Gottesdienste

Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz
Landesbischof Dr. Christoph Meyns und Dompredigerin Cornelia Götz

Gottesdienste

Der Braunschweiger Dom ist Alltags- und Festtagskirche zugleich; darum gibt es neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag um 10.00 Uhr und regelmäßigen Familiengottesdiensten im Anschluss, von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr 5-Minuten-Andachten und am Sonnabend um 12.00 Uhr ein Mittagsgebet mit 20 Minuten Orgelmusik. Das Abendmahl feiern wir in der Regel am ersten Sonntag im Monat und an jedem Freitag im Anschluss an die 5-Minuten-Andacht.

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Das Vaterunser
Gebete
Dompredigerin Cornelia Götz

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Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

Predigten

  5. Sonntag n. TR.

5. Sonntag n. TR.

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.07.2022

„Abraham, ich will dich segnen und du sollst ein Segen, ich will segnen, die dich segnen und und verfluchen, die dich verfluchen…“
Mit diesem Mann beginnt eine Geschichte, in der viel gehorcht und geschwiegen wird, in der Gott eine rote Linie zieht, weh dem, der diesen Menschen flucht - manch einer zieht sich da der Magen zusammen angesichts der deutschen Geschichte.
Ich will meine Worte hier nicht zu groß werden lassen und bleibe deshalb bei dem, was der Mensch Abraham offenbar hört und tut, dass er nicht zurückblickt, sondern losgeht - nicht um zu verdrängen oder zu entschuldigen, sondern weil hier einer, der für den Anfang steht und bildlich, vorbildlich sogar, auf Gottes Wegen geht, Zumutungen erfährt und Prüfungen, die ahnen lassen, was es bedeutet Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen zu sein.
Marc Chagall hat diese Ahnung auf Papier gebannt und in unbehaglichen Farben einen alten jüdischen Mann mit zerfurchtem Gesicht gemalt, der seine Hände unruhig knetend nur mit einem Auge noch hinsieht, was ist und kommen mag.
Zu diesem Mann sagte Gott: „Geh weg aus deinem Heimatland, und weg von deiner Familie, weg aus deinem Haus - ich werde dir noch zeigen wohin.“
Als Abraham das hört, ist er kein Jugendlicher mehr, der raus muss, weil er seine Füße endlich unter einen anderen Tisch stellen will, der raus muss, weil die eine Liebe, die die ganz große hätte werden sollen, kaputtgegangen ist …
Als Abraham das hört, ist er längst ein gestandener Mann, 75 Jahre alt, der den Widrigkeiten des Lebens getrotzt hatte, einer der von den Früchten seiner Arbeit hätte zehren können.
Und weil es Immer spannend ist, bei den Brüdern Grimm nachzuschlagen, welche Wortfelder zueinander gehören, habe ich noch mal nachgesehen, wie es sich mit den „gestandenen“ Männern verhält:
• „gestanden“ kommt vom „gestehen“: so einer weiß wovon er spricht und wann er schweigt, und ist daher ein guter Zeuge, und auch Bürge für die, die es nicht wissen
• „gestanden“ wurde auch gesagt für „geronnen“: „ .. es begibt sich mancherlei gestanden Blut im Leib, vom Stoßen, Fallen oder Schlagen“ - ein Gestandener hat also blaue Flecken und Narben, vermutlich nicht nur am Leib, sondern auch an der Seele.
Solche Art des Gestandenseins erzählt vom wirklichen Leben, das uns nicht schont.
Was Abraham betrifft, können wir also ganz getrost davon ausgehen, dass er ein gestandener Mann in der ganzen komplexen Bedeutung des Wortes war.
Und das gilt auch für Sara, seine Frau. Die hatte an seiner Seite ausgehalten. Die hatte ertragen, kein Kind zu bekommen, die Vertrocknete, Verstockte, Unfruchtbare zu sein, die, an der es scheitert, dass Abrahams Lebenswerk sich fortsetzen kann.
Gottes Aufforderung, alles aufzugeben und hinter sich zu lassen und sich der Ungewissheit einer offenen Zukunft auszusetzen trifft in Abraham also einen, der sich das nicht rosig ausmalen wird, erst recht nicht, weil er all das schon kennt:
Sein Vater Terach war mit ihm und seinem Bruder Nahor aus Ur in Chaldäa fortgegangen. Ihn hatte die Not weggetrieben. Abraham war damit großgeworden, der Andere zu sein, der Fremde - es hatte ungeheuerlicher Anstrengung und Willenskraft bedurft, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen, die Sprache zu sprechen, Mentalität zu verstehen, Witz und Humor, Traumata mitzutragen.
Sich in der Fremde (oder soll ich sagen: in der harten Wirklichkeit) einzuleben, ist ein Lebensaufgabe und Abraham hatte sie hinter sich. Trotzdem sagt Gott:
„Geh weg aus deinem Heimatland, und weg von deiner Familie, weg aus einem Haus - ich werde dir zeigen wohin.“
Geh weg auch und obwohl, es jetzt alles ganz gut funktioniert und Du zu Geld, Ansehen und Wohlstand gekommen ist. Geh weg und ja: „never change a running system“ gilt nicht für dich, im Gegenteil. Geh weg aus dem Land, in dem du Wurzeln geschlagen hast und lass es hinter Dir. Geh weg von deiner Familie, schließ dein Haus ab, du wirst dort nicht mehr wohnen.
Lass hinter dir, wie deine Gesellschaft tickt - ihre Art Geld zu verdienen und arbeiten zu lassen, Lasten zu teilen oder Ungerechtigkeit zu rechtfertigen, ihre Machtsysteme und Verantwortungslosigkeit, ihre Schuld und Erfolge, ihre Leistungsbereitschaft, ihr schlafendes Gewissen - lass es hinter Dir samt den Menschen, die dich immer wieder davon überzeugen wollen, dass wir wachsen müssen und uns doch zusteht, was wir nehmen können, dass die anderen nur übertreiben und am schlimmsten: dass es leider nicht anders geht.
Geh weg aus deinem Haus, es bindet dich nur und zwingt dich im falschen Leben zu bleiben.
Geh weg von deiner Familie, raus aus der Rolle, die dich getragen hat, der bedingungslosen Zugehörigkeit.
Was für eine Zumutung.
Abraham hört das, weil er mit Gott rechnet und weil er tief drinnen schon weiß (und mit dem geschlossenen Auge sieht), was auch uns unruhig macht: So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen, wird und darf es nicht bleiben. Der Blick zurück verführt uns nur, von einer guten Zeit zu träumen, die es nie gegeben hat, ein altes „Normal“ zu beschwören, dass keineswegs normal war, Ansprüche abzuleiten, nostalgisch oder bitter zu werden.
Erst der Blick nach vorn geht ins Weite, wer aufbricht, der kann hoffen, weil alles möglich ist, Verheißung sich erst noch erfüllen wird.
Aber wie soll es werden?
Wie werden wir leben in der Zukunft, die nichts mehr von dem hat, was uns vertraut war?
Welche Welt werden die Kinder, die noch nicht geboren sind, vorfinden?
Das Ziel bleibt unbestimmt. Gott kennt es. Aber er benennt es nicht. Es gibt keinen Anhaltspunkt, nichts was helfen könnte, abzuwägen oder sich genauer vorzustellen, was kommen mag: es wird blindes Vertrauen nötig sein.
Abraham muss sich selbst ganz aus der Hand geben.
Und er kann das in keines Menschen Hand legen.
Das ist auch gut so, wer wollte das tragen?
Welcher Mensch könnte Zukunft garantieren?
Es braucht unglaublichen Mut zu solchem Aufbruch, wie Abraham ihn wagt, denn er kann ihn mit nichts erklären außer Gottes Worten und die zählen - so irrsinnig das ist - in der Welt allermeist nicht.
Das ist schlimm, denn er wird alles hergeben müssen und die, die mit ihm gehen auch. In einem Buch über Abraham wird ihm in den Mund gelegt: „Weil wir Menschen sind, brauchen wir Begründungen und das ist es, was ich nicht geben kann. Wie sollte ich…“
Mit Argumenten werden wir niemanden überzeugen, dass es so nicht weitergeht. Das kann man schon wissen. Es hilft nur, Gottes Wort ernst zu nehmen und loszugehen - voller Hoffnung auf seinen Segen und voller Angst vor seinem Fluch.
Wie das gehen kann, weiß ich nicht. Wir werden Vertrauen wagen müssen - und zwar nicht auf Aktienkurse und Sicherheitskonzepte. Sondern auf Gott, von dem nicht nur über dieser Woche gilt:
dass wir gerettet werden, ist ein Geschenk.
Aus Gnade.

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  Trinitatis

Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.06.2022

Die Gnade und die Gemeinschaft und die Liebe sei mit Euch allen.“
Ja bitte! Das möchten wir. Gnade, Gemeinschaft, Liebe. Also:
Gelingendes Leben.
Gutes Leben.
Glückliches Leben.
Ja bitte. Nichts sonst jagen wir dermaßen hinterher.
Wir glauben und hoffen mit ganzer Kraft, dass das Glück doch endlich mal kommen muss und dass endlich alles gut wird, erst recht weil wir uns angestrengt, Erwartungen runtergeschraubt und Erfahrungen durchgebürstet haben.
Und wir versuchen, realistisch zu sein, denn wir wissen:
Menschen starten unter sehr verschiedenen Bedingungen ins Leben, sind nicht gleichermaßen begabt zum Glücklichsein und finden sich keineswegs alle zur rechten Zeit am rechten Ort vor. Es ist eben nicht sicher, dass ich den Menschen oder den Job finde, mit dem ich glücklich werden kann. Ich kann nur darauf setzen, mich anständig zu benehmen und dem Glück nicht im Weg zu stehen, mich zu bescheiden.
Es ist, wie es ist.
Radikale Akzeptanz nennen das die Psychologen.
Wir sollten uns damit abfinden. Aber auch das ist schwer. Erst recht in einer Erfolgs- und Leistungsgesellschaft wie der unseren. Da habe ich mich gefälligst als meines Glückes Schmied zu beweisen. Wenn ich nicht glücklich werde, wenn es nicht gut wird und nicht gelingt - bin ich wahrscheinlich selber schuld.
Dann eben keine Hoffnung auf ein - ich sage vorsichtig - erfülltes Leben?
Das kriegen wir nicht hin.
Die Sehnsucht nach Glück, nach Segen und Fülle lässt sich nicht vertreiben.
Wie kann es also gehen, das gute Leben - voller Gnade, Gemeinschaft und Liebe?
Es ist uns ja verheißen und es war ja auch schon kurz mal alles gut, eine Generation lang. Adam und Eva haben das glückliche sorgenlose Leben verspielt, weil es immer nicht reichte, weil sie kein genug kannten und keine Zufriedenheit, weil sie nicht alles haben konnten. Die Prototypen eben.
Seither schlagen wir uns mit widrigen Umständen rum und versuchen darin klug und glücklich zu werden - mit sehr unterschiedlichem Erfolg.
Einer, der es in all dem relativ weit gebracht hat, ist Nikodemus, wir haben vorhin von ihm gehört.
Er ahnt, dass unseren menschlichen Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind und auch, dass das nichts ist, was andere hören wollen und macht sich daher im Schutz der Nacht auf den Weg der Sinnsuche, von der er weiß, dass es die Gottsuche ist.
Er will wissen, wie sein Leben neu werden kann, endlich gelingt.
Dieser Weg führt ihn ganz unmittelbar in die Nähe Gottes und wirft ihn zugleich auf sich selbst zurück. Er hört: das gelingende, glückliche, gottesfürchtige - das gesegnete, ewige Leben: aus Fleisch und Blut kann es nicht werden, wir Geborenen, endlichen und unvollkommenen Geschöpfe kommen da aus uns heraus nicht hin.
Es sei denn: wir werden ganz Andere - aus dem Geist Geborene.
Nicht wundern! Hört er. Und dann: „Der Wind weht wo er will und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht woher kommt und wohin er fährt…“
Mit anderen Worten, du spürst was Richtiges - aber da kannst Du kleiner Mensch nichts richten, es ist Gottes unerforschlicher Ratschluss.
Kein Wort mehr von Nikodemus.
Hat ihm das eingeleuchtet, getröstet, glücklich gemacht? Hat er am Ende seines Lebens gedacht, dass es gelungen ist, gut war, glücklich sogar?
Irgendwem muss er ja davon erzählt haben - sonst hätte es keiner aufgeschrieben.
Ich stelle mir vor, dass auch Paulus von diesem nächtlichen Gespräch gelesen hat.
Auch er kannte die Sehnsucht nach dem gelingenden Leben.
Er hatte den radikalen Versuch, alles richtig und gut zu machen, schon hinter sich. Jedes Gesetz, jede Regel, die Gott den Menschen mitgegeben hatte, um ihr Miteinander zu fördern und der Herzenshärtigkeit zu wehren, hatte er allersorgfältigst erfüllt - aber es ist nicht aufgegangen, wie er gedacht hat.
Doch der Wind wehte und er hörte das Sausen. Paulus wurde umgerissen und ein ganz und gar neuer und anderer.
Aber ist das nun das gute Leben? Paulus hat es ins Gefängnis gebracht…
Es gibt offenbar kein verlässliches wenn - dann im Glückshaushalt der Welt.
So schreibt er an die Römer:
„Oh welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis. Wie unbegreiflich sind Gottes Gerichte, wie unerforschlich seine Wege! In ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge!“
In der Tat. Unbegreiflich und unerforschlich ist es.
Regelrecht bestürzend. Wenn nicht niederschmetternd.
Aber so klingt Paulus nicht. Im Gegenteil. Es klingt wie ein großer Lobgesang. Wie das ganz große Staunen:
Bei Hiob heißt es: „merke auf, steht still, betrachte die Wunderwerke Gottes“. Ausgerechnet bei diesem sprichwörtlichen Unglücksraben. Die Mystiker machten daraus: vergiss dich selbst. Je mehr du staunst und dich wohl auch über Gott wunderst, umso leichter wird es, einfach nur hier zu sein, sich einzufinden in das Jetzt und zu leben. Glück, Gnade und Gelingen kennen kein Warum, nur das Staunen.
Angelus Silesius beschrieb solches im 17. Jahrhundert so: „Die Ros ist ohn warum; sie blühet, weil sie blühet, Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet…“
Loslassen also, sich selbst und die Idee, wie es sein könnte, die Erwartungen und Ansprüche an das Glück und das Gelingen, an MEIN Leben.
Den Gegenentwurf zu Adam und Eva probieren.
Wo führt das hin?
In das Dunkel der Nacht, sagen die Mystiker. Raus aus dem Paradies. Denn je größer das Staunen umso tiefer die Dunkelheit der Seele, das Gefühl, das alles nicht ist und wir unendlich weit entfernt von Gott, von seiner Liebe, von seiner Gnade und seinem Segen sind. Ja, so ist es - sagen die Mystiker und nun geh noch einen Schritt weiter und dann verstehst du: Gott ist das Nichts, genau dieses Nichts. Er ist das Nichts, das alles werden will, denn „in ihm und durch ihn sind alle Dinge.“
Solche Gottsuche, solche Glückssuche macht frei. Die Ich-AG muss nicht gelingen.
Vielleicht führt das in ein widerständiges Leben. Selbstvergessen im besten Sinne. Vielleicht führt das in die Unabhängigkeit von den Glückversprechen dieser Welt und ihren wahnsinnigen Preisen.
Vielleicht wird es auch wie bei Claude Monet, der einem Fotografen am Ende seines Lebens sagte, er möge nicht ihn porträtieren, sondern die Blumen. Die seien ihm ähnlicher.
Ohne Warum.
Denn „Die Gnade und die Gemeinschaft und die Liebe sei mit Euch allen.“

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  Pfingsten

Pfingsten

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.06.2022

Pfingsten - „ng, ng, ng - das könnte einen g haben“ hat der Komiker Emil unnachahmlich festgestellt. Er brauchte da irgendeinen kirchlichen Feiertag im Kreuzworträtsel und Ostern passte nicht. Aber Pfingsten - das merkwürdige Hochfest, von dem viele wahrscheinlich wirklich nicht mehr zu sagen wüssten als dass es ein „g“ hat.
Die eine oder andere hat noch den durchaus abstrakten „Geburtstag der Kirche“ auf dem Plan. Und Experten wissen, es ist das Fest des Heiligen Geistes.
Wissen? Jedenfalls gibt es ein rotes Parament, denn es ist kein Christusfest, wie Weihnachten oder Ostern. Eher ein Tag der Menschen, die versuchen auf Gottes Wegen zu gehen - rot wie zur Konfirmation oder Einführung der Kirchenvorsteherinnen.
Rot wie Feuer, wie Liebe, wie Blut, wie Eifersucht.
Rot ist eine Signalfarbe.
Wenn Rot kommt, dann ist Aufmerksamkeit geboten.
Der Theologe Wilhelm Gräb schreibt vielleicht deshalb: Pfingsten sei das Fest der „Geistesgegenwart.“
Und wenn das eine brauchbare Definition ist, dann ist Pfingsten ein absolut dringendes Fest.
Geistesgegenwart. Klarheit. Urteilsfähigkeit. Reaktion auf den Punkt.
Das brauchen wir - nicht im Sinne der Bevormundung, die mit roten Warnfarbe ja auch manchmal einhergeht, sondern als mündige Fähigkeit die Geister zu scheiden.
Geistesgegenwart.
Das gibt es heute als Gottesgegenwart.
Pfingsten ist das Fest, an dem wir solche Begabung feiern - keinen Zieleinlauf.
Pfingsten ist wie Feuer und geistesgegenwärtige Liebe eine Herausforderung.
Wer sich dem dem aussetzt, kann sich verbrennen, verletzten, irren.
Die Geister scheiden zu wollen braucht Mut und kann uns die Ruhe kosten, den ungerechten Reichtum auch..
Achtung! Rot!
Und dann? dann heißt es - wie in dem Lied, das wir gleich mit der Jugendkantorei singen werden - ja: es hat nicht ganz die Melodie für ein Ohrwurm - aber einen ordentlichen Text:
„Prüft, prüft, prüft genau und wählt das Gute, nehmt euch in acht vor den Schrecken dieser Zeit- Prüft, prüft, prüft genau und wählt das Gute, sucht mit Geduld nach der Spur der Freundlichkeit.
Prüft genau - voller Geistesgegenwart!
Prüft genau und wählt das Gute!
Natürlich, was sonst? Das Gemeine, Hinterhältige, Schlechte etwa?
So leicht ist es nicht. Die Geister sind klug und wir lassen uns gern verführen, einlullen, bestätigen, beruhigen.
Prüft genau!
Das sind alte Worte, sie stehen schon im Thessalonicherbrief: prüft genau und das Gute behaltet.
Achtung! Rot!
Wenn es ernst wird, merken wir, wie schwer das ist.
Wenn eine Beziehung mühsam wird - ist es dann der Moment zu gehen oder zu bleiben? Ist das Gute die Kraft der Beharrlichkeit oder der Mut zur Freiheit?
Wenn ein Mensch mit Krankheit oder Sterben ringt, ist es gut ihn festzuhalten oder gehenzulassen? Ist das Gute die Hoffnung oder die Demut?
Wenn junge Menschen alles stehen und liegen lassen wollen, dem Moment folgen, sollte man sie bremsen? Ist das Gute die Begeisterung oder die Erfahrung?
Und erst recht: wenn unsere Nachbarn mit Krieg überzogen werden, ist es dann gut an der Idee der Gewaltlosigkeit festzuhalten oder macht man sich schuldig an denen, die sich verteidigen wollen? Ist es gut, sich zu erinnern, dass Aufrüstung auch ohne Krieg tötet oder wiegt die Verantwortung schwerer, weil andere sich auf uns verlassen?
Wenn die Uiguren verfolgt werden, ist es dann gut … Nein. ist es nicht.
Prüft genau und das Gute behaltet.
Prüft genau… und dann handelt. Das Gute zu behalten, heißt nicht Besitzstandswahrung feiern sondern aktiv aussortieren.
Prüft genau und nehmt euch in acht vor den Schrecken dieser Zeit.
Sich in acht zu nehmen haben wir ja in den letzten zwei Jahren gelernt.
Man hält Abstand, schützt sich selbst und damit andere, vermeidet Nähe. Das hat uns geholfen, mit dem Virus recht und schlecht auszukommen. Vor heftigen Konflikten, wie wir sie hier am Dom durchgestanden haben und erst recht einem Krieg schützt Abstand nicht. Die Kinder in der ukrainischen Gruppe der Domsingschule haben nicht ahnen können, dass sie sich in acht nehmen müssen vor Bomben und Soldaten.
Was hätte sie darauf vorbereiten können?
Eine Spur der Freundlichkeit? Ich weiß nicht ob das genügt. Es braucht mehr.
Es braucht Antworten, Verständigung, Einsicht, Entscheidung.
Ist das Pfingsten?
Was passiert da nochmal?
Wir haben es in der Apostelgeschichte vorhin gehört:
Die Menschen sind zusammen - an einem Ort. Das ist - jedenfalls in meiner Bibel - fettgedruckt. Nicht verstreut, nicht jede und jeder auf der eigenen Spur, nicht jede und jeder dem eigenen Freiheits- und Glücksbegriff hinterherjagend und im eigenen Film oder vergraben in der eigenen Angst - sondern alle an einem Ort.
Auch damals war das offenbar nicht selbstverständlich.
Was für ein Ort war es? Der Berg der Fragen? Der Sumpf des Wohlstandes? Der weite Raum der Unsicherheit. Oder doch nur der Trampelpfad der Suchenden?
An diesem einen Ort erleben sie alle dasselbe. Sie werden es nicht beglaubigen müssen, sich nicht rechtfertigen müssen, denn es sind ja alle da, alle haben es erlebt: das Feuer der Verständigung.
Es muss unglaublich gewesen sein!
Den Anflug davon kennen wir auch: Wenn man sich heißredet, weil man auf einmal versteht und verstanden wird. Das gibt es! Aber wie geschieht es? Und wie ergreift es uns alle?
Es ist dringend nötig, so eine Erfahrung machen - jetzt in den Schrecken dieser Zeit!
Damals kommt das Feuer der Verständigung, der Geist, der lebendig macht, mit Sturm und Brausen. Es kommt wie etwas, vor dem man sich eigentlich in acht nehmen sollte.
Es kommt unvermutet und mit Wucht.
Er trifft alle.
Fast.
Auch hier gibt es Zuschauer. Auch hier gibt es die, die draußen bleiben.
Auch hier gibt es die, die eine andere Sicht haben.
Auch hier gibt es die, die nicht prüfen, ob das was sie gleich sagen und tun werden, gut ist.
Auch hier gibt es die Anderen.
Kein Wunder. Von außen macht das alles ja auch ganz den Eindruck als würden die, die da durcheinander reden und sich trotzdem alle verstehen nicht ganz zurechnungsfähig sein, realitätsfern, betrunken, naiv...
Ist solches Verstehen also eine exklusive Angelegenheit?
Ist das nur was für Verrückte und Kinder?
Nein. Es ist eine Gabe und vielleicht eine Antwort. Es eröffnet eine Möglichkeit, denn der Geist, der uns reagieren lässt, der ist einer der lebendig macht, der
Augen öffnet - für eine Sehen ohne Neid,
und Lippen - für ein Sprechen ohne Streit,
Und alle Sinne, um in dieser Welt leben.
Pfingsten?
Könnte einen „g“ haben. Wie das „Gute“, das wir erkannt haben und behalten wollen.

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  Karfreitag

Karfreitag

Dr. Christoph Meyns, Landesbischof - 15.04.2022

„Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.“

Der Evangelist Lukas beschreibt eine Szene, wie sie damals an der Tagesordnung war. Ein Wachkommando führt verurteilte Straftäter an den Platz ihrer Hinrichtung. Verwandte, Bekannte und Schaulustige begleiten sie. Der Zug wandert durch das nördliche Stadttor hinaus zum Steinbruch. In seiner Mitte haben die Steinhauer eine Erhebung stehengelassen. Das Gestein ist nicht geeignet als Baumaterial. Aber als Ort für die fast täglichen Hinrichtungen taugt er. Golgatha nennt der Volksmund diesen Felsen, Schädelstätte. Hier wird Jesus gekreuzigt, wie viele Männer vor ihm und nach ihm in Jerusalem in der Zeit der Römischen Herrschaft: Räuber, Mörder, entlaufende Sklaven, Aufrührer, Attentäter.
Aber bedarf es in diesen Tagen nach all den erschütternden Bildern aus der Ukraine wirklich noch der Erinnerung daran, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind? An die rohe Gewalt, mit der Staaten ihre Machtansprüche durchsetzen? An Propaganda, Verspottung, Folter und den Tod als Machtmittel? An Heimtücke, Verrat und das Leiden eines Unschuldigen?
Wollte die Bibel nur von dem erzählen, was vor Augen liegt, wir könnten uns die Erinnerung an den Tod Jesu am Kreuz sparen. Aber es geht um etwas anderes. Es geht darum, was verborgen inmitten von all dem geschah; was sich darin – nur für den Glauben sichtbar – vollzieht im Blick auf mein Verhältnis als Mensch zu Gott, für das, wie ich Gott verstehen darf, für das, was meinem Leben Halt und Richtung gibt. In diesem Sinne bildet der Karfreitag eine epochale Zeitenwende in der Geschichte menschlicher Zivilisation, einen fundamentalen Neuanfang.

„Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Das Gesamtbild steht, jetzt richtet Lukas unseren Blick auf die drei Gekreuzigten. Eine intime Szene: Die Todgeweihten unter sich. Der eine stimmt ein in den Ruf der Spötter, die nur das hier und jetzt im Blick haben, gefangen im Vordergründigen, mit den Scheuklappen der Bornierten. Aber der andere sieht mehr. Er sieht in Jesus einen, der Gott nahe ist. Er sieht in ihm den Himmel durchscheinen. Er sieht seine eigene Verlorenheit, aber er sieht in Jesus auch einen Fürsprecher für sich, einen, der trotz seiner Untaten für ihn vor Gott eintritt. Damit hat ausgerechnet er mehr von dem verstanden, wer Jesus ist und für was er steht, als alle anderen.
Es ist Jesus eben nicht um politische Herrschaft gegangen. Sein Reich ist das der Liebe Gottes. Es kommt aus der Zukunft auf uns zu und ist schon jetzt in der Gegenwart so nahe, dass es in Ansätzen bereits immer wieder durchbricht, so wie einzelne Sonnenstrahlen durch den Nebel. Von der Kraft, die in dieser Liebe liegt, hat er in seinen Gleichnissen und Geschichten gepredigt. Sie gleicht der Kraft, die in einem Samenkorn liegt, dem Vorgang von Saat und Ernte, dem Glück eines gefundenen Schatzes. Sie gleicht der Barmherzigkeit eines Vaters, der seinen in die Irre gegangenen Sohn wieder bei sich aufnimmt oder der unverdienten Tilgung eines großen Schuldenberges.
Unser Leben geht nicht auf im Horizont dessen, was unsere Sinne wahrnehmen. Am Ende wartet das Paradies. Und wer glaubt, der geht mit. „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“, so bittet der Mörder. Und das ist auch für uns alles, was nötig ist: nichts beschönigen, nichts abstreiten, sich nicht rechtfertigen wollen, nichts aus sich machen wollen, sondern sich Jesus Christus anvertrauen und ihn bitten, vor Gott für mich einzutreten.

„Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“

Der Tod Jesu am Kreuz ist einer der dunkelsten Stunden der Menschheit. Zugleich geht mit ihm ihm ein Riss durch die Geschichte. Der Vorhang im Tempel verbarg das Allerheiligste vor den Augen der Menschen: die Lade mit den Tafeln der Zehn Gebote, den Ort, an dem Gott nach jüdischer Vorstellung in besonderer Weise gegenwärtig war. Nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr am Jom-Kippur hinter den Vorhang treten, um mit einem Opfer das Volk mit Gott zu versöhnen. Eben dieser Vorhang zerreißt. Denn mit dem Tod Jesu hat sich Gott ein für alle mal mit uns versöhnt. Es braucht keinen Tempel mehr, kein Allerheiligstes, kein Versöhnungsritual, keine Opfer. Das Allerheiligste liegt klar vor Augen: Es ist der Gekreuzigte. Gott begegnet uns hier nicht räumlich abgetrennt und verhüllt. Er zeigt sich offen vor aller Augen und ist doch zugleich im Gegenteil tief verborgen. Das Paradies inmitten des Todes, ein Neuanfang inmitten von Abbruch, Liebe inmitten von Hass, Vergebung inmitten schwerster Schuld, die Versöhnung aller Menschen mit Gott inmitten der Hinrichtung eines einzelnen Menschen.
Das ist die neue Grundsituation des Menschen vor Gott, die am Karfreitag beginnt. Wir sind versöhnt. Wir haben Frieden mit Gott. Und es bedarf nicht mehr, als dass wir fest darauf vertrauen, dass das so ist, und daraus leben. Wie es Martin Luther in der Vorrede seiner ersten Übersetzung des Neuen Testaments vor 500 Jahren geschrieben hat: „Das Evangelium fordert nur Glauben an Christus, dass derselbe für uns Sünde, Tod und Hölle überwunden hat und also nicht durch unsere Werke, sondern durch seine eigenen Werke, Sterben und Leiden, fromm, lebendig und selig macht, auf dass wir uns seines Sterbens und Überwindens annehmen möchten, als hätten wirs selber getan.“
Das Kreuz lehrt uns Menschen, uns als Wesen zu begreifen, die der Vergebung bedürfen, der Erlösung und der Versöhnung mit Gott. Wie es Paulus an einer berühmten Stelle im Römerbrief formuliert: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerechtaus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Röm 3,23.24) Damit widerspricht der Karfreitag unserer Selbsteinschätzung. Wir halten uns ja in der Regel für normale, einigermaßen gesetzestreue und moralisch anständige Menschen, vielleicht mit kleinen Fehlern und der einen oder anderen Charakterschwäche, aber alles in allem grundsätzlich in Ordnung. Nicht wir, andere Menschen sind das Problem: Egoisten, Verbrecher, Gewalttäter, Kriegstreiber. Aktuell ist es der russische Präsident, auf den alles Böse projiziert wird.
Aber so einfach ist es nicht. Wir Menschen haben alle ein Talent für Zerstörung und Selbstzerstörung, und dazu ein kurzes Gedächtnis. Es ist erst drei Generationen her, dass dieses Talent von Deutschland Besitz ergriff und ganz Europa auf einen Weg zwang, der in der totalen Zerstörung, im moralischen Bankrott und in der Barbarei endete. Wir beten nicht umsonst mit jedem Vaterunser „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die Dynamik von Neid, Angst, Hass, Dummheit und Hybris kann jeden von uns ergreifen und das Leben auf unheilvolle Wege bestimmen. Das Kreuz Jesu weist hin auf diesen unheilvollen Drang in uns selbst und lässt uns zurückhaltend sein mit Urteilen über andere.
Nein, Russland hat nicht unseren Hass verdient, sondern unser Mitleid. Das Land ist zutiefst gefangen in einer sich selbst verstärkenden Spirale der Gewalt nach innen und nach außen, getrieben von rückwärtsgewandten Sehnsüchten nach politischer Größe. Unser Staat ist gefordert, dem energisch entgegenzutreten, zusammen mit anderen. Das ist seine Aufgabe. Unsere Aufgabe als Christinnen und Christen ist es, von Golgatha aus tiefer zu schauen, die Angst und das Elend zu erkennen, das dahinter liegt und Gott um Frieden und um Erlösung zu bitten. Es wird eine Zeit kommen, in der die Kraft zu Vergebung, Versöhnung und zum Neuanfang wichtig werden wird sowohl für Russland, für die Ukraine als auch für uns, und dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen.

„Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“

Das Kreuz stellt alle menschlichen Maßstäbe auf den Kopf. Damit verschiebt sich zugleich, wer Jesus nahe ist und wer ihm fern steht. Während seines Lebens waren seine Jüngerinnen und Jünger Jesus am nächsten. Jetzt aber stehen sie nur von ferne und begreifen erst viel später, was dort geschehen ist. Ausgerechnet der römische Hauptmann der Wache, der Jesus aus dem Gefängnis nach Golgatha geführt hat, spricht dagegen ein Glaubensbekenntnis. Und das Volk, eben noch voller Spott, schlägt sich in Reue an die Brust. Alle Feindschaft ist verschwunden, Friede breitet sich aus. Der Tod Jesu hat die Verhältnisse grundlegend verändert. Und das wirkt sich aus auf die Menschen, die ihm nahekommen, weit hinaus über den engen Kreis seiner Anhänger.
Um dieser sich über die ganze Welt ausbreitenden, versöhnenden und friedensstiftenden Wirkung willen erinnern wir uns heute an die Hinrichtung Jesu. Deshalb wurde das Kreuz zum zentralen Symbol der Christenheit. Für seine Jüngerinnen und Jünger dagegen war der Karfreitag zunächst nur ein Tag des Scheiterns, der Trauer, des Abschieds und das Ende aller Hoffnungen. Erst nachdem ihnen Jesus als Auferstandener erschien, begannen sie zu begreifen, was das alles zu bedeuten hat und sahen seinen Tod in einem neuen Licht, als Zeichen der Versöhnung mit Gott. Sie haben anderen Menschen davon erzählt. Und als sie alt wurden, haben Menschen wie Lukas ihre Geschichten aufgeschrieben, um ihre Erinnerung zu bewahren. Seitdem erinnert sich jede Generation auf ihre Weise an den Tod Jesu am Kreuz und arbeitet für sich durch, was es bedeutet, ein mit Gott versöhnter Sünder zu sein.
Für mich ist in diesem Jahr zwischen Corona, Krieg und Inflation wichtig, dass wir inmitten aller Bestürzung und aller Lasten um so fester an der Hoffnung auf die versöhnende und friedensstiftende Wirkung festhalten, die vom Kreuz Jesu ausgeht, dass wir den Opfern von Krieg und Gewalt beistehen, Flüchtlingen helfen und uns bei aller notwendigen Abgrenzung und allem Widerstand zugleich unser Mitleid für die Täter bewahren. Wie es in einem Passionslied heißt: „Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Wollen wir Gott bitten, dass auf unserer Fahrt Friede unsere Herzen und die Welt bewahrt. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht!“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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  6.2.2022

6.2.2022

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.02.2022

Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit (Mt 14,22-33)
Im Herbst waren wir, gemeinsam mit anderen Braunschweiger Gemeinden, auf einer Segelfreizeit im IJsselmeer. Jede Gruppe lebte und fuhr gemeinsam mit dem Skipper und einem Matrosen auf einem Plattbodenschiff, ca 120 Jahre alten umgebauten Frachtschiffen. Unsere Powel Jonas war ein Zweimaster mit zwei großen und zwei kleineren Segeln. Es war eine besondere Erfahrung: die Arbeit an Bord, die Enge, der Minimalismus und auch die Freude, wenn das Schiff Fahrt aufnahm.
Allerdings: es war eine stürmische Woche … - und wir erlebten auch das: einen strengen Ton an Bord, weil jeder Handgriff sitzen muss, Seekrankheit, kaputte Gläser in der Küche, Schieflage eben und ordentliche Wellen.
Und dann eine Seenotrettung.
Ein Mann trieb auf dem zerbrochenen Frack seines selbstgebauten Katamarans. Kleinere Boote in der Nähe konnten ihn nicht aufnehmen, weil sie wegen der schweren See nicht halten konnten. Unser Skipper hatte das Kentern beobachtet und enorm schnell reagiert. So kamen wir noch rechtzeitig zu Hilfe, um den zitternden Mann an Bord nehmen zu können.
Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, Mann und Frack von der Küstenwache abgeholt waren, kam die Debatte: Was hatte den Mann in diese lebensgefährliche Situation gebracht? Was es einfach nur Übermut oder Gleichgültigkeit gegenüber der Gefahr? War es gnadenlose Selbstüberschätzung, ein seetaugliches Boot selbst bauen zu können oder fahrlässige Unterschätzung des Sturms? War es einfach nur Pech? War er
ein radikaler Individualist? Geimpft war er jedenfalls nicht…
Es war mithin eindrücklicher und existentieller Konfirmanden-Anschauungsunterricht darüber, was uns und unsere Welt an den Abgrund bringt, was - theologisch gesprochen - Sünde ist:
• der Mangel an Gehorsam gegenüber der eigenen Geschöpflichkeit und den eigenen Grenzen; die Vorstellung, dass ich im Recht bin und das unabhängig von Gott und notfalls in Isolation von meinen Mitmenschen; mit Augustinus: die Verblendung des Verstandes und die Korruption des Willens.
• der Mangel an Liebe gegenüber Gott, dem Leben, mir selbst - also eine Missachtung der eigenen Mit-Menschlichkeit, weil Menschen sich in anderen Menschen erkennen (wie Adam in Eva) und verstehen, dass sie nicht Einzelne sind - nur für sich selbst verantwortlich und rechenschaftspflichtig - sondern verwoben mit anderen.
• Die Habsucht, die Adam und Eva dazu bringt, den Apfel haben zu müssen oder wie es im Versöhnungsgebet aus Coventry heißt: „das Streben der Menschen zu besitzen, was nicht ihr eigen ist; die Gier, die die Erde verwüstet?“ - also die Sucht alles haben zu wollen, alles erleben und tun zu müssen, die uns mit dem Römerbrief dazu führt, dass ich „nicht ausführe, was ich will, sondern tue, was ich hasse“, dass ich mich entfremde von meiner Menschlichkeit.
Das alles ist nicht von uns weg zu schieben hinein in die nassen Schuhe des Mannes aus dem IJsselmeer. Es gehört zum Menschsein - offenbar auch dann wenn wir in unmittelbarer Nähe Gottes leben. Eindrücklich erzählt Matthäus davon. Sie haben die Geschichte vom „Seewandel“ des Petrus als Evangeliums gehört. Sie folgt auf die Speisung der 5000:
Gerade eben waren also Tausende Menschen satt geworden. Mitten in der erschöpfenden Ödnis hatte es für alle genug zu essen gegeben. Nun löst sich die Menge auf und verdaut - nicht nur das Essen, auch das Wunder. Jesus schickt die Jünger (dafür?) weg, raus auf den See - vielleicht will er sie gleich mit ihren Grenzen konfrontieren, damit sie nach dem eben erlebten Wunder nicht größenwahnsinnig werden. Vielleicht will er auch einfach nur allein, sich sammeln, verkraften, dass Gottes Vollmacht durch ihn wirksam ist? Oder nimmt er dieses Gott-sein in dem Moment für sich an? Er wird ja gleich tun, was Menschen nicht können: auf dem Wasser gehen.
Denn Sturm kommt auf. Die Jünger geraten in Seenot.
Und es ist Nacht.
Die Nacht der Angst, der Einsamkeit, der Gewalt, der Ohnmacht.
Sie bringt die Menschen in Todesnähe.
Aber in der vierten Nachtwache, kurz vor dem Morgengrauen, es ist die Stunde von der die Ostergeschichte die Auferstehung Jesu erzählt, da sehen die Jünger Jesus übers Wasser kommen. Sie kennen ihn als Menschen, der mit ihnen geht, mit staubigen wunden Füßen auf festem Grund. Aber als sie ihn so sehen, erschrecken sie sich!
Warum sind sie nicht erleichtert, dass er nun da ist? Ist es doch nicht die Angst, dass Gott weg sein könnte, die uns zittern lässt? Ist es vielmehr die Angst, dass obwohl er da ist grässliche Stürme toben und unser Boot zum Kentern bringen?
„Fürchtet Euch nicht! Ich bin da!“ ruft Jesus und er erinnert damit an all die Erfahrungen, die Menschen schon mit ihm gemacht haben: „ich bin da und gehe mit“, das ist der Gottesname, so hat er sich erwiesen und die Menschen durch die Wüste in die Freiheit geführt, so haben es die Engel in der Weihnachtsnacht gesungen: „Fürchtet Euch nicht!“, weil (!) ich da bin.
Da sagt Petrus: wenn Du das bist, dann komm ich auch raus aus dem Boot in den Sturm aufs Wasser. Dann kann ich wie Du, Gott, auf dem Wasser gehen - trotz Sturm.
Hat er das gesagt?
Fast.
„Bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“
Bist Du es, dann sprich nur ein Wort - und mein Kind wird gesund, die Nacht hat ein Ende und Leid und Geschrei muss nicht mehr sein.
Bist Du es, dann sag mir, dass ich losgehen soll - durch den Sturm auf dich zu ohne alle Sicherheit. Und Jesus sagt: „Komm!“
Das könnte eine tolle Geschichte sein!
Sprich nur ein Wort und wir retten die Welt. Sprich nur ein Wort und wir können alles!
Sprich nur ein Wort und wir vergessen unsere Genzen und die die im Boot zurückbleiben,
Da geht Petrus unter.
Fast.
Denn Gott ist der „Ich bin da“. Das ist es, was er verheißen und versprochen hat. Er reicht
Petrus die rettende Hand. Jetzt müsste es den Moment geben, in dem sie Hand in Hand auf dem tobenden See stehen! Was für ein Bild!
Statt dessen erzählt Matthäus wie Jesus fragt: „Warum / woran hast Du gezweifelt???“
Und einmal mehr gibt es eine erstaunliche Leerstelle: Petrus antwortet nicht. Die Frage bleibt offen. Noch immer wartet Gott auf Antwort. Noch immer geht es weiter wie bisher: Petrus bleibt ein Mensch, der nicht auf dem Wasser gehen kann. Er muss zurück ins Boot, in dem er mit seinen endlichen unvollkommenen furchtsamen Menschengeschwistern unterwegs ist.
Da legt sich der Sturm.
Gott sein Dank! Das ist Gnade. Sie gilt allen im Boot!
Sünde ist, ich sagte es oben - Entfremdung, Vereinzelung, Selbstermächtigung.
Gnade ist, Wiedervereinigung, Vergebung, Teilhabe, Heiligung, Gemeinschaft.
Der Weg über‘s Wasser ist ein Weg des Gehorsams. Er wird möglich, nicht weil Petrus übermenschliche Eigenschaften hätte, sondern weil Gott sagt: „Komm! Geh los!“ Ermächtigung satt Eigenmächtigkeit.
Das Wunder der Sturmstillung geschieht weder dadurch, dass Petrus sich das traut noch um ihn zu retten. Es geschieht nicht mal, als die Menschen Gott in Jesus erkennen und sich be-kennen, ihn also wirklich in ihr Leben lassen.
Das Wunder geschieht, als Jesus mit ins Boot steigt. Das ist Gnade.
Und auf dem IJsselmeer? Da wurden einem Menschen sein Leben geschenkt - aus lauter Gnade. Und wir haben Gnade erfahren, weil wir nicht erleben zu mussten, dass einer neben uns ertrinkt, weil wir die Kraft hatten, in dem wahnsinnigen Wind, die schweren Segel einzuholen oder gerade noch rechtzeitig da waren. Gott muss mit an Bord gewesen sein. Später hat sich der Sturm gelegt.

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  3. Sonntag nach Epiphanias 2022

3. Sonntag nach Epiphanias 2022

Cornelia Götz, Dompredigerin - 23.01.2022


Eine kleine Ostband, eigentlich war es nur ein Liedermacher-Duo, Pension Volkmann, sang ein Lied, in dem es hieß: „Es ist Sonntagmorgen auf der ganzen Welt, die Kirchenglocken läuten, dass es Gott gefällt, seist Sonntagmorgen, Zeit für ein Gebet für Haus und Hof zu sagen, so Haus und Hof noch steht…“
Ja, es ist Sonntag ist auf der ganzen Welt, aber nicht überall läuten Glocken, mancherorts trifft man sich heimlich und keineswegs alle, die Glocken hören, erinnern sich daran, dass es Zeit ist für ein Gebet. Im Gegenteil. Manche wollen daran nie mehr denken. Und für die meisten gilt ist ohnehin, was das Duo weiter sang: „Nun lehn dich an dein Gartentor - mit einer Flasche Bier und gib dich nett und moderat. Der Nachbar dankt es Dir…“
Dabei gibt es unter einen am Gartentor etliche, die es noch immer gut und beruhigend finden, dass die Glocken läuten und sie wissen: dort betet jemand.
Stellvertretend sozusagen.
Aber geht das denn?
Können wir stellvertretend glauben oder muss und kann das jede und jeder nur selber tun? Ist es mit dem Glauben nicht wie mit dem Lieben, dem Leben und dem Sterben - Vertretung unmöglich bei dem, was uns bedingt angeht?
Aber schließt das aus, stellvertretend für andere zu glauben, die es nicht können?
Und wer kann schon sicher sagen, dass er glaubt? Haben wir es nicht alle dann und wann nötig, uns in der Gewissheit anderer zu bergen, zu hoffen, dass einer für uns spricht?
Wiederum und erst recht nach dieser Woche: wem kann ich solche Stellvertretung wirklich anvertrauen? Der Institution Kirche womöglich nicht.
Wie schwer das ist…
Und es ist, wie es immer mit den großen Fragen ist. Die Bibel kennt sie in irgendeiner Fassung, die wir stellvertretend nehmen, um etwas besser zu verstehen oder wenigstens die Fragen zu erahnen, auch wenn alles verkehrt erscheint.
Eine solche Geschichte gehört zu diesem Tag.
Matthäus erzählt davon, wie ein Mann zu Jesus kommt, nicht um seinetwillen. Es heißt: Jesus kam nach Kapernaum und als er „hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm“.
Ein Hauptmann! Ausgerechnet. Ein Fischer, ein Händler, eine Hebamme, ok. Sie alle mögen Hoffnung gesetzt haben auf diesen exemplarisch glaubwürdigen Menschen. Sie alle hatten wohl auch Grund, Hilfe weder bei den Repräsentanten des Staates noch der institutionalisierten Religion, schon gar nicht der Besatzungsmacht für sich und andere zu suchen.
Aber ein Hauptmann…
Wenn bei einem Pension-Volkmann-Konzert ein Uniformierter erschien, wurde einem mulmig. Überall dort auf der Welt, wo Menschen beten ohne zu läuten, wo sie ihre Bibeln verstecken und niemals ein Kreuz um den Hals tragen würden, wird es eng, wenn Uniformierte auftauchen.
Ein Hauptmann… Kann der ehrlich etwas von Jesus Christus wollen?
Ich will nicht alle Uniformierte in einen Topf werfen, längst habe ich andere Polizisten und Grenzbeamte erlebt - aber die alte Geschichte gehört nicht in einen Zusammenhang, in dem Blauhelme unterwegs sind. Der Hauptmann steht für institutionalisierte Gewalt.
Auch hier läuft wie ein Störsender das Gutachten ja München in meinem Kopf mit….
Der Hauptmann jedenfalls trat auf Jesus zu.
Jetzt nicht schwitzen und stottern, sich ja nicht verdächtig benehmen. Wer nicht weiß, was ein Machtgefälle ist, versteht es in solchen Momenten sofort. In Hochgeschwindigkeit liefert das Hirn alle möglichen Gründe: Warum jetzt? Warum hier? Was weiß der von mir? Was will der. Man sieht nur die Uniform und das System, für das sie steht.
Ich erinnere mich an eine Nacht 1989 im Keller des Staatssicherheitsgebäudes in Erfurt. Die Bürgerbewegungen hatten das Gebäude besetzt. Nun galt es rund um die Uhr versiegelte Büros und Aktenkeller zu bewachen, damit nicht weiter Unterlagen vernichtet würden. Mit mir hatte damals ein Berufssoldat Nachtschicht. Wir waren gleich alt. Anfang zwanzig beide. „Warum bin ich hier auf der falschen Seite? Darf ich Dich besuchen. Kannst Du für mich beten?“ fragte er. Er kam tatsächlich zum Reden in die Räume der Studentengemeinde. Aber ich habe nicht für ihn gebetet. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Ich habe auch nicht stellvertretend geglaubt. Ich habe bis gestern nicht mehr an ihn gedacht. Jetzt stört auch er in dieser Geschichte.
Der Hauptmann bei Matthäus sagt zunächst nichts über sich. Nur das:
„Herr, mein Kind liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“
Hat ihn das große innere Überwindung gekostet, zu kommen und das zu sagen?
Ist er seinem Kind diesen Gang schuldig? Ist dieser Bittgang eine letzte Chance?
Die Menschen drumherum halten die Luft an.
Klingt hier der Missbrauchsskandal auch durch?
Der Hauptmann, der Vertreter der Macht, bittet nicht direkt für sein Kind. Er benennt nur sein Leid. Es kann nicht für sich selbst sprechen. Und es scheint, als traut er sich nicht, zu bitten. Vielleicht, weil er die Erleichterung, dass es dem Kind besser geht, nicht verdient? Trotzdem. Da steht er mit seiner Not. Eine Anfechtung für alle.
Und Jesus, der, dem andere x-mal hinterherrufen, der das Kind des Lazarus sterben ließ, weil er nicht gleich kommen konnte oder wollte, der sagt: „Ich komme.“ Sofort. So nötig ist es. Ganz besonders dieses Kind braucht ihn.
Auch da hakt etwas. Denn übersetzt werden kann auch: „Ich soll kommen und ihn gesund machen?“ Ich? Hast Du Dir das gut überlegt?
Kurzer Schnitt:
Wie mag dieser Text vor achtzig Jahren geklungen haben? In Wannsee wird die Ermordung der Juden bürokratisch geordnet und währenddessen geht einer von der Militärs zu einem jüdischen Arzt und sagt: „Mein Kind ist krank. Es leidet.“
„Was? Das fragst Du mich?“
Ja Dich.
Auch wenn ich weiß, so geht es bei Matthäus weiter, dass “Ich es nicht wert bin, dass du unter mein Dach gehst, sprich nur ein Wort, so wird mein Kind gesund.“
Erinnert sich noch einer an das Lied der Maria? Er stürzt die Mächtigen vom Thron?
Obwohl, du dich eigentlich von mir abwenden müsstest, obwohl ich dir wahrscheinlich widerwärtig bin, bitte sprich wenigstens ein Wort. Und es schwingt mit: Sprich mit mir. Bitte. Du musst nicht mitkommen und nicht verstehen. Aber ich bitte dich: Sprich! Ich weiß, was das bewirkt.
Jesus staunt.
Vielleicht staunt er, was dieser Hauptmann sich traut.
Vielleicht staunt er, wie unantastbar Menschenwürde ist.
Vielleicht staunt er über diesen Glauben an die heilsame Möglichkeit der Worte - gerade bei ihm, er gewohnt ist zu befehlen.
„Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Kind wurde gesund zu derselben Stunde.“
Das Kind wird gesund. Hier hat einer stellvertretend und selbst verantwortet geglaubt.
Das wirkt Heil für beide. Dem Hauptmann erlebt die grundstürzende Erfahrung, kommen zu dürfen und erhört zu werden. Das Kind wird gesund.
„Es ist Sonntagmorgen auf der ganzen Welt…“
Es ist Sonntag. Wir sind hierher gekommen - und jeder hat seinen Weg genommen. Vielleicht sollen wir die sein, die stellvertretend festhalten und da bleiben, vielleicht sollen wir die sein, die versuchen, trotz allem zusammenzuhalten, was sich sperrt. Es wird - so erzählt es der alte Text - helfen. Denen, für die wir bitten und uns.
Amen

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  1. Sonntag nach Epiphanias 2022

