Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Werte

Werte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.07.2018

Über diesem wieder heißen und trockenen Sommertag steht in den Herrnhuter Losungen aus der ersten Chronik: „In deiner Hand, Herr, steht es, jedermann groß und stark zu machen.“ Und dazu aus dem Lukasevangelium: „Es kam unter den Jüngern der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte wäre. Da aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich.“
Da kommen einem Assoziationen leicht in den Sinn: Ann-Claire Richter hat in ihrer Kolumne der Braunschweiger Zeitung heute Morgen schon mit den großen Kleinen und kleinen Großen angesichts all der Bilder gespielt, die die Mächtigen dieser Welt uns dieser Tage liefern. An ihre Gedanken kann man sich mühelos anschließen und weiß doch zugleich, dass Bibelworte im Gegensatz zu Zeitungskommentaren allermeist nicht dazu gedacht sind, uns Munition für scharfsinnige Argumentationen über Dritte zu liefern, sondern eher direkt und persönlich einen jeden von uns meinen.
Und so scheinen die biblischen Worte heute vor allem die Lebensziele und den Wertekanon unseres Erwachsenenlebens infrage zu stellen. Durch die Augen eines Kindes gesehen, das Jesus als stillschweigenden Kommentar zu unserer Versuchen erfolgreich zu sein, hinzunimmt, sind die Machtspiele und hierarchischen Prinzipien unserer Welt absurd. Oder mit Eva Strittmatter, die dichtete:
„Die guten Dinge des Lebens / sind alle kostenlos: /
die Luft, das Wasser, die Liebe. / Wie machen wir das bloß, /
das Leben für teuer zu halten, / wenn die Hauptsachen kostenlos sind? / Das kommt vom frühen Erkalten. / Wir genossen nur damals als Kind /
die Luft nach ihrem Werte / und Wasser als Lebensgewinn, /
und Liebe, die unbegehrte, / nahmen wir herzleicht hin. /
Nur selten noch atmen wir richtig / und atmen die Zeit mit ein, /
wir leben eilig und wichtig / und trinken statt Wasser Wein. /
Und aus der Liebe machen / wir eine Pflicht und Last. /
Und das Leben kommt dem zu teuer, / der es zu billig auffasst.“


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  Mandela

Mandela

Cornelia Götz, Dompredigerin - 18.07.2018

In der Ostschule war nicht alles schlecht. Zu den im Ansatz jedenfalls besseren Aspekten gehört, dass wir Briefe an politische Gefangene geschrieben haben. Natürlich hat das einen bitteren Beigeschmack in einem Land, in dem es reichlich Gefängnisinsassen gab, die auch nur freier sein wollten als das dem DDR-Regime gefiel und sicherlich werden diese Briefaktionen instrumentalisiert worden sein und wer weiß, was mit den unzähligen Kinderbriefen tatsächlich passiert ist…
Aber in meiner Erinnerung ist geblieben, dass ich als Kind dachte: wir schreiben einen Brief an einen schwarzen Mann, der irgendwo im Gefängnis sitzt nur weil er schwarz ist und machen ihm Mut, weil das ungerecht ist. Immerhin, das wichtigste war hängengeblieben. Nelson Mandela und sein Schicksal waren mir darum ein Begriff als ich noch viel zu klein war, um etwas von Apartheit, Regimegegner, Kolonialismus und kaltem Krieg zu begreifen.
Viel später reiste ich mit einem Vikarskurs dieser Landeskirche zu den Ovambos im Norden Namibias. Viele von ihnen arbeiteten von Kindesbeinen an auf deutschen Farmen. Die Rassendiskriminierung hatte ihr Leben geprägt. Ich werde nicht vergessen, wie ein uralter Mann eines Abends nach einer Bibelarbeit zu mir sagte, dass Versöhnung zwischen schwarzen und weißen Menschen für ihn begonnen habe, weil ich weiße Frau zu ihm in sein Dorf gekommen sei und mit ihm in der Bibel zu lesen. Das hat mich damals tief beschämt. Denn ich empfand es als beinahe unbegreiflich großzügig, dass wir überhaupt kommen und zu Gast sein durften.
Während dieser Reise bekam ich eine leise Ahnung, was Apartheit für die Schwarzen bedeutet hat. Umso mehr staunte ich über die Versöhnungsbereitschaft eben jenes schwarzen Mannes, dem ich als Kind ins Gefängnis geschrieben hatte. Ziel der von ihm auf den Weg gebrachten Wahrheits- und Versöhnungskommission war es, die schmerzhafte Vergangenheit aufzuarbeiten statt die Täter nur wegzusperren, denn nur so würden die Opfer ihre Würde wiedergewinnen. Nur so könnte der Teufelskreis von Gewalt und Rache, Hass und Wut unterbrochen werden. Dass damit nicht alles gut werden würde, wird man gewusst haben. Schon viele Jahre vorher, 1985, Mandela saß noch im Gefängnis, hatten schwarze Theologen in einem Kairospapier formuliert: „Wir glauben, dass Gott in unserer Welt am Werk ist und hoffnungslose und vom Bösen gezeichnete Situationen zum Guten wenden kann … Es gibt Hoffnung für uns alle, doch der Weg auf diese Hoffnung hin wird sehr schwer und sehr schmerzhaft sein…“
Der Weg ist noch nicht zuende. Es ist noch immer nötig, die Erinnerung an dieses Unrecht und die Wurzeln der ungerechten Weltordnung, die noch immer weiter wirkt, wachzuhalten.
Nelson Mandela wäre heute 100 Jahre alt geworden.






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  Lieber heiter…

Lieber heiter…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 17.07.2018

Das heute-Journal gestern Abend hatte es in sich. Claus Kleber riss die Augen auf als wäre er entweder ungeheuer übermüdet oder könnte es gar nicht fassen. Kein Wunder, denn den Bericht über das Gipfeltreffen der beiden Staatschefs in Helsinki hätte man sich vor zwei Jahren nicht vorstellen können; die amerikanischen Reaktionen auf das Gebaren ihres Präsidenten auch nicht – die Rede war von Hochverrat.
Die Weltordnung steht infrage, sagte Claus Kleber und es klang als müssten wir uns alle miteinander darauf einstellen, dass das Oben und Unten in dieser Welt neu vermessen wird, Frieden und Sicherheitssysteme erheblich einsturzgefährdet sind und die Zaghaftigkeit der Europäer, zueinander zu stehen, unabsehbare Folgen haben wird. Anschließend kam ein Bericht über Handelssanktionen und chinesische Reaktionen auf einen möglichen Wirtschaftskrieg. Es wird nun für ausländische Investoren dort einfacher werden. Dann folgte die Kanzlerin. Sie besuchte in sommerlichem Grün ein evangelisches Altenheim, um den Alltag dort besser einordnen zu können bzw. um ein Wahlversprechen zu erfüllen sicherlich wohl wissend, dass ein Montag dort kein normaler ist, wenn die Kanzlerin kommt.
Und dann kam Fußball. Die großen Feste aller Sieger in Zagreb und Paris und am Ende sagte ein lächelnder Claus Kleber wie schön es sei, heitere Nachrichten zu bringen …
Von Robert Louis Stevenson stammt ein Ausspruch, der diese erstaunliche Entwicklung innerhalb weniger Minuten erklärt: „Ich begegne lieber“ sagte er „einem glücklichen Menschen, als dass ich eine Fünf-Pfund-Note (damals eine ganze Menge Geld - CG) finde. Ein heiterer Mensch verbreitet gute Laune um sich und wenn er in ein Zimmer kommt ist es, als sei ein Licht angezündet worden.“ Das funktioniert und ist ansteckend. Weitergehend sind aber die Worte Hiobs, des Gerechten, der so hart geprüft wurde und sagte: „Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben…“
Ist es alles eine Haltungsfrage? Bei Claus Kleber war es wohl das erlösende Moment versöhnlicher Bilder. Hiob begegnet dem Leben mit Demut. Er fürchtet die Schmerzen und versucht es mit aufrechtem Gang und offenen Gesicht. Und wir? Wir werden uns neu ordnen müssen und dabei wird es darauf ankommen, den Maßstab nicht zu verlieren und Zuversicht zu gründen. Gut, dass Jesus Christus über diesem Tag spricht: „Friede sei mit Euch“ – das kann man nicht mit fassungslos aufgerissenen Augen oder verstörtem Gesicht hören oder sagen und es bleibt Gott sei Dank die größere Wahrheit.


