Israelsonntag

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# Predigt

Israelsonntag

Als ich vor vielen Jahren am Ende einer Reise durch Israel und das Westjordanland, nach dem Tempelberg, der Klagemauer und der Geburtskirche, nach verschiedenen Begegnungen in einem palästinensischen Flüchtlingslager, dem Blick auf die Mauer in Bethlehem und die jüdischen Siedlungen, nach den schwer bewaffneten Männern in Hebron am letzten Tag in Yad Vashem war, überfielen mich nicht nur tiefe Traurigkeit und Erschütterung, sondern auch eine Art Verstockung:
„An mir, der Deutschen, ist es nicht, etwas zu Israel sagen.“
Das, was in unserem Land die sogenannte „Staatsräson“ ist, trifft dieses Gefühl nicht. Es macht das kritische Denken schwer. Mit Recht.
Inzwischen liegt der furchtbare Pogrom vom 7. Oktober hinter den jüdischen Familien, Mord, Geiselnamen und Vergewaltigungen.
Inzwischen hat der Gazakrieg schreckliche Gräuel über Menschen gebracht, die keine Juden sind aber fraglos auch zu unseren Nächsten zählen. 
Es wird immer weiter gehungert, getötet, gehasst.
Und hier - im „Land der Täter“ - nimmt der Antisemitismus rasant zu, wird der Holocaust geleugnet oder verharmlost, können Jüdinnen und Juden nicht ohne Angst leben. Und irgendwie ist kaum abzuschichten, wie man sich kritisch zu Benjamin Netanjahu verhalten soll, ohne verdächtig zu werden, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen.
Aber etwas ist falsch.
Schweigen auch. 
Ist es doch an uns, zu reden?
Insofern hat der schwierige Israelsonntag sein Gutes. 
Er entlässt uns nicht als ginge uns das nichts an. 
Wir feiern also Gottesdienst – im Namen des einen Gottes, der der Gott Abrahams und Saras ist und der Gott der Maria, des Markus und des Johannes, unseres Gottes. Biblische Texte gehören dazu. Wir glauben durch das Wort.
Der Text aus dem zweiten Buch Mose für diesen Sonntag erinnert an Gottes Erwählung des jüdischen Volkes: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ sagt Gott zu Mose. 
Gehorsam - Verpflichtung - Erwählung - Verheißung.
Das ist der Rahmen, das Fundament, der Horizont. 
Unantastbar. Für uns.
Die Predigtreihe springt weit nach vorn, uns entgegen, und sieht neutestamentliche Verse vor. Es sind christliche Worte. 
Jesus, durch den dieser eine Gott, der Gott des Mose, spricht und handelt, redet von Liebe: Liebe zu Gott, der der Eine ist und dieses Volk erwählt hat und sich in ihm, JC, zeigt. Derselbe.
Liebe von ganzem Herzen und ganzer Kraft, mit Gemüt und Verstand - aus ganzer Seele. Liebe zu Gott und zu den anderen - seien sie nah oder fern, zu mir selbst. 
Alle und alles sind inbegriffen. 
Paulus kannte das, es war auch sein Fundament, Rahmen und Horizont und wusste: alle sind gemeint – aber ausgerechnet Gottes kann JC nicht erreichen. 
Ihn macht das fassungslos. Und weil er es nicht fassen kann, schreibt Paulus von einem Geheimnis. 
Keinem Rätsel. Einem Geheimnis. 
Und einem merkwürdigen Hin und Her von Barmherzigkeit und Ungehorsam, dass die Juden und alle anderen aneinander bindet - Barmherzigkeit hier wegen es Ungehorsams dort.
Er, der Jude, der Jesus Christus bekennt, den die Juden verneinen, den dieses Nein zerreißt, schreibt von Gottes reuloser Treue zu seinem Volk und seinen Menschen. 
Ganz Israel wird erlöst werden. Und mit Israel alle anderen - wenn sie glauben.
