Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  SOLANGE DIE ERDE STEHT

SOLANGE DIE ERDE STEHT

Werner Busch, Pfarrer - 20.09.2018

"Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." 1. Mose 8

"Gott lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse." Matthäus 5

Solange sie auf festen Pfaden ihre immer gleiche Bahn zieht. Solange, wie Naturgesetze gelten und selbst kosmisches Chaos, das Zerbersten von Sternen in neue Ordnung überführen. Solange, wie selbst über der schlimmsten Anarchie in der Menschenwelt jeden Morgen pünktlich die Sonne aufgeht. Solange, wie die Umbrüche in den Gesellschaften und der Streit zwischen Staaten vom verlässlichen Wechsel der Jahreszeiten begleitet werden. Solange, wie über meinem kleinen Leben der Sternenhimmel leuchtet wie schon vor Jahrzehnten. Als ich noch kindlich staunend noch oben blickte und die großen Zahlen üben konnte: Millionen, Trilliarden. Und wie schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden dieses uralte Licht auf die kleinen Leben der Menschheit strahlte und sie abergläubisch werden ließ, weil wir einfach nicht fassen können, was von so fern in unsere Welt strahlt.
Solange das so ist und bleibt, sollen Menschen ihre Archen verlassen. Sollen wir hinaus gehen in die Schöpfung. In die Parks. Sollen wir hingehen in unsere Stadt, in das gemeinsame Leben. In alle Welt.
Solange die Schöpfung aus unerschöpflicher Kraft den Wechsel von Blühen, Vergehen und Wiederaufblühen hervorbringt. Solange sich nach jedem Unwetter die Wasser verlaufen. Und es duftet nach nassem Gras. Braunes Laub liegt warm unterm Baum. Die Erde dampft. Solange der verbrannte Rasen wieder zu grünen beginnt und die Insekten in den Blüten trinken.
Solange sollen Menschen dem Herrn ihre Altäre bauen. Solange sollen wir unsere Herzen in den Melodien wiegen, mit denen schon die Alten dem Schöpfer ihre Freude zuspielten.
So lange.
Ich habe nicht den Atem für so lange. Ich habe nicht die Geduld. Mit mir nicht. Und mit meinem Nächsten nicht. Mit dem, der an der Kasse vor mir im Kleingeld kramt und dem, der an der grünen Ampel zögert, nicht. Mit den Politikern nicht und den Politikverdrossenen auch nicht. Mit den Wutbürgern nicht und denen, die sich abfällig und hitzköpfig über sie empören, auch nicht.
So treu, so lange, so ausdauernd wie Gottes Schöpfung uns trägt und nährt und freut, erfreut, ernährt, erträgt, - so weit komme ich nicht mit meiner schmächtigen Liebe und meinem flach hechelnden Wohlwollen.
Deshalb muss ich Atem holen. Ich muss mich ausruhen von meinem Zorn. Mich erholen von meinem Gekränktsein. Ich muss mich stärken und erfrischen. Lassen. Ich öffne meine Seele für das große Glühen und Wehen in diesen Wochen. Für den Abschied des Sommers. Für den Mars, den ich fast jeden Abend rötlich schimmern sehe und mich nicht sattsehen kann. Für den Mond, der hell und klar über den Himmel streift - wie ein ferner Begleiter, mit dem ich gerne reden würde. Weißt du noch? Als du mir vor Jahren den schneebedeckten Hof in silbernes Glitzern verwandelt hast? Weißt du noch, wie du am frühen Morgen der erste warst, der mich beim Erwachen milde lächelnd grüßte und sich noch schnell verabschiedete, bevor das Sonnenlicht dich in die Unsichtbarkeit verblassen ließ?
Ich betrachte die großen Wunder der Schöpfung. Nicht das Aussetzen der Naturgesetze versetzt mich in Staunen, sondern ihre schier unendliche Geltung. Bis in die fernsten Winkel des sich immer weiter dehnenden Alls gelten, gestalten und herrschen sie. Wahnsinn!
Ich betrachte. Während ich schaue, dämmert mir Unsichtbares. In den Werken der Schöpfung flimmert etwas von ihrem Schöpfer. Ihn sieht man nicht. Aber man erkennt etwas von seiner unendlichen Kraft. Von seiner Schönheit.
Solange die Erde steht.
Solange es unruhig und wild auf diesem Planeten zugeht. So lange hält er seine Hand über uns. Ganz dicht in einem nahen Jenseits hält er sie schützend über uns. Hinter allem, was ist, ist er.

GEBET:
Gott,
Gütiger,
Dein großer Sommer.
So heiß.
Sie klagen.
Wo soll ich schlafen?
Sie fragen.
Wie kommt das?
Beruhigen sich:
»Gabs schon immer«.
Beunruhigen sich:
»Gabs noch nie« …
Trotzdem: Hortensien blühn.
Aber die Wiese verdorrt.
Trauben reifen.
Und der Mais bleibt klein.
Dennoch Äpfel. Erstaunlich.
Wenig Heu.
Irgendwo Feuer auf dem Feld.
Gott,
Gütiger.
Ich dank Dir für den Sommer.
Bitte Dich um Regen.
Und, Gütiger, bitte:
Beruhige mich,
was Deine Treue betrifft.
Und beunruhige mich,
daß ich tu’, was zu tun ist.

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  Missing piece

Missing piece

Peter Kapp, Pfarrer - 19.09.2018

Seit ein paar Wochen liegt vorn vor dem Taufstein in St. Andreas ein großes Puzzle. Es scheint, als hätten zwei Menschen von zwei Seiten begonnen, das Puzzle fertigzustellen. Deshalb geht eine Art Riss quer durch das unfertige Werk. Einzelne Puzzleteile liegen zudem unverbunden herum und an einem Rand fehlt ein Teil offensichtlich ganz.
„Missing piece“ hat der Künstler Georg-Friedrich Wolf sein Werk genannt. Fehlendes Teil. Und was so unverbunden aussieht, soll auch so sein. Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft, das hat nicht nur der Künstler beobachtet. Manches ist kaum noch vermittelbar, Positionen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Der Ton wird rauer. Der jüdische Restaurantbesitzer in Chemnitz wird seine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, jetzt sicherheitshalber unter einer der üblichen basecaps verbergen. Bisher hatte er sie einfach so getragen. Er glaubt, dass das jetzt nicht mehr geht. Ich finde das schlimm. Dass da jüdische Menschen in unserem Land wieder Angst haben müssen, dass sie bedroht werden.
Der Riss durch unser Land. Nehmen wir das einfach hin, schweigen wir gar? Mischen wir uns lieber nicht ein? Als Kirche kann uns das nicht egal sein, wenn etwas schief geht in unserem Land. Wir nehmen die Brüche wahr und wir gehen den fehlenden Teilen nach.
Man kann die einzelnen Teile des Puzzles übrigens nicht mal eben zusammenlegen. Denn jedes wiegt an die 170 Kilo. Man braucht einen kleinen Kran, um sie zu bewegen. Ein Elektromagnet, so habe ich es beim Aufbau gesehen, hebt die einzelnen Teile an, dann werden sie vorsichtig an die richtige Stelle bugsiert. Ganz schön aufwendig.
Risse heilen nicht mal eben. Man muss sich Zeit nehmen, man muss sich Hilfe holen, man muss es gemeinsam versuchen. In der Geschichte von dem Gelähmten sind es vier Freunde, die ihn zu Jesus bringen. Sie lassen sich durch die Menschenmenge nicht abhalten. Sie machen einfach ein Loch ins Dach und lassen ihn hinter. Direkt vor Jesu Füßen. Sie haben ein Ziel und sie suchen und finden einen Weg. Sie lassen sich nicht entmutigen, sie haben Phantasie.
Diese Geschichte aus unserer Bibel kommt mir in diesen Tagen immer wieder in den Sinn, wenn ich das Puzzle sehe. Und ich denke: Kirche ist eine solche Gemeinschaft, wo Menschen mit Phantasie und Tatkraft anderen helfen. Wo andere ihnen nicht egal sind. Wo es uns interessiert, was mit der Gesellschaft passiert. Wo wir uns zusammentun, damit der Riss nicht größer wird.

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  Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Henning Böger, Pfarrer - 18.09.2018

Sie traut ihren Augen nicht. Ein Trinkgeld von über € 500 bekommt sie. Wo gibt es denn so was? In Amerika, Anfang dieses Jahres!
Da erzählt eine Kellnerin ihrer Kollegin, dass sie finanziell ganz arg in der Klemme steckt: Sie kann die Miete für ihre Wohnung nicht zahlen. Sie wird obdachlos, sagt sie und weint laut.
Zwei Gäste im Diner müssen das Gespräch mit angehört haben. Als sie ihr Essen bezahlen, runden sie großzügig auf: von 60 auf 600 Euro, umgerechnet.
Als die Kellnerin abrechnet, traut sie ihren Augen nicht. Sie dreht sich um, aber die Männer sind weg. Sie läuft auf die Straße und sucht. Vergeblich. Sie muss wieder weinen, aber nun aus Freude.
Geben und Danken, das ist auch die Welt.
Die Welt ist nicht nur Jammern und Klagen; nicht nur Krieg und Härte und Hass.
Die Welt ist auch Geben und Danken.
Und noch schöner ist es, wenn ganz ohne Worte gegeben wird.
So, wie in der Geschichte der Kellnerin: Die beiden großzügigen Helfer verschwinden. Sie wollen nicht als Gönner erscheinen, sondern nur mal helfen. Und Gutes tun, weil sie es können. Ganz einfach so.
Das ist eine schöne Geschichte vom Geben und Danken, die sich schnell in den Medien weltweit verbreitet hat. Eine Geschichte wie ein Spiegel, die fragt: Könntest du das auch? So großzügig sein? Gutes tun, weil du es kannst? Ganz einfach so?
Es muss ja nicht Geld sein, großzügig gerundet.
Es gibt viele Geschichten vom Gut Sein; davon, dass Menschen einander wahrnehmen und gegenseitig zum Leben aufhelfen.
Ich denke: Wir alle brauchen diese Geschichte, um die Welt ertragen zu können. Manchmal erdrücken einen die schlechten Nachrichten von Krieg, Gewalt und Konflikt. Oft weit weg und dann erschreckend nah, wie in Chemnitz in den vergangenen Wochen.
Da ist es wie Aufatmen, einfach nur gut zu sein.
Es wenigstens zu versuchen.
Glauben heißt auch, ins Leben zu vertrauen, mit Gottes Hilfe nicht bitter oder abschätzig zu werden, sondern gut sein zu wollen mit anderen.
Geben und Danken sind ein großzügiges Paar. Sie sind der schönere Teil dieser Welt.

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  Die Tore stehen offen

Die Tore stehen offen

Werner Busch, Pfarrer - 17.09.2018

Wenn man jung ist, scheint fast alles möglich.
Es gehört zum Jungsein, Erwartungen zu haben.
Während meines Studiums habe ich einmal den Satz aufgeschnappt: „Ein Student ist ein Nichts, aber es kann noch alles aus ihm werden.“ Es ist ein tolles Lebensgefühl, von der Zukunft noch viel und Schönes erwarten zu können.
Die Zukunftsträume von Kindern sind von dieser Art. Am Anfang: Ich will Baggerfahrer werden. Die Welt umgraben. Etwas bewegen. Beim Erbauen von etwas Großem eine wichtige Rolle spielen. Oder Feuerwehrmann. Gefahren abwehren. Die Welt retten.
Erinnern Sie sich an die Jahre, als das Meiste in ihrem Leben noch unentschieden vor Ihnen lag? Als die Idee für einen Beruf gerade begann, sich zu klären? Als es losging, dass Sie sich Ihre Zukunft erträumt haben? „Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (EG 395) Nicht alle Tore der Welt stehen einem offen. Das lernt man schnell. Die meisten in unserem Land lernen das zu schnell. Aber das braucht es auch nicht, dass alles geht und kommt, wie ich es mir wünsche. Was es braucht, ist das Gefühl: Da kommt noch etwas. Etwas mit Bedeutung für mich. Etwas mit Möglichkeiten. Junge Leute brauchen dieses Gefühl: Die Welt steht mir offen. Da geht noch was.
Es gibt ein Wort Jesu, das berühmt geworden ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ (Markus 9) Ich halte innerlich immer für einen Moment die Luft an, wenn dieser Vers irgendwo vorkommt. Lieber Herr Jesus, denke ich mir, hättest du das nicht ein bisschen bescheidener sagen können? Eine kleine Einschränkung wenigstens? Eine Brise Realismus? Nein. Da steht: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Herausfordernd. „Nur die Übertreibung ist wahr.“ (Adorno) Es gibt Dinge, die kann man nicht bescheiden formulieren.
Die Geschichte, aus der dieser Satz Jesu kommt, ist eine sehr starke und tiefe Szene im Neuen Testament. Ein verzweifelter Mann wendet sich an die Jünger. Sie sollen den schwerstkranken Sohn dieses Mannes heilen. So fremd, so beängstigend und krass war seine Krankheit, dass man sagte, da seien unheimliche Mächte im Spiel.
Aber die Jünger konnten nicht. Sie brachten nicht fertig, worum sie gebeten waren, und mussten den Vater bitter enttäuschen. Ja, Kirche ist manchmal enttäuschend. Verglichen mit der großen Botschaft, dem großen Glauben ist Gottes Bodenpersonal manchmal ein Grund für Ernüchterung. Gelegentlich sogar für tiefe hässliche Kränkung. Es hat keinen Sinn, das wegzureden, zumal das im Neuen Testament eben auch schon vorkommt. In dieser Geschichte aus Markus 9.
Dann schaltet sich Jesus ein und sagt: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Das Gegenteil war eigentlich gerade bewiesen. Trotzdem stellt Jesus den großen Satz ungeschützt, einladend, irritierend noch einmal neu auf. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Ein Satz, der nach dem Scheitern gesprochen ist, nicht vorher. Ein Satz, der in die Situation der Niederlage gehört, und nicht den geborenen Siegern gesagt ist.
Daraufhin antwortet ihm der Vater. In seinen Worten öffnet sich eine Tiefe, die nichts mehr zu tun hat mit Machbarkeitswahn und Fortschrittsnaivität. Kein Hauch mehr von ‚Wir schaffen das.‘ Er sagt: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ Die ganze Zerrissenheit eines Erwachsenenlebens liegt in diesem Satz. Die Fürsorge für sein krankes Kind. Die Liebe. Die Last, der Schmerz und ein tiefes Frustriertsein. „Unglauben.“ Er sagt es frei heraus und lässt die Tiefe seines Herzens sich aussprechen. Unglauben. Nicht nur Zweifel. „Zweifel“ sagen Christen gerne mit dem Unterton von Bescheidenheit. Das klingt wie das Kleingedruckte, dass es ja immer auch noch gibt. Die vielen kleinen Fallstricke und Klauseln, die in jeder Realen Sache stecken, die gibt es eben auch im Glauben. Zweifel ist ja schon fast eine Tugend, ein bisschen skeptisch sein, nicht fanatisch usw. Nein, hier wird ein Mann deutlich. Er meint etwas anderes. Es steckt eine Not in ihm, die sich nicht mehr selbstgefällig ummänteln lässt. Unmissverständlich sagt er: „Unglauben.“ Er kämpft mit sich selbst. Er kämpft mit dem Leben, das er nicht ändern kann. Er kämpft mit Gott, der ihn hängen lässt. Ein Vorbild für aufrechte Christenmenschen.
Aber auch das andere hat er in sich. Er hat noch etwas von dem Kind in sich bewahrt, das wir alle einmal waren. Etwas für möglich halten. Da muss doch noch was gehen! „Herr, ich glaube.“ Auch wenn ich schon alles versucht habe. Auch wenn die Kirche enttäuschend sein kann. Ich kann den Glauben nicht ganz aufgeben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Denn dieses Vertrauen hängt nicht an den Personen, die für den Glauben einstehen. Hängt nicht an den Ämtern, die ihm dienen sollen. Der Herzensglaube der Menschen nährt sich nicht von der Überzeugungskraft der Pastoren und Pastorinnen, der Pröpstinnen oder Bischöfe.
Sondern wir glauben an den, der selber unsere Zerrissenheit auf sich genommen hat. Es hat ihn ans Kreuz gebracht, dass er sich so ungeschützt auf unser Menschsein eingelassen hat. Dass er mit offenem Herzen in diese Welt kam, um Herzen zu finden. Er hat sich auf unser Leiden eingelassen, auf unser Scheitern. Und Gott hat ihn auferweckt. Geheimnisvoll, aber doch so, dass ein Gerücht nicht mehr aus der Welt zu kriegen ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“
Nicht jeder Kindertraum wird Wirklichkeit. Aber keine Kränkung, kein Misserfolg kann Gott davon abhalten, mit uns zu etwas Gutem zu kommen. Uns Menschen kann man aufhalten. Wir kennen die Hindernis, die uns hemmen. Uns wütend machen und resignieren lassen. Aber Gott kann man nicht aufhalten. Und er hat mit seinen Menschenkindern etwas vor. „Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“ (Martin Luther) Ob jung oder alt. Seine Tore stehen offen.

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  Sorget nicht - II

Sorget nicht - II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2018

Morgen werden wir einen Gottesdienst zum Schöpfungstag feiern, in der kommenden Woche folgt dann das Propsteifest. Aufhänger genug, sich am zehnten Jahrestag der Lehman-Pleite bewusst zu machen, dass Geld in Gottes Schöpfungsordnung nicht vorkam.
Er hatte Himmel und Erde geschaffen, Wasser und Festland, Licht und Finsternis voneinander geschieden und dann die Erde als vollkommenen Garten eingerichtet mit Pflanzen der Wiesen, Felder und Wälder, mit Tieren, die laufen kriechen, fliegen oder schwimmen und mit uns Menschen. Es war füreinander gesorgt aber offenbar bot auch die beste aller Welten noch Spielraum, um mehr und anderes zu wollen. Andernfalls hätten Adam und Eva nicht versucht werden können…
So wurden sie des Paradieses verwiesen. Lebensunterhalt, das tägliche Brot war von da an im Schweiße des angesichts der widerspenstigen Erde abzuringen. Nichts war mehr ideal aber wirtschaftlich ging es trotzdem bergauf. Die alttestamentlichen Väter sammelten große Familien und Herden um sich und es dauert nur zwanzig Kapitel, dass Abraham mit den Hethitern darüber verhandelte, was der Platz für Saras Grab kosten soll.
Hatte man in Israel zunächst noch Naturalien getauscht, so diensten bald kostbare Steine, Muscheln und Rohstoffe als Bezahlung. Zur Zeit des Aristoteles schließlich war Geld schon eine solche Macht und derart selbstverständlich, dass er zwischen Haushaltskunst und Geldwirtschaft unterschied. Ersteres betrachtet die Dinge nach ihrem Gebrauch, letzteres nach ihrem Wert. Daraus folgerte Aristoteles: in der Hauswirtschaft erwirbt man so viele Dinge, wie man wirklich braucht. In der Geldwirtschaft hingegen gibt es keine Grenze. Darum machten Menschen in der Geldwirtschaft, so beobachtete es schon Aristoteles, aus allem einen Gelderwerb, weil sie von der Illusion getrieben waren, waren mit viel Geld den wahren Reichtum, das gute Leben sichern zu können.
Folgerichtig verschwanden echte Güter aus der Tauschkette. Geld selbst wurde das Tauschobjekt bis sich die Spirale so heiß gedreht hatte, dass noch gar nicht vorhandenes Geld gehandelt wird. Die Insolvenz der Lehmanbank war nur ein Beispiel dieses Irrsinns und auch sie hat die Welt ins Trudeln gebracht, Millionen Menschen obdach- und heimatlos gemacht.
Wissen konnte man das.
Darum hat die Bibel sehr klare Regeln für die Zinswirtschaft und den Schuldenerlass. Darum auch unterscheidet das Neue Testament sehr genau zwischen Geld und Reichtum. Woran Du dein Herz hängst… Und auch deshalb sandte Jesus seine Jünger ohne Geld und seine Macht unter die Menschen. Das hatte viele Aspekte. Und unter anderem den, dass Lebenszeit in Jesu Nachfolge nicht gebraucht werden muss, um Geld zu akkumulieren sondern vielmehr offen wird auf anderer Ziele und Gottes Wege hin. Auch darum heißt es: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen..“


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  Sorget nicht…

Sorget nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2018

Im Matthäusevangelium heißt es: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Oft kann ich das gut hören. Es gibt ohnehin alle Tage so viel zu tun, dass es manchmal wenig Sinn hat, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es morgen oder übermorgen weitergehen wird. Zudem ist es eine hilfreiche Alltagsstrategie, ganz im Sinne von Michael Endes Beppo Straßenkehrer, sich nicht von all dem, was es zu bewältigen gibt, erschlagen zu lassen, sondern Schritt für Schritt zu tun, was dran ist und vor den Füßen liegt. Das hilft nicht nur, um Erschöpfungssyndrome zu vermeiden, sondern gibt auch Luft und Atem, das was man tut, in Ruhe und also ordentlich und gut zu machen. Solches schenkt dann ja wieder mehr Zufriedenheit und Kraft für den nächsten Schritt und Tag.
Ein guter Kreislauf, der in der Theorie auch fantastisch funktioniert.
Praktisch fällt einem trotzdem immer mehr vor die Füße als man sorgfältig bewältigen kann und so kommt es, dass man sich dann und wann auch eingestehen muss, dass Dinge schiefgegangen sind, weil keine Zeit war, sie gründlich vorzubereiten oder einfach nur die Konzentration und Kraft fehlte, im richtigen Moment präsent zu sein.
Und dann gibt es noch die Sorgen, die man nicht einfach beiseite- und ruhenlassen kann. Allermeist sind das die Dinge, bei denen man für andere Verantwortung übernommen hat oder abhängig ist von Entscheidungen Dritter. Dann sieht man die Schritte, die getan werden müssten. Aber es bewegt sich nichts und mit der verrinnenden Zeit, wächst die Sorge.
Dann kann ich das Matthäuswort nicht gut hören.
Und dennoch hat Jesus Christus nicht unterschieden zwischen den kleinen und harmlosen Alltagsfragen und den großen Nöten. Im Gegenteil. Er sagt, was auch immer uns umtreibt, wenn wir daran glauben, dass Gott uns Zukunft schenkt, wenn wir ihm vertrauen, wird es einen Weg geben. Ich finde, das ist eine schwere Übung. Und zugleich: Eine bessere Lösung fällt mir für die großen Sorgen auch nicht ein als zu hoffen, dass Gott bewegt, was ich nicht bewegen kann, dass er Herzen erweicht, die ich nicht erreiche und Türen öffnet, die für mich geschlossen bleiben. So gilt es, Vertrauen zu wagen ohne träge und teilnahmslos zu werden. So gilt: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

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  Weltsuizidpräventionstag

Weltsuizidpräventionstag

Karl-Peter Schrapel, Pfarrer - 13.09.2018

Am vergangenen Sonntag ist der aus „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt gewordene Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck während einer Kreuzfahrt unter bisher ungeklärten Umständen über Bord gegangen. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Suizidversuch, so berichten es die Medien. Die Suche nach Daniel Küblböck wurde inzwischen eingestellt. Somit ist davon auszugehen, dass er seinen mutmaßlichen Suizidversuch nicht überlebt hat. Selten erfahren wir öffentlich davon, wenn ein Mensch versucht, sich das Leben zu nehmen. Und auch jetzt weisen die meisten Medien darauf hin, dass sie in diesem Fall nur ausnahmsweise davon berichten, weil es sich um eine Person der Öffentlichkeit bzw. besondere Todesumstände handelt.
Warum ist das so, werden Sie sich vielleicht fragen?
Seit beobachtet wurde, dass sich nach einer öffentlich geschilderten Selbsttötung bzw. eines Suizidversuches, statistisch die Zahl ähnlicher Suizide bzw. Suizidversuche erhöht, haben sich die Medien dazu verpflichtet, bei diesem Thema zurückhaltend oder gar nicht zu berichten.
Das geschieht sicher in guter Absicht, hat aber einen fatalen Nebeneffekt: So bekommt das Thema „Suizid“ in unserer Gesellschaft als eine wichtige Herausforderung, mit der wir uns gemeinsam auseinandersetzen müssen, kaum Raum. Und wo etwas nicht benannt, verschwiegen wird, da entsteht eine Lücke, die Platz bietet für wilde Spekulationen, nicht überprüfbare Annahmen: Wie z.B. die völlig falsche Vorstellung, es sei besser, gar nicht über dieses Thema zu sprechen, weil erst dadurch Menschen „auf dumme Gedanken“ gebracht würden. Doch das Gegenteil ist richtig! Aufklärung über die Umstände, die zum Suizid führen, ist der beste Weg, weitere Selbsttötungen zu verhindern! Denn es ist fast nie Todessehnsucht, die Menschen zum Verzweifeln am eigenen Leben bringt, sondern die Überforderung mit den aktuellen Lebensumständen. Krisensituationen, die durch Hilfe, Beistand und Solidarität von Mitmenschen überwunden werden könnten, in denen sich suizidale Menschen aber häufig einsam, nicht gesehen und allein gelassen fühlen. Das müsste aber nicht so sein, wenn wir das rechtzeitig erkennen und entsprechend Hilfe leisten könnten.
Deshalb, um Leben zu retten, muss das Thema in die Öffentlichkeit! Diesem Ziel hat sich der „Arbeitskreis Suizidprävention“ in Braunschweig verpflichtet, der heute auch diesen Gottesdienst verantwortet. Seit 15 Jahren ist dieses sich kontinuierlich erweiternde psycho-soziale Netzwerk durch Fachaustausch und aufklärende, informierende Öffentlichkeitsarbeit mit regelmäßigen jährlichen Aktionen und Veranstaltungen im Rahmen des Weltsuizidpräventionstages in Braunschweig aktiv. Jedes Jahr am 10. September macht uns der Weltsuizidpräventionstag darauf aufmerksam, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. So geht unserer Gesellschaft pro Jahr die Einwohnerzahl einer Kleinstadt verloren. Das sind mehr Menschen, als im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und zurück bleiben die vielen Betroffenen mit der oft verzweifelten, unbeantworteten Frage nach dem „Warum?“: Familienangehörige, Freunde, Kolleg*innen, Mitschüler*inne und alle anderen, die von einem Suizid in ihrer Nähe betroffen sind. Und dafür braucht es einen Raum, wo Betroffene auch öffentlich zum Ausdruck bringen können, wie es in ihnen aussieht, welchen Kummer und welches Leid sie erlebt haben und immer wieder erleben? Wer von den nicht Betroffenen wäre bereit, Menschen auf diesem schmerzlichen Weg zu begleiten? Sicher nicht wenige! Doch dann darf es nicht mehr, wie so oft bisher, schamhaft verschwiegen werden, wovon sie betroffen sind! Und schließlich geht es insbesondere darum, jedes einzelne, von Gott einmalig geschaffene Leben, das uns durch Suizid verloren gegangenen ist, zu erinnern, zu würdigen und nicht einfach aus dem Blick der Welt verschwinden zu lassen. Ich weiß, das ist den Hinterbliebenen sicher mit das wichtigste, dass der Mensch, den sie betrauern, nicht vergessen wird, sondern gesehen wird mit seinem Leben und seinem Leiden. Schauen wir mutig dahin! Tun wir es im Vertrauen auf Gottes Beistand und Segen!

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  Gnade

Gnade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.09.2018

„Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig! Denn auf dich traut meine Seele“ (Ps 57,2),
heißt es siebenundfünfzigsten Psalm und in der Tageslosung. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig“, fleht der Beter, aber was meint das eigentlich – Gnade?
Im letzten Jahr haben wir unsere Sommernächte diesem Thema gewidmet und festgestellt, dass Gnade als Begriff ein schwerer Brocken ist. Weit weg von unserem alltäglichen Sprachgebrauch und von unseren gewohnten Vorstellungswelten. Denn Gnade ist ein Wort das unserer heißgeliebten Selbständigkeit entgegensteht. Zwar treffen wir Entscheidungen, formulieren Wünsche, sind rege und mühen uns, wir hoffen das Beste – aber eine Garantie, dass all unser Sorgen sicher zum gewünschten Ergebnis führt, gibt es nicht. Unser Leben liegt eben nur auch in unserer Hand. Wenn aber tatsächlich geschieht, was wir uns von Herzen wünschen, dann ist das Gnade.

Gnade meint das gute Ende zum Schluss. Sie ist das, worauf wir als Christinnen und Christen hoffen – „denn auf dich, Gott, traut meine Seele“.

Ein Leben birgt viele Momente des Zweifels, der Unsicherheit, des Unverständnisses, des Zorns, der Traurigkeit, der Hilflosigkeit. Und viele dieser Momente fühlen sich an, als ob die Welt um einen herum ins Wanken geriete. In solchen Momenten ist es manchmal schon Gnade, genau die Kraft zu finden, die es braucht, um so gut wie möglich die Balance zu wahren und nicht zu fallen. Und dann das Gegenstück dazu: Gnade liegt in der Freude über Schönes; über Zeiten und Augenblicke eines Lebens, die dankbar sein lassen. Das ist ein bisschen wie das Ernten der Früchte im Herbst. Einen ganzen Sommer lang hat man sie wachsen sehen, sich an ihnen gefreut, sie gepflegt und still gebangt, dass kein gemeiner Käfer sie befällt. Und dann ist es Gnade, wenn man sie pflücken und genießen darf.

Als ich mir im letzten Jahr die Lebensgeschichte des Paulus angesehen habe, der von sich selbst sagt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Kor. 15,10), da habe ich eine Lebensgeschichte neu entdeckt, in der Gott dem Paulus all seine Lebenspläne und Vorhaben in nicht mehr als einem Augenblick zerschießt. Paulus geht zu Boden – und muss neu aufstehen. Aber darin findet er zu seiner Lebensaufgabe. Und schließlich weiß er: Noch da, wo er hadert – mit seiner Geschichte, mit seiner Gesundheit, mit der Sturheit anderer, mit Problemen über und über, noch da gilt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“. Gott selbst wird es am Ende gut machen, auch wenn der Mensch (noch) nicht weiß, wie es geschehen wird.

Für mich meint Gnade deshalb ein vertrauensvolles und anmutiges Loslassen. Bei allem Tun, Schaffen und Arbeit, bei allem Sorgen und kümmern weiß ich mich als Mensch dann eben doch ganz in Gottes Hand gegeben und geborgen.

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  Jahrestag

Jahrestag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.09.2018

Erinnern Sie sich an den Film „Matrix“? Es war einer der Filme, die anlässlich des Jahrtausendwechsels mit dem Gedanken des Weltuntergangs spielten. Am Ende waren es drei Filme – und die Erzählung war die eines modernen Christus. Allein dass der Auserwählte auch sehr erfolgreich das Mittel der Gewalt zu nutzen wusste. Weshalb ich heute mit diesem alten Film daherkomme, ist ein Satz, den ich gestern in einem Podcast gehört habe. Dort sagte der Menschenrechtler John A. Powell, der in Berkeley das Haas Institut für faire und inclusive Gesellschaft leitet, dass seiner Einschätzung nach die Menschheit weniger auf die Liebe als auf eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Interessen vertraue. Wenn ich mich an alle Rambos, Neos, Harry Potters, Iron-Men und so manch andere Filmfigur erinnere, wenn ich mir Counter-Strike, Fortnite, Lara Croft als Spiele der Gegenwart anschaue, dann sehe ich, dass es zumindest einen großen Kult um die rechtschaffene Gewalt rechtschaffener Helden gibt.

Siebzehn Jahre ist es heute her, dass die Twin Tower fielen. Für die einen war es Terror, für die anderen die Tat von Märtyrern. Es sind siebzehn Jahre, in denen die Welt nicht friedlicher geworden ist. Wohl auch durch das, was damals geschah. Denn dem, was wir „den Westen“ nennen, wurde die eigene Verletzlichkeit bewusst. Und damit einher gingen Trauer und Zorn, Angst und Hilflosigkeit. Alles Gefühle, die schwächen. Und leider schlagen nicht nur Kinder manchmal aus Schwäche, Zorn oder Traurigkeit um sich. Dazu dann der in Filmen und Spielen gepflegte Überbau des heroischen Helden, der in seiner Schwäche Stärke entwickelt und als letzter Helden-Notausgang seine Waffen für den Showdown entdeckt.