1. Sonntag nach Epiphanias 2022

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.01.2022

Erster Sonntag nach Epiphanias: wieder machen wir uns auf, mit dem Gottessohn, dem Menschenkind erwachsen zu werden auf dieser Erde, in unserer Zeit.
Das Kirchenjahr ist kein Kreislauf, keine ewige Wiederkehr, kein Weltenlauf ohne Anfang und Ende - sondern der immer neue Versuch mit Jesus Christus mitzugehen.
Heute ist der Sonntag, an dem wir uns an Jesu Taufe erinnern und dabei mitten in der Undurchsichtigkeit unserer Zeit mit all ihren mühsamen schwer deutbaren Nachrichten sehen, dass selbst er Vergewisserung brauchte, einen der mitgeht und die Zusage:
Ja. Du. An dir freut sich meine Seele.
Es ist ein Sonntag, an dem wir noch unterm Stern von Bethlehem und mit Weihnachtsbäumen Gottesdienst feiern aber doch schon wieder tief im Alltag unseres Lebens stecken, der nie alltäglich ist.
Wer wollte für normal und alltäglich halten, dass in Washington an den Sturm auf das Capitol derart zornig erinnert werden muss, dass in Kasachstan ein Schießbefehl gilt, hoffentlich nicht auszuführen mit deutschen Waffen, dass auf deutschen Intensivstationen viermal so viele Kinder und Jugendliche liegen, die einen Suizidversuch unternommen haben als vor der Pandemie. Was ist das für ein Alltag, an dem „spazieren“ eine sehr fragwürdige Verabredung ist?
Nichts ist normal. Und alles. Wir stehen jeden Tag auf, hoffen gesund zu bleiben und gut zu unserer Nächsten zu sein, versuchen, dieses Leben hier nicht zu vergeuden, Menschlichkeit nicht zu verlieren. Und merken, wie schwer das ist und wie schnell die Weihnachtsbotschaft verklingt:
Christ der Retter ist da!!! Ja, aber wo?
Wo geht das erwachsen werdende Menschenkind entlang?
Er muss doch endlich deutlicher werden und den Hebel herumreißen, damit wir gar nicht anders können als ihm nachzugehen, damit es endlich gut wird hier unter uns.
Er muss doch endlich Recht und Gerechtigkeit so aufrichten, dass sie stärker sind als alle anderen Wirklichkeiten!
Ja. Sieh doch, lässt Jesaja uns von Gott sagen:
„Siehe, das ist mein Knecht, … , an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.“
Ein Knecht…
Was hilft uns ein Knecht, wenn wir doch auf den Friedefürsten warten, den Gott-Held!
Wie soll der sichtbar werden unter uns?
Und wirksam? Hörbar?
Nicht, wie Du denkst, sagt der Prophet.
Nicht mit Glanz und Gloria, nicht mit Gewalt und dem Dröhnen von Stiefelschritten, nicht mit Faustschlägen an Körpern und Köpfen, Stromschlägen an Handgelenken und Hirnen…
Dem allen sagt Jesaja, entzieht er sich siebenfach.
Siebenfach sagt der Prophet, wie der Retter, auf den wir hoffen, nicht ist:
• er schreit nicht und er ruft nicht
• seine Stimme ist nicht zu hören, nicht mal in schmalen Gassen
• ein zerknicktes Rohr zerbricht er nicht
• einen nur noch glimmenden Docht verlöscht er nicht
• und auch er selbst zerbricht nicht, verlöscht nicht
Nicht. Nicht. Nicht.
Nicht umarmen. Nicht feiern. Nicht tanzen. Nicht träumen.
Nicht kräftig. nicht scharf. Nicht lebendig.
Aber - so sang Herbert Grönemeyer als der noch jung war: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, denn das ist alles, was sie hört, … sie mag Musik nur, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst sie, dass sie taub ist, … ihre Hände wissen nicht, mit wem sie reden sollen, es ist niemand da, der mit ihr spricht, … sie mag Musik nur, wenn sie laut ist...“
Oh, ich kann das gut verstehen!
Wir sehnen uns doch nach Veränderungen voller Kraft, nach der Rückkehr des Lebens so, dass wir es mit allen Fasern spüren können!
Wie soll sich denn einer in dieser Welt bemerkbar machen, der leise ist und leise wirkt, sanft mit den Dingen umgeht, die andere wegwerfen würden - das zerknickte Rohr und dem niedergebrannten Docht, der bestenfalls nicht selbst zerbricht und ausbrennt? So einer muss doch überrannt, vergessen, missverstanden und unterschätzt werden.
„Machtumbau im Schatten der Unruhen“ - heißt es heute Morgen in der Tagesschau.
Und durch Jesaja sagt Gott:
„Ich, h will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen.
So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.“
Das Unmögliche, das Neue - wie fängt es also an?
Da steht ein junger Mann in einem Fluss und lässt sich taufen.
Da öffnet sich der Himmel.
Gelingt es uns zu, etwas zu hören?
Gelingt es uns, etwas zu erlauschen?
Das ist mein Kind, der Mensch, an dem ich Wohlgefallen habe.
Da ist ein Mensch, den ich in meinen Dienst nehmen will.
Da ist ein Mensch, an dem meine Seele sich freut.
Da ist ein Mensch, den will ich mit meinem sanftmütigen und friedfertigen Geist erfüllen.
9. Januar 2022.
Hören wir das?
Oder sind wir schwerhörig geworden, taub beinahe?
Dringen nur noch Fetzen zu uns vor?
Reimen wir uns irgendwas zusammen, das dann doch nicht passt?
Wie klangen die alten Worte? Klang es nicht nach Atem, Lebensodem sogar?
So spricht Gott, sagt Jesaja:
„der die Himmel schafft und ausbreitet … Ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen, bestimmt … dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker. … ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.“
Epiphanias 2021.
Auch wenn alles anders aussieht. Auch wenn die Nachrichten dröhnen.
Es gibt einen neuen Klang in der Welt, der tröstet und aufhorchen lässt.
In anderer noch viel schwerer Zeit, 1945, stellte Nelly Sachs diesen Jesajavers einem ihrer Gedichte voran:
„Ehe es wächst, lasse ich es euch erlauschen.“
Und dann dichtet sie:
„Lange haben wir das Lauschen verlernt! / Hatte ER uns gepflanzt einst zu lauschen / Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer …
Wollten wir wachsen auf feisten Triften / Wie Salat im Hausgarten stehen.
Wenn wir auch Geschäfte haben, die weit fort führen / von Seinem Licht, /
Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken …
An die Erde das lauschende Ohr, / Und ihr werdet hören durch den Schlaf hindurch / …. Wie im Tode / Das Leben beginnt.“
Amen.

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  Christvesper 2021

Christvesper 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2021

Stille Nacht, heilige Nacht …
Lassen wir es einen Moment nachklingen – dieses Lied, an dem sich die Geister scheiden, die O-du-fröhliche Weihnachtsmenschen und die Stille-Nacht-Liebhaber. Nur manchmal geht das kurz durcheinander – wenn bei der Engelkapelle mit den zu kurzen Kleidchen und den grünen Flügeln mit den weißen Punkten auf dem Notenpult „Stille Nacht“ liegt aber auf der Orgel oder dem Flügel „O du fröhliche“ …
Und wir, die wir uns eigentlich entschieden haben, merken dann: je nachdem über welcher Zeit der Stern von Bethlehem aufgeht – klingt das ein oder andere deutlicher heraus.
Stille Nacht.
Wir hatten viele stille Nächte im letzten Jahr.
Ich hatte viele stille Nächte, in denen ich wachgelegen und mir Sorgen gemacht habe.
Da liegen wir hier hinter dunklen Fenstern wach und grübeln, wie das alles weitergehen soll und wo es uns hinführt
welche Hoffnung eigentlich noch erlaubt oder doch wenigstens nicht gefährdet ist, sofort zerlegt zu werden,
worauf ich wagen kann, mich vorzufreuen und was ich mir vielleicht lieber doch gleich aus dem Kopf schlagen sollte,
wie wir uns vorfinden werden, dann wenn das alles mal vorbei ist.
Und ob es das überhaupt geben wird. Vorbei und dann ist alles wieder gut.
Stille Nacht.
Endlich graut der Morgen und „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“
Sie kam. Jeden Tag neu. Weil mir fürsorglich ein Frühstückstisch gedeckt wurde oder die Sonne schien, weil der Körper ansprang und der Geist auch, weil das Leben stärker ist als der Tod.
Es wird Abend und Morgen.
Ein neuer Tag.
Eine neue stille Nacht.
Von Witold leise unterlegen:
„Stille Nacht, Heilige Nacht. Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönte es leis von fern und nah, Christ der Retter ist da…“
Was mögen die Hirten, die Meister der stillen Nacht und ihre sorgenvollen Gespräche da erzählt haben?
Vielleicht saßen sie beieinander und haben sich gegenseitig Texte aufgesagt. Solche, die wir in unseren Herzen und Gedächtnissen zur Verfügung haben für dann, wenn es keine eigenen Worte gibt.
„Der Herr ist ein Hirte und ob ich schon wanderte im finstern Tal – er behütet meine Seele - der mich behütet, schläft und schlummert nicht
Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. … Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des Herrn und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen … Und er wird der Friede sein.“
Uralt sind diese Worte.
Von Kindesbeinen an immer wieder gehört…
Und Du, Bethlehem…
Bethlehem. Eine kleine Ortschaft im judäischen Bergland, ein fruchtbarer Landstrich nahe der jüdischen Wüste – auch nach heutigem Begriff in fußläufiger Entfernung zu Jerusalem, 8 km sind es nur. Kleintierherden ließen sich hier gut halten, schon seit urlanger Zeit. Rahel, Jakobs Liebe war dort begraben, David stammt von dort, der jüngste Sohn einer großen Familie, der Enkel der tapferen Ruth, die ins fremde Land aufgebrochen war. Ein Hirtenjunge mit einer Schleuder.
Bethlehem in Juda, nicht in Israel…
Eine kleine Ortschaft.
„Aus dir soll mir kommen, der weiden wird in der Kraft des Herrn und im Namen des Herr, seines Gottes und er wird der Friede sein…“
Die Hirten lassen die Worte nachklingen.
Sie kennen Bethlehem und die Menschen dort. Es sind solche wie sie selbst.
Frauen und Männer, Kinder, die Tag für Tag aufstehen und leben. Es mag schönere Zeiten geben, diese ist die unsere.
Sollte Micha tatsächlich noch einmal einen König erwarten, von dort???
Mit Macht und Herrlichkeit, mächtig wie die Götter der Antike – wie Zeus und Mars?
Einen Caesar, der kann, was ich nicht kann, einen der alles zurechtbringt, einen wirklichen Großen der Weltgeschichte?
Einen, der mehr Mut hat, Entscheidungen zu treffen und Weichen zu stellen, der durchhält gegen Kriegstreiber und Lobbyisten, der sich durchsetzt?
Einen Wundertäter, der Krankheiten beendet und Kinder aufatmen lässt und junge Menschen leuchten, der die Not in Afghanistan und Äthiopien lindert und ach… - Stille Nacht.
Die Hirten setzen darauf keine Hoffnung mehr. Es ist doch alles schon dagewesen.
Aber da hören sie:
„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden, ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen…“
Ein kleines Kind, im kleinen Bethlehem…
Ein Kind wird geboren. Der Himmel wird hell. Kein MorgenGRAUEN, sondern erleichterndes seelenerhellendes Licht. Und Gesang…
Das hat irgendetwas in ihnen gelöst, ausgelöst, eingeleuchtet.
Es ist nicht die alte Geschichte, die immer wieder zum Scheitern führt.
Ein Kind ist geboren. Ein Wunder.
Eine neue Geschichte für die stillen Nächte, die kommen werden.
Von Witold leise unterlegen:
„Stille Nacht, Heilige Nacht. Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönte es laut von fern und nah, Christ der Retter ist da…“
Der Retter ist da.
Und er kann kleiner und unscheinbarer nicht sein.
Und doch liegt in ihm, in dem Kleinen, die Kraft, die Frieden bringt.
Weil er nicht aus sich selbst wirkt.
Sondern in Gottes Namen.
Weil dieser Retter nicht die Zusammenfassung all unserer Wünsche ist, sondern der der da ist – dort wo wir sind.
In unserer stillen Nacht, die durch ihn geheilig wird.
Als die Hirten dieses Zeichen bekommen,
erlauben sie sich, zu hoffen
wagen sie sich, sich zu freuen
leisten sie sich eine Sehnsucht,
stehen sie auf und laufen los,
erheben die Köpfe, weil Erlösung naht
und verstehen den Micha auf einmal ganz neu:
Gott und Glück, Gott und Erfolg gehören nicht zwangsläufig zusammen genauso wenig wie Gott und Unglück, Gott und Scheitern.
Gott ist kein Muster, keine Strategie, kein Konzept.
Er ist wie die Liebe, unmöglich, unbegreiflich.
Neben Dir und neben mir. Und da macht mein Computer eine wunderbare Autokorrektur:
Das hat ihnen engelleuchtet.
Amen.

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  Christnacht 2021

Christnacht 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.12.2021

Christnacht 2021 -
vor einem Jahr stand ich hier auf der Kanzel „with nothing on my tongue but halleluja“ - nichts auf den Lippen außer Halleluja.
Gerd-Peter Münden hatte Leonhard Cohen gespielt. Es war eine wirklich stille Nacht. Die erste in dieser Pandemie. Wir dachten, nur der Winter noch, dann haben wir es überstanden.
Das Kind in der Krippe schutzlos und ungeschützt - wie wir ihr alle damals:
Mit Stoffmasken, ohne Test und Impfung. Wir konnten nicht singen. Aber es war wirklich Weihnachten geworden - wir haben Liedtexte gesprochen: „Heute geht aus seiner Kammer / Gottes Held, der die Welt heilt aus allem Jammer“ … und auf den Lippen hatten wir - wenn auch keine Melodie - so doch ein großes Halleluja.
Von heute aus kommt mir das ein bisschen so vor wie sich Weihnachten 1914 angefühlt haben muss. Die Männer waren im Sommer kriegstaumelig mit Blumen und Musik an die Front gezogen. Weihnachten wären sie ganz sicher wieder daheim - viele scheinen das wirklich geglaubt zu haben. Aber so war es nicht. Im Gegenteil. Es kam ein zweiter Kriegswinter, ein zweites Weihnachten.
Längst war der Krieg und die Not in den Familien angekommen, waren Väter und Brüder tot, Frauen verwitwet, Kinder verwaist.
Angst fressen Seele auf.
Wie lange wird das noch so gehen? Was wird es noch kosten? Kommt das alte gute Leben je wieder zurück..?
Als dieser Krieg vorbei war, konstatierten Künstler und Intellektuelle, auch Theologen: das Abendland, wie wir es kannten, ist untergegangen.
Kunst wurde wild.
Die Expressionisten hauten den Schmerz der verstopften Seelen mit glühenden Farben und scharfen Kontrasten auf die Leinwand. Nichts sollte mehr lieblich und schön sein. In der Wiener Schule entstand die Zwölftonmusik- das müssen Ohren erstmal aushalten und hören lernen. Aus Ballett wurde Ausdruckstanz. In Zürich entstand der Dadaismus; als Ausdruck für den „totalen Zweifel an allem … die Zerstörung von gefestigten Idealen und Normen“ und der Theologe Karl Barth räumte mit religiösen Gefühlen, Innerlichkeit und schlechthinniger Abhängigkeit auf. Von wegen ganz zu schweigen von denen: Gott offenbare sich im Sonnenuntergang! Ganz im Gegenteil:
Gott ist der ganz Andere - er kommt gewissermaßen senkrecht von oben.
Wir können aus unserer Erfahrung nicht darauf schließen, wer er sein wird.
Wir können aus unserem Tun und unserer Ebenbildlichkeit schließen, wer er sein müsste: zornig, verletzt, traurig, ratlos, ohnmächtig …
Aber dann schreibt ein Fremder, Titus:
„Gott“ schreibt er: „erscheint (!) als heilsame Gnade Gottes.“
Heilsame Gnade. Heilsame…
Oh ja. Die brauchen wir. Aber wie findet sie den Weg in unser Leben?
Knien wir auch an diesem Heiligen Abend an der Krippe mit nichts auf den Lippen als „Halleluja?“
In der Süddeutschen Zeitung, Seite drei, vorgestern, eine Frau mit dicker Jacke, warmen Kopftuch, Fausthandschuhe. Sie wendet uns den Rücken zu und blickt auf eine eisige gigantische Gebirgslandschaft. Afghanistan 2021.
Was soll ich predigen zur Christnacht 2021?
Mitten im rauen Winter?
Die Natur ist unbarmherzig. Das Virus rollt immer wieder über uns.
Und die Menschen sind es oft auch. Unbarmherzig. Sie zerstören Lebensernten und Lebensglück, Lebenschancen …
Woher kommt da Erbarmen?
Wie soll Gott sich unserer erbarmen, wenn wir doch nicht hören, nicht umkehren, nicht zu erweichen sind?
Wo kann Mitgefühl beginnen, Wohnung unter uns zu finden - unter uns, die wir Menschen uns gegenseitig verhungern und erfrieren lassen?
In der Gebärmutter einer jungen Frau.
Gut möglich, dass sie aussah wie jene in den Bergen Afghanistans.
Von einer Freundin habe ich gelernt:
Das hebräische Wort für „Gebärmutter“ ist dasselbe wie jenes für „Mitgefühl“.
Beides Worte für das leidenschaftliche Ja zum Leben.
Da beginnt es.
Ein anderes Wort dafür ist Barmherzigkeit.
So kommt Gottes heilsame Gnade.
Mitten im Kalten Winter.
An Weihnachten 2021.
Und wir? Wie kommen wir zur Krippe?
Wie knien wir diese Jahr nieder, o Jesu, Du mein Leben?
Was bringen wir.
Vor reichlich 100 Jahren vertonte ein nicht mehr ganz junger Mann ein englisches Gedicht. Der Weltkrieg war noch nicht ausgebrochen. Die Farben, Worte und Töne waren einander noch in heilsamer Harmonie zugetan.
„In the bleak midwinter / Frosty wind made moan / Earth stood hard as iron /
Water like a stone …“
Erde hart wie Eisen, Wasser wie ein Stein.
„Angels and Arc Angels / May have traveled there“
Engel und Erzengel sind an der Krippe angekommen. Sie bringen Licht und Gesang.
Und ich?
„What can I give him? / Poor as I am / If I were a shepherd / I would give a lamb
If I were a wise man / I would do my part ….“
Schafe, Geld und Gut, Können und Vermögen - ist das nicht alles schon angeschleppt worden? Was kann ich bringen?
„But what I can I give him / Give him my heart.“
Mein Herz, so wie ist: unruhig, überquellend, fast zerbrochen - aber doch: mein Herz.
Mein innerster Kern. Meine Seele. Mein Leben.
Wir kommen - schutzlos zu dem schutzlosen Kind.
Wehrlos zu dem wehrlosen Kind.
Ohnmächtig.
Den Tränen nah.
Gern.
Und als es uns ansieht, dieses Menschenkind - so wie ein Neugeborenes uns ansieht mit seinem ersten Blick - sehen wir. Da schaut ein Mensch, ein ganz eigener, neuer, vollkommener Mensch, unversehrt, zart, einzig …
Sein Blick trifft uns ins Herz.
Und schon fließt die Gnade.
Heilsam.

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  4. Advent

4. Advent

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.12.2021

Maria durch ein Dornwald ging - Kyrie eleison! Erbame Dich!
Und der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen - Kyrie eleison! Erbarmen!“
Sieben Jahre! Maria war vermutlich ein sehr junges Mädchen als sie,durch den Wald ging, der seit sieben Jahren keine Blätter mehr trug. Die Erinnerung an grünes Laub war also eine aus der Kindheit: damals eben als die Bäume im Harz noch dicht standen, damals als 60000 Menschen zusammen mit Herbert Grönemeyer sangen: „Du hast versucht, auf der Schussfahrt zu wenden; nichts war zu spät, aber vieles zu früh“, damals als wir große Feste feierten und das Leben bunt und lebendig war, nicht eingefroren und ausgedörrt.
Sieben Jahre!!! Erbarmen! Wir sind ja schon nach zweien am Ende unserer Kraft.
„Maria durch ein Dornwald ging - Kyrie eleison!
Was trug Maria unter ihrem Herzen? - Kyrie eleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen…“
Sie trägt es - mit Rückenschmerzen und geschwollenen Knöcheln, es gibt kein Zurück. Das Kindlein wird nicht von Engeln in eine Wiege gelegt werden - sondern da geht eine Menschenmutter und es wird Fleisch von ihrem Fleisch und Blut von Ihrem Blut, leben von ihrer Kraft.
Ganz allein geht sie da - ein Bild für Vieles …
Und wir lernen zu sehen:
Weihnachten hat eine menschliche und eine göttliche Vorgeschichte.
Die menschliche Vorgeschichte hat mit den Gründen für die Dürre zu tun, durch die das Menschenkind das Gotteskind trägt:
• wir haben gelernt, achtsam zu sein aber vor allem mit uns selbst; nun wundern wir uns, dass Zusammenhalt zwar beschworen aber nicht gelebt wird, Freiheit trägt keine grünen Blätter, wenn sie sich nur auf uns selbst bezieht
• wir haben wahrscheinlich aus Feigheit versucht, radikale und verhetzende, falsche und populistische Meinungen zu integrieren - nur nicht ausgrenzen, an den Rand drängen, nun gräbt die Radikalisierung der Gesellschaft uns das Wasser ab
• wir lassen uns erklären, dass Wohlstand ohne Zumutung möglich ist - steil zusammengefasst: was den einen ihre Waffen sind anderen die Autos - koste es was es wolle und egal wie und auf wessen Kosten es verdient wird
Ich könnte noch lange weiter machen - aber ich will es sagen mit Dorothee Sölle, von der ich vermute, dass sie den Weg durch den Dornwald kannte:
„Ich habe seit vielen tagen kein gedicht geschrieben / das kommt weil ich nichts zu hoffen habe / … / das führt zu einer abwesenheit vom eigenen leben / das führt zu einem sich nicht mehr verständlich machen wollen / das führt zu einem sich totstellen / das führt zu einem Leben ohne Gott.“
Zu einem Leben ohne Gott …
Und also ohne Erbarmen, ohne Gnade, ohne Segen.
Von dieser dürre weiß unser Gott auch.
Da beginnt die göttliche Vorgeschichte der Heiligen Nacht, der Umkehrung aller Verhältnisse. Sie haben davon vorhin im Evangelium gehört:
„Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.“
Gott beginnt neu mit uns im sechsten Monat.
Was ist damit gemeint? Es beginnt im Hochsommer? Unwahrscheinlich - auch dieses Kind, gerade dieses Kind (denn es muss ja eine strapaziöse Schwangerschaft und Geburt überstehen) - wird nach neun Monaten geboren werden. Diese Datierung bezieht sich auf Elisabeths Schwangerschaft, zu der hin Maria durch den Dornwald ging. Das ist das erste Zeichen: der Beginn der messianischen Zeit, der Beginn unserer Zeitrechnung, wird nicht mehr nach der Herrschaft von Kaisern oder dem Bau von Tempeln gerechnet, orientiert sich nicht an Kriegen und Siegen, sondern an Schwangerschaftsmonaten.
Ein Zweites erzählt dieser Vers leise nebenher: Gott schickt seinen Engel zu einer ganz normalen Frau - und macht sie zur Gottesmutter. Er braucht sie im Wortsinne. Denn Maria muss das Unwahrscheinliche möglich werden zu lassen wollen.
Ohne ihr ja wird es nicht gehen.
Es soll ja kein Kind der Gewalt und fremden Willens werden.
Gott beginnt mit dieser jungen Frau, damit in unserer Welt etwas anders und grundsätzlich neu werden kann. Währenddessen muss der Mann der Elisabeth, Zacharias, Priester im Jerusalemer Tempel, schweigen.
Er verschwindet eine Weile aus dem Bild. Ausgerechnet für diese Geschichte wird ein einflussreicher Mann wie er nicht gebraucht.
Gnade in der gottlosen Welt findet eine Frau, der die Instrumente für Macht und Einfluss nicht zur Verfügung stehen und nicht stehen werden.
Zu ihr sagt Gottes Engel: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! … Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden…“
Du hast Gnade gefunden.
Nicht Gunst, nicht Wertschätzung.
Gnade. Dahinein wird Maria gehüllt. Das wird sie tragen und begaben, durch den Dornwald zu gehen. Es ist Gnade, ein Kind zu empfangen und tragen und lieben zu können. Das Kind wächst und hört den Herzschlag der Mutter - darum beginnen kleine Menschen mit zweisilbigen Worten zu sprechen, es ist der Rhythmus des Lebens und der Liebe. Es ist Gnade.
Es ist alles anders. Nach der langen alttestamentlichen Vätergeschichte von Abraham über Isaak, Jakob und Josef macht Gott eine (noch) ungebundene Frau zur Mutter - nicht damit sie den Stammbaum von Männern erweitert, sondern damit genau diese Strukturen und Mechanismen ein Ende haben. Denn dies Kind „wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Maria fällt das schwer zu glauben.
Es widerspricht all ihrer Erfahrung. Es wird sie - das ahnt sie wohl - in den Dornwald bringen, denn die Zeit ist noch nicht reif und alles fest gefügt.
Darum fragt sie: „Wie soll das zugehen?“
Wie soll das zugehen?!
Maria fällt nicht in Schweigen, weil an ein Tabu gerührt wird oder weil sie naiv und dumm erscheinen könnte, sie schweigt nicht wie die Väter (Abraham schwieg, als er Isaak opfern sollte, Noah schwieg als er überleben musste, Jakob schwieg, als seine Tochter Dina vergewaltigt wurde…).
Maria spricht.
Sie will verstehen und begreifen. Und sie hört:
„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ - das klingt nicht nach Licht oder Klarheit.
Nur die Erinnerung weiß, dass Gottes größte Nähe so erlebt wurde: Mose erfuhr das bei der Stiftshütte, die von einer Wolke überschattet aber mit Gottes Herrlichkeit erfüllt wurde, durch die Wüste – vierzig dürre Jahre - ging er so mit.
Noch eine Erinnerung, wie die an den grünen Wald - damals vor sieben Jahren. Ist das nicht alles einfach nur vorbei? Soll sie allein die Hoffnung zurückbringen? Ist das nicht zu viel für ein einzelnes Menschenmädchen?
Gibt es Gottes Gnade nur zusammen mit zu großen Aufgaben?
Vielleicht. Maria jedenfalls hört, dass es genau auf sie ankommt und sagt „ja“.
Sie springt.
Ins Ungewisse, in das Leben, das Gott für sie vorhat, raus allem Erwartbaren, aus allen Rollen.
Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti sagte: „Und Maria trat aus ihren Bildern und kletterte von ihren Altären herab und wurde das Mädchen Courage.“
Und später eine Schmerzensfrau…
Aber erst geschieht noch etwas sehr Menschenfreundliches: Der Engel gibt Maria noch eine Lebenshilfe, er zeigt ihr, wie und mit wem es jetzt weitergehen kann und sagt:
Sieh mal: „Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.“
Eine menschliche und eine göttliche Vorgeschichte.
Zwei Frauen und zwei ungeborene Kinder.
Die eine alt, die andere jung.
Die eine schwanger, obwohl sie das nie sein konnte - die andere schwanger, obwohl sie das noch nicht hätte sein können.
Sie werden zusammenhalten. Maria wird durch den Dornwald hindurch gehen und dieses Kind bekommen, damit unsere Welt nicht mehr gottlos ist.
Sie wird es schaffen, egal wie dürr der Wald ist.
Und sie weiß: Am Ende des Weges wartet Elisabeth. Die wird es verstehen. Die Kinder werden vor Freude hüpfen.
Und dann?
„Da haben die Dornen Rosen getragen.“

