Süß wie Honig?

Süß wie Honig?

Süß wie Honig?

# Wort zum Alltag

Süß wie Honig?

Gott ist immer mal wieder für eine Überraschung gut. Das zeigt sich nicht nur im normalen Leben, sondern auch in den Geschichten, die die Bibel erzählt. Am vergangenen Sonntag war die Berufung des Propheten Hesekiel Thema in unseren Kirchen. Er erhält von Gott den Auftrag, zum Volk Israel zu sprechen. So weit, so gut. Doch dann passiert etwas sehr Merkwürdiges. Dem frisch berufenen Propheten wird göttlicherseits eine Schriftrolle vorgelegt. Die soll er nun allerdings nicht vorlesen, sondern – man höre und staune – essen.
Wir müssen uns wahrscheinlich sperriges und hartes Papyrus vorstellen, auf dem der arme Prophet herumzukauen hatte. Doch überraschenderweise beklagt er sich nicht, sondern sagt, dass die Schrift in seinem Mund so süß schmeckt wie Honig.
Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter. Kennen Sie dieses alte Sprichwort? Vielleicht haben sie ähnliche Erfahrungen auch schon mal gemacht. Selbst wenn man an einem Buffet die erlösendsten Speisen entdeckt – irgendwann geht einfach beim besten Willen nichts mehr rein – bei uns Menschen wie bei den Mäusen.
Diesen Zustand hat der Prophet Hesekiel offensichtlich noch nicht erreicht. Aber wie sieht es bei uns aus? Sind wir übersättigt von Gottes Wort und seiner frohen Botschaft? Haben wir es einmal zu viel gehört dieses „Fürchte dich nicht!“ oder „Friede sei mit dir“? Wie sonst wäre es zu erklären, dass wir, statistisch belegt, jedes Jahr weniger werden in unseren Kirchen?
Das alles auf dieser Welt momentan super läuft und wir deswegen momentan keinen Bedarf für gut gemeinte göttliche Weisungen haben, kann man ja nun wirklich nicht behaupten. Wir sind schon davon überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, hier im Dom immer wieder und so auch heute für den Frieden zu beten.
Oder fühlen wir uns gerade so, als müssten wir harten Papyrus weich kauen, wenn wir Gottes Wort ein bisschen dichter an uns heranlassen? Zugegebenermaßen liest sich das Evangelium nicht immer so geschmeidig wie glattgerührte Butter. Sich für die Schwachen und Leisen einzusetzen, während die Starken und Lauten immer dominanter werden, erfordert Mut und Kraft.
Und so gibt es durchaus Kreise in Politik und Gesellschaft, die mittlerweile sehr unverhohlen empfehlen, sich auf die Seite von Trump und Putin zu stellen, damit sich die beiden in der neuen Weltordnung, die sie sich gerade zusammenbasteln, auch freundlich an uns erinnern. Natürlich ist Jesu Botschaft vor einem solchen Hintergrund schwer auszuhalten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, steht ganz sicher bei keinem der beiden Präsidenten als Handlungsmaxime ganz oben.
Und doch geht es nicht ohne. Denn menschenwürdiges Leben geht nur in Liebe, Frieden geht nur in Liebe und Gott ist die Quelle eben dieser Liebe. Weil man davon niemals satt werden kann, schmeckt sie auch niemals bitter, sondern immer so süß wie Honig, auch, wenn man manchmal nur schwer drankommt. Amen.


Prädikant Heiko Frubrich

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