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  „HERR, lass leuchten meine Zeit!“

„HERR, lass leuchten meine Zeit!“

Dompredigerin Cornelia Götz - 16.07.2018

Gerade eben bin ich noch durch Paris gelaufen. Ich kenne die Stadt besser als jede andere Großstadt und muss keine Hotspots mehr abarbeiten, was man eben gesehen haben muss. Ich habe es genossen, mich treiben zu lassen, Gassen vor und zurück zu laufen und Türen zu suchen, durch die irgendwann Picasso oder Juliette Greco, Eugen Delacroix oder Simone de Beauvoir gegangen sind, habe gesessen, wenn mir die Füße wehtaten und stundenlang zugesehen, wie die Franzosen Petanque spielen oder die Kinder am großen Bassin im Luxembourg Schiffchen mit Stöckchen aufs Wasser schieben, und dann dorthin rennen , wohin der Wind es treibt – ein altes Spiel, Generationen hat es vergnügt. Friedliche Stimmung in der Luft, die manchmal ein bisschen flimmerte vom Fussballfieber.
Zeit zu haben, noch dazu in einer so bezaubernden Stadt, bei der man vergisst wie schön sie ist, wenn man eine Zeitlang nicht da war, ist ein Geschenk. Ich habe mich an eine Konfirmandenstunde erinnert, in der wir am 31. Psalm gearbeitet haben. Er klingt so:
„HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit! / Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! / Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg, / und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. / Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. / In deine Hände befehle ich meinen Geist; … / Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, / dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele / und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; / du stellst meine Füße auf weiten Raum. … / Ich aber, HERR, hoffe auf dich / und spreche: Du bist mein Gott! / Meine Zeit steht in deinen Händen. … Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; / hilf mir durch deine Güte!“
Wir haben die Worte damals mehrfach laut vorgelesen und ich habe die Konfirmanden später gefragt, an welche Formulierung sie sich erinnern, ob etwas in ihnen nachklingt. Einer sagte, dass er die Sache mit dem weiten Raum schön findet und dass er sich daran erinnern will, wenn er wieder im engen Schulbus steht. Eine andere, dass ihr Zuhause ihre Burg sei und ob das auch ginge. Und dann sagte ein Junge, der sich bis dahin sehr zurückgehalten hatte, er finde die Worte am schönsten:
„HERR, lass leuchten meine Zeit!“
Vorgelesen hatte das keiner aber hätte man was Schöneres hören können? Da ist ja alles drin: die Hoffnung auf lichte Momente, dass wir nicht im Dunklen bleiben, dass aus meiner Lebenszeit etwas Gutes und Schönes wird.
Heute Vormittag habe ich zunehmend ärgerlich ein paar Stunden vergeblich auf den Telekomtechniker gewartet. Der Kontrast zu den vergangen schönen Tagen war hart. Fast wäre meine Zeit verdorrt. Aber dann fiel es mir zum Glück wieder ein:
„HERR, lass leuchten meine Zeit!“

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  Kurt Huber und Alexander Schmorell und die Weiße Rose

Kurt Huber und Alexander Schmorell und die Weiße Rose

Heiko Frubrich, Prädikant - 13.07.2018

Heute ist der 75. Todestag von Kurt Huber und Alexander Schmorell. Die beiden gehörten wie die Geschwister Scholl zum inneren Kreis der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Es waren überwiegend Studenten, die sich ab Mitte 1942 in München zusammenfanden, um gegen das in Deutschland herrschende Naziregime zu protestieren. Die Mitglieder der Gruppe brachten auf verschiedensten Wegen insgesamt sechs Flugblätter in Umlauf, auf denen sie die Verbrechen der Nazis thematisierten und zum Widerstand aufriefen. Die weiße Rose ist bis heute ein weithin bekanntes und symbolgebendes Beispiel für moralische Lauterkeit, christliche und humanistische Werte, Zivilcourage und Opferbereitschaft. In den ersten Monaten des Jahres 1943 wurde die Gruppe von den Nationalsozialisten zerschlagen und ihre Mitglieder gefangen genommen. Die Geschwister Scholl wurden bereits am 22. Februar 1943 von den Nazis ermordet. Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden dann in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz des berüchtigten Richters Freisler wenig später zum Tode verurteilt.
Alexander Schmorell stammt aus Ostpreußen und studierte Medizin in Hamburg und München. Schon während seines Wehrdienstes, den er 1936 nach seinem Abitur antrat, geriet er in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Er nahm 1942 am Russlandfeldzug als Sanitätsfeldwebel teil und setzte nach seiner Rückkehr sein Studium im Wintersemester 1942 / 43 in München fort. Kurt Huber war Musikwissenschaftler, Philosoph und Psychologe und lehrte an der Münchner Universität. Hans Scholl und Alexander Schmorell wandten sich im Dezember 1942 an Huber und konnten ihn für die Mitarbeit in der Weißen Rose gewinnen. Beide, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden am 13. Juli 1943 in München hingerichtet.
Immer wieder hören wir von Menschen, die sich durch ihre absolute Geradlinigkeit, ihren Mut und ihre Vorbildfunktion von anderen abheben. Ganz sicher waren sich die Mitglieder der Weißen Rose der Gefahr bewusst, in die sie sich durch ihr Engagement für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde und gegen Diktatur und Terror begeben haben. Ihre Namen stehen in einer Reihe mit dem Dietrich Bonhoeffers. Ich bewundere diese Menschen für ihre Konsequenz und ich frage mich immer wieder, aus welcher Quelle sie die Kraft geschöpft haben, die für ihr Handeln notwendig war. Bei Dietrich Bonhoeffer aber auch bei vielen anderen war es der Glaube, der ihm Kraft gegeben hat. Ein solcher Glaube ist ein Geschenk. Wir können ihn uns nicht verdienen oder erarbeiten – wir bekommen ihn verliehen, direkt aus Gottes Hand.
Ich denke, dass wir dankbar sein dürfen, für Menschen, die uns so strahlende Lebensbeispiele gegeben haben, wie eben auch Kurt Huber und Alexander Schmorell. Sie können uns Ansporn und Orientierung aber auch Mahnung sein, ohne dass wir an der Größe ihrer Taten verzweifeln müssten. Wir können vielmehr unsere Hoffnung darauf bauen, dass Gott uns allen Kraft zuwachsen lässt, damit wir das, was an Aufgaben auf unseren Lebensweg vor uns liegt, auch gut meistern können. Kurt Huber und Alexander Schmorell haben für sich ihre Kraftquelle gefunden. Ihrer gedenken wir heute an ihrem 75. Todestag und wissen Sie beide geborgen in Gottes Hand.

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  Mutland

Mutland

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.07.2018

Haben Sie noch Freude daran, die Tageszeitung zu lesen? Sehen Sie zu, dass Sie pünktlich um 20:00 Uhr auf dem heimischen Sofa sitzen, um die Tagesschau nicht zu verpassen? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe manchmal wirklich die Nase voll von all den schlechten Nachrichten. Ich habe manchmal einfach keine Kraft und auch keine Lust mehr, zankende Politiker, von Bomben zerstörte Städte im Nahen Osten, überfüllte Flüchtlingsboote oder sonst welche ungelösten Probleme präsentiert zu bekommen. Und ja, dann schaue ich auch manchmal einfach weg. Doch wenn ich dann mal ganz bewusst auf die Nachrichten im Fernsehen verzichte oder in der Zeitung gleich in den Kulturteil blättere, bekomme ich beinahe ein schlechtes Gewissen. Laufe ich Gefahr, dass mich die Not Menschen und die Herausforderungen unserer Tage nicht mehr berühren? Drohe ich abzustumpfen anstatt Mitgefühl und Mitleid zu spüren?
Ich denke, dass wir an Grenzen stoßen können, wenn wir immer offen und empfänglich sein wollen für all das, was auf dieser Welt nicht gut läuft. Ich denke, dass wir immer wieder auch positive Nachrichten brauchen, damit wir unsere Akkus für Glück, Lebensfreude und Hoffnung wieder auftanken können. Beim Informationsdienst Twitter gibt es seit einiger Zeit eine Sammlung von Kurzberichten unter der Überschrift „Mutland“. Sie wurde ins Leben gerufen von Tobias Leisgang, Ingenieur und Internet-Blogger, der dazu folgendes geschrieben hat: „Mir geht die ganze Untergangsstimmung und das Instrumentalisieren von Krisen auf den Zeiger. Ich teile einmal täglich ein Beispiel, dass es in unserem Land aufwärts geht. Machst Du auch mit?“
Herausgekommen ist dabei ein Twitter-Kanal, auf dem alle möglichen Leute jeden Tag kleine Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen veröffentlichen, bei denen irgendetwas Erfreuliches und Aufbauendes passiert ist. Es ist zu lesen, dass mittlerweile über 200 Städte in Deutschland auf Gyphosat verzichten und eine Schreiberin erinnert uns daran, dass wir in Deutschland seit 73 Jahren keinen Krieg mehr haben. Ein junger Mann berichtet: Gut geschlafen, sicher zur Arbeit gefahren und dort von den Kollegen freundlich aufgenommen. Das ist nicht selbstverständlich, es ist ein Segen!“ Jemand anders postet: „Mein Friseur ist aus Syrien geflüchtet und spricht astreines Hochdeutsch, ist immer freundlich und macht gerade seinen Meister“, und es ist zu lesen der Bericht über eine Schule in Bonn, die seit 15 Jahren mit allen Schülern einen Benefizlauf für an Leukämie Erkrankte organisiert.
Ja, ich lese seit ein paar Tagen diese Einträge und sie helfen mir, auch in meinem eigenen Leben immer wieder und immer mehr Dinge zu finden, die wunderbar sind und für die ich von Herzen dankbar sein kann. Ich glaube, wenn wir unsere Herzen und unsere Gedanken mit ganz vielen dieser kleinen Glücksmomente füllen, dann haben wir auch Kraft, uns wieder mit Schwierigem und Herausforderndem zu befassen. Und vor allem bekommen wir Ideen, wie wir auch anderen Menschen zu ganz persönlichen Glücksmomenten verhelfen können. Denn Jesus Christus verspricht uns: „Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Weltbevölkerungstag

