Silvester

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Silvester

# Predigt

Silvester

Da sind wir. Zwischen den Jahren – also zu einem Zeitpunkt, den es eigentlich gar nicht gibt, den wir uns nehmen, wenn wir diesen kurzen Moment heute Nacht ausdehnen, einen Raum schaffen, um innezuhalten, gewahr zu werden.
Was war das für eine Zeit, dieses unwiederbringliche 2025?
Gerade haben wir ja die lange Reihe des Prediger Salomo gehört: lachen, weinen, tanzen, herzen, nähen, lieben, bauen, pflanzen … - das alles war dabei. Aber auch, und mich verwundert jedes Jahr wieder die  Selbstverständlichkeit, mit der aufgezählt wird, was man vielleicht lieber vergessen würde: Zeit auszureißen, wegzuwerfen, aufhören zu herzen – Zeit zu streiten, zu hassen, zu töten.
Ja, auch das war dabei. 
Es gehört zum Innehalten auf den Schwellen des Lebens dazu: Gewahr werden.
Gewahr ist – so schreiben die Brüder Grimm in ihrem Wörterbuch: „ein verstärktes „wahr“, ein „Bestreben, in der Wahrheit zu bleiben“ und - so schrieben schon sie es auf: „ein ganz entschwundenes Wort.“ 
Entschwunden?
Offenbar leben nicht nur wir in einer Zeit, die es nicht so sehr mit der Wahrheit hat. Und zugleich leuchtet ein, dass das „Bestreben, in der Wahrheit zu bleiben, eine entschwundene oder wenigstens gefährdete Haltung in unserer schnellen Welt ist, die jedes Bild optimiert, jeden Fehler erklären und jede Schwäche entschuldigen kann.
Aber: so der alte Text des Predigers: Wir können uns abmühen wie wir wollen, wir werden nicht ergründen. 
Und versuchen es trotzdem: mit Jahresrückblicken aller Art – als Quiz oder Kabarett, als Show oder Rundbrief – und je nachdem wie ehrlich wir dabei sind, ist es anstrengend, Frieden zu schließen mit dem was war, können wir dankbar sein, dass wir heil an Leib und Seele heute hier angekommen sind –im weihnachtlichen Dom. 
Und da sind wir unter Gottes Angesicht und werden gewahr, dass alle unsere Rückblicke unvollständig bleiben, wenn wir uns nicht auch fragen, was das für ein Jahr mit Gott war.
Was war es für ein Jahr mit ihm und uns?
War es ein Jahr voller Stoßgebete oder eines voller Fragen?
War es ein Jahr mit großem Abstand, Hader, Zweifel? 
Oder sind wir doch immer wieder heimgekommen, haben uns anrühren lassen oder gestaunt, demütig Respekt gezollt oder sind einfach nur froh gewesen, dass wir offenbar doch gehört worden sind?
„Der Du die Zeit in Händen hast – Herr nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.“ So dichtete Jochen Klepper 1938. Wir werden das nachher zusammen beten.
Gott kann das. In Segen wandeln was war. In Segen wandeln, was immer dunkler zu werden scheint. Er tut es immer schon. Alle Jahre wieder.
Genauso klingen auch die wenigen Verse des Hebräerbriefes, die als Predigttext zu diesem Tag gehören: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade…“
Die Worte kommen fremd daher – aber eigentlich sagt da einer. Erinnert euch: Euer Gott ist der, der ist, der war, der kommt. Bei ihm sind Anfang und Ende. Sein Name war und ist: Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde. Derselbe. Immer schon. 
Im ersten Moment unseres Lebens und am Ende der Zeit. Im leuchtenden Glück und in Angst und Not. Ganz offensichtlich und völlig unbegreiflich. Derselbe. Er ist da. 
Hatten wir ihn dabei? 2025?
Oder hat uns ein mehr oder weniger lautes „Nein“ umgetrieben?
Denn es wird viel gegengeredet, sehr viel. Auf die ganz platte Weise, wie ich sie mir in der Schule anhören musste: Wenn es Gott gäbe, wenn er immer schon da wäre, im Himmel und auf. Erden, hätte Siegmund Jähn, unser Kosmonaut, ihn gesehen und davon berichtet. 
Diese Art kann man leicht abtun. 
Aber unser eigenes Gegenreden ist heikler. Wir selbst bezweifeln ihn in seiner Allmacht und Güte bis wir nicht mehr mit ihm rechnen. Wir verlieren uns und ihn in den gigantisch herzlosen Wundern der digitalen Welt, bis wir weder fühlen noch staunen können.
Ganz schweigen von der Ohnmacht, die resigniert - statt Gott anzuklagen, an ihn zu adressieren, ihn aufzufordern, endlich...
Und dann ist da noch der Kopf – der alles kleinkriegt, wenn er will oder glaubt, sich behaupten, verteidigen zu müssen.
Es ist bestürzend leicht, sich von Gott wegtreiben zu lassen. Wir spüren und fühlen das. Und wir sind darin nicht besonders gottlos, sondern Menschen.
Der Autor des Hebräerbriefes hat deshalb so recht, wenn er schreibt, dass gerade ein festes Herz eine köstliche Gabe ist - weil wir es weder durch Anstrengung noch festen Willen erzwingen können und auch weil der schärfste Verstand nicht viel nützt, wenn unser Herz zittert und flattert.
Vielleicht genau darum betete Thomas von Aquin:  „Gib mir o Gott ein wachsames Herz, das nicht von Dir abgelenkt wird durch irgendeine Träumerei, ein edles Herz, das nicht kleingemacht wird durch unwürdige Maßlosigkeit, ein gerades und aufrechtes Herz, das nicht verführt wird durch Gemeinheit, ein starkes Herz, das nicht vor Traurigkeit verkümmert, ein freies Herz, das sich von keiner bösen Macht beherrschen lässt.“
Thomas von Aquin, der uns dieses wunderbare Gebet schenkte, wurde kurz vor oder nach Neujahr 1225 geboren. Genauso steht es da. Kurz davor oder kurz danach. Grad als sich der Moment zwischen den Jahren ausdehnte. Grad als der Raum entstand, innezuhalten. Und zurückzuschauen und nach vorn und dann zu spüren: Gott ist derselbe. Er hat und behütet und bewahrt. Er wird es auch weiter tun. 
"Da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein.“
Dankbar, zufrieden, guten Mutes, ehrfürchtig.
„Denn was geschehen ist, ist schon längst gewesen und was sein wird - ist auch schon längst gewesen“.
Und weil Gott derselbe ist, der der uns ein liebevolles warmes Herz eingepflanzt und Lebensatem eingehaucht hat, der der uns mit einem Geist begabt hat, der nicht verzagt ist, darum ist das eine gute Nachricht.
Amen.


Dompredigerin Cornelia Götz

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