Erntedank

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# Predigt

Erntedank

Ernte und Erntedank. Was ist das für Sie, für Euch, für ein Tag?
Ich denke an den Erntealtar meiner Kindheit in Karl-Marx-Stadt – nicht eben eine Gegend voller Gärten und fruchtbaren Böden… Es gab Äpfel und Zwiebeln, Kohl und Brot, Nudeln, Kartoffeln und Konserven, die wir Christenlehrekinder im Anschluss an den Gottesdienst zu bedürftigen Gemeindegliedern in alten dunklen Häusern bringen sollten – kein Lieblingstermin. 
Ernte waren auch die riesigen Mähdrescher, die nachts hellerleuchtet über die Felder fuhren und später der Rübenroder, die dampfenden Schornsteine der Zuckerfabrik, die Fülle auf dem Markt und der Schmuck im Dom (bei dem man in diesem Jahr wegen der Musicalkulisse nur ahnen kann, was sonst möglich ist.) 
Ernte - das sind Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit.
Beides. Darum ist da auch noch die „Lebensernte“.
Auch da gibt es guten Grund hinzuschauen - kommt ein Tag wie dieser gerade recht.
Dann, wenn - wie gestern hier - ein neues Musical mit vielen Kindern aufgeführt wird.
Dann, wenn einer sagt: ich hatte ein gutes Leben, wenn eine alt und lebenssatt sterben durfte.
dann, wenn ein geteiltes Land eine neue Chance bekommt, für alle Demokratie, gutes Leben und Freiheit voranzubringen.
Aber was ist, wenn die Ernte ausfällt? Weil der Regen nicht kam oder die Kundschaft? Was ist, wenn ein Krankenhaus geschlossen wird oder ein Werk? Was, wenn man ein ganzes Leben lang gepredigt und gebetet hat und nicht richtig sehen kann, ob es gefruchtet hat? Was, wenn andere eine Ernte - die ich doch sehe - aberkennen oder umdeuten und so zunichtemachen?
Ernte ist ganz offensichtlich ein existentielles Thema - sie betrifft unser eigenes kleines Leben und große politische Zusammenhänge, es geht um Gerechtigkeit und Teilhabe, um Frieden - den im Herzen und im Land. 
Matthias Claudius wusste das auch und dichtete: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, / doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Himmels Hand…“
Nicht in unserer. Es ist kein Selbstläufer. 
„Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm dankt und hofft auf ihn…“
Ja. Dank ist angezeigt und Hoffnung dringend nötig. In aller Welt und auch in unserm reichen Land.
Aber wir hören heute eine Geschichte, in der weder gesät noch geerntet, gepflügt oder gefischt wird.  Sie ist vielmehr voller Hunger und ganz ohne jeden Dank – jedenfalls derer, die satt werden. 
Dank kommt hier nur dem über die Lippen, der geben kann. 
Wir hören von einem Speisungswunder. Tut das schon Not?
Es geht um eine unübersehbare Menschenmenge. Sie hungern und warten. Auf ein Wunder in wunder Zeit? Auf ein Geschenk aus leeren Händen? Sie hungern schon so lange, dass es gefährlich wird. Sie hungern, weil sie nichts zu essen haben.
Diese Wirklichkeit gehört zu den Geschichten der Bibel dazu. Mit dem Krieg  - hier ist es der jüdische-römische Krieg - kommt das Ende der Gerechtigkeit und jedweder Moral. 
Mit dem Krieg und der Besetzung kommt immer der Hunger.
Solcher Hunger, wirklicher Hunger, ist etwas, das wir - jedenfalls die allermeisten unter uns - nicht kennen. Darum maße ich mir nicht an, vom Hunger zu reden, sondern überlasse das der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. 
Die schreibt in ihrem eindrücklichen Buch „Atemschaukel“: „Und es kommt der Abend und alle steigen in den Hunger. Er ist ein Bettgestell, wenn ein Hungriger dem anderen Hungrigen zuschaut. Aber das täuscht; ich spüre an mir, der Hunger steigt in uns hinein. … Ich esse einen kurzen Schlaf, dann wache ich auf und esse den nächsten kurzen Schlaf. Ein Traum ist wie der andere, es wird gegessen … Der Schlaf bleibt dünn, je mehr ich esse…  Ich war so abgemagert. Ich trug die Knochen außen. … Der Hunger ist kein Bettgestell, sonst hätte er ein Maß.“
