„Kriegsschauplätze“ von Gisela Baltes

„Kriegsschauplätze“ von Gisela Baltes

„Kriegsschauplätze“ von Gisela Baltes

# Wort zum Alltag

„Kriegsschauplätze“ von Gisela Baltes

Eingebettet in meine heile Welt
erlebe ich Krieg in

Schlagzeilen, Leitartikeln, Tagesschauen,
Interviews, Diskussionen, Kommentaren,
Analysen, Reportagen,
fettgedruckt, auf Hochglanzpapier,
life via Satelit, per Telefon.

Eingebettet in meine heile Welt
erlebe ich Krieg:

ferne Bombenangriffe, ferne Raketeneinschläge,
ferne Feuersbrünste, ferne Verwüstung,
ferne Tote, ferne Folter,
ferne Flüchtlinge, ferne Hungersnot.

Eingebettet in meine heile Welt
erlebe ich Krieg:

wohlgenährt, ausgeruht, geschützt,
wohl versehen mit
Strom, Wasser, Wärme, Nahrung, Kleidung,
im bequemen Sessel,
im trauten Familienkreis,
ein sicheres Dach über dem Kopf.

Und wenn ich ihn mal leid bin, den Krieg,
dann schalte ich ihn
ganz einfach mit einem Knopfdruck
weg.

Wir sind hier. Im Warmen. Im Trockenen. In relativer Sicherheit. Und während wir hier sitzen, ist Krieg.
Wir kommen zur Ruhe. Wir atmen. Wir sind hier – sicher und geschützt. Und doch ist da der Krieg.
„Eingebettet in meine heile Welt erlebe ich Krieg.“ - Diese Worte treffen einen Nerv. Sie beschreiben unsere Wirklichkeit: Der Krieg kommt zu uns in Schlagzeilen und Bildern, in Stimmen aus dem Fernsehen, in Zahlen, Analysen, Kommentare. Ja, Krieg erreicht uns – aber er erreicht uns gefiltert. Durch Worte und Bilder, die informieren, aber auch auf Abstand halten. Der Krieg, er kommt nahe – und bleibt doch fern. Fern sind die Bomben, fern die Schreie, fern die brennenden Häuser, fern die Menschen, deren Leben zerbricht.
Und wir? Wir sitzen im Warmen. Wir sind satt und versorgt. Wir sind müde vom Alltag, nicht vom Überleben.
Das Gedicht hält uns einen Spiegel hin – ohne Anklage, aber auch ohne Ausflucht und es stellt fest und fragt leise: Was macht das mit uns, wenn Leid konsumierbar wird? Wenn wir den Krieg ausschalten können wie ein Gerät? Was macht es mit unserem Herzen, wenn Leid nur eine Nachricht ist? Wenn wir entscheiden können, wann wir hinschauen – und wann nicht?
„Eingebettet in meine heile Welt erlebe ich Krieg.“ - Dieser Satz wiederholt sich wie ein Refrain und er macht deutlich: Der Krieg dringt in unsere Welt ein – und bleibt doch draußen.


Prädikant Marc Bühner

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