„Wir trauen der Gewalt mehr zu als der Liebe“, meint Powell. Mein Bauch sagt, dass er Recht hat. Aber wenn das stimmt, dann bedeutet es, dass unsere christliche Aufgabe mehr denn je darin liegt, dagegen zu halten. Gewalt schafft neue Gewalt. Und eine Wahrheit des Kreuzes ist, sichtbares Zeichen gegen alle Gewalt zu sein. Im Hebräerbrief heißt es (Hebr 9,26-28): „Nun aber ist Christus ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“

Ein für alle Mal. Christus als das letzte Opfer, dem keine anderen mehr folgen sollten. Wir können diesen Gedanken gar nicht groß genug schreiben. Wenn der Tod Christi einen Sinn hatte, dann denjenigen, den Wahnsinn aller Gewalt sichtbar zu machen. Gewalt, die aus Rache zu Gegengewalt führt, zieht im schlimmsten Falle Rach-Sucht nach sich. In Folge verzerren sich wunderschöne menschliche Antlitze mehr und mehr zu hässlichen Fratzen. So hoffe ich darauf und bete darum, dass wir lernen, einander in die Gesichter, in die Augen zu sehen und das Schöne im Antlitz des Nächsten zu entdecken. Hier und da wird solche Begegnung Frieden schaffen. Und wenn nicht, dann macht es zumindet deutlich, dass es der Frieden ist, um den wir ringen, und dass Gewalt nichts, aber auch gar nichts Heroisches hat, sondern letzte Tat der Verzweiflung ist.

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  Mein erstes Gefühl

Mein erstes Gefühl

Werner Busch, Pfarrer - 10.09.2018


Wenn ich morgens aufwache – mit welchen Gedanken steige ich aus dem Bett und in den Tag? Das Erwachen am Morgen sind sensible Momente. In welches Lebensgefühl hinein erwache ich? Wenn ich morgens die Augen aufschlage – was bewegt mich zuerst? Man macht sich das meistens nicht bewusst. Aber über das Aufwachen nachzudenken, kann hilfreich sein.
Aufwachen ist ein bisschen wie geborenwerden. Aufwachen ist eine Art Machterfahrung. Es passiert etwas mit mir. Was prägt mich in diesen Momenten, in denen ich noch nicht ganz Herr über mich selbst bin? Bei manchen dauert das nur ein Gähnen lang. Einmal gereckt und zack geht’s los. Bei anderen hält das an, bis die ersten drei Tassen Kaffee drin sind. Wir alle kennen diesen Aggregatzustand. Was gibt mir die Themen, die Gedanken für diese ersten Momente?
„Zuerst danke ich meinem Gott.“ Nachdem Paulus sich selbst den Adressaten vorgestellt hat, beginnt er so sein Schreiben an die Christen Rom. „Zuerst danke ich meinem Gott.“
Womit fängt man normalerweise etwas an? Meist mit Kritik. Am Anfang vieler Veränderungen war die Unzufriedenheit. Irgendetwas klappt nicht, ich muss das anders machen. Am Anfang war der Frust. Dann packt man’s an, beginnt etwas Besseres, Neues.
Aber der Dank? Man soll doch den Tag nicht vor dem Abend loben.
Das große Projekt seiner Mission im Westen beginnt Paulus mit Dank. Noch einmal wird es ihn vorher nach Jerusalem führen, ins alte, östliche Zentrum der Christenheit. Und dann: Let’s go west. Hinaus in die Welt. „Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ Er plant bis nach Spanien. Think big. Dieses Mega-Vorhaben beginnt er mit Dank. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Mich beeindruckt das, weil es so anders ist als das, was ich kenne und selber praktiziere.
Wie beginnen wir etwas in der Kirche? Ich erinnere mich an 2006. Der Rat der EKD brachte das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Unter Theologen ist das inzwischen ein alter Hut und die Kritik daran schon abgenutzt. Aber immerhin war es der Anstoß für EKD-weite Reformen. Manches in den evangelischen Landeskirchen sieht heute anders aus als vor 2006. Und was stand am Anfang? Am Anfang standen Krisen-Prognosen. Man rechnete die Trends bis 2030 weiter und erschreckte. Es wird furchtbar. Wir steuern in die Katastrophe, wenn wir nichts ändern. Eines der größten kirchlichen Reformprojekte in der Evangelischen Kirche der Nachkriegszeit hat so begonnen: Am Anfang stand die Angst. Am Anfang stand der Gedanke, unterzugehen. Am Anfang steht der Druck.
Dazu das Kontrastprogramm aus dem Neuen Testament. DAS erste Großprojekt der Urchristenheit begann anders. „Zuerst danke ich in meinem Gott für euch alle. Ich will zu euch kommen und euch und mich an unserem gemeinsamen Glauben stärken.“ Römerbrief, Kapitel 1. Dabei war die Situation damals überhaupt nicht rosig. „Ich will euch nicht verschweigen, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen. Ich bin aber bis heute daran gehindert worden.“ schreibt Paulus. Dringliches schiebt sich vor das Wesentliche. In seinen Briefen finden wir immer wieder sehr menschliche Passagen von Paulus. Wenig Verlautbarungspathos, selten Timbre in der Stimme. „Ich bin fest davon überzeugt“. Sondern echt und ehrlich schreibt er. „Ich will das nicht verschweigen.“ Ich hab’s einfach nicht geschafft. Anderes hat mich in Atem gehalten.
Nichts von stringenter Projekt- und Prozessplanung in Hochglanz-Dossiers. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auch in der Kirche. Auch im Glauben an Gott. Es ist wie im richtigen Leben.
Der Apostel schwingt sich zum Dank auf. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Seit ich mich näher mit diesem Vers beschäftigt habe, hat sich mir ein Morgenchoral geradezu aufgedrängt. „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank.“ Ich merke aber auch: mich selber umstimmen ist nicht so einfach. Die Art des Aufwachens verändern, geht nicht einfach per Beschluss. Bibel und Choräle lenken den Blick auf Gott. „ER weckt mich alle Morgen.“
Welche Gedanken und Emotionen kultivieren wir, wenn wir etwas beginnen? Erproben wir es: Zuerst den Dank. Wenn die Dinge noch unklar, noch im Fluss sind. Wenn alles noch dämmert. Gott kümmert sich um die, die gerade aufwachen. Gott ist bei denen, die noch nicht ganz Herr über sich selber sind. Und bevor wir wichtige Entscheidungen treffen, geben wir diesem Gefühl, dieser Beziehung eine Chance: „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle und möchte mit euch den Glauben teilen.“
Ihr
Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen

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  Alan Kurdi

Alan Kurdi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.09.2018

Vorhin habe ich hier einen kleinen Jungen getauft, der es sich guthaben wird – mindestens sein Vater ist ein Backofen voller Liebe. Der Taufspruch hieß: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das passt zu dieser Familie und macht Freude mit anzusehen.
Und zugleich wissen wir: die Welt in der dieser kleine Junge groß wird, birgt viele Fragen und Nöte. Wenn wir ernstnehmen, dass wir Gottes Ruf folgen, dann können wir uns nicht nur einwickeln in seiner Liebe sondern müssen sie auch hinaustragen.
Darum habe ich den Eltern nicht nur die Taufkerze mitgegeben, sondern auch ein kleines Buch von Khaled Hosseini, das in der letzten Woche erschienen ist. Der Autor, Arzt und Botschafter des UN-Flüchtlingshilfswerkes ist durch seine Bücher, in denen er von seiner Heimat Afghanistan erzählt, längst weltberühmt. Sein jüngstes Werk ist ein schmales Bilderbuch. Er hat es Alan Kurdi gewidmet, dem kleinen Jungen, der in seiner blauen Hose, dem roten Hemd und den kleinen schwarzen Schuhen vor fast genau drei Jahren an der türkischen Küste lag, den Kopf im Wasser, ertrunken.
Das Bild ging um die Welt. Es erschütterte. Und verblasste. Haben Sie es noch vor ihrem inneren Auge?
Hosseini schreibt sein Büchlein wie einen Brief oder vielleicht doch nur die innerliche Zwiesprache eines Vaters mit seinem Kind. Er schreibt hinein in eine verlorene Vergangenheit, voller Erinnerung an Homs mit seiner Moschee und der Kirche, dem herrlichen Markt. „Ich wünschte, auch du könntest dich an die Gassen mit den vielen Menschen erinnern, erfüllt vom Duft warmer Kibbehs, an die abendlichen Spaziergänge mit deiner Mutter…“
Hosseini beschwört seine Erinnerungen regelrecht und braucht nur wenige Worte, damit man versteht: sein Kind hat diese Erinnerung schon nicht mehr. Denn, so Hosseini weiter, „dieses Leben, diese Zeit, kommen inzwischen sogar mir wie ein Trugbild vor, wie ein längst verstummtes Gerücht.“
Und dann folgen Bilder über die Zerstörung von Homs und die Flucht, das ungewisse Warten so vieler verschiedener Menschen an der Mittelmeerküste, die Angst und das Gefühl nicht willkommen zu sein. Man spürt all die tapferen Versuche, einander Mut zu machen: „Ich höre die Stimme deiner Mutter in der Brandung, sie flüstert mir ins Ohr: Ach wenn sie wüssten, Liebling, wenn sie nur wüssten, was in dir steckt, wenn sie das nur zur Hälfte wüssten, dann wären sie sicher freundlicher.“
Hosseini würde gern versprechen, dass alles gut wird. Aber er weiß, dass er das nicht richten kann. Darum endet sein Buch mit einem Gebet. …
Es ist keine große Literatur, vielleicht, weil auch der große Khaled Hosseini für das Sterben im Mittelmeer keine Worte hat. Aber es ist sein Versuch gegen das Vergessen und Verdrängen. Denn es ist ja nicht vorbei und wird auch heute Nacht wieder passieren….
Und auch: all das hat etwas mit uns zu tun. Es wird die Welt und das Leben unserer Kinder prägen. Darum müssen wir sie mit unserer Liebe stark machen und Beten lehren, denn: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

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  Käthe Löwenthal

Käthe Löwenthal

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.09.2018

Rainer Maria Rilke dichtete nicht wissend aber vielleicht doch ahnend vor über hundert Jahren:
„Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern. / Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern / und gewährst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klöstern / und lässest fünf Stunden noch Mühsal allen Erlöstern
Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben, / bis sie dir alle würdig sind und weit. / Ich will nur sieben Tage, sieben…“
Als hätte er gewusst, dass Städte mit Kirchen und Klöstern in Schutt und Asche sinken werden, dass Lebensgeschichten sinnlos abbrechen, dass sieben Tage zur rettenden Ewigkeit werden können. Vielleicht kannte er die beinahe gleichaltrige jüdische Malerin Käthe Löwenthal, die viele Sommer ihres Lebens auf der kleinen Insel Hiddensee verbrachte. Auch Rilke war dort zu Gast. Selbst nicht alt geworden, erlebte er nicht mehr, dass die jüdischen Mitglieder aus der Hiddenseer Künstlerkolonie verschwanden, schon gar nicht, dass Käthe Löwenthal, weil sie Jüdin war, deportiert und ermordet wurde.
„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben…“
Diese kleine Weile sollten Sie sich jetzt nehmen und die Ausstellung in der Jakob-Kemenate ansehen. Sie zeigt Bilder, Grafiken und Fotografien der Schwestern Löwenthal. Bei der Vernissage gestern Abend sang Svetlana Kundish zur Begleitung von Alan Bern verlorengegangene Lieder jüdischer Künstler. Es war ein Moment wider das Vergessen und auch ein politisches Lehrstück in Tagen, in denen in Deutschland rechtsextreme und antisemitische Haltungen wieder salonfähig werden…
Alan Bern sagte zur Auswahl der Lieder, dass er im Umgang mit den Flüchtlingen, die er in Weimar beherbergt, gelernt hat, dass es keineswegs unpolitisch ist, mitten in Not und Verfolgung, auf der Flucht Lieder zu singen, Bilder zu malen, Geschichten zu erzählen, die von der Normalität berichten. Gerade das holt Menschen aus der Opferrolle, der Außenseiter- und Extremsituation und erinnert alle anderen daran, dass ihre Normalität kein Privileg ist.

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  Sich selbst verbeulen

Sich selbst verbeulen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.09.2018

Der Papst wünscht sich eine verbeulte Kirche, also eine, die angeeckt ist und sich gestoßen hat, eine, die an der Seite der Armen, Rechtlosen, Ausgegrenzten steht, die Spannungen und Konflikte aushält. Er weiß, dass eine perfekte Performance, makellose Schönheit und streifenfreier Glanz nur mit Macht und Geld zu haben sind und auch, dass dies dem Evangelium widerspricht. Ich bin sicher, er weiß auch, dass Menschen unvollkommen sind und in sich selbst verbogen, auch wenn sie getauft sind. Jetzt gibt er trotzdem Anlass, dass man hofft – so Matthias Drobinski heute in der Süddeutschen Zeitung – dass der Papst so konsequent sein möge, dass er sich auch selbst verbeult.
Es geht dabei um die Missbrauchsskandale und deren Aufklärung, um Sexualität und Homophobie, um die Lebensform von Priestern in der katholischen Kirche. Mithin um den Mut, bei der Wahrheit zu bleiben auch dann, wenn der eigene Lack dabei abgeht und andere sehen können, dass man nicht weiter weiß, sich in Widersprüchen befindet. Und es genügt nicht, so Drobinski, predigend daran zu erinnern, dass Jesus Christus schwieg als gebrüllt wurde: „Kreuzige ihn!“
Ich finde, da hat Drobinski in allem Recht. Zugleich lohnt es, den Balken im eigenen Auge zu erinnern. Es sind etliche. Erstaunlich, dass wir überhaupt noch was sehen.
Einer der Balken hat mit der neuerlich entflammten Debatte um die Organspende zu tun. Mit dem Mut zur Selbsverbeulung wäre es doch dran, dass wir uns als Kirche an der Diskussion beteiligen auch wenn das hieße zuzugeben, dass ich – sollte es meinen Mann oder meine Kinder betreffen, hoffen und beten würde, dass sie ein Spenderorgan bekommen und dass ich zugleich Sorgen hätte, ob wirklich bin zum Letzen um ihr Leben gekämpft würde, wenn ihre Organe gebraucht werden. Ich müsste darüber reden, wie ich von Auferstehung predigen und sie bekennen kann, ob es also noch die Auferstehung des Leibes sein kann, wenn das Herz, die Nieren und wer weiß was noch fehlen… Und auch darüber, ob Nächstenliebe vor eigener Unversehrtheit steht? Darf ich mich selbst wie den Nächsten lieben und mein Herz behalten wollen??? Oder ist es egal? Oder kommt es am Jüngsten Gericht nur auf meine Beulen an nicht darauf, ob ich mich selbst als Geschöpf Gottes geachtet und geleibt habe? In meinem Organspendeausweis habe ich vermerkt, dass ich selbst der Organentnehme zustimme aber meine Kinder und mein Mann gefragt werden und keiner überstimmt werden soll.
Ein beuliger Kompromiss…
Über Flüchtlinge, Lebensstil, gerechte Weltordnung, Geld und Wohnraum habe ich dabei noch gar nicht geredet. Immerhin: Über diesem Tag heute heißt es in der Herrnhuter Losung: „Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken, denn der Herr ist deine Zuversicht.“
Das hilft bei der Angst vor Beulen.

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  Den Ruf gehört…

Den Ruf gehört…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.09.2018

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben….
Am letzten Abend unserer diesjährigen Bergtour hatten wir eine tiefergelegene Hütte in der Nähe einer Alm. Es gab noch ein paar Sträucher, die Baumgrenze lag nahe und jede Menge Kühe, deren Glöckchen friedlich vor sich hin läuteten. Im letzten Abendlicht war ich noch einmal rausgegangen, um Abschied zu nehmen als plötzlich von allen Seiten Rinder in atemberaubender Geschwindigkeit die Berghänge hinuntergestürmt kamen. Ich habe mich gewaltig erschrocken, in eine kleine Kiefer gedrückt und gehofft, in der Dämmerung nicht überrannt zu werden.
Die Tiere sammelten sich bei der Alm.
Ein für mich unhörbares oder unsichtbares Zeichen hatte sie zusammen gerufen und auf einmal sah ich, wie viele sie waren...
Vorgestern Abend sammelten sich Zehntausende in Chemnitz zu einem Konzert. Währenddessen war ich mit unserem Sohn im Kino. Wir haben „Gundermann“ gesehen. Die Geschichte eines Liedermachers aus der DDR, im Hauptberuf Baggerfahrer im Braunkohletagebau. Anschließend dann das abendliche Gespräch: Wie entsteht der Moment, das auf einmal Menschen sich sammeln und zeigen: so geht es nicht. Welches Signal ruft uns zusammen, weckt uns auf und holt uns aus der Zuschauerrolle?
In Chemnitz wirkte vermutlich besonders der Marktwert des Namens Campino. Aber nicht nur. Es gab auch ein Moment daneben…
Oder 1989: Fast zeitgleich wurden Friedengebete zu Demonstrationen, gingen Menschen mit Kerzen auf die Straßen. Auf welches Signal hin?
Wovon lassen wir uns aus der schützenden Deckung rufen ehe Stimmen, die wohl keiner haben will, alles niedergebrüllt und verängstigt und verjagt haben, was nicht in unsere fragwürdige Idylle zu passen scheint?
Welcher Ruf weckt uns aus alltäglicher Privatheit?
Dies ist kein Vortrag, nur eine Andacht, darum bitte ich die folgenden schnellen Schluss zu entschuldigen: Dietrich Bonhoeffer hat 1937 als ziemlich junger Mann im Vorwort seiner „Nachfolge“ geschrieben. „Wir wollen vom Ruf in die Nachfolge Jesu sprechen. Laden wir damit den Menschen ein neues schweres Joch auf? … Soll mit der Erinnerung an die Nachfolge Jesu nur noch ein spitzerer Stachel in die beunruhigten Gewissen getrieben werden?“
Wohl wissend also, wie schwer es ist, im Sinne Jesu zu leben, zu widersprechen, zu entscheiden, wohl wissend wie leicht man den Ruf Jesu überhören kann, wohl wissend, dass auf diesen Ruf nicht Menschen von allen Seiten strömen, vertraut Bonhoeffer doch darauf, dass das einzig verlässliche Signal ist. Nur von diesem Ruf will er sprechen und sich leiten lassen.
Das hat seinen Weg nicht einfacher gemacht, aber andere haben sich daran orientiert und Mut geschöpft.

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  Kriegskinder

Kriegskinder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.09.2018

Wenn man dieser Tage mit dem Auto vom Bahnhof Richtung Stadthalle fährt - und nicht nur da – bleiben die Augen an weißen Holzkreuzen hängen. Das ist ein bisschen gefährlich für den Verkehr, denn die Kreuze nehmen kein Ende und jedenfalls ich musste aufpassen, um nicht zu stark abgelenkt zu werden. Ganz schlicht sind sie. Es steht nur der Name eines Landes drauf.
Das letzte, was ich heute Morgen gelesen habe, war „Polen“.
Dann bin ich abgebogen. Was war das?
Die Kreuze sind Teil der Aktion „100 Jahre Kriegskind“. Den Initiatoren liegt daran, einhundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viele Kindheiten auch heute immer noch geprägt sind von Kriegserlebnissen. Daran ändert sich offenbar nie etwas. Egal wie viele großgewordene Kriegskinder unter uns leben, die Nacht für Nacht in Bunkern gesessen haben und viel zu früh bereifen mussten, dass nichts bleibt, alles jederzeit in Schutt und Asche versinken kann.
Kinder wurden und werden Zeugen von Blutbädern und Vergewaltigungen. Sie erleben Flucht und Vertreibung. Statt von Geborgenheit und Zuwendung geprägt zu werden und im Schutz eines fürsorglichen Elternhauses groß zu werden, erleben sie Angst und Ohnmacht, Schrecken und Leid, Hunger und Kälte. Unbekümmertheit und Lebensfreude verkümmern, wenn stets der Verlust droht, Gegenwart lebensgefährlich und Zukunft ungewiss ist. Dazu kommt die Einsamkeit. Viele Kriegskinder sind mit ihrer Seelenangst lebenslang allein geblieben. Wenn überlebt werden muss, wenn es alle betrifft, ist wenig Raum für die Not der Kleinsten.
Aber die Erinnerung verblasst nicht. Im Gegenteil. Sie bleibt schmerzhaft klar.
Grund genug, wenigstens einen Moment innezuhalten. Grund genug, inmitten aller Konflikte an die zu denken, die sich nicht wehren können.
Wie weit Kinderwelten auseinander liegen können hat die Braunschweiger Zeitung heute übrigens sehr eigenwillig dokumentiert: unmittelbar neben dem Artikel mit den weißen Holzkreuzen zeigt die Rubrik „Willkommen“ die Fotos der Neugeborenen in unserer Stadt…

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  Markierte Wege

Markierte Wege

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.09.2018

Ich hatte Urlaub und wir waren wandern. Dieses Mal im Montafon, einem Gebirgsstock der Alpen auf der Grenze zwischen Schweiz und Österreich. Grüne Hochtäler wechseln sich ab mit bizarren Felsformationen, nach jedem Pass sieht die Landschaft wieder völlig anders aus. So läuft und steigt man Pfade entlang der rotweißen Wegmarkierungen von Hütte zu Hütte und schaut nach dem Wetter, weißen und schwarzen Wolkentürmen.
Letztere machen es manchmal nötig, extra zeitig aufzubrechen und bescheren dann lange verregnete Hüttennachmittage, in denen man mit anderen Wanderern erzählt und Karten spielt und liest, was einem eben in die Hände kommt. So stieß ich auf einen Text aus der Geschichte des Alpentourismus und der Alpenvereine und las von einer hitzigen Debatte, bei der man vor hundert Jahren darüber stritt, ob die markierten Wege in den Bergen eigentlich eine kulturelle Glanzleistung oder totale Entmündigung sind.
Beide Seiten haben gute Argumente für sich. Es ist ohne Frage eine kulturelle Errungenschaft, die Bergwelt so erschlossen zu haben, dass auch Menschen, die weder dort oben groß geworden noch Extrembergsteiger sind, ihre Großartigkeit erleben können ohne ständig in Lebensgefahr zu geraten. Dafür braucht es gespurte Wege, gesicherte und markierte Pfade und die Einsicht des Wanderers, genau dort lang zu gehen, wo alle vor ihm schon ihre Füße hingesetzt haben. Letzteres kann man als entmündigende Gängelei betrachten. Es ist eben ausdrücklich nicht erwünscht, eine eigene Route zu suchen, eigene Wege zu gehen. Kreativität wird – jedenfalls auf Bergwanderwegen abseits alpiner Steige - nicht gebraucht.
Dieser Zwiespalt hat mich auf den folgenden Touren begleitet. Ich bin nicht geneigt, die vorgegebene Spur zu verlassen – schon weil ich weiß, wie es sich anfühlt, den Weg verloren zu haben.
Aber die alte Debatte hat sich in mir festgehängt als Bild für Größeres: Ist es nicht in unserem Glauben auch so? Wir bergen uns in alten Worten und liturgischen Formen, bekennen theologische Formulierungen seit Jahrhunderten immer in derselben Weise.
Das kann man kritisch finden, weil die eigene Gebets- und Glaubenssprache verkümmert, wenn ich nur nachspreche, was andere formuliert haben und weil es so immer schwerer wird, auszudrücken, was ich selbst im Leben und im Sterben hoffe und bekenne.
Aber zugleich bewahren uns die Psalmen und das Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Einsetzungsworte oder wunderbare Lieder, davor endgültig zu verstummen, weil die Fragen zu groß sind oder uns in der Einsamkeit der Zweifel zu verlieren, weil die Deutung des Lebens oft so unwegsam scheint. Darum sind die alten Glaubensworte wie die Wegmarkierungen im Gebirge. Sie sind ein Geländer, an dem entlang man von Zuflucht zu Zuflucht gehen kann.
Und sie sind Menschenwerk, müssen gepflegt und erneuert und den sich immer stärker verändernden Bergen angepasst werden.

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  Offenbar werden

Offenbar werden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 31.08.2018

Die Ereignisse rund um Chemnitz lassen nicht los. Und sie lassen einen Autor wie Thilo Sarazzin in anderem Licht erscheinen, der sich in seinem neuesten Buch anmaßt ohne jeglichen religionswissenschaftlichen Sachverstand die Heiligen Schriften anderer Religionen verurteilen zu können. Derzeit scheinen viel zu viele Menschen bereit, ihrem Frust auf Kosten anderer Luft machen zu wollen. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung kommentiert Sonja Zekri zum neuen Sarrazin-Buch: „Deutschland braucht dieses Buch so nötig wie einen Ebola-Ausbruch, und doch ist der Erfolg unabwendbar. Die zweitschlimmste Deutung dafür wäre, dass ein Autor auf einem gewachsenen Markt für Islamängste nur die alten Thesen in höheren Dosen anbietet. / Aber was, wenn viele das Buch gar nicht als Überdosis empfinden? Wenn ein Teil seines Erfolgs gar nicht darauf zurückginge, dass die Leser ihre „berechtigten“ Fragen an den Islam von Sarrazins biologistischen Übersteigerungen trennen, sondern, umgekehrt, Sarrazin gerade mit der Anrufung alter Ängste um Reinheit und Blut einen Nerv trifft? Wenn also, anders ausgedrückt, manche Vorbehalte gegen den Islam nichts mit Religion oder Kopftuch oder Terror zu tun haben, mit kultureller Überfremdung und schon gar nicht mit westlichen Werten, sondern darin eine uneingestandene Furcht zutage träte; etwas nie Bewältigtes, historisch Vererbtes, was jede Debatte über Integration zur Kulissenschieberei macht? Die Antwort auf diese Frage könnte unerträglich sein.“

Tja, was also, wenn trotz aller politischer Bildungsarbeit, trotz allem Geschichtsunterricht, trotz aller Gedenktage und Gedenkstätten viel zu viele Menschen in unserem Land wieder oder immer noch Rassisten wären? Die BZ betitelt den sächsischen Regierungschef Michael Kretschmer heute als den „Ratlosen“. Denn seine Wähler sind eben auch jene, die sich „abgehängt fühlen und neidisch-ängstlich auf Migranten schauen“. Die Journalistin Ulrike Winkelmann meint dazu, dass schlaue Ideen aus dem Westen jetzt nicht helfen würden, sondern stattdessen die Demokraten vor Ort zu stärken wären. Und wie? Indem offen gelegt werde, wer wo was rassistisch verlautbaren lässt, indem Rädeslführer benannt würden, indem Fußballforen, Facebook und WhatsApp noch einmal auf ihre Rolle bei Gewaltaufrufen hin überprüft würden.

Im 2. Brief an die Korinther heißt es (2. Kor 5,10): „Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat, es sei gut oder böse.“

Wenn das, was ist, offen gelegt und benannt wird, dann ist das gut. Ohne Fehl wird zwar erst der Christus selbst unser Tun beurteilen können, aber um einander in unserem Tun aufzuhelfen, haben wir ja doch ein paar Maßstäbe von ihm erhalten: Offene und ehrliche Rede gehören genauso dazu, wie ein Handeln, das eigene Vorurteile und Egoismus um des Nächsten willen überwindet. Es ist ein Weg fortwährender Selbstbefragung, ob das eigene Tun und Lassen noch mit diesen Maximen übereinstimmt. Das würde ich mir nicht nur für manchen Chemnitzer, sondern auch für viele andere Menschen der näheren und weiteren Umgebung wünschen.

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  Von Hochzeiten und inneren Bildern

Von Hochzeiten und inneren Bildern

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.08.2018

Es ist Sommerzeit und damit die Hoch-Zeit für Hochzeiten. In einer Zeit, in der niemand mehr heiraten „muss“, wie es bei uns zu Hause so schön hieß, ist das vielleicht doch ein noch einmal besonderer Schritt. Denn es stärkt den Gedanken, dass zwei Menschen bis zu ihrem Tod Seite an Seite bleiben wollen. Allen Trends und allen Statistiken entgegen.

Doch wahrscheinlich gerade weil es inzwischen keine selbstverständliche Lebensstation mehr ist, wird das Vermarktungsgeschehen um dieses Ereignis herum immer bunter. Fernsehshows formen innere Bilder, indem sie Brautpaare miteinander in Konkurrenz treten lassen und am Ende die schönste Hochzeit gekürt wird. Es sind Bilder von der ‚Prinzessin für einen Tag‘, die geschürt werden; oder, heute vielleicht besser gesagt: Bilder vom ‚Star für einen Tag‘. Und so blicke ich manchmal aus meinem Bürofenster – und staune. Kürzlich erst ließ sich ein Paar auf dem Domplatz fotografieren, deren Fotografen echte Verknotungskünstler waren. Da lag der eine auf der Erde, während der andere die Beleuchtung hielt, gleichzeitig aber auch selbst noch Fotos machte. Die beiden boten der stillen Betrachterin am Fenster über Minuten hinweg eine eindrückliche Show. Wenn dieses Brautpaar sich nicht wichtig vorkam, sich nicht als die Stars des Tages fühlten, dann - … ja dann haben sie die Show der Männer durchschaut. Denn gute Fotos machen auch Leute mit weniger akrobatischem Aufwand. Die beiden aber haben neben hoffentlich auch guter Bilder eine zweite Dienstleistung verkauft: und zwar die des ‚du bist der Star deines eigenen Films‘. Und wahrscheinlich sind die frisch Vermählten mit dieser Dienstleistung hochzufrieden und werden das Unternehmen am Ende weiterempfehlen.

Als Pfarrerin darf ich viele Hochzeiten begleiten. Und je länger ich das tue, umso stärker nehme ich wahr, dass das Gelingen der Hochzeit an dem hängt, was in den Menschen geschieht. Wir haben hier wunderschön geschmückte Hochzeiten erlebt und ganz minimalistische – und beide äußeren Szenarien boten Beispiele für Gelingen wie für Misslingen. Vielleicht habe ich es Ihnen sogar schon einmal erzählt, aber eine meiner schönsten Trauungen war jene, in der ein Brautpaar 23 Jahre nach seiner standesamtlichen Trauung entschied, dass sie im Kreise ihrer Kinder und deren Freundinnen die kirchliche Trauung nachholen wollten. Geld gab es keines, deshalb wären die Kleider manch einem lustig erschienen. Aber das alles machte nichts, weil alle von Herzen beteten und mit Leidenschaft und Freude schön schräg sangen. Von außen hätten die beiden Lacher und keinen einzigen Punkt in der Hochzeitsshow bekommen, trotzdem war es eine der wunderbarsten und schönsten Trauungen, die ich begleiten durfte – und, Sie hören es, von der ich bis heute regelmäßig schwärme. Das Gelingen der Hochzeit hängt nicht am äußeren Bild, sondern an der inneren Beteiligung. Es hängt nicht an diesem oder jenem Accessoire, sondern daran, ob Menschen dankbar sind und bereit, sich auf ihr eigenes Wagnis „Eheschließung“ ganz und gar einzulassen. Ohne Ablenkung, sondern von Angesicht zu Angesicht.

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  Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.08.2018

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, beten wir, weil Christus selbst es uns gelehrt hat. Wer die Erzählungen der Bibel ein wenig kennt, weiß, dass es dabei um Buße und Umkehr, also den kritischen Blick auf sich selbst geht.

In diesen Tagen lesen wir viel von dem, was die #ChurchToo-Debatte ausgelöst hat. Vieles von dem, was zu lesen ist, ist so weit von dem entfernt, wofür unser Glaube der Liebe und Nächstenliebe steht, das einem ganz flau wird. So finden sich auf tagesschau.de die Worte eines Opfers, der als neunjährigem Mädchen von ihren Eltern und dem Pastor gesagt wurde, sie müsse dem Täter vergeben; Christus habe schließlich Vergebung gelehrt. Sie musste ihren Vergewaltiger umarmen und ihm vergeben. Das ist einfach nur schrecklich.