Weltbevölkerungstag

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.07.2018

Heute ist Weltbevölkerungstag. Am 11. Juli 1987 überschritt die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen erstmals die Marke von Fünfmilliarden. Um auf die mit der immer weiter wachsenden Weltbevölkerung verbundenen Probleme und Herausforderungen aufmerksam zu machen, wurde dieser 11. Juli von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag bestimmt.
Die Geschwindigkeit, mit der wir Menschen mehr werden, ist atemberaubend. Das Wachstum ist exponentiell, allein in den letzten 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt. Eine Verlangsamung des Wachstums ist kaum in Sicht und das wirklich dramatische dabei ist, dass die Bevölkerungsdichte fast ausschließlich in den Dritte-Welt- und Schwellenländern zunimmt. Das führt ganz zwangsläufig dazu, dass die dort ohnehin schon bestehende Armut, die nach wie vor schlechte medizinische Versorgung und vor allen Dingen der Hunger weiter zunehmen werden. Die von den wohlhabenden Staaten geleistete Entwicklungshilfe scheint zu verdampfen wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, denn wirkliche Verbesserungen und nachhaltige Veränderungen in den Empfängerländern sind kaum spürbar.
Insbesondere Afrika ist von der geschilderten Entwicklung betroffen. Neben dem Mangel an Geld sind es auch strukturelle Probleme, die einen wirklichen Wandel verhindern. Ein funktionierendes Bildungssystem ist in vielen Ländern kaum vorhanden und insbesondere Frauen wird der Zugang zu Bildung vielfach verwehrt, von einer wirklichen Gleichberechtigung von Mann und Frau einmal ganz zu schweigen. Natürlich ist auch das Thema Empfängnisverhütung ein schwieriges und in diesem Zusammenhang müssen sich auch christliche Kirchen Kritik gefallen lassen.
Andererseits wird von kirchlicher Seite natürlich auch geholfen. Brot für die Welt und die internationale Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes sind nur einige Beispiele für international tätige Hilfsorganisationen der evangelischen Kirche in Deutschland. Es gibt darüber hinaus eine große Anzahl von Einzelaktionen, so auch hier bei uns am Dom. Seit vielen Jahren unterstützen wir die deutsche evangelische Schule in Addis Abeba in Äthiopien und unser emeritierter Domprediger Joachim Hempel wird demnächst für ein halbes Jahr in der dortigen Gemeinde als Pfarrer tätig sein. Unser Blechbläserensemble hat vor einigen Jahren eine Konzertreise nach Namibia durchgeführt und im Vorfeld mit vielen Benefizauftritten Geld für den Aufbau einer Aids-Station in einem Krankenhaus gesammelt.
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Aus diesen Worten Jesu ist eindeutig abzuleiten, dass das Helfen christliche Aufgabe ist und bleibt. Der Weltbevölkerungstag kann und soll unseren Blick weiten, damit uns gegenwärtig bleibt, dass unsere Unterstützung im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Gottes Kinder in Christus

Gottes Kinder in Christus

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.07.2018

Die Jugendkantorei unserer Domsingschule ist vor ein paar Tagen von einer Konzertreise aus Polen zurückgekommen. Circa 50 junge Leute waren eine Woche lang in Begleitung von Kantorin Elke Lindemann und Domkantor Gerd-Peter Münden unterwegs, haben Kontakte geknüpft, Konzerte gegeben und Andachten und Gottesdienste gefeiert. Sie hatten gemeinsam eine gute Zeit und haben sich jetzt erst einmal in die Ferien verabschiedet, um dann im August hier wir wieder durchzustarten.
Für uns am Dom gehören internationale Kontakte zu unserer Arbeit ganz selbstverständlich dazu. Es gibt Partnerschaften zu den Kathedralen in Bath und Blackburn, seit Jahrzehnten unterstützen wir die Schule der Deutschen evangelischen Kirchengemeinde im äthiopischen Addis Abeba, wir sammeln Kollektionen für die evangelischen Christen in Breslau, unser Blechbläserensemble besucht Schweden, um dort Konzerte zu geben und im vergangenen Jahr bei der Nordeuropäischen Kathedralkonferenz hatten wir Gäste aus zehn europäischen Nationen hier bei uns am Dom.
Die Motivation und die Gründe für all das sind vielfältig. Zum einen ist natürlich die frohe Botschaft des Evangeliums nicht an Nationalstaaten gebunden und sie hält sich auch nicht an von Menschen gesetzte Grenzen, und ich möchte sagen: Gott sei Dank! Zum anderen denken wir, dass es auch und gerade Aufgabe der Kirchen ist, in einem sich immer mehr entsolidarisierenden Europa Bindungen auf allen Ebenen zu pflegen, zu fördern und neu zu begründen, die weiteren Rückschritten in nationalstaatliches Denken entgegenwirken. Meines Erachtens ist es offensichtlich, dass wir die wirklich großen Herausforderungen, vor denen wir in dieser Welt aber eben auch in Europa stehen, nur in Gemeinschaft und Solidarität meistern können. Die Probleme von der eigenen Haustür vor die des Nachbarn zu schieben, beschädigt Vertrauen und verbessert nichts. Dabei ist Vertrauen einer der wichtigsten Ecksteine, auf die wir eine friedliche und gerechte Zukunft aufbauen können.
Zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen, gelingt am besten dann, wenn ich sie auch wirklich kenne. Dazu muss ich mit Ihnen Kontakt aufbauen, mit mir reden, singen, feiern und gemeinsam Zeit verbringen. Und genau so etwas passiert immer wieder, wenn sich Menschen unterschiedlicher Nationen zusammenfinden und dabei ist es unglaublich hilfreich, freundlich und fröhlich festzustellen, dass einen das feste Band des Glaubens an einen Gott verbindet, der es gut mit uns meint.
Unsere Jugendkantorei hat in Polen von diesem Gott gesungen, unsere Blechbläser werden in Schweden zu seiner Ehre spielen und sie alle tun dies in seinem Sinne. Denn Paulus schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Keine Zahlen, sondern Menschen

Keine Zahlen, sondern Menschen

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.07.2018

Im Juli 1938, also vor genau 80 Jahren, fand in der französischen Stadt Évian auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt eine Konferenz statt, die sich mit dem Problem der rapide ansteigenden Flüchtlingszahlen von deutschen und österreichischen Juden beschäftigte. 32 Länder waren auf der Konferenz vertreten und, um das Ergebnis schon mal vorwegzunehmen, sie endete ohne greifbare Ergebnisse in einem Fiasko.
Golda Meir, die als Konferenzbeobachterin in Évian dabei war, schildert ihre Wahrnehmung und ihre Wut wie folgt: „Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. Ich hatte Lust aufzustehen und sie alle anzuschreien. Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind?"
Ja, über anonyme Zahlen und Quoten lässt sich leicht reden. Das gilt für Verkehrsopfer und Kriegstote genauso wie für Geflüchtete – daran hat sich in den vergangenen 80 Jahren nichts geändert. Und auch heute wird in Europa wieder darüber verhandelt, wie denn unsere Staatengemeinschaft, der es wirtschaftlich insgesamt ja mal gar nicht so schlecht geht, solidarisch zusammenstehen und so Menschen helfen könnte, die alles verloren haben – ihre Heimat, ihr bisheriges Leben, ihre Hoffnung. Und wieder werden Statistiken gewälzt, nationale Egoismen bedient und Ergebnisse erarbeitet, die denen der Konferenz von Évian inhaltlich in erschreckender Weise nahekommen.
Heute besteht Einvernehmen darüber, dass die Konferenz von Évian ein Paradebeispiel für katastrophales Fehlverhalten und Versagen der Völkergemeinschaft ist. Vielleicht ist diese Bewertung nicht ganz fair, denn natürlich war 1938 noch nicht alles absehbar, was sich in den folgenden sieben Jahren unter der Verantwortung der Nazis an Schrecklichem und Grausamem noch ereignen sollte. Fakt ist allerdings unbestrittenermaßen, dass man in Évian die Chance leichtfertig vertan hat, unsagbar vielen Menschen das Leben zu retten. Zugegeben – rückwärts betrachtet ist es immer leicht, begangene Fehler zu monieren. Aber es sollte doch ebenso leicht sein, aus diesen Fehlern zu lernen. Und es sterben schon wieder sinnlos Menschen – im Mittelmeer allein in diesem Jahr schon wieder mehrere 100. Und es verhandeln schon wieder viele Staaten, wie denn die Not dieser Menschen zu lindern wäre und es droht schon wieder nichts dabei heraus zu kommen.
Vielleicht hilft es, so wie Golda Meir, den Zahlen und Quoten die Maske herunterzureißen damit die, die zu entscheiden haben aber auch wir in allen Diskussionen immer wieder vor Augen haben, dass es nicht um Zahlen, sondern um Menschen geht, um Menschen, die ein Recht auf Würde, auf Liebe und auf Leben haben, weil sie Gottes Kinder sind – so wie sie und ich.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Reclaiming Jesus

Reclaiming Jesus

Cornelia Götz - 07.07.2018

Der oberste Bischof der Anglikanischen Kirche der USA und Vertreter/innen anderer Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Hochschulen haben zu Pfingsten im Rahmen einer Kerzenandacht ihre Stimmen gegen die Politik der Ausgrenzung erhoben und ein Bekenntnis übergeben. Ich zitiere daraus:

„Wir glauben, dass die Seele unseres Landes und die Integrität des Glaubens auf dem Spiel stehen ... und ... dass es an der Zeit ist, unsere Theologie des öffentlichen Glaubens und Zeugnisses zu erneuern. (...)
I. WIR BEKENNEN: Jedes menschliche Wesen wurde geschaffen als ein Ebenbild Gottes (Genesis 1,26).
DARUM VERWERFEN wir das Aufleben eines weißen Nationalismus und Rassismus an verschiedenen Enden unseres Landes, einschließlich an den höchsten Orten der politischen Führung. ... Außerdem nennen wir alle Lehren oder politische Aussagen eine gesellschaftliche Sünde, die rassistische Vorurteile, Ängste und Sprache benutzt...

