Drei Tage nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin...

Drei Tage nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin...

Drei Tage nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin...

# Wort zum Alltag

Drei Tage nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin...

Knapp drei Tage ist es her. Drei Tage seit dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin. Drei Tage, in denen wir die Nachrichten verfolgt, Bilder gesehen und vielleicht auch versucht haben, zu begreifen, was eigentlich nicht zu begreifen ist. Was als Fest der Begegnung, der Vielfalt und der Lebensfreude gedacht war, wurde von Gewalt überschattet: Eine Frau wurde getötet, 29 Menschen wurden verletzt.
Vielleicht sind die Schlagzeilen inzwischen aber auch schon wieder ein Stück weitergezogen. Doch für die Verletzten, die Angehörigen und alle, die den Anschlag miterlebt haben, ist nichts einfach vorbei. Schmerz braucht keine Schlagzeilen – er bleibt.
So bringen auch wir heute, drei Tage danach, unsere Betroffenheit mit und vielleicht auch Fragen: Wie kann ein Mensch zu einer solchen Tat fähig sein? Warum trifft Gewalt immer wieder Menschen, die friedlich zusammenkommen? Und wo ist Gott in all dem?
Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Doch mitten in diese Fragen hinein spricht das Psalmwort: „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ Das ist keine einfache Antwort auf das Leid. Gott erklärt uns das Böse nicht. Aber er lässt die Leidenden nicht allein. Er steht an der Seite der Opfer. Er sieht die Tränen der Angehörigen. Er kennt die Angst derer, die um ihre Sicherheit bangen. Und er stärkt die Menschen, die helfen, trösten und Leben retten.
Der CSD erinnert daran, dass jeder Mensch in Würde leben darf und diese Würde kann niemand nehmen. Aus christlicher Sicht ist das ein tiefer Grundsatz unseres Glaubens: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Jeder Mensch ist von Gott geliebt. Deshalb trifft jede Form von Hass und Gewalt nicht nur einzelne Menschen – sie verletzt auch das, was Gott über uns und seine Schöpfung gesagt hat: „Und siehe, es war sehr gut.“
Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geliebt! Auch der Mensch, der diese Tat begangen hat, bleibt vor Gott ein Mensch – einer, der schwere Schuld auf sich geladen hat und sich dafür verantworten muss. Wir bitten Gott nicht darum, das Böse kleinzureden. Wir bitten ihn vielmehr, dass Hass und Menschenverachtung nicht noch mehr Herzen gefangen nehmen. Dass Menschen, die auf den Weg der Gewalt geraten, rechtzeitig erreicht werden. Und wir vertrauen darauf, dass Gottes Gerechtigkeit größer ist als unser Wunsch nach Vergeltung.
Deshalb schließen wir heute im Gebet auch den Täter ein. Nicht, weil seine Tat entschuldbar wäre – sie ist es nicht. Nicht, weil wir das Leid der Opfer relativieren wollen – das dürfen wir niemals tun. Sondern weil Jesus Christus selbst am Kreuz für seine Feinde gebetet hat: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dieses Gebet fordert uns heraus. Es erinnert uns daran, dass Gottes Liebe weiter reicht als unser Zorn. Zugleich vertrauen wir darauf, dass Gott gerecht richtet und dass Schuld nicht ohne Wahrheit und Verantwortung bleibt.
Und Jesus ruft uns dazu auf, den Weg des Friedens zu gehen. Er sagt: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Frieden zu stiften heißt heute vielleicht zunächst aufmerksam zuzuhören, Trauer auszuhalten, Menschen beizustehen und jeder Form von Menschenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten. Frieden beginnt oft im Kleinen – in unserem Reden, unserem Handeln und unserer Bereitschaft, den anderen als Mitmenschen zu sehen. Wir sind dazu gerufen, Hass nicht mit Hass zu beantworten. Wir sind gerufen, füreinander einzustehen, den Mut nicht zu verlieren und dort Liebe zu leben, wo andere Angst säen wollen.
Und so bitten wir Gott um den Mut, nicht der Angst das letzte Wort zu lassen. Denn das letzte Wort gehört Gott. Und Gottes letztes Wort über diese Welt heißt nicht Hass, sondern Liebe; nicht Tod, sondern Leben; nicht Finsternis, sondern Hoffnung.
Möge Gottes Friede, der höher ist als alle unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.


Prädikant Marc Bühner

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