22/10/2026 0 Kommentare
Ich bin der gute Hirte
Ich bin der gute Hirte
# Wort zum Alltag

Ich bin der gute Hirte
Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.
Hirt und Herde – das klingt nach Bilderbuchidylle, dabei ist das Leben und Arbeiten unter freiem Himmel bei Wind und Wetter kein Zuckerschlecken. Wenn die Herde auf einer Wiese lagert, mutet dies ruhig und besinnlich an, aber es ist rau – und je nach Weltgegend auch gefährlich.
Die meisten uns führen ihr Leben wahrscheinlich in Häusern. Die meisten Stunden des Tages sind wir überdacht, wir betreten gepflasterten Boden. Wir halten uns in Räumen und Hallen auf und bewegen uns auf Wegen und durch Gänge. Selbst für unsere Waldspaziergänge haben wir uns abgewöhnt, die Trampelpfade zu verlassen. Die Fähigkeit, in unwegsamem Gelände zu gehen, haben wir uns abgewöhnt. Nur die Richtung zu kennen aber keinen Weg zu sehen, keine Straßenkarte und kein Navi als Hilfsmittel, nur Himmelsrichtung und vielleicht einen Kompass – manche können das noch. Oder wieder. Für gutes Führen und Leiten brauchen Hirtinnen und Hirten Ortskenntnis, aber nicht unbedingt einen detaillierten Routenplan.
In unseren unübersichtlichen und wilden Zeiten ist es eine gute Übung, einmal abseits ausgeschilderter Wege zu wandern. Eine Wiese zu überqueren, einen Hang hinunterzugleiten. Ein paar Schritte im Gelände, wo schon lange keiner mehr war.
Denn im richtigen Leben wird genau das gerade von uns gefordert. Zeiten wie diese haben wir noch nicht erlebt. Lang ist es her, dass die Dinge so unsicher waren, wie sie jetzt wieder werden.
Der auferstandene Jesus spricht aus dem Evangelium auch in diese Tage: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.
Wenn allgemeine Sicherheiten schwächeln, werden Beziehungen wichtiger.
Ich suche den Kontakt. Wo man mich kennt und mit wem ich vertraut bin – es tut gut, wieder in Beziehungen einzukehren. Alte Briefe und E-Mails zu lesen, zu telefonieren. Wir haben uns lange nicht gesprochen. Auf einmal haben wir wieder Zeit füreinander. Es ist, als hätten wir uns gestern erst das letzte Mal gesprochen. Beziehungen sind langsam und helfen unserer Seele, langsamer zu werden in diesen unruhigen Tagen. Wenn ich das Gefühl habe, mit dem Gang der Dinge nicht mehr mithalten zu können, schreibe ich ein zwei längst fällige Briefe. Und schlage die Bibel noch einmal an Stellen auf, die mir vertraut sind, wo ich aber schon lange nicht mehr vorbeigekommen bin. Der auferstandene Jesus spricht aus dem Evangelium auch in meine unruhigen Tage: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.
Pfarrer Werner Busch
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