Auch eine der Kirchengemeinden, in denen ich gearbeitet habe, gehörte zu jenen, die sich mit dem Thema Missbrauch auseinander mussten. Hier war es der ehrenamtliche Posaunenchorleiter, der einigen Kindern Einzelunterricht erteilt hatte. Irgendwann brach Gott sei Dank einer der Jungen das Schweigen. Für uns in der Gemeinde war es ein kaum zu verarbeitender Schlag. Denn wir alle hatten diesen Mann als sympathisch, lustig, zuverlässig, stets präsent und ansprechbar für viele Gemeindeaufgaben, ja, als einen Vorzeige-Ehrenamtlichen empfunden. Wir haben ihm… vertraut. Als dann der Missbrauch ans Tageslicht kam, fühlte es sich an wie das Messer im Bauch, verbunden mit einer riesengroßen Scham gegenüber den Opfern und ihren Familien. Und niemand wusste so recht, was gegenüber den fragenden Journalisten zu sagen sei, denn es gab nichts Vernünftiges zu sagen. Dass so manch einer diesen öffentlichen Teil gerne umginge, kann ich mir gut vorstellen. Denn das alles ist für alle Beteiligten nur schwer auszuhalten. So lässt sich nachvollziehen, das in einigen Gemeinden geschieht, was nicht geschehen darf: Nämlich das Verschweigen des Missbrauchs. Alles wird mit dem Wort Vergebung zugekleistert, sogar das eigene Gewissen. Hier wird die Mahnung zur Vergebung missbraucht, und mit diesem Missbrauch erfährt das Opfer einen weiteren Missbrauch. Ja, es ist wirklich einfach nur schrecklich.

Vertrauen und Vergebung. Ausgerechnet diese in ihrem Kern so großen Werte sind die Einfallstore. Der Vertrauensvorschuss macht es dem Täter leicht und die Mahnung zur Vergebung verhindert die gerechte Strafe und ermöglicht Folgetaten. Aber so wie Vertrauen nicht blindes Vertrauen sein darf, so ist Vergebung nicht Vergebung. Sie ist kein Persilschein, der die verschmutzte Weste weiß wäscht, sondern sie braucht, um wirklich und wahr zu sein, die Aufdeckung, die Bloßstellung der bösen Tat. Und erst wenn alle rechtlichen Schritte abgearbeitet sind – und man sich fragt, wie man eigentlich mit den Erinnerungen weiterleben soll, dann kommt die Vergebung ins Spiel. – Sie ist der Abschluss eines inneren Prozesses, der weiterleben und keiner Bosheit der Welt das Recht geben will, Macht über die eigene Seele zu behalten. Sie ist nichts, was sich fordern ließe, und schon gar nichts, was ohne die vorherige Aufdeckung der Straftat auskäme.

Wahre Vergebung meint m.E. in solchen Fällen, den anderen anzusehen und ihn in seinem Unrecht mit der eigenen Größe zu beschämen, ihn zurückzulassen – und so in größerem Frieden weiterzuleben als zuvor.

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  Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.08.2018

„Wie konnte das damals eigentlich passieren?“ So haben meine Klassenkameraden und ich uns in der neunten Klasse im Geschichtsunterricht gefragt. Unsere Lehrerin hatte einen Plattenspieler mitgebracht und eine Platte aufgelegt, auf der eine von Hitlers Reden mitgeschnitten war. Zu hören war eine abgehackte, aber dynamische Stimme sowie viel Jubel einer großen Menge. Zu verstehen war allerdings wenig. Im Nachhinein bekamen wir die Rede auf Papier, um sie zu analysieren. In dieser Rede war allen alles versprochen, bis dahin, dass einige der Versprechen einander eigentlich ausschlossen. „Hat das denn niemand gemerkt?“, fragten wir. Wenn, dann war es den Leuten wohl egal. Und es ist ja leider auch nur allzu wahr: Nicht was gesagt wird, ist wichtig, sondern wie und mit welchem Selbstbewusstsein es gesagt wird. Die Show und nicht der Inhalt gewinnt.

Wie kann das passieren, müssen wir heute fragen, wenn wir auf die Nachrichten des Wochenendes blicken. Was ist das für eine Katastrophe, wenn in einem demokratischen und reichen Land, plötzlich der Mob auf der Straße nach Selbstjustiz schreit und Menschen angegriffen werden allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Für mich ist das alles vor dem Hintergrund unseres damaligen Geschichtsunterrichts unfassbar. Denn da ist ja nicht nur der Mob, sondern da ist auch eine Partei, deren Vorsitzender Zeug erzählt wie: „Wir holen uns unser Land zurück“. Das mag für manchen heroisch und tapfer klingen, ist inhaltlich aber blanker Unsinn und gefährlich. Weiter gibt es Parteikollegen, die sich unverhohlen menschenfeindlich und rassistisch auf ihren Webseiten äußeren, die dann zwar halbherzig von der Partei zurückgerufen werden, man aber das Gefühl nicht loswird, dass der Medienrummel um solche Schlagzeilen eigentlich gern genommen ist. Und noch weiter gibt es kleine Männer, die sich zu Staatsmännern Deutschlands aufspielen, sich von Despoten dieser Erde einladen und fürstlich umsorgen lassen und anscheinend gut damit leben können, dass die Diktatoren solches Tun medial für ihre Zwecke ausschlachten. Aber anstatt dass die Menschen schreien und sich laut wundern, lese ich heute, dass im Sachsen-Trend zur Landtagswahl die CDU verliere und die AfD gewinne. Wie kann das passieren? Warum schrillen die Alarmglocken bei scheinbar immer weniger Menschen? Wir sind theoretisch so gut informiert wie noch nie und haben praktisch, scheint’s, aufgehört die Informationen zu werten und zu deuten.

Umso wichtiger, dass wir nicht schweigen. Als Christinnen und Christen ist uns nicht geboten, danach zu fragen, woher einer kommt oder wie er aussieht, sondern danach, wie wir mit ihm zusammen Wege und Möglichkeiten entwickeln können. Das ist weder ein: „Alle sollen in Deutschland leben“, noch ein: „Schließt die Grenzen“, sondern ist das hörende Fragen, das aufrechte Ringen und die feste Zuversicht, dass es am Ende Wege des Lebens gibt. Keine harte Hand, sondern die trotzige Nachfolge in einem Christuswort, dass Paulus uns überliefert hat (2. Kor. 12,9): „Der HERR hat zu mir gesagt:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

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  Die Kehrseite der Freiheit

Die Kehrseite der Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.08.2018

Es gibt eine Frage, die sich Menschen seit vielen 1000 Jahren stellen, die jedoch noch nie zufriedenstellend beantwortet wurde. Diese Frage lautet: Warum mischt sich Gott nicht ein, wenn hier auf dieser Erde Menschen einander Leid zufügen. So alt diese Frage sein mag, so aktuell ist sie auch. Ein schnelles Durchblättern der Zeitung oder auch schon die 5-Minuten-Nachrichten im Radio reichen aus, um mehr Situationen präsentiert zu bekommen, die uns diese Frage leise stellen lassen, als uns lieb ist.
Man kann sich auf Wikipedia schaurige Statistiken über die aktuell auf dieser Erde zu findenden bewaffneten Konflikte anzeigen lassen. Sortiert nach der Anzahl der Todesopfer wird dort dargestellt, wer gegen wen Krieg führt, was Gründe und Auslöser sind und waren und wo diese Kriege genau stattfinden. Derzeit herrschen auf fünf Kontinenten unserer Erde kriegerische Auseinandersetzungen; lediglich in Australien und in der Antarktis ist es friedlich. Das Perfide an diesen Gewalttaten ist, dass die Menschen, die sich auf den Schlachtfeldern dieser Erde gegenüberstehen oder sich mittels Drohnen und anderer ferngesteuerter Lenkwaffen gegenseitig umbringen, sich gar nicht kennen und persönlich auch nichts gegeneinander haben. Diese Absurdität wohnt Kriegen inne, solange es Menschen gibt. Diejenigen, die ihr Leben lassen müssen, als Soldaten oder unbeteiligte Menschen in der Zivilbevölkerung sind nicht die, die entschieden haben, dass Krieg zu führen ist. Die Mächtigen sitzen woanders und das meist weit weg von den Orten, an denen Menschen sterben müssen.
Warum greift Gott nicht ein? Es wird Sie nicht wundern, auch ich habe keine wirklich befriedigende Antwort parat. Ein Versuch: Gott hat uns mit unserem Leben auch große Freiheit geschenkt – Freiheit, selbst Entscheidungen zu treffen, Freiheit, unser Leben zu gestalten, Freiheit, an Gott zu glauben oder es eben auch zu lassen. Gott zwingt uns zu nichts, er lässt uns im positiven Sinne an der langen Leine laufen und wenn es eng wird, dürfen wir uns seiner Nähe sicher sein aber er drängt sich eben nicht auf. Die Kehrseite dieser Medaille der Freiheit ist, dass wir Menschen sie missbrauchen können, um unseren Mitmenschen zu schaden. Das kann bewusst und direkt passieren, indem wir anderen ganz konkret Gewalt antun, das kann aber auch indirekt so sein, in dem wir unser Leben zulasten anderer leben, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Von den drei Euros, die wir bei uns für ein T-Shirt bezahlen, wird die Näherin in der Fabrik in Bangladesch kaum ihre Familie ernähren können.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir tragen auch immer die Verantwortung für unser Tun und Lassen. Das Bibelwort für den heutigen Tag will uns Orientierung und Entscheidungshilfe sein. Es stammt aus dem Epheserbrief und lautet: „Führt euer Leben in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat.“ Liebe und Hingabe sollen Antrieb und Ziel unseres Lebens sein. Würden wir Menschen das im Blick behalten, wäre schon viel erreicht.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Was ist Glück?

Was ist Glück?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.08.2018

Haben Sie gerne Glück? Vermutlich schon, wie wir alle. Wohl auch deshalb wünschen wir einander zum Geburtstag viel Glück, zu Prüfungen oder auch zum Neujahrstag. Aber was ist das eigentlich: Glück?

Sigmund Freud fand, dass jede und jeder seines eigenen semantischen Glückes Schmied sei. Der Brockhaus wagt mehr; er definiert: „Glück ist eine komplexe Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen, des Eintretens positiver Ereignisse, Eins-Sein des Menschen mit sich und dem von ihm Erlebten. Glück beinhaltet sowohl günstige Fügung der Geschehnisse, als auch den Zustand des Wohlbefindens und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.“ Im Begriffslexikon zum Neuen Testament klafft hingegen eine große Lücke zwischen ‚Gleichnis‘ und ‚Gnade‘. Da findet sich kein Glück. Das ist kein Zufall, denn das Gute, das wir erleben, wird in der Bibel ja weder irgendeiner beliebigen Fügung noch einem diffusen Schicksal anheimgestellt, sondern Gott selbst wirkt es in unserem Leben. Glück entspricht also der göttlichen Gnade und der daraus folgenden Seligkeit des Menschen.

Die Literatin Connie Palmen fügt all dem eine schöne eigene Beschreibung von Glück hinzu, indem sie eine ihrer Figuren sagen lässt: „Glück ist das Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können.“ „Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können“. Welche wunderbare Definition! Sie macht das Glück unabhängig von gegenwärtigem Ergehen und Geschick, ja sogar von der Erfüllung irgendwelcher Wünsche oder Hoffnungen. Glück findet sich stattdessen da, wo man sich etwas von der Zukunft erwartet.

Wir leben in einer Gegenwart vieler Ängste und Sorgen. Und so mancher erwartet von der Zukunft nicht mehr, als dass sie schlechter sein wird als die Gegenwart. Welch‘ eine unglückliche Zeit, wenn Menschen derart den Glauben an die Zukunft zu verlieren drohen. Wenn sie keinem Gott mehr zutrauen, dass er selbst die Welt erhält und bewahrt.

In einem der wunderschönen biblischen Texte heißt es dagegen (Mt 6,26f..34):
„Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Ich meine, dass schon vielen vieles geholfen ist, wenn sie das leben könnten. Wenn sie täglich tun, was ihnen zu tun möglich ist, und sie sich angstfrei und voller Vertrauen auf das Erwachen am kommenden Morgen freuen.

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  Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.08.2018

Kleider machen Leute, so weiß es das Sprichwort. Und auch in Märchen und Sagen spielen Kleider eine wichtige Rolle. Hier unterscheidet sich durch die Kleidung der König vom Knecht, die Bäuerin von der Hexe und so fort. Und oft genug wird damit gespielt, dass der eine in die Kleidung und damit in die Rolle des anderen schlüpft. Es scheint bisweilen so zu sein, dass die Kleidung mehr mit ihrem Träger macht, als man vielleicht vermuten würde. In der Tageslosung für heute heißt es (Sach 3,4):
„Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“
Vergebung wird hier durch die Feierkleider sichtbar. Der, dem vergeben wurde, wird als veränderter Mensch erkennbar. Auch an anderer Stelle spielt die Bibel mit Bekleidungsbildern. So heißt es im Epheserbrief in Bezug auf den Christenmenschen in der Welt: „So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens.“ Und Paulus schreibt im Römerbrief sogar (Röm 13,14): „So zieht an den Herrn Jesus Christus.“

Zwar dürfte der Glaube sich kaum anziehen oder ablegen lassen wie ein Gewand, doch handelt es sich bei solchen Bildern um durchaus hilfreiche Vorstellungen. Zum einen, weil sie den Gedanken festhalten, dass der Glaube in einem Leben sichtbar werden soll: in Werten wie der Wahrheit, der Gerechtigkeit oder des Friedens, wie wir es gerade aus dem Brief an die Epheser gehört haben. Zum anderen, weil solche Vorstellungen eine spielerische Dimension haben. Was wäre wenn? Was wäre, wenn aus den Schwertern Pflugscharen würden und die Wölfe und Lämmer beieinander weideten und die Löwen Stroh fräßen wie das Rind? Was wäre, wenn Gemeinsinn mehr gälte als Egoismus? Was wäre, wenn wir uns im Leben einen Vorteil auf Kosten anderer verschaffen könnten und täten es einfach nicht?

Das Taufkleid, das dem Täufling ursprünglich nach seiner Taufe angezogen wurde, darf sinnbildlich für den Christus stehen, in dessen Gewand der Täufling sich mit der Taufe begibt. Sein eigenes Sein ist mit der Taufe nicht verschwunden, er bleibt – Mensch. Aber ein Mensch, der sich ab jetzt im Namen Christi kleiden will. Er formt sich äußerlich um in der Hoffnung, dass er seinem veränderten äußeren Bild hier und da schon in dieser Welt mit seinem Inneren entsprechen kann.

Kleider machen Leute. Aschenputtel muss erst eine Nacht lang in die Kleider einer schönen Prinzessin schlüpfen, um ihre wahre Bestimmung zu entdecken. Auch das Taufkleid gibt es nur einmal im Leben, und doch können wir es im besten Fall immer wieder einmal aus dem Schrank nehmen und erinnern, dass es zu uns gehört. Denn Christ oder Christin werden wir, indem wir uns nicht weniger als unser Leben lang auf Gott hin ausrichten.

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  Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.08.2018

- lautet die heutige Tageslosung. Das passt zu einer Sitzung, an der ich gestern teilnehmen durfte. Sie handelte von der Maria-Magdalenen-Kapelle. Diese lag inmitten der Stadt und war eine von drei Kirchen, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überlebt hatten. Ursprünglich gehörte sie als Kapelle zum Domstift. Mit der Reformation endete das aber und wie sie dann bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts genutzt wurde, ist nicht wirklich bekannt. Ab 1832 wurde sie erneut Stiftskapelle, dieses Mal des Frauenkonvents des Aegidienklosters. In den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts war sie dann vor allem Verhandlungssache. Die Druckerei Limbach wollte das Grundstück kaufen, auf dem sie stand, was nach einigem Hin und Her im Jahre 1944 auch gelang. Die Kapelle wurde allerdings erst 1955, nachdem der Kauf bestätigt worden war, abgerissen und machte so Druckereigebäuden Platz.

Im Rückblick betrachten viele dieses Geschehen vor allem kopfschüttelnd. Aber so manches an architektonischem Tun der Jahre des Wiederaufbaus ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Dass wir jetzt wieder von ihr lesen und sprechen liegt daran, dass sie einst dort zu sehen war, wo die Burgpassage derzeit neu in die Burgtwete umgestaltet wird, und die Frage aufbrandet, ob man nicht in irgendeiner Weise an die Kapelle erinnern und ihren noch erhaltenen Grundstein in einem unserer Museen ausstellen sollte.

Dazu gehört die Frage, wieso es eigentlich niemandem auffiel, als 1955 eine derjenigen drei Kirchen abgerissen wurde, die den Krieg heil überstanden hatten? Ein Teil der Antwort lautet, dass sie so versteckt lag, dass sie den Menschen im Stadtbild kaum sichtbar war. Der andere und wichtigere: Dass sich nicht genügend Menschen fande, die sie lieb hatten. Denn die Kapelle war nie Kirche der Öffentlichkeit. Sie war besonders, aber eben leider den Menschen der Stadt kein Ort ihres Gebets.

Eine Kirche mag ein Heiliger Ort sein, aber sie ist es nicht per se. Ihre Heiligkeit hängt an dem, was wir einem Kirchraum zutrauen bzw. in ihm erleben. Kann ich in ihm dem Heiligen begegnen? Rechne ich damit? Das ist die wesentliche Frage.

Und so kann ein Kirchbau im Laufe der Zeit tatsächlich überflüssig werden, während ein Küchentisch zum sakralen Ort wird, wenn nur Menschen mit Herz ihr Mittagsgebet an ihm singen oder sprechen. Manche Orte, oft sind es so alte wie auch unser Dom, laden Menschen unmittelbar ein. Selbst jene, die schon lange getrennte Wege von Gott gehen, spüren die Wirkmächtigkeit des Ortes. Ein über die Jahrhunderte stetig durchgebeteter Raum trägt. Eine Kirche, die man erst suchen muss und in der kaum je jemand war, die vielleicht zwischendrin als Stall oder Abstellraum diente, hat es da schwerer. Aber gut. In unserem Lehrtext heißt es entsprechend (Mt 18,20):

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

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  Barmherzigkeit

Barmherzigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.08.2018

Wenn es um das Christentum und seine christlichen Werte geht, dann gehört die Barmherzigkeit wahrscheinlich für uns alle unwidersprochen dazu. Schließlich ist eine der wichtigsten christlichen Beispielgeschichten jene des barmherzigen Samariters. Barmherzig ist demnach, wer bereit ist die Not eines anderen zu sehen und für ihn einzustehen, auch wenn er selbst kein Nutzen davon hat. Vieles in der aktuellen Weltpolitik scheint derzeit weit von solcher Haltung entfernt, stattdessen spielen wieder verstärkt sichtbare und unsichtbare Mauern ihre Rolle. Aber das ist ein anderes Thema. Denn unsere Tageslosung, die ebenfalls von der Barmherzigkeit Gottes spricht, bedenkt einen zweiten Aspekt neben diesem altbekannten. In ihr heißt es:
„Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit deinem Volk nicht ein Ende gemacht noch es verlassen.“ (Neh 9,31)

Der Stadthalter Nehemia baut im 5. Jh. v. Chr. nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil Jerusalem wieder auf und ordnet das Leben der Menschen mit Hilfe des Priesters Esra neu. In der Geschichtsdeutung der damaligen Zeit wird das Exil als Folge einer Schuld verstanden, die das Volk Israel auf sich geladen habe. Gott aber, so Nehemia, habe sein Volk trotzdem nicht verstoßen. Und das nach seiner großen Barmherzigkeit.

Vielleicht mag Ihnen das verschroben und auch langweilig in den Ohren klingen, aber das ist es nur, wenn man das Ganze in der Vergangenheit belässt. Denn seien wir ehrlich, wahrscheinlich kennen die meisten von uns Situationen, in denen der eine dem anderen Schuld vorwirft. Hier ein falsches Wort, dort eine missverstandene Geste, da ein aneinander Vorbei oder auch verschiedene Interessenslagen, die zu verschiedenen Handlungsforderungen führen – und schon sprechen Menschen nicht mehr miteinander. Beide Seiten fühlen sich in ihrer Position im Recht und niemand ist bereit zurückzustehen und auch das klärende Gespräch kann irgendwie nicht herbeigeführt werden. Tatsächlich geschieht ja auch oft genug wirklich Unrecht, das ein schlichtes Zurück in die Situation davor nicht mehr zulässt. – Und dann stehen wir Menschen da und wissen so recht nicht weiter. Der Weg in ein heiles Miteinander scheint nicht nur weit, sondern unmöglich. Die großmütige Barmherzigkeit des Samariters hilft hier nicht, sondern hier braucht es Menschen, die über sich selbst hinaus wachsen, indem sie nach dem Vorbild der großen Barmherzigkeit Gottes selbst von ihrem eigenen Recht abzusehen bereit sind. Ganz im Sinne der Bergpredigt, in der Jesus spricht:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,38f.)

Barmherzigkeit also ist mehr als Freundlichkeit aus einer Position des Stärkeren heraus, sondern sie ist auch die Bereitschaft des Verletzten, auf jegliches Aufrechnen zu verzichten: Kein Rabattmarken Kleben, kein aufs Butterbrot Schmieren, stattdessen der Wille trotzdem gemeinsam miteinander auf dem Weg zu bleiben. Ihre Folge aber ist hier wie da Heilung und Heil.

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  KOFI ANNAN

KOFI ANNAN

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2018

Vorgestern, am 18. August, ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren in Genf gestorben. Er war von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen und hat in seiner Amtszeit die Bedeutung und die Außenwirkung dieser Organisationen gestärkt und geprägt.
Kofi Annan wurde 1938 in Ghana geboren. Er gehörte zu einer eher privilegierten ghanaischen Familie und so war es ihm möglich, in seinem Heimatland zu studieren, was durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Über ein Stipendium der Ford-Stiftung konnte er sein Studium später in den USA und in der Schweiz fortsetzen. Bereits 1962 begann Kofi Annan seine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen, zunächst bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Zwischendurch arbeitete er einige Jahre als Tourismusdirektor für sein Heimatland Ghana, bis er 1976 zur UN zurückkehrte. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Koordination der Einsätze der UN-Blauhelmsoldaten. 1996 wurde er zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Er war nicht unumstritten, denn mit ihm wurde erstmalig ein Generalsekretär aus den Reihen der Mitarbeiter der UN gewählt und er war überdies der erste Schwarzafrikaner in diesem Amt. 2001 wurde er dann für eine weitere Amtszeit von der UN-Vollversammlung bestätigt, was ebenfalls bemerkenswert ist, denn normalerweise hätte turnusgemäß der Generalsekretär aus einem asiatischen Staat gestellt werden sollen.
Am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wies Kofi Annan in einer Rede noch mal eindrücklich darauf hin, dass die Gründung der Vereinten Nationen eine Antwort auf „das Böse des Nationalsozialismus“ gewesen ist. Damit beschrieb Annan die Funktion und die Bedeutung der UN. Sie soll das moralische Gewissen der Weltgemeinschaft sein, vor dem sich alle Nationen dieser Erde bezüglich ihres Tuns und Lassens zu verantworten haben.
In der Charta der Vereinten Nationen haben sich die Mitgliedsländer dazu verpflichtet, an der Sicherung des Weltfriedens mitzuwirken und gemeinsam und in freundschaftlicher Beziehung zueinander die globalen Probleme unserer Zeit zu lösen und für die Einhaltung grundlegender Menschenrechte zu sorgen. Kofi Annan hat für diese Ziele gelebt und 2001 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhalten.
Zu seinem Vermächtnis gehört ein Satz, den er auch ihnen und mir in die Bücher geschrieben hat. Dieser Satz lautet: „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Damit sind wir aufgefordert, nicht stumm bleiben, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohen. So etwas beginnt mit Gedanken, die später Worte werden, aus denen dann Gewalt erwächst. Wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren, dafür hat sich Kofi Annan sein Leben lang eingesetzt, und das ganz sicher auch aus der Kraft seines christlichen Glaubens heraus. Mit ihm verlieren wir einen unermüdlichen Kämpfer für den Frieden und für eine bessere Welt. Wir wissen ihn geborgen in Gottes liebevollen Händen.

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  Geduld

Geduld

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.08.2018

Sind sie ein geduldiger Mensch? Viele Dinge in unserem Leben können wir nicht beschleunigen. Wir müssen einfach abwarten, bis sie sich entwickeln. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mithilfe meiner Oma auf unserer Fensterbank in einer kleinen mit Watte ausgelegten Schale Kresse gezogen habe. Die wächst bekanntermaßen ziemlich schnell, dennoch hat es mir immer zu lange gedauert, bis wir endlich Butterbrot mit Kresse essen konnten. Was da genau passiert ist, wie aus den kleinen braunen Samenkörnchen diese kleinen grünen Pflänzchen wurden, habe ich damals noch nicht verstanden. Sehr wohl verstanden habe ich allerdings, dass ich keinen Einfluss auf das Tempo habe. Ich kann nur zusehen und abwarten.

In unserem Verhältnis zu Gott ist das mitunter auch so. Wir Christinnen und Christen warten darauf, dass das Reich Gottes anbricht. Wenn wir in diese Welt schauen, wird uns allerdings sehr schnell und sehr schmerzhaft deutlich, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist. Krieg, Gewalt und Terror herrschen an vielen Orten, Hunger und Elend scheinen in den Schwellen- und Entwicklungsländern keine Grenzen zu kennen, die Toten des Brückeneinsturzes in Genua machen uns traurig, wütend und betroffen und die Odyssee der vielen Geflüchteten, die auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet wurden und nun nirgends an Land dürfen ist schwer nachzuvollziehen. Nein, nach dem Reich Gottes, so wie ich es mir vorstelle, sieht das alles nicht aus. Also auch hier scheint Geduld gefordert. Oder haben wir es möglicherweise doch in der Hand, diesen Prozess zu beschleunigen?

Eine Antwort darauf liefert uns Jesus Christus höchst selbst, wenn er sagt: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen.“ Damit wird klar, dass in der Tat Geduld gefordert ist. Ja, wir sollen den Samen aufs Land werfen, was für mich so viel bedeutet wie, offen zu sein für Gottes Wort, mich anrühren zu lassen von seiner Botschaft und immer wieder neu mein Tun und Lassen an dem auszurichten, was uns Jesus Christus vorgelebt hat.

Dann allerdings darf ich sehr wohl meine Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass Gott mir etwas hineinlegt. Ich darf schlafen und aufstehen, schlafen und aufstehen und darauf warten und darauf hoffen, dass es irgendwann einmal so weit ist. Ich empfinde es als einen Segen, dass ich abwarten darf. Ich empfinde es als einen Segen, dass da etwas wächst, ohne mein Zutun. Und ich empfinde es als sehr entlastend, dass nicht wir es sind, Sie und ich, die die Verantwortung dafür tragen, das Reich Gottes zum Wachsen zu bringen. Wir sind frei von dieser Verantwortung. Gottes Reich wächst von allein, das verspricht uns Jesus Christus selbst. Wir dürfen Hoffnung haben auf dieses Reich, in dem Gott alle Tränen abwischen wird von unseren Augen und in dem Tod, Schmerz und Leid nicht mehr sein werden. Das ist, wie ich finde, eine gute Basis für ein entlastetes, fröhliches christliches Leben, in Jesu Namen.

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  Sünde

Sünde

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.08.2018

Bei mal wieder dringend nötig gewordenen Aufräumarbeiten auf meinem heimischen Schreibtisch ist mir ein Zeitungsartikel in die Hände gefallen, der folgende Überschrift trug: „Was Sie als Sünder jetzt wissen müssen“. Anlass war der Beginn eines Heiligen Jahres in 2015, das Papst Franziskus ausgerufen hatte. In einem solchen heiligen Jahr kann ein „Jubiläumsablass“ gewährt werden, also eine besondere Freisprechung von begangenen Sünden. Anders als im Mittelalter muss man dafür heutzutage kein Geld mehr bezahlen. Es handelt sich bei diesem Ablass vielmehr um einen symbolischen Akt, der mit dem Durchschreiten der Heiligen Pforte, zum Beispiel im Petersdom in Rom vollzogen wird. Wäre das für Sie eine Option? Hätten Sie Lust, sich auf den Weg machen, um einen solchen besonderen Sündenablass zu erhalten?

Bevor wir jedoch unsere Koffer packen, sollten wir vielleicht erst einmal überlegen, was denn „Sünde“ nach unserem heutigen Verständnis überhaupt ist. „Gestern habe ich gesündigt und mir ein dickes Stück Torte gegönnt“, ist bisweilen zu hören, es gibt die Verkehrssünderkartei in Flensburg, doch ich denke, dass das alles noch zu kurz gesprungen ist. Wir tun uns schwer mit dem Begriff „Sünde“. Aber wir tun uns unglaublich leicht damit, andere Menschen vermeintlicher Sünden zu bezichtigen und sie dann abzuurteilen. Besonders gründlich und besonders grausam geht es dabei in den sogenannten sozialen Netzwerken zu, wo man ganz ungeniert, weil anonym, Menschen mit Shit-storms überziehen, ihre Würde beschädigen oder sie nachhaltig verletzen kann.

Doch zurück zum Begriff „Sünde“. Nach evangelischen Verständnis ist Sünde alles das, was uns von Gott trennt. Natürlich ist es somit auch unser Fehlverhalten, denn nicht selten missachten wir dabei, wie Gott sich unser Leben gedacht hat. Der Sündenfall im Alten Testament, in dem Adam und Eva trotz göttlichen Verbots Früchte vom Baum der Erkenntnis essen, führt zur Trennung der beiden von Gott geführt – er hat sie rausgeschmissen aus dem Garten Eden. Glücklicherweise ist es bei dieser Trennung nicht geblieben, denn, wenn wir sagen, dass Jesus Christus unsere Sünden mit ans Kreuz genommen hat, bedeutet das, dass er alles Trennende weggeräumt hat, das sich zwischen Gott und uns so angesammelt hatte. Damit ist der Weg wieder frei geworden für Gottes unendliche und unbedingte Liebe. Und wenn wir nachher im Heiligen Abendmahl zugesprochen bekommen, dass uns unsere Sünden vergeben ist, dann bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als dass zwischen Gott und uns wieder alles in Ordnung ist.

Im Johannesevangelium heiß es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Damit ist zum Thema „Sünde“ schon ganz viel Maßgebliches und Wesentliches gesagt. Herzliche Einladung, das gleich noch einmal im Heiligen Abendmahl ganz persönlich zugesprochen zu bekommen, und nach Rom zu fahren, ist trotzdem eine gute Idee, weil die Stadt einfach so wunderschön ist!

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  Der Hauptmann von Köpenick

Der Hauptmann von Köpenick

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2018


„Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen - Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen. Und Gott sagt zu dir: Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?"

So klingt die Lebensbilanz des Schusters Wilhelm Voigt aus dem Hauptmann von Köpenick. Sein Leben ist aus seiner Sicht völlig schiefgelaufen – und schiefgelaufen ist auch, wie er Gott erfahren hat. Er kennt Gott nur als den Fordernden und Richtenden - nicht als den, der in Jesus Christus seine vorbehaltlose Liebe zu uns zum Ausdruck bringt und der uns so annimmt, wie wir sind, mit all unseren Schwächen und Fehlern. Die Lebensbilanz des Wilhelm Voigt wird so zur Lebensklage, erschütternd und anrührend. Auf den Tag genau vor 110 Jahren wurde er von Kaiser Wilhelm II begnadigt.

Zwei Jahre zuvor war er wegen „unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte sich mittels einer auf dem Flohmarkt gekauften Uniform als preußischer Hauptmann ausgegeben und sich so Zugang in das Köpenicker Rathaus verschafft, um dort – und hier gehen die Meinungen auseinander – entweder einen Auslandspass oder aber auch Geld zu stehlen. Der in die Jahre gekommene Schusterjunge hatte die Hoffnung, durch sein Äußeres auch aus seinem bisherigen Leben ausbrechen zu können. Gelungen ist es ihm nicht. Und im Scheitern seiner Pläne geht nun auch noch sein Gottvertrauen in die Brüche und er erwartet Zurückweisung statt Liebe, Tadel statt Barmherzigkeit, Strafe statt Vergebung.