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  2. Advent

2. Advent

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.12.2021

Der Text für diesen Sonntag, wir haben es vorhin gehört, steht in den letzten Kapiteln des Jesajabuches. Über den Autor hat sich die alttestamentliche Wissenschaft den Kopf zerbrochen. Es ist fraglos ein anderer als der berühmte Prophet, dem wir die vertrauten Worte der Weihnachtszeit zuschreiben: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht … denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Und er heißt Wunder-Rat, Gold-Held, Ewig-Vater, Friedefürst…““
In unserem Text scheinen eher viele Stimmen durcheinanderzuklingen und allen steckt dieselbe Katastrophe in den Knochen: die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, des Baukunst gewordenen Herzstücks des jüdischen Glaubens, die Verwüstung des verheißenen Landes und schließlich die Verschleppung der Menschen - es ist im Grunde ein Totalverlust. Nichts, überhaupt nichts, ist mehr wie es war und man wird den Gedanken ertragen lernen müssen, dass es auch nie wieder so sein wird.
Modern gesprochen könnte man sagen: die Menschen sind traumatisiert, die Infrastruktur des gesellschaftlichen und privaten Lebens liegt darnieder…
Parallelen springen uns an. Ich muss sie nicht ausmalen.
Nur einen Aspekt - unseren ureigensten - will ich vertiefen: das ist auch eine geistliche Krise, eine Glaubenskrise. Gott, von dem dachte, dass er nie mehr weit weg sein würde, der einen Bund versprochen und sein Volk in die Freiheit geführt hatte, der als Wolken-und Feuersäule mitgegangen war und seine Menschen verlässlich mit Nahrung und Regeln versorgt hatte - der hatte solche Katastrophe zugelassen. Wer wollte da nicht an ihm verzweifeln?
Und dazu kommt: In einer zutiefst befremdlichen Gegenwart funktionieren Formen und Rituale so ohne weiteres nicht mehr. Glaubenspraxis aus sich selbst zu schöpfen ist schwer. Einmal ausgelassen, verliert sich schneller als man denkt, was noch vor kurzem selbstverständlich war.
Und erst die Kinder - wie können die in etwas hineinwachsen, was nur noch in der Erinnerung da ist?
Wenn Rituale und Gemeinde fehlen, merken wir, dass innerlich und äußerlich Halt fehlt. Erst recht, wenn untendrunter Ratlosigkeit nagt: Wo ist der barmherzige gnädige Gott während sich eine humanitäre Katastrophe nach der anderen zusammenbraut. Ist er womöglich ein ganz Anderer, streng und hart? Und wie lange soll die Verstockung der Menschen denn noch immer schlimmer werden ?
Wachstumswahnsinn, Entsolidariserung, Kurzsichtigkeit - eigentlich kann man sich da nur noch heulend in eine dunkle Höhle verziehen und kapitulieren.
Aber nicht so die Stimmen des alten Textes.
Vielstimmig und kraftvoll erhebt sich die Klage.
Die Menschen finden sich nicht damit ab, dass Gott sich abgewendet haben könnte, dass er uns unserem selbstverschuldeten Elend überlässt, dass er uns leid sein könnte. Im Gegenteil: sie rufen und drängen, es ist eine regelrechte Volksklage:
„So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“
Kein Zweifel daran, dass Gott ist.
Kein Zweifel daran, dass Herrlichkeit ihn umgibt.
Kein Zweifel, dass er der Adressat sein muss, wenn sich etwas bessern soll.
Aber die Verbindung ist abgerissen.
Er sieht uns nicht.
Gnade kann nur der erfahren, der wahrgenommen wird.
Barmherzigkeit erst recht.
Und auch Zorn.
Wer hier schreit, der fürchtet den abwesenden oder gleichgültigen Gott.
Wer hier ruft, der sehnt sich nach einer Reaktion.
Wer hier ruft, will Gott daran erinnern, dass er da ist:
„Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“ Es klingt wie eine Beschwörung: aus der Elternrolle kann man sich nicht verabschieden. Man kann sie ignorieren und bereuen - aber raus kommt man da nicht. Die Menschen, die hier rufen, habe eine tiefe Verlassenheitserfahrung gemacht. Das Land verloren, den Tempel, die Heimat, die Zukunft. Aber nicht Gott. Sie berufen sich auf ihn und drängen.
„Warum lässt du uns abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, … Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“
Erstaunlich: Hier sind es die Menschen, die dranbleiben an dem alten Bund, die Gott nicht lassen wollen. Es ist, als riefen sie ihm hinterher, weil sie wissen: Wenn Gott nicht mehr da ist, verstocken und verbittern die Herzen, verirren sich die Menschen. Man könnte es auch andersherum denken, dass Gott sich abwendet, weil Menschen hart und eigensinnig sind. Aber so klingt es hier nicht. Alle Not kommt daher, dass er sich in seine heiligen Himmel zurückgezogen hat. Deswegen gibt es auch keine Furcht vor einem strafenden zornigen Gott, davor was geschieht, wenn er hinsieht und hinhört.Ganz im Gegenteil: Das Bitten, Drängen und Rufen mündet in den eindrücklichen Worten:
„Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde … und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten … Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“
Egal, was dann passiert - Komm Gott! So viel Gewalt, Zusammenbruch und Durcheinander die Menschen erlebt haben mögen, es hindert sie nicht kosmische Dimensionen zu erflehen, notfalls auch unerwartete Angst und Schrecken - Hauptsache: Gott kommt!
Ist das nicht halsbrecherisches Vertrauen?
Oder unbegreiflicher Mut und Tapferkeit.
Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis, mitten im Horror des Dritten Reiches: „Wer leistet sich heute noch eine wirkliche Sehnsucht?“ In der Tat: Wer leistet sich das und riskiert zu hoffen und sich wirklich zu sehnen!
„Ach, dass Du die Himmel zerrissest und führest herab!“
Herrlich – dieser altmodische Konjunktiv, Wunsch in reinster Form!
Und tatsächlich: Advent. Der Himmel reißt auf. Gott kommt.
Aber so anders!
Nicht als der große Aufräumer und Wiederaufbauer, nicht als als kosmischer Zurechtbringer mit Machtwort und starker Hand. Ganz im Gegenteil: er kommt mittenhinein in das Unglück, liefert sich der menschengemachten Katastrophe aus, braucht uns um zu Überleben.
„Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“
So ist es. Darum kommt er so anders - leise, verletzlich, ohnmächtig. Aber er kommt!
Uns kann die Sehnsucht treiben, ihn zu suchen und so Wege aus der Gegenwart heraus zu finden.

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  Totensonntag 21.11.2021

Totensonntag 21.11.2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2021

Im fünften und letzten Buch Mose wird erzählt:
„Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo … und der Herr zeigte ihm das ganze Land und sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. … Und Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen. Und die Israeliten beweinten Mose in den Steppen Moabs dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war.“

Totensonntag 2021.
Vor einem Jahr haben wir gehofft, dass wir in diesem Jahr hier sitzen würden und zurückschauen auf eine schwere Zeit. Wir haben gehofft, dass die Impfungen uns Normalität zurückgeben und Menschen alt und lebenssatt sterben können. Wir haben gehofft, dass der Druck allmählich nachlässt und die Traurigkeit ihren Ort an den Gräbern hat – aber nicht in den Seelen der Menschen.
So ist es nicht gekommen. Im Gegenteil: in den nächsten Tagen werden wir die 100000-Marke überschreiten. Wenn für alle diese Toten ein weißes Kreuz aufgestellt würde, reichten sechs Verduns nicht aus – und das sind nur die unseren. Dazwischen streiten oder verstummen wir angesichts der unsäglichen Debatten über Freiheit und Verantwortung bzw. Freiheit ohne Verantwortung. Wir überhören die Warnungen – nicht nur der Wissenschaft sondern vor allem der erschöpften Pflegerinnen und Ärzte, Eltern und Sozialarbeiter.
Freiheit, Freiheit über alles –
Fleischtöpfe, Fußball, Exportgeschäft, Wahlkampf.
Nun stehen wir in der Wüste und die Kraft geht aus.
Fangen wir also beim Totensonntag an – vielleicht finden wir den Weg zum Ewigkeitssonntag. Zum Totensonntag gehört der Bericht über den Tod des Mose.
Sie haben ihn eben gehört.
Sein Leben begann als elternloses Kind. Statt der Geborgenheit einer dankbaren Familie treibt er auf den Wasser der Ungewissheit und landet im Schilf. Das Neugeborene hat Glück – sein Weinen wird gehört und es findet immerhin eine Pflegefamilie. Gestern Morgen habe ich einen Bericht aus der Charité gehört; dort wurde ein Kind geboren, dessen Mutter sich ungeimpft infiziert hat und gestorben ist. Es ist nicht die einzige Coronawaise…
Mose wird groß im fremden Land. So wie Kinder und Jugendliche, die ihre Heimat verloren haben, hier groß werden. Viele von ihnen haben den Anschluss verloren – nach einem Jahr ohne Schule ist die eben mühsam erworbene Sprachfertigkeit verkümmert. Eine Lehrerin in Wolfenbüttel erzählte mir, wie sie tagtäglich von Tür zu Tür ging, um wenigstens Kontakt zu halten.
Wie lange hat sie Kraft dafür?
Immerhin: Mose wird inmitten seines Volkes groß. Aber dem geht es schlecht. Man kam als Gastarbeiter – die Gastgeber haben Interesse an Arbeitskräften und ihren Ressourcen, nicht an Menschen. Deshalb schickt Gott den Mose zum Pharao. Er soll sein Volk freigeben – in ein besseres Leben. Freigeben in eine menschenfreundliche Zukunft mit Gottes Geboten: hört auf den einen Gott, ehrt ihn, bestehlt, belügt, tötet Euch nicht, haltet eure Gier im Zaum.
Selbstverwirklichung, Sicherheit, Wohlstand waren nicht gemeint.
Wir erleben gerade, wohin das führt.
Aber Mose wehrt sich. Ich kann nicht reden. Sagt er. Ich habe keine Stimme und keine Lobby. Ich werde nicht gehört, sondern angegriffen werden. Meine Rechte wird niemand verteidigen. Meine Not wird man übersehen.
Trotzdem, sagt Gott.
Und Mose rennt an gegen den verhärteten Pharao, der nichts begreift.
Mose rennt an und Gott macht den Ägyptern das Leben zur Hölle. Naturkatastrophen, Ungeziefer, Krankheit, Tod.
Erst dann – vermutlich aus Erschöpfung nicht aus Einsicht oder Menschlichkeit –hört der Pharao.
Der Weg in die Freiheit führt in die Wüste.
Was Besseres als den Tod finden sie dort allemal.
Mose geht vorneweg. Und erzählt vom Land der Freiheit. Er träumt davon, wie es sein wird, wenn es statt der ägyptischen Fleischtöpfe Milch und Honig gäbe. Er malt sich aus, wie das Miteinander gelingen könnte, wenn Menschen miteinander leben und füreinander sorgen - unter Gottes Segen. Er sehnt sich nach Gottes Freiheit, die nicht die der einen auf Kosten der anderen ist.
Diese Bilder geben ihm Hoffnung und Kraft in die Füße. Sie treiben ihn vorwärts.
Aber dann reichen seine Sehnsucht und sein moralischer Kompass nicht aus, um alle mitzunehmen. Die einen verweigern sich und die anderen haben nur ihre eigenen Bedürfnisse im Blick. Die Situation eskaliert. Man schmiedet das goldene Kalb - den menschengemachten Gott der Gier. Zur Strafe gibt es ein fürchterliches Blutbad. Viele werden nicht ankommen. Gott geht nicht mehr mit. Er würde sich sonst vergessen.
Und auch Mose wird das Land seiner Sehnsucht nicht betreten.
Aber Gott zeigt es ihm.
Er lässt den Mose auf einen Berg kommen. Dort kann er weit sehen. Dort stirbt er.
Mit 120 Jahren - aber nicht alt und schwach. Die Menschen trauern und weinen. Sie können das Unglück nicht begreifen und beugen sich unter Gottes Willen. Sie erleben wie wir auch: In seinen Händen liegt unsere Zeit. Wen er wann abberuft, liegt in seinem unerforschlichen Ratschluss. Ob einer zu lange leidet oder vor der Zeit gehen muss, ist eine Frage, die nur uns treibt. Und verhallt.
Gibt es nicht Tröstliches zu sagen?
Doch.
Zweierlei:
1. Die Zeit des Klagen und Weinens geht vorbei. Auch das hat Gott bemessen. Auch das ist endlich.
2. Mose hat das Land seiner Träume gesehen. Er weiß: es ist nicht nur ein Traum. Es ist wirklich da. Er weiß: Gott ist treu und sein Volk wird ankommen. Aber er muss es nicht erleben. Er muss nicht dabei sein, wenn aus Gottes gut eingerichteter Welt, dem Land der Freiheit, wo Milch und Honig fließen - eines wird, in dem wir Menschen wohnen.
Moses Augen sind noch klar. Er kann das sehen.
Mose hat noch Kraft. Aber er muss es nicht mehr machen.
Er darf heimgehen - in Gottes Herrlichkeit.
Das ist Gnade.
Und Ewigkeitssonntag.

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  Volkstrauertag 2021

Volkstrauertag 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.11.2021

Am Ende des Kirchenjahres geraten wir in eine strenge Sichtung: Wie steht es mit uns und unserem Tun und Lassen in dieser Welt? Was haben wir gemacht mit den anvertrauten Nächsten, den Gaben und Gütern in diesem Jahr? Was ist geworden aus den Begegnungen und Gesprächen, den Nachrichten, die uns aufgestört, angerührt und für einen Moment angefasst haben? Sind wir hart geworden oder nur dünnhäutig und ratlos?
Wo sind wir im November 2021?
Die Pandemie holt mit neuer Kraft aus. Unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft stößt schmerzhaft an Grenzen. Aus Glasgow werden müde Streiter ohne echte Ergebnisse nach Hause reisen. Und an den Grenzen Europas erleben wir nicht nur unsägliches Flüchtlingsleid, sondern auch das Scheitern westlicher, christlicher Werte.
Volkstrauertag.
Es gibt viel zu betrauern an verlorenen Chancen und Ressourcen. Es gibt viele Kränze abzulegen an den Gräbern unserer Ambitionen und Pläne, unserer Träume und Gewissheiten.
Der strenge Blick erkennt: Wir stehen mit beiden Beinen im Zementeimer und kommen nicht vorwärts, das Herz wird härter und der Mund schließt sich fester …
Dabei warten wir auf Advent und Weihnachten und hoffen, dass dann alles in freundlicherem Licht erscheint, wir milder gestimmt und auch ein bisschen weitherziger und großzügiger sein werden. Das wird – so hoffen wir - die Füße lockern und dann geht es wieder weiter und wir haben den schweren November geschafft. Es wird einfach wieder besser …
Dietrich Bonhoeffer würde das wohl „billige Gnade“ nennen. Und er meinte damit, dass wir uns einrichten in unserem Unvermögen und damit trösten, dass sowieso schon alles ein für alle Mal gut geworden ist. Als sollten wir nicht jetzt versuchen zu leben, wie Jesus Christus es vorgemacht hat anstatt nur darauf zu warten, dass der Stern, der ihn ankündigt, ganz von allein wieder vorbeikommt...
In meinem Exemplar von Bonhoeffers „Nachfolge“ liegt ein Zeitungsartikel vom 5. Februar 1946, mein Großvater muss ihn ausgeschnitten haben. „Leben ohne Ausflucht“ heißt er. Eberhard Bethge, der Freund und spätere Biograph zitiert Dietrich Bonhoeffer einen Tag nachdem dieser vierzig geworden wäre:
„Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr … verstehen gelernt: Der Christ hat nicht aus den irdischen Aufgaben und Schwierigkeiten immer noch eine letzte Ausflucht ins Ewige, sondern er muss das irdische Leben wie Christus ganz auskosten und nur indem er das tut, … ist er mit Christus gekreuzigt und auferstanden. Das Diesseitige darf nicht vorzeitig aufgehoben werden.“
Denn erst kommt das Leben hier. Es muss nicht überstanden sondern gefüllt werden.
Bonhoeffer sagte das nicht einfach so dahin. Seine Lebenszeit war voller schlimmer Ereignisse, die Zukunft verstellt von der drohenden Katastrophe, in die der Nationalsozialismus geradewegs hineinführte.
Er wusste, dass es darauf ankommen würde, was wir hier mit unserem Leben machen und hielt es für billig, Gottes Gnade als Lehre oder Prinzip zu verschleudern, weil die Rechnung ja eh schon beglichen ist - durch Jesu Sterben am Kreuz.
Das resignative Ausharren im Zementeimer kam für Bonhoeffer nicht infrage, weil er wusste, dass Gott aus allem etwas Segensreiches machen kann, weil er es für möglich hielt, dass wir ihn auch mit dem loben, was wir nicht gut machen und weil er fand, dass wir nicht aufhören sollten, alles zu versuchen - bis der letzte Tag anbricht.
Die Diesseitigkeit, das was hier und jetzt in unserem irdischen Leben geschieht, war ihm wichtig, denn Osten kommt nicht ohne Karfreitag, Weihnachten nicht ohne das Warten im Advent und Gottes Reich nicht ohne dass wir darauf hoffen und dafür etwas tun. Gnade kann man nicht erfahren, ohne dass man sich sehnsüchtig wünscht, frei zu werden von dem was uns begrenzt oder zu bereuen, was wir nicht gewagt und getan haben.
Deshalb brauchen wir diese letzten Tage im Kirchenjahr - es tut Not, sich dann und wann ernsthaft und ehrlich selbst zu befragen, vielleicht sogar: sich auszusöhnen, damit, dass wir hier so oft scheitern und stecken bleiben und schließlich sterben werden und trotzdem weitermachen sollen.
Nur so lässt sich erahnen, was für ein Trost, was für eine gute Nachricht es ist, dass unser Gott Mensch geworden und durch das Leben hier mitgegangen ist. Und weil mir das einleuchtet, kommt mir der Predigttext für diesen Sonntag komplett quer dazwischen. Denn Paulus schreibt (und das wird auch Dietrich Bonhoeffer gelesen haben):
„Wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte abgebrochen wird, dann haben wir einen Bau von Gott gebaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden - weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert… Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“
Es gibt sehr viel bessere Pauluskenner als mich. Vielleicht verstehe ich ihn nicht. Ich kann heute in seinen Zeilen nur hören: Unser irdisches Haus, diese Hütte hier - unser Leib wird zugrunde gehen und abgebrochen werden - weil wir alt und krank werden, verletzlich sind oder mutlos, beschwert vom eigenem Unvermögen. Das hat uns der strenge Blick gespiegelt. Und alles was ich vorhin gesagt habe über das Hier und Jetzt im November 2021 mag solches Seufzen gewesen sein.
Aber soll ich mich deshalb danach sehnen, dass alles hier ein Ende hat und ich endlich in Gottes Herrlichkeit eingehen darf?
Ich sehne mich doch vielmehr danach, dass es hier unter uns anders wird.
Alle meine Hoffnungen sind voller Bilder wie es hier in diesem Leben sein kann.
Ich erhoffe für meine Kinder hier ein erfülltes behütetes Leben.
Es prägt meine Hoffnung, dass Gott hier mitgeht, dass er unter uns Mensch wird, damit wir ein Bild davon haben, wie es hier gehen kann. Er ruft uns doch in die Nachfolge, weil wir zu etwas zu nütze sind.
Der strenge Blick ist meiner nicht seiner. Und meiner muss streng sein, damit die Gnade nicht billig verschleudert wird. Aber wie können wir das aushalten?
Einer, der sehr unerschrocken im Diesseits lebt und anpackt, schreibt: „Das Land der Zukunft, der Ort der Menschlichkeit ist besetzt. Es ist immer besetzt.“ Er schreibt das, weil die Israeliten in das Land, wo Milch und Honig fließen sollen ziehen und feststellen: dort ist schon jemand. Und er schließt daraus: wohin immer wir uns aufmachen, was immer wir anpacken - es sind immer schon Strukturen und Machtverhältnisse da, die stärker sind, es gibt immer einen Goliath. Das kann lähmen, so sehr, dass es zum Fürchten ist, zum Wegsehnen aus diesem maroden Haus.
Aber weil Gott im Diesseits gegenwärtig ist, kann aus Furcht vor den Umständen Gottesfurcht und damit Ehrfurcht werden. David hat eigentlich keine Chance - nur fünf glatte Steine. Aber er gewinnt - aus Ehrfurcht vor dem, was mit Gott hier und jetzt möglich ist. „Fürchtet Euch nicht, denn die Ehr-Furcht vor Gott soll Euch vor Augen stehen.“ (Ex 20,20) und da klingt Advent dann doch durch. So haben es die Hirten gehört. Und dann kann ich doch mit Paulus was anfangen, denn der schreibt weiter: „Wir wandeln im Glauben nicht im Schauen.“
Aber eben hier - bis Gott uns heimruft und mit lauter kostbarer Gnade überkleidet.

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  Erntedank 2021

Erntedank 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.10.2021

Erntedank - und wieder haben die Landfrauen den Altar geschmückt mit all den Früchten und Blüten, die Bäume und Sträucher, Wasser, Erde und Sonnenschein hervorgebracht haben. Gott selbst scheint - jedenfalls uns Städtern - den Tisch zu decken. Denn wären nicht die Landfrauen da und Du, liebe Catarina, dann würden wir womöglich glatt vergessen, wieviel Arbeit und Sorge, Verstand, Kraft und Schweiß in all dem drinstecken und heiligen, was Ihr auf den Altar gelegt habt. Wir dürfen das unsere dazu tun und vielleicht nehmen wir uns den Moment: einen gedanklichen Weg zum Altar - vor Gott bringen, was er uns und durch uns im letzten Jahr gegeben und möglich gemacht hat.
- Pause -
Und mittendrin Lea, ein herrliches gesundes Kind, das beim Taufgespräch den Kopf aus dem Wagen hob und mir so gespannt und fröhlich entgegensah, dass ich zumindest die Sorge los war, wie die ganz Kleinen denn Vertrauen in die Welt und zu Fremden finden wollen, wenn sie uns immer nur hinter Masken sehen.
Aber - und das gehört auch zu diesem Tag - manches ist verkümmert, nicht gelungen, verdorrt oder weggespült, achtlos von anderen zertreten oder vor der Zeit abgerissen worden: es gibt keine Garantie, dass sich unser Mühen lohnt, der Tisch gedeckt, ein Arbeitsleben erfolgreich und ein Liebe mit Kindern gesegnet sein wird, schon gar nicht, dass die gesunde glückliche Menschen werden.
Schließlich fällt dieser Erntedanktag auf den 3. Oktober - den Tag der Deutschen Einheit, ein Wunder und ein Geschenk, eine Herausforderung und auch die Ursache mancher verlorenen Ernte und wüster Gegend.
So sind wir hier an diesem Morgen und hören den Kindern zu, erleben eine Taufe, singen, beten, bitten und danken. Und als gute Protestanten geht es natürlich nicht ohne Predigt, dem ewigen Zwiegespräch zwischen dem, was wir erleben und dem was Gott dazu sagt, was andere aus diesem Hören und Fragen und Fragen und Hören geschlossen haben. Einer dieser Anderen ist Paulus - wir haben Verse aus einem seiner Briefe eben gehört. Auch er hat erlebt, dass wir mit Hingabe pflügen und streuen - aber Wachsen und Gedeihen nicht erzwingen können.
Und so schreibt er und beginnt mit dem einzig jedenfalls halbwegs verlässlichen Zusammenhang dabei:
„Wer kärglich sät, wird kärglich ernten.“
Glückspilze und Hasardeure ausgenommen, wird man dem beipflichten müssen. Wer sich nicht reinhängt, nicht investiert (egal ob es um Geld und Arbeitskraft oder Zeit, Liebe und Vertrauen geht) - der wird auch nichts rausbekommen: nicht auf dem Feld, nicht in der Politik, nicht in einer Liebesbeziehung.
Aber verlässlich ist es eben auch nur in dieser Richtung.
Wer reichlich sät, wird keineswegs mit Sicherheit reichlich ernten.
Ich will das nicht weiter ausmalen - dieser Tag heißt ja nicht - Missernteklage. Wir wissen es eh und sind beim Beschreiben als dessen, was misslungen oder an Lohn und Wertschätzung ausgeblieben ist, wo es einen Menschen immer wieder trifft, ohnehin unübertrefflich gut. Paulus kannte diese sehr menschliche Struktur sicherlich auch und beendet vielleicht deshalb seinen Gedanken so:
„Wer da sät im Segen, der wird auch im Segen ernten.“
Wer sät, was nicht nur durch unsere Hände geht sondern eben von Gott herkommt, der wird auch im Bewusstsein, dass wir nicht eins zu eins das Ergebnis unserer Händearbeit einfahren, ernten. Über Menge ist dabei nichts gesagt. Nur, aber was heißt „nur“, dass der ganze Prozess mit und unter Gottes Segen und damit zum Guten ablaufen kann.
Das ist in zweierlei Hinsicht ein wichtiger Gedanke:
Erstens hebt dieser Vers eine Sorge ins Bewusstsein, die Landfrauen sicherlich auch kennen, die in anderen Bereichen aber vermutlich noch viel schwerer lasten kann, nämlich die Angst, dass ich nicht weiß, ob die Früchte meiner Arbeit, Gedanken, Erfindungen, Erziehung womöglich zum Unheil für andere werden. Weil man sie eben missbrauchen oder in gefährliche Richtung weiterentwickeln kann. Es ist keine Entwarnung, die Paulus hier mitgibt aber doch immerhin der Verweis auf die einzig belastbare Rückkopplung in diesem Prozess: Wenn wir im Segen säen - also nach besten Wissen und Gewissen und ohne böse Absicht, dem Nächsten dienend und uns selbst, im Bewusstsein meiner eigenen Begrenztheit und Fehler - dann werden wir mit unserer Hände, Herzen und Köpfe Arbeit anderen durch Gottes Hilfe zum Segen werden.
Zweitens: „WER da sät…“ - es gibt einen bitteren Unterschied zwischen denen, die säen. Die einen tun es im Segen, die anderen nicht. Das liegt nicht in unserer Hand sondern bleibt in Gottes unerforschlichem Ratschluss. Wir können nicht verstehen, warum er manchen Menschen das Wirtschaften auf fruchtbarem Lebensboden versagt oder zerstörerische Früchte wachsen lässt, wir können nur hoffen, dass er sich unserer erbarmt. Aber vielleicht kann man in der Logik des Textes doch soweit gehen zu sagen: wer absichtlich kärglich sät (also etwas zurückhält, wissentlich schlechte Saat ausbringt oder absichtlich nicht tut, was er kann), der sät auch nicht im Segen?
Ja, sagt Paulus. Was wird bleibt unverfügbar und ist trotzdem nicht egal. Darum: „Ein jeder, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat und nicht mit Unwillen oder aus Zwang: denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“
Einen fröhlichen Geber, Menschen die in aller Freiheit säen - voller Zuversicht und ohne böse Absicht - hat Gott lieb. Das klingt leichter als es ist, denn Ich denke, hier ist nicht zuerst das leichtherzige Weiterschenken aus der eigenen Fülle gemeint. Hier geht es um die Haltung, mit der wir säen und unsere Lebenskraft, Kreativität und Zeit gegen Essen, Wohnen, Kleiden … und was man noch so mit den Früchten tun kann, tauschen.
Und die ist manchmal weit weg von Fröhlichkeit - immer dann, wenn der Handel nicht fair ist.
Auch darum ist Erntedank ein wichtiger Termin im Jahr - es geht ja nicht nur um den Blick zurück, auf das, was es gebracht hat - sondern auch um den Blick nach vorn um die Erntebitte, denn - so schreibt Paulus weiter:
„Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk … der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.“
Wären wir jetzt in der Schule, würde ich die altvordere Aufgabe erteilen: 10x abschreiben in Schönschrift und Auswendiglernen - zuerst kämen dann die Paten und Taufeltern dran und danach alle anderen bis es sitzt.
Denn so kann es gehen, was immer uns angetraut ist: ein Kind, ein Feld, Kochtöpfe oder eine Regierungsbildung, eine Kirchengemeinde, ein Bagger, ein Büro, ein Labor:
1. Vertrauen wir nicht auf Wachstumslogik sondern auf Gottes Gnade. Er kann Gnade reichlich schenken - nur deshalb werden wir zum Leben und darüberhinaus genug haben.
2. Reich werden wir nicht durch Besitz sondern durch jedes gute Werk, das Säen im Segen.
3. Gott gibt den Samen. Keiner sonst. Oder in Abwandlung des berühmten Böckenfördediktums: unser Säen und Ernten beruht auf Vorraussetzungen, die wir nicht selber schaffen können.
Und wenn wir das begriffen haben, dann bleibt nur noch fröhlich zu sein: denn einen fröhlichen Geber, fröhlich säende Menschen hat Gott lieb. Amen

