12/02/2026 0 Kommentare
Gegen das Vergessen
Gegen das Vergessen
# Wort zum Alltag

Gegen das Vergessen
Es ist ein kalter Tag. Vier Männer schleppen Kisten in ihren Lieferwagen. Chris, der Chef, wird von einem Fernsehreporter interviewt. „Ich könnte noch mehr Mitarbeiter anstellen“, erzählt er, „aber ich finde keine. Arbeit ist genug da. Aber sie ist vielen zu anstrengend.“
Chris ist Entrümpler von Beruf. Mit eigener Firma. Seine Aufträge bekommt er vom Sozialamt oder von Vermietern. Die Kamera zeigt eine sorgfältig eingerichtete Wohnung. Chris sagt: „Die alte Dame, die hier wohnte, ist vor zwei Wochen gestoben. Es finden sich keine Angehörigen. Dann kommt der Auftrag: Alles muss raus!“ So geht es zur Sache: Geschirr, Lampen, Schränke und alles anders. Das Kleine kommt in Kisten, die Möbel werden herausgetragen. Ein ganzes Leben wird ausgeräumt. Vier Männer, Arbeit für einen Tag. Dann ist die Wohnung besenrein. Chris und seine Männer, alle Mitte dreißig, arbeiten sorgfältig. Hand in Hand, Zimmer für Zimmer. Dabei ist Chris nicht gedankenlos. Als sie später im Lieferwagen sitzen, sagt er dem Reporter: „Wie bei dieser alten Dame soll es bei mir mal nicht sein.“ Dann schweigt er und schaut aus dem Fenster. Er wolle erinnert werden, sagt er, möglichst gut.
Dann rollt der Lieferwagen auf den Hof seiner Firma. Die Kisten und Möbel werden ausgeräumt. In einer Halle werden die Sachen sortiert. Zum Verschenken oder zum Verkauf an Bedürftige. Dann ist der Arbeitstag zu Ende. Der Tag war anstrengend und kalt.
„In meiner Freizeit bin ich viel mit Menschen zusammen: die Freundin, die Kumpels im Verein. Ich will gute Freude haben“, sagt Chris. Vielleicht will er sagen: Beziehungen sind wichtig gegen das Vergessen, Nähe ist wertvoll und Liebe erst recht. Er sagt es etwas anders: „Ich will, dass etwas von mir bleibt.“
„Gott bewahrt dich, Mensch, vor dem Vergessen!“, weiß die Bibel dazu. „Unauslöschlich habe ich deinen Namen in meine Hand geschrieben!“ So lässt es Gott den Propheten Jesaja weitersagen. Kein Mensch ist bei Gott namenlos. Wir alle sind in seine Hände eingeschrieben, mehr noch in sein Herz, das so weit ist, dass darin alle einen Platz finden können. Dieser Gedanke dürfte auch Chris, dem Entrümpler gefallen: Gott bewahrt uns vor dem Vergessen. Gott ist auch das weite Gedächtnis dieser Welt.
Pfarrer Henning Böger
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