II. WIR BEKENNEN, dass wir ein Leib sind. In Christus gibt es keine Benachteiligung, die sich auf Rasse, Geschlecht, Identität oder Klasse bezieht (Galater 3,28). Der Leib Christi ist ein Vorbild für den Rest der Gesellschaft...
DARUM VERWERFEN wir Frauenverachtung, Misshandlung, Gewalt, sexuelle Belästigung und jede Form der Übergriffe und Angriffe auf Frauen, die in unserer Gesellschaft und Politik bekannt geworden sind, selbst in unseren Kirchen; aber darüber hinaus auch jegliche Benachteiligung eines jeden anderen Kindes Gottes. ...

III. WIR BEKENNEN: Wenn wir Jesus Christus als den Herrn verkündigen, steht unsere Solidarität mit den Schwächsten auf dem Spiel. Wenn unser Evangelium keine „Gute Nachricht für die Armen“ ist, dann ist es nicht das Evangelium Jesu Christi.
DARUM VERWERFEN wir die Sprache und Politik aller politischen Verantwortlichen, die die schwächsten Kinder Gottes erniedrigen und im Stich lassen. Wir bedauern aufs Äußerste die zunehmenden Angriffe auf Einwanderer und Geflüchtete, die als ein gesellschaftliches und politisches Ziel missbraucht werden. ...)

IV. WIR BEKENNEN, dass Wahrhaftigkeit im persönlichen wie im öffentlichen Leben von zentraler moralischer Bedeutung ist. Die Wahrheit auszusprechen steht im Zentrum der prophetischen Tradition der Bibel…
DARUM VERWERFEN wir die Praxis und das System der Lüge, die in unser politisches und bürgerliches Leben eindringt. (...) Dass Lügen zur Normalität werden, ist eine gravierende moralische Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander zur Folge.

V. WIR BEKENNEN, dass Christus nicht gekommen ist, um zu herrschen, sondern um zu dienen. ...
DARUM VERWERFEN WIR jeden Schritt in Richtung einer autokratischen politischen Führung und einer autoritären Herrschaft. Wir sind überzeugt, dass eine autoritäre politische Führung … die Demokratie und das Gemeinwohl bedroht – und wir werden ihr widerstehen...

VI. WIR BEKENNEN, Unsere Kirchen und unsere Länder sind Teil einer internationalen Gemeinschaft, deren Interessen immer über die Landesgrenzen hinausgehen. ...
DARUM VERWERFEN WIR die Formulierung „America first“ als eine theologische Irrlehre für Nachfolger Christi....
Wir haben es dringend nötig, in einer moralischen und politischen Krise wieder die Kraft des Bekenntnisses unseres Glaubens zu entdecken. Klagen, bereuen und dann ausbessern...


Bekenntnisse des Mundes wachsen aus der Zerknirschung des Herzens. Sie sind das Fundament für Veränderung. Darum lasst es uns teilen und weitersagen.

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  Ohren zu hören, Augen zu sehen

Ohren zu hören, Augen zu sehen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.07.2018

Über diesem Tag heute heißt es aus dem 94. Psalm: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollt der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?“
Im Deutschunterricht der alten Schule habe ich gelernt, dass Wortwiederholungen zu vermeiden sind. Das ist mir so in Fleisch in Blut übergegangen, dass ich mich gelegentlich zur Ordnung rufen muss, damit die Vokabelvielfalt nicht die Präzision gefährdet.
Dass Martin Luther die alten Worte hochkreativ ins Deutsche übersetzte und notfalls auch neue Worte suchte, ist unstrittig. Er tat das, um den Sinn der biblischen Worte, ihre Wahrheit und Wirkmächtigkeit möglichst punktgenau zu treffen. Deshalb wird er es genauso gemeint haben, wie er schrieb. Und deshalb lohnt es, einem Moment dem Umstand nachzugehen, dass das Auge „gemacht“, das Ohr hingegen „gepflanzt“ ist.
Offenbar können wir, wenn wir einmal die Augen geöffnet, schwarz und weiß, Farben und Konturen unterschieden haben, sehen. Dieser Sinn scheint unbeeindruckt verlässlich zu funktionieren. Darüber mag man staunen, denn wir wissen ja, wie leicht das Auge geblendet wird, wie oft man den Wald vor Bäumen nicht sieht, dass eigentlich nur das Herz begreift, was es wahrnimmt.
Mit den Ohren hingegen, ist es von vornherein noch viel heikler. Ohren werden gepflanzt, brauchen Wurzeln und Nahrung, um nicht zu verkümmern, wachsen langsam. Darum lernt, wer nicht hören kann, nur mit größter Mühe sprechen. Und: Wer nicht hören kann, wie soll der verstehen?
Dabei glaube ich, dass das alte Bibelwort gar nicht so sehr die Tauben im Blick hatte, sondern die, die das Hören und Zuhören nicht gelernt haben, die Worte verstehen mögen, aber keine Botschaft hören können, die mit anderen sprechen aber nicht mitfühlen, deren Ohren verstopft sind, weil sie ur in sich selbst horchen…
Und auch: das Psalmwort erzählt von der uralten Sorge, Gott könnte uns nicht hören oder sehen. Wer unter uns Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, wird diese alte Angst verstehen – denn unsere Welt ist voll ungesehenem Leid, voll ungehörter Klage und Not…
Aber kein Zweifel: Gott sieht und hört das alles. Wir hingegen bleiben angewiesen auf ihn und sein Wort, damit unser Ohrenpflänzchen nicht verkümmert, denn so heißt es weiter im 94. Psalm: „Wenn der Herr mir nicht hülfe, läge ich bald am Ort des Schweigens.“

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  437 Verhandlungstage

437 Verhandlungstage

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.07.2018

Im Johannesevangelium wird folgende Geschichte erzählt:
„Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, ...- da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie….“
Ich erinnere mich, dass ich den Text zu predigen hatte, als der NSU-Prozess begann, 437 Verhandlungstage ist das her. Damals fragte ich mich, was wäre, wenn die Jünger eine Frau anbringen würden wie Beate Zschäpe? Würde Jesus Christus etwas anderes sagen, weil Ehebruch im Vergleich zu den NSU-Morden eine kaum wahrnehmbare Verfehlung ist? Oder gilt dann noch immer: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie….“
Mit der Offenheit zu Prozessbeginn, der Hoffnung, dass Beate Zschäpe sich nicht entziehen, sondern beteiligen würde, konnte ich sie in diesem Setting denken. Aber heute, nachdem sie abschließend erstmalig mit eigenen Worten gesprochen hat und sich selbst noch immer als Unverstandene beschreibt, die zur Aufklärung der Morde nichts beitragen kann, wird der biblische Text zur Zumutung.
Auch die Frau, von der Johannes erzählt, verhält sich nicht zu den Vorwürfen. Aber sie sagt auch nicht wie Beate Zschäpe: „Bitte verurteilen Sie mich nicht stellvertretend für etwas, was ich weder gewollt noch getan habe.“ Das Schweigen der Frau in der Bibel ist das Schweiger eines Menschen, der sich aus der Hand gibt, der nicht den Eindruck entstehen lässt, dass ihm Gnade zusteht. Es wäre dann keine Gnade mehr.
Die Rede von Beate Zschäpe dagegen ist geprägt von der Angst, dass ihr widerfährt, was ihr nach menschlichem Ermessen, zusteht. Es scheint, als könnte sie Gnade gar nicht denken. So kommt die Gnadenlosigkeit des NSU zu ihr zurück.

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  LOBE DEN HERRN MEINE SEELE …

LOBE DEN HERRN MEINE SEELE …

Dompredigerin Cornelia Götz - 04.07.2018

Über diesem Tag heute heißt es aus dem 103. Psalm: „Lobe den Herrn meine Seele und seinen heiligen Namen.“ In neueren Gesangbüchern gibt es dazu eine wunderbar schwungvolle Vertonung im 6/8-Takt. „Was er Dir Gutes getan hat, Seele vergiss es nicht. Amen.“
Für mich ist das ein Sommerlied, nicht weil das Loben im Winter abwegig wäre, sondern weil ich es mit Jugendfahrten verbinde. Ich stelle mir vor, dass unserer Jugendkantorei mit einem solchen Lied in den Tag startet oder dass es im Konfimandenferienseminar in Südtirol erklingt, dass es sich also für Menschen – vor allem junge – mit der Erfahrung verbindet, wirkliche Gemeinschaft erlebt zu haben, gefüllte Zeit, dass unser Glaube leben hilft – gerade dann, wenn es so schwer ist zu wissen, wo es langen gehen soll, was man tun darf oder lassen muss.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Landeskirche, die in diesem Jahr mit dem Sonderzug nach Südtirol gefahren sind, denken in den nächsten drei Wochen über ein Wort aus dem Markusevangelium nach, in dem Jesus seine Jünger fragt: „Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei?“
Ja, was denken wir?
Halten wir ihn für einen charismatischen Lehrer und begnadeten Rhetoriker, für einen Systemkritiker und radikal Alternativen oder tatsächlich für Gottes Sohn, dessen Leben du Sterben existentiell mit meinem Leben und Sterben zu tun hat?
Je nachdem, wofür wir Jesus Christus halten, wird das Konsequenzen haben.
Die Überlegungen eines Lehrer oder guten Redners kann ich in meinen eigenen argumentativen Baukasten übernehmen oder ablehnen, kann meinen kritischen Verstand daran schärfen und dann Abstand nehmen. Einen widerständigen Politiker kann man unterstützen, ihm Erfolg und Gelingen wünschen oder sich davor fürchten, dass er Macht in die Hände bekommt. Das alles sind vorläufige Dinge. Sie bilden die die Rollen und Machtmechanismen unserer Welt ab und beschreiben Koordinaten, denen man sich nur schwer entziehen kann, die letztlich nicht in die Freiheit führen.
Aber wenn wir uns wagen, den Gottessohn zu bekennen, wenn wir uns trauen, ihm zu vertrauen, dann wird die Begegnung mit dem Gottessohn unser Leben grundsätzlich anderes machen. Unser Scheitern wird nicht endgültig sein und unsere Ohnmacht einen anderen Horizont haben. Wir werden Mut fassen, an das Senfkorn zu glauben und daran, dass diese Saat aufgehen wird. Unser Leben wird nicht nur ein Wimpernschlag sein, sondern gottgeschenkte Zeit. Dann ist es nicht mehr weit, bis wir einstimmen:
„Lobe den Herrn meine Seele und seinen heiligen Namen, was er Dir Gutes getan hat, Seele vergiss es nicht. Amen.“