Es wäre Wilhelm Vogt zu wünschen gewesen, dass er das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, für sich hätte annehmen können. Es stammt aus der Ersten Johannesbrief und lautet: „Und wir haben die Liebe erkannt und geglaubt, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Möge Ihnen und mir geschenkt sein, dass die Hoffnung, die aus diesen Worten erwächst, uns immer und überall auf unseren Lebenswegen begleitet. Ich bin im Übrigen fest davon überzeugt, dass der Schuster Wilhelm Vogt überrascht gewesen sein wird, als er vor seinen Herrgott hingetreten ist. Denn Gott hat ihn bestimmt ganz einfach nur in die Arme genommen und gesagt: „Lass jut sein Wilhelm, lass jut sein. Brauchst Dir nich zu schenieren. Hast alles prima jemacht!“

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  Reklamationen

Reklamationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.08.2018

Wenn wir uns ein technisches Gerät im Internet bestellt oder vor Ort in einem Fachgeschäft besorgt haben, es freudig zu Hause auspacken und dann feststellen, dass es nicht so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben, dann geben wir es zurück und es landet in der Reklamationsabteilung. Dort wird dann geprüft, woran es lag – manchmal liegt der Fehler nicht im Gerät, sondern er steht in Persona des Benutzers direkt davor – und irgendwann bekommen wir dann unser Gerät hoffentlich heile und voll funktionstüchtig wieder zurück.

Die Arbeit in so einer Reklamationsabteilung stelle ich mir recht vielseitig vor, denn es geht ja nicht nur darum, festzustellen, was tatsächlich kaputt ist, sondern eben auch darum festzustellen, ob der Reklamierer auch tatsächlich einen Anspruch auf eine kostenlose Reparatur hat. Und wenn dem nicht so ist, dann muss man erklären und verhandeln können, um dem Kunden die schlechte Nachricht zu überbringen: „Du bist schuld daran, dass dein Gerät kaputt ist und die Reparatur geht zulasten deines Portemonnaies.“ Nicht selten endet so etwas vor Gericht, zieht sich mitunter über Monate und Jahre hin und macht am Ende keinen so richtig glücklich und zufrieden.

Im Himmel übrigens gibt es keine Reklamationsabteilung. Ein steiler Satz, doch ich will ihnen auch sagen, wie ich darauf komme. Kennen Sie das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg? Da werden Leute an einem Tag zu unterschiedlichen Zeiten eingestellt morgens, mittags und abends, arbeiten damit auch unterschiedlich lange bis zum Feierabend und erhalten trotz ihrer ungleichen Arbeitsleistungen am Abend alle den gleichen Lohn. Jene, die am längsten gearbeitet haben, werden sauer und beschweren sich darüber, doch der Weinbauer – er steht in diesem Gleichnis für Gott – lässt die Beschwerdeführer locker ablaufen in dem er sagt, dass er zu entscheiden habe wer was bekommt und auch nicht so ganz nachvollziehen könne, warum sich jemand über seine Großzügigkeit aufregt.

In diesem Gleichnis steckt viel Wahrheit. Denn es sagt im Kern, dass Gott allein darüber entscheidet, was uns zuteilwerden wird. Er ist großzügig, davon dürfen wir ausgehen, wenn wir allerdings erwarten, dass er das, was wir in unserem Leben getan haben, nach irdischen Maßstäben vergütet, dann werden wir wohl überrascht oder sogar enttäuscht werden. Alles, was von Gott kommt, ist ein Geschenk – seine Barmherzigkeit, seine Gnade, seine Liebe. Und all das erhalten wir eben deshalb unverdient aus seinen Händen, weil man es sich gar nicht verdienen kann. Wir haben Gott gegenüber keine Ansprüche zu stellen und das ist auch die Aussage des aktuellen Wochenspruches, der da lautet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Wir müssen Gott nicht beweisen, dass wir grandiose Glaubenshelden sind. Wir dürfen uns von ihm einfach beschenken lassen. Und das ist doch irgendwie auch viel schöner.

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  Verlässlichkeit

Verlässlichkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 14.08.2018

Verlässlichkeit
Wir Menschen brauchen Verlässlichkeit. Unser Leben fällt uns leichter, wenn wir wissen, womit wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, wo wir sicher übernachten können und dass wir auch morgen noch genug zu essen haben werden. Neben diesen materiellen Grundlagen ist es aber auch wichtig, dass wir in unserem Leben einen Sinn sehen. Ein solcher Lebenssinn hilft uns, jeden Morgen wieder aus dem Bett zu steigen, uns den durchaus vorhandenen Unwägbarkeiten in dieser Welt zu stellen und zielorientiert unseren Weg zu gehen. Ein solcher Lebenssinn kann beispielsweise unser Beruf sein. Es geht also nicht darum, immer Friede, Freude, Eierkuchen und eitel Sonnenschein zu erleben. Ich persönlich sehe meine berufliche Tätigkeit durchaus als sinnstiftend an, was jedoch keineswegs bedeutet, dass ich es an 220 Arbeitstagen im Jahr morgens kaum aushalten kann, wieder ins Büro zu kommen. Ja, manchmal ist so ein Lebenssinn durchaus anstrengend und nervig.

Auch in den Beziehungsgeflechten, die uns mit unseren Mitmenschen verbinden, brauchen wir Verlässlichkeit. Es ist wichtig, dass ich weiß, auf wen ich mich verlassen und wem ich vertrauen kann oder bei wem ich eher etwas vorsichtiger sein muss. Das schafft Sicherheit und erleichtert ganz maßgeblich unser Miteinander.

Immer wieder jedoch geraten wir in unserem Leben in Situationen, in denen bis dahin Verlässliches auf einmal durch massive Veränderungen oder böse Überraschungen infrage gestellt oder komplett zunichte gemacht wird. Einerseits helfen uns Veränderungen in unserem Leben dabei, dass wir uns weiterentwickeln, andererseits kann uns dadurch aber auch im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Wenn ich ungeplant meinen Job verliere, mein Lebenspartner oder meine Lebenspartnerin auf einmal nicht mehr da ist oder ich durch eine schwere Krankheit aus der Bahn geworfen werde, kann mich das vor Herausforderungen stellen, die ich kaum zu bewältigen weiß.

Insbesondere dann, wenn auf einmal der besagte Sinn meines Lebens wegbricht, auf den ich alles gesetzt habe, für den ich alles getan und für den ich gelebt habe, kann es passieren, dass ich eine Leere in mir habe, die kaum mehr zu füllen ist. Oft genug passiert das, wenn ein Leben im Wesentlichen an materiellen Werten ausgerichtet ist, die durch einschneidende Veränderungen auf einmal nichts mehr wert sind. Bei den wirklich existenziellen Fragen helfen ein dickes Bankkonto, drei Kreuzfahrten im Jahr und der Porsche in der Garage nicht viel weiter.

Gut ist, wenn der Kern unseres Lebens durch menschliche Einflüsse nicht zerstört, beschädigt oder beseitigt werden kann. Unser Freund und Bruder Jesus Christus bietet uns an, genau das für uns zu sein: Ein Anker, auf den wir uns allezeit verlassen können. Jesus sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Dieses Bibelwort kann Vertrauen schaffen, aus dem heraus wir auch schwierige Wegstrecken auf unserem Lebensweg gut bewältigen können.

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  Die Berliner Mauer

Die Berliner Mauer

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.08.2018

Heute vor 57 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet. Bis 1989 sollte sie die Stadt Berlin zerschneiden und zu einem für die ganze Welt sichtbaren Zeichen der deutschen Teilung werden. Diese Mauer war nicht nur eine bloße und unüberwindbare Grenze zwischen den westlichen und östlichen Sektoren der Stadt Berlin, an dieser Mauer starben mehrere 100 Menschen; sie wurden erschossen bei ihrem Versuch, in den Westteil der Stadt zu flüchten.
Die Berliner Mauer hat eine Stadt zweigeteilt, aber auch Familien, Freundschaften, Arbeitswege und Lebenswege getrennt und zerstört. Die Errichtung der Berliner Mauer markiert geschichtlich den Beginn des sogenannten Kalten Krieges zwischen Ost und West. Wechselseitig bewusst am Leben gehaltenes Misstrauen, Propaganda und auch materielle Interessen waren sein Nährboden.
Seit Anfang der sechziger Jahre hat sich diese Welt rapide und massiv verändert. Die Weltbevölkerung hat sich mehr als verdoppelt, politische Systeme haben sich weiterentwickelt oder gar aufgelöst, die deutsche Teilung ist mittlerweile Gott sei Dank überwunden und die Berliner Mauer bis auf ein paar Erinnerungsstücke nur noch Geschichte. Sie ist heute bereits länger Geschichte als sie bestanden hat. Dennoch ist es gut, sich mit dem heutigen Gedenktag an sie zu erinnern, denn aus ihrer Existenz zu lernen, ist nach wie vor richtig und wichtig.
Menschen durch Mauern voneinander zu trennen, ist selten eine gute Idee, wenn man mal von der Notwendigkeit von Gefängnissen absieht. Menschen durch Mauern voneinander zu trennen bedeutet auch immer, sie massiv in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und dort, wo man das durch Mauern tut, werden nicht selten auch andere Freiheiten gleich mit eingemauert. Und so gab es in der ehemaligen DDR eben auch keine Meinung- oder Pressefreiheit; was man sagen durfte und zu denken hatte, wurde staatlicherseits stark reglementiert.
Sehr schnell werden dann aus Mauern aus Beton und Steinen auch Mauern in den Köpfen, deren Überwindung mitunter nicht minder schwierig ist. Mauern, die vielleicht auch wir manchmal in unseren Köpfen haben, verhindern, dass Menschen offen, wertschätzend und mit liebevollem Vertrauen aufeinander zu und miteinander umgehen. Mauern in den Köpfen blockieren auch Gottes Liebe, die dann von Mensch zu Mensch nicht weitergegeben wird. So liegt es auf der Hand, dass Gott diese Mauern nicht will – weder die physischen, die Menschen die Freiheit nehmen, noch die anderen, die verhindern, dass diese Welt sich zum Besseren verändert.
Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, spricht uns Jesus Christus selbst zu, wenn er sagt: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe.“ Ein Leben aus dieser Liebe heraus macht es schwer, Mauern zu errichten. Der Jahrestag der Berliner Mauer ist ein gutes Datum, uns das noch einmal bewusst zu machen.

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  "Heue habe ich viel zu tun..."

"Heue habe ich viel zu tun..."

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.08.2018

„Ich hab keine Zeit“, sang Marius Müller-Westernhagen einst in fortwährender Wiederholung. Keine Zeit für Vergangenheit, für die Religion, für die Liebe auf Erden. Keine Zeit.

Kürzlich hat mir jemand ein Video gezeigt, in dem es in einer Philosophiestunde um die genutzte Lebenszeit ging. Der Dozent nahm ein Glas und zuerst große Bälle, bis kein einziger mehr hinein passte. „Ist das Glas voll?“, fragte er; „Ja!“, antworteten die Schüler. Im Anschluss nahm er eine Tüte mit Murmeln und schüttete sie ins Glas. Leicht rutschten sie an den großen Kugeln vorbei und die Zwischenräume füllten sich. Wieder die Frage: „Ist das Glas voll?“ Die Schüler ahnten, was weiter geschehen würde, antworteten aber trotzdem brav: „Ja.“ Danach füllte er Sand in das Glas. „Ist es voll?“ – „Ja!“ Und zuletzt holte er eine Flasche Bier hervor und goss sie in das Glas.

Die Botschaft des Ganzen sollte lauten: Im Leben geht es darum, sich zuerst über die großen Dinge Gedanken zu machen und sie anzugehen, denn sonst ist kein Platz mehr für sie im Lebensglas: Familie, Freunde, Schule, Arbeit, Wohnung. Sie alle brauchen ausreichend Raum. Erst wenn sie ihren festen Platz gefunden haben, können weitere Kleinigkeiten hinzukommen. Der Sand besagt: übrigens geht immer noch einmal mehr als man denkt. Allein dem Bier wurde keine Bedeutung durch den Lehrer zugeordnet. Konsequent folgte die Frage, wofür es denn stünde. Die Antwort: „O, das ist die Erinnerung daran, dass für eine Flasche Bier mit Freunden immer Zeit ist.“

„Ich hab keine Zeit.“ Mindestens für Menschen in der Mitte des Lebens gilt dieser Satz nur allzu oft. Aber ich kenne auch erstaunlich viele Ruheständler, die über ihre vollen Kalender klagen. Hier die Enkel in Bayern, dort die an der Küste. Hier ein Ehrenamt und dort ein liebgewonnenes Hobbie, das auch Zeit braucht. „Ich hab keine Zeit.“
Und so führt die Zeitknappheit in echten Stress und Unwohlsein.

Martin Luther war, so lassen zumindest die Anzahl seiner Schriften und Briefe sowie sein Lebenslauf vermuten, ein sehr umtriebiger Mensch. Einer, der objektiv kaum Zeit gehabt haben dürfte. Von ihm ist folgender Satz überliefert:
„Heute habe ich viel zu tun. Deshalb muss ich heute viel beten.“

Das Gebet als Ort der Sammlung, der Ausrichtung, der inneren Ruhe im äußeren Wahnsinn. Das Gebet als Suchbewegung auf Gott hin; und als Worte des Vertrauens, dass Gott in den konkreten Sorgen und Nöten des Tages begleiten und beistehen wird. Das Gebet als Möglichkeit, Kraft und Stärke zu finden für das, was zu tun ist. Das klingt klug und der Nachahmung wert.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  "Zu mir gekommen"

"Zu mir gekommen"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 10.08.2018

„Eine Erinnerung tauchte aus der Vergangenheit auf. Wie alt mochte ich damals wohl gewesen sein? Viereinhalb … Fünf Jahre…
An diesem Tag hatte sich etwas Großes ereignet. Als ich den ausgetreten, von niedrigen Sträuchern gesäumten Pfad mit meinem roten Tretauto entlangfuhr, hatte ich plötzlich den Eindruck, als würde sich das Licht verändern. Es war, als hätte sich der Vorhang gehoben und die Umgebung ihre Substanz verändert. Ich hielt den Atem an und sperrte die Augen weit auf. Zu meinen Füßen erstreckte sich die Stadt Lyon. Zu meiner Linken spürte ich deutlich die Präsenz meines Vaters. Dabei reichte ich mit dem Kopf gerade mal bis an seine Knie heran. Ich musste mir den Hals verrenken, um seinen Oberkörper zu sehen, und noch weiter oben sein Kinn, das von einem dünnen Bart umrahmt war. Er war tief in Gedanken versunken.
‚Ich bin da.‘ Mir war soeben schlagartig etwas klargeworden: Ich war da, inmitten dieser Welt, neben meinem Vater! Ja, meine Überraschung bestand darin, dass mir soeben bewusst geworden war, dass ich lebe. Ich war stolz, wie berauscht vor Freude, gerührt: Ich war soeben geboren worden. Nicht ‚zur Welt gekommen‘, sondern ‚zu mir gekommen.‘ Es war ein wunderbares Gefühl! Dies war mein erster Tag. Der erste Tag meines bewussten Lebens.“
Es ist eine schöne Erinnerung, und sie gehört dem Literaten Eric-Emmanuel Schmitt.

Bewusstes Leben…
Wann eigentlich wird uns in unseren Alltagen bewusst, dass wir leben?
Weckerklingeln, müdes Aufstehen, Morgenritual, Tagewerk, Abendritual, Nachtruhe. Und viel zu oft das Gefühl, dass die Zeit nicht ausreicht.
Manchmal ein Innehalten mit der Frage: „Was ist das eigentlich – Leben?“

Vielleicht geht das Selbst-Bewusstsein ja tatsächlich inmitten der täglichen Beanspruchungen verloren; vielleicht muss man tatsächlich zuerst wieder lernen, über die eigene Existenz zu staunen und für sie zu danken, ehe man neu zu sich findet.

Dazu wäre es wohl hilfreich, sich selbst als Geschöpf begreifen zu können. Denn gerade so wie Schmitt sich neben seinem Vater als von diesem unabhängig, individuell und selbständig begriff, könnten wir uns neben unserem Lebensvater neu begreifen. Im Gegenüber des anderen zum Selbst werden, Martin Buber war es, der diesen Gedanken prominent philosophisch erfasste. Dazu lassen sich viele gewichtige Gedanken machen, aber es geht auch ganz leicht: nämlich pfeifend oder summend, vielleicht sogar schon früh morgens fröhlich unter der Dusche:

„Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst. // Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad / und ewge Quelle bist, / daraus uns allen früh und spat / viel Heil und Gutes fließt. // Was sind wir doch? Was haben wir / auf dieser ganzen Erd, / das uns, o Vater, nicht von dir / allein gegeben wird? // Wohlauf, mein Herze, sing und spring / und habe guten Mut! / Dein Gott, der Ursprung aller Ding, / ist selbst und bleibt dein Gut.“ (EG 324)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Neues Schuljahr…

Neues Schuljahr…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.08.2018

Dieses Jahr hätte ich das Ferienende fast nicht bemerkt. Es ist zu schön, wenn der Schmerz nachlässt und niemand mehr in der Familie in die Schule muss. Aber solange noch einer drinsteckt, sagt man das natürlich nicht laut – im Gegenteil: man macht sich gemeinsam auf den Weg, fördert Lust und Motivation und hofft, dass die Kinder auf Menschen treffen, die sie begeistern und anstecken, die für ihr Fach und die jungen Leute brennen.
Und man hofft, dass die viele Lebenszeit, die Kinder in der Schule verbringen, nicht verloren ist und dass all die Erfahrungen von Gelingen und Scheitern, erfolgreicher Gruppendynamik und Bewältigung von Problemen , die es nun mal gibt, wenn viele Menschen aufeinander hocken, dazu beitragen im altmodischen Sinne des Wortes lebenstüchtige Menschen zu werden.
Drunter liegen die Erwartungen nicht…
Dabei ahnt man, dass Schule das kaum schaffen kann und sie wohl auch noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Denn wie soll man Kinder überzeugen Vokabeln und Jahreszahlen auswendig zu lernen, wenn sie sie mit einem Click abrufen können? Warum schriftlich multiplizieren und dividieren, wenn das der Rechner kann? Weshalb im Atlas rumsuchen, wenn GoogleMaps ganz allein Orte und Routen findet? Andersherum: wie kann ich in der ungeheuren digitalen Datenfülle herausfinden, welcher Information ich trauen kann? Wie finde ich mein eigenes Urteil? Wie geht lernen und selber denken überhaupt??? Was brauchen unsere Kinder für die Welt von morgen? Welche ethischen Entscheidungen werden sie treffen müssen und unter welchen Bedingungen leben?
Es ist ein riesiges Feld, indem man sich leicht verlaufen, über- oder unterfordern kann und alle reden mit, weil alle ja selbst mal in der Schule waren und jeder seine eigene Meinung hat, was man im Leben braucht und wissen muss und was nicht.
Darum ist es gut, dass es landauf landab Schulanfangsgottesdienste gibt. Denn wie alle bei allen anderen Kasualien, egal ob Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung, passiert man eine Lebensschwelle. Dann tut es gut sich zu vergewissern, dass Gott mit seinem Segen mit uns geht was auch kommen mag, dass wir uns in seiner Hand bergen können, dass er unseren Weg kennt und etwas mit uns vorhat. Letzteres birgt Zuversicht. Auch die braucht es ja, wenn man in eine neue Phase startet. Darum wohl heißt es auch – von vielen Menschen so geliebt, dass sie es für einen Bibelspruch halten: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben“ Wohl wahr. Aber: Ein Zauber ist es nicht, sondern Gottes Geleit.

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  Geschichten erzählen

Geschichten erzählen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.08.2018

Eine jüdische Legende erzählt, dass Rabbi Israel Baal Schem Tow, der Gründer des Chassidismus, wenn er ein Problem lösen musste, in den Wald ging und dort nach einem besonderen Ritual ein Feuer entzündete und sich in ein Gebet versenkte. Sein Schüler kannte die Stelle im Wald genau und beherrschte auch den Wortlaut des Gebetes. Aber er wusste nicht mehr, nach welchem Gebrauch der Rabbi das Feuer entzündete hatte. Dessen Schüler wiederum erklärte, dass er zwar nicht mehr wisse, was die vor ihm gebetet und wie sie das Feuer entzündet hätten aber den Ort würde er noch kennen und das würde genügen. Und eine weitere Generation später hieß es: „Wir wissen nicht mehr, wo genau sich der Ort im Wald befindet, und wir sind nicht mehr in der Lage das Feuer zu entfachen. Und was den Wortlaut des Gebetes betrifft, so hat man ihn uns nie gelehrt. Aber wir können die Geschichte davon erzählen.“
Es scheint also nicht so zu sein, dass wir die Ersten sind, die vergessen haben, was denen vor uns noch in Fleisch und Blut übergegangen war und wie es eigentlich funktionieren kann, tagtäglich am Geländer des Glaubens entlang zu leben. Darum ist an uns, die wenigstens die alten Geschichten zu erzählen, damit wir wieder Kontakt zu den Wurzeln unseres Glaubens finden.
Vielleicht ist das wenig aber es immer noch viel mehr als wenn wir ganz und gar auf uns selbst geworfen wären.
Denn was immer uns widerfährt, in der Bibel haben wir einen Spiegel, der uns zeigt wie unser Weg gehen könnte, wo und wie wir Gott dabei begegnen. Darum: ob wir unter die Räuber fallen oder verletzt und leer am Wegesrand liegen; ob wir trotz allen Reichtums keinen Lebenssinn finden, ob unsere Geschwister völlig anderes wichtig und richtig finden als wir, ob es uns vielleicht schwer fällt, den Nächsten zu lieben, ob wir nicht begreifen können, warum ausgerechnet uns dieses und jenes trifft, immer öffnet sich durch die alten Geschichten eine Tür, die deuten und verstehen hilft und denen wir getrost zutrauen können uns zurückzubringen zu unserem Gott.
Vielleicht lernen wir dann wieder, das Feuer zu entfachen, Gebetsworte zu finden, Glaubensorte zu gründen. Dass uns das gut täte steht außer Frage – bis dahin lasst uns auf die alten Geschichten hören. Zum Beispiel Freitagabend in der Sommernacht. Herzlich willkommen!












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  Spring!

Spring!

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.08.2018

Wenn man dieser Tage versucht, im Freibad zu überleben, kann man immer wieder Zeugin der immer selben Szene werden. Kinder, kleine Jungs und Mädchen, die grade eben vorgeturnt haben, dass sie sich schwimmend über Wasser halten können, stehen nun auf dem Sprungturm. Als nächsten Schritt nach dem Freischwimmer braucht es für Silber braucht den Sprung vom Dreimeterturm.
Der sieht von unten kleiner aus, als wenn man oben auf dem Brett steht …
Also beginnt nun ein zögerndes vor und zurück, zauderndes an der Leiter warten, vielleicht doch wieder absteigend und entschlossen vor laufen, bis ganz vorn und dann… lieber doch nicht.
Und unten am Beckenrand sitzen die Mütter mit dem Smartphone, um den ersten Sprung ja festzuhalten und im Becken paddeln die Väter, weichen eleganten Saltos oder platschenden Wasserbomben der Älteren aus, und motivieren: Komm, spring doch! Trau dich! Ist gar nicht schlimm! Kann nichts passieren! Schatziiii! Und wenn das alles nicht hilft, dann kommen sie noch raus und springen selber noch mal: Guck! So geht das! Und man sieht den Kleinen an, dass sie denken: aber fangen kannst du mich nicht….
Ich muss da ganz alleine durch.
Und doch: irgendwann, nach gefühlter Ewigkeit, springen die Kleinen auf einmal und schwimmen stolz plappern an Land. War doch ganz einfach!
Wahrlich ein Bild des Lebens!
Wie oft stehen wir und wissen, dass wir jetzt springen müssen und darauf vertrauen, dass wir wieder hochkommen und an Land. Es tröstet ein bisschen, dass es andere auch schon gemacht haben und zugleich wissen wir, dass muss ich allein schaffen.
Es kostet Überwindung und Mut. Damit man es am Ende doch wagt, braucht es den Vertrauensvorschuss, dass einen niemand an einer totbringenden Stelle dazu ermuntern würde, es braucht die Zuversicht, dass wir gehalten werden auch wenn wir uns grade völlig hilflos fühlen.
Im Freibad haben wir Väter und Mütter, Geschwister und Freunde.
Im wahren Leben ist der Turm manchmal noch erheblich höher…
Aber dort spricht Gott der Herr, der an diesem Tag zu uns sagt: „Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!“

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  Wasser

Wasser

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.08.2018

Am ersten Januar habe ich hier zur Jahreslosung gepredigt. Erinnern Sie sich?
Sie hieß: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
Damals lag das Jahr noch vor uns. Man konnte nicht ahnen, wie trocken es werden würde. Seit Jahren hören wir von zunehmenden Dürren anderswo auf der Erde, von der rasant wachsenden Kostbarkeit der Ressource Wasser – aber erst jetzt, wenn wir sterbenden Bäumen und sinkenden Wasserpegeln zusehen, ahnen wir, was es wirklich bedeuten wird.
Über das Schwimmen habe ich zu Neujahr geredet, weil es im fremden Element überleben hilft. Dass Gewässer zu warm werden könnten, hier, kam damals in meinem Denken nicht vor.
Darüber, dass uns manchmal Meere und Wasserfluten voneinander trennen, habe ich geredet. Aber wahrscheinlich werden es Wüsten sein…
Und über den Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit
- wenn Menschen ihres Glaubens wegen verfolgt und umgebracht werden
- wenn Kriege Heimat in Schutt und Asche sinken lassen
- wenn so viele vor Hunger und Not fliehen und dann in Schlauchboot hocken
- wenn Menschen krank sind, einsam und an sich selbst verzweifelt
- wenn der Durst danach, dass es endlich wieder hell und gut werden möge, quälend ist und lebensbedrohlich.
Und gefragt habe ich, ob wir denn eigentlich auch zu den Durstigen gehören? Wir, die wir seit drei Generationen in Frieden und erheblichem Wohlstand leben, die wir noch immer mit Trinkwasser duschen und hier dort sogar noch den Rasen besprenkeln.
Und dann habe ich geschlossen: „Auch wir kennen den Durst nach gelingendem Leben, das mehr sein muss als materielle Fülle, wir kennen den Durst nach Liebe und Geborgenheit, nach Heil und Heilung, den Durst, der einem die Kehle trocken macht, weil man nicht zusehen kann, wenn Menschen, an denen man hängt, zu ertrinken drohen. Ja, auch wir brauchen Hoffnung und Zuversicht, ein lebenspendendes Elixier für unser Leben.
Und: Wir brauchen den Mut, endlich unserer Lebensgewohnheiten zu ändern, diese Erde zu hüten und zu bewahren, nicht nur zu verbrauchen, anders und schonungsvoller zu leben und für das Wasser, das noch immer aus unserer Leitungen fließt so dankbar zu sein, wie man es sein sollte – für ein Wunder, für Gnade, für lebendiges Wasser.

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  Autonom

Autonom

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.08.2018

Haben Sie ihr Leben gut im Griff? Gelingt Ihnen für gewöhnlich, was Sie sich vorgenommen haben? Haben Sie den Marschallsstab in ihrem Tornister immer griffbereit und sind Sie allein ihres Glückes erfolgreicher Schmied? Es scheint sich ein neuer Wert in unserer Gesellschaft entwickelt zu haben, der Wert der Unabhängigkeit. Vielen Menschen erscheint es heute wichtig, ein Leben zu führen, in dem sie nicht auf andere angewiesen sind.
Autonomie und Selbstständigkeit sind zunächst einmal positiv besetzte Begriffe. Wenn ich sie höre, dann klingt unterschwellig das Wort Freiheit mit. Und die ist erstrebenswert, daran gibt es keinen Zweifel. Dennoch bleibt zu fragen, aus welcher Motivation heraus wir uns immer wieder bemühen, frei zu werden und vor allem auch wovon. Wenn ich Freiheit verstehe als einen Zustand, in dem es keinen Druck und keine Zwänge gibt, liegt die Antwort auf der Hand, wenn es mir allerdings darum geht, meine eigenen Egoismen zu bedienen, dass Wir aus dem Zentrum meines Lebens durch das Ich zu ersetzen, dann läuft etwas schief.
Solche Tendenzen sind bei einzelnen Menschen zu beobachten, genauso aber auch auf anderen Ebenen. Schauen wir auf unser Europa: Die europäische Idee ist eine Idee von Gemeinschaft. Sie ist eine Idee davon, die Stärken einzelner auch für die Schwächeren nutzbar zu machen und Problemstellungen und Herausforderungen solidarisch zu bestehen. Viele Ereignisse aus den letzten Jahren zeigen uns allerdings, dass genau das nicht mehr funktioniert und sich Europa immer weiter entsolidarisiert anstatt zusammenzurücken. Wir freuen uns deshalb ganz besonders, an diesem Wochenende mit Theo Jellema einen Organisten aus der europäischen Nachbarschaft bei uns zu haben, ein schönes Symbol, dass es viele Bindeglieder zwischen uns Menschen, zwischen uns Europäern gibt, ein ganz wunderbares davon ist die Musik.
Bindungen sind wichtig. Immer dann, wenn Menschen der eigenen Hybris erlegen sind, wenn sie meinten, alles allein zu können, alles allein zu beherrschen und vor allen Dingen auch alles allein zu dürfen, waren die Konsequenzen meist ganz weit weg von Gutem. Daraus zu lernen ist uns Menschen nicht gelungen und so wird die Anzahl der Despoten und Autokraten auf dieser Welt eher größer statt kleiner. Überall da, wo die Achtung vor den Mitmenschen und die Demut vor Gott verloren gehen, da entwickelt sich die Freiheit des einzelnen schnell zur Unterdrückung für ganz viele, da geraten Geben und Nehmen, Zulassen und Dürfen, Gönnen und Beanspruchen schnell aus der Balance.
Das Bibelwort für diesen Tag will uns verdeutlichen, dass wir allerdings an einer Instanz bei allem was wir tun und lassen nicht vorbeikommen. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: „Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Es tut gut, dass wir uns das immer wieder einmal ins Gedächtnis rufen.

