8. Sonntag nach Trinitatis

8. Sonntag nach Trinitatis

8. Sonntag nach Trinitatis

# Predigt

8. Sonntag nach Trinitatis

Trinitatiszeit, grüne Stola und grünes Parament.
Wir sind unterwegs im Alltag der Welt, bestürmt von dem, was um uns und mit uns passiert, manchmal getragen, manchmal gelassen, manchmal geschüttelt.
Die Zeiten sind wund. Die Menschen sind es auch. Die Haut ist dünn.
Reaktionen rau.
Die biblischen Texte gehen mit - durch all das hindurch - wie damals als alles zum ersten Mal geschah - und seither immer wieder. 
Auch jetzt bricht sich alles an Jesus Christus. 
Eben war er einer Frau begegnet, die gesteinigt werden sollte. Die einen hatten geglaubt, im Recht zu sein, wenn sie eine andere hinrichten, zerschmettern. Er hatte das unterbrochen. Keinem steht das an oder zu. Denen, die überzeugt waren, Gesetzen und Geboten zu folgen und die dabei ihre Menschlichkeit verlieren, sagte er: „Ich bin das Licht der Welt“. Haltet euch an mich, dann werdet ihr euch nicht in den Finsternissen von Macht und Gewalt verirren. 
Die Reaktion darauf ist harsch: solche Klarheit ist nicht für jeden tröstlich, ermutigt nicht alle, sondern macht rasend: was für eine Anmaßung! Es bricht ein schlimmer Streit aus und folgen steile Sätze. Am Ende ist Jesus selbst in Gefahr, gesteinigt zu werden. 
Er versteckt sich. Dann geht er. 
Auch ihn fasst solch ein Angriff an, erschüttert, schockiert. 
Es ist das eine, in einen Konflikt zu gehen und zu wissen, dass man hinkend herauskommen wird und das andere, ihn durchzustehen, die Hiebe abzukriegen… 
Jesus geht weiter. 
Und kommt an einem vorbei, der blind zur Welt gekommen ist.
So beginnt der Predigttext bei Johannes.
Die alten Worte sind dicht und in jedem Satz, zwischen jeder Zeile können die, die darauf angewiesen sind zu verstehen, die diese Worte zum Leben brauchen, mehr hören als da wortwörtlich steht. 
Er geht vorbei. 
Damit ist kein lässiges Schlendern gemeint.
Denn die griechische Vokabel lenkt die Aufmerksamkeit derer, die es hören können, auf eine andere Geschichte vom Vorbeigehen:  im zweiten Buch Mose wird erzählt, wie Mose nachdem die Israeliten um das goldene Kalb getanzt waren, nachdem alles brüchig, chaotisch, perspektivlos geworden war, Gott bittet, sich ihm zu zeigen. 
Er muss ihn jetzt sehen. Unbedingt. 
Es reicht nicht, zu hören, zu spüren, vertrauen zu wollen. 
Er muss sehen. 
Und Gott gesteht ihm das zu und sagt: „Ich werde dicht an dir vorbeigehen und dann du wirst meinen Namen hören: Ich bin da, bin die, die ich war und immer sein werde, der Lebendige.“
Mose sieht Gott. Er sieht Gott vorbeigehen und sieht hinterher und wird durch diese Erfahrung radikal verändert. Glanz liegt auf seinem Gesicht. Später wird solches Glänzen „Verklärung“ heißen. Eine andere größere Klarheit ist gegenwärtig: das Licht der Welt. Das alles schwingt mit. 
Und noch etwas. 
Gerade das Vorübergehen markiert einen Prozess: vorher - gegenwärtig - nachher. 
Mose sieht Gott – nachdem er vorbeigegangen ist - hinterher. Die Rückschau, die Hinterherschau, das Schauen, wohin Gott geht, verändert seine Sicht auf das war und das was kommt. 
So ist es auch jetzt: Jesus geht vorüber. Das sehen die, die ihn begleiten, deren Augen organisch funktionieren. Und er sieht den, der nicht sehen kann.
Mehr Kontaktaufnahme ist nicht.
