22. Sonntag nach Trinitatis

22. Sonntag nach Trinitatis

22. Sonntag nach Trinitatis

# Predigt

22. Sonntag nach Trinitatis

Gestern haben wir hier Reformationstag gefeiert – wir haben uns vergewissert, auf welchem Grund stehen, und mit unserer Landesbischöfin geteilt, woran unser Herz hängt und welche Ängste uns umtreiben; wir haben uns ermutigen lassen - es ist nicht egal, ob wir da sind und was wir tun: wir haben einen Auftrag. Und wir haben uns erinnert, dass die Freiheit zu der wir befreit sind, aus uns Menschen macht, die nicht zuerst das eigenen Scheitern sehen müssen sondern einverstanden sein dürfen, mit dem unvollkommenen Fragment, das wir sind und bleiben. Wir haben uns erinnert, dass Freiheit nicht dasselbe ist, wie haben und tun zum können, was ich will, meinen Launen, meiner Rechthaberei, meiner Lust zu folgen. Gottes Freiheit ist anders.  Sie befreit sie befreit uns von dem, wie wir glauben funktionieren zu sollen,  von oben und unten, vom Anrechnen und Berechnen. Am Reformationstag löst sich ein falsch verstandener Furor. Aus Gnade.
Aber offenbar nur für einen Moment.  Denn schon heute schreibt Paulus, Sie haben es gehört: „Ich weiß, dass das Gute nicht in mir wohnt.“ Und Petrus fragt, von Versagensangst getrieben, eben wurde es gelesen –  ob es denn genügt und hoffentlich reicht, wenn wir es schaffen, siebenmal zu vergeben, siebenmal gut sein zu lassen, was wehgetan und uns verletzt hat, was ungerecht war. Siebenmal. Nicht nachtragen. Nicht Wunden aufreißen. Nicht dicht machen. Wenn das gelänge! Aber Jesu Antwort ist ernüchternd. Das reicht bei weitem nicht! Petrus soll siebenundsiebzigmal vergeben. Mit anderen Worten: Fang gar nicht erst an, Dich verteidigen zu wollen; deinem Recht, deinem Lohn, Deinen Außenständen nachzujagen, fang gar nicht erst an, Dir auszumalen, dass Du nichts mehr musst, weil Du doch quitt bist. Wer siebenundsiebzigmal vergeben will und soll, hat lebenslang damit zu tun, sich im Vergeben zu üben und so zwangsläufig ein Heiliger zu werden.
Aber da grätscht Paulus hinein: Das geht eh nicht.  Wir wissen doch, so schreibt er nach Rom und allen anderen auch, „das Fleisch ist schwach, dauernd machen wir, was wir gar nicht wollen,  Wir tun, was wir nicht durchschauen und uns zuwider ist - obwohl wir das Gute wollen“ Wir sind nur leider wie ferngesteuert und deshalb auch irgendwie nicht schuld. Wir können nicht anders, weil wir besetzt sind von dem, was Paulus „Sünde“ nennt, getrieben von Größenwahn, Gier und Angst oder womöglich den Hormonen.  Es klingt nach der totalen Kapitulation, einem radikal negativen Menschenbild. Paulus geißelt sich und uns - als wäre alles, was wir gestern gehört haben, nicht wahr. „Wollen hab ich wohl, aber vollbringen konnte ich es nicht, bewirken konnte ich es nicht.“ Das hätte auch der Knecht in der Evangeliumslesung vorbringen können, der so hart zu seinen Schuldnern war: Eigentlich hatte ich großzügig sein wollen; eigentlich hatte ich nicht alles aus denen, die von mir abhängig sind, rauspressen wollen, eigentlich weiß ich ja… Aber es ging nicht. Das, was nicht gut ist, obwohl ich es in mir spüre, ist stärker als ich.  Das ist tragisch. Und alltäglich. Und also schlägt Paulus die Hände über`m Kopf zusammen: „Ich armer elender Mensch...“ So klingt es in unserem Schuldbekenntnis. Und mich erinnert diese Zerrissenheit an einen Text von Dietrich Bonhoeffer, auch der kriegte, obwohl doch fast ein Heiliger, das Außen und Innen nicht zusammen. Er schreibt: 
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, 
Ich träte aus meiner Zelle, 
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
Diese letzte Zeile klingt wie ein Kraftakt. Diese letzte Zeile klingt wie der unbedingte Wunsch, das andere, das Gute festzuhalten. Den Kern. Diese letzte Zeile erzählt von einem tiefen Vertrauen. Trotzdem. Diese letzte Zeile gibt es auch bei Paulus. Der schreibt nach seiner bitteren allzu menschlichen Selbstverwünschung übergangslos: „Danke. Danke, Dir, Jesus Christus.“ Dieser Dank ist größer als alles andere, aller Selbstzweifel, alle Schwäche. Er wohnt in uns. Er heilt und reinigt. Immer noch spüre ich es noch. Immer noch wollen mein Herz und meine Seele das Gute. Immer noch will mein Inneres hin zu Dir. Immer noch gebe ich nicht auf. Danke. 


Dompredigerin Cornelia Götz

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