Deine Geschichte ist nicht zu Ende.

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# Wort zum Alltag

Deine Geschichte ist nicht zu Ende.

„Deine Geschichte ist nicht zu Ende“, so lautet der Titel der Kampagne zum 23. Weltsuizidpräventionstag.
In Deutschland nimmt sich alle 51 Minuten ein Mensch das Leben. Allein im Jahr 2024 starben 10.372 Menschen durch einen Suizid, mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, illegale Drogen und AIDS zusammen. Das sind Zahlen, die erschrecken und dennoch selten thematisiert werden. Einmal im Jahr, am Welttag der Suizidprävention, richtet sich der Blick auf eine stille Krise, die alle Altersgruppen und alle sozialen Schichten betrifft.
Deine Geschichte ist nicht zu Ende. Die Geschichte eines Lebens ist einmalig und unverwechselbar. Jede Lebensgeschichte ist anders. Das gilt für die Krisen und Brüche, mit denen Menschen es im Lauf ihres Lebens zu tun bekommen und auch für die Beweggründe für einen Suizid.
10.372 Menschen im Jahr 2024, das sind 10.372 Lebensgeschichten, die mit einem Suizid endeten. 10.372 individuelle Schicksale – dazu ungezählte Angehörige und Freund*innen. Auch in ihre Lebensgeschichte schreibt der Suizid sich ein. Mit offen Fragen, mit Worten, die nicht mehr ausgesprochen werden konnten. Für viele ein schwerer Weg. Doch auch für die Zugehörigen gilt: Deine Geschichte ist nicht zu Ende.
Kein einzelner Suizid lässt sich rückgängig machen. Umso wichtiger ist es, jedes Jahr erneut darauf hinzuweisen, dass es Möglichkeiten der Prävention gibt. Prävention bedeutet dabei vor allem: hinschauen, zuhören und Hilfe zugänglich machen. Damit eine Geschichte weitergehen kann.
Wir als Mitglieder im Arbeitskreis Suizidprävention stellen mit unseren unterschiedlichen Hilfs- und Begleitungsangeboten für Menschen in herausfordernden Krisensituationen geschützte Räume zur Verfügung. Bei uns finden Menschen vertrauensvolle Gesprächspartner*innen, die zuhören, da sind und dabei helfen können, Wege zu finden. Damit Menschen wieder sagen können: Meine Geschichte kann weitergehen.
Es gibt Möglichkeiten professioneller Hilfe und Unterstützung: Das stets „offene Ohr“ bei der Telefonseelsorge, die Hilfen zur Lebensbewältigung beim Verein „Der Weg“ oder der „Lavie Reha gGmbH“, konkrete psychologische Soforthilfe und Vermittlung durch den „Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Braunschweig“ sowie die psychologische Lebens- und Krisenberatung durch die „Ev. Ehe-, Lebens- und Krisenberatungsstelle“. Und auch die von einem Suizid betroffenen Angehörigen und Hinterbliebenen finden konkrete Hilfe im tragenden Netzwerk einer AGUS (d.h. „Angehörige um Suizid“) Selbsthilfegruppe.
Auch wenn jede Geschichte anders ist: Es ist nicht gut, wenn Menschen in Krisen mit ihrer Geschichte allein bleiben. Und allein bleiben bedeutet nicht nur schweigen. Es kann auch bedeuten, den anderen nur die funktionierenden, vermeintlich guten, attraktiven, erfolgreichen Seiten zu zeigen.
Tatsächlich kann es für ein Menschenleben gefährlich, mitunter lebensgefährlich werden, mit den eigenen Gefühlen und Gedanken alleine zu bleiben. Es ist entlastend, sich zeigen zu können, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen. Es ist entlastend, das aussprechen zu können: Ich weiß gerade nicht mehr weiter. Ich sehe im Moment keinen Ausweg für mich.
Genau hier sind wir alle, ist jede und jeder von uns gefragt: Wenn wir ahnen, dass unser Gegenüber in Not ist, sollten wir den Mut fassen, den Nachbarn, die Freundin oder den Arbeitskollegen anzusprechen, ins Gespräch zu gehen und dazu ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Denn Hilfe ist möglich und erreichbar.
Ich habe für den heutigen Tag ein Bibelwort ausgewählt, das ausdrücklich und eindrücklich dazu ermutigt, mit dem, was uns umtreibt, nicht allein zu bleiben.
Im 1. Petrusbrief, einem späteren Zeugnis der ersten christlichen Gemeinden, heißt es: Alle eure Sorge werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.
Es ist zutiefst menschlich ist, sich Sorgen zu machen. Es ist zutiefst menschlich, Angst zu haben. Es ist ein Teil unseres Lebens und es gehört zu unserem Wesen, als Geschöpfe, die verletzlich sind.
Es ist zugleich zutiefst unmenschlich, wenn ich mit meinen Sorgen und Ängsten ganz alleine bleiben muss. Und es ist nicht hilfreich, mit dem, was auf mir lastet, bewusst allein zu bleiben, weil ich niemandem eine Last sein möchte. Wir können die Last unseres Lebens doch gar nicht ganz alleine tragen. Wir müssen das auch gar nicht, sagt uns Gottes Wort: Alle eure Sorge werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.
Mir hilft es, wenn ich mir vorstelle, dass Gott ist wie der Boden untermeinen Füßen ist, der mich trägt. Je mehr Gewicht ich diesem Boden anvertraue, umso stabiler stehe ich. Oder ich stelle mir vor, dass Gott uns in anderen Menschen begegnet. Und je mehr wir uns aneinander anlehnen, umso leichter wird es für jede von uns, das Gleichgewicht zu halten, mein Leben in einer guten Spur zu halten. Je mehr ich abgebe, umso fester wird mein Stand. Amen – so soll es sein.


Pfarrerin Dagmar Reumke

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