Lätare - Freut Euch!

Lätare - Freut Euch!

Lätare - Freut Euch!

# Predigt

Lätare - Freut Euch!

Lätare – freut Euch! Lätare, freut euch? Aber doch wohl nicht an diesem Predigttext! Was wird uns da präsentiert? Das ist doch die Möhre an der Angel vor der Nase des Esels, damit der schneller läuft. Das ist doch Wolkenkuckucksheim, schöne und im wahrsten Sinne des Wortes „Neue“ Welt! Denn ein paar Verse zuvor wird Gott mit den Worten zitiert: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“
Vor diesem Hintergrund verstehe ich dann auch den einleitenden Satz: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich heute nach Jerusalem blicke, sind meine ersten Gefühle nicht Freude und Fröhlichkeit, sondern eher tiefe Sorge. Doch wovon Jesaja spricht ist nicht die israelische Stadt mit den Postleitzahlengruppen mit 91 bis 97 und der Ortsvorwahl 2. Es ist das neue, das himmlische Jerusalem, auf das es allerdings zu warten gilt – wie lange weiß keiner!
Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, das, was uns verheißen wird, ist an Großartigkeit nicht zu übertreffen: Frieden wird sich ausbreiten wie ein Strom und Reichtum wie ein überbordender Bach. Und wir werden auf dem Arm getragen und auf den Knien liebkost. Ja, das ist alles wunderbar und die Hoffnung darauf kann uns stärken. Aber ich möchte mich nicht zufriedengeben damit, dass das irdisches Dasein insbesondere für Menschen, denen es richtig schlecht geht, einzig und allein dadurch ein wenig erträglicher wird, dass wir diese Perspektive haben.
Paul Gerhardt dichtet: „Der Tag ist nun vergangen, die güldnen Sternlein prangen am blauen Himmelssaal; also werd ich auch stehen, wenn mich wird heißen gehen mein Gott aus diesem Jammertal.“ Das schreibt jemand, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges miterlebt, vier seiner fünf Kinder und seine Ehefrau verloren hat. Ich verstehe Gerhardts Jammertal. Doch derselbe Gerhardt schreibt eben auch in seinem Lied „Die güldne Sonne“: Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder, aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“
Es ist eines seiner letzten Lieder und ich frage mich, wie denn ein solcher Sinneswandel möglich ist und lese weiter in unserem Predigttext: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Dieser Vers hat es 2016 sogar zur Jahreslosung gebracht und er hat es in sich – in vielerlei Hinsicht.
Gott will uns trösten. Mit dem Trost ist das so eine Sache. Denn Trost ist keine Heilung. Die Ursache unseres Schmerzes, unseres Leids oder unserer Trauer verschwinden nicht dadurch, dass wir getröstet werden. Was sich ändert, ist unsere Haltung dazu. Trösten ist keine leichte Aufgabe. Plattitüden wie „Das wird schon wieder!“ oder „Nun stell Dich mal nicht so an!“ machen das Loch, in dem wir sitzen eher noch tiefer und dunkler, auch wenn sie noch so gut gemeint sein sollten.
Das Bild des Trostes, den eine Mutter geben kann, ist da ganz anders. Ich weiß, dass es idealisiert ist, und dass es Menschen gibt, die von ihren Müttern niemals Trost empfangen haben. Bei den Betroffenen ist dann statt Erleichterung eher ein Gefühl von Schuld: „Was habe ich falsch gemacht, dass meine Mutter mich ablehnt?“ Die ehrliche Antwort lautet dann meist: Gar nichts, denn mütterliche Liebe und Zuwendung ist nichts, was man sich verdienen müsste. Sie ist da, einfach so, als das Normalste der Welt.
Und natürlich kann es auch der Vater sein oder die Großeltern, die trösten. Was diesen Trost so besonders macht, ist das Verhältnis zwischen den Menschen. Im Regelfall lieben Eltern ihre Kinder unbedingt. Und Kinder haben zu ihren Eltern unbedingtes Vertrauen, Urvertrauen eben.
Fahrradfahren, einhändig, freihändig, Bauchlandung, Knie aufgeschrammt, Nase blutig. Der erste Weg hat mich als Kind in solchen Situationen immer zu meiner Mutter geführt. Da konnte ich laut heulend ankommen und meine Mutter wusste sofort, was ich brauchte: noch vor dem Pflaster eine Umarmung und das warme Gefühl: Ich bin für dich da! Natürlich waren Knie und Nase noch immer lädiert, aber das war in den Hintergrund getreten, denn Mama hatte mich in den Arm genommen und tröstete mich.
Und genauso ist Gott. Er tröstet, wie uns eine liebende Mutter oder ein liebender Vater tröstet. Er ist getrieben von Liebe und wir können antworten mit uneingeschränktem Vertrauen. Das ist kein Gott, der uns zusammenfaltet, weil wir mal wieder die Knieschützer und den Fahrradhelm nicht benutzt haben. Das ist kein Gott, der uns kritisch fragt, ob denn das Fahrrad nur noch Kernschrott ist. Es ist ein Gott, der uns in unserem Leid sieht und sich zuallererst uns zuwendet.
Und das gilt bereits jetzt. Im Himmlischen Jerusalem wird der Bedarf an Trost eher klein sein, so, wie es uns verheißen ist. „Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen, heißt es in der Offenbarung des Johannes. Im Himmlischen Jerusalem werden Glück und Freude sein – in Ewigkeit. Den Trost brauchen wir im Hier und Jetzt, und den enthält uns Gott nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag vor.
Doch auch bei seinem Trost gilt: Das Knie bleibt trotzdem aufgeschrammt und die Nase blutig. Auch Gottes Trost heilt nicht. Es ist auch nicht Gottes Wesensart, von morgens bis abends und auch in der Nacht Leid von uns abzuhalten. Leid und Schmerz gehören zum Leben dazu, selbst zum Leben Christi, der ja nicht weniger als Gottes Sohn ist.
Aber an seinem Leben wird in besonderer Weise deutlich, wie Gott sich leidenden Menschen zuwendet. Allerdings mutiert Gott mutiert trotzdem nicht zum Kuscheltier. Er behält seine Strenge, die, wie uns der Predigttext sagt, im Zorn gegenüber seinen Feinden sichtbar werden wird.
Aber noch einmal die Frage: Kann es wirklich dieser Trost gewesen sein, der Paul Gerhardt nicht mehr nur vom irdischen Jammertal, sondern auch vom munteren und fröhlichen Aufschauen schreiben lässt? Und dürfen wir das auch als an uns verheißen hören? Jesaja schreibt definitiv nicht an uns Christinnen und Christen im Braunschweiger Land – so viel steht fest. Aber, Achtung: Spoiler, in zehn Wochen ist Pfingsten. Und Jesus sagt in diesem Zusammenhang: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde, der wird Zeugnis geben von mir.“ Der Tröster also – Gottes Heiliger Geist, der all das in uns bewirken kann.
Und diesen Heiligen Geist haben wir alle zugesprochen bekommen in unserer Taufe. Damit gehören wir dazu. Damit dürfen wir uns mit allen aufgeschrammten Knien und blutigen Nasen an Gott werden, in der festen Gewissheit, dass er uns trösten wird, nicht verurteilen, nicht maßregeln, sondern einfach nur trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Wie hieß nochmal gleich der heutige Sonntag? Lätare! Freut Euch! Amen.


Prädikant Heiko Frubrich

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