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  Predigt zum Beginn der Interkulturellen Woche über Mt 15,21–28

Predigt zum Beginn der Interkulturellen Woche über Mt 15,21–28

Christoph Meyns, Landesbischof - 26.09.2021


Liebe Gemeinde!
Es ist der 4. September 1978. Mein erster Schultag als Austauschschüler
an einer amerikanischen High School in Kansas City. Das Gebäude ist
riesig. 1.700 Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 bis 12 wuseln durch
die Flure, unterhalten sich lauthals, lachen, scherzen, öffnen ihre Schließfächer,
nehmen ihre Bücher heraus und strömen in die Klassenräume.
Eine bunte Truppe, viele von ihnen Afro-Amerikaner. Ich verstehe kein
Wort, verlaufe mich auf dem Weg zur ersten Stunde, habe Mühe dem
Unterricht zu folgen. Zum Glück helfen mir meine Gastschwester Sarah
und meine Vertrauenslehrerin Mrs. Agniolli dabei, mich zurechtzufinden.
Erst Jahre später erfahre ich, worüber während meines Aufenthalts niemand
auch nur ein Wort verliert: Es ist ein historischer Tag. Denn mit
dem neuen Schuljahr wird die Rassentrennung im Schulbezirk nach 73
Jahren aufgehoben. Weiße und Schwarze besuchen das erste Mal seit 1905
gemeinsam eine Schule. In den beiden Schulchören, in denen ich mitsinge,
spielt die Hautfarbe keine Rolle. Auch nicht beim Sport. Aber der Disk
Jockey spielt beim Schulball abwechselnd Hits, die bei weißen oder bei
schwarzen Jugendlichen populär sind. Entsprechend tanzen Schülerinnen
und Schüler nach Hautfarben getrennt. Ich habe viel gelernt in diesem
Jahr über den Reichtum kultureller Vielfalt und über die Schwierigkeiten
im Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe,
kultureller Prägung und Religion.
An meine Erfahrungen als Austauschschüler musste ich in der Vorbereitung
auf diesen Gottesdienst denken. Denn ein Soziologe hatte bei einem
Vortrag in der vergangenen Woche darauf aufmerksam gemacht, dass der
Grad der Vielfalt in Deutschland inzwischen dem in den USA entspricht.
Die Interkulturelle Woche erinnert uns an die Chancen, aber auch die
Herausforderungen, die sich damit verbinden.
Davon erzählt auch die biblische Geschichte, die wir eben als Lesung
gehört haben. Jesus wandert mit seinen Jüngerinnen und Jüngern vom
See Genezareth nach Norden, über die Grenze in den heutigen Libanon
hinein, entlang der Mittelmeerküste, durch die Gegend rund um die Hafenstädte
Tyros und Sidon. Dort wohnen Menschen, die griechisch sprechen.
Sie opfern fremden Göttern und züchten Schweine. Die jüdischen
Gemeinden sind in der Minderheit. Jesus zieht von Synagoge zu Synagoge.
Dort predigt er von Gott als dem barmherzigen Vater und vom Reich
2
seiner Liebe, das schon so nahe ist, dass erste Vorzeichen davon in unsere
Realität hinein durchbrechen.
Als er nach einer seiner Predigten aus der Synagoge auf die Straße tritt,
wirft sich ihm eine einheimische Frau vor die Füße. Sie bittet ihn laut
schreiend um Hilfe für ihre kranke Tochter. Sie lässt sich nicht abdrängen.
Sie hört nicht auf zu schreien. Eine peinliche Szene. Und Jesus?
Schweigt: abweisend, unnahbar, kalt. Und als die Frau nicht aufhört, ihn
zu drängen, fällt das böse Wort von den Hunden, die man nicht vom
Tisch füttern soll.
Aber – und das ist das Erstaunliche – dabei bleibt es nicht. Die Frau gibt
einfach nicht auf. Bewundernswert. Ist es die tiefe Liebe zu ihrer Tochter,
die ihr die Kraft dazu gibt? Ist es die Kraft der Verzweiflung? Jedenfalls
dreht sie Jesus das Wort im Mund herum und bittet ihn erneut: „Aber
doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren
fallen.“ Da gibt Jesus sich schließlich geschlagen: „Frau, dein Glaube ist
groß, dir geschehe wie du willst!“
Die zunehmende Vielfalt unserer Gesellschaft ist eine Herausforderung:
für die Menschen, die zu uns kommen in gleicher Weise wie für uns Einheimische.
Was brauchen wir, um diese Herausforderung zu bewältigen?
Wenn wir der biblischen Geschichte von der Frau folgen, die Jesus um
Hilfe für ihre Tochter bittet, dann braucht es vor allem eines: einen großen
Glauben.
Ein großer Glaube, der an ein friedliches Zusammenleben trotz aller Unterschiede
glaubt. Ein großer Glaube, der keine Angst hat vor Menschen
fremder Sprache und Herkunft. Ein großer Glaube, der Hass und Gewalt
mit unendlichem Vertrauen, mit Zuversicht und mit Liebe begegnet. Ein
großer Glaube, der einfach nicht aufgibt. Ein großer Glaube, der immer
wieder Brücken baut über sprachliche, kulturelle und religiöser Gräben
hinweg. Ein großer Glaube, der mit weitem Herzen die Herausforderungen
annimmt und bewältigt, die sich daraus ergeben.
3
Noch vor allen Gesetzen und Rechtsverordnungen, vor allen kultur-, bildungsund
sozialpolitischen Programmen, vor allen Sprachkursen und Integrationsbemühungen
in Kindertagesstätten und Schulen, vor allen Konfliktlösungsansätzen
und noch vor dem Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit
und Rassismus beginnt alles mit diesem großen Glauben. Er beruft sich
nicht auf Erfahrungen, auf Realitäten oder auf den gesunden Menschenverstand.
Er ist voraussetzungslos einfach da und glaubt gegen jeden
Augenschein, gegen jeden Widerstand, gegen jede Enttäuschung daran,
dass die Liebe siegen wird.
Aus diesem Glauben wächst eine Zuversicht, die sich den Realitäten stellt
und trotz aller Niederlagen nicht aufgibt. Aus ihm heraus wächst die
Kraft, der Dynamik von Angst und Neid entgegenzutreten, die Herzen
eng macht, die abwertet und ausgrenzt. Aus ihm heraus wächst eine Haltung,
die sagen kann: „Wir schaffen das“ oder wie es zur Interkulturellen
Woche in diesem Jahr heißt: #offengeht.
Und das ist nötig. Denn eine offene Gesellschaft hat Feinde. Gruppierungen
nehmen nationalistische und völkische Ideen auf und fördern damit
Ausgrenzung und Spaltung. Sie schüren Ängste vor Zuwanderung und
Vielfalt und nähren so Hass und Gewalt.
Der Staat kann viel tun, um solchen Entwicklungen entgegenzutreten und
Integration zu fördern, indem er etwa gegen Rechtsradikalismus vorgeht
oder Beratung für Geflüchtete und Migranten sicherstellt. Und ich bin
sicher, dass auch eine neue Bundesregierung dafür Verantwortung übernehmen
wird. Am Ende aber geht es nicht ohne die Zivilgesellschaft,
ohne Unternehmen, Gewerkschaften, Kultureinrichtungen, Medien, Vereine
und Kirchen. Vor allem geht es nicht ohne den großen Glauben eines
jeden von uns, dass sich kulturelle Gräben überwinden lassen und dass
das Zusammenleben gelingen kann. Er bildet das Fundament für alles
andere. Aus ihm wächst der lange Atem und das Engagement, das es
dafür braucht.
Wer nach Südafrika reist, kann von Kapstadt aus mit dem Schiff in die
Tafelbucht hinausfahren und das Gefängnis auf Robben Island besuchen,
in dem Nelson Mandela von 1964 bis 1982 inhaftiert war. Die Zelle, in
der er gelebt hat ist klein, 2 mal 2 Meter. Jeden Tag, so erzählt er es in
seiner Autobiographie, sei er nach dem Aufstehen dort eine halbe Stunde
auf der Stelle gelaufen, um seinen Körper zu stärken und sich damit die
innere Widerstandskraft zu erhalten. 18 Jahre lang hat er das jeden Tag
praktiziert, hat sich den Glauben erhalten, dass es eines Tages gelingen
wird, die Apartheid zu überwinden, hat jeden faulen Kompromiss abgelehnt,
der ihm die Freiheit hätte bescheren können. Nach insgesamt 28
Jahren Haft kam Nelson Mandela 1990 frei. Am 9. Mai 1994 wurde er
zum erster schwarzer Präsidenten Südafrikas gewählt.
#offengeht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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  Kain und Abel

Kain und Abel

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.08.2021

Das Leben ist nicht fair.
So hat es Herbert Grönemeyer gesungen als die Mutter seiner Kinder an Krebs starb. So denke ich manchmal, wenn ich einer Lebensgeschichte zugehört habe, die von Krieg, Flucht und Heimweh geprägt ist. Das frage ich mich, wenn ich warmherzige tatkräftige Frauen erlebe, die sich immer wieder verletzen lassen, weil irgendjemand irgendwann ihr Selbstbewusstsein zerstört hat. Das verwirrt mich, wenn ich sehe in welchem Reichtum Manche vollkommen unbedarft und arglos leben ohne je einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das gerecht ist.
Das mag ich nicht zu Ende denken mit Blick auf Afghanistan…
Unverdientes Glück, dass mein Kind da nicht dienen musste.
Unverdientes Glück, dass die Angst um geliebte Menschen nicht an meinem Herzen frisst und es nicht an mir war, Entscheidungen zu treffen oder zu hinterfragen.
Das Leben ist nicht fair.
War es schon immer nicht.
Die Bibel erzählt von Adam und Eva, die das vollkommene Leben verwirkt haben, weil es ihnen irgendwie nicht genügt hat. Gott verweist sie seiner heilen Welt und straft sie mit der Realität: Arbeit ohne Erfolgsgarantie, Schweiß und Schmerz, Scham und Sterben. Das trifft sie beide und nach ihnen alle. Das Leben ist nicht fair.
Mit der Ungleichheit als Prinzip sind schon die allerersten Seiten der Bibel voll, der Urgeschichte all unserer Fragen und Konflikte:
„Eva wurde schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.“
Adam und Eva bekommen einen Sohn und die Freude ist überschwänglich. „Ich habe einen Mann gewonnen“ sagt Eva. Kain, der „Erworbene.“ Nicht geschenkt. Schon eher verdient - nach entsprechendem Einsatz. Die Rechnung stimmt – für Eva jedenfalls.
Und dann kommt Abel. Noch einer. Einer, von den vielen, die geboren werden und sterben und dazwischen mehr oder weniger behaust über die Erde ziehen. Immerhin, er ist nicht namenlos. Aber sein Name ist Programm: „Der Windhauch“, heißt er. „Der Vergängliche.“
„Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.“ Kain beackert – seinen? - Grund und Boden, hat Wurzeln und ein Zuhause. Und Abel? Der zieht umher mit seinen Herden, bleibt nirgendwo, hinterlässt kaum Spuren, der Vergängliche eben.
Das Leben ist nicht fair.
Dass es gerecht zugeht, jeder seines Glückes Schmied sein kann, die gleichen Chancen bekommt oder das, was er verdient – wie kommen wir eigentlich darauf, dass die Welt so eingerichtet wäre?
Und auch: Wer sagt, dass geborene Verlierer vom Leben betrogen werden müssen oder geborene Sieger zwingend auf der Sonnenseite bleiben, mit Erbrecht.
Von Kain und Abel jedenfalls wissen wir wenig mehr, als dass sie auf unterschiedliche Weise versucht haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie beide brauchen, so erzählt es die alte Geschichte „etliche Zeit“ bis sie überhaupt Erträge ihrer Arbeit sehen. Und dann: „brachte Kain dem Herrn von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“
Unfassbar! Ist Gott selbst die Ursache von all dem Leid, das Menschen sich gegenseitig antun? Provoziert er es gar? Ist die Strafe, in der wirklichen Welt leben zu müssen – jenseits des Paradieses - eigentlich die? Mit Krieg und Mord und Totschlag?
Das mag man nicht erleben und nicht denken. Aber genauso kommt es.
Der Frust, der Neid, der Zorn, dass das nicht fair ist, geht mit Kain durch und so ermordet er seinen Bruder. Nicht aus Notwehr, nicht aus Gründen, die wir mühsam „gerechten Krieg“ nennen – sondern aus niedrigsten Motiven.
Es gibt Auslegungsversuche, Gott oder doch wenigstens das eigene Gottesbild aus der Schusslinie zu nehmen und zu erklären, warum der Kains Opfer nicht angesehen hat.
Einer ist dieser: Es waren Erstlingsopfer, keine Dankopfer. Sie sind eine Bitte um das Gelingen der Arbeit. Dass die Ernte trotz aller Mühe ausbleiben kann, ist eine der Ungleichheitserfahrungen unserer Welt. Es ist nicht fair.
Gottes weiß und sieht, dass es unter uns so ist. Opfer jeder Art ändern das nicht. Deshalb muss es nicht für immer bei Abel gut und bei Kain schlecht laufen. Aber dieses Mal.
Ein anderer Deutungsversuch sagt:
Gott sieht den Abel. Zu ihm schaut er hin. Ganz und gar. Darum sieht er Kain jetzt nicht. Vielleicht hat das also mit Kain viel weniger zu tun als der denkt. Schlussfolgert Kain falsch, wenn er denkt, weil Gott jetzt den Abel sieht bin ich ihm egal?
So kann man es versuchen, aber das wird kaum dazu beitragen, aus dieser alten schlimmen Geschichte etwas zu ziehen, das uns zum Leben hilft.
Denn einerseits sind Gottes Beweggründe ohnehin jenseits dessen, was wir verstehen können - ich sage es am Ende jeder Predigt. Und andererseits: steckt in uns allen nicht auch ein Kain?
„Der ergrimmt und senkte finster seinen Blick. Da sprach Gott: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür; du aber herrsche über sie!“
Jetzt wendet sich Gott dem Kain zu. Er sieht seinen Neid und seinen Zorn. Das Leben ist nicht fair. Ja. Aber lass dich davon nicht beherrschen! Lass diese Wahrnehmung nicht groß werden in deinem Leben! Wenn Du dich treiben lässt vom Vergleich, von Neid und Frust, von dem Gefühl benachteiligt und vernachlässigt zu sein, dann wirst du Früchte des Zorns ernten, dann schreit das Blut!
Dann wirst Du nicht sehen, was gut ist und gelingt.
Wenn es uns gelingt durch Gottes Augen auf die Welt und unsere Geschwister und nicht immer nur auf uns selbst zu sehen, dann hätte Kain vielleicht durch Gottes Augen voller Stolz und Liebe und nicht voller Neid auf seinen kleinen Bruder geguckt. Es wäre nicht weniger ungerecht gewesen aber anders weitergegangen!
Es liegt auch an uns, welche Folgen die Ungleichheit hat!
Zuletzt: Es ist eine Geschichte, in der zuviel geschwiegen wird. Kain antwortet Gott nicht. Er spricht auch nicht mit Abel. Er schlägt zu. Gewalt wirkt. Aber sie klärt nichts. Nichts ist gut.
Kann macht sich schuldig.
Dabei hätte er seines Bruders Hüter sein sollen.
Jetzt ist das Zeichen auf seiner Stirn, die Bitte an alle anderen, die es nun in der Hand haben, ihn zu hüten und zu schonen. Ihn zu sehen.
Werden so aus Einzelkämpfern doch noch Geschwister?
Es ist eine große schlimme Schuldgeschichte.
Eine voller verhängnisvollem Schweigen.
Aber Zukunft möglich. Es gibt eine zweite wieder unverdiente Chance.
Kain gründet die erste Stadt - Inbegriff eines Gemeinwesens, das auf Zusammenleben und Kommunikation ausgerichtet ist, darauf dass wir uns sehen und gegenseitig hüten.

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  10.S.n. Trinitatis

10.S.n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.08.2021

Heute ist „Israelsonntag“. Es geht um das Gottesvolk. Es geht um die uralte Geschichte des Volkes Israel, in der auch wir uns wiedererkennen, die heute noch Geschichte prägt und ferne Vergangenheit ist.
Hören wir aus dem 2. Buch Mose::
„Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.“
Im dritten Monat. Genau an diesem Tag. Präzise datierbar erweist Gott sich in der Weltgeschichte. Sein Volk, Menschen, mit denen er durch die Zeit geht, sind nicht aller irdischen Probleme ledig oder herausgehoben aus all dem. Ganz im Gegenteil – Blüte und Niedergang, Krieg und Frieden, Unterjochung und Vertreibung, Naturgewalten, Krankheiten, nationale Katastrophen gehören dazu. Wir leben nicht im Paradies und nicht im Garten Eden, sondern in der Zeit, mit Sorgen und Nöten, Erfolg und Scheitern, Glück… und Daten auf dem Grabstein, die eine bestimmte Epoche markieren.
In diesem Bewusstsein hat sich Generation zu Generation weitererzählt, was geschehen ist. Menschen haben sich im Schicksal ihrer Vorfahren wiedererkannt und Gottes Spuren lesen gelernt. Sie haben ihn - wie wir oft auch - vergessen, wenn es gut lief und mit ihm gehadert, wenn es schlecht ging, sie haben ihm überraschende Rettung gedankt.
So muss es damals in der Wüste auch gewesen sein. Ich stelle mir vor:
Die Zeit in Ägypten liegt lange zurück, die Sklaverei, die Heuschrecken, die Krankheit, das Sterben. Und auch: die Euphorie der Rettung am Schilfmeer, die Befriedigung über die Niederlage der Bedrücker. Freiheit war wirklich möglich geworden! Sie sind ins Weite aufgebrochen und haben an blühende Landschaften geglaubt. Klaus Peter Hertzsch hat nach einer ähnlichen Erfahrung im letzten Jahrhundert geschrieben:
„Die neuen Tage öffnen ihre Türen / Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen: / Der erste Schritt. Ins Land. Zum Horizont.“
Aufbruch. Sich hochrappeln und losgehen. Schwere Zeit hinter sich lassen, wieder aufbauen. Schritt für Schritt. Manchmal sogar beflügelt: einen historischen Moment miterlebt! So wandern wir durch Alltage und Festtage, mal leichten und mal schweren Herzens und Fußes. Wir haben nur das eine Leben. Es wird Abend und Morgen, ein neuer Tag. Aufstehen, weiter geht‘s.
Und zwischen uns die Nörgler, Besserwisser, die Pessimisten...
Aber mindestens einer ist immer da, der die Idee nährt, dass es lohnt zu gehen und mitzumachen, dass es nicht für umsonst ist.
Mindestens einer ist immer da, der träumt und mit seinem Traum andere mitreißt: ein vereinigtes Deutschland, ein starkes Europa, eine gerechte Gesellschaft, ein liebenswertes sanftmütiges kreatives Land, in dem auch unsere Enkel noch wohnen können, sauberes Wasser, gute Luft.
Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Dorthin geht es: Schritt für Schritt.
Aber dann kommen andere Tage. Und es geht nichts. Die Ernte verloren und das Schuljahr, das Weihnachtsgeschäft und die Wahl. Man beginnt rumzustolpern und den Sinn vom Ganzen infrage zu stellen. Ressourcen werden knapp. Kräfte erst recht. Der Blick zurück zeigt eine endlose Reihe von Menschen, die scheinbar auf der Stelle treten und wenn es gut ging, ist deren Leben Mühe und Arbeit gewesen.
So war es immer und wird sich nie ändern. Es lohnt sich nicht.
Ist das die Stimme des Versuchers?
Jetzt hast du dich so weit geschleppt, und nun?
Jetzt hast du dich doch noch mal aufgerappelt, und wofür?
Jetzt hast du gedacht, Gott führt dich in die Freiheit.
Es kommt sein Reich. Es kommt sein Frieden.
Und wo hat dich das alles hingebracht?
An den Fuß eines Berges. Na super. Sollen wir da jetzt etwa auch noch rauf?
Heute nicht mehr. Wir nicht mehr. Dann lieber lagern und bleiben. Es ist wie es ist. Die nächsten können wieder einen Anlauf machen. Wege ins Weite… - Lernen wie in Helsinki, Fahrradfahren wie in Kopenhagen, Wohnen wie in Wien – so kleben die Plakate derzeit auf meinem Weg.
Und darunter lagern sie. Hängen durch. Hochsaison für Kritiker.
Aber wie gesagt: es gibt immer einen, der träumt, der liebt, der noch was kann.
Es gibt immer noch einen, der fühlt sich gerufen. Vom Berg, vom Horizont. Getrieben von einer unbegreiflichen Motivation, dem Gewissen, Glauben sogar!
Der steigt hoch. Er hat ja nur ein Leben.
Und weiter wird erzählt.
„Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“
Mose sucht Gott, noch immer. Er rechnet mit ihm und erfährt ihn als Gegenüber.
Gott ruft ihm entgegen als hätte er gewartet. Hier. Jetzt. Am Auftsieg aber noch vor dem Gipfel. Datierbar.
Und Gott erinnert den Mose, dass alle erlebt haben, wie er Israels geleitet und beschützt hat. Und sagt damit: Richte das denen aus, die meinen sie hätten es aus eigener Kraft geschafft und auch denen, die bezweifeln, dass ich da bin oder mich kleineren. Richte das denen aus, die nicht mehr können oder wollen. Und dann sagt Gott:
„Ihr habt gesehen … wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“
Von wegen hergeschleppt. Allein und aus eigener Kraft. Auf Adlerflügeln geflogen seid Ihr! Hierher. Das glaubt ihr nicht? Das fühlt sich nicht so an?
Besonders Textkundige könnten jetzt sagen: Stimmt ja auch nicht. Wer das Hebräische genau liest, merkt, es waren vermutlich Geierflügel. Was da als Adler gelesen wird, war wohl ein Gänsegeier….
Es gibt Auslegungen, die das betonen, denn Geier sollen ganz besonders fürsorgliche Eltern sein. Gott hatte seine Menschen mit Wachteln und Manna gefüttert, sie begleitet als Wolken und Feuersäule - fürsorglich, Tag und Nacht, wie eine gute Mutter, ein guter Vater. Darum haben wir es bis hierher geschafft. So kann man denken und lesen.
Andere halten am Adler fest, denn nur der trägt seine Jungen auf den den Flügeln und nicht unter sich - nur der hat nichts zu fürchten von oben, nur von unten…. - dem kann nichts Böses von Menschen widerfahren, der ist in Gottes Hand geborgen - beim Flug durch die Zeit. Ihr habt es gesehen!!!
Hab ich das? hab ich die Momente der Bewahrung gesehen, die Fürsorge, den Segen?
Von den Hirten in der Weihnachtsgeschichte wird erzählt, dass sie nachdem sie „gesehen“ hatten, das Wort ausbreiteten, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Sie kehrten wieder um und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.
Ihre Füße werden immer noch staubig gewesen sein, ihre Unterkunft bescheiden, ihr Leben Mühe und Arbeit. Aber dass sie all das erleben durften, dass ihr eines Lebens solche Fülle barg - vielleicht sind sie doch ein Stück geflogen.
Oder ist es mit Klaus Peter Hertzsch eher so:
„Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen. / Doch gehen wir los. Doch reiht sich Schritt an Schritt. / Und wir verstehn zuletzt: das Ziel ist mitgegangen; denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen, / der Herr der Zeit geht alle Tage mit.“


