27/09/2026 0 Kommentare
17. Sonntag nach Trinitatis
17. Sonntag nach Trinitatis
# Predigt

17. Sonntag nach Trinitatis
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - mit unserem Gott in dieser Zeit?
Hoffen Sie, dass er endlich dazwischenschlägt und sich als mächtig erweist oder fürchten Sie eher, was dann passieren könnte? Beten Sie zum „guten“ Gott, wie jemand, der ihn erinnern will, das doch bitte zu sein oder ist Ihr Glaube nicht kindlich genug darauf zu vertrauen, dass er das wirklich ist?
Manchmal neigen wir ja in Gebeten und vielleicht auch Predigten dazu, ihm sagen zu wollen, wer er ist: „Gott, du bist …“ Dann wird aus unserer Hoffnung eine Zuschreibung und wir blenden aus, was wir lieber nicht denken wollen - denn die Bibel erzählt von einem Gott, der nahbar ist, der heilt und segnet, der mitgeht - aber eben auch von dem, der eifersüchtig und zornig, abwesend ist und unbegreiflich willkürlich handelt.
Auch das Evangelium heute - Sie haben es vorhin gehört - zeichnet einen, der das Flehen eines Menschen nicht hört sondern abweist, der eine, die Not leidet, demütigt.
Wer kann das gebrauchen?
Schauen wir also hin, versuchen wir genau zu sein beim Lesen dessen, was da steht und was auch nicht. Matthäus erzählt: Jesus kam aus einem heftigen Streit - es ging tatsächlich ums Händewaschen, um innere und äußerliche Reinheit. Irgendwie muss ihn das angestrengt und angefasst haben, denn - so heißt es: „Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und eine kanaanäische Frau von dort kam und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.“ Er entwich, er floh, nach Tyrus - damals eine bedeutende hellenistische Stadt.
Den Zeitgenossen des Matthäus ging es wie uns, wenn wir bestimmte Ortsnamen hören: Mariupol oder Aleppo - es entstehen innere Bilder und Assoziationen. Bei „Tyrus“ wird ihnen eingefallen sein, dass es während der Regierungszeit von Kaiser Nero schlimme Pogrome gegeben hatte - mit entsetzlich vielen Todesopfern. Wir wissen durch Flavius Josephus davon. Kein guter Ort für den Juden Jesus.
Markus, der diese Begebenheit auch erzählt, berichtet davon, dass Jesus unbemerkt dort sein wollte - also wohlweislich nicht öffentlich auftrat. Dennoch kommt eine Frau zu ihm. Nicht zufällig - sie nennt ihn „Sohn Davids“. Sie ist eine von denen wir nicht wissen, wie sie sich zu den antisemitischen Ausschreitungen verhalten haben, ob sie mitgemacht oder zugesehen, mitgelitten oder widersprochen hat. Sie muss damit rechnen, dass Jesus sie für eine Feindin hält. Und kommt trotzdem: das ist mindestens der Mut der Verzweiflung! Wer traut sich den, dem man eben noch dem Leben trachtete, um Hilfe zu bitten? Diese Frau tut es. Weil sie eine Mutter ist und ihr Kind leidet. Sie hat gehört, dass Jesus helfen kann und ist zu allem bereit. Ihr Kind, ihre kleine Tochter, wird - so sagt sie - „von einem bösen Geist geplagt.“ Was hat es? Darüber wird heftig gestritten. Die einen denken, dass es zu Jesu Gaben und Vollmacht gehörte, böse Geister „auszutreiben“ - dass Menschen also von einem Dämon besessen sind, den man austreiben kann. Mit welcher Methode auch immer…
Andere, besonders die Schweizer Theologin Luzia Sutter-Rehmann, bestreiten diese Deutung. Der Textbestand gibt das nicht her. Im griechischen Urtext ist nie die Rede vom „austreiben“, sondern immer vom „vertreiben.“
So gelesen würde das Kind von etwas geplagt, dass von außen einstürmt: schlimme Erlebnisse, Traumatisierung, Hunger, Gefahr. Es leidet. Es verkümmert. Es weint. Es isst nicht. Schläft nicht. Verletzt sich. Es ist krank und braucht Hilfe. Bitte!!! Hilf mir! Sagt die Fremde zu Jesus. Du bist doch der an der Seite der Armen und Kranken, du rufst doch die Kinder in deine Nähe, Du kannst doch Tote aufwecken! Ich fleh dich an: Hilf meinem Kind! Aber er schweigt. Milde formuliert. Wahrscheinlich trifft: „er ignoriert sie“ die Situation genauer. Er hört nicht. Er will nicht.
Darum schreit und fleht, bittet und jammert diese Mutter immer lauter, sie hat ja nichts zu verlieren, und die Jünger werden nervös. Sie wollten hier ja lieber unauffällig Station machen. „Kümmere dich, damit sie geht!“, bitten sie. Aber Jesus denkt gar nicht daran. Vielmehr schiebt er sie beiseite: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“
Stockt einem da nicht der Atem? „Ich helfe nur meinen eigenen Leuten, mit Fremden hab ich nichts zu schaffen. Ihre Not ist nicht mein Problem…“
Ja, solche Reaktionen gibt es, direkt vor unserer Tür, womöglich auch in unseren Gedanken…
Aber auch bei Jesus Christus?
Jetzt sinkt die Frau auf die Knie. Dieser fremde Jude ist ihre letzte Hoffnung. Sie weiß nicht weiter. Das Unglück ihres Kindes zieht ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie ist bereit, sich zu demütigen oder demütigen zu lassen. Es ist alles egal. Hier zu seinen Füßen ist Endstation.
Und Jesus? Will er ihr immer noch nicht aufhelfen, sie trösten und ermutigen? Mindestens das?
Offenbar nicht. Denn er sagt: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Aber die, die nichts mehr zu verlieren hat, widerspricht: „Ja und doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Und Jesus sprach zu ihr: Frau, dein Vertrauen, dein Glaube (im Griechischen - Pistis, dasselbe Wort) ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“
Was ist passiert? Wurde Jesus hier von einer Frau belehrt? Muss ihn eine verzweifelte Mutter ermutigen, sich zuzutrauen, der Retter für alle - nicht nur für sein geschundenes Volk - zu sein? Muss ein Mensch, der in höchster Not ist, ihn, auf den wir alle Sorge werfen sollen, daran erinnern, dass es auch für alle reicht und wie bei der Speisung der 5000 aus der Ödnis grüne Wiese wird, wenn er verteilt, was da ist?
Ist es Jesus, der Hilfe braucht und nicht mehr kann und wieder sehen lernen muss, dass immer mehr da ist und geht, als wir denken? Oder ist es eine Versöhnungsgeschichte zwischen Feinden, die sich erinnern, dass ihre Kinder kaputt gehen während sie sich bekämpfen?
An welche Deutung wir auch immer unser Herz hängen - und welches Gottesbild diese Geschichte in uns erschüttert oder bestärkt - es kommt darauf an, zu vertrauen. Dem Gott, der nicht zu hören scheint. Dem Fremden, dem wir nicht treu sind. Dem Anderen, der in die Gewaltgeschichte auch verwickelt ist.
Vertrauen - Versöhnung - Erinnerung - Heilung.
Jesus wird weitergehen - so erzählt es Matthäus. Er wird eine große Anzahl Menschen, „Lahme, Blinde, Stumme und Verkrüppelte“ heilen. Sie werden wieder gehen und sehen, sprechen können.
Vielleicht dank der Begegnung mit dieser Frau. Vielleicht dank unseres Vertrauens.
Dompredigerin Cornelia Götz
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