Ihre
Cornelia Götz

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  Lifeline II

Lifeline II

Dompredigerin Cornelia Götz - 03.07.2018

Als vor einigen Jahren die Härtefallkommission in Niedersachsen eingerichtet wurde, war eine der Fragen, ob zu den Straftaten, die in jedem Falle zu einer Ausweisung führen, auch Passvergehen gehören sollten.
Der damalige Landesbischof Friedrich Weber wehrte dieses Ansinnen mit dem Blick auf die deutsche Geschichte energisch ab. Nur, wer vergessen hat, dass man das Deutsche Reich seinerzeit als Flüchtling oft nur mit falschen Papieren verlassen konnte, dass der Handel mit Visen ein Spiel mit der Verzweiflung gegen die Zeit war, hat die Unverfrorenheit zu glauben, dass man auf den Wegen durch Länder und über Grenzen, in den Händen geldgieriger Schleuser und in Lebensgefahr, Passvergehen tätigen würde, um kriminelle Energie auszuleben.
Nur wer vergessen hat, dass Deutschland mit zwei angezettelten Weltkriegen selbst entsetzliche Flüchtlingsströme ausgelöst hat, nur wer die Ignoranz besitzt, die Heimwehkranken und Heimatlosen, die Halbwaisen, Vergewaltigten und durch Flucht traumatisierten unter denen zu vergessen, die alt geworden unter uns leben, kann die Hartherzigkeit aufbringen von „Asyltourismus“ zu reden.
Wahrscheinlich halten diejenigen, die solche Worte prägen und nutzen auch die Lebensrettungsmissionen auf dem Mittelmeer für „Asyltourismus“. Immerhin verweisen die chinesischen Hersteller und Lieferanten der chinesischen Einwegschaluppen auf der fantastische Antisinkqualität. Da kann man doch lange fröhlich im Meer treiben und Sonnenuntergänge bestaunen…
Zynismus ist fehl am Platz. Ich entschuldige mich. Aber was soll man denken? Während in den letzten drei Tagen 170 Menschen ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Mittelmeer gefunden haben, steht der Kapitän der Lifeline in Italien vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, zu viele Menschen an Bord gehabt zu haben, unter falscher Flagge gesegelt zu sein, und die Ortung seines Schiffes verhindert zu haben. Nachdem sein Schiff nun beschlagnahmt wurde, gibt es keine privaten Hilfsschiffe mehr, offizielle Schiffe zur Seenotrettung cruisen lieber dort, wo sie nicht in Verlegenheit kommen…
Margot Käsmann predigte indessen anlässlich ihrer Verabschiedung am Samstag in Hannover. Sie nannte die Dinge beim Namen: „Die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, das Ende des Arabischen Frühlings, der Krieg in Syrien … dieses Gehetze gegen Flüchtlinge in Deutschland und der Hass, der sich bei uns hemmungslos breitmacht - das schmerzt …“ und schrieb ihren Zuhörern ins Stammbuch: „Anders als all die Schlechtredner, Miesmacher, Gewaltandroher, Rassisten, Menschenrechtsverächter und Freiheitsfeinde werden wir die Vision vom Gelobten Land immer wieder umsetzen in kleinen Schritten."
Sie sagt nicht: „könnten“ oder „sollten“, sondern „werden“. Ja. Hoffentlich.



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  Magnifikat

Magnifikat

Heiko Frubrich, Prädikant - 02.07.2018

Besuch von Verwandten kann eine echte Heimsuchung sein. Das meine ich jetzt gar nicht mal negativ, denn ursprünglich hat das Wort „Heimsuchung“ den etwas merkwürdigen Beigeschmack gar nicht gehabt. Es beschreibt unter anderem tatsächlich einen verwandtschaftlichen Besuch, allerdings einen sehr schönen und würdevollen. Heute ist Mariä Heimsuchung. Und wir gedenken heute des Ereignisses, das uns der Evangelist Lukas übermittelt. Nach dem der Engel Maria mitgeteilt hat, dass sie auserwählt wurde, die Mutter Jesu zu sein, macht sie sich auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabeth und besucht sie ihn deren Heim. Auch sie ist schwanger und der Sohn, den sie zur Welt bringen wird, ist Johannes der Täufer.
Ich finde es immer wieder bewegend und rührend, welches Schicksal Maria zu durchleben hatte. Sie wird unehelich schwanger, ihr Mann droht damit, sie zu verlassen, was ganz zwangsläufig damit einhergehen würde, dass Maria alle Hoffnung auf ein einigermaßen gutes Leben hätte aufgeben müssen. Es wäre verständlich, wenn all das Maria in eine tiefe Angst und Verzweiflung gestürzt hätte und sie bei Elisabeth Hilfe, Rat und Unterstützung suchen würde. Doch Marias Reaktion ist eine vollkommen andere. Maria singt! Sie singt ihr berühmtes Magnifikat, das Lob- und Hoffnungslied schlechthin. Maria singt an gegen ihre eigene Angst, gegen die herrschenden Ungerechtigkeiten und der Text des Liedes hat fast schon revolutionäre Züge. Da ist zu hören, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird und dass die Niedrigen erhöht werden. Die Hungrigen werden satt und die Reichen gehen leer aus. Was für ein Gottvertrauen und was für eine Zuversicht klingen aus diesen Zeilen!
Ich denke, dass wir uns an dieser Haltung ein Beispiel nehmen könnten. Denn die Botschaft dieser jüdischen Frau an uns, sie lautet doch: Auch, wenn es noch so schwierig werden sollte in deinem Leben, auch, wenn du über den Berg der Probleme und Unsicherheiten kaum hinweg schauen kannst, behalte dein Gottvertrauen und verlass dich auf den Herrn, der es gut mit mir meint.
Marias Leben ist geprägt von Herausforderungen und Prüfungen, deren Tragweite wir aus heutiger Sicht kaum nachvollziehen können. Sie erkennt ganz klar, dass das Verhalten ihres Sohnes Jesus kein gutes Ende nehmen kann. Sie versucht, ihn herauszuholen aus der Konfrontation mit den Mächtigen in Jerusalem, doch sie scheitert und sie muss zusehen, wie ihr Sohn von den römischen Besatzern hingerichtet wird. Doch selbst in dieser Situation bleibt sie Gott treu und so gehört sie mit zu den ersten, die von Jesu Auferstehung erfahren, die das leere Grab sehen und den Auftrag bekommen, der Welt von diesem größten Wunder aller Zeiten zu berichten.
Ich denke, dass man mit Recht sagen kann: Maria war eine Powerfrau. Unser Altar ist ihr geweiht und so ist der heutige Tag eine gute Gelegenheit, wieder einmal an sie zu erinnern.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Gottfried Wilhelm Leibniz zum Geburtstag

Gottfried Wilhelm Leibniz zum Geburtstag

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.06.2018

Morgen jährt sich der Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 – also am Ende des Dreißigjährigen Krieges - in Leipzig geboren wurde. Ganz ein Kind seiner Zeit, geprägt von den Verwüstungen dieses schrecklichen Krieges entwickelte sich Leibniz nicht nur zu einem Gelehrten, der die geistige Größe hatte, die Phänomene der Welt zusammenzuschauen und vorzudenken, sondern auch zu einem Ireniker, einem der hofft kraft seiner Vernunft friedliche Wirklichkeit gestalten zu können. So stritt er für eine einheitliche Kirche und eine Staatenverbindung zur Friedenswahrung und war den Denkern der Aufklärung voraus, indem er Toleranzprinzipien beschrieb. Dazu gehörte die Einsicht, dass Bekenntnisse allermeist mit dem Recht haben, wofür sie einstehen aber selten mit Blick auf das, was sie verneinen und hielt – noch immer hochaktuell - den „Ort des Anderen für den wahren Standpunkt sowohl in der Politik als auch in der Moral.“ Perspektivwechsel, das Gehen in den Schuhen der Fremden, schafft eben Erfahrung und so bei weitem mehr Verständigung und Verstehen als der reine Schlagabtausch von Argumenten.
Betrachtet man sein Werk von heute, dann staunt man über die Weitsicht, mit der er intelligente Maschinen ahnte, die Mathematik genauso wie den Raumbegriff revolutionierte und eine Idee für die denkbar kleinste Form, nämlich die Unteilbarkeit aller Dinge und Individuen fand: „Monaden“ nannte er das.
Für uns Christen wurde schließlich seine Antwort auf die Fragte nach dem Bösen mithin der Allmacht oder Ohnmacht Gottes wichtig. Für den Gelehrten, der Frömmigkeit schätzte und verteidigte, war es unstrittig, dass Gott selbstverständlich die beste aller möglichen Welten geschaffen habe. Wenn es Böses gibt, dann muss es für etwas gut sein und sei es nur, dass wir es überwinden. Mit der Gräuel des 20. Jahrhunderts im Gepäck wird man das so nicht mehr denken können, aber von dort aus kann man losgehen…
Schließlich wurde Leibniz auch regionalgeschichtlich bedeutsam: 30ig-jährig wurde der Universalgelehrte Bibliothekar in Hannover und dort von seinem Landesherrn Ernst August beauftragt, eine Welfengeschichte zu schreiben. Allerdings taugte das Großhirn nicht für die Beschränkung auf eine politisch brauchbare Dynastiegeschichte, denn sein Interesse galt der Geschichtswissenschaft und ihrer Methodik als solcher. Schon die Einleitung, so Gero von Randow, wurde deshalb ein eigenes Werk zur Vorgeschichte der Erde, die ungefähr so klang: „Der erste Schritt in der Entstehung der Dinge ist die Trennung des Lichtes von der Dunkelheit, also des Aktiven vom Passiven.“ Weil er die Braunschweigische Geschichte zudem sorgfältigst in den Kontext der europäischen und deutschen Geschichte einbetten wollte, beschäftigte ihn allein dieses Projekt lebenslänglich.
Zuletzt: Auch wenn Leibniz sich mit Bergbau Rechenmaschinen, Politik und Philosophie befasste, am wichtigsten schien ihm „die Erkenntnis Gottes und der Seele, die die Seele dazu bringt, Gott zu lieben und tugendhaft zu leben.“