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  9. S. nach Trinitatis

9. S. nach Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.08.2021

Wenn eine Geschichte aus dem Zusammenhang gerissen wird, dann ist es nicht verwunderlich, wenn man eigenes Erleben als Hintergrund und Resonanzraum ergänzt. Andernfalls fliegt sie vorbei, berührt uns nicht.
Der Predigttext für diesen Sonntag aus dem Matthäusevangelium wird Sie deshalb wahrscheinlich genauso unmittelbar anspringen, wie mich beim ersten Lesen: „Wer nun diese meine Rede hört und entsprechend handelt, wird einer klugen Frau, einem vernünftigen Mann ähnlich sein, die ihr Haus auf Felsen bauten. Und Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen und überfallen dieses Haus – und es stürzt nicht ein! Denn es ist auf Felsen gegründet. Wer nun diese meine Worte hört und sie nicht befolgt, wird einer unvernünftigen Frau, einem dummen Mann ähnlich sein, die ihr Haus auf Sand bauten. Und Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen und prallen an dieses Haus – da stürzt es in einem gewaltigen Zusammenbruch ein!«
Das haben wir gerade erlebt und die aktuelle Deutung heißt dann:
Wer sein Haus zu nah am Fluss oder am Hang gebaut hat, wer sein Auto unter Bäumen parkt, wer… - der muss sich nicht wundern, wenn das Unwetter alles wegreißt.
Wer nicht hören will, dass eine Jahrhundertflut die nächste jagt, ein Hitzerekord auf den nächsten folgt genauso wie ein Sturmtief auf ein anderes. Wer also nicht zur Kenntnis nehmen will, dass unser gemäßigtes Klima zunehmend zu Extremen neigt, der wird böse überrascht, wenn nicht noch schlimmer.
„Der“ und „man“ sind dabei wir alle - nicht nur die, deren Leben aus den Fugen geraten ist.
Ja, mag man antworten und sich hartherzig angesprochen und unverstanden fühlen; solche Katastrophe hat erstens keiner kommen sehen und zweitens hat es keineswegs nur die Häuser in potentiellen Überschwemmungsgebieten getroffen, sondern auch solche, die sicher standen.
Dieses Mal sieht es nicht so aus, wie nach dem Elbe-Hochwasser vor zwanzig Jahren in Dresden - da konnte man geradeso trockenen Fußes auf dem Hausstein der alten Bischofskanzlei in Blasewitz sitzen und den Unterschied sehen: Die alten Villen standen - oft auf einen Felssporn - hochwasserfest und klug gegründet. Die jüngeren Häuser dazwischen versanken im Wasser, falsches Fundament eben.
Dieses Mal - im Westen und Südwesten - traf es alle.
Egal, wie einer gerüstet war für den Fall, dass womöglich das Wetter kommt. Es machte keinen Unterschied. Wie auch? Und da hakt sich der alte Text ein:
Es hieß nicht: wenn dann ein Platzregen fallen sollte…
Jesus Christus sagt vielmehr: „Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse, Stürme wehen“ - so wird es sein. Es ist keine Frage des „ob“. Das Wasser, die Bewährungsprobe für das Fundament kommt in jedem Fall und betrifft alle, Häuslebauer oder nicht.
Haus auf Stein oder Haus auf Sand.
Es geht nicht um das Gehäuse, in dem wir leben.
Es geht um unser Lebenshaus schlechthin.
Es geht um das Fundament unseres Lebens.
Es geht um das Bewusstsein dafür, wie gut unser Lebenshaus gegründet ist.
Aber haben wir das überhaupt in der Hand? Jedenfalls was das Fundament betrifft?
Finden wir uns da nicht vielmehr vor, die einen auf Fels, die anderen auf Sand?
Bei manchen Menschen ist dieses Fundament unerschütterlich stabil, weil die Familie heil ist, die Gesundheit robust, die materiellen Verhältnisse üppig. Wer hat eine Art Elementarsschadenversicherung - von vornherein.
Andere dagegen werden in wacklige Verhältnisse geboren, sind Katastrophen ungeschützt ausgeliefert, immer wieder gefährdet.
Keiner von beiden hat irgendetwas dafür getan, dass sein Lebenshaus so oder so gegründet ist. Erst recht funktioniert die Zuordnung von wegen klug oder töricht so nicht. Eher beschreibt der Text auf den zweiten Blick sehr realistisch, dass einem Menschen, der unter schwierigen Umständen starten muss, Angst und Not drohen. Falsch wäre das nicht. Aber warum sollte Jesus Christus, der doch immer denen besonders nah war und ist, deren Lebenshaus gefährdet ist, die aus eigener Kraft nicht weiterwissen und -können, auf einmal solche Ungerechtigkeit festschreiben?
So stehen wir vor ein paar bildgewaltigen Versen und wehren eine fragwürdige Aktualisierung ab.
Neuer Anlauf zum Text. Der dritte:
„Wer diese meine Rede hört und tut sie, der wird einem Menschen ähnlich…“
Der wird einem Menschen ähnlich, der klug oder töricht ist….
Er ist es nicht. Noch nicht.
Es geht nicht darum, wo wir herkommen.
Es geht darum, wer wir sein und wem wir ähnlich werden.
Es geht darum, ob wir hören und handeln.
Kurzsichtig und tief eingegraben in unsere eigenen Lebensbezüge überhören wir womöglich aus lauter Angst um Haus und Hof, aus Sorge um Zukunft und Lebenschancen das Wichtigste:
„Wer diese meine Rede hört und tut sie…“
DAS ist der Zusammenhang auf den es ankommt. Immer.
Damals und heute braucht es viele Anläufe und Umwege bis die Nachricht durch das Getöse des Lebens zu uns durchdringt: wir sind dann fest gegründet, wenn wir auf Jesus Christus hören und das tun, was er sagt. Wir werden dann klugen und verständigen Menschen immer ähnlicher, wenn wir seine Ansagen zum Maßstab unseres Handelns machen.
Es geht nicht um den Felssporn für unsere Trutzburg. Wir müssen die Zumutung aushalten, dass es von sehr vorläufiger Bedeutung ist, ob wir auf dem Hausstein einer solide gebauten immer noch sehr wertvollen Villa sitzen oder mit den Füßen im Wasser stehen.
Eine harte und zynische Haltung? Ja, wenn man den Zusammenhang nicht sieht.
„Wer diese meine Rede hört…“
Es ist vielleicht die berühmteste Rede überhaupt, die Jesus gerade gehalten hat:
Die Bergpredigt.
Wer einem klugen Menschen ähnlich werden will, wessen Lebenshaus gut gegründet sein soll, wer Sturm Wasser nicht fürchten muss, der höre Folgendes und handle danach:
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden …
Wahrlich, ich sage euch … wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder… Vertrage dich sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist. …
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern … sondern so beten: Vater unser, unser tägliches Brot gib uns heute und führe uns nicht in Versuchung. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie fressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz….“
Es ist eine lange Rede. Sie zu hören und danach leben ist ein lebenslanger Prozess, ein langsames Ähnlichwerden mit denen, die wir sein sollen - ohne Angst vor Sturm und Wasser aber verantwortlich für das, was wir tun und lassen.
Amen





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  8. Sonntag n. Trinitatis

8. Sonntag n. Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.07.2021

Friedrich Rückert dichtete:
„Du meine Seele, du mein Herz, / Du meine Wonn, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe, / Mein Himmel du, darein ich schwebe,
Du bist die Ruh, du bist der Frieden, / Du bist der Himmel mir beschieden. …
Daß du mich liebst, macht mich mir wert, / Dein Blick hat mich vor mir verklärt … Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“
Das klingt nach: Ohne Dich ist alles nichts! Durch dich ist alles möglich!
Oder wie im Evangelium eben:
Du bist das Salz der Erde!
Du bist das Licht der Welt!
Durch dich wird die Welt hell, hat das Leben Geschmack und Kraft.
Ohne Salz und ohne Licht will und kann keiner leben. Was für eine Liebeserklärung!
Ein Mensch macht sie einem anderen. Gott uns.
Mehr braucht es nicht…
Aber Liebende sehnen sich nach Bestätigung, nach Antwort. Liebe will sich verströmen. Sie ist kein Besitz, der wie ein Schmuckstück glänzend und kostbar bleibt. Auch ungetragen. Im Gegenteil: sie ist eine Kraft, die Früchte tragen und die Zukunft ausleuchten will. Sie treibt uns vor sich her. Friedrich Rückert endet:
„Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“
Eine Welt, in der Menschen lieben, muss doch eine bessere werden! So viel Liebe kann doch nicht folgenlos bleiben!
Darum heißt es an diesem Sonntag auch:
Lebt wie Geliebte! Lebt als Kinder des Lichts! Lebt und sorgt dafür, dass Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit die Welt erfüllen, lasst leuchten!!!
Das muss die Welt doch merken: jede, jeder von uns ein Kind der Liebe!
Und wie gut das tut - umgeben von Liebe zu sein!
Dann wenn wir uns elend und mutterseelenallein fühlen.
Dann, wenn das Gebälk wackelt und das Haus nicht mehr sicher steht, wenn wir verunsichert sind durch das, was geschieht, wenn wir uns und unser Tun infragegestellt erleben. Es tut gut, sich ein bisschen besser angesehen zu wissen als wir selbst uns finden. Das tröstet uns auch über uns selbst. Liebe ist ja keine Augenwischerei sondern Ermutigung.
Aber da kommt Paulus.
Einer, der so sehr dafür gearbeitet hat, alles richtig zu machen und der so mächtig zwischen Selbstliebe und Selbsthass hin- und herschwankt. Einer, der unglaubliche Worte - das Hohelied - für die Liebe gefunden hat, der Liebe denken können will. Einer, der seine eigene Liebesbedürftigkeit verbirgt und sich doch so sehr wünscht, dass Menschen so als Geliebte miteinander leben, wie es Gott gefällt.
Einer, der so radikal denkt, dass Enttäuschung vorprogrammiert ist.
Paulus sieht Gottes geliebte Kinder, die Licht der Welt und Salz der Erde sein sollen.
Und er kann sie sich nicht schönsehen. Also schreibt er:
„Ihr wisst offenbar nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben.“
Das ist wahrlich kein verliebter Blick, auch kein liebevoller.
Paulus sieht Menschen, die ihr Herz an Anderes gehängt haben als an Gott; er sieht solche, die ihre Beziehungen und andere Menschen mit ihrem Begehren zerstören, die kein Maß kennen und keine Grenze. Man könnte sich rausreden und sagen: er sieht die antike Gesellschaft - aber uns schwant: Er würde nicht groß anders klingen, wenn er uns vor Augen hätte: Auch wir leben auf Kosten anderer und unser Reichtum hat seinen - bedenklichen - Preis. Auch wir spotten und lästern, reden böse, missbrauchen Macht und Vertrauen. Wir begehren, was uns nicht zusteht. Wir sind mithin keine geeigneten Bewohnerinnern des Reiches Gottes.
Wenn die Welt durch uns heller und charaktervoller werden soll, wird es noch lange fad und schummrig bleiben. Das weiß Paulus. Aber er ist ein Kämpfer, ein unermüdlicher Überzeugungstäter, einer der weiter sieht. Darum braucht und will er ein „aber“.
Aber: so müsste es nicht sein!
Aber: Ihr habt ganz andere Vorraussetzungen
Aber ihr seid doch „reingewaschen, geheiligt und gerecht!“ So schreibt er.
Denn das ist der Kern unseres Glaubens und das Herzstück der paulinischen Theologie: Gott sieht nicht die, die wir sind, sondern die die wir sein sollen. Er liebt uns. Noch einmal Friedrich Rückert: „Daß du mich liebst, macht mich mir wert…“ und das heißt doch: wir dürfen durch Gottes Augen auf uns in warmem Licht sehen und uns neu begreifen. Gott schenkt uns Würde und Freiheit! Er hält uns noch immer und trotz allem für brauchbar, Licht der Welt und der Erde zu sein - segensreich für das hier und jetzt.
Wohlgemerkt! Das schreibt derselbe Paulus, der sich von Dieben und anderen fragwürdigen Figuren umgeben sieht. Das schreibt der Mann, der mit ganzer Seele und aller seiner Kraft gedacht hat, dass strengste Gesetze helfen, in der Spur zu bleiben und dabei gescheitert ist. Das schreibt der, der bis zum Zusammenbruch versucht hat, ein guter Mensch zu sein und dann gemerkt hat: er kann mit Menschen- und Engelszungen reden, aber er hat die Liebe nicht.
Erst musste er sich zu dem bekennen, der die Gescheiterten, in Not geratenen, Kranken und Kraftlosen besonders liebte: Jesus Christus
Der Glaube an ihn hilft ihm, den Missmut und Frust, den Eifer und Zorn loszuwerden.
Dieser Glaube hilft ihm, barmherzig zu sein mit Anderen und mit sich selbst.
Dieser Glaube hilft ihm, Frieden damit zu schließen, wie Menschen nun mal sind und trotzdem nicht aufzugeben.
So versucht er es noch einmal anders und zeigt nicht mehr mit dem Finger auf andere. Er verzichtet auf das moralinsaure Urteil und sich die Selbstüberhebung. Er versucht nicht gerechter als der rechtfertigende Gott zu sein. Jetzt sagt er: versucht es inmitten dieser verrückten, verführerischen, inkonsequenten, korrupten, zerstörerischen, herrlichen Welt so: Sagt Euch: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“
Ja, es geht Vieles. Es ist nicht verboten von dieser Welt zu sein und sich an dem zu freuen, zu genießen, was das Leben uns schenkt. Aber: lass dich nicht beherrschen! Und weil es alles mit dem Leben hier und jetzt zu tun hat, darum merkt ihr ob das gelingt an eurem eigenen Leib.
„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist.“
Seid gut zu Euch selbst. Glaubt nicht, der Leib sei nicht wichtig, sondern nur mühselige Zutat, in jämmerlichem Zustand, mehr Last als Freude und ohnehin stets im Rückbau begriffen. Unser Körper macht uns wirklich! Wir sind nicht nur Gottes gute Ideen, sondern seine sehr echten geliebten Menschen.
Wir sind Licht und Salz, füreinander und für die Welt. Denn:
„Daß du mich liebst, macht mich mir wert, / Dein Blick hat mich vor mir verklärt…Du hebst mich liebend über mich, / Mein guter Geist, mein bessres Ich!“


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  4.So.n. Trinitatis - Josef

4.So.n. Trinitatis - Josef

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.06.2021

Einer trage des Anderen Last, was siehst Du den Splitter im Auge der Anderen und nicht den Balken in deinem Auge - so klingt es an diesem Sonntag in den alten Worten, die noch immer bedeuten:
Das, was Andere zu tragen haben, betrifft mich auch - so oder so. Entweder, weil sich ein Mensch neben mir mit einer Bürde abmüht, die er allein nicht tragen kann oder weil seine Last mit mir zu tun hat. Und auch: Das, was Andere falsch machen, kann fraglos falsch sein - vielleicht sehe ich es sogar deutlicher, weil ich nicht in drin stecke aber das bedeutet noch lange nicht, dass das, was ich tue nicht auch falsch ist, vielleicht sogar noch schlechter und ich in meiner Haut schon gar nicht gut sehn und beurteilen kann, was andere durchzustehen oder zu entscheiden haben.
All das birgt Gefahr, unerbittlich gegenüber anderen zu werden; ist Grund für Vergebungsbedürftigkeit.
Davon erzählt auch der Predigttext: die Josefsgeschichte. Vielleicht als hilfreiche Illustration, vielleicht auch als weiteres Fragezeichen.
Ich gehe mal davon aus, dass jedenfalls alle hier, die in der Domsingschule großgeworden sind, irgendwann auch das Josefmusical gesungen haben: „Simeon und Sebulon und Issachar gab‘s schon, da bekam auch Rahel endlich ihren ersten Sohn - Josef, der kleine Josef, von Anfang an des Vaters Lieblingskind“. Ging es da los? Mit großem Abstand kommt noch ein Prinzchen hinterher. In manchen Familien gab es nach dem Krieg solch ein „Friedenskind“. Die Nesthäkchen werden verwöhnt und verhätschelt, müssen sich nicht mehr mit den altersmilden oder schlappen Eltern abkämpfen, längst sind die Spielregeln und Freiräume durchgesetzt, so denken es die Großen, die staunend erleben, dass manches bei weitem komfortabler für die Kleinen läuft.
Gut möglich, dass da ein Balken im Auge die Sicht trübt.
Denn so sonnig ist der Platz auf der Bank im Abendsonnenschein gar nicht. Dort nagt das Gefühl, immer nicht dabei gewesen zu sein, wenn die Großen Geschichten von früher erzählen und Erinnerungen teilen. Im Nachzüglerparadies wurmt, dass mancher Fortschritt und Erfolg, der bei den Großen noch mit Aaahs und Oohs bestaunt und dokumentiert wurde, nun kaum mehr wahrgenommen wird. Alles schon mal dagewesen. Und wenn dann die Oma stirbt, dass wissen die Großen schon, was wertvoll ist oder zur Familiengeschichte gehört und der Kleine wird das Gefühl nicht los, irgendwie übers Ohr gehauen worden zu sein...
So leicht ist nicht auszumachen, wer wessen Last trägt - und auch Eltern haben ihre blinden Flecken und meinen, an den richtigen Stellen zu korrigieren - aber: siehe oben...
So oder so ähnlich mag es auch in der alttestamentlichen Familie um Josef und seine Brüder zugegangen sein und wir wissen, wie es weitergeht:
Die Großen überlassen den Kleinen einem einsamen Schicksal - soll er doch verrecken. Dem verzweifelten Vater, Jakob, tischen sie eine Lüge von wegen eines tragischen Unfalls auf und dann mag Gras wachsen über die alte Geschichte.
Das tut es - aber nicht auf gute Weise.
Denn Jakob schweigt, wie so oft geschwiegen wird, wenn Katastrophen über Familien hereinbrechen.
Jakob schweigt, wie sein Vater geschwiegen hat, als er seinen Bruder Esau um seinen Segen und sein Erbe betrogen hat. Jakob weiß, was Geschwisterrivalitäten sind und hat sie bei seinen Kindern nicht verhindern können.
So schwelt die alte Geschichte weiter, schleppen alle an ihrer Last.
Und trösten sich daran, dass „das Leben“ oft von ganz allein für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. Josef wurde jedenfalls nicht von wilden Tieren zerrissen oder verdurstete, sondern Fremde nahmen ihn mit nach Ägypten. Dort nimmt er einen rasanten Aufstieg, wird ein hochangesehener schwerreicher Mann, der - als eine schreckliche Dürre und Hungersnot die ganze Region bedroht - sogar seine schwierige Familie retten kann. Es kommt schließlich zu einer tränenreichen Wiederbegegnung mit den Brüdern und auch dem greisen Vater. Jakob stirbt und Josef begräbt ihn Zuhause. Alles gut. So scheint es.
Auf der Oberfläche. Denn dass Wunden wirklich heilen, dass Wiedergutmachung gelingt, Vergebung und Versöhnung Wirklichkeit prägen, braucht Zeit.
Und so wird erzählt:
„Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: „So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist … Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“
Wenn die Generation, die alles zusammengehalten hat, stirbt und man auf einmal selbst dafür einstehen muss, dass es weitergeht, spätestens dann merkt man, dass die alten Geschichten noch immer mitgehen. Josefs Brüder haben wieder Kontakt, aber sie trauen sich selbst nicht zu, Versöhnungswege zu gehen. Vielleicht wissen sie, was mancher Politiker oder Bischof auch spürt: man kann sich nicht selbst entschuldigen. Man kann nur bitten.
Darum schieben sie einen letzten väterlichen Willen vor.
Aber von diesen letzten Worten ist nirgendwo die Rede.
Die Rabbinen haben daraus abgeleitet, dass Notlügen erlaubt sind, wenn sie zum Frieden führen… Hm. Der Bibel ist nichts Menschliches fremd. Unterhalb dessen könnte man lesen: Die Brüder sprechen indirekt. Es ist ein Prozess, in dem sie zu den Worten finden, die noch gesagt werden müssen, damit Versöhnung geschieht, damit die Unerbittlichkeit der Geschichte eine Ende hat.
Vorher sind noch viele Tränen nötig. Und Josef weint sie.
Aber auch er sagt nichts. Noch immer Schweigen.
So weint Josef zum siebenten und letzten Mal.
Erst dann kommen seine Brüder. Und fallen auf die Knie. Da ist sie – diese Geste, die noch immer mehr als jede andere bewegt, weil sie so eindeutig ist.
Und endlich reden die Brüder miteinander.
Und sie sprechen aus, was wir wohl auch wissen:
Unterwerfung erleichtert nicht. Aber sie hilft, Versöhnung und Frieden den Weg zu bahnen.
„Ich bin nicht Gott“ – so wehrt Josef ab. Ich habe auch Splitter im Auge. Nicht ich wende die Geschichte. Gott ist es. Aber wenn er daraus Gutes wachsen lässt, dann will ich es einbringen, damit es unter uns gut wird.
Die Brüder haben gekniet, aber Gott hat sich so tief erniedrigt, dass er gestorben ist, damit wir leben können. Und er hat uns sein Wort und Sakrament geschenkt, damit das Schweigen aufhört und wir einander nicht immer weiter Schuld aufbürden, sondern unsere Last gemeinsam tragen und Vergebung möglich wird.