Die Rettung schließt alle, aber zuerst israel, ohne Einschränkung auf Zeit und Raum ein. Auch wenn es jetzt nicht so aussieht. Nicht nach Frieden, nicht nach Gerechtigkeit, nicht nach Erlösung, schon gar nicht nach einer friedlichen Wallfahrt aller (!) zum Zion.
Trotzdem.
Das kann Paulus nicht wissen, nur glauben. 
Darum bekennt er, dass Christen und Juden, Gottes erwähltes Volk und alle anderen (auch wir) so unlösbar zusammenhängen, dass die Gleichung von Ungehorsam und Erbarmen, von Fluch und Segen, immer aufgeht, immer Liebe ergibt. 
Wer das nicht versteht, liegt richtig.
Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis. 
Es lässt sich nicht auflösen wie ein Rätsel.
Es muss gehütet werden aber nicht verschwiegen.
Das Gott mit seinem ausgewählten Volk vorhat - es ist nicht an uns, dies Geheimnis lüften zu wollen, zu meinen, unsere Einsichten oder unser Urteil wären irgendwie klug. 
Gott macht seinen Reim auf das alles. 
Das muss uns genügen. 
Wir sollen lieben - mit ganzer Seele und ganzem Gemüt.
Nur die Liebe hält einen guten Ausgang offen, nur die Liebe hat unerschöpfliche Kraft, nur die Liebe verbindet, was sich nicht zusammen denken lässt.
Auch das hat Ambivalenzen, denn auch die Liebe hält Geheimnisse manchmal schlecht aus - obwohl oder weil sie selbst eins ist. Darum besingt Paulus, was er nicht erklären kann: „Oh welche eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und des Erkennens Gottes. Unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege.“
Eben. 
Zu der Wortlosigkeit, von der ich am Anfang redete, gesellt sich etwas von dem, was wir Christ*innen in der Abendmahlsliturgie singen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung, preisen wir.“
Letzteres kann man nicht verkünden, erklären, verstehen. Nur loben. 
Es bleibt ein Geheimnis. 
Es berührt uns zutiefst. Es wirkt. Es schenkt Hoffnung an den Gräbern. 
Aber trägt das Loben auch mit Blick auf die Welt - am Israelsonntag?
Wenn Paulus unsere Gegenwart, die Schuld und Geschichte unseres Volkes, die Situation der jüdischen Bürger*innen Deutschlands und die Lage im Heiligen Land, sehen würde - könnte er dann noch singen?
An mir ist es nicht. 
Nicht, weil ich Deutsche bin, sondern überhaupt nicht. 
Gibt es einen Weg hinaus aus dem allen?
In den Materialien zum Israelsonntag 2026 habe ich bei Magdalene Frettlöh einen Hinweis auf das alte Kirchenlied „Wach auf Du Geist der ersten Zeugen“ gefunden. Es stammt von dem Hallenser Pietisten Karl Heinrich von Bogatzky (1690 -1774), der gegen die finstere Friedlosigkeit seiner Zeit ansingt: Sieben Strophen lang bittet und fleht er, findet Worte für die Sehnsucht, dass es doch endlich gut werden möge und wir nicht mit hängenden Armen stehen bleiben müssen. Gleich singen wir das und antworten so auf den Schmerz und das Geheimnis auf die Ratlosigkeit und die Ohnmacht wie die Psalmisten und Paulus, singend und lobend, denn an Gott ist es:
„Du wirst dein herrlich Werk vollenden, / der du der Welten heil und Richter bist / Du wirst der Menschheit Jammer wenden, / so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger ist.“
Er wird.
Es reut ihn alles nicht. 
An uns ist es, seiner Stimme zu gehorchen und seinen Bund zu halten.
An uns ist es zu lieben - von ganzem Herzen, mit aller unserer Kraft.
Und einzusehen: Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis.


Dompredigerin Cornelia Götz

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