Diesen furchtbaren Hunger leiden Kinder, Männer, Frauen - auch jetzt. an zu vielen Orten und auch im Land der Bibel.
Wir können davon ausgehen, dass auch Jesus Christus Hunger kannte. Es gibt Hinweise in den Texten. Und es gibt seine Verzweiflung darüber. Es jammert ihn. Er weiß, dass die Zeit drängt. Er tut, was hilflos wirkt: er fragt, obwohl alles fehlt, was da ist. Er tut, was er eben erst wieder verstanden und gespürt hat. Vielleicht erinnern Sie sich an den letzten Sonntag: was da geschah, passierte ganz in der Nähe und steht kurz vor unserem Text. 
Eine Mutter hatte ihn für ihr Kind gebeten.  Sie war eine Fremde, keine Jüdin und er hatte abgewehrt - es reicht nicht für alle und er kann sich nicht um alle kümmern. Aber dann hatte sie gebettelt und gefleht. Es stand ein schmerzhaftes Bild im Raum - ein leidendes Kind, das weniger hat als die Hunde unterm Tisch. 
Die Verzweiflung und das Vertrauen in ihn ändern die Situation. Das Kind wird gerettet. Jetzt sind es noch viel mehr, die leiden und ihm vertrauen. Er muss stellvertretend für alle glauben und danken, dass mehr da und möglich ist, als wir überschauen oder zusammenzählen können. Sie haben sieben Brote und ein paar kleine Fische. Es reicht. Alle werden satt und wird noch übrig bleiben. Sieben Körbe voll…
Das ist ein Hoffnungsbild gegen den Hunger der Welt. Und ein sehr realistisches dazu: denn der Hunger verschwindet nicht - aber man kann etwas dagegen tun. Denken Sie nachher bei der Kollekte daran. 
Hat es sich damit?
Ist es eine Geschichte, die mit uns satten Menschen nur soweit zu tun hat, dass sie uns daran erinnert, was möglich ist und dies der Tag ist, an dem wir uns erinnern, dass wir ihr danken und geben können. Das wäre ja schon viel. 
Aber ich will doch eine kleine Weitung wagen, weil ich glaube, dass diese Texte auch in unser Leben hineinsprechen - auch uns meinen, obwohl wir keine leeren Bäuche haben. 
Denn Jesus wechselte die Seeseite. 
Zwei Kapitel zuvor gab es schon ein Speisungswunder - Jesus war auf „seiner“ Seite des Sees Genezareth, bei den „Seinen“. Danach war er auf die andere, unsere, Seite gekommen, zu Fremden, zu denen, denen sein Gott fern war, die seine Gebote nicht kennen und nicht halten. 
Und die auch hungern. 
Anders. Wir hungern nach Sinn und Zuversicht, nach Glauben, Liebe, Hoffnung. Wir jammern ihn auch. Auch uns kann man nicht einfach weiterschicken, weil wir sonst ins Verderben laufen und denen glauben, die Angst schüren, Neid forcieren, hochrüsten.
Auch wir brauchen den heilsamen augenöffnenden Moment, wenn er fragt: was habt ihr denn?
Und dann lasst uns innehalten und umschauen: Hier ist so viel. Wir sind viele. Wir haben mehr als wir brauchen, vielleicht sogar mehr als uns guttut. Und alle bringen Gaben mit und Zeit, Lebenskraft und Kreativität. Und wir alle erleben immer wieder kostbare Erntemomente. Wir müssen „nur“ hinschauen und vertrauen.
Und: Auch hier geht der Hunger geht nicht einfach weg. Strukturelle Probleme sind zäh. Ignoranz, Hartherzigkeit und Lieblosigkeit auch. Wachstum und Gedeihen liegen nicht in unserer Hand.  
Aber - und das klingt bei Matthias Claudius fast wie ein Bekenntnis: „Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot. Er gibt den Kühen Weide und unseren Kindern Brot.“
Ja. Auch dieses Jahr. Danke.


Dompredigerin Cornelia Götz

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