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  1. Sonntag n.Trinitatis

1. Sonntag n.Trinitatis

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.06.2021

Jona! Die Geschichte von dem Mann im Fischbauch ist endlich Predigttext und das, nachdem wir solange festgesessen haben – hinter meterdickem Walfischspeck, ganz mit uns allein!
Wahrscheinlich gehört die alte Erzählung noch zum Grundbestand dessen, was Menschen aus der Bibel kennen, umso mehr lohnt es genauer hinzusehen und all das in Gedanken mitzunehmen, wovor wir wegrennen und was wir nicht bearbeiten wollen, was uns hindert aufzustehen, dass Entscheidungen oft lange Wege und Umwege, Einsamkeit brauchen. Dieser Text wird sich für manche auch mit Gedanken an Reinhard Kardinal Marx in München verbinden, denn dieser Amtsverzicht gibt zu denken. Es ist ja auch eine Art Rückzug in den Fischbauch.
Jona also.
Einer, von dem bis dahin keine Rede war. An den geht Gottes Wort und Jona hört: „Steh auf! Geh in die Stadt! Sprich aus, dass ihre Bosheit bis vor mein Angesicht hinaufgedrungen ist.“.
„Steh auf, mach den Rücken gerade, so geht es nicht weiter!“ So klingt es im Moment der Krise, in dem Lebensgeschichten Knicke kriegen, Umwege beginnen, Entscheidungen fallen. Kardinal Marx spricht von einem toten Punkt, der ein Wendepunkt sein kann.
Wo kommt dieser Impuls her? Spricht eine innere Stimme und bringt Unruhe, Grübelei, Gewissensnot? Hören wir durch die Worte eines anderen Menschen auf einmal: Was bedeutet das für Dich? Musst du nicht Konsequenzen ziehen?
Oder geschieht es tatsächlich, dass wir merken: jetzt will Gott etwas von mir. Jetzt kann ich ihn nicht länger überhören.
In der biblischen Geschichte spricht Gott: steh auf, geh hin, sprich es aus - es stinkt zum Himmel stinkt!
Und Jona steht auf. Er spürt, dass er sich dem entziehen kann. Aber er versucht es trotzdem. Die Furcht vor dem, was die Auseinandersetzung, was das mitten-hinein-ins-Problem zu Tage fördern könnte, ist zu groß.
Das kennen wir auch: man weiß eigentlich, dass es so nicht weitergeht – aber probiert man kleine und große Fluchten, alle möglichen Ausweichmanöver. Jona tut das auch. Nur von hier weg, so weit wie möglich!
Dabei haut er nicht als schwarzer Passagier ab oder verschwindet nach einer kurzen Nachricht: Uuups. Ich bin weg. Jonas Flucht verläuft sehr ordentlich, er geht zum Hafen, sucht sich ein Schiff, kauft ein Ticket und steigt ein.
Sehr nachvollziehbar und trotzdem total absurd. Denn Jona weiß und wir wissen es auch: Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge bis zum äußersten Meer, so wäre Gott da. Er kennt unserer Gedanken schon vor uns…
Darum könnte Gott auch nochmal reden: Jona, lass das! Zieh es nicht noch länger hinaus! Aber das tut er nicht. Gott schickt vielmehr einen Sturm, der das Schiff in Seenot bringt, damit Jona und jeder anderer begreift: Mit seiner Verzögerungstaktik, seiner Hinhalterei, dem Wegducken und dem Versuch, seiner Verantwortung auszuweichen, bringt er anderer Menschen in Lebensgefahr. Sie zahlen den Preis, verlieren ihr Hab und Gut, womöglich ihre Existenzgrundlage und damit ihr Leben. Aber noch ist Jona das nicht klar. Denn:
„Jona war in das Innere des Schiffes hinabgestiegen. Er hatte sich hingelegt und schlief tief.“
Jona hat sich tief ins Innere verzogen, immer weiter zurück. Macht dicht vor den drängenden Problemen seines Lebens und seiner Gegenwart. Er geht in die innere Emigration, verschwindet einmal mehr von der Bildfläche. Und nimmt in Kauf, dass es immer schlimmer wird! Und erstaunlicherweise schläft er!
In der frühen DDR gab es Schlafkammern im großen Stil, so erzählt es Ines Geipel. Schlaf, so lehrte der russische Physiologe Iwan Pawlow, ist „ausgebreitete Hemmung, Diktatur der Großhirnrinde“. Schlafend verschleifen sich traumatische Erlebnisse, wird der Geist in Narkose versetzt wird. Kommunisten, die aus den russischen Gulags heimkehrten, sollten so zu neuen Menschen werden, Dagebliebene Krieg und Diktatur vergessen. Der Schlaf sollte Erinnerungen löschen.
Die radikalste Form der Flucht vor dem, was war.
Jona schläft auch. Er ist nicht zu sprechen. So muss er nicht denken, nicht entscheiden. So verliert er als Einzelperson an Bedeutung.
Die Menschen, die er in Gefahr gebracht hat, beten indessen zu ihren Göttern. Sie suchen Hilfe jeder dort, wo er sie zu finden glaubt. Es ist ein heilloses Durcheinander. Alle suchen panisch nach einer Ursache, nach einem Schuldigen. Und das Los zeigt auf Jona:
„Klär uns auf!“ fordern sie. Erkläre Dich und das, was Du mit diesem Unglück zu tun hast! Bring Licht ins Dunkel. Bleib bei der Wahrheit! Sag uns, was du weißt!
Das Meer tobt, es bleibt eigentlich keine Zeit – typisch wäre: das geht jetzt nicht! Keine Zeit für Diskussion oder langwieriges gründliches Denken.
Nicht so in der alten Geschichte! Die Frage nach der Wahrheit, nach ehrlicher Aufklärung ist dringender als alles andere. Erst wenn man weiß, wovon man spricht, kann man entscheiden, was geschehen soll.
Und Jona steht auf. Ein zweites Mal. Und er bekennt sich. Es ist sein nächster Schritt. „Ich bin einer, der Gott fürchtet.“ Vielleicht sogar: ich bin einer, der Grund hat Gott, zu fürchten. Das hat mit mir zu tun. Ich muss die Konsequenzen tragen. Nicht ihr. Werft mich ins Meer!
Und da passiert etwas Merkwürdiges: die, die wegen ihm in existentielle Not geraten sind, entsolidarisieren sich nicht, überlassen ihn nicht seinem Schicksal – obwohl der Sturm tobt. Die Bibel erzählt:
„Aber die Männer legten sich ins Zeug, um ans Festland zurückzukehren. Doch sie vermochten es nicht. … „
Bis zu diesem Punkt haben sie im Guten wie im Bösen alles Menschenmögliche getan. Sie haben gehadert und gehandelt, gepokert und gekämpft. Umsonst. Erst jetzt werfen sie Jona ins Meer, Gott in die Arme.
Das Meer wird ruhig. Die Menschen sind in Sicherheit. Als Jona begriffen hat, dass er sich seinen Fragen und denen Gottes, stellen muss, wird es friedlich – draußen und für alle, die er mit hineingerissen hat.
Aber Jona selbst erlebt, dass seine Flucht, weg von Gott, in das Innere des Schiffsbauchs erst der Anfang war. Dass das Aufstehen allein nicht genügt.
Er muss noch viel tief tiefer ins Innere hinein, er muss sich der Stille ausliefern, der Dunkelheit und seinen Themen.
„Gott aber bestimmte einen großen Fisch, Jona zu verschlingen und Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches. Da flehte Jona zu Gott, aus dem Bauch des Fisches.“
Jona muss beten lernen. Das hat er bis hierher nicht getan. Erst als sein Flehen sich an Gott richtet und daraus ein Gebet wird, spricht Gott zu dem Fisch.
Und er spie Jona aufs Trockene.
Und erst dann fängt es an.
Erst dann kann er tun, was Gott von ihm will.
Jona. Sein Name heißt Taube. Noah hatte eine Taube ausgesandt, als der Regen aufhörte. Sie fand keineswegs beim ersten Anlauf Boden unter den Füßen. Aber sie versucht wieder und wird zum Symbol, dass es weitergeht. Mit Gott und den Menschen, jedem einzelnen von uns und allen unseren Fischbauchgeschichten.

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  Rogate

Rogate

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.05.2021

Rogate! Betet! - heißt dieser Sonntag.
Lasst uns also über das Beten reden, so gut es eben geht oder vielmehr wohlwissend, dass das eigentlich nicht geht.
Beten ist keine Technik, die man erlernen und perfektionieren kann.
Beten ist kein rhetorisches oder poetisches Vermögen.
Sondern mit Jörg Zink: „In dir sein Gott, das ist alles.“ Oder wie Martin Buber übersetzte: „Ich bin Gebet“ statt: „ich bete“.
Beten ist Sein, ist Existenz und Erfahrung, unsere Art Gott zu begegnen und darin mir selbst – mit all dem, was mich umtreibt und ich mir in mir bewahre: meine Geschichte und meine Erinnerungen, meine Hoffnung und meine Träume, meine Sorge, meine Liebe – und die Löcher in mir, durch die der Wind pfeift.
Beten heißt sich gefunden wissen. Durch das Dunkle hindurch. Durch das Licht auch.
Kyrie und Gloria.
Über das Beten reden heißt, über Gott zu reden.
Das macht es nicht einfacher, nicht gewisser.
Christian Lehnert, Theologe und Dichter hat geschrieben:
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Ich bin diesen Worten vor einigen Wochen begegnet, sie haben sich mir eingebrannt, sind mir wichtig und schwer verdaulich, sperrig – ich fühle, in ihnen steckt Wahrheit. Sie passen in schwere Zeit und übersteigen sie weit.
Gott gibt es nicht, wie einen greifbaren Menschen neben mir, nicht als Wind und nicht als Feuer, nicht als hand, die ich greifen kann. Er ist unerfahrbar für meine Sinne – einerseits. Und andererseits:
Gott ist unzweifelhaft da.
Gott ist da, wenn er mir fehlt.
Gott ist da, wenn ich ungeborgen und unbehaust bin.
Gott ist da, wenn ich es nicht mehr aushalten kann.
Ganz nah an meiner Seele, die nicht ins Leere klingt.
Ein dunkler Riß. Ein Gebet.
Wie oft mag solcher Riß Gebet geworden sein – wortlos, mühsam, tröstend - auf dem Weg zwischen Magdeburg und Braunschweig?
Ich bin heute Morgen ganz leicht herübergefahren.
Aber meine Großeltern fuhren auf dieser Strecke mit klammen Herzen immer auf eine Grenze zu – die sie von ihren Kindern und Enkeln unbarmherzig trennte.
Meine Mutter fuhr auf dieser Strecke auf eine Grenze zu, die sie von dem Leben trennte, dass sie sich für ihre Kinder wünschte und versuchte auszuhalten, was es bedeutet auf dieser Seite hier zu bleiben. Heute ahne ich, wie schwer solche Last sein mag – zerrissene Familien, Fremdheit, Angst, Sehnsucht, Liebe, Heimatverlust und auch die Bürde, das Leben meiner Kinder mit meinen Entscheidungen zu beschweren. Dazu die Angst vor demütigenden Kontrollen, der Mut, den es brauchte Bücher und Texte, Gedanken, Ideen und Musik hin und herzutragen. Bindung.
Und alles andere, was hilft, auch.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen / und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten.
Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
So heißt es im Predigttext für diesen Tag bei Jesus Sirach.
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Die Allerärmsten. Wahrscheinlich sind wir das nicht.
Oder sind wir es alle? Verlorengegangen in den dunklen Rissen, die Menschen auseinandergetrieben haben – angestachelt von Ideologie, eingeschüchtert von Diktatur, zermürbt von Krieg, größenwahnsinnig geworden, geldgierig, maßlos oder ausgehungert, verletzt, zermürbt, verraten.
Diese Grenze zwischen Magdeburg und Braunschweig hat so viele arm gemacht – an Leben und Zukunft.
Und dieses Virus jetzt auch: Es bringt Kinder dazu, nicht mehr leben zu wollen und reißt Erwachsenen das Fundament ihres Lebens unter den Füßen weg. Es trennt Reiche und Arme, frißt Lebenszeit.
„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiss.“
Es betet in mir. Und hört:
„Gott ist den Allerärmsten gegenüber nicht voreingenommen.“
Gott ist nicht voreingenommen.
Er fragt nicht, ob wir uns da selbst reingeritten haben. Es geht ihm nicht um
Schuld und Versagen. Er ist da und „und hört auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals überhört Gott den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen ausschütten. Fließen die Tränen der Witwe nicht über ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tränen verursacht haben?“
Menschen sehen nicht davon ab, wer ihnen Leid zufügt. Seltene Ausnahmen mag es geben und damit ein Gedenken, an Sophie Scholl, die heute 100 Jahre alt geworden wäre.
Aber die allermeisten rasen auf die Grenze zu und haben Angst und kalte zitternde Hände, fühlen sich ohnmächtig und unendlich traurig, sind zornig und bitter gegenüber den Mächtigen, schweigen und tragen daran ihr ganzes Leben.
Und in all dem und als all das steigt Gebet zum Himmel. Und in ihm und mit ihm, mein ganzes Leben und die Geschichten derer, die ich in mir trage.
Das muss Gott doch hören! Jetzt muss doch etwas geschehen.
Im Predigttext heißt es dazu:
„Menschen, die Gott dienen, werden mit Freude angenommen, / und ihre Bitte dringt bis zu den Wolken. Das Gebet erniedrigter und entwürdigter Menschen dringt durch die Wolken, / und es lässt nicht nach, bis es sein Ziel erreicht hat; es gibt nicht auf, bis Gott es wahrnimmt, und ihnen Recht verschafft.“
Die Bitten derer, die Gott dienen, an denen Gott Wohlgefallen hat, dringen bis an die Wolken. Bis dorthin. Nur bis dorthin. Und dort bleiben sie.
Ungehört? Wirkunglos? Nutzlos?
Aber das Gebet der Ärmsten und Unglücklichsten, das dringt hindurch. Das erreicht ihn, das gibt nicht auf. Das verändert die Welt.
Hier hat sich einer gewagt aufzuschreiben, dass es Zwischenzeiten gibt – da dringt das Gebet nicht durch. Hier hat sich einer getraut zu sagen: ich weiß nicht, ob mein Gebet nützt und gehört wird. Hier hat einer nicht aufgehört zu glauben, dass denen die Ungerechtigkeit erfahren, die ohnmächtig ausgeliefert sind, die das Leben nicht mehr aushalten können, Hilfe zuteil wird.
Ich bin von Braunschweig hierher gefahren. Die unbarmherzige Grenze ein grünes Band. Georg Oswald Cott, ein Braunschweiger Dichter schrieb: „Wundklee blüht, dem Kolonnenweg wächst ein Bart aus Moos.“ Diese Bitten sind durchgedrungen. Gott hat sie gehört. Nicht gleich. Aber doch. „Denn Gott ist unserer Seele nah, so oft wir ihn vermissen“ und wir sind in ihm. Das ist alles. Amen

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  Karfreitag

Karfreitag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 02.04.2021

Da steht Petrus nun am Feuer vor dem Gebäude, in dem Jesus verhört wird, einsam, ratlos, traurig und wärmt seine Hände, seine Seele, seine Eingeweide.
„Bist du nicht einer von ihnen?“ Wird er gefragt.
Da leugnet Petrus, so steht es, und sagt: „Ich bin es nicht.“
Ich bin es nicht.
Ich bin nicht der, der hier ganz allein dazwischen steht, übriggebliebener Rest einer Hoffnungsbewegung. Ich will auch nicht dazugehören, nicht zu denen, die ihn verurteilen, nicht zu denen, die ihn bedauern. Ich will keiner sein, der mit ihn in den Untergang gerissen wird. Ich will schon gar nicht, dass jemand meinetwegen leiden und sterben muss…
Das „bin ich nicht.“
So schlecht und so schlimm, dass einer für meine Schuld am Kreuz sterben muss, bin ich nicht. So gerade und mutig, seinetwegen in Gefahr zu geraten, auch nicht.
Ist Petrus womöglich gar nicht der elende Lügner, sondern einfach nur sehr ehrlich?
Er ist ein Mensch wie wir.
Ein Mensch, der in Lebenswüsten gerät, falsche Entscheidungen trifft und Freundschaften verliert. Ein Mensch, ihn Herbert Grönemeyer unnachahmlich beschreiben hat:
„Und der Mensch heißt Mensch / Weil er vergisst / Weil er verdrängt / Und weil er schwärmt und glaubt / Sich anlehnt und vertraut / Und weil er hofft und liebt / Weil er mitfühlt und vergibt / Und weil er lacht / Und weil er lebt…“
Und weil er solch ein Mensch ist, einer der leben will, hält Petrus Abstand:
„Das bin ich nicht.“
Das kann ich verstehen. Vielleicht hätte ich es auch so gemacht.
Und da kräht der Hahn und Petrus überfällt in all der Lüge die Wahrheit seines Lebens.
Geht er in die Knie?
So wie ich vorhin es vorhin gemacht habe – weil uns das die Liturgie des Lebens mit Gott eingeschrieben hat: „Ich armer elender sündiger Mensch bekenne dir …“
Das sind nicht meine Worte. Aber sie passen in meinen Mund.
Wenn ich das bete, lüge ich nicht, sondern bin näher an meiner Wahrheit als sonst oft. Wenn ich das bete, berge ich mich auch in der Geschichte des Petrus, der es so gern gut machen wollte.
Und der draußen geblieben ist.
Draußen im Hof. Vor der Tür. Zuhause.
Denn er ist nur Petrus. Zum Glück: nur Petrus!
Nicht Jesus.
Diesem Petrus hallten vielleicht die alten Jesajaworte in den Ohren, die auch wir heute drehen und wenden, hören und verinnerlichen sollen:
„Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.“
Wir sahen ihn, bespuckt, ausgelacht, misshandelt.
In einem modernen Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich seh im Spiegel seiner Schrift, die Wahrheit, die mein Leben trifft.“
Wir sahen ihn…
Ich sehe heute im Spiegel der Schrift all das, was wir Menschen an uns selbst nicht sehen und wahrhaben wollen. Ich seh im Spiegel seiner Schrift den, der all das auf sich versammelt, was uns hindert die zu sein, die wir sein wollen, sein sollten.
Ich sehe Petrus und den armen elenden sündigen Menschen, von dem Jesaja schreibt und den am Kreuz um dann die Wahrheit zu hören, die mein Leben trifft:
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unseretwillen verwundet und zerschlagen. … auf dass wir Frieden hätten.“
Ich sehe Jesus Christus, und in ihm die, die wir auch sind: im Schweiße des Angesichtes, in den Tränen der Einsamkeit, in der Hingabe an andere Menschen.
Ich sehe im Spiegel seines Lebens, dass man Versuchungen widerstehen und zugleich darum bitten kann, dass es endlich aufhört.
Und schließlich sehe ich einen, der seinen Frieden macht.
Mit seinem Leben und seinem Schicksal, mit den Menschen, die zu ihm gehören.
Er macht Frieden – nicht als ästhetische Geste sondern weil er darum gerungen und gebeten hat.
Er macht Frieden mit sich, damit ich auch Frieden mit meinem Leben machen kann.
Kein Hahn kräht mehr. Stille. Das ist die Wahrheit, die mein Leben betrifft.
Karfreitag 2021.
„Bist Du nicht die…?“
Bin ich die, deren Leben unterm Kreuz heil werden will?
Bin ich die, für die das geschehen muss?
Wer bin ich?
„Wer bin ich? Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? … Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür … umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne…
Wer bin ich? …
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Auch das sind nicht meine Worte, sondern die Dietrich Bonhoeffers.
Heute passen sie in meinen Mund. Damit gehe ich und so vergehe ich nicht. Bis es wieder hell wird – am Ostermorgen.“



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  Palmarum

Palmarum

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.03.2021

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
So schreibt einer im sogenannten Hebräerbrief drei, vier Generationen nach Jesu Tod an seine Zeitgenossen. Sie waren - wie wir - keine Augenzeugen Jesu aber ihre Welt war seiner bei weitem ähnlicher als unserer. Manches muss sich aber sehr ähnlich angefühlt haben, denn dass einer schreibt, dass der christliche Glaube auf Hoffnung aus ist und mit Zuversicht einhergeht, nicht mit Angstmacherei und Weltuntergangszenarien, das braucht auch heute keine Übersetzung.
Wer damals oder jetzt davon redet, dass es keine Hoffnung gibt, der gründet sich woanders als im Glauben an den, der gestorben und auferstanden ist.
Damals und heute bedeutet zu glauben, nicht zu zerzweifeln was nicht mit eigenen Augen besehen werden kann.
Nicht sehen können macht den manchmal schwer erträglichen und manchmal erleichternden Unterschied zwischen Glauben und Wissen aus. Wir wissen es nicht, aber wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint. Zweifel daran hilft in keiner Richtung.
Und darum heißt es weiter:
„In diesem Glauben haben auch die Alten Gottes Zeugnis empfangen…“
Mit anderen Worten: so ist es von Anfang an und immer schon gewesen.
Wir mögen denken, dass es in der alten Zeit leichter war zu glauben, das Gott näher war und direkter redete. Aber egal ob mit den „Alten“ die Zeitgenossen Jesu oder unsere Eltern, Großmütter und Großväter, gemeint sind – immer musste man sich dafür entscheiden, glauben und hoffen zu wollen und immer musste man ertragen, dass vieles nicht bewiesen kann.
Das geht mit Blick auf die Bibel, Gottes Zeugnis, mal leichter und mal schwerer, je nachdem ob wir an eigene Erfahrungen anknüpfen können: Familiengeschichten wie die von Jakob und Esau, Naomi und Ruth, dem verlorenen Sohn oder auch die lange zermürbende Wüstenwanderung, das Gefühl da nie wieder rauszukommen, kennen wir. Auch dass Durchhalten: „Sagt meinen Kindern, dass sie weiterziehen!“ Selbst der Übermut des Petrus, der auf dem Wasser laufen will, ist uns nicht fremd, nicht mal seine Angst und Feigheit als er verleugnet.
Glauben fällt da leichter – denn wir hoffen ja auch irgendwie zu unseren Gunsten: Wenn Gott mit all diesen zutiefst menschlichen unvollkommenen Figuren seine Geschichte mit uns Menschen fortschreiben kann, warum dann nicht mir uns? Gerade jetzt, wo wir die Taube alle halbe Stunde aus der Arche losschicken, wäre Zweifel Luxus wenn nicht lebensgefährlich.
Und dann gibt es die anderen Kirchenjahreszeiten und Bibelgeschichten, in denen es so viel schwerer ist, zu glauben und nicht zu zweifeln, weil nichts im eigenen Erleben und Empfinden Parallelen findet, ganz zu schweigen vom Verstand, der es gern logisch hat und begreifen will: die wahnsinnige Sintflut und das geteilte Schilfmeer, der gleißende Engel Gabriel im Zimmer eines Mädchens, das schwanger wird ohne intim zu sein, das freiwillige Sterben am Kreuz, das leere Grab, der Auferstandene mit Wunden an Händen und Füßen.
Das kann man mit unseren Hirnen nicht denken. Das muss man als moderner Mensch eigentlich bezweifeln. Oder eben glauben wollen.
Jetzt, in der Passions- und Osterzeit bewegen wir uns ständig auf diesem Grat – es gibt Geschichten, da ahnen wir, was seinerzeit erlebt worden ist und welche, da geht das nicht. Jetzt balancieren wir auf dem Grat zwischen Verstehen können, Nichtzweifeln sollen und Glauben müssen oder wollen – rechts und links geht es tief runter in die Hoffnungslosigkeit aller irdischen Grenzen, diesseitiger Debatte.
An Palmarum fängt der Hochseilakt an:
Ja, wir verstehen, dass Menschen jemandem, den sie lange ersehnt haben, begeistert entgegenlaufen. Wir haben schon erlebt, wie schnell der Funke überspringen kann, wie gern sich Menschen begeistern lassen. Aber wir wissen auch, wie gefährlich solche Dynamik manchmal ist und wie schrecklich wir uns schon geirrt haben. Darum müssen wir glauben wollen und Hoffnung behalten, dass wir in dem armen friedfertigen jungen Mann auf einem Esel tatsächlich den Richtigen zum König ausrufen, obwohl man ihm nicht ansehen kann, dass seinetwegen etwas grundsätzlich Anderes und Gutes Neues.
Es gehört feste Zuversicht dazu, darauf zu vertrauen, dass uns hier Wahrheit begegnet, nicht Manipulation, dass sich nicht doch die Erotik der Macht oder die Angst davor am überzeugendsten bleibt…
Es braucht tapferes Gegenhalten, wenn einen der Zweifel überfällt, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben, obwohl alles in seiner Wehrlosigkeit nach einem enttäuschenden bestürzenden Ende aussieht.
Hosianna ist ja auch ein Befreiungsruf! Hilf uns!!!
Palmarum: Da sind wir, mit den Palmzweigen in der Hand, voller Hoffnung und Zuversicht aber auch angefochten von den Ohnmachtserfahrungen, den Versuchen und Mühen, die nichts besser gemacht haben, dem vergeblichen Vertrauen, sorgenvoll, ob das alles noch was werden kann. Hin- und hergerissen.
„Hosianna“ und „Kreuzige ihn!“ liegen nah beieinander.
Es ist nicht so abwegig, dass es dieselben rufen…
Ach, das kennen wir.
Ein irrsinniges Hin und Her…
Man weiß nicht mehr, was denken und wem vertrauen, Zweifel nagen. Die lange Vereinzelung tut ihr Übriges – seit Wochen bestätigen wir uns am Widerhall des eigenen Echos. Wir stehen keineswegs in jubelnden oder kritischen Menschenmengen. Am Anfang der Karwoche erleben wir eher, was Reinhard Mey in einem gänzlich anderen Leben so besang:
„Allein / Wir sind allein / Wir kommen und wir gehen ganz allein / Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein / Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein…“
Allein. Allein Hoffnung und Zuversicht bewahren, allein nicht verzweifeln. Ist das die Herausforderung der Passionszeit 2021? Ja, in gewisser Weise gehen wir gerade sehr allein durch die Zeit. Jede und jeder muss für sich selbst entschieden, ob wir heute hier sein wollen, Gottesdienst feiern, präsentisch. Jede und jeder muss dauernd abwägen, losgehen, zurückrudern, sich loyal verhalten und trotzdem selber denken und verantworten.
So stehen wir an der Straße unseres Lebens, denn „der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“
Hat unsere Mütter und Väter das durch die Stürme ihrer Zeit, ihres Lebens mit all seinen Nöten und Krisen getragen? Vielleicht nicht besser als uns – aber doch bis hierher. Und also heißt es in dem uralten Brief weiter: „Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben … lasst uns laufen mit Geduld.“
Und da fallen mir die orthodoxen Geschwister ein, die nie ganz allein sind, weil all die Heiligen, die sie sich in ihren Kirchen und Kapellen an die Wände malen, selbstverständlich lebendig sind und mitgehen. Eine Wolke derer, die zuversichtlich blieb und nicht zweifelte. Solche haben wir hier auch. Der ganze Dom ist voll davon…




