12/02/2026 0 Kommentare
Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.
Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.
# Wort zum Alltag

Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.
Dieser kurze Satz aus dem 3. Buch Mose ist überraschend klar. Kein großes Wenn und Aber. Kein Zusatz, keine Einschränkung. Einfach: Den sollt ihr nicht bedrücken.
Der Vers steht mitten in einem Kapitel, das oft „Heiligkeitsgesetz“ genannt wird, ein zentraler Rechts- und Gebotskomplex des Alten Testaments. Es geht um ein Leben, das Gott widerspiegelt – im Alltag, im Umgang miteinander, im Miteinander der Gesellschaft. Und mittendrin: der Blick auf den Fremden.
Ein Fremder ist jemand, der nicht dazugehört. Jemand, der anders spricht, anders lebt, andere Gewohnheiten hat. Jemand, der nicht weiß, wie alles läuft. Jemand, der abhängig ist vom Wohlwollen der anderen.
Israel kennt diese Erfahrung sehr gut. Immer wieder erinnert Gott sein Volk daran: Ihr wart selbst Fremde in Ägypten. Ihr wisst, wie sich Ohnmacht anfühlt. Wie es ist, keinen Schutz zu haben. Wie verletzlich man ist, wenn man auf die Güte anderer angewiesen ist.
Darum sagt Gott nicht nur: Ignoriert den Fremden nicht. Er sagt: Bedrückt ihn nicht.
Das heißt: Nutzt eure Macht nicht aus. Macht ihm das Leben nicht schwer. Legt ihm keine unnötigen Lasten auf. Schaut nicht weg, wenn er leidet.
Und mehr noch – der folgende Vers sagt sogar: Du sollst ihn lieben wie dich selbst.
Das ist herausfordernd. Damals wie heute. Ja heute vielleicht sogar noch mehr.
Denn Fremde verunsichern uns. Sie bringen andere Perspektiven mit, stellen Gewohntes infrage. Sie erinnern uns daran, dass unsere eigene Lebensweise nicht die einzige ist. Und oft reagieren wir darauf mit Rückzug, mit Misstrauen oder mit harten Urteilen. Aber Gott denkt anders.
Als Christinnen und Christen hören wir diesen Vers im Licht des Evangeliums. Jesus selbst war fremd – in der Welt, die er liebte. Er wurde missverstanden, abgelehnt, ausgegrenzt. Und er sagt: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Das verändert den Blick. Der Fremde ist nicht zuerst ein Problem, das gelöst werden muss. Er ist ein Mensch, dem Gott Würde gegeben hat. Ein Mensch, dem Gott nahe ist.
Und so stellen wir uns die Frage: Wo begegnen mir Fremde – und wie begegne ich ihnen? Vielleicht im eigenen Wohnhaus. Vielleicht am Arbeitsplatz. Vielleicht in der Schule, in der Stadt. Oder auch in den Gedanken, die wir über andere haben.
Gott lädt uns ein, anders zu handeln: Mit offenen Augen, mit offenen Herzen, mit einem offenen Glauben. Nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen. Nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe.
Denn wo Menschen nicht bedrückt, sondern angenommen werden, da wird Gottes Reich sichtbar – mitten im Alltag.
Prädikant Marc Bühner
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