Gottes Propheten, der es leid und müde war, der nicht mehr kämpfen wollte. Der zog sich zurück und legte sich in der Wüste unter einen Baum. Lebensmüde - im Wortsinne.
Doch dann erzählt die Bibel: „Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“
Ja, der Weg ist noch weit.
Und auch: wir müssen es nicht mit unserer kleinen Kraft schaffen. Wir sind nicht allein; unsere Geschwister auch nicht.
Elia darf müde sein. Er muss nicht sofort wieder aufspringen. Aber dann hat er Kraft gesammelt, sammeln können und ist wieder losgegangen. So wird und kann es auch für uns sein. Gott wird uns stärken und kräftigen und dann werden uns unsere eigenen Füße tragen.


Dompredigerin Cornelia Götz

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