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  Lifeline

Lifeline

Cornelia Götz, Dompredigerin - 29.06.2018

„Lifeline“ kann man, dachte ich, mit „Lebenslinie“ übersetzen. Lebenslinien mit ihrem auf und Ab, den Glücksfällen und Katastrophen kann man malen oder vielleicht in der Hand lesen, manchmal liegen sie ganz klar vor uns, manchmal verwirbeln sie sich oder verfitzen sich mit anderen Linien, dann wird es allermeist unübersichtlich und manchmal auch schmerzhaft. So kommt man der Präzisen Übersetzung näher:
Denn „Lifeline“ heißt „Rettungsleine.“
Die braucht es, um Menschen aus Gefahren zu bergen und ihnen in Lebensgefahr Hilfe zukommen zu lassen, sie retten zu können. Darum ist „lifeline“ auch richtig übersetzt mit: „lebenswichtige Verbindung.“ Die lebensnotwendige Verbindung schlechthin ist die Nabelschnur, auch das eine korrekte Übersetzung.
„Lifeline“ verbindet uns also auf existentielle Weise mit anderen Menschen, ohne sie, allein und auf uns gestellt, können wir gar nicht erst ins Leben finden. Lifeline markiert, dass wir manchmal auch auf Leben und Tod mit Menschen zusammenhängen, die wir vielleicht gar nicht kennen oder in unserem Leben haben wollen – egal. Die Menschlichkeit gebietet, die Rettungsleine nicht loszulassen. Wer schon mal in einem Bergseil gehangen und sein Leben dem anvertraut hat, der es hielt, weiß um die Radikalität der Situation.
Letzteres ist ein freundlicher Fall.
In Brüssel hat Angela Merkel mit ihren Kollegen über die Flüchtlingspolitik verhandelt. Für die Rettungsleine, an der ihre Macht hängt, wird sie einen hohen Preis zahlen, der nicht nur Spuren an ihrer Koalition und ihrer Glaubwürdigkeit hinterlässt, sondern auch infrage stellt, was sie „europäische Werte“ nennt.
Im Mittelmeer trudelte indessen ein Schiff der NGO „Lifeline“ und wartete darauf, irgendwo anlegen zu dürfen. An Bord befanden sich aus Seenot gerettete Flüchtlinge, allermeist Schwarze, Kinder, Frauen, Männer…
Sie dachten, wir halten das Seil fest und bergen sie…
Sie dachten – ja was eigentlich?
Dass man einfach so nach Europa reisen kann?
Die Mitglieder der Organisation Lifeline haben in dieser Woche einen offenen Brief an unseren Innenminister geschrieben. Ein Absatz daraus klingt so: „Stellen Sie sich vor, dass dort Männer, Frauen und Kinder - die nie schwimmen gelernt haben - auf überfüllten Booten ins Wasser fallen - ohne Schwimmweste. Stellen Sie sich den Kampf gegen das Wasser vor, das langsam aber sicher ihre Lungen füllt, bis sie ertrinken. Stellen Sie sich vor, dass Sie fordern, dass diesen Menschen nicht geholfen wird….“
Das mag man sich nicht vorstellen und sei es nur, weil Hesekiel, der im Namen unseres Gottes, an dessen Rettungsleine wir alle hängen, über diesem Tag sagt: „Du wirst an deine Wege denken und dich schämen.“



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  Die enge Pforte

Die enge Pforte

Katja Witte-Knoblauch - 28.06.2018

Erinnern Sie sich noch? Drei Jahre ist es her, dass im Frühjahr 2015 eines der großen Bootsunglücke geschah, in dessen Folge mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Damals waren es große Bilder und Emotionen. Das Bild eines etwa dreijährigen Jungen, der in der Türkei an den Strand gespült worden war, bewegte die Welt, bewegte zu künstlerischen Protestaktionen, zu Andachten hier im Dom – und letztlich wahrscheinlich auch zu jenem: „Wir schaffen das.“, der Kanzlerin, als im September eine erste große Flüchtlingswelle gen Deutschland zog. Und doch stehen all diese Nachrichten letztlich als „pars pro toto“. Als ein kleiner Ausschnitt einer viel tiefergreifenderen Wirklichkeit, als Spitze eines Eisbergs. Denn das Mittelmeer gilt inzwischen als einer der größten Friedhöfe der Welt, weil so viele Menschen, die illegal nach Europa zu gelangen versuchen, während der Überfahrt verhungern, verdursten, von Schleppern getötet werden oder bei Bootsunglücken ertrinken.

Damals waren es große Emotionen, derzeit allerdings habe ich den Eindruck, dass wir in der Folge unserer eigenen Ratlosigkeit verhärten. Kürzlich fragte mich jemand, wo denn all die Menschen seien, die 2015 noch von der Willkommenskultur geredet hätten. Tatsächlich lassen sich bei genauerem Hinsehen aber viele Menschen, Gruppen und Kreise finden, die treu weiter an der Integration arbeiten, indem sie Orte der Begegnung schaffen, Deutschkurse anbieten oder anders konkret daran mitarbeiten, dass Menschen hier in dieser Kultur ankommen. Warum nur sprechen wir so wenig von ihnen? Überhaupt scheint in der öffentlichen Darstellung derzeit kaum mehr jemand bereit, die einzelnen Menschen zu sehen, die hinter den Zahlen stehen. Nur so lässt sich für mich erklären, was rund um die Lifeline geschieht. Denn: Wäre es tatsächlich besser gewesen, sie hätte nicht im Mittelmeer gekreuzt und hätte diese zweihundert Menschen nicht gerettet? Oder sind uns vielleicht gar insgeheim die hohen Todeszahlen ganz lieb, weil wir zynisch darauf hoffen, dass sie zu einer negativen Mundpropaganda führen?

Nein, auch ich habe keine Idee, wie die Probleme einer Welt zu lösen sind, die auf der einen Seite immer näher zusammenrückt, wenn es um Informationen und Wege geht, und die auf der anderen Seite mit einer immer größer werdende Schere zwischen Armut und Reichtum umzugehen hat. Aber Ratlosigkeit entlastet doch niemanden davon, weiter im besten Sinne eines „Trial and Error“ an Lösungen zu arbeiten! Denn eines ist mal sicher: Abschottung und Wegducken haben noch nie geholfen. Und so bleiben wieder einmal die Worte des Neuen Testaments nur allzu wahr, in denen es heißt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden.“ (Mt 12f.)

Auch bei schweren Fragen sollten wir Christenmenschen zumindest daran mitwirken, zu jenen zu gehören, die sich auf dem schmalen Pfad versuchen. Erkennen werden wir ihn daran, dass er zum Leben führt.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Ausgang und Eingang

Ausgang und Eingang

Katja Witte-Knoblauch - 27.06.2018

Schon wieder Ferien. So zumindest fühlt es sich für mich als Mutter an. War es nicht gerade erst, dass ich von dieser Stelle dazu ermutigt habe, ganz gleich wie die Noten der Kinder ausgegangen sind, mit ihnen die wohlverdiente Halbjahreszeugnis-Pizza zu essen? Und jetzt ist schon wieder Pizza in meinem Bauch. Und dieses Mal war es nicht nur das Jahresabschluss-Zeugnis, das von den ferienseligen Knaben und Mädels unserer Grundschulklasse entgegen genommen worden ist, sondern es war das letzte Grundschulzeugnis überhaupt. Kinder, wie die Zeit vergeht… So standen wir Eltern heute Vormittag bedröppelt in der Aula, die eine oder der andere wischte sich ein Tränlein aus den Augen, und folgten unseren Kindern zu ihren Klassen, um dieses Mal wirklich alles mitzunehmen. Die Kinder umarmten einander, ihre Lehrer, Geschenke wurden verteilt. Abschied überall, wo man hinblickte. Doch es waren auch leise Stimmen zu hören, die meinten, es wäre doch schön, dass es jetzt wieder einen Neuanfang gäbe. Nicht mehr festgelegt sein auf eine bestimmte Rolle im Klassenverband oder in der Perspektive der Lehrer.