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  Lydia von Philippi

Lydia von Philippi

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.08.2018

Heute ist der Tag der Heiligen Lydia. „Wer ist das denn?“, mögen Sie jetzt vielleicht denken und zugegebenermaßen gibt es prominentere Heilige als eben diese Frau, dennoch ist sie, wie ich finde, in vielerlei Hinsicht bedeutungsvoll.
ydia lebte im Nordosten Griechenlands in der antiken Stadt Philippi. Die Apostelgeschichte berichtet, dass sie dort Purpurhändlerin war. Der aus Meeresschnecken gewonnene Farbstoff zählt noch heute zu den teuersten der Welt und Lydia dürfte wohl eine taffe Geschäftsfrau gewesen sein, wenn sie sich mit diesem Handelsgewerbe in der doch nahezu komplett männerdominierten Zeit der Antike zu behaupten wusste. Lydia trifft nun auf den Apostel Paulus, der mit seinem Gefährten Silas auf der zweiten Missionsreise unterwegs ist. Sie kommen hierbei zum ersten Mal nach Europa. Lydia hört Paulus predigen und die Bibel berichtet, dass ihr der Herr das Herz auftat und sie dadurch offenen wurde für die Worte des Apostels und für die frohe Botschaft. Lydia wird hier ihr Glaube an Jesus Christus geschenkt und sie lässt sich taufen mit ihrem ganzen Hause, also mit ihrer Familie und ihren Angestellten.
Damit war etwas ganz Wesentliches passiert, denn Lydia wurde durch ihre Taufe zum ersten Christenmenschen in Europa. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine Frau hat in Europa das Christentum begründet. Darüber haben die Männer in den sich anschließenden 2000 Jahren Kirchengeschichte auf unserem Kontinent gerne auch mal geschwiegen.
Gott hat Lydia das Herz aufgetan, so schreibt es Lukas in der Apostelgeschichte. Ich finde und ich kann es aus eigener Erfahrung bestätigen, dass diese Formulierung einen wichtigen Aspekt enthält: Wir können uns unseren Glauben nicht verdienen, nicht erarbeiten, nicht ererben und schon gar nicht irgendwo kaufen. Unser Glaube ist ein Geschenk, dass von Gott kommt und er allein entscheidet, ob und wem er es zuteil werden lässt. Natürlich setzt es voraus, dass wir bereit sind, uns zu öffnen, dass wir Interesse zeigen, dass wir uns nicht sofort abwenden, wenn Gott ins Spiel kommt. Hätte Lydia Paulus nicht zugehört, die Geschichte wäre wahrscheinlich anders verlaufen. Aber ihr Zutun allein war nicht ausreichend. Gott war zur Stelle, um ihr im entscheidenden Moment das Herz aufzutun.
Wenn so etwas passiert, haben unser Glaube und Gottes Geist freie Bahn und dann wird eine engagierte Geschäftsfrau von einer Minute auf die andere zur Christin und setzt damit den Anfang zu einer Bewegung, der sich bis heute unterschiedlichste Menschen anschließen, weil auch sie von Gott das Geschenk des Glaubens erhalten haben. Und wie wertvoll und großartig dieses Geschenk ist, schreibt uns Johannes in seinem ersten Brief: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Lydia aus Philippi durfte das erfahren, genauso wie wir. Heute ist ein guter Tag, davon zu erzählen.

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  Wunder - Bewusstsein

Wunder - Bewusstsein

Christian Kohn, Pfarrer - 02.08.2018

Wissen Sie, was Wunder mit Problemen gemeinsam haben? Nun, beide brauchen ihre Entdecker, sonst haben sie keinerlei Bedeutung. Denn was wären sie, wenn kein Mensch weder das eine noch das andere bemerken würde? Dann ist es doch gleichsam so, als würde es sie nicht geben! Und was es nicht gibt, das spielt auch keine Rolle in unserem Leben! Und: Das kann auch nicht besprochen werden!
Erstaunlich allerdings erscheint mir die Beobachtung, dass es kaum Menschen gibt, die die Existenz von Problemen anzweifeln. Jeder Mensch scheint sozusagen über ein Problem-Bewusstsein zu verfügen. Aber verfügen Menschen auch über ein Wunder-Bewusstsein? Schließlich wird ja die Existenz von Wundern von vielen Menschen in Frage gestellt. Das dem aber so ist, hätte dann allerdings logischer Weise mehr mit uns Menschen und unserem Bewusstsein zu tun als mit der Frage, was es wirklich gibt oder nicht. Und dann wäre zu fragen, warum es anscheinend eher gelingt, ein Problem zu erkennen als ein Wunder zu schauen?
Möglicherweise hat es ja mit der Art und Weise unseres Denkens zu tun. Oder genauer: wie wir uns die Welt und das Leben erklären. Wir versuchen, mit unserer Logik das Leben zu verstehen und vergessen dabei, dass unser Verstand wohl ein nützliches Werkzeug darstellt, jedoch zu klein ist, das Große und Ganze zu erkennen. Alles kann er nicht erkennen, denn Alles wäre ja gleichsam wieder Nichts und somit nicht zu begreifen! Genau genommen müsste man vom Verstand sagen, dass er nur dadurch funktionieren kann, weil er das meiste ausschließen muss, um etwas erkennen und benennen zu können. Wer sich also allein auf seinen Verstand verlässt, dem gehen wahrscheinlich auch nur die kleinen Fische ins Netz, zu denen sein Verstand in der Lage ist, sie zu „fangen“. Kein Wunder, dass es dann häufig die Probleme sind, die hängen bleiben und erkannt werden.
Wer hingegen nicht nur mit seinem Verstand und seinen eigenen Erklärungen das Leben abfischt, sondern unvoreingenommen mit offenen Augen, seiner Seele und allen Sinnen in die Welt blickt, dem begegnen dabei auch Wunder. Denn Wunder nennen wir ja deswegen Wunder, weil sie unerklärlich oder eben auch unlogisch sind! Doch genau so wenig, wie schönes Wetter das Resultat von leer gegessenen Tellern darstellt, lässt sich unser Leben als das Ergebnis unseres Tuns und Lassens begreifen. Recht besehen ist es doch mehr ein unerklärliches Geschenk, eine unverdiente Gnade, die mit unserem Verstand und unserer Logik allein nicht zu erfassen ist.
Wer sich jedoch diese Wahrnehmung seines Lebens, diesen großen Blick mit seinen selbstgemachten Erklärungen und Denkweisen verstellt, überschätzt damit nicht nur seinen Verstand. Er verkennt damit auch das Wunder, das ihm wahrscheinlich am nächsten liegt: Nämlich sich selbst! Denn wer von uns könnte sich anderen Menschen schon lückenlos erklären, ohne Gefahr zu laufen, für „verrückt“ erklärt zu werden?
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke;
das erkennt meine Seele. (Ps. 139,14)

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  Wahrnehmungsfähigkeit

Wahrnehmungsfähigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.08.2018

Für eine Studie der Deutschen Krankenversicherung wurden 2900 Menschen auf ihre Gesundheit hin befragt. Eine der Fragen lautete, ob sie selbst sich gesund fühlen. Diese Frage bejahten 61%. Immerhin. Allerdings wurden sie ebenfalls danach befragt, wie ihre Alltagsgewohnheiten im Leben aussähen. Und demnach, so die Studie, würden tatsächlich nur 9r Befragten gesund leben. Vor allem Bewegung sei es, an der es mangele.

Was für ein Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Situation! Wie kann es sein, dass Menschen sich selbst scheinbar so schlecht wahrnehmen? Vielleicht ist es ja so, dass einem der gewohnte Alltagstrott dermaßen vertraut ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie es auch sein könnte. Ich denke an einen Knaben aus der Klasse meines Sohnes. Ein toller Junge, allerdings bewegt er vor allem die Finger auf seinem Handy. Kürzlich habe ich ihn und andere Kinder über einen Baum balancieren sehen und es ließ sich nicht leugnen: man sah, wie ungewohnt solche Bewegungsabläufe für ihn waren. Er hat das toll gemacht, nicht aufgegeben und ist in seiner Geschwindigkeit Schritt für Schritt tapfer über den Baumstamm gegangen. Wahrscheinlich würde er weder heute noch morgen sagen, dass er sich krank fühle. Nur weiß er gar nicht, wie sein Körper sich auch anfühlen könnte, wenn er des Öfteren hüpfen, springen oder Ball spielen würde.

Beim Lesen habe ich an die Religion gedacht. Ist es mit dem Glauben nicht ähnlich? Aktiver Glaube ist schließlich mit Bewegung verbunden. Es ist die Suche nach Frömmigkeitsformen, die zu einem selbst passen. Es ist die Einübung spiritueller Praktiken wie des Gebets, des Gesangs, der Meditation, der bewussten Wahrnehmung der Welt als Schöpfung, des aktiven Zuhörens von geistlicher Musik oder auch der bewussten Teilnahme an einer Andacht oder einem Gottesdienst; die möglichen Ausdrucksformen sind Legion. Aber die Deutung hängt an der aktiven Aneignung des Glaubens. Sonst bleibt der Glaube leer.

Vermutlich stimmt es, dass den meisten Menschen der Glaube in ihrem Leben nicht fehlt. Dass sie ohne diese Bewegung, ohne dieses Suchen und Tun auskommen und zufrieden sind. Ich bedaure nur, dass solche Zufriedenheit vor dem Selbstversuch steht, wie es auch sein könnte. Denn ich halte das Geschenk des Glaubens für eine Bereicherung. Glaube ist neugierig; er fragt nach dem, wie Gott mich wohl gedacht hat. Darin setzt er Veränderungsfähigkeit voraus und die Möglichkeit zur Entwicklung frei. In jener alten Erzählung, die davon berichtet, dass Gott Abraham auffordert, sein altes Land und Leben zu verlassen, heißt es (Gen 12. 1f.):
„Geh in ein Land, das ich dir zeigen will.
Denn ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Erdüberlastungstag

Erdüberlastungstag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 31.07.2018

„HERR Zebaoth, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.“ (Jes 37,16) – So lautet unsere heutige Tageslosung. Aber wir leben weit von dieser Erkenntnis entfernt. Denn scheinbar haben wir vergessen, dass wir Teil dessen sind, was Gott in einem gut ausbalancierten System geschaffen hat. Unsere Kinder mögen noch etwas vom ökologischen Gleichgewicht in der Schule lernen, aber dieses System haben wir in Wirklichkeit längst verlassen. Heute ist der sogenannte „Erdüberlastungstag“. Das bedeutet, dass in diesem Jahr ab dem heutigen Tag die Weltbevölkerung mehr Ressourcen verbraucht als nachwachsen. Die Gesamtbevölkerung der Erde bräuchte, um ihren Bedarf zu decken, jährlich 1,7 Erden, China sogar 2,2 Erden, Frankreich 2,8, Großbritannien 2,9, Deutschland 3 und die USA 5 Erden. Dieser Erdüberlastungstag ist in den vergangenen zwanzig Jahren immer weiter nach vorne gerückt: Fiel er z.B. 1987 erst auf den 19. Dezember, war es im Jahr 2000 schon der 23. September, 2008 dann der 16. August und heute ist es also der 31. Juli.

1987 kam ich in die fünfte Klasse, und ich erinnere mich gut, dass wir damals einen Schulgarten anlegten, aufgefordert wurden, möglichst wenig Plastik zu verwenden oder unseren Müll anders weiter zu verwerten; überhaupt begann das Zeitalter der Mülltrennung und in den Nachrichten hörte ich, dass es ökologisch Fünf vor Zwölf sei. Was ist eigentlich geschehen? Gefühlt haben wir doch für die Umwelt eine Menge getan! Aber unser Verbrauch bleibt einfach zu hoch. Ich zitiere ZDF-heute: „In Deutschland tragen nach Angaben der Umweltschützer vor allem die hohen CO2-Emissionen im Bereich Energie, Verkehr, industrielle Landwirtschaft sowie der große Flächenbedarf – insbesondere für den Anbau von Futtermitteln für die Fleischproduktion – zur Überlastung der Erde bei.“ Hinzu komme, dass die versiegelten Flächen in Deutschland in den letzten 15 Jahren um etwa 20% zugenommen habe.

Ich lese das, denke an unsere Kinder und frage mich: Müssen wir eigentlich wirklich alles tun, machen, haben, selbst erleben und ausprobieren, was geht? Kürzlich hörte ich von einem Junggesellenabschied, der ein Wochenende lang auf Mallorca stattfand. Und ich erinnere mich an den Aufschrei, als die Grünen über den „Veggie Day“, also einen fleischfreien Tag in den Kantinen nachdachten. Und ich denke an mich selbst, wenn ich meinen freien Tag gerne dazu nutze, um im Harz zu wandern. Was brauchen wir wirklich, um zufrieden leben zu können? Wie viele Möglichkeiten? Wie viele Nahrungsmittel? Wie viel Gehalt? Wie viele Autos pro Familie? Wie viel Fleisch auf dem Teller? Wie viel Produktion? Wie viel Konsum?

Es ist an der Zeit gegenüber Gott und seinem Werk Demut zu lernen, wenn wir noch morgen Kinder dieser Erde sein wollen. Deshalb noch einmal das bekannte biblische Wort des Propheten Micha, dass wir es uns einschreiben in unsere Herzen (Micha 6,8): „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Internationaler Tag der Freundschaft

Internationaler Tag der Freundschaft

Heiko Frubrich, Prädikant - 30.07.2018

Heute ist der internationale Tag der Freundschaft. Die Vereinten Nationen haben ihn vor einigen Jahren ausgerufen, um an die Wichtigkeit von Freundschaft zwischen Menschen, Ländern und Kulturen zu erinnern. So gut sich das anhört, so abstrakt ist es aber auch. Was bedeutet es eigentlich, in Freundschaft zu leben, freundschaftlich und freundlich miteinander umzugehen? Es gibt eine ganze Reihe von Attributen, die wir freundschaftlichen Beziehungen umhängen: Offenheit soll herrschen, gegenseitiges Füreinander-Dasein, Verlässlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Wertschätzung, Akzeptanz und Toleranz.
Das ist eine ganze Menge und wenn ich mir explizit vornehmen muss, all das zu beachten und es mich große Mühe kostet, keinen dieser Punkte zu vergessen, dann ist Freundschaft eine echte Herausforderung. Doch wenn das Gefühl des einander Freund- oder Freundin-Seins erst einmal da ist, dann muss ich diese ganzen Punkte gar nicht mehr so angestrengt im Blick haben, denn sie ergeben sich von ganz alleine und sie werden zur Selbstverständlichkeit.
So wie die Liebe ist Freundschaft ein großes Geschenk und sie bedarf unserer Pflege. Geben und Nehmen müssen ihren Raum haben, ohne dass mit dem Rechenschieber alles bewertet wird mit dem klar vorgegebenen Ziel, dass es auch bloß immer ausgeglichen ist. Vielmehr können die Rollen des Gebenden und die des Nehmenden ganz unvermittelt und ungeplant wechseln. Wichtig ist, dass jeder die Bereitschaft mitbringt, in die eine oder die andere Rolle zu schlüpfen.
Auch das Verhältnis zwischen Jesus Christus und uns Menschen kann und darf sich anfühlen, wie eine Freundschaft. Doch sie ist anders angelegt als eine Freundschaft zwischen zwei Menschen. „Euch aber habe ich meine Freunde genannt“, das sagt Jesus zu seinen Jüngern, wie es im Johannesevangelium übermittelt wird – die Bibelstelle ist übrigens gut zu merken: Johannes 15.15. Doch es wird deutlich, dass sich Jesus Christus hier nicht kumpelhaft mit uns auf eine Stufe stellt. Er ist und bleibt göttlich, er ist und bleibt der Herr.
Doch alle anderen Eigenschaften, die ein guter Freund im besten Falle hat, treffen auf ihn, so wie ich empfinde, allemal zu: Er ist immer für uns da, wir müssen vor ihm nichts verheimlichen und nichts braucht uns vor ihm peinlich zu sein, wir können uns auf seine Hilfe verlassen und seiner Wertschätzung dürfen wir uns immer sicher sein. Unser Freundschaftsdienst an ihn wäre es dann, immer wieder den Versuch starten, unser Leben an dem auszurichten, was er uns vorgelebt hat und damit seiner Liebe hier auf dieser Welt ein Stück weit mehr den Weg zu ebnen. Wenn wir uns alle Jesus so in Freundschaft verbunden fühlten, dann hätte diese Welt eine gute Chance, sich zum Besseren zu wandeln. Der internationale Tag der Freundschaft – ein gutes Datum, um sich daran zu erinnern

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  Viel besser als der Ruf

Viel besser als der Ruf

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.07.2018

Als Christin fühlt man sich heute manches Mal recht allein. Denn selbst jene, die noch daran glauben, dass da mehr in, mit und unter unserer Wirklichkeit ist, haben Schwierigkeiten, wenn sie konkret von ihrem Glauben sprechen sollen. Zu fremd ist unserem Alltagsdenken ein Gott geworden, der seiner ewigen Wirklichkeit Zeit einfügt, der Geschichte schafft und in der Geschichte zu finden ist. In einem Kinderlied heißt es: „Gott hat die Welt gemacht, er hat sie sich ausgedacht, Gott wohnt im Himmelszelt und in der ganzen Welt.“ Hohe Theologie findet sich hier in schlichten Worten formuliert. Panentheismus heißt das Fachwort, hinter dem kurz gesagt steht, dass Gott der Name für jene Kraft ist, die Leben schafft und das Leben erhält, die aber nicht in dem aufgeht, was in diesem Universum an Leben existiert.

Was also macht es so schwer an einen Gott der Geschichte zu glauben? Das Böse in der Welt oder der Tod? Aber was wären wir, könnten wir nicht zwischen Gut und Böse entscheiden? Wären wir dann nicht Marionetten des Guten? Und was wäre eine Welt ohne den Tod? Eine ewige Welt, in der nichts Neues dem Alten folgen könnte. Und ist es nicht auch großartig denken zu dürfen, dass Gott sich so sehr für uns interessiert, dass er Anteil an unserer Existenz haben wollte? Und dass der Gottesmensch Jesus, als die Menschen angesichts des Göttlichen scheiterten, dennoch Frieden und Vergebung predigte und lebte? Und was ist mit dem, wovon der Prophet Micha meint (Micha 6,8): „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein“?

Nun, die Glücksforschung belegt, wovon der christliche Glaube längst weiß. So lässt sich z.B. am World Happiness Report ablesen, dass tatsächlich weder Geld noch Leistung glücklich machen, sondern dass sich Glück und Wohlbefinden an sechs Dingen ablesen lassen: regelmäßiges Einkommen, eine gute Gesundheit, soziale Kontakte, Frieden, Vertrauen und Großzügigkeit. Seit Jahren gewinnen jene Länder den Glücksvergleich, die zwar die höchsten Steuern haben, ihre Mittel aber für die Allgemeinheit einsetzen. Ein friedliches, vertrauensvolles, gutes Miteinander, Hilfsbereitschaft, Gesundheit, dazu das tägliche Brot, mehr braucht es nicht zu gelingendem Leben. Und wenn ich mir dazu die biblischen Worte von Vergebung und Versöhnung anschaue, dann meine ich, dass dies zwar angesichts so mancher Schuld unfassbar schwer sein mag, aber dass der, dem es gelingt, Frieden in der Seele erfahren wird.

Ja, das Christentum ist viel besser als sein Ruf – und es wäre doch schön, wenn wir als Christinnen und Christen ganz selbstbewusst und mit Lust und Liebe genau davon zeugten.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Die Kreuzzüge

Die Kreuzzüge

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.07.2018

In dieser Woche mute ich Ihnen ein wenig zu, wenn ich täglich vom Handeln der Kirche in der Geschichte berichte. Ich weiß…. Aber wie oft wird Kirche nicht auf ihre Kreuzzüge & Co reduziert! Deshalb fand ich meine Sommerlektüre nicht nur spannend, sondern denke, dass es gut ist, wenn solche Informationen geteilt werden. Also haben Sie davon gehört, dass die Kirche des ersten Jahrtausends sehr friedlich war und darauf bedacht, ihren Bereich und den des Staates voneinander getrennt zu halten. Mit dem neuen Machtgefüge in Folge der Völkerwanderungen musste die Kirche sich jedoch noch einmal neu aufstellen. Denn diesen Völkern, die zwar den christlichen Glauben mehr und mehr übernahmen, auch die Inhalte des Glaubens zu vermitteln, war eine echte Herausforderung, die einige Jahrhunderte in Anspruch nahm. Die Kirche rang in jener Zeit um ihre theologische sowie institutionelle Unabhängigkeit und Deutungshoheit. Das ließ sich nicht immer ohne Waffen realisieren. Daneben stand die westliche Kirche als das Kontinuum zwischen Antike und Mittelalter – und wurde schon allein deshalb zu einem politischen Machtfaktor der damals bekannten Welt.

Als nun die Ostkirche, die eigentlich seit Jahrhunderten in friedlicher Nachbarschaft mit den Muslimen lebte, durch einzelne Stämme in Bedrängnis geriet, rief der byzantinische Kaiser Alexios den Westen um Hilfe. Da zu dieser Zeit im Westen die weltlichen Herrscher untereinander um die Vorherrschaft rangen, erging dieser Hilferuf an den Papst. Der zögerte zunächst, entschied dann aber, dem Hilferuf nachzukommen, indem er einen Kreuzzug ausrief. Dieser Kreuzzug sollte nebenbei eines der Probleme vor Ort lösen, nämlich das der arbeitslosen Ritterschaft, die seinerzeit als Raubritter durchs Land zogen. Außerdem war diese Form der Hilfestellung kostenneutral, da der in Aussicht gestellte Lohn Gotteslohn war: Der Kreuzzug sollte den Rittern als Bußhandlung für ihre Sünden dienen. Mangels irgendwelcher neutestamentlichen Belege, die all das hätten rechtfertigen können, zog der Papst die Makkabäerbriefe heran, also echte Randtexte der Bibel. Leider klappte die päpstliche Idee überhaupt nicht. Und anstelle der von Alexios erbetenen Soldaten kam eine Horde wilder Raufbolde ins Heilige Land. Schon während all dieser schrecklichen Ereignisse schrieben die ersten Theologen gegen die Idee des Kreuzzugs per se. Denn theologisch lag die Sache ja eindeutig: Der Glaube an Christus kennt allein das Schwert des Wortes. Dem entspricht dann auch, dass der Neuzeit die Kreuzzüge als Gräuel erscheinen – bis heute; als eine schwere Verirrung kirchlichen Tuns.

So darf das historische Urteil doppelt lauten: Anlass des ersten Kreuzzugs war die Hilfe im Verteidigungsfall; keine Machtgier, sondern die Unterstützung der Ostkirche, die anders als die Westkirche bisher nicht genötigt gewesen war, ihr Bestehen mit Waffen zu verteidigen. Die konkrete Umsetzung dieser Hilfe muss allerdings als gescheitert gelten, denn in der Hoffnung, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und dabei noch kostenneutral zu bleiben, ging die kirchliche Leitung fehl.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  Das Christentum und die Völkerwanderung

Das Christentum und die Völkerwanderung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 26.07.2018

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Sie sind in einer Gesellschaft, plaudern und outen sich irgendwann als Christenmensch. Nicht selten schaut das Gegenüber dann eher pikiert und fragt, wie man denn immer noch diesem Laden zugehören könne. Ich weiß gar nicht, wie oft mir die Kreuzzüge oder die Inquisition vorgeworfen wurden. Aber wie war das damals eigentlich genau, als die Kirche zu Macht kam? Als Konstantin den christlichen Glauben annahm, damit seiner eigenen Göttlichkeit im Staatswesen entsagte und stattdessen den Glauben an den Schöpfergott zur Staatsreligion ausrief? Zum einen darf man feststellen, dass die Taufe Bekenntnistaufe blieb; und zum anderen geschah Erstaunliches, denn ausgerechnet die christliche Kirche erfand die die Staats-Kirchen-Trennung. Um sich vor der Macht des Kaisers zu schützen, pochte Papst Gelasius schon frühzeitig darauf, dass dieser sich in kirchlichen Dingen nach den Bischöfen zu richten habe, während umgekehrt die Bischöfe in den irdischen Dingen nach den kaiserlichen Gesetzen leben sollten. Welch‘ ein Novum! Oder wie Manfred Lütz schreibt: „Das war ein Paukenschlag. Eine solch klare Trennung von Kirche und Staat war weltgeschichtlich absolute Neuigkeit. Für alle anderen Religionen war eine Trennung undenkbar, mit gewaltigen Problemen bis heute.“

Um nun die weltliche Macht des Papstes im Mittelalter zu verstehen und einzuordnen, braucht es den weiteren Blick in die Zeit der Auflösung des Römischen Reiches, als mit der Völkerwanderung verschiedene Volksstämme in Mitteleuropa erstarkten. So ließ sich der Frankenkönig Chlodwig, einer der wichtigsten Männer für die politischen Entwicklungen des Mittelalters, nach gewonnener Schlacht taufen; und im Anschluss seinen ganzen Stamm zwangstaufen. Anderes wäre in der germanischen Kultur nicht denkbar gewesen; Kult und Herrschaft gehörten hier untrennbar zusammen. Doch nicht allein das Bekenntnis war keine Größe, sondern es fehlten diesen kriegerischen Stämmen sogar die Worte für „Innerlichkeit“, „Herzlichkeit“, „Mitleid“ oder „Gewissen“ und „Liebe“ war ihnen ebenfalls kein großes Thema. Chlodwig gelang mit seiner Taufe ein Band zu knüpfen zwischen der Staatsreligion des Römischen Imperiums, über deren Bürger er im Fränkischen Raum zu herrschen gedachte, und seinem eigenen Stammesvolk. Während die Bekenntnistaufe für das Römische Reich ein gut auszuhaltender Zustand war, solange nur niemand gegen die neue Staatsreligion aufbegehrte, war sie jedoch für einen König mit germanischen Wurzeln nicht denkbar. Es folgten deshalb auf Staatsebene die Zwangstaufen, während man kirchlicherseits darum rang, überhaupt erst einmal einen Boden dafür zu bereiten, diesen neuen Christen ihre eigene Religion begrifflich und vor allem verständlich zu machen. Diese Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit dauerte letztlich bis zum späten Mittelalter an. Erst dann gab es wieder so etwas wie einen gemeinsamen kulturellen Boden, auf dem geistig und geistlich Neues entstehen konnte.

Die Institution Kirche wurde im frühen Mittelalter angesichts der Völkerwanderungen und der mit ihnen einhergehenden Machtkämpfe zu einem der wenigen stabilen Faktoren dieser Zeit. Kein Wunder also, dass sie verstärkt auch in weltliche Dinge einbezogen wurde. Ob das nun gut oder schlecht war, ist nicht einfach zu beantworten. Denn letztlich ist diesem Einfluss zu verdanken, dass unsere Gefilde durch eine Religion geprägt wurden, die seit Gelasius wusste, dass Kirche und Staat nicht zusammengehören; und die die Worte Liebe, Feindesliebe, Mitleid, Umkehr und Reue trotz aller Machtkämpfe nie aufgab. Im Gegenteil, wurden Grenzen überschritten, fanden sich die schärfsten Gegner der Missstände kirchenintern. Der theologische Streit um die Wahrheit wurde nie aufgegeben und führte regelmäßig zu Reformbemühungen innerhalb des Christentums. Aber dazu endlich und abschließend morgen ein letzter Blick in die Vergangenheit.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch



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  DAS GLEICHNIS VOM UNKRAUT

DAS GLEICHNIS VOM UNKRAUT

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.07.2018

Die Untaten des institutionalisierten Christentums kennt jeder: Zwangstaufen, Kreuzzüge, Inquisition, Macht- und Geldgier. Schamhaft blickt die Christin auf die eigene Geschichte zurück und entschuldigt sich in regelmäßigen Abständen für die Irrungen und Untaten der Vergangenheit. Aber stimmt das alles eigentlich so eindeutig? Zur Beantwortung dieser Frage blickt der Theologe und Historiker Arnold Angenendt auf die ersten eintausend Jahre christlicher Geschichtsschreibung zurück. Jene Jahre, in denen das Christentum seine Glaubenssprache und die Grundlagen seiner Ethik entwickelte.
Demnach war für die christliche Theologie eindeutig, dass Glaube nur Bekenntnistaufe sein kann. Der christliche Glaube brach also mit den Volksglauben seiner Umwelt, die das Ziel hatten, auf einen von Gott gegebenen oder gar selbst göttlichen Herrscher einzuschwören. Stattdessen vollzog sich mit der christlichen Glaubenslehre eine Individualisierung des Glaubens. Hierzu gehören die Ideen von Umkehr und Nachfolge und die Forderung, jederzeit gegenüber jedermann Rechenschaft legen zu können, über die Hoffnung, die in einem ist. Weltliche Macht war nur etwas, demgegenüber die Glaubenden sich zu verhalten hatten, das sie aber als Christen nicht anstrebten. Knapp vierhundert Jahre lang blieb es dabei und erst als Kaiser Konstantin sich taufen ließ, kam das Christentum in die Rolle, auch Staatsreligion zu sein. Aber das ist ein anderes Thema. Zur Beantwortung der Frage, was mit den Un- oder auch Falschgläubigen zu geschehen habe, die im alten Staatssystem stets streng verfolgt worden waren, wurde das Gleichnis vom Unkraut herangezogen. Dort heißt es: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt das Unkraut? Er sprach: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, das wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen ausrauft, wenn ihr das Unkraut jätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“ (Mt 13,27-30). Das bedeutet, dass Gott allein das Recht zukommt über Gut und Böse, über Leben und Tod zu entscheiden.
In der Zusammenfassung von Manfred Lütz heißt es: „Es war dieses Gleichnis, das dafür gesorgt hat, dass im ersten christlichen Jahrtausend tatsächlich kein einziger Irrlehrer, Häretiker, Ketzer wegen seiner Abweichung mit Billigung der weltweiten Kirche getötet wurde. Als im Jahr 385 am Kaiserhof in Trier der Irrlehrer Priscillian aus Spanien auf Drängen kaiserlicher Würdenträger nach Verurteilung durch eine bischöfliche Synode getötet werden sollte, eilten der große Erzbischof von Mailand, der heilige Ambrosius, und der berühmte heilige Martin, Erzbischof von Tours, persönlich auf langen beschwerlichen Wegen zweimal nach Trier, um die Untat zu verhindern. Als man Priscillian dennoch nach erbetenem kaiserlichen Bescheid hinrichtete, wurden alle in Trier beteiligten Bischöfe in einem feierlichen Akt von Papst Siricius aus der Kirche ausgeschlossen. Dieser Skandal hatte Folgen: Bis zum Jahr 1000 gab es keinerlei Häretikertötungen mehr.“
Der christliche Weg in den ersten eintausend Jahren war also einer, der Religionsgewalt ablehnte und radikal mit der in sonst allen Religionen üblichen physischen Vernichtung der Gottesgegner brach. Und diese Theologie gilt für uns Christenmenschen bis heute.

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  "DER SKANDAL DER SKANDALE"

"DER SKANDAL DER SKANDALE"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.07.2018

Mühsam ist sie, die Debatte um „die“ Kirche. Das denke ich jedes Mal neu, wenn ich auf sie stoße. Da sind jene, die versuchen ihr einen Zweck zuzuschreiben, die darstellen, was ohne den christlichen Glauben verloren gehen wird, und wegen solchen Nutzens auf die bleibende Relevanz des Christentums pochen, sowie jene, die sich schlicht auf die Position: „Guckt Euch Eure Skandale an und schweigt endlich!“, zurückziehen.
Beide Positionen hinken: Denn auch wenn unsere Kultur den biblischen Schriften natürlich viel Gutes und einen Großteil ihrer Humanität zu verdanken hat, muss ich trotzdem sagen: Die Wahrheit des Glaubens hängt nicht an dem Erfolg einer Gesellschaft das Gute dieser Religion in sich aufzunehmen und zu verwirklichen. Der Glaube nämlich bleibt stets eine Größe für sich; ganz gleich, ob einer, zehn oder die Mehrheit der Gesellschaft seine Aussagen als wahr und richtig erachten. Der Glaube bleibt, unabhängig, was diese Gesellschaft (sich) aus ihm macht. Er ist nicht das arme kleine Härscherl, das seinen Raum haben kann und sollte, weil er doch niemanden stört und bestenfalls gut tut. Der Glaube ist vielmehr eine Macht. Im christlichen Fall eine Macht, die im Namen Jesu formuliert (Mk 10,42-44): „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Ob und inwieweit es sinnvoll ist, eine Gruppe mit solchem Selbstverständnis nicht vielleicht doch besser in den Gesellschaftlichen Diskurs aufzunehmen, wird bleibend diskutiert werden. Ich halte es – natürlich – für sinnvoll.
Aber, aber, höre ich nun die Leserbriefe klingen, wie steht’s denn mit den unzählbaren Skandalen dieser Truppe? Damit bin ich beim zweiten Hinkefuß. Der Philosoph Herbert Schnädelbach formulierte, dass das Beste, was das Christentum für die Menschheit tun könne, seine Selbstauflösung sei. Diese Aussage nahm der Kirchengengeschichtler Arnold Angenendt als Aufgabe an. Sein Ergebnis ist eine achthundert Seiten lange historisch-wissenschaftliche Abhandlung („Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, 2007). Diese Arbeit verdeutlicht, dass viele der mühlenhaft wiederholten Vorwürfe entweder schlicht falsch sind oder aber die Geschichte stark verzerren. Er schickte sein Werk mit freundlichen Grüßen an Schnädelbach, der sich bedankte und nach der Lektüre für seinen eigenen Rückblick „optische Verzerrungen“ konstatierte. Die Ergebnisse von Angenendt wurden wiederum von Manfred Lütz zusammengefasst, der wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht vermutet, dass achthundert Seiten wissenschaftlicher Literatur nur eine sehr begrenzte Leserschaft findet. Seine Zusammenfassung nennt er: „Der Skandal der Skandale“ (2018), und er meint damit, dass der eigentliche Skandal darin bestünde, dass sich Vorurteile nicht nur lange halten, sondern auch mit dem fatalen Ergebnis enden könnten, der christliche Glaube habe sich durch eine vermeintlich gefallene Kirche als unwahr und überholt herausgestellt. Da Aufklärung im besten Sinne ja eine gute Sache ist, möchte ich die Gelegenheit der täglichen Andacht wahrnehmen und in den kommenden Tagen ein wenig von dieser meiner Sommerlektüre berichten.

