06/01/2026 0 Kommentare
„Siehe, ich mache alles neu.“ - Jahreslosung 2026
„Siehe, ich mache alles neu.“ - Jahreslosung 2026
# Predigt

„Siehe, ich mache alles neu.“ - Jahreslosung 2026
Stefan Zweig beschrieb vor beinahe 100 Jahren in einem seiner Bücher die „Sternstunden der Menschheit“. Es ging um Waterloo und Roald Scotts Polarexpedition, um die Entdeckung Eldorados und Goethes „Marienberger Elegie“, um Tolstois Tod, die Marseillaise und noch ein paar mehr. Es sind großartige Texte. Aber womöglich sind die eigentlichen Sternstunden der Menschheit unspektakulärer und trotzdem größer: Menschen erleben sie dann, wenn wirklich Hoffnung aufscheint, wenn Trost gelingt.
Eine solche Sternstunde, leuchtend bis in dieses neue Jahr hinein, war der Moment als der Seher Johannes niederschrieb: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
Es sind Worte, die man sich in die Seele tropfen lassen muss. Und mittendrin kommt die Jahreslosung: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und ich sah… Mit den Augen, mit dem Herzen, ganz nah, weit entfernt – so wie man sich erkennt oder erträumt und erst im Moment des Sehens begreift: darauf habe ich immer gewartet. Und ich sag: einen neuen Himmel und eine neue Erde. Heute Morgen die Stadt unter der unberührten Schneedecke. Oder: Erinnern Sie sich an das Staunen während der Lockdowns als der Himmel auf einmal ganz unberührt blau war, wie neu – ohne einen einzigen Kondensstreifen, an Momente am morgendlichen Strand – wenn sich die Flut zurückzieht und das Wasser seine Wellenlinien schreibt ohne eine einzigen Fußabdruck? Es sind Augenblicke, in denen etwas Pures aufscheint, ein Hauch von Ewigkeit und Urbeginn - „Breit aus die Flügel beide“. Wir spüren das so tief, weil wir den Kontrast kennen. Die Realität/die Normalität ist anders: Himmel und Erde vergehen, man sieht es ihnen an. Unser Himmel und unsere alte Erde haben Blessuren davongetragen und das Meer hat seine Zeit gehabt.
Der Seher Johannes kannte das auch. Er lebte darin, er suchte Hoffnung und Zeichen des Friedens. Erwartete. Er wartete. Und sah mit den Augen, mit dem Herzen, ganz nah, weit entfernt, die heilige Stadt, das neue Jerusalem. Unversehrt und unzweifelhaft Jerusalem. Die Stadt mit den sieben Toren, ohne Viertel, die nur für die einen oder nur für die anderen sind, ohne bewaffnete Soldaten, ohne Provokation und ohne Gewalt, ohne Angst und Hass. Und indem er das sieht, erlebt der Seher Johannes eine Sternstunde, denn er begreift, findet Bilder und Worte für die große Hoffnung, dass diese Welt nicht in Sackgassen, nicht in Ohnmacht, nicht im Kollaps, nicht im Krieg enden wird. Es wird sein, wie wenn sich zwei endlich begegnen und beieinander bleiben dürfen die lange darauf gewartet haben, es wird sein, wie wenn einer nach Hause kommt und auf einmal alle Räume mit seinem Licht und seiner Liebe füllt, es wird sein wie an der Krippe - alle knien nebeneinander, ihr Herz in den Händen. Am Ende werden nicht die Skrupellosesten herrschen, sich bedienen bis ihnen kein Protz mehr einfällt und so brutal sein, dass alle vor Angst auf dem Boden liegen – sondern Gott wird einziehen und wohnen und bleiben und Nähe stiften, die hält und trägt.
Und der Seher weiß, warum er nicht den Weihnachtsabend sieht sondern das Ende, das Ziel aller Zeit: Weil die Menschen dann nicht zurückkehren in den gottlosen friedlosen Alltag, sondern weil wir dann endlich verstehen werden, weil wir dann Gott wirklich unseren Gott sein lassen. Dann werden wir erleben, dass die Dornen Rosen tragen. Dann wird Gott alle Tränen abwischen. Erst dann? Erst dann. Noch gibt es Grund zu weinen. Übereinander und umeinander. Aus Schmerz, aus Einsamkeit, aus Angst.
"Und ich sah mit den Augen, mit dem Herzen, ganz nah, weit entfernt: Angst und Geschrei, Leid und Schmerz wird nicht mehr sein." Was für eine Hoffnung! Noch spricht alles dagegen: Menschen lernen nicht aus der Geschichte und sie lassen sich nicht erweichen. Menschen sehen auch nicht von ich selbst ab koste es was es wolle. Nur die Heiligen und Engel unter uns erinnern uns daran, wie es sein könnte, nur sie sehen in jeder und jedem das Kind in der Krippe. Noch sind alle gefährdet. Aber keiner wird verlorengehen, denn Gott sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“ Wieder ein Schöpfungsmorgen.
Aber vor allem eine große Hoffnung, der wir uns anvertrauen können - die viel mehr ist als ein „zurück“ auf Anfang. Denn uns ist gesagt: Der, der allein Neues schaffen kann, der sagt: Alles wird neu. Nicht nur das, was wir gern neu hätten, auch das wir liebgewonnen haben, was gern so bleiben könnte. Es geht um alles. Der, der allein Neues schaffen kann, der sagt: alles wird neu. Ungenauer geht es nicht. Neu ist nicht besser, nicht gut, nicht schön – wir haben keine Kategorie. Neu machen können wir nicht. Neu ist vielleicht vertraut, vielleicht ganz anders. Aber in jedem Falle: Neu ist, wenn Gott da ist und bleibt. Neu ist, wenn wir bei ihm bleiben. Neu ist, wenn alle unsere salzigen Tränen zu lebendigem Wasser werden. Umsonst. Nicht kostenlos. Sondern: Sunder warumbe - Ohne warum. Oder mit Meister Eckhart: „Die Ros’ ist ohn’ Warum, sie blühet, weil sie blühet, sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Der Seher sieht es. Die Sternstunde, die uns allen blüht. Sunder warumbe.
Dompredigerin Cornelia Götz
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