Und trotzdem einte uns wohl alle im Blick auf die Zukunft ein klein wenig die bange Frage, was da an Unbekanntem wohl vor unseren Kindern liegen mag. Denn das ist ja die andere Seite der Medaille: jedes Ende ist auch ein Anfang. Und alles, das neu ist, lässt grübeln: Wie wird es werden? Wird es gut sein? Besser oder gar schlechter?

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll Du uns die Hände.“,
heißt es in einem Kanon (EG 175). Das ist wahr. Oder wie es im 139. Psalm heißt: Ganz gleich, wohin ich sehe, schaue oder mich wende, worüber ich nachdenke oder wohin ich mit meinem Geist zu entfliehen versuche (Ps 139,18): „Am Ende bin ich immer noch bei dir.“ Und so sollten wir uns ganz sommerlich zusprechen lassen (Lk 12,27f.): „Seht die Lilien an, wie sie wachsen: sie spinnen nicht, sie weben nicht. Ich sage euch aber, dass Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn Gott nun das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird er euch kleiden, Ihr Kleingläubigen!“

Ganz gleich also, wie es wird, am Ende wird’s schon gut sein. Wir sind in Gottes Hand. In Russland, wo Deutschland in dieser Minute darum spielt, bleiben zu dürfen. In den Ferien, die so Gott will gute Eindrücke und Erholung schenken mögen. In jedem Schönen und in jedem, das uns umtreibt und Sorge bereitet, heißt es am Ende: Wir sind in Gottes Hand. Ich finde diese Einsicht unglaublich entlastend, denn ich glaube fest daran, dass Gott uns in allem Ergehen hält und behütet und bewahrt. In diesem Sinne möchte ich jetzt mit Ihnen in die Worte des 23. Psalms einfallen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. ….“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Freundschaft

Freundschaft

Katja Witte-Knoblauch - 26.06.2018

Im Schul- und Konfirmandenunterricht der Achtziger und Neunziger Jahre war es sehr beliebt, Jesus zum Freund zu erklären. Die Autorin Esther Maria Magnis meinte dazu einmal trocken: „Ich hatte genug Freunde. Da brauchte ich nicht noch einen Unsichtbaren dazu.“ Die Religionspädagogik hatte in naiver Fröhlichkeit versucht, ein Thema, das bei Jugendlichen relevant ist, zum Anknüpfungspunkt der Gottesfrage zu machen und scheiterte. Zu Recht. Denn Gottes Freundschaft ist doch noch einmal anderes. Im Johannesevangelium heißt es: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich auch euch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für die Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe. Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.“

Freundschaft ist ein großes Thema. Nicht nur für Jugendliche. Zwischenmenschlich geht es um Sympathie, Vertrauen, gegenseitige Hilfe und das Teilen von Alltagssorgen und Alltagsfreuden. Bei Jesus klingt das Ganze aber noch einmal anders, weil die Ausgangssituation eine andere ist: Während die Freundschaften auf dem Schulhof, in der Nachbarschaft oder wo auch immer von Menschen auf Augenhöhe sprechen, gibt es in diesem Text zwischen Jesus und seinen Jüngern ein Gefälle. Denn Jesus ist im Johannesevangelium nur auch Mensch, vielmehr aber ist er das fleischgewordene Wort – und also die Lebendigkeit Gottes selbst auf Erden. Er macht uns zu seinen Freunden; nicht wir ihn. Jesus kommt vom Himmel herab zu den Menschen, nicht um mit uns auf Augenhöhe Freund zu sein, sondern um uns mit sich hinaufzuziehen gen Himmel. Dieses biblische Wort setzt an die Stelle des verängstigten Befehlsempfängers, der sich furchtsam und klein einem übermächtigen göttlichen Willen beugt, den sich selbst bewussten Menschen, der aus freien Stücken erkennt, dass die einzig angemessene Antwort auf Gottes schöpferisches Tun unsere Liebe und unsere Freundschaft ist.

Und so sind wir tatsächlich seine Freunde, indem wir den Willen des Himmels auf Erden tun. Indem wir auf das schauen, worin wir einander sympathisch sind, indem wir vertrauen, indem wir uns gegenseitig helfen, indem wir Alltag teilen, indem wir Freunde sind. Auf diese Weise werden wir – hier und da – wohl sogar an einem Stück Himmel auf Erden mitwirken können und darin die himmlischen Freuden der Gottesfreundschaft erleben.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Zufälle?

Zufälle?

Heiko Frubrich, Prädikant - 25.06.2018

3. Oktober 2005 – langes Wochenende, der 3. Oktober fällt auf einem Montag. Es ist später Nachmittag und ich bin in der Innenstadt unterwegs, noch ein wenig frische Luft schnappen und mir die Beine vertreten. Das Wetter ist mäßig – kein goldener Oktober, eher grau und regnerisch. Ich komme auf den Burgplatz und die Domglocken läuten. „Vielleicht ein Konzert zum Tag der deutschen Einheit“, denke ich. „Das wäre allemal besser, als hier durch den Regen zu laufen.“ Neugierig geworden gehe ich also hinein in diesen Dom.
Mit Gott und Kirche und Glauben hatte ich nicht viel am Hut. Ich war mit 16 Jahren aus der Kirche ausgetreten, also noch lange bevor es darum gehen konnte, Kirchensteuer zu sparen. Nein, als überzeugter Atheist, der auch keinen Hehl aus seinem Standpunkt machte, hatte ich diesem Laden den Rücken gekehrt. Später ist das Thema dann vollkommen aus meinen Gedanken und aus meinem Leben verschwunden. Und nun sitze ich also an diesem verregneten Oktobertag in einer Kirche, das erste Mal seit vielen Jahren. Allerdings gibt es kein Konzert, sondern einen ausgewachsenen Gottesdienst mit allem Drum und Dran. Aufstehen und gehen will ich nun auch nicht, also bleibe ich artig in meiner Bankreihe sitzen, im Stillen mich fragend: „Wieso bist du nicht einfach nach Hause gefahren?“
Doch dann kommt alles ganz anders, als ich es erwartet habe. Die Texte, die Gebete und die Musik setzten in mir etwas frei, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Die Worte der Bibel erreichen mich in diesem Gottesdienst mit großer Vehemenz und Eindringlichkeit und die besondere Kraft dieses Ortes tut ihr Übriges. Nach dem Gottesdienst mache ich mich auf den Heimweg – aufgerüttelt, bewegt, verstört und mit der Frage: „Was war das denn jetzt?“ Das schon lange vergessene Thema „Gott, Kirche, Glauben“ steht von jetzt auf gleich wieder auf meiner Agenda – und das mit hoher Priorität. Und meine früher so sauber strukturierten atheistischen Argumentationsketten mit ihrer vermeintlichen Logik und Rationalität, sie zerreißen wie sprödes Garn.
Heute bin ich sicher, dass bei dem, was mit mir an diesem Tag hier in diesem Dom geschehen ist, mehr im Spiel war, als ich sehen und hören konnte. Mir wurde mein Glauben an diesem Tag geschenkt – nicht mehr und nicht weniger. Ich war auch vor diesem 3. Oktober ein fröhlicher und zufriedener Mensch und wirklich nicht unglücklich, doch die Kraft, die Hoffnung und die innere Gelassenheit, die ich seitdem aus meinem Glauben ziehe, möchte ich nicht mehr missen.
Da ist einer, der mich annimmt wie ich bin, der mich trägt, der mich lieb hat und von dem ich gern erzähle, so, wie jetzt Ihnen. Mein Leben hat sich maßgeblich verändert – heute stehe ich hier zum 100. Mal – und das alles wegen eines zufälligen Besuches hier im Dom. Ach und übrigens: Zufälle sind ja bekanntermaßen solche Momente, in denen der Herr nicht erkannt werden möchte.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  "Scham wiegt schwerer als Schuld"

"Scham wiegt schwerer als Schuld"

Katja Witte-Knoblauch - 24.06.2018

Nachbarschaftshilfen sind eine wunderbare Angelegenheit. Menschen, die helfen können und wollen, gehen zu Menschen, die Hilfe brauchen. Das dachte sich laut einem Artikel der „Zeit“ auch eine Dame in einem kleinen 774-Seelen-Dorf. Sie hatte festgestellt, dass alte Hilfsstrukturen nicht mehr griffen, weil die Leute immer weniger Alltag miteinander teilten und so gar nicht mehr voneinander wussten. Da sie, von den Dorfbewohnern nur „die Gräfin“ genannt, im Dorf gut bekannt und anerkannt ist, fand sie schnell Menschen, die ihre Idee unterstützten. Eine Angebotspalette der Fülle entstand: von der Hilfe beim Einkaufen bis hin zu dem Angebot, verstellte Fernbedienungen wieder in Ordnung zu bringen. Informationszettel wurden gedruckt und an alle 320 Haushalte im Dorf verteilt. Aber es meldete sich niemand.

Später erzählte ein Mann, der seit einer Rückenoperation an den Rollstuhl gebunden ist, dass er das Angebot zwar eine gute Idee fand, aber nie auf den Gedanken gekommen wäre, es könne etwas mit ihm zu tun haben. Noch als die Gräfin vor ihm gestanden habe und ihn fragte, ob es stimme, dass sein größter Wunsch sei, noch einmal an die Elbe zu fahren, und ihn drängte, sich doch einen Namen aus der Liste auszusuchen, fiel es ihm schwer, das zu tun. Schließlich war er kein Hilfsbedürftiger und kam alleine klar. Am Ende aber gab er doch dem Drängen der Gräfin nach. Kurz darauf saß er am Ufer der Elbe, die ihm schöner erschien als je zuvor. Der Mann neben ihm war auch zufrieden, weil er so einfach hatte helfen können. Und auch seine Frau war glücklich, nicht nur über seine Freude, sondern auch, wie sie in einem Moment der Ehrlichkeit sehr leise formulierte, weil sie seit langem wieder einmal ein paar Stunden nur für sich hatte. Das Annehmen der Hilfe erwies sich am Ende für alle als Gewinn. Inzwischen sind weitere Ausflüge geplant, gar ein ganzes Wochenende. Drei zufriedene Menschen also plus der Gräfin, deren Plan aufgegangen war, nachdem sie über den Hilfsgedanken des Wunsches jenen Mann davon hatte überzeugen können, dass er eben doch zu der Gruppe der Hilfsbedürftigen gehört.