Der Blinde sieht es nicht, natürlich nicht. Er ist blind geboren.
Ein Mensch, der es schwer hat, von Anfang an. 
Ein Mensch, dessen Geschichte geprägt ist, ehe er selbst etwas dazu tun kann.
Die Jünger*innen sehen ihn auch und wundern sich mit der Arroganz der Unversehrten:  Wer ist daran schuld? „Wer hat gesündigt. Dieser oder seine Eltern?“ Einer muss es doch gewesen sein. Eine muss schuld sein. 
Das ist eine Frage, die man nicht so ohne Weiteres abtun kann - es ist die Frage nach der Verantwortung für das Leid, den schweren Start, die Lebensumstände eines Menschen.
Es ist eine Frage, bei der es auf den Ton ankommt. 
Allzu leicht schwingt ja mit: Wir sind es nicht. 
Jesus antwortet: „Der Blinde hat nicht gesündigt - seine Eltern auch nicht.“
Das ist eine Klarstellung, die es immer wieder zu hören gilt: Krankheit, Blindheit, Versehrung - sind keine Strafen. Auf das unbarmherzig bohrende “warum?“ - das wir alle kennen - gibt es diese einfache Antwort nicht. Gott macht keine Gleichung auf. Nicht im Guten, nicht im Bösen. Das müssen wir in beide Richtungen aushalten. Und auch: gäbe es diesen Zusammenhang, dieses „wenn dann“ - die Entsolidarisierung mit den Kranken, Gehandikapten, Mühseligen und Beladenen würde in Lichtgeschwindigkeit voranschreiten. Sie sind ja selbst schuld.
Welchen Grund hat die Blindheit dieses Menschen dann?
Keinen. Sie hat einen Zweck. Und jetzt wird es mühsam: „Gottes Werke, sein Wirken, soll an ihm sichtbar werden.“
Und ehe noch jemand die Sprache wiedergefunden hat, weil das so unbegreiflich ist, ja schon fast zynisch klingt, schiebt Jesus nach: Wir müssen tun, was Gott will, solange ich da bin. „Wenn, ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Jetzt ist es hell, jetzt kann sichtbar gemacht und getan - aber nicht ausdiskutiert - werden, wie es sein sollte. Die Zeit läuft. Er ist im Vorübergehen. 
Und Jesus macht vor, was er meint. 
Es ist Sabbat. Man könnte die gebotene Ruhe einhalten, wenn das wichtiger wäre als diesem Blinden zu helfen. Man hätte auch die Frau unter den Steinen sterben lassen können, wie man Flüchtlinge ertrinken lassen kann … - 
Aber „es kommt die Nacht,“ hatte Jesus gesagt, „in der man nichts mehr tun kann“, in der es zu spät ist.
Darum ist der Moment zum Handeln jetzt, trotz Sabbat, trotz der Gefahr.
Jesus verrührt Erde und Speichel, auch das Zutaten, die alle entschlüsseln können - beides können wir nicht machen, beides Inbegriffe des Lebens - zu einem Brei (Teig kneten war am Sabbat auch verboten) und streicht ihn dem Blinden auf die Augen. Dann schickt er ihn zu einem Teich, um die Augen auszuwaschen.
Der Blinde tut das. Wie? Er sieht ja nichts… 
Er kann mehr als wir denken. Er muss auch. Weil es ohne unser Zutun nicht geht, weil wir Akteure der Heilsgeschichte sind, keine Zuschauer - egal, wie es um unsere Augen bestellt ist.
Der Blindgeborene kommt sehend zurück. 
Auch er ist ein anderer geworden, kaum zu erkennen. Die Menschen staunen, reiben sich die Augen. Wie ist das nochmal passiert??? Schwer zu sagen. 
Der Blinde hat es ja nicht gesehen. Er erzählt von dem Brei und der Augenwaschung. Von Jesus. Wo ist der? Keine weiß es. 
Aber er muss da gewesen sein; vorübergegangen.  Schon wieder.
Und alles sehen, was seine Nähe bewirken kann. 


Dompredigerin Cornelia Götz

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