25/09/2026 0 Kommentare
Gott suchen
Gott suchen
# Wort zum Alltag

Gott suchen
Ein kleiner Junge zieht seine Jacke an, packt ein paar Schokoladenkekse ein und geht zur Tür. Seine Mutter fragt: „Wo willst du denn hin?“ „Gott suchen“, antwortet der kleine Junge und geht los. Er geht durch die Straßen und schaut aufmerksam in die Gesichter der Menschen und fragt sich: Wo ist Gott? Wie sieht Gott aus? Woran werde ich ihn erkennen?
Dann kommt er in einen Park und er setzt sich auf eine Bank um Pause zu machen. Eine alte Frau kommt vorbei und setzt sich zu ihm. Der Junge holt seine Schokoladenkekse heraus und bietet ihr einen an. Sie nimmt den Keks. Und so sitzen die beiden schweigend nebeneinander und essen gemeinsam. Es passiert nicht viel. Kein großes Gespräch, kein besonderes Ereignis. Nur zwei Menschen, die für einen Moment miteinander Zeit verbringen.
Doch genau diese Begegnung bekommt eine besondere Bedeutung, als beide später nach Hause kommen. Die Mutter des Jungen fragt: „Und? Hast du Gott gefunden?“ Der Junge antwortet: „Ja. Er hatte wunderschöne Augen voller Güte und Dankbarkeit. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es eine Frau ist.“ Und auch die alte Frau erzählt ihrer Tochter von ihrer Begegnung: „Ich habe Gott getroffen. Er hatte wunderschöne Augen voller Offenherzigkeit und Großzügigkeit. Ich hätte nur nicht gedacht, dass er so jung ist.“
Beide haben Gott gesucht. Und beide haben ihn gefunden – ohne zunächst zu wissen, dass sie einander begegnet waren. Vielleicht liegt genau darin die besondere Botschaft dieser Geschichte: Gott begegnet uns manchmal dort, wo wir ihn gar nicht erwarten.
Davon erzählt auch die Bibel. Jesus sagt im Matthäusevangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)
Jesus verbindet die Begegnung mit einem Menschen unmittelbar mit der Begegnung mit Gott. Das, was wir einem anderen Menschen schenken – Aufmerksamkeit, Zeit, Hilfe oder einfach ein freundliches Wort – kann zu einem Zeichen seiner Liebe werden.
So wird auch der Schokoladenkeks des Jungen zu etwas Besonderem. Er hatte nicht viel zu geben. Aber er war bereit zu teilen. Und die alte Frau nahm dieses kleine Geschenk an und schenkte ihm im Gegenzug ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist das Gottes Art, in unser Leben zu kommen: nicht spektakulär, sondern ganz unscheinbar. In einer Begegnung. In einem offenen Ohr. In einem Menschen, der uns freundlich anschaut. In einer kleinen Geste, die vielleicht gar nicht viel kostet und für einen anderen Menschen doch viel bedeutet. Wenn wir das verstehen, verändert sich vielleicht auch unser Blick auf unseren Alltag.
Und so müssen wir Gott nicht immer weit entfernt suchen. Vielleicht begegnet er uns in einem Menschen, den wir sonst übersehen würden. In einem Kind, das uns etwas erzählen möchte. In einem älteren Menschen, der einsam ist. In einem Kollegen, der gerade eine schwierige Zeit durchmacht.
Und dann ist da noch etwas. Die Geschichte spricht so schön von den Augen des anderen: von Augen voller Güte, Dankbarkeit, Offenheit und Großzügigkeit. Vielleicht ist das eine Einladung an uns, selbst mit solchen Augen durch die Welt zu gehen: aufmerksam für die Menschen, die uns begegnen, und offen für die kleinen Momente, in denen Gottes Liebe sichtbar werden kann.
Und vielleicht dürfen wir zugleich darauf vertrauen: Wenn wir selbst einmal einsam sind, wenn wir traurig sind oder nicht weiterwissen, dann kann auch uns Gott durch einen anderen Menschen begegnen.
Der Junge ging los, um Gott zu suchen, und fand eine alte Frau. Die alte Frau fand einen kleinen Jungen. Und beide gingen nach Hause mit demselben Gedanken: Heute bin ich Gott begegnet.
Vielleicht müssen wir Gott gar nicht suchen. Vielleicht lässt er sich einfach von uns finden – mitten im Leben, mitten in einer Begegnung, mitten in einem Menschen. Und wer weiß: Vielleicht sitzt Gott schon neben uns.
Prädikant Marc Bühner
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