Als das Helferteam zu verstehen versuchte, warum eigentlich eine gute Idee nur so schwer aufgeht, deutete eine ehemalige Ärztin und Trauma-Therapeutin: „Scham wiegt schwerer als Schuld". Menschen schämen sich ihrer Hilfsbedürftigkeit und leugnen sie deswegen. Wie schade. Und die Gräfin zitiert ihrem Team jene wunderbare jüdische Geschichte, in der die Hölle als ein Ort beschrieben wird, wo Menschen vor einem köstlichen Mahl sitzen. Doch ihre Löffel, unlösbar mit den Händen verbunden, sind zu lang. Es gelingt ihnen nicht, das Essen zum Mund führen; trotz des Festmahls bleiben sie also hungrig und verzweifeln. Der Himmel nun sieht genauso aus, aber hier, so heißt es, fütterten die Menschen einander und würden deshalb satt. Das sei die Seligkeit.

… vermutlich hätten wir alle es hier und da nötig, unsere eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen und anzunehmen, damit wir die Hilfe, die uns angeboten wird, nicht verpassen, wenn sie uns begegnet.

"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." - Und das heißt auch: Jeder, der eine Last trägt, bitte den anderen mit ihm gemeinsam zu tragen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Einer trage des anderen Last

Einer trage des anderen Last

Katja Witte-Knoblauch - 22.06.2018

Kürzlich erzählte mir jemand von der Andacht einer Kollegin, die sich sehr für Gleichberechtigung und Inklusion einsetzt. Ganz gleich ob es um Ungleichberechtigung aufgrund des Geschlechts oder anderer Faktoren geht oder aber der Teilhabe von Menschen mit Handicap am Leben, sie ist eine der festen Stimmen, die spricht, wenn’s nötig ist. Sie habe, berichtete mein Gesprächspartner, von einem Vortrag erzählt, der vom Umbau von Gemeindehäusern hin zu barrierefreien Orten gehandelt habe. Das Ziel: Menschen sollen ohne Hilfe an den Ort und in den Raum gelangen können, zu dem sie möchten. Und dann habe sie gesagt: „Je länger ich zuhörte, desto klarer wurde mir, dass ich das aus theologischen Gründen ablehnen muss.“ Moment der Verwunderung. Denn warum sollte man aus theologischen Gründen etwas ablehnen, dass anderen zu ihrer Selbständigkeit verhilft?

Die Antwort fand ich so gut und so plausibel, dass ich Ihnen heute davon erzähle: Meine Kollegin habe nämlich gefragt, ob gut sei, wenn alles darauf ausgelegt werde, dass jede und jeder ganz für sich allein klar kommt. Heiße es nicht bei Paulus:
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2)
Was aber, so weiter, geschähe eigentlich mit solch einem Gedanken, der Menschen als unvollkommene und hilfsbedürftige Wesen ernst nimmt und sie deshalb aufeinander verweist, wenn wir alles so einrichten, dass die einen keine Hilfe mehr brauchen und die anderen sie nicht mehr schenken müssen? Habe es nicht auch eine gute Seite, wenn Menschen aufeinander angewiesen blieben? Schließlich tue es ebenso gut zu helfen wie Hilfe zu erfahren. Und gerade das mache Gemeinschaft doch aus. In einer Gemeinschaft geben Menschen aufeinander acht. Und es stelle sich doch die kritische Frage, ob solche Achtsamkeit nicht verloren gehe, wenn nichts mehr zum Nachdenken darüber zwingt, wo eigentlich Hilfe gebraucht wird.

So sehr ich ahne und auch einsehe, dass man für jeden Bereich des inklusiven Bauens durchaus sehr gute Gründe finden kann – z.B. dass nicht immer jemand da ist, der einen 100kg-Menschen wie z.B. meinen Schwiegervater die Treppe hochzutragen vermag, und es schon deshalb rollstuhlfähige Zugänge braucht, so richtig finde ich es, darüber nachzudenken, ob nicht die Isolation die Kehrseite der Medaille einer Welt ist, in der Menschen nicht nur alleine klar kommen können, sondern dann irgendwann vielleicht auch alleine klar kommen müssen. Wo halten wir den Gedanken im praktischen Leben hoch, dass es gewinnbringend ist, wenn Menschen sich umeinander sorgen? Und betrifft das Ganze vielleicht nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern jede und jeden von uns – mit und ohne Handicap? … aber das ist eine andere Andacht, nämlich die von morgen.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Freude auf die Ewigkeit

Freude auf die Ewigkeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 21.06.2018

Manchmal erlebt man wundersame Momente. So erzählte jüngst ein Mann von seinem Bruder, der sich allmorgendlich in die „Freude auf die Ewigkeit einübte“ und das offenbar so überzeugend macht, dass er das auch ausstrahlt, wenn er aus seiner Tür tritt. Man kann ein bisschen flapsig denken: „So Einen möchte ich morgens auch treffen und mich anstecken lassen und wenn wir das dann alle haben, brechen goldene Zeiten an… “
Der Gedanke beschäftigt mich. Warum eigentlich nicht eine tägliche Übung im Freuen? Besser kann man wahrscheinlich gar nicht in den Tag kommen. Aber wie kann das gehen; braucht es dazu die Weisheit des Alters?
Max Frisch hat irgendwann, wer weiß wie alt er da war, geschrieben: „Erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unserem dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und seiner Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, dass alles was ist, eine Gnade ist.“
Das klingt, als würde man, wenn man einmal mit dem Freuen begonnen hat, immer neue Gründe finden. Das Einüben lohnt also. Und die „Freude auf die Ewigkeit“ ist dann vielleicht die Königsdisziplin.
Auch die Bibel ist voller Freude. Es gibt alle Arten der Freude mit allen Sinnen: Entzücken, Vorfreude, Fröhlichkeit, Freude am seligen Moment. Das Hohelied der Liebe perlt davon regelrecht über, die Psalmen singen Lieder der Freude. Jakob freut sich, als er endlich Rahel freien darf und Josef, als sich seine Familie wiederfindet. Die Evangelien, Teil des „books of joy“ wie die Amerikaner sagen, sind erst recht voller Jubel- und Freudeworte. Als Maria Elisabeth besucht, hüpft das Kind vor Freude im Bauch der Mutter, der Engel der Weihnachtsgeschichte verkündet große Freude, die allem Volk widerfahren wird und am Ende seines Lebens sagt Jesus Christus zu seinen Jüngern im Johannesevangelium: „Ich rede zu euch, auf dass meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen sei.“ So möge es sein.
Vielleicht fangen wir also gleich morgen früh damit an, uns einzuüben in die Freude auf die Ewigkeit …



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  Reformationstag

Reformationstag

Dompredigerin Cornelia Götz - 20.06.2018

Jetzt haben wir also am 31. Oktober einen Feiertag und mussten darum nicht mal richtig kämpfen, wobei: den Feiertag haben Sie und wir Kirchenleute haben die Gestaltungshoheit an einem protestantischen Festtag. Letzteren hatten wir auch bisher aber jetzt haben hundert Parlamentarier dafür gestimmt, ausgerechnet den Reformationstag im niedersächsischen Jahreslauf hervorzuheben.
Dass in unserer doch eher multireligiösen und oft sehr säkularen Welt nun ein Tag für alle Niedersachsen arbeitsfrei ist, an dem es die Freiheit eines Christenmenschen also die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers, dass wir allein aus Gnade gerecht werden, zu feiern gilt, ist aber doch erstaunlich.
Bei einem „Europatag“ oder „Frauentag“ wüssten vermutlich mehr Menschen, wem sie nächst dem Landtag zu verdanken haben, warum sie nicht aufstehen müssen oder die Geschäfte geschlossen sind.
Jetzt also Reformationstag und bestimmt werden gleich alle Argumente der letzten zehn Jahre aus den Schubladen geholt, warum es kein Luthergedenktag ist, obwohl man schon allein angesichts seiner Verdienste um die deutsche Sprache wegen, nicht umhin kann, ihn unter die Großen zu zählen.
Uns kann die Herausforderung in jedem Falle recht sein. So haben wir jedes Jahr eine neue Chance, den Kerngedanken unseres Glaubens ins Licht zu setzen. Es wird unserer Gesellschaft nicht schaden, uns immer von neuem daran zu erinnern, dass wir Menschen unser Leben und unsere Welt aus eigenem Vermögen nicht zurecht bringen können, sondern dass wir alle aus Gnade und Barmherzigkeit leben. Erst wenn wir durchbuchstabiert haben, dass sich die Früchte unseres Lebens zuerst Gottes Gnade und seinem Segen und erst danach unserer Leistungsfähigkeit verdanken, werden wir auch Wege finden, die von uns absehen und dem Nächsten dienen.
Wenn dann noch das kulturelle Gedächtnis Bildung und Gemeinwesen als keineswegs selbstverständliche Errungenschaften erinnert, haben wir einