29/10/2026 0 Kommentare
Spekulatius
Spekulatius
# Wort zum Alltag

Spekulatius
In Vorbereitung auf diesen Abendsegen habe ich mal über die Themen geschaut, die hier um 17:00 Uhr im Dom in den vergangenen Wochen bearbeitet wurden. Und ich habe festgestellt, dass es noch kein offizielles Statement des Doms zur diesjährigen Spekulatius-Debatte gab. Das kann nicht so bleiben und daher scheue ich mich nicht, dieses heiße Eisen hier und heute anzufassen. Die Frage lautet doch: Wann ist es aus christlich-dogmatischer Sicht möglich, die bereits ab Spätsommer erhältlichen Weihnachtsgebäcke zu essen, ohne Gefahr zu laufen, dafür in die Hölle zu kommen. Und die Antwort lautet: Immer dann, wenn Sie darauf Appetit haben und Ihr Blutzuckerspiegel es zulässt.
Ich will Ihnen und mir mit diesem Freifahrtschein nicht das Leben schönquatschen – also bestenfalls ein bisschen, aber im Grunde will ja nur sagen, dass wir uns, was unseren Glauben und unsere christlichen Feste angeht, nicht an Oberflächlichkeiten abarbeiten sollten, zu denen der Spekulatius genauso gehört wie der Dominostein und das gefüllte oder ungefüllte Lebkuchenherz.
Weihnachten ist, wenn wir verstehen, dass Gott als Mensch in unsere Welt und in unser aller Leben tritt. Ostern ist, wenn wir verstehen, dass am Ende das Leben siegt und nicht der Tod. Pfingsten ist, wenn wir verstehen, dass wir uns von Gottes Geist begeistern lassen dürfen und dass er uns verbindet und kräftigt und tröstet.
Und immer dann, wenn es auch in unserem Leben um die existenziellen Momente geht, spielen Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten keine Rolle. Wir kommen nackt und arm auf diese Welt und dass das letzte Hemd keine Taschen hat, ist hinlänglich bekannt. Leben, auch im Kirchenjahreskreis, bedeutet doch so viel mehr. Es bedeutet, dass wir uns an unseren Festtagen an die wesentlichen Dinge erinnern lassen, dass wir sie zum Anlass nehmen, die Richtung unserer Lebenswege zu überprüfen und gegebenenfalls gegenzusteuern oder gar umzukehren. Es bedeutet doch, zu schauen, ob ich im Reinen bin – mit meinen Mitmenschen und mit mir selbst und auch mit Gott.
Unsere Gottesdienste und Andachten sind immer auch Momente des Gebens und des Nehmens. Wir bringen Gott unseren Dank entgegen für alles Gute und Gelungene und wir sammeln Kraft für alles Schwere, das da ist oder kommen wird. Und wir dürfen uns jedes Mal erinnern lassen an Gottes große und unfassbare Liebe, mit der er uns gedacht, geschaffen und bei unserem Namen gerufen hat. Und wir dürfen erleben, dass wir mit all dem nicht allein unterwegs sind, sondern in fröhlicher und freundlicher Gemeinschaft mit all jenen, die sich im Glauben mit uns und miteinander verbunden fühlen.
Und wenn wir uns zu alledem einen Spekulatius gönnen, dann ist es vollkommen egal, was auf dem Kalender steht. Denn am Ende bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei, und die Liebe ist die größte unter ihnen.
Prädikant Heiko Frubrich
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