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  Laetare 2021

Laetare 2021

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.03.2021

Laetare! Freut euch, heißt dieser Sonntag. Mitten in der Passionszeit: freut euch! Nicht einfach nur so oder endlich mal, nein: richtig! Es gibt Grund zur Hoffnung und Grund für echte erleichternde Herzensfröhlichkeit! Stellen wir uns vor, es wäre wie in Salomos Hohelied der Liebe: „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel…!“ Leichtfüßig und glücklich, erwartungsvoll kommt da einer angesprungen – es gibt ja lauter gute Nachrichten: dieser Jesus Christus heilt Blinde und Lahme, er sättigt die Hungernden und hat einen Toten geheilt, den Lazarus. Nicht etwas einen Scheintoten, sondern einen der schon gestunken hat! Da muss man doch herangesprungen kommen, überperlend vor Lebensfreude – denn endlich ist Land in Sicht und wird alles gut, endlich müssen Menschen nicht mehr an schrecklichen Krankheiten sterben oder verhungern, endlich können sich die wieder bewegen, denen die Füße schon ganz taub geworden sind und die wieder sehen, deren Augen schon ganz trüb waren, die vor lauter Kummer und Einsamkeit nichts mehr wahrgenommen haben.
Das ist ansteckend – im besten einzig guten Sinne des Wortes!
Solche Freude verbreitet Hoffnung und Lebensmut auch unter denen, die bisher gar nichts auf den Glauben an Jesus Christus und die Osterfreude gegeben haben und nichts damit anfangen können, dass der große Schöpfergott seinen Segen auf einmal durch einen ganz normalen Menschen verströmt.
Das muss man erleben! Da muss man dabeigewesen sein – später wird sich das nie mehr in Worte fassen lassen.
Und so kommen die Fernen, um sich mitreißen zu lassen.
Jetzt kommen auch die, die nicht dabei waren als er Brot und Fisch verteilte…
Das Johannesevangelium erzählt:
„Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.“
Griechen, Menschen aus dem Volk der Sportler und Philosophen, mit eigenen Gedankengebäuden, Sagen und Göttern.
Griechen, Menschen aus einer anderen Kultur und vielleicht auch einer anderen Zeit.
Sie wollen dabei sein und den selbst sehen, von dem all die Wunder erzählt werden. Sie spüren, dass etwas in Bewegung gekommen ist.
Sie sind gespannt auf den mitreißenden Superstar – so wie zu allen Zeiten Menschen zusammenströmen, um ihre Idole zu feiern, Begabungen zu bestaunen, mitzusingen und zu tanzen.
Sie kommen extra her.
Aber dann haben sie doch Scheu und trauen sich nicht.
Das kennen wir auch. Da kommt jemand, nach dem man sich so sehr gesehen hat und dann fehlen uns die Worte vor lauter Schüchternheit, da kommt jemand, den man ewig schon erleben wollte und dann guckt man von Ferne, wagt sich nur näher, wenn es Vermittler gibt – solche, die eine Signierstunde vorbreitet haben oder irgend sowas in der Art.
So ist es auch in der alten Geschichte.
Die Griechen wenden sich an einen der Jünger, sicherheitshalber den mit den griechischen Namen – Philippus – und bitten ihn, mit Jesus bekannt gemacht zu werden. Das wird der nicht zum ersten Mal erleben, trotzdem fragt er erst noch den Andreas und dann tragen sie Jesus gemeinsam das Anliegen der Fremden vor.
Das geht schon erstaunlich indirekt zu. Als wäre es eine ungewöhnliche oder ungehörige Bitte. Merkwürdig…
Und Jesus reagiert auch merkwürdig, als hätte er das Anliegen nicht verstanden:
„Er antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“
Jesus geht gar nicht darauf ein. Die Griechen werden ihn nicht sehen. Wozu auch.
An ihm gibt es nichts Besonderes zu sehen. Er ist einer wie sie, wie wir. Mit Schwielen und Blasen an den Füßen, mit Sonnenbrand und Augenringen, mit Hunger und Durst. An seinem Äußeren kann man nur sehen, dass er wirklich ein Mensch ist. Ums Sehen geht es jetzt klar und deutlich nicht. Gut zu wissen, denn das ist auch unsere Rolle, wir können ihn auch nicht sehen…
Trotzdem ist das Ansinnen der Fremden nicht egal:
Denn in dem Moment, als diese Bitte an Jesus herangetragen wird, erfüllt sich etwas.
Die Stunde ist gekommen.
Jetzt ist die Zeit reif. Endlich! Laetare! Freut euch!
Worüber?
Weil Menschen endlich begreifen, welche besondere Zeit sie erleben, dass sie Zeugen sind, dass Jesus Christus sie etwas angeht? Oder ist es genau andersherum? Ist das der Moment, an dem Jesu Leben und Wirken die Welt schon so gründlich verändert hat, dass es gar nicht mehr wichtig ist, ob er noch dazwischen ist? Kann er sein Werk jetzt in andere Hände legen? Ist das der Augenblick, in dem er nicht nur fremde Zeitgenossen sondern auch fremde Nachgeborene erreicht?
Freut euch! Jetzt endlich wird er nicht kleingeredet und angezweifelt, sondern verherrlicht! Jetzt kann es gut werden und funktionieren unter uns, denn:
Und nun kommt eine schwierige Erklärung:
Denn „Wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Also doch Passionszeit. Also doch alles zuende. Also doch Kummer und Tränen.
Jesus Christus wird sterben.
Jetzt liefert er selbst die Deutung.
In dem Augenblick, als Menschen ihn sehen wollen, ihm immer näher kommen wollen, lenkt er den Blick weg von seiner Person – auf das was durch ihn kommen wird: viel Frucht! Nicht nur ein Korn, sondern ein ganzes wogendes Feld!
Er ist nach Jerusalem gekommen, weil er sich entschieden hat, diesen Weg zu gehen, zu sterben, damit Leben möglich wird. Er nimmt den Kelch selbst.
Er tut das, wie es Menschen seither in seiner Nachfolge immer wieder getan haben. Sie entscheiden sich, ihm treu zu bleiben so wie er sich selbst und uns treu geblieben ist.
Sie entscheiden sich zu leben wie er gelebt hat, weil sie die Freiheit dieser Entscheidung haben, es ist nicht alternativlos. Es ist nicht umsonst.
So nimmt er den Mächtigen die Macht.
Das ist der Moment der Saat.
Jetzt wird das Korn eingesenkt. In die Erde, in die Herzen der Menschen, in ihre Lebensgeschichten und Seelenlandschaften. Das wird Frucht tragen.
Am Horizont scheint schon Karfreitag auf. Aber es ist nicht die quälende Hinrichtung von der hier die Rede ist, sondern eine tief greifende Wahrheit: Tod und Sterben sind nicht die Feinde des Lebens, sondern seine Voraussetzung. Sterben und Werden gehören zusammen, wie Nacht und Tag, Himmel und Erde, Angst und Hoffnung.
Oder: so heißt es weiter im großen Liebenslied des Alten Testamentes:
„Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind aufgegangen und die Turteltaube lässt sich hören.“

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  Reminiscere

Reminiscere

Cornelia Götz, Dompredigerin - 28.02.2021

Es ist ein alter und wuchtiger Text, den wir an diesem Sonntag erinnern sollen – das Weinberglied. Sie haben es eben gehört. Als Lied kann ich es mir nicht so richtig denken – wenn dann am ehesten als Ballade mit Wolf Biermanns Stimme. Zornig und verletzt, großartig irgendwie.
Es wird von einem Weinberg erzählt; in der Bibel – nicht nur hier bei Jesaja - Inbegriff des Ortes, an dem der Mensch seiner Arbeit nachgeht und seinen Lebensunterhalt verdient. Nicht alle sind Weinbergbesitzer, manche sind auch Arbeiter im Weinberg. Für die meisten gilt, dass in den Weinberg Lebenszeit, Kraft und Kreativität investiert werden muss, Energie und Schweiß, Geld natürlich auch und dass es Geduld braucht. Nie ist gewiss, ob die Mühe die erwarteten Früchte bringt.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Können und Ergebnis – aber zuletzt liegt es nicht in unserer Hand. Darum heißt es ja auch in Matthias Claudius‘ Lied für Erntedank: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachsen und Gedeihen steht in des Himmels Hand“
So erlebt es auch der Weingärtner in der alten Geschichte. Er tut, was er nur kann. Er bearbeitet den Boden auf das Gründlichste, sammelt Steine und schafft sie beiseite, kauft wertvolle sorgsam gezogene Pflanzen und richtet sich ein Quartier.
Er baut sich einen Turm – vielleicht, damit wenig Bodenfläche verschwendet und versiegelt werden muss – um vor Ort zu sein und schließlich eine Kelter, um die Ernte zu verarbeiten.
Dann wartet er. Und hofft. Erst auf gutes Wetter, dann auf die Weinbeeren. Aber der Weinberg trägt keine gute Frucht. Es sind schlechte Trauben, Stinklinge, habe ich in einem Kommentar gelesen.
Ein unvermuteter grausamer Ernteausfall.
Genau das, was viele Menschen jetzt erleben:
Sie haben eingekauft und in ihren Geschäften die nächste Saison vorbreitet, aber sie dürfen nichts verkaufen. Sie haben Theaterstücke ausgesucht und geprobt, aber sie dürfen ihre Kunst keinem zeigen. Sie haben gearbeitet und versucht vorzusorgen aber jetzt frisst der Verdienstausfall die Reserve vor der Zeit…
Sie haben nicht spekuliert oder billig produziert, nicht schlampig oder lieblos gearbeitet, sie haben sich gemüht und Ernte ausgerechnet – aber es gibt keine Frucht- Eine bittere Erfahrung. Eine schwere Enttäuschung. Woran liegt das? Ist der Weinberg schuld? Das Theaterstück? Die Mode? Die Speisekarte?
Es scheint fast so – jedenfalls in dem alttestamentlichen Lied: denn der Sänger wechselt die Perspektive und nun nicht mehr von seinem Freund, dem Weingärtner, sondern von sich selbst, von seinem vergeblich vergossenen Herzblut und Schweiß, und sagt: „Nun richtet …. zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“
Richtet, zwischen mir und meinem Laden, mir und meiner Arbeit. Ein merkwürdiges Ansinnen. Was gibt es da zu richten und zu urteilen? Es gab keine gute Ernte.
Hilft da die Schuldfrage weiter? Wo soll man anfangen? Hätten wir ernsthafter damit rechnen müssen, dass auch schlechte Zeiten kommen können?
Was wäre dann die Antwort unseres Lebens gewesen?
Den Weinberg nicht mehr bebauen?
Es ist ein Moment großer Hilflosigkeit, der sich da auftut. Sie geht einher mit
Ohnmacht und Erschöpfung. Dann kommt die Wut. Keine kalte Teilnahmslosigkeit, sondern ein sehr existentielles starkes Gefühl. Auch den biblischen Weingärtner überkommt sie und er sagt:
„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen …“
Denn es ist alles die Mühe nicht wert. Soll der Weinberg doch verrotten.
So rabiat geht es nicht immer zu. Der Gärtners, der an anderer Stelle in der Bibel des mickernden Feigenbäumchens an anderer Stelle bittet: lass es mich nochmal versuchen! Das Bäumchen ist nicht schlecht, es wird schon noch Frucht bringen! Und auch die Menschen ohne Ernte um mich herum geben nicht auf: Sie üben weiter auf ihren Instrumenten, renovieren ihre Gaststuben, gestalteten ihre Schaufenster und denken sich beständig neue Arten aus, ihren Weinberg zu bebauen, ihm Früchte zu entlocken. Vielen von ihnen bedeutet ihre Arbeit mehr als nur Broterwerb.
Sie können sie nicht so einfach liegenlassen, aufgeben.
Der biblische Weingärtner offenbar schon. Er wird noch viel radikaler:
„Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Sagt er und jetzt ahnen wir: Hier spricht Gott und der Weinberg ist die „Pflanzung, an der sein Herz hing.“
Sollte Gott Grenzerfahrungen machen wie wir? Es ist ein ungewohntes und ein beunruhigendes Bild. Hier spricht ein emotionaler und verletzter Gott, der das, worein er so viel Herzblut gesteckt hat, seine Schöpfung, seine Menschen, das Volk Israel, sich selbst überlässt und alle Hoffnung begräbt.
Es ist ein enttäuschter Gott, der sich abwendet…
Kann man das verstehen? Ja, einerseits – wir wissen, dass vieles nicht gut ist unter uns. Aber andererseits: Wir sind doch da! Bereit zu hören und ihm zu vertrauen. Voller Sehnsucht nach guter Nachricht.
Was hilft uns in diesen Tagen, dass auch Gott die enttäuschte Erwartungen und gescheiterte Mühen kennt? Was hilft es, dass wir hören, dass ein liebender Gott, weil Liebe ein so starkes Gefühl ist, nicht einfach lieb ist?
Er selbst ist doch der Gärtner. Er selbst ist es, der den Weinberg geschaffen hat und es regnen lassen kann. Wenn es trotzdem keine guten Früchte gibt, wo bleibt da die Hoffnung? Muss erst Gottes Wut und Zorn vergehen, muss er erst Frieden schließen mit sich, seinem Weinberg und uns, ehe es wieder besser wird?

„Reminiscere“ heißt dieser Sonntag. Erinnere Dich!
Erinnere Dich Gott an deine Barmherzigkeit!
Erinnere Dich an den Regenbogen und deinen Bund mit uns, deinen Segen!
Ja, die Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen ist immer gefährdet, weil wir auf Menschenweise lieben, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich nicht, die Erde wird nicht gut gehütet – aber der Weinberg ist nur ein Weinberg, der Mensch nur ein Mensch.
Das weißt Du doch, Gott. Wo bleibt die Hoffnung? Wozu lässt Gott den Jesaja dieses Lied singen? Vielleicht wegen des offenen Endes: Der Weingärtner verkauft den Weinberg nicht. Er behält ihn. Er zürnt und wütet. Er droht. Aber er macht es nicht. Die gemeinsame Geschichte hat einen Schlag aber sie ist nicht zu Ende. Sie ist auch nicht zuende erzählt. Wir sind noch drüber. Es ist Passionszeit.
Und die Nachbarn? Mit ihren Geschäften und Restaurants, ihren Ausstellungen und all den vergeblichen Bemühungen? Es gibt keinen billigen Trost und keine einfache Antwort. Aber es gibt Hoffnung. Wir gehen darauf zu.


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  Estomihi

Estomihi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.02.2021

Wer glauben und hoffen will, wer den Verheißungen der Propheten, dem Reich Gottes, dem Ostermorgen etwas zutrauen will, wer sich wagt, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, wer Lebenskraft in Reformprozesse investiert, der muss sich etwas anderes vorstellen können als das, was gegenwärtig ist, der muss für möglich halten, dass es noch ganz anders kommt.
Nur so kann man Mut schöpfen, um weiter zu leben.
Nur so kann man Zeit nutzen wenn man sie noch hat, schärfer gesagt: Zeit als existentielle Krisenwährung begreifen. Andernfalls passiert was wir jetzt erleben: Sorglosigkeit, weil irgendetwas hier bei uns noch nicht eingetroffen ist,
verlorene Zeit weil wissenschaftliche Vorhersagen nicht ernstgenommen werden, leere Zeit, weil das was immer ging nicht mehr geht.
So kommt man nicht raus ins Weite.
Carolin Emcke, Publizistin, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und immer lesenswert, schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung: „Provinziell ist nicht mehr jenes Denken, das nicht über die eigene Örtlichkeit hinausreicht, die Nachbarschaft oder die Gegend, in der man lebt. Provinziell ist jene Vorstellung, die nicht über die Gegenwart hinausreicht.“
Und sie meint: provinziell im Sinne von beschränkend. Zu enge Kreise im Kopf und im Herzen führen in die Krise wenn nicht die Katastrophe. Man kann das durcharbeiten am Umgang mit den Virusmutationen, am Impfdesaster oder dem späten Lieferkettengesetz, am Verdrängen der Folgen von Temperaturschwankungen für die Wirtschaft oder …
All das ist nicht neu. Wir sehen es im Moment nur wie im Zeitraffer.
Umso dringender ist es, sonntäglich herzukommen und zu beten und Gott zu bitten um Ganzheit und Heilung, um Frieden und Freude, um seine Nähe.
Und er antwortet und sagt zunächst erstmal zu Jesaja, seinem Propheten – so steht es über diesem Tag heute:
„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und
verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit … Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.“
Du musst laut und eindringlich sein, wenn du durchdringen willst. Die leisen Töne scheinen zu verhallen. Dies sagt derselbe Gott, von dem der Prophet Elia sagte, er habe ihn erfahren als eine Stimme verschwebenden Schweigens. Es ist der Gott, der als stille Wolkensäule mitgeht, der in einem neugeborenen Kind zu uns kommt und allein und verlassen in Gethsemane weint. Dieser Gott sagt jetzt: „Schrei, damit man Dich hört.“
Wirkt das? Ich persönlich hasse es, angebrüllt zu werden. Meistens liegen dann die Nerven ohnehin schon blank. Nach Gebrüll folgen erfahrungsgemäß Tränen. Und dann? Dann folgt oft sowas wie Einsicht oder immerhin ist ein Steinchen in der harten Wand locker geworden. Manchmal wirkt das wie ein reinigendes Gewitter. Manchmal merke ich erst dann, wie festgefahren ich bin. Und jetzt, wo jeder in seiner Blase lebt und die allmählich dicke Wände hat, jetzt, wo jeder für sich auf seiner Insel treibt, muss da womöglich wirklich gebrüllt werden?
Ich mag das ungern denken aber offenbar tut es not uns herauszureißen – aus unserer Selbstgerechtigkeit, die nicht nur „Made in Germany“ ruiniert sondern eben auch unsere Fähigkeit erstickt, neu zu denken, uns etwas anderes vorzustellen. Es stimmt einfach nicht, dass wir immer unser Bestes tun und Gott suchen, nach seinen Wegen fragen und sie gehen wollen. All das wollen wir, aber mit halbem Herzen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass das geht – aber dass Gott da ist, uns nah und uns hört und hilft, das wollen wir ganz.
Estomihi heißt heute also erstens: Sei mir ein Weckruf, ein Trompetensignal, ein Warnschuss, ein Alphorngruß!
Und dann heißt es weiter bei Jesaja – und darin kann man buchstäblich lesen, wie genau Gott uns hört und zusieht, dass er weiß, dass wir uns fragen:
„Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“ – Warum tun wir uns all das an? Warum geben wir uns Mühe, es Dir Gott recht zu machen, wenn es nichts nützt? Gott antwortet:
„Wenn ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr … Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?“
Es nützt nichts, wenn wir feststecken in Halbheiten und Absicherungsbemühungen, wenn wir alles nur ein bisschen machen, wenn wir uns nicht trauen, wirklich zu entscheiden, wirklich loszugehen, wirklich anders zu fischen als wir es immer gemacht haben. Es wird auch nicht gutgehen, wenn wir der Wirtschaft, egal was wir sonst sagen, den Vorrang geben – dann wird man die Welt gewinnen und Schaden an der Seele nehmen. Fasten und reich werden schließt sich aus, dieser Versuchung hat Jesus Christus in der Wüste exemplarisch widerstanden.
Vor allem aber. Gott freut sich nicht daran, wenn wir uns vor lauter Rechtmachereri streiten oder beschämt kleinmachen und den Kopf hängen lassen, weil ja doch keiner schafft zu leben, wie er es uns vorgemacht hat.
Estomihi die zweite: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Nehmt eine andere Haltung ein, weil anderes geschehen wird!) gilt weiter!
Und dann sagt Gott sehr genau, wie „richtiges“ Fasten geht. Dass er von uns nicht mit hängenden Köpfen und Schultern hören und sehen will, dass das unmachbar ist, hatten wir eben schon! Er spricht zu uns als solche, die den Tag heute lebn und auf morgen hoffen:
„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“
Richtiges Fasten hat offenbar nur sehr wenig mit dem zu tun, was wir damit meinen, wenn wir uns selbstreinigend in Verzicht üben. Richtiges Fasten weist von uns selbst weg, weist weltwärts und verschenkt sich. Fulbert Steffensky sagt deshalb. Fasten ist nicht Selbsterfahrung, sondern Selbstvergessenheit. Gottsuchen heißt umkehren – nicht nach innen in den abgeschlossen Zirkel, sondern ins Weite hinaus, in das was möglich sein wird.
Das geht alles nicht? Ist zu radikal? Macht eh keiner?
Kann schon sein aber wahrschienlich ist das - siehe oben: Emcke - provinzieller Kleinmut, selbstgenügsames Kopf-hängen-lassen.
Üben wir also unsere Vorstellungs- und Hoffnungskraft, denn:
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“


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  1. Sonntag nach Epiphanias

1. Sonntag nach Epiphanias

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.01.2021

Die Texte dieses Sonntages erzählen von Gottes Bestätigung des Weihnachtswunders – der Himmel tut sich auf und Gott selbst sagt: „Dies ist mein lieber Sohn…“ und sie sagen, dass wir alle uns in diesem Gotteskind wiederfinden – viele Glieder dieses einen Leibes sind.
Das klingt einer Beschwörung des WIR-Gefühls, das wir im Alltag derzeit nur mit unseren Allernächsten erleben und hier, im Gottesdienst. WIR. Das sind wir, wenn wir auf dieselben Worte hören und zusammen beten, uns gemeinsam von derselben Musik anrühren lassen. Wir, das sind wir, wenn wir Sorgen teilen und Hoffnung, Begeisterung und Haltung. WIR. „Ein Manifest für Gemeinschaft“ hat Gregor Zöllig sein letztes Stück im Staatstheater genannt. WIR werden überstehen.
Hoffentlich. Denn es gibt Anlass zur Sorge: Menschen verschwinden in ihren eigenen Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. Jede entscheidet selbst, was sie für gefährlich oder sinnvoll hält, ob Bestimmungen mich betreffen oder nicht. Erst ich, dann wir. Oder genauso bedenklich: erst wir dann die anderen. Ursula von der Leyen erklärt den Ankauf neuer Impfdosen mit „Wir können nur gemeinsam durchkommen.“ Dieses WIR endet an den Grenzen Europas.
Der eine Leib scheint amputiert.
Über all dem kommt eine Jahreslosung zu stehen, die sich erst noch in Wirklichkeit verwandeln muss, bisher eher Ermunterungs- und Aufforderungscharakter hat:
„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Plural. Lasst Barmherzigkeit Ausdruck des WIR-Gefühls sein, Lebensäußerung des einen Leibes. Gott ist es ja auch. Heimliches leises Fragezeichen…

Und dann hat mich im Rumdenken an den Texten für heute einer von Friedrich Dürrenmatt angesprungen, der dazuzugehören scheint.
MDR-Kultur widmete die Lesezeit der vergangenen Woche dem Schweizer Dramatiker, der am vergangenen Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre und sendete die surrealistischen Kurzgeschichte „Der Tunnel“.
Die Geschichte stammt aus dem Jahr 1952. Dürrenmatt war Anfang dreißig und wie das WIR seiner Zeit dabei, die Schrecken der vorangegangen Jahre zu verarbeiten. Ein Aspekt darin ist die noch immer wichtige Frage, warum Menschen sehenden Auges in die Katastrophe gehen und die radikale Verdunklung der Umstände verdrängen und weiterleben als wäre nichts.
Dürrenmatt erzählt aus der Perspektive eines 24-jährigen Studenten Folgendes: Er

„stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt
siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig … Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel, da er seinen Heimatort verließ.“

Der Mensch sucht nach einem Platz, findet ihn schließlich am Zugende. Dort sitzt noch jemand, der über einem Schachspiel grübelt und ein rothaariges Mädchen, in einen Roman vertieft. Er steckt sich eine Zigarre an. Der Reisende kennt die Strecke. Der Zug fährt planmäßig in einen kleinen Tunnel. Dies Mal kommt er ihm länger vor.
Es ist dunkel im Abteil.
Lange genug, damit dem Reisenden die Finsternis bewusst wird. Er nimmt die Situation deshalb deutlicher wahr als sonst, wundert sich, dass der Zug den Tunnel noch nicht verlassen hat. Immerhin geht das Abteillicht an. Die Sitznachbarn können weiterlesen oder Schachspielen. Nur der junge Mann ist verwirrt. Er geht auf den Gang, schaut in andere Abteile. Alles scheint normal zu sein.
Wenn nur er die Situation beunruhigend findet, sitzt er offenbar im falschen Zug, denn auf der vertrauten Strecke gibt es einen so langen Tunnel nicht. Er fragt nach. Doch, das ist der richtige Zug. In der Schweiz gibt es halt viele Tunnel. Er möge bitte nicht nerven.
Der Schaffner kommt. Es ist der richtige Zug.
Aber der würde doch nicht durch so einen langen Tunnel fahren!!! Merkt das denn keiner??? Will niemand zur Kenntnis nehmen, dass etwas nicht stimmt?
Keiner will sich stören zu lassen. Keiner will wahrnehmen, dass es Probleme gibt.
Der Zug fährt doch. Der Speisewagen ist voll. Es wird gut gegessen und getrunken. Warum unkt er da eine Krise herbei?
Es hat keinen Sinn. Er kann keinen seiner Mitmenschen für die besorgniserregenden Umstände der Gegenwart interessieren. Darum sucht er einen Experten, der es wissen muss. Den Zugführer. Er findet ihn am Anfang des Zuges. Man spendiert sich eine weitere Zigarre und begibt sich in den Packwagen gleich hinter der Lok.
Der Zug rast mit zunehmender Geschwindigkeit noch immer durch einen Tunnel.
Der Zugführer füllt Tabellen aus.

„Mein Herr, sagte er endlich und trat nah an den jungen Mann …mein Herr, ich habe Ihnen wenig zu sagen. Wie wir in diesen Tunnel geraten sind, weiß ich nicht, ich habe dafür keine Erklärung. Doch bitte ich Sie zu bedenken: Wir bewegen uns auf Schienen, der Tunnel muss also irgendwo hinführen….“

Alles klar. Wir fahren auf vorgezeichneter Spur. Eigentlich ist alles in Ordnung, wenn man davon absieht, dass keiner weiß, wo oder wie die Reise enden wird. Ist das nicht der Moment, die Notbremse zu ziehen? Aber da stürzen sie schon durcheinander. Der Zug fährt jetzt abwärts. Eigentlich müsste er jeden Moment verunglücken. Aber das geschieht nicht. Die Waggontür zum Speisewagen geht auf. Dort prosten die Menschen einengender zu. Dann wird die Strecke wieder ebener. Sie zünden sich eine weitere Zigarre an, klammern sich daran wie an eine Erinnerung an frühere Alltäglichkeit…
Zeit zum Nachdenken, meint der Zugführer, bietet dann aber doch an, nach vorn zum Lokführer zu gehen. Der Führerstand ist leer. Natürlich. Der Zug rast mit nie dagewesener Geschwindigkeit. Die beiden rütteln an Hebeln. Die Maschine gehorcht nicht mehr. Die Notbremse schon gar nicht.

„Der Lokomotivführer? schrie der junge Mann. „Abgesprungen“, schreit der Zugführer zurück. „Schon nach fünf Minuten. Der im Packraum ist auch abgesprungen. Und Sie? fragte der Vierundzwanzigjährige. Ich bin der Zugführer, antwortete der andere, auch habe ich immer ohne Hoffnung gelebt. … Was sollen wir tun? schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hindurch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, … Nichts, antwortete der … Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“


Friedrich Dürrenmatt hat diese Geschichte, ich sagte es schon, 1952 geschrieben. Nicht etwas 1933. Die Erfahrung, dass die Welt in die Finsternis stürzt, dass alle Menschlichkeit abhanden kommt, lag hinter ihm. Wo war Gott darin? Hat er den Führerstand verlassen? Wollte er nicht mehr unser Gott sein, ein Leib in diesen Menschen?
Dürrenmatt soll gesagt haben, dass er Gott für das Fruchtbarste und Furchtbarste hielte.
Dass es nach allem weiterging, lag nicht an der Hoffnungskraft der Menschen, auch nicht an ihrem Verstand, ihrer Hellsichtigkeit, schon gar nicht ihrer Barmherzigkeit.
Es lag an Gottes Barmherzigkeit. Er lässt seine Menschen nicht fallen – sondern auf sich zustürzen. Vielleicht damit wir lernen, barmherzig zu sein. Nur so sind wir ein WIR. Gerade jetzt – wo wir auf Licht am Ende des Tunnels hoffen.
Mehr weiß ich heute auch nicht.
Aber ich weiß, dass der Friede Gottes größer ist als alles…


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