23/09/2026 0 Kommentare
16. Sonntag nach Trinitatis
16. Sonntag nach Trinitatis
# Predigt

16. Sonntag nach Trinitatis
Wenn das mal nicht ein Sinnbild für die Ungleichzeitigkeit der Welt ist: Ein freundlicher Dom mit Blumen und Gesang, mit Kerzen und offenen – vielen jungen – Gesichtern. Wir singen Gott unser Lebenslied mit allem, was darin ist und werden begleitet von einer neuen Orgel, die so viele möglich gemacht haben – da geht doch was, ist vieles gut und gibt es Grund zur Freude!
Aber während wir hier sind, wird in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt, werden irgendwo Gas, Getreide und Öl gedealt, Klimakurven ausgerechnet, überschuldet sich wieder eine Familie.
Schwarzmalen und schwarzsehen, Angst machen und das Fürchten-lehren ist nicht schwer. Es gibt genug schlechte Prognosen und Gründe. Und führt zu nichts.
Denn Angstmache braucht keinen Mut und kein Vertrauen, keine Idee und keine Geduld, keine Hoffnung. Es reicht, nicht hinzusehen, den Kopf einzuziehen und andere machen zu lassen. „So wird es schlimmer“ – könnte ich jetzt sagen und hätte schon eingestimmt, wäre selbst schon dabei, den Teufel, den Geist, der stets verneint, mit an die Wand zu malen.
Aber genau da fängt es an.
So geht es nicht. Nicht mit uns. Denn wir glauben an einen Gott, der aus dem Nichts, dem Chaos, der Finsternis eine gute Welt geschaffen hat und der - auch wenn es in dieser Welt finster wurde als er hingerichtet wurde (was denn sonst!) - an einem neuen Morgen auferstand.
Er lebt und schenkt Leben.
Aber wer leben und dem Leben dienen will, braucht Licht und Luft, Sinn und Trost, Geborgenheit und Zuversicht.
Fast nichts davon können wir uns selber geben. Darum brauchen wir einander - Menschen rechts und links, vor uns und nach uns. Darum brauchen wir Worte, um uns zu erzählen: von Ermutigung und Freiheit, von Menschenwürde und Gerechtigkeit, von Hoffnung und Zugehörigkeit. Darum brauchen wir die Bibel, die kein Lehr- oder Geschichtsbuch, keine Legendensammlung, kein Märchenschatz ist, sondern ein Lebensbuch, unser Lebensbuch. Ihre Worte sind Samen. Ihre Geschichten Erbe und Zukunft zugleich. Manchmal fremd, manchmal vertraut. Uralt und immer wieder neu.
Zu diesem Tag gehören Verse eines Briefes, des zweiten Timotheusbriefes, den ein Christenmensch an einen anderen geschrieben hat. Der Empfänger ist einer, der Grund hat, zu weinen. Der Empfänger ist einer, der jetzt erinnert wird – an seine glaubensstarke Großmutter an alles, was er schon mal gespürt und gewusst hat, an den Segen, der auf seinem Leben liegt.
Er kriegt jetzt gesagt, was man sich getrost immer wieder vorsagen kann, erst recht dann, wenn die Nervenenden zittern und manche es darauf anlegen, den Einzelnen klein zu machen, Ohnmacht zu schüren und Unrecht zu etablieren: „Gott hat euch nicht einen Geist der Verzagtheit oder der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
Oder in einer anderen Übersetzung: „Gott hat dir keineswegs einen Geist der Feigheit gegeben, sondern einen voller Tatkraft, liebevoller Zuwendung und Vernunft.“
Daran ist kein Zweifel. Vergesst es nicht. Egal wie wir uns fühlen - ohnmächtig, geschockt, bitter, müde - wir alle haben in uns eine lebendige Kraft voller Liebe und Verstand. Mit jedem Atemzug atmet dieser Geist Gottes in uns und aus uns. Aus jeder Pore leuchtet er. Der das schreibt, sitzt nicht sorglos auf einem Sonnenhügel. Die guten alten Zeiten gibt es nur im Märchen. Der das schreibt, lebt in schwerer Zeit.
Er weiß, dass es Mut braucht, denen zu widersprechen, die meinen, dass alles den Bach runtergeht, dass nichts übrigbleibt, dass ich vor allem meine Freiheit, meinen Wohlstand, meine Sicherheit verteidigen muss und dass das nur geht, wenn wir Grenzen ziehen, Starke stärken und Schwache sich selbst überlassen, uns selbst groß machen und nichts mehr glauben.
Er weiß, dass es Tapferkeit braucht, Menschen daran zu erinnern, dass wir sterblich sind und Schuld auf uns laden, dass wir Verantwortung füreinander haben und aus Gnade leben und dass es deshalb viel Grund zur Demut gibt.
Er weiß, dass die, die so reden, die auf Gott vertrauen, schnell ihren Stempel weghaben: Träumer, Kinder, Narren - unbrauchbar für die harte Realität, das politische Geschäft, den Krieg.
Deshalb schiebt der Briefschreiber sofort nach: „schäme dich nicht“ – weder für deinen Glauben, noch für deine Zuversicht und auch nicht für deinen Gott, der immer an der Seite der Schwachen steht. Schäm dich nicht, dazuzugehören und auch nicht für die, die mit dir beten und singen.
Es ist nicht peinlich, naiv oder schwach, auf Liebe und Besonnenheit zu vertrauen.
Heilige Trotzkraft ist nicht dasselbe ist egozentrierte Unbelehrbarkeit.
Und also ermutigt er uns, uns darin zu üben, deutlich zu sagen:
„Ich glaube aber doch, dass es Grund zur Hoffnung gibt.“
„Ich glaube aber doch, dass wir wissen, was gut und böse ist.“
„Ich glaube aber doch, dass es nicht entscheidend ist, was alle sagen, sondern was wahr ist.“
„Ich glaube aber doch, dass unser Gott dem Tod, der Zerstörung, dem Hass die Macht genommen ist.
Jetzt nicht wegducken!
Gott hat uns seinen Geist gegen die Furcht und die Verzagtheit ja gerade deshalb geschenkt, weil es schwer ist und weil es Grund für Tränen und Angst gibt.
Weil gestorben wird, oft so erbärmlich, so elend. Weil mancherorts solche regieren, die unverfroren lügen, Andersdenkende wegsperren, Kriege anzetteln, sich selbst am dem bereichern, was allen gehört. Weil mehr denn je gehetzt und gehasst, weil wir uns das nicht mehr ins Gesicht sagen, sondern nur noch tippen müssen.
Aber darum erst recht: lasst uns nicht unterkriegen, denn: „Gott hat uns einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben.“
Er hilft uns, zu widersprechen, weil das vernünftig ist. Er hilft, darauf zu vertrauen, dass wir es anders machen können, denn das Kreuz auf dem Altar ist das Zeichen, dass Gewalt und Unrecht nicht das letzte Wort haben.
Und davon lasst uns singen und erzählen. So ungleichzeitig ist es nicht – sondern genau richtig und nötig.
Dompredigerin Cornelia Götz
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