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  In der Ruhe liegt die Kraft

In der Ruhe liegt die Kraft

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.07.2018

Bei Themen, die aus den USA zu uns herüberschwappen, sind wir ja seit einiger Zeit eher mal geneigt, die Augen zu verdrehen, sorgenvoll den Kopf zu schütteln oder einfach nur verständnislos zur die Stirn zu runzeln. Es ist nicht zuletzt der aktuelle Präsident – dessen Familie im Übrigen deutschen Wurzeln hat – der uns in schöner Regelmäßigkeit und in immer kürzer werdenden Abständen mit Verstörendem, Peinlichem und Besorgniserregendem versorgt. Glücklicherweise besteht Amerika nicht nur aus seinem Präsidenten, sondern es gibt dort auch wirklich sehr sympathische und witzige Themen.
Gestern beispielsweise war er in den USA der „Nationale Tag der Hängematte“. Wie es zu diesem kuriosen Gedenktag gekommen ist, weiß man nicht mehr so genau, nichtsdestotrotz wird auf Internetseiten, in Tageszeitungen und in Funk und Fernsehen dazu aufgerufen, an diesem Tag der Hängematte einfach mal den Sommer zu genießen und im wahrsten Sinne des Wortes ganz entspannt abzuhängen. Das bildhafte Wort Hängematte haben wir im übrigen Christoph Kolumbus zu verdanken. Er berichtete von auf Haiti lebenden Menschen, die in solchen Matten geschlafen haben und sie in ihrer Sprache „Hamaca“ nannten. Aus diesem Wort „Hamaca“ hat sich dann unsere deutsche „Hängematte“ entwickelt.
Es ist Sommer, es ist warm und auch wir ach so pflichtbewussten und grenzhanseatischen Menschen des Braunschweiger Landes merken, dass unsere Leistungsfähigkeit bei über 30° Celsius dann doch irgendwann in den Keller geht. Wohl dem, der tatsächlich an einem schattigen Plätzchen eine Hängematte hat, um sich ein wenig auszuruhen und neue Kraft zu tanken. Doch wir tun uns bisweilen nicht so ganz leicht damit. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, so sagt uns ein altes Sprichwort und versucht ganz subtil, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn wir tatsächlich mal nichts tun. Darf ich mir das denn erlauben, einfach mal die Beine hochzulegen, obwohl ich noch genug zu tun hätte oder anderen bei ihrer Arbeit helfen könnte?
Auch bei der Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick auf unseren Freund und Bruder Jesus Christus. „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“, hat er gesagt. Wir schaffen es immer wieder, bereits nach dem ersten Halbsatz die Ohren zuzuklappen. Dann hören wir nur „Liebe deinen Nächsten“ und der wichtige Zusatz, „ebenso, wie dich selbst“, geht in unserem protestantischen Pflichtbewusstsein unter. Doch hier wird eine Waage beschrieben, die im Gleichgewicht sein soll. Ich kann anderen nur dann Gutes tun, wenn ich mir auch selbst etwas Gutes tue. Und dazu gehört eben auch, dass ich mir Auszeiten und Ruhepausen gönne, um anschließend wieder bereit zu sein, anderen Menschen von meiner Kraft abzugeben. Auch Jesus war nicht rund um die Uhr für alle erreichbar. Er hat sich 40 Tage lang in die Wüste zurückgezogen, um seine Gedanken zu ordnen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen und um aufzutanken. Auch daran können und sollen wir uns ein Beispiel nehmen. Und ich bin mir ziemlich sicher: Hätte Jesus eine Hängematte gehabt, dann hätte er es sich darin gut gehen lassen.

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  Hüsch

Hüsch

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.07.2018

Sogar die Herrnhuter Losungen sind nicht völlig zeitlos auch wenn man das zwischen Bibelversen und abgedruckten Gesangbuchstrophen manchmal denken kann. Heute jedenfalls gibt es Beigabe zu Losung und Lehrtext Zeilen von Hanns Dieter Hüsch, was hoffentlich kein Ausweis dafür ist, dass nun auch der Kabarettist, Schauspieler, Liedermacher Hüsch für so abgehangen gehalten wird, dass er ins Losungsheft aufgenommen werden kann.
1930 in Moers geboren, empfand Hüsch sich selbst als Kind kleiner Leute, das davon träumte Opernregisseur zu werden. Aber erstmal erlitt er das Außenseitertum eines Kind mit einem körperlichen Handikap klarkommen muss. Hüsch hatte missgebildete Füße und musste nicht nur in unförmigen Pantoffeln gehen, sondern konnte auch nicht wirklich gut mit anderen Kindern unterwegs sein geschweige denn Sport machen. Frohsinn ist da nicht selbstverständlich in die Wiege gelegt. Hüsch begann in dieser Zeit die Texte schreiben, die so viele Menschen mögen, weil sie ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern oder Klarheit verschaffen, weil sie oft sehr politisch und ziemlich pazifistisch sind. Dabei kommen seine Texte niemals rechthaberisch oder machtförmig daher sondern als poetische Gebete, Geschichten und Gedichte, deren freundlicher Deutlichkeit man sich nur schwer entziehen kann.
Heute klingt das so:
„Möge uns der Herr weiterhin zu den Brunnen des Erbarmens führen, zu den Gärten der Geduld und uns mit Großzügigkeitsgirlanden schmücken. Er möge in unser Herz eindringen, um uns mit seine Gedankengängen zu erfrischen, uns auf Wege zu führen, die wir bisher nicht betreten haben aus Angst und Unwissenheit darüber, dass der Herr uns nämlich aufrechten Ganges fröhlich sehen will, denn wir sind Kinder Gottes.“
Das ist fraglos eine gute Auslegung der Tageslosung heute: „Gott, der Herr machte den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase...“
Und es ist zugleich eine durchaus Hüsch‘sche Pointierung: Ohne Barmherzigkeit und ohne aufrechten Gang, ohne fröhliche Zuversicht und freie Gedanken kann es nicht gehen. Weder mit uns noch unter uns.

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  Widerstand und Ergebung

Widerstand und Ergebung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 20.07.2018

Heute vor 74 Jahren scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler.
Dietrich Bonhoeffer, der damals im Gefängnis auf seinen Prozess wartete, hat auf diesen Befreiungsschlag des deutschen Widerstandes zugelebt und hoffnungslose Pläne geschmiedet: „Wenn ich frei bin und noch wenigstens ein paar Monate nicht eingezogen werde, so will ich heiraten…“
Nach dem Scheitern wusste er, dass auch seine eigene Lebensgeschichte geprägt sein würde. Von Zukunftshoffnungen war nun keine Rede mehr. Vielmehr schrieb er an seinen Freund Eberhard Bethge: „Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges.“
Zum Gegenwärtigen gehörte die Freude über die treffende Tageslosung, denn über dem Tag des Attentates, Donnerstag 20. Juli 1944, hieß es im 20. Psalm: „Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse, wir aber denken an den Namen des Herrn unseres Gottes.“
Jene verfügen über wirkmächtige Mittel. Darum, auch wenn wir jetzt an ihnen scheitern, es wird vorläufig sein. Dies umso mehr als über dem darauffolgendem Freitag aus dem Römerbrief stand: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“
Vielleicht schrieb er das so ausdrücklich, um denen, die sich um ihn sorgten, Mut zu machen, vielleicht, um dem eigenen Gegrübel zu entgehen oder doch, um miteinander etwas zu teilen, was nicht erlaubt war in Worte eines solchen Briefes zu fassen.
Im selben Brief erinnerte Dietrich Bonhoeffer sich an die Begegnung mit einem jungen französischen Kollegen viele Jahre zuvor. Damals hätten sie sich gefragt, was „wir mit unserem Leben eigentlich wollten.“ Der Franzose sagte damals: „Ich möchte ein Heiliger werden.“ Und Bonhoeffer schrieb dazu: „Das beeindruckte ich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte: ich möchte glauben lernen.“ Als sehr junger Mann sah er nicht, dass man glauben nicht lernt, in dem man wie ein heiliger lebt sondern dass man nur mitten in diesem leben Glauben lernen und das Leben heiligen kann.
Ein Thema, das viel zu groß ist für eine kurze Andacht. Aber die Erinnerung an die Toten des 20. Juli und auch die Hinrichtung Bonhoeffers bringt es mit sich, dass auch wir uns fragen sollten, was mit unserem Leben werden soll, mit der anvertrauten Zeit, den Gaben und Begegnungen.
Kleinmut ist nicht angezeigt, denn auch über diesem 20. Juli stehen klare Losungsworte: „Wir rühmen uns der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung.“ (Rö 5,3f)

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  Werte

Werte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.07.2018

Über diesem wieder heißen und trockenen Sommertag steht in den Herrnhuter Losungen aus der ersten Chronik: „In deiner Hand, Herr, steht es, jedermann groß und stark zu machen.“ Und dazu aus dem Lukasevangelium: „Es kam unter den Jüngern der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte wäre. Da aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich.“
Da kommen einem Assoziationen leicht in den Sinn: Ann-Claire Richter hat in ihrer Kolumne der Braunschweiger Zeitung heute Morgen schon mit den großen Kleinen und kleinen Großen angesichts all der Bilder gespielt, die die Mächtigen dieser Welt uns dieser Tage liefern. An ihre Gedanken kann man sich mühelos anschließen und weiß doch zugleich, dass Bibelworte im Gegensatz zu Zeitungskommentaren allermeist nicht dazu gedacht sind, uns Munition für scharfsinnige Argumentationen über Dritte zu liefern, sondern eher direkt und persönlich einen jeden von uns meinen.
Und so scheinen die biblischen Worte heute vor allem die Lebensziele und den Wertekanon unseres Erwachsenenlebens infrage zu stellen. Durch die Augen eines Kindes gesehen, das Jesus als stillschweigenden Kommentar zu unserer Versuchen erfolgreich zu sein, hinzunimmt, sind die Machtspiele und hierarchischen Prinzipien unserer Welt absurd. Oder mit Eva Strittmatter, die dichtete:
„Die guten Dinge des Lebens / sind alle kostenlos: /
die Luft, das Wasser, die Liebe. / Wie machen wir das bloß, /
das Leben für teuer zu halten, / wenn die Hauptsachen kostenlos sind? / Das kommt vom frühen Erkalten. / Wir genossen nur damals als Kind /
die Luft nach ihrem Werte / und Wasser als Lebensgewinn, /
und Liebe, die unbegehrte, / nahmen wir herzleicht hin. /
Nur selten noch atmen wir richtig / und atmen die Zeit mit ein, /
wir leben eilig und wichtig / und trinken statt Wasser Wein. /
Und aus der Liebe machen / wir eine Pflicht und Last. /
Und das Leben kommt dem zu teuer, / der es zu billig auffasst.“


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  Mandela

Mandela

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.07.2018

In der Ostschule war nicht alles schlecht. Zu den im Ansatz jedenfalls besseren Aspekten gehört, dass wir Briefe an politische Gefangene geschrieben haben. Natürlich hat das einen bitteren Beigeschmack in einem Land, in dem es reichlich Gefängnisinsassen gab, die auch nur freier sein wollten als das dem DDR-Regime gefiel und sicherlich werden diese Briefaktionen instrumentalisiert worden sein und wer weiß, was mit den unzähligen Kinderbriefen tatsächlich passiert ist…
Aber in meiner Erinnerung ist geblieben, dass ich als Kind dachte: wir schreiben einen Brief an einen schwarzen Mann, der irgendwo im Gefängnis sitzt nur weil er schwarz ist und machen ihm Mut, weil das ungerecht ist. Immerhin, das wichtigste war hängengeblieben. Nelson Mandela und sein Schicksal waren mir darum ein Begriff als ich noch viel zu klein war, um etwas von Apartheit, Regimegegner, Kolonialismus und kaltem Krieg zu begreifen.
Viel später reiste ich mit einem Vikarskurs dieser Landeskirche zu den Ovambos im Norden Namibias. Viele von ihnen arbeiteten von Kindesbeinen an auf deutschen Farmen. Die Rassendiskriminierung hatte ihr Leben geprägt. Ich werde nicht vergessen, wie ein uralter Mann eines Abends nach einer Bibelarbeit zu mir sagte, dass Versöhnung zwischen schwarzen und weißen Menschen für ihn begonnen habe, weil ich weiße Frau zu ihm in sein Dorf gekommen sei und mit ihm in der Bibel zu lesen. Das hat mich damals tief beschämt. Denn ich empfand es als beinahe unbegreiflich großzügig, dass wir überhaupt kommen und zu Gast sein durften.
Während dieser Reise bekam ich eine leise Ahnung, was Apartheit für die Schwarzen bedeutet hat. Umso mehr staunte ich über die Versöhnungsbereitschaft eben jenes schwarzen Mannes, dem ich als Kind ins Gefängnis geschrieben hatte. Ziel der von ihm auf den Weg gebrachten Wahrheits- und Versöhnungskommission war es, die schmerzhafte Vergangenheit aufzuarbeiten statt die Täter nur wegzusperren, denn nur so würden die Opfer ihre Würde wiedergewinnen. Nur so könnte der Teufelskreis von Gewalt und Rache, Hass und Wut unterbrochen werden. Dass damit nicht alles gut werden würde, wird man gewusst haben. Schon viele Jahre vorher, 1985, Mandela saß noch im Gefängnis, hatten schwarze Theologen in einem Kairospapier formuliert: „Wir glauben, dass Gott in unserer Welt am Werk ist und hoffnungslose und vom Bösen gezeichnete Situationen zum Guten wenden kann … Es gibt Hoffnung für uns alle, doch der Weg auf diese Hoffnung hin wird sehr schwer und sehr schmerzhaft sein…“
Der Weg ist noch nicht zuende. Es ist noch immer nötig, die Erinnerung an dieses Unrecht und die Wurzeln der ungerechten Weltordnung, die noch immer weiter wirkt, wachzuhalten.
Nelson Mandela wäre heute 100 Jahre alt geworden.






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  Lieber heiter…

Lieber heiter…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2018

Das heute-Journal gestern Abend hatte es in sich. Claus Kleber riss die Augen auf als wäre er entweder ungeheuer übermüdet oder könnte es gar nicht fassen. Kein Wunder, denn den Bericht über das Gipfeltreffen der beiden Staatschefs in Helsinki hätte man sich vor zwei Jahren nicht vorstellen können; die amerikanischen Reaktionen auf das Gebaren ihres Präsidenten auch nicht – die Rede war von Hochverrat.
Die Weltordnung steht infrage, sagte Claus Kleber und es klang als müssten wir uns alle miteinander darauf einstellen, dass das Oben und Unten in dieser Welt neu vermessen wird, Frieden und Sicherheitssysteme erheblich einsturzgefährdet sind und die Zaghaftigkeit der Europäer, zueinander zu stehen, unabsehbare Folgen haben wird. Anschließend kam ein Bericht über Handelssanktionen und chinesische Reaktionen auf einen möglichen Wirtschaftskrieg. Es wird nun für ausländische Investoren dort einfacher werden. Dann folgte die Kanzlerin. Sie besuchte in sommerlichem Grün ein evangelisches Altenheim, um den Alltag dort besser einordnen zu können bzw. um ein Wahlversprechen zu erfüllen sicherlich wohl wissend, dass ein Montag dort kein normaler ist, wenn die Kanzlerin kommt.
Und dann kam Fußball. Die großen Feste aller Sieger in Zagreb und Paris und am Ende sagte ein lächelnder Claus Kleber wie schön es sei, heitere Nachrichten zu bringen …
Von Robert Louis Stevenson stammt ein Ausspruch, der diese erstaunliche Entwicklung innerhalb weniger Minuten erklärt: „Ich begegne lieber“ sagte er „einem glücklichen Menschen, als dass ich eine Fünf-Pfund-Note (damals eine ganze Menge Geld - CG) finde. Ein heiterer Mensch verbreitet gute Laune um sich und wenn er in ein Zimmer kommt ist es, als sei ein Licht angezündet worden.“ Das funktioniert und ist ansteckend. Weitergehend sind aber die Worte Hiobs, des Gerechten, der so hart geprüft wurde und sagte: „Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben…“
Ist es alles eine Haltungsfrage? Bei Claus Kleber war es wohl das erlösende Moment versöhnlicher Bilder. Hiob begegnet dem Leben mit Demut. Er fürchtet die Schmerzen und versucht es mit aufrechtem Gang und offenen Gesicht. Und wir? Wir werden uns neu ordnen müssen und dabei wird es darauf ankommen, den Maßstab nicht zu verlieren und Zuversicht zu gründen. Gut, dass Jesus Christus über diesem Tag spricht: „Friede sei mit Euch“ – das kann man nicht mit fassungslos aufgerissenen Augen oder verstörtem Gesicht hören oder sagen und es bleibt Gott sei Dank die größere Wahrheit.


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  „HERR, lass leuchten meine Zeit!“

„HERR, lass leuchten meine Zeit!“

Dompredigerin Cornelia Götz - 16.07.2018

Gerade eben bin ich noch durch Paris gelaufen. Ich kenne die Stadt besser als jede andere Großstadt und muss keine Hotspots mehr abarbeiten, was man eben gesehen haben muss. Ich habe es genossen, mich treiben zu lassen, Gassen vor und zurück zu laufen und Türen zu suchen, durch die irgendwann Picasso oder Juliette Greco, Eugen Delacroix oder Simone de Beauvoir gegangen sind, habe gesessen, wenn mir die Füße wehtaten und stundenlang zugesehen, wie die Franzosen Petanque spielen oder die Kinder am großen Bassin im Luxembourg Schiffchen mit Stöckchen aufs Wasser schieben, und dann dorthin rennen , wohin der Wind es treibt – ein altes Spiel, Generationen hat es vergnügt. Friedliche Stimmung in der Luft, die manchmal ein bisschen flimmerte vom Fussballfieber.
Zeit zu haben, noch dazu in einer so bezaubernden Stadt, bei der man vergisst wie schön sie ist, wenn man eine Zeitlang nicht da war, ist ein Geschenk. Ich habe mich an eine Konfirmandenstunde erinnert, in der wir am 31. Psalm gearbeitet haben. Er klingt so:
„HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit! / Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! / Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg, / und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. / Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. / In deine Hände befehle ich meinen Geist; … / Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, / dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele / und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; / du stellst meine Füße auf weiten Raum. … / Ich aber, HERR, hoffe auf dich / und spreche: Du bist mein Gott! / Meine Zeit steht in deinen Händen. … Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; / hilf mir durch deine Güte!“
Wir haben die Worte damals mehrfach laut vorgelesen und ich habe die Konfirmanden später gefragt, an welche Formulierung sie sich erinnern, ob etwas in ihnen nachklingt. Einer sagte, dass er die Sache mit dem weiten Raum schön findet und dass er sich daran erinnern will, wenn er wieder im engen Schulbus steht. Eine andere, dass ihr Zuhause ihre Burg sei und ob das auch ginge. Und dann sagte ein Junge, der sich bis dahin sehr zurückgehalten hatte, er finde die Worte am schönsten:
„HERR, lass leuchten meine Zeit!“
Vorgelesen hatte das keiner aber hätte man was Schöneres hören können? Da ist ja alles drin: die Hoffnung auf lichte Momente, dass wir nicht im Dunklen bleiben, dass aus meiner Lebenszeit etwas Gutes und Schönes wird.
Heute Vormittag habe ich zunehmend ärgerlich ein paar Stunden vergeblich auf den Telekomtechniker gewartet. Der Kontrast zu den vergangen schönen Tagen war hart. Fast wäre meine Zeit verdorrt. Aber dann fiel es mir zum Glück wieder ein:
„HERR, lass leuchten meine Zeit!“

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  Kurt Huber und Alexander Schmorell und die Weiße Rose

Kurt Huber und Alexander Schmorell und die Weiße Rose

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.07.2018

Heute ist der 75. Todestag von Kurt Huber und Alexander Schmorell. Die beiden gehörten wie die Geschwister Scholl zum inneren Kreis der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Es waren überwiegend Studenten, die sich ab Mitte 1942 in München zusammenfanden, um gegen das in Deutschland herrschende Naziregime zu protestieren. Die Mitglieder der Gruppe brachten auf verschiedensten Wegen insgesamt sechs Flugblätter in Umlauf, auf denen sie die Verbrechen der Nazis thematisierten und zum Widerstand aufriefen. Die weiße Rose ist bis heute ein weithin bekanntes und symbolgebendes Beispiel für moralische Lauterkeit, christliche und humanistische Werte, Zivilcourage und Opferbereitschaft. In den ersten Monaten des Jahres 1943 wurde die Gruppe von den Nationalsozialisten zerschlagen und ihre Mitglieder gefangen genommen. Die Geschwister Scholl wurden bereits am 22. Februar 1943 von den Nazis ermordet. Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden dann in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz des berüchtigten Richters Freisler wenig später zum Tode verurteilt.
Alexander Schmorell stammt aus Ostpreußen und studierte Medizin in Hamburg und München. Schon während seines Wehrdienstes, den er 1936 nach seinem Abitur antrat, geriet er in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Er nahm 1942 am Russlandfeldzug als Sanitätsfeldwebel teil und setzte nach seiner Rückkehr sein Studium im Wintersemester 1942 / 43 in München fort. Kurt Huber war Musikwissenschaftler, Philosoph und Psychologe und lehrte an der Münchner Universität. Hans Scholl und Alexander Schmorell wandten sich im Dezember 1942 an Huber und konnten ihn für die Mitarbeit in der Weißen Rose gewinnen. Beide, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden am 13. Juli 1943 in München hingerichtet.
Immer wieder hören wir von Menschen, die sich durch ihre absolute Geradlinigkeit, ihren Mut und ihre Vorbildfunktion von anderen abheben. Ganz sicher waren sich die Mitglieder der Weißen Rose der Gefahr bewusst, in die sie sich durch ihr Engagement für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde und gegen Diktatur und Terror begeben haben. Ihre Namen stehen in einer Reihe mit dem Dietrich Bonhoeffers. Ich bewundere diese Menschen für ihre Konsequenz und ich frage mich immer wieder, aus welcher Quelle sie die Kraft geschöpft haben, die für ihr Handeln notwendig war. Bei Dietrich Bonhoeffer aber auch bei vielen anderen war es der Glaube, der ihm Kraft gegeben hat. Ein solcher Glaube ist ein Geschenk. Wir können ihn uns nicht verdienen oder erarbeiten – wir bekommen ihn verliehen, direkt aus Gottes Hand.
Ich denke, dass wir dankbar sein dürfen, für Menschen, die uns so strahlende Lebensbeispiele gegeben haben, wie eben auch Kurt Huber und Alexander Schmorell. Sie können uns Ansporn und Orientierung aber auch Mahnung sein, ohne dass wir an der Größe ihrer Taten verzweifeln müssten. Wir können vielmehr unsere Hoffnung darauf bauen, dass Gott uns allen Kraft zuwachsen lässt, damit wir das, was an Aufgaben auf unseren Lebensweg vor uns liegt, auch gut meistern können. Kurt Huber und Alexander Schmorell haben für sich ihre Kraftquelle gefunden. Ihrer gedenken wir heute an ihrem 75. Todestag und wissen Sie beide geborgen in Gottes Hand.

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  Mutland

Mutland

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.07.2018

Haben Sie noch Freude daran, die Tageszeitung zu lesen? Sehen Sie zu, dass Sie pünktlich um 20:00 Uhr auf dem heimischen Sofa sitzen, um die Tagesschau nicht zu verpassen? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe manchmal wirklich die Nase voll von all den schlechten Nachrichten. Ich habe manchmal einfach keine Kraft und auch keine Lust mehr, zankende Politiker, von Bomben zerstörte Städte im Nahen Osten, überfüllte Flüchtlingsboote oder sonst welche ungelösten Probleme präsentiert zu bekommen. Und ja, dann schaue ich auch manchmal einfach weg. Doch wenn ich dann mal ganz bewusst auf die Nachrichten im Fernsehen verzichte oder in der Zeitung gleich in den Kulturteil blättere, bekomme ich beinahe ein schlechtes Gewissen. Laufe ich Gefahr, dass mich die Not Menschen und die Herausforderungen unserer Tage nicht mehr berühren? Drohe ich abzustumpfen anstatt Mitgefühl und Mitleid zu spüren?
Ich denke, dass wir an Grenzen stoßen können, wenn wir immer offen und empfänglich sein wollen für all das, was auf dieser Welt nicht gut läuft. Ich denke, dass wir immer wieder auch positive Nachrichten brauchen, damit wir unsere Akkus für Glück, Lebensfreude und Hoffnung wieder auftanken können. Beim Informationsdienst Twitter gibt es seit einiger Zeit eine Sammlung von Kurzberichten unter der Überschrift „Mutland“. Sie wurde ins Leben gerufen von Tobias Leisgang, Ingenieur und Internet-Blogger, der dazu folgendes geschrieben hat: „Mir geht die ganze Untergangsstimmung und das Instrumentalisieren von Krisen auf den Zeiger. Ich teile einmal täglich ein Beispiel, dass es in unserem Land aufwärts geht. Machst Du auch mit?“
Herausgekommen ist dabei ein Twitter-Kanal, auf dem alle möglichen Leute jeden Tag kleine Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen veröffentlichen, bei denen irgendetwas Erfreuliches und Aufbauendes passiert ist. Es ist zu lesen, dass mittlerweile über 200 Städte in Deutschland auf Gyphosat verzichten und eine Schreiberin erinnert uns daran, dass wir in Deutschland seit 73 Jahren keinen Krieg mehr haben. Ein junger Mann berichtet: Gut geschlafen, sicher zur Arbeit gefahren und dort von den Kollegen freundlich aufgenommen. Das ist nicht selbstverständlich, es ist ein Segen!“ Jemand anders postet: „Mein Friseur ist aus Syrien geflüchtet und spricht astreines Hochdeutsch, ist immer freundlich und macht gerade seinen Meister“, und es ist zu lesen der Bericht über eine Schule in Bonn, die seit 15 Jahren mit allen Schülern einen Benefizlauf für an Leukämie Erkrankte organisiert.
Ja, ich lese seit ein paar Tagen diese Einträge und sie helfen mir, auch in meinem eigenen Leben immer wieder und immer mehr Dinge zu finden, die wunderbar sind und für die ich von Herzen dankbar sein kann. Ich glaube, wenn wir unsere Herzen und unsere Gedanken mit ganz vielen dieser kleinen Glücksmomente füllen, dann haben wir auch Kraft, uns wieder mit Schwierigem und Herausforderndem zu befassen. Und vor allem bekommen wir Ideen, wie wir auch anderen Menschen zu ganz persönlichen Glücksmomenten verhelfen können. Denn Jesus Christus verspricht uns: „Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Weltbevölkerungstag

Weltbevölkerungstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.07.2018

Heute ist Weltbevölkerungstag. Am 11. Juli 1987 überschritt die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen erstmals die Marke von Fünfmilliarden. Um auf die mit der immer weiter wachsenden Weltbevölkerung verbundenen Probleme und Herausforderungen aufmerksam zu machen, wurde dieser 11. Juli von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag bestimmt.
Die Geschwindigkeit, mit der wir Menschen mehr werden, ist atemberaubend. Das Wachstum ist exponentiell, allein in den letzten 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt. Eine Verlangsamung des Wachstums ist kaum in Sicht und das wirklich dramatische dabei ist, dass die Bevölkerungsdichte fast ausschließlich in den Dritte-Welt- und Schwellenländern zunimmt. Das führt ganz zwangsläufig dazu, dass die dort ohnehin schon bestehende Armut, die nach wie vor schlechte medizinische Versorgung und vor allen Dingen der Hunger weiter zunehmen werden. Die von den wohlhabenden Staaten geleistete Entwicklungshilfe scheint zu verdampfen wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, denn wirkliche Verbesserungen und nachhaltige Veränderungen in den Empfängerländern sind kaum spürbar.
Insbesondere Afrika ist von der geschilderten Entwicklung betroffen. Neben dem Mangel an Geld sind es auch strukturelle Probleme, die einen wirklichen Wandel verhindern. Ein funktionierendes Bildungssystem ist in vielen Ländern kaum vorhanden und insbesondere Frauen wird der Zugang zu Bildung vielfach verwehrt, von einer wirklichen Gleichberechtigung von Mann und Frau einmal ganz zu schweigen. Natürlich ist auch das Thema Empfängnisverhütung ein schwieriges und in diesem Zusammenhang müssen sich auch christliche Kirchen Kritik gefallen lassen.
Andererseits wird von kirchlicher Seite natürlich auch geholfen. Brot für die Welt und die internationale Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes sind nur einige Beispiele für international tätige Hilfsorganisationen der evangelischen Kirche in Deutschland. Es gibt darüber hinaus eine große Anzahl von Einzelaktionen, so auch hier bei uns am Dom. Seit vielen Jahren unterstützen wir die deutsche evangelische Schule in Addis Abeba in Äthiopien und unser emeritierter Domprediger Joachim Hempel wird demnächst für ein halbes Jahr in der dortigen Gemeinde als Pfarrer tätig sein. Unser Blechbläserensemble hat vor einigen Jahren eine Konzertreise nach Namibia durchgeführt und im Vorfeld mit vielen Benefizauftritten Geld für den Aufbau einer Aids-Station in einem Krankenhaus gesammelt.
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Aus diesen Worten Jesu ist eindeutig abzuleiten, dass das Helfen christliche Aufgabe ist und bleibt. Der Weltbevölkerungstag kann und soll unseren Blick weiten, damit uns gegenwärtig bleibt, dass unsere Unterstützung im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Gottes Kinder in Christus

Gottes Kinder in Christus

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.07.2018

Die Jugendkantorei unserer Domsingschule ist vor ein paar Tagen von einer Konzertreise aus Polen zurückgekommen. Circa 50 junge Leute waren eine Woche lang in Begleitung von Kantorin Elke Lindemann und Domkantor Gerd-Peter Münden unterwegs, haben Kontakte geknüpft, Konzerte gegeben und Andachten und Gottesdienste gefeiert. Sie hatten gemeinsam eine gute Zeit und haben sich jetzt erst einmal in die Ferien verabschiedet, um dann im August hier wir wieder durchzustarten.
Für uns am Dom gehören internationale Kontakte zu unserer Arbeit ganz selbstverständlich dazu. Es gibt Partnerschaften zu den Kathedralen in Bath und Blackburn, seit Jahrzehnten unterstützen wir die Schule der Deutschen evangelischen Kirchengemeinde im äthiopischen Addis Abeba, wir sammeln Kollektionen für die evangelischen Christen in Breslau, unser Blechbläserensemble besucht Schweden, um dort Konzerte zu geben und im vergangenen Jahr bei der Nordeuropäischen Kathedralkonferenz hatten wir Gäste aus zehn europäischen Nationen hier bei uns am Dom.
Die Motivation und die Gründe für all das sind vielfältig. Zum einen ist natürlich die frohe Botschaft des Evangeliums nicht an Nationalstaaten gebunden und sie hält sich auch nicht an von Menschen gesetzte Grenzen, und ich möchte sagen: Gott sei Dank! Zum anderen denken wir, dass es auch und gerade Aufgabe der Kirchen ist, in einem sich immer mehr entsolidarisierenden Europa Bindungen auf allen Ebenen zu pflegen, zu fördern und neu zu begründen, die weiteren Rückschritten in nationalstaatliches Denken entgegenwirken. Meines Erachtens ist es offensichtlich, dass wir die wirklich großen Herausforderungen, vor denen wir in dieser Welt aber eben auch in Europa stehen, nur in Gemeinschaft und Solidarität meistern können. Die Probleme von der eigenen Haustür vor die des Nachbarn zu schieben, beschädigt Vertrauen und verbessert nichts. Dabei ist Vertrauen einer der wichtigsten Ecksteine, auf die wir eine friedliche und gerechte Zukunft aufbauen können.
Zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen, gelingt am besten dann, wenn ich sie auch wirklich kenne. Dazu muss ich mit Ihnen Kontakt aufbauen, mit mir reden, singen, feiern und gemeinsam Zeit verbringen. Und genau so etwas passiert immer wieder, wenn sich Menschen unterschiedlicher Nationen zusammenfinden und dabei ist es unglaublich hilfreich, freundlich und fröhlich festzustellen, dass einen das feste Band des Glaubens an einen Gott verbindet, der es gut mit uns meint.
Unsere Jugendkantorei hat in Polen von diesem Gott gesungen, unsere Blechbläser werden in Schweden zu seiner Ehre spielen und sie alle tun dies in seinem Sinne. Denn Paulus schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Keine Zahlen, sondern Menschen

Keine Zahlen, sondern Menschen

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.07.2018

Im Juli 1938, also vor genau 80 Jahren, fand in der französischen Stadt Évian auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt eine Konferenz statt, die sich mit dem Problem der rapide ansteigenden Flüchtlingszahlen von deutschen und österreichischen Juden beschäftigte. 32 Länder waren auf der Konferenz vertreten und, um das Ergebnis schon mal vorwegzunehmen, sie endete ohne greifbare Ergebnisse in einem Fiasko.
Golda Meir, die als Konferenzbeobachterin in Évian dabei war, schildert ihre Wahrnehmung und ihre Wut wie folgt: „Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. Ich hatte Lust aufzustehen und sie alle anzuschreien. Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind?"
Ja, über anonyme Zahlen und Quoten lässt sich leicht reden. Das gilt für Verkehrsopfer und Kriegstote genauso wie für Geflüchtete – daran hat sich in den vergangenen 80 Jahren nichts geändert. Und auch heute wird in Europa wieder darüber verhandelt, wie denn unsere Staatengemeinschaft, der es wirtschaftlich insgesamt ja mal gar nicht so schlecht geht, solidarisch zusammenstehen und so Menschen helfen könnte, die alles verloren haben – ihre Heimat, ihr bisheriges Leben, ihre Hoffnung. Und wieder werden Statistiken gewälzt, nationale Egoismen bedient und Ergebnisse erarbeitet, die denen der Konferenz von Évian inhaltlich in erschreckender Weise nahekommen.
Heute besteht Einvernehmen darüber, dass die Konferenz von Évian ein Paradebeispiel für katastrophales Fehlverhalten und Versagen der Völkergemeinschaft ist. Vielleicht ist diese Bewertung nicht ganz fair, denn natürlich war 1938 noch nicht alles absehbar, was sich in den folgenden sieben Jahren unter der Verantwortung der Nazis an Schrecklichem und Grausamem noch ereignen sollte. Fakt ist allerdings unbestrittenermaßen, dass man in Évian die Chance leichtfertig vertan hat, unsagbar vielen Menschen das Leben zu retten. Zugegeben – rückwärts betrachtet ist es immer leicht, begangene Fehler zu monieren. Aber es sollte doch ebenso leicht sein, aus diesen Fehlern zu lernen. Und es sterben schon wieder sinnlos Menschen – im Mittelmeer allein in diesem Jahr schon wieder mehrere 100. Und es verhandeln schon wieder viele Staaten, wie denn die Not dieser Menschen zu lindern wäre und es droht schon wieder nichts dabei heraus zu kommen.
Vielleicht hilft es, so wie Golda Meir, den Zahlen und Quoten die Maske herunterzureißen damit die, die zu entscheiden haben aber auch wir in allen Diskussionen immer wieder vor Augen haben, dass es nicht um Zahlen, sondern um Menschen geht, um Menschen, die ein Recht auf Würde, auf Liebe und auf Leben haben, weil sie Gottes Kinder sind – so wie sie und ich.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Reclaiming Jesus

Reclaiming Jesus

Cornelia Götz - 07.07.2018

Der oberste Bischof der Anglikanischen Kirche der USA und Vertreter/innen anderer Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Hochschulen haben zu Pfingsten im Rahmen einer Kerzenandacht ihre Stimmen gegen die Politik der Ausgrenzung erhoben und ein Bekenntnis übergeben. Ich zitiere daraus:

„Wir glauben, dass die Seele unseres Landes und die Integrität des Glaubens auf dem Spiel stehen ... und ... dass es an der Zeit ist, unsere Theologie des öffentlichen Glaubens und Zeugnisses zu erneuern. (...)
I. WIR BEKENNEN: Jedes menschliche Wesen wurde geschaffen als ein Ebenbild Gottes (Genesis 1,26).
DARUM VERWERFEN wir das Aufleben eines weißen Nationalismus und Rassismus an verschiedenen Enden unseres Landes, einschließlich an den höchsten Orten der politischen Führung. ... Außerdem nennen wir alle Lehren oder politische Aussagen eine gesellschaftliche Sünde, die rassistische Vorurteile, Ängste und Sprache benutzt...

II. WIR BEKENNEN, dass wir ein Leib sind. In Christus gibt es keine Benachteiligung, die sich auf Rasse, Geschlecht, Identität oder Klasse bezieht (Galater 3,28). Der Leib Christi ist ein Vorbild für den Rest der Gesellschaft...
DARUM VERWERFEN wir Frauenverachtung, Misshandlung, Gewalt, sexuelle Belästigung und jede Form der Übergriffe und Angriffe auf Frauen, die in unserer Gesellschaft und Politik bekannt geworden sind, selbst in unseren Kirchen; aber darüber hinaus auch jegliche Benachteiligung eines jeden anderen Kindes Gottes. ...

III. WIR BEKENNEN: Wenn wir Jesus Christus als den Herrn verkündigen, steht unsere Solidarität mit den Schwächsten auf dem Spiel. Wenn unser Evangelium keine „Gute Nachricht für die Armen“ ist, dann ist es nicht das Evangelium Jesu Christi.
DARUM VERWERFEN wir die Sprache und Politik aller politischen Verantwortlichen, die die schwächsten Kinder Gottes erniedrigen und im Stich lassen. Wir bedauern aufs Äußerste die zunehmenden Angriffe auf Einwanderer und Geflüchtete, die als ein gesellschaftliches und politisches Ziel missbraucht werden. ...)

IV. WIR BEKENNEN, dass Wahrhaftigkeit im persönlichen wie im öffentlichen Leben von zentraler moralischer Bedeutung ist. Die Wahrheit auszusprechen steht im Zentrum der prophetischen Tradition der Bibel…
DARUM VERWERFEN wir die Praxis und das System der Lüge, die in unser politisches und bürgerliches Leben eindringt. (...) Dass Lügen zur Normalität werden, ist eine gravierende moralische Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander zur Folge.

V. WIR BEKENNEN, dass Christus nicht gekommen ist, um zu herrschen, sondern um zu dienen. ...
DARUM VERWERFEN WIR jeden Schritt in Richtung einer autokratischen politischen Führung und einer autoritären Herrschaft. Wir sind überzeugt, dass eine autoritäre politische Führung … die Demokratie und das Gemeinwohl bedroht – und wir werden ihr widerstehen...

VI. WIR BEKENNEN, Unsere Kirchen und unsere Länder sind Teil einer internationalen Gemeinschaft, deren Interessen immer über die Landesgrenzen hinausgehen. ...
DARUM VERWERFEN WIR die Formulierung „America first“ als eine theologische Irrlehre für Nachfolger Christi....
Wir haben es dringend nötig, in einer moralischen und politischen Krise wieder die Kraft des Bekenntnisses unseres Glaubens zu entdecken. Klagen, bereuen und dann ausbessern...


Bekenntnisse des Mundes wachsen aus der Zerknirschung des Herzens. Sie sind das Fundament für Veränderung. Darum lasst es uns teilen und weitersagen.

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  Ohren zu hören, Augen zu sehen

Ohren zu hören, Augen zu sehen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.07.2018

Über diesem Tag heute heißt es aus dem 94. Psalm: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollt der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?“
Im Deutschunterricht der alten Schule habe ich gelernt, dass Wortwiederholungen zu vermeiden sind. Das ist mir so in Fleisch in Blut übergegangen, dass ich mich gelegentlich zur Ordnung rufen muss, damit die Vokabelvielfalt nicht die Präzision gefährdet.
Dass Martin Luther die alten Worte hochkreativ ins Deutsche übersetzte und notfalls auch neue Worte suchte, ist unstrittig. Er tat das, um den Sinn der biblischen Worte, ihre Wahrheit und Wirkmächtigkeit möglichst punktgenau zu treffen. Deshalb wird er es genauso gemeint haben, wie er schrieb. Und deshalb lohnt es, einem Moment dem Umstand nachzugehen, dass das Auge „gemacht“, das Ohr hingegen „gepflanzt“ ist.
Offenbar können wir, wenn wir einmal die Augen geöffnet, schwarz und weiß, Farben und Konturen unterschieden haben, sehen. Dieser Sinn scheint unbeeindruckt verlässlich zu funktionieren. Darüber mag man staunen, denn wir wissen ja, wie leicht das Auge geblendet wird, wie oft man den Wald vor Bäumen nicht sieht, dass eigentlich nur das Herz begreift, was es wahrnimmt.
Mit den Ohren hingegen, ist es von vornherein noch viel heikler. Ohren werden gepflanzt, brauchen Wurzeln und Nahrung, um nicht zu verkümmern, wachsen langsam. Darum lernt, wer nicht hören kann, nur mit größter Mühe sprechen. Und: Wer nicht hören kann, wie soll der verstehen?
Dabei glaube ich, dass das alte Bibelwort gar nicht so sehr die Tauben im Blick hatte, sondern die, die das Hören und Zuhören nicht gelernt haben, die Worte verstehen mögen, aber keine Botschaft hören können, die mit anderen sprechen aber nicht mitfühlen, deren Ohren verstopft sind, weil sie ur in sich selbst horchen…
Und auch: das Psalmwort erzählt von der uralten Sorge, Gott könnte uns nicht hören oder sehen. Wer unter uns Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, wird diese alte Angst verstehen – denn unsere Welt ist voll ungesehenem Leid, voll ungehörter Klage und Not…
Aber kein Zweifel: Gott sieht und hört das alles. Wir hingegen bleiben angewiesen auf ihn und sein Wort, damit unser Ohrenpflänzchen nicht verkümmert, denn so heißt es weiter im 94. Psalm: „Wenn der Herr mir nicht hülfe, läge ich bald am Ort des Schweigens.“

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  437 Verhandlungstage

437 Verhandlungstage

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.07.2018

Im Johannesevangelium wird folgende Geschichte erzählt:
„Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, ...- da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie….“
Ich erinnere mich, dass ich den Text zu predigen hatte, als der NSU-Prozess begann, 437 Verhandlungstage ist das her. Damals fragte ich mich, was wäre, wenn die Jünger eine Frau anbringen würden wie Beate Zschäpe? Würde Jesus Christus etwas anderes sagen, weil Ehebruch im Vergleich zu den NSU-Morden eine kaum wahrnehmbare Verfehlung ist? Oder gilt dann noch immer: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie….“
Mit der Offenheit zu Prozessbeginn, der Hoffnung, dass Beate Zschäpe sich nicht entziehen, sondern beteiligen würde, konnte ich sie in diesem Setting denken. Aber heute, nachdem sie abschließend erstmalig mit eigenen Worten gesprochen hat und sich selbst noch immer als Unverstandene beschreibt, die zur Aufklärung der Morde nichts beitragen kann, wird der biblische Text zur Zumutung.
Auch die Frau, von der Johannes erzählt, verhält sich nicht zu den Vorwürfen. Aber sie sagt auch nicht wie Beate Zschäpe: „Bitte verurteilen Sie mich nicht stellvertretend für etwas, was ich weder gewollt noch getan habe.“ Das Schweigen der Frau in der Bibel ist das Schweiger eines Menschen, der sich aus der Hand gibt, der nicht den Eindruck entstehen lässt, dass ihm Gnade zusteht. Es wäre dann keine Gnade mehr.
Die Rede von Beate Zschäpe dagegen ist geprägt von der Angst, dass ihr widerfährt, was ihr nach menschlichem Ermessen, zusteht. Es scheint, als könnte sie Gnade gar nicht denken. So kommt die Gnadenlosigkeit des NSU zu ihr zurück.

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  LOBE DEN HERRN MEINE SEELE …

LOBE DEN HERRN MEINE SEELE …

Dompredigerin Cornelia Götz - 04.07.2018

Über diesem Tag heute heißt es aus dem 103. Psalm: „Lobe den Herrn meine Seele und seinen heiligen Namen.“ In neueren Gesangbüchern gibt es dazu eine wunderbar schwungvolle Vertonung im 6/8-Takt. „Was er Dir Gutes getan hat, Seele vergiss es nicht. Amen.“
Für mich ist das ein Sommerlied, nicht weil das Loben im Winter abwegig wäre, sondern weil ich es mit Jugendfahrten verbinde. Ich stelle mir vor, dass unserer Jugendkantorei mit einem solchen Lied in den Tag startet oder dass es im Konfimandenferienseminar in Südtirol erklingt, dass es sich also für Menschen – vor allem junge – mit der Erfahrung verbindet, wirkliche Gemeinschaft erlebt zu haben, gefüllte Zeit, dass unser Glaube leben hilft – gerade dann, wenn es so schwer ist zu wissen, wo es langen gehen soll, was man tun darf oder lassen muss.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Landeskirche, die in diesem Jahr mit dem Sonderzug nach Südtirol gefahren sind, denken in den nächsten drei Wochen über ein Wort aus dem Markusevangelium nach, in dem Jesus seine Jünger fragt: „Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei?“
Ja, was denken wir?
Halten wir ihn für einen charismatischen Lehrer und begnadeten Rhetoriker, für einen Systemkritiker und radikal Alternativen oder tatsächlich für Gottes Sohn, dessen Leben du Sterben existentiell mit meinem Leben und Sterben zu tun hat?
Je nachdem, wofür wir Jesus Christus halten, wird das Konsequenzen haben.
Die Überlegungen eines Lehrer oder guten Redners kann ich in meinen eigenen argumentativen Baukasten übernehmen oder ablehnen, kann meinen kritischen Verstand daran schärfen und dann Abstand nehmen. Einen widerständigen Politiker kann man unterstützen, ihm Erfolg und Gelingen wünschen oder sich davor fürchten, dass er Macht in die Hände bekommt. Das alles sind vorläufige Dinge. Sie bilden die die Rollen und Machtmechanismen unserer Welt ab und beschreiben Koordinaten, denen man sich nur schwer entziehen kann, die letztlich nicht in die Freiheit führen.
Aber wenn wir uns wagen, den Gottessohn zu bekennen, wenn wir uns trauen, ihm zu vertrauen, dann wird die Begegnung mit dem Gottessohn unser Leben grundsätzlich anderes machen. Unser Scheitern wird nicht endgültig sein und unsere Ohnmacht einen anderen Horizont haben. Wir werden Mut fassen, an das Senfkorn zu glauben und daran, dass diese Saat aufgehen wird. Unser Leben wird nicht nur ein Wimpernschlag sein, sondern gottgeschenkte Zeit. Dann ist es nicht mehr weit, bis wir einstimmen:
„Lobe den Herrn meine Seele und seinen heiligen Namen, was er Dir Gutes getan hat, Seele vergiss es nicht. Amen.“

Ihre
Cornelia Götz

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  Lifeline II

Lifeline II

Dompredigerin Cornelia Götz - 03.07.2018

Als vor einigen Jahren die Härtefallkommission in Niedersachsen eingerichtet wurde, war eine der Fragen, ob zu den Straftaten, die in jedem Falle zu einer Ausweisung führen, auch Passvergehen gehören sollten.
Der damalige Landesbischof Friedrich Weber wehrte dieses Ansinnen mit dem Blick auf die deutsche Geschichte energisch ab. Nur, wer vergessen hat, dass man das Deutsche Reich seinerzeit als Flüchtling oft nur mit falschen Papieren verlassen konnte, dass der Handel mit Visen ein Spiel mit der Verzweiflung gegen die Zeit war, hat die Unverfrorenheit zu glauben, dass man auf den Wegen durch Länder und über Grenzen, in den Händen geldgieriger Schleuser und in Lebensgefahr, Passvergehen tätigen würde, um kriminelle Energie auszuleben.
Nur wer vergessen hat, dass Deutschland mit zwei angezettelten Weltkriegen selbst entsetzliche Flüchtlingsströme ausgelöst hat, nur wer die Ignoranz besitzt, die Heimwehkranken und Heimatlosen, die Halbwaisen, Vergewaltigten und durch Flucht traumatisierten unter denen zu vergessen, die alt geworden unter uns leben, kann die Hartherzigkeit aufbringen von „Asyltourismus“ zu reden.
Wahrscheinlich halten diejenigen, die solche Worte prägen und nutzen auch die Lebensrettungsmissionen auf dem Mittelmeer für „Asyltourismus“. Immerhin verweisen die chinesischen Hersteller und Lieferanten der chinesischen Einwegschaluppen auf der fantastische Antisinkqualität. Da kann man doch lange fröhlich im Meer treiben und Sonnenuntergänge bestaunen…
Zynismus ist fehl am Platz. Ich entschuldige mich. Aber was soll man denken? Während in den letzten drei Tagen 170 Menschen ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Mittelmeer gefunden haben, steht der Kapitän der Lifeline in Italien vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, zu viele Menschen an Bord gehabt zu haben, unter falscher Flagge gesegelt zu sein, und die Ortung seines Schiffes verhindert zu haben. Nachdem sein Schiff nun beschlagnahmt wurde, gibt es keine privaten Hilfsschiffe mehr, offizielle Schiffe zur Seenotrettung cruisen lieber dort, wo sie nicht in Verlegenheit kommen…
Margot Käsmann predigte indessen anlässlich ihrer Verabschiedung am Samstag in Hannover. Sie nannte die Dinge beim Namen: „Die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, das Ende des Arabischen Frühlings, der Krieg in Syrien … dieses Gehetze gegen Flüchtlinge in Deutschland und der Hass, der sich bei uns hemmungslos breitmacht - das schmerzt …“ und schrieb ihren Zuhörern ins Stammbuch: „Anders als all die Schlechtredner, Miesmacher, Gewaltandroher, Rassisten, Menschenrechtsverächter und Freiheitsfeinde werden wir die Vision vom Gelobten Land immer wieder umsetzen in kleinen Schritten."
Sie sagt nicht: „könnten“ oder „sollten“, sondern „werden“. Ja. Hoffentlich.



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  Magnifikat

Magnifikat

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2018

Besuch von Verwandten kann eine echte Heimsuchung sein. Das meine ich jetzt gar nicht mal negativ, denn ursprünglich hat das Wort „Heimsuchung“ den etwas merkwürdigen Beigeschmack gar nicht gehabt. Es beschreibt unter anderem tatsächlich einen verwandtschaftlichen Besuch, allerdings einen sehr schönen und würdevollen. Heute ist Mariä Heimsuchung. Und wir gedenken heute des Ereignisses, das uns der Evangelist Lukas übermittelt. Nach dem der Engel Maria mitgeteilt hat, dass sie auserwählt wurde, die Mutter Jesu zu sein, macht sie sich auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabeth und besucht sie ihn deren Heim. Auch sie ist schwanger und der Sohn, den sie zur Welt bringen wird, ist Johannes der Täufer.
Ich finde es immer wieder bewegend und rührend, welches Schicksal Maria zu durchleben hatte. Sie wird unehelich schwanger, ihr Mann droht damit, sie zu verlassen, was ganz zwangsläufig damit einhergehen würde, dass Maria alle Hoffnung auf ein einigermaßen gutes Leben hätte aufgeben müssen. Es wäre verständlich, wenn all das Maria in eine tiefe Angst und Verzweiflung gestürzt hätte und sie bei Elisabeth Hilfe, Rat und Unterstützung suchen würde. Doch Marias Reaktion ist eine vollkommen andere. Maria singt! Sie singt ihr berühmtes Magnifikat, das Lob- und Hoffnungslied schlechthin. Maria singt an gegen ihre eigene Angst, gegen die herrschenden Ungerechtigkeiten und der Text des Liedes hat fast schon revolutionäre Züge. Da ist zu hören, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird und dass die Niedrigen erhöht werden. Die Hungrigen werden satt und die Reichen gehen leer aus. Was für ein Gottvertrauen und was für eine Zuversicht klingen aus diesen Zeilen!
Ich denke, dass wir uns an dieser Haltung ein Beispiel nehmen könnten. Denn die Botschaft dieser jüdischen Frau an uns, sie lautet doch: Auch, wenn es noch so schwierig werden sollte in deinem Leben, auch, wenn du über den Berg der Probleme und Unsicherheiten kaum hinweg schauen kannst, behalte dein Gottvertrauen und verlass dich auf den Herrn, der es gut mit mir meint.
Marias Leben ist geprägt von Herausforderungen und Prüfungen, deren Tragweite wir aus heutiger Sicht kaum nachvollziehen können. Sie erkennt ganz klar, dass das Verhalten ihres Sohnes Jesus kein gutes Ende nehmen kann. Sie versucht, ihn herauszuholen aus der Konfrontation mit den Mächtigen in Jerusalem, doch sie scheitert und sie muss zusehen, wie ihr Sohn von den römischen Besatzern hingerichtet wird. Doch selbst in dieser Situation bleibt sie Gott treu und so gehört sie mit zu den ersten, die von Jesu Auferstehung erfahren, die das leere Grab sehen und den Auftrag bekommen, der Welt von diesem größten Wunder aller Zeiten zu berichten.
Ich denke, dass man mit Recht sagen kann: Maria war eine Powerfrau. Unser Altar ist ihr geweiht und so ist der heutige Tag eine gute Gelegenheit, wieder einmal an sie zu erinnern.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Gottfried Wilhelm Leibniz zum Geburtstag

Gottfried Wilhelm Leibniz zum Geburtstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.06.2018

Morgen jährt sich der Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 – also am Ende des Dreißigjährigen Krieges - in Leipzig geboren wurde. Ganz ein Kind seiner Zeit, geprägt von den Verwüstungen dieses schrecklichen Krieges entwickelte sich Leibniz nicht nur zu einem Gelehrten, der die geistige Größe hatte, die Phänomene der Welt zusammenzuschauen und vorzudenken, sondern auch zu einem Ireniker, einem der hofft kraft seiner Vernunft friedliche Wirklichkeit gestalten zu können. So stritt er für eine einheitliche Kirche und eine Staatenverbindung zur Friedenswahrung und war den Denkern der Aufklärung voraus, indem er Toleranzprinzipien beschrieb. Dazu gehörte die Einsicht, dass Bekenntnisse allermeist mit dem Recht haben, wofür sie einstehen aber selten mit Blick auf das, was sie verneinen und hielt – noch immer hochaktuell - den „Ort des Anderen für den wahren Standpunkt sowohl in der Politik als auch in der Moral.“ Perspektivwechsel, das Gehen in den Schuhen der Fremden, schafft eben Erfahrung und so bei weitem mehr Verständigung und Verstehen als der reine Schlagabtausch von Argumenten.
Betrachtet man sein Werk von heute, dann staunt man über die Weitsicht, mit der er intelligente Maschinen ahnte, die Mathematik genauso wie den Raumbegriff revolutionierte und eine Idee für die denkbar kleinste Form, nämlich die Unteilbarkeit aller Dinge und Individuen fand: „Monaden“ nannte er das.
Für uns Christen wurde schließlich seine Antwort auf die Fragte nach dem Bösen mithin der Allmacht oder Ohnmacht Gottes wichtig. Für den Gelehrten, der Frömmigkeit schätzte und verteidigte, war es unstrittig, dass Gott selbstverständlich die beste aller möglichen Welten geschaffen habe. Wenn es Böses gibt, dann muss es für etwas gut sein und sei es nur, dass wir es überwinden. Mit der Gräuel des 20. Jahrhunderts im Gepäck wird man das so nicht mehr denken können, aber von dort aus kann man losgehen…
Schließlich wurde Leibniz auch regionalgeschichtlich bedeutsam: 30ig-jährig wurde der Universalgelehrte Bibliothekar in Hannover und dort von seinem Landesherrn Ernst August beauftragt, eine Welfengeschichte zu schreiben. Allerdings taugte das Großhirn nicht für die Beschränkung auf eine politisch brauchbare Dynastiegeschichte, denn sein Interesse galt der Geschichtswissenschaft und ihrer Methodik als solcher. Schon die Einleitung, so Gero von Randow, wurde deshalb ein eigenes Werk zur Vorgeschichte der Erde, die ungefähr so klang: „Der erste Schritt in der Entstehung der Dinge ist die Trennung des Lichtes von der Dunkelheit, also des Aktiven vom Passiven.“ Weil er die Braunschweigische Geschichte zudem sorgfältigst in den Kontext der europäischen und deutschen Geschichte einbetten wollte, beschäftigte ihn allein dieses Projekt lebenslänglich.
Zuletzt: Auch wenn Leibniz sich mit Bergbau Rechenmaschinen, Politik und Philosophie befasste, am wichtigsten schien ihm „die Erkenntnis Gottes und der Seele, die die Seele dazu bringt, Gott zu lieben und tugendhaft zu leben.“



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  Lifeline

Lifeline

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.06.2018

„Lifeline“ kann man, dachte ich, mit „Lebenslinie“ übersetzen. Lebenslinien mit ihrem auf und Ab, den Glücksfällen und Katastrophen kann man malen oder vielleicht in der Hand lesen, manchmal liegen sie ganz klar vor uns, manchmal verwirbeln sie sich oder verfitzen sich mit anderen Linien, dann wird es allermeist unübersichtlich und manchmal auch schmerzhaft. So kommt man der Präzisen Übersetzung näher:
Denn „Lifeline“ heißt „Rettungsleine.“
Die braucht es, um Menschen aus Gefahren zu bergen und ihnen in Lebensgefahr Hilfe zukommen zu lassen, sie retten zu können. Darum ist „lifeline“ auch richtig übersetzt mit: „lebenswichtige Verbindung.“ Die lebensnotwendige Verbindung schlechthin ist die Nabelschnur, auch das eine korrekte Übersetzung.
„Lifeline“ verbindet uns also auf existentielle Weise mit anderen Menschen, ohne sie, allein und auf uns gestellt, können wir gar nicht erst ins Leben finden. Lifeline markiert, dass wir manchmal auch auf Leben und Tod mit Menschen zusammenhängen, die wir vielleicht gar nicht kennen oder in unserem Leben haben wollen – egal. Die Menschlichkeit gebietet, die Rettungsleine nicht loszulassen. Wer schon mal in einem Bergseil gehangen und sein Leben dem anvertraut hat, der es hielt, weiß um die Radikalität der Situation.
Letzteres ist ein freundlicher Fall.
In Brüssel hat Angela Merkel mit ihren Kollegen über die Flüchtlingspolitik verhandelt. Für die Rettungsleine, an der ihre Macht hängt, wird sie einen hohen Preis zahlen, der nicht nur Spuren an ihrer Koalition und ihrer Glaubwürdigkeit hinterlässt, sondern auch infrage stellt, was sie „europäische Werte“ nennt.
Im Mittelmeer trudelte indessen ein Schiff der NGO „Lifeline“ und wartete darauf, irgendwo anlegen zu dürfen. An Bord befanden sich aus Seenot gerettete Flüchtlinge, allermeist Schwarze, Kinder, Frauen, Männer…
Sie dachten, wir halten das Seil fest und bergen sie…
Sie dachten – ja was eigentlich?
Dass man einfach so nach Europa reisen kann?
Die Mitglieder der Organisation Lifeline haben in dieser Woche einen offenen Brief an unseren Innenminister geschrieben. Ein Absatz daraus klingt so: „Stellen Sie sich vor, dass dort Männer, Frauen und Kinder - die nie schwimmen gelernt haben - auf überfüllten Booten ins Wasser fallen - ohne Schwimmweste. Stellen Sie sich den Kampf gegen das Wasser vor, das langsam aber sicher ihre Lungen füllt, bis sie ertrinken. Stellen Sie sich vor, dass Sie fordern, dass diesen Menschen nicht geholfen wird….“
Das mag man sich nicht vorstellen und sei es nur, weil Hesekiel, der im Namen unseres Gottes, an dessen Rettungsleine wir alle hängen, über diesem Tag sagt: „Du wirst an deine Wege denken und dich schämen.“



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  Die enge Pforte

Die enge Pforte

Katja Witte-Knoblauch - 28.06.2018

Erinnern Sie sich noch? Drei Jahre ist es her, dass im Frühjahr 2015 eines der großen Bootsunglücke geschah, in dessen Folge mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Damals waren es große Bilder und Emotionen. Das Bild eines etwa dreijährigen Jungen, der in der Türkei an den Strand gespült worden war, bewegte die Welt, bewegte zu künstlerischen Protestaktionen, zu Andachten hier im Dom – und letztlich wahrscheinlich auch zu jenem: „Wir schaffen das.“, der Kanzlerin, als im September eine erste große Flüchtlingswelle gen Deutschland zog. Und doch stehen all diese Nachrichten letztlich als „pars pro toto“. Als ein kleiner Ausschnitt einer viel tiefergreifenderen Wirklichkeit, als Spitze eines Eisbergs. Denn das Mittelmeer gilt inzwischen als einer der größten Friedhöfe der Welt, weil so viele Menschen, die illegal nach Europa zu gelangen versuchen, während der Überfahrt verhungern, verdursten, von Schleppern getötet werden oder bei Bootsunglücken ertrinken.

Damals waren es große Emotionen, derzeit allerdings habe ich den Eindruck, dass wir in der Folge unserer eigenen Ratlosigkeit verhärten. Kürzlich fragte mich jemand, wo denn all die Menschen seien, die 2015 noch von der Willkommenskultur geredet hätten. Tatsächlich lassen sich bei genauerem Hinsehen aber viele Menschen, Gruppen und Kreise finden, die treu weiter an der Integration arbeiten, indem sie Orte der Begegnung schaffen, Deutschkurse anbieten oder anders konkret daran mitarbeiten, dass Menschen hier in dieser Kultur ankommen. Warum nur sprechen wir so wenig von ihnen? Überhaupt scheint in der öffentlichen Darstellung derzeit kaum mehr jemand bereit, die einzelnen Menschen zu sehen, die hinter den Zahlen stehen. Nur so lässt sich für mich erklären, was rund um die Lifeline geschieht. Denn: Wäre es tatsächlich besser gewesen, sie hätte nicht im Mittelmeer gekreuzt und hätte diese zweihundert Menschen nicht gerettet? Oder sind uns vielleicht gar insgeheim die hohen Todeszahlen ganz lieb, weil wir zynisch darauf hoffen, dass sie zu einer negativen Mundpropaganda führen?

Nein, auch ich habe keine Idee, wie die Probleme einer Welt zu lösen sind, die auf der einen Seite immer näher zusammenrückt, wenn es um Informationen und Wege geht, und die auf der anderen Seite mit einer immer größer werdende Schere zwischen Armut und Reichtum umzugehen hat. Aber Ratlosigkeit entlastet doch niemanden davon, weiter im besten Sinne eines „Trial and Error“ an Lösungen zu arbeiten! Denn eines ist mal sicher: Abschottung und Wegducken haben noch nie geholfen. Und so bleiben wieder einmal die Worte des Neuen Testaments nur allzu wahr, in denen es heißt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden.“ (Mt 12f.)

Auch bei schweren Fragen sollten wir Christenmenschen zumindest daran mitwirken, zu jenen zu gehören, die sich auf dem schmalen Pfad versuchen. Erkennen werden wir ihn daran, dass er zum Leben führt.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Ausgang und Eingang

Ausgang und Eingang

Katja Witte-Knoblauch - 27.06.2018

Schon wieder Ferien. So zumindest fühlt es sich für mich als Mutter an. War es nicht gerade erst, dass ich von dieser Stelle dazu ermutigt habe, ganz gleich wie die Noten der Kinder ausgegangen sind, mit ihnen die wohlverdiente Halbjahreszeugnis-Pizza zu essen? Und jetzt ist schon wieder Pizza in meinem Bauch. Und dieses Mal war es nicht nur das Jahresabschluss-Zeugnis, das von den ferienseligen Knaben und Mädels unserer Grundschulklasse entgegen genommen worden ist, sondern es war das letzte Grundschulzeugnis überhaupt. Kinder, wie die Zeit vergeht… So standen wir Eltern heute Vormittag bedröppelt in der Aula, die eine oder der andere wischte sich ein Tränlein aus den Augen, und folgten unseren Kindern zu ihren Klassen, um dieses Mal wirklich alles mitzunehmen. Die Kinder umarmten einander, ihre Lehrer, Geschenke wurden verteilt. Abschied überall, wo man hinblickte. Doch es waren auch leise Stimmen zu hören, die meinten, es wäre doch schön, dass es jetzt wieder einen Neuanfang gäbe. Nicht mehr festgelegt sein auf eine bestimmte Rolle im Klassenverband oder in der Perspektive der Lehrer.

Und trotzdem einte uns wohl alle im Blick auf die Zukunft ein klein wenig die bange Frage, was da an Unbekanntem wohl vor unseren Kindern liegen mag. Denn das ist ja die andere Seite der Medaille: jedes Ende ist auch ein Anfang. Und alles, das neu ist, lässt grübeln: Wie wird es werden? Wird es gut sein? Besser oder gar schlechter?

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll Du uns die Hände.“,
heißt es in einem Kanon (EG 175). Das ist wahr. Oder wie es im 139. Psalm heißt: Ganz gleich, wohin ich sehe, schaue oder mich wende, worüber ich nachdenke oder wohin ich mit meinem Geist zu entfliehen versuche (Ps 139,18): „Am Ende bin ich immer noch bei dir.“ Und so sollten wir uns ganz sommerlich zusprechen lassen (Lk 12,27f.): „Seht die Lilien an, wie sie wachsen: sie spinnen nicht, sie weben nicht. Ich sage euch aber, dass Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn Gott nun das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird er euch kleiden, Ihr Kleingläubigen!“

Ganz gleich also, wie es wird, am Ende wird’s schon gut sein. Wir sind in Gottes Hand. In Russland, wo Deutschland in dieser Minute darum spielt, bleiben zu dürfen. In den Ferien, die so Gott will gute Eindrücke und Erholung schenken mögen. In jedem Schönen und in jedem, das uns umtreibt und Sorge bereitet, heißt es am Ende: Wir sind in Gottes Hand. Ich finde diese Einsicht unglaublich entlastend, denn ich glaube fest daran, dass Gott uns in allem Ergehen hält und behütet und bewahrt. In diesem Sinne möchte ich jetzt mit Ihnen in die Worte des 23. Psalms einfallen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. ….“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Freundschaft

Freundschaft

Katja Witte-Knoblauch - 26.06.2018

Im Schul- und Konfirmandenunterricht der Achtziger und Neunziger Jahre war es sehr beliebt, Jesus zum Freund zu erklären. Die Autorin Esther Maria Magnis meinte dazu einmal trocken: „Ich hatte genug Freunde. Da brauchte ich nicht noch einen Unsichtbaren dazu.“ Die Religionspädagogik hatte in naiver Fröhlichkeit versucht, ein Thema, das bei Jugendlichen relevant ist, zum Anknüpfungspunkt der Gottesfrage zu machen und scheiterte. Zu Recht. Denn Gottes Freundschaft ist doch noch einmal anderes. Im Johannesevangelium heißt es: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für die Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe. Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.“

Freundschaft ist ein großes Thema. Nicht nur für Jugendliche. Zwischenmenschlich geht es um Sympathie, Vertrauen, gegenseitige Hilfe und das Teilen von Alltagssorgen und Alltagsfreuden. Bei Jesus klingt das Ganze aber noch einmal anders, weil die Ausgangssituation eine andere ist: Während die Freundschaften auf dem Schulhof, in der Nachbarschaft oder wo auch immer von Menschen auf Augenhöhe sprechen, gibt es in diesem Text zwischen Jesus und seinen Jüngern ein Gefälle. Denn Jesus ist im Johannesevangelium nur auch Mensch, vielmehr aber ist er das fleischgewordene Wort – und also die Lebendigkeit Gottes selbst auf Erden. Er macht uns zu seinen Freunden; nicht wir ihn. Jesus kommt vom Himmel herab zu den Menschen, nicht um mit uns auf Augenhöhe Freund zu sein, sondern um uns mit sich hinaufzuziehen gen Himmel. Dieses biblische Wort setzt an die Stelle des verängstigten Befehlsempfängers, der sich furchtsam und klein einem übermächtigen göttlichen Willen beugt, den sich selbst bewussten Menschen, der aus freien Stücken erkennt, dass die einzig angemessene Antwort auf Gottes schöpferisches Tun unsere Liebe und unsere Freundschaft ist.

Und so sind wir tatsächlich seine Freunde, indem wir den Willen des Himmels auf Erden tun. Indem wir auf das schauen, worin wir einander sympathisch sind, indem wir vertrauen, indem wir uns gegenseitig helfen, indem wir Alltag teilen, indem wir Freunde sind. Auf diese Weise werden wir – hier und da – wohl sogar an einem Stück Himmel auf Erden mitwirken können und darin die himmlischen Freuden der Gottesfreundschaft erleben.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Zufälle?

Zufälle?

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2018

3. Oktober 2005 – langes Wochenende, der 3. Oktober fällt auf einem Montag. Es ist später Nachmittag und ich bin in der Innenstadt unterwegs, noch ein wenig frische Luft schnappen und mir die Beine vertreten. Das Wetter ist mäßig – kein goldener Oktober, eher grau und regnerisch. Ich komme auf den Burgplatz und die Domglocken läuten. „Vielleicht ein Konzert zum Tag der deutschen Einheit“, denke ich. „Das wäre allemal besser, als hier durch den Regen zu laufen.“ Neugierig geworden gehe ich also hinein in diesen Dom.
Mit Gott und Kirche und Glauben hatte ich nicht viel am Hut. Ich war mit 16 Jahren aus der Kirche ausgetreten, also noch lange bevor es darum gehen konnte, Kirchensteuer zu sparen. Nein, als überzeugter Atheist, der auch keinen Hehl aus seinem Standpunkt machte, hatte ich diesem Laden den Rücken gekehrt. Später ist das Thema dann vollkommen aus meinen Gedanken und aus meinem Leben verschwunden. Und nun sitze ich also an diesem verregneten Oktobertag in einer Kirche, das erste Mal seit vielen Jahren. Allerdings gibt es kein Konzert, sondern einen ausgewachsenen Gottesdienst mit allem Drum und Dran. Aufstehen und gehen will ich nun auch nicht, also bleibe ich artig in meiner Bankreihe sitzen, im Stillen mich fragend: „Wieso bist du nicht einfach nach Hause gefahren?“
Doch dann kommt alles ganz anders, als ich es erwartet habe. Die Texte, die Gebete und die Musik setzten in mir etwas frei, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Die Worte der Bibel erreichen mich in diesem Gottesdienst mit großer Vehemenz und Eindringlichkeit und die besondere Kraft dieses Ortes tut ihr Übriges. Nach dem Gottesdienst mache ich mich auf den Heimweg – aufgerüttelt, bewegt, verstört und mit der Frage: „Was war das denn jetzt?“ Das schon lange vergessene Thema „Gott, Kirche, Glauben“ steht von jetzt auf gleich wieder auf meiner Agenda – und das mit hoher Priorität. Und meine früher so sauber strukturierten atheistischen Argumentationsketten mit ihrer vermeintlichen Logik und Rationalität, sie zerreißen wie sprödes Garn.
Heute bin ich sicher, dass bei dem, was mit mir an diesem Tag hier in diesem Dom geschehen ist, mehr im Spiel war, als ich sehen und hören konnte. Mir wurde mein Glauben an diesem Tag geschenkt – nicht mehr und nicht weniger. Ich war auch vor diesem 3. Oktober ein fröhlicher und zufriedener Mensch und wirklich nicht unglücklich, doch die Kraft, die Hoffnung und die innere Gelassenheit, die ich seitdem aus meinem Glauben ziehe, möchte ich nicht mehr missen.
Da ist einer, der mich annimmt wie ich bin, der mich trägt, der mich lieb hat und von dem ich gern erzähle, so, wie jetzt Ihnen. Mein Leben hat sich maßgeblich verändert – heute stehe ich hier zum 100. Mal – und das alles wegen eines zufälligen Besuches hier im Dom. Ach und übrigens: Zufälle sind ja bekanntermaßen solche Momente, in denen der Herr nicht erkannt werden möchte.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  "Scham wiegt schwerer als Schuld"

"Scham wiegt schwerer als Schuld"

Katja Witte-Knoblauch - 24.06.2018

Nachbarschaftshilfen sind eine wunderbare Angelegenheit. Menschen, die helfen können und wollen, gehen zu Menschen, die Hilfe brauchen. Das dachte sich laut einem Artikel der „Zeit“ auch eine Dame in einem kleinen 774-Seelen-Dorf. Sie hatte festgestellt, dass alte Hilfsstrukturen nicht mehr griffen, weil die Leute immer weniger Alltag miteinander teilten und so gar nicht mehr voneinander wussten. Da sie, von den Dorfbewohnern nur „die Gräfin“ genannt, im Dorf gut bekannt und anerkannt ist, fand sie schnell Menschen, die ihre Idee unterstützten. Eine Angebotspalette der Fülle entstand: von der Hilfe beim Einkaufen bis hin zu dem Angebot, verstellte Fernbedienungen wieder in Ordnung zu bringen. Informationszettel wurden gedruckt und an alle 320 Haushalte im Dorf verteilt. Aber es meldete sich niemand.

Später erzählte ein Mann, der seit einer Rückenoperation an den Rollstuhl gebunden ist, dass er das Angebot zwar eine gute Idee fand, aber nie auf den Gedanken gekommen wäre, es könne etwas mit ihm zu tun haben. Noch als die Gräfin vor ihm gestanden habe und ihn fragte, ob es stimme, dass sein größter Wunsch sei, noch einmal an die Elbe zu fahren, und ihn drängte, sich doch einen Namen aus der Liste auszusuchen, fiel es ihm schwer, das zu tun. Schließlich war er kein Hilfsbedürftiger und kam alleine klar. Am Ende aber gab er doch dem Drängen der Gräfin nach. Kurz darauf saß er am Ufer der Elbe, die ihm schöner erschien als je zuvor. Der Mann neben ihm war auch zufrieden, weil er so einfach hatte helfen können. Und auch seine Frau war glücklich, nicht nur über seine Freude, sondern auch, wie sie in einem Moment der Ehrlichkeit sehr leise formulierte, weil sie seit langem wieder einmal ein paar Stunden nur für sich hatte. Das Annehmen der Hilfe erwies sich am Ende für alle als Gewinn. Inzwischen sind weitere Ausflüge geplant, gar ein ganzes Wochenende. Drei zufriedene Menschen also plus der Gräfin, deren Plan aufgegangen war, nachdem sie über den Hilfsgedanken des Wunsches jenen Mann davon hatte überzeugen können, dass er eben doch zu der Gruppe der Hilfsbedürftigen gehört.

Als das Helferteam zu verstehen versuchte, warum eigentlich eine gute Idee nur so schwer aufgeht, deutete eine ehemalige Ärztin und Trauma-Therapeutin: „Scham wiegt schwerer als Schuld". Menschen schämen sich ihrer Hilfsbedürftigkeit und leugnen sie deswegen. Wie schade. Und die Gräfin zitiert ihrem Team jene wunderbare jüdische Geschichte, in der die Hölle als ein Ort beschrieben wird, wo Menschen vor einem köstlichen Mahl sitzen. Doch ihre Löffel, unlösbar mit den Händen verbunden, sind zu lang. Es gelingt ihnen nicht, das Essen zum Mund führen; trotz des Festmahls bleiben sie also hungrig und verzweifeln. Der Himmel nun sieht genauso aus, aber hier, so heißt es, fütterten die Menschen einander und würden deshalb satt. Das sei die Seligkeit.

… vermutlich hätten wir alle es hier und da nötig, unsere eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen und anzunehmen, damit wir die Hilfe, die uns angeboten wird, nicht verpassen, wenn sie uns begegnet.

"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." - Und das heißt auch: Jeder, der eine Last trägt, bitte den anderen mit ihm gemeinsam zu tragen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Einer trage des anderen Last

Einer trage des anderen Last

Katja Witte-Knoblauch - 22.06.2018

Kürzlich erzählte mir jemand von der Andacht einer Kollegin, die sich sehr für Gleichberechtigung und Inklusion einsetzt. Ganz gleich ob es um Ungleichberechtigung aufgrund des Geschlechts oder anderer Faktoren geht oder aber der Teilhabe von Menschen mit Handicap am Leben, sie ist eine der festen Stimmen, die spricht, wenn’s nötig ist. Sie habe, berichtete mein Gesprächspartner, von einem Vortrag erzählt, der vom Umbau von Gemeindehäusern hin zu barrierefreien Orten gehandelt habe. Das Ziel: Menschen sollen ohne Hilfe an den Ort und in den Raum gelangen können, zu dem sie möchten. Und dann habe sie gesagt: „Je länger ich zuhörte, desto klarer wurde mir, dass ich das aus theologischen Gründen ablehnen muss.“ Moment der Verwunderung. Denn warum sollte man aus theologischen Gründen etwas ablehnen, dass anderen zu ihrer Selbständigkeit verhilft?

Die Antwort fand ich so gut und so plausibel, dass ich Ihnen heute davon erzähle: Meine Kollegin habe nämlich gefragt, ob gut sei, wenn alles darauf ausgelegt werde, dass jede und jeder ganz für sich allein klar kommt. Heiße es nicht bei Paulus:
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2)
Was aber, so weiter, geschähe eigentlich mit solch einem Gedanken, der Menschen als unvollkommene und hilfsbedürftige Wesen ernst nimmt und sie deshalb aufeinander verweist, wenn wir alles so einrichten, dass die einen keine Hilfe mehr brauchen und die anderen sie nicht mehr schenken müssen? Habe es nicht auch eine gute Seite, wenn Menschen aufeinander angewiesen blieben? Schließlich tue es ebenso gut zu helfen wie Hilfe zu erfahren. Und gerade das mache Gemeinschaft doch aus. In einer Gemeinschaft geben Menschen aufeinander acht. Und es stelle sich doch die kritische Frage, ob solche Achtsamkeit nicht verloren gehe, wenn nichts mehr zum Nachdenken darüber zwingt, wo eigentlich Hilfe gebraucht wird.

So sehr ich ahne und auch einsehe, dass man für jeden Bereich des inklusiven Bauens durchaus sehr gute Gründe finden kann – z.B. dass nicht immer jemand da ist, der einen 100kg-Menschen wie z.B. meinen Schwiegervater die Treppe hochzutragen vermag, und es schon deshalb rollstuhlfähige Zugänge braucht, so richtig finde ich es, darüber nachzudenken, ob nicht die Isolation die Kehrseite der Medaille einer Welt ist, in der Menschen nicht nur alleine klar kommen können, sondern dann irgendwann vielleicht auch alleine klar kommen müssen. Wo halten wir den Gedanken im praktischen Leben hoch, dass es gewinnbringend ist, wenn Menschen sich umeinander sorgen? Und betrifft das Ganze vielleicht nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern jede und jeden von uns – mit und ohne Handicap? … aber das ist eine andere Andacht, nämlich die von morgen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Freude auf die Ewigkeit

Freude auf die Ewigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.06.2018

Manchmal erlebt man wundersame Momente. So erzählte jüngst ein Mann von seinem Bruder, der sich allmorgendlich in die „Freude auf die Ewigkeit einübte“ und das offenbar so überzeugend macht, dass er das auch ausstrahlt, wenn er aus seiner Tür tritt. Man kann ein bisschen flapsig denken: „So Einen möchte ich morgens auch treffen und mich anstecken lassen und wenn wir das dann alle haben, brechen goldene Zeiten an… “
Der Gedanke beschäftigt mich. Warum eigentlich nicht eine tägliche Übung im Freuen? Besser kann man wahrscheinlich gar nicht in den Tag kommen. Aber wie kann das gehen; braucht es dazu die Weisheit des Alters?
Max Frisch hat irgendwann, wer weiß wie alt er da war, geschrieben: „Erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserem dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und seiner Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, dass alles was ist, eine Gnade ist.“
Das klingt, als würde man, wenn man einmal mit dem Freuen begonnen hat, immer neue Gründe finden. Das Einüben lohnt also. Und die „Freude auf die Ewigkeit“ ist dann vielleicht die Königsdisziplin.
Auch die Bibel ist voller Freude. Es gibt alle Arten der Freude mit allen Sinnen: Entzücken, Vorfreude, Fröhlichkeit, Freude am seligen Moment. Das Hohelied der Liebe perlt davon regelrecht über, die Psalmen singen Lieder der Freude. Jakob freut sich, als er endlich Rahel freien darf und Josef, als sich seine Familie wiederfindet. Die Evangelien, Teil des „books of joy“ wie die Amerikaner sagen, sind erst recht voller Jubel- und Freudeworte. Als Maria Elisabeth besucht, hüpft das Kind vor Freude im Bauch der Mutter, der Engel der Weihnachtsgeschichte verkündet große Freude, die allem Volk widerfahren wird und am Ende seines Lebens sagt Jesus Christus zu seinen Jüngern im Johannesevangelium: „Ich rede zu euch, auf dass meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen sei.“ So möge es sein.
Vielleicht fangen wir also gleich morgen früh damit an, uns einzuüben in die Freude auf die Ewigkeit …



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  Reformationstag

Reformationstag

Dompredigerin Cornelia Götz - 20.06.2018

Jetzt haben wir also am 31. Oktober einen Feiertag und mussten darum nicht mal richtig kämpfen, wobei: den Feiertag haben Sie und wir Kirchenleute haben die Gestaltungshoheit an einem protestantischen Festtag. Letzteren hatten wir auch bisher aber jetzt haben hundert Parlamentarier dafür gestimmt, ausgerechnet den Reformationstag im niedersächsischen Jahreslauf hervorzuheben.
Dass in unserer doch eher multireligiösen und oft sehr säkularen Welt nun ein Tag für alle Niedersachsen arbeitsfrei ist, an dem es die Freiheit eines Christenmenschen also die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers, dass wir allein aus Gnade gerecht werden, zu feiern gilt, ist aber doch erstaunlich.
Bei einem „Europatag“ oder „Frauentag“ wüssten vermutlich mehr Menschen, wem sie nächst dem Landtag zu verdanken haben, warum sie nicht aufstehen müssen oder die Geschäfte geschlossen sind.
Jetzt also Reformationstag und bestimmt werden gleich alle Argumente der letzten zehn Jahre aus den Schubladen geholt, warum es kein Luthergedenktag ist, obwohl man schon allein angesichts seiner Verdienste um die deutsche Sprache wegen, nicht umhin kann, ihn unter die Großen zu zählen.
Uns kann die Herausforderung in jedem Falle recht sein. So haben wir jedes Jahr eine neue Chance, den Kerngedanken unseres Glaubens ins Licht zu setzen. Es wird unserer Gesellschaft nicht schaden, uns immer von neuem daran zu erinnern, dass wir Menschen unser Leben und unsere Welt aus eigenem Vermögen nicht zurecht bringen können, sondern dass wir alle aus Gnade und Barmherzigkeit leben. Erst wenn wir durchbuchstabiert haben, dass sich die Früchte unseres Lebens zuerst Gottes Gnade und seinem Segen und erst danach unserer Leistungsfähigkeit verdanken, werden wir auch Wege finden, die von uns absehen und dem Nächsten dienen.
Wenn dann noch das kulturelle Gedächtnis Bildung und Gemeinwesen als keineswegs selbstverständliche Errungenschaften erinnert, haben wir einen Tag im Jahr, der unserem inneren Kompass als Menschen, die in dieser Welt leben, nur nützlich sein kann.
2018 gedenken wir übrigens auch des Beginns des Dreißigjährigen Krieges. Auch der ist eine Folge der Reformation. Darum wird dieser neue Feiertag in sich tragen, sorgfältig und achtsam nach rechts und links zu sehen. Es geht nicht um Dominanz und Rechthaberei sondern um gottesfürchtiges und gottgefälliges Leben, nicht kleingemacht sondern zur Freiheit befreit, denn – so heißt es im ersten Korintherbrief: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

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  Abschreckung

Abschreckung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.06.2018

Als ich ein Kind war, gingen meine Eltern manchmal abends aus. Sie ließen dann das Licht in der Garderobe brennen und legten einen kleinen freundlichen Gruß parat, falls ich wach werden und sie suchen sollte. Einmal muss ich diese beruhigenden Zeichen übersehen haben, denn ich erinnere mich noch, barfuß und brüllend im Treppenhaus zu stehen voll panischer Angst, dass sie endgültig weg sein könnten.
Solche Trennungsangst gehört zu den Urerfahrungen von Kindheit. Das Vertrauen in die Welt muss erst wachsen, bis dahin garantieren Eltern Zuflucht und Geborgenheit.
Meistens jedenfalls. Vom Missbrauch dieser Konstellation will ich heute nicht reden…
Dafür über das Elend, welches Familien erleiden, wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie für den Lebensunterhalt sorgen sollen, wenn Haus und Hof verloren gehen, Menschen sich auf die Flucht begeben müssen. Was immer zu diesem Thema inzwischen auch in unserem Land laut wird: ich werde niemals glauben, dass Mütter und Väter sich mit ihren Kindern leichtfertig auf eine so gefährliche Reise ins Ungewisse begeben. Darum ist es unfasslich grausam, dass in dieser ohnehin angstbesetzten schlimmen Lage Kinder von ihren Eltern getrennt werden. So geschieht es derzeit massenhaft und systematisch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
Dahinter liegt nicht nur menschenverachtende Unbarmherzigkeit die jeder Moral spottet, sondern auch ein Axiom, das auch hier in Deutschland durchaus salonfähig ist und – man halte sich fest – als sinnvolle Strategie verstanden wird: Abschreckung. Krieg der Bilder.
Mit den Flüchtlingen soll so schrecklich umgegangen werden, dass der dem Wort innewohnende Schreck sich in Windeseile verbreitet und Menschen abschreckt, sich auf den Weg in unser reiches christliches Abendland zu machen…
Wir treten also ein in ein „neues Zeitalter öffentlicher Grausamkeit“, erschrecken uns kurz und schämen uns nicht. Andernfalls liefe die aktuelle Asyldebatte in Deutschland anders.
Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung liest sich das so: „Die Transporttoten, die Erstickten und Ertrunkenen, die schmutzigen Lager, die schneidenden Zäune und jetzt die entrissenen Kinder, all das was seit vielen Jahren an den Rändern der westlichen Welt alltäglich geworden ist, erregt von Fall zu Fall ein vorübergehendes Entsetzen. Im schlimmsten Fall entwöhnt es uns von einem historisch fragilen Grausamkeitstabu…“
Ob das der schlimmste Fall ist, weiß ich nicht.
Aber ich weiß, dass uns im Matthäusevangelium gesagt ist: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“




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  Vom Helfen und Dienen

Vom Helfen und Dienen

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2018

Kirchliche Arbeit hat immer eine ganz starke Komponente des Dienens und des Helfens. „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“, sagt uns Jesus Christus. Das sind große Worte, die beim ersten Hören auch sehr eingängig klingen, doch wie so oft im Leben ist es auch mit dem Dienen und Helfen nicht so ganz einfach.
Ist es uns Menschen überhaupt möglich, anderen zu helfen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen? Ich denke schon. Glücklicherweise kommt es immer wieder vor, dass Menschen anderen helfen, ohne dafür konkret eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung zu erwarten. Das passiert jeden Tag millionenfach im Kleinen, in dem wir einander eine Tür aufhalten, beim Ein- und Aussteigen in die Straßenbahn behilflich sind oder dem Menschen, der hinter unserem vollen Einkaufswagen nur seine drei Bananen bezahlen möchte, an der Supermarktkasse den Vortritt lassen.
Aber ist das wirklich alles so selbstlos und uneigennützig? Wie sieht es aus mit unserem guten Gefühl, das sich bei uns einstellt? Schmälert ein solches Gefühl den Wert unserer Hilfe und ist es überhaupt erlaubt? Ich denke schon. Denn zum einen können wir es kaum verhindern, dass wir uns gut fühlen, wenn wir helfen können und zum anderen wäre es eine schlechte Alternative, nur deshalb darauf zu verzichten, anderen zu helfen. Bisweilen ist es schwer, demütig zu bleiben. Doch gemeinsame Freude beim Hilfe geben und Hilfe annehmen – vielleicht ist das ja ein Teil des Gotteslohnes, den wir umgangssprachlich in diesem Zusammenhang bisweilen bemühen.
Unabhängig davon setzen wir uns als Helfende auch immer wieder der Kritik unserer Mitmenschen aus. Am Ende eines Gottesdienstes für eine Kollekte aufzurufen, mit der wirklich alle einverstanden sind, ist nahezu unmöglich. Warum ausgerechnet dafür spenden und nicht für irgendetwas anderes? – diese Frage ist unvermeidbar. Oder in größeren Kategorien gedacht: Mutter Teresa hat ihr gesamtes Leben in den Dienst von Kranken und Benachteiligten gestellt. Dennoch wird ihr vorgeworfen, dass sie ihre Popularität nicht auch dafür verwendet hat, die sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Indien zu verändern. Wer offen hilft, setzt sich auch immer der Kritik anderer aus.
Wirklich selbstlose, perfekte und von allen anerkannte Hilfe ist unter uns Menschen eine echte Herausforderung. Dennoch, zu helfen und zu dienen gehört zum christlichen Auftrag wie das berühmte Amen in der Kirche. Gott hat es uns in Jesus Christus vorgelebt und hierzu gehört auch das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht: „So spricht der HERR: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Lassen wir uns von diesen Worten inspirieren und schauen wir einfach ganz unverstellt auf die, die unsere Hilfe nötig haben. So haben wir eine Chance, diese Welt ein bisschen menschlicher, freundlicher und liebevoller werden zu lassen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  „Deine Seele ist ein Vogel…“

„Deine Seele ist ein Vogel…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.06.2018

Gerhard Schöne, ein DDR-Liedermacher, der seinerzeit vorzugsweise in Kirchen sang, wusste immer schon, dass Kinderlieder nicht harmlos sind oder sein müssen, denn Kinder haben feine Antennen für die Aufrichtigkeit anderer Menschen und erspüren schnell, wenn ihnen nur die Hälfte gesagt wird. Zugleich lassen sie sich bereitwillig auf Geschichten und Bilder ein, sortieren gebannt in Gut und Böse. Viele der Lieder von Gerhard Schöne kamen deshalb als Kinderlied daher und wurden dennoch begierig von Erwachsenen gehört.
Einer seiner Texte klingt so:
„Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.
Deine Seele ist ein Vogel, / stopf nicht alles in ihn rein. / Er wird zahm und satt und träge, / stirbt den Tod am Brot allein.
Deine Seele ist ein Vogel, / schütze ihn nicht vor dem Wind. / Erst im Sturm kann er dir zeigen, / wie stark seine Flügel sind.
Deine Seele ist ein Vogel, / und er trägt in sich ein Ziel. / Doch wird er zu oft geblendet, / weiß er nicht mehr, was er will.
Deine Seele ist ein Vogel. / Hörst du ihn vor Sehnsucht schrein, / darfst den Schrei du nicht ersticken, / bleibt er stumm, wirst du zu Stein.
Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.“
Da ist alles drin: Der Glaube daran, dass wir mehr sind als nur Haut und Knochen, Wissen und Reflex. Die Angst davor, dass unsere Gefühle und wir selbst ersticken könnten, taub und leer werden. Die Sehnsucht nach Freiheit und Sinn, dass unser Leben mehr ist, Grund und Ziel hat.
Beim ersten Hören mag man denken, ja: das mit dem Vogel ist ein schönes Bild. Aber die Kunst eines besseren Liedes ist es, dass es Kontexte und Resonanzräume eröffnet, dass es zwischen den Zeilen und Worten mehr und mehr und mehr erzählt. Das tut auch dieses Lied. Wer hören kann, der hört darin den 124. Psalm, auch der ein Lied, ein Gedicht, das mehr erzählt: „ Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel / dem Netze des Vogelfängers; / das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. / Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, / der Himmel und Erde gemacht hat.“


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  Machtkämpfe

Machtkämpfe

Dompredigerin Cornelia Götz - 15.06.2018

In Berlin tobt ein Machtkampf. Die Protagonisten sind bekannt. Dass sie sich in die Haare kriegen können, war schon immer mal wieder zu beobachten. Jetzt hat die Schlacht neue Ausmaße und Schärfe angenommen. Man kann davon ausgehen, dass nur einer übrig bleiben wird und auch er wird Blessuren davontragen…
Worum es letztlich geht, ist nicht so leicht auszuloten. Da hat der kluge Kolumnenschreiber Heribert Prantl sicherlich recht, wenn er sagt: „Es geht letztlich gar nicht so sehr um die Abweisung von Flüchtlingen direkt an der Grenze, es geht um irgendeinen Flüchtlings-Großkonflikt, um sich von der Kanzlerin abzugrenzen und Anschluss an die Anti-Flüchtlingsstimmung zu kriegen.“ Denn „die Abweisung der Flüchtlinge direkt an der Grenze, ist bayernfeindlich, … Bayern würde sich abriegeln - das ruiniert Wirtschaft und Tourismus.“
Es geht also um Macht und Deutungshoheit, oben und unten, Abgrenzung und Ausgrenzung, innen und außen, wir und die, ich und alle.
Berlin bietet dafür im Moment ein ordentliches Spektakel, ist aber keineswegs der einzige Austragungsort solcher Spiele.
Auch in unseren Zusammenhängen hier, erlebe ich, dass es nicht zuerst darum geht, das „Beste zu suchen“, fürsorglich zu agieren, sondern dass sehr formal deutlich gemacht wird, an wem man nicht vorbeikommt, sei es nun die Mitarbeitervertretung oder ein anderes Gremium.
Dabei vergisst man schnell, wieviel Kraft mit solchen Kämpfen verschwendet wird, wieviel Vertrauen verloren, wieviel Lebenszeit vorübergeht.
Während der Theaterformen, einem wirklich großartigen Festival, das unsere Stadt aktuell beherbergt und sie ziert, konnte man das Stück einer französischen Regisseurin mit vietnamesischen Wurzeln sehen: „Saigon“.
Als es lief, war es im groben Haus des Theaters drückend schwül, manchmal tropfte die Zeit. Zu recht. Denn so wurde wirklich schmerzhaft bewusst, dass manchmal ein ganzes Leben nicht ausreicht, damit es noch mal gut wird, wenn man zum Spielball politischen Kräftemessens geworden ist.
Wer immer auf Entscheidungen wartet, sei es, um endlich Familiennachzug zu gewähren, Luftverschmutzung einzudämmen oder eine bezahlbare Wohnung zu finden, wartet, während irgendwo „oben“ um Macht gerungen wird. Es kostet ihn Gesundheit, Kraft, Lebensmut, Hoffnung…
Und dieses eine Leben geht einfach vorbei.
In solchen Momenten staune ich, dass Paulus – der all das sicher auch kannte- dennoch oder vielleicht gerade erst recht im Römerbrief schrieb: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Wer weiß, was ihm diese Gewissheit gab. Vielleicht empfand er stärker als wir die Vorläufigkeit und Endlichkeit menschlicher Macht. In jedem Fall hat ihn und viele nach ihm dies Bekenntnis geholfen zu leben und auch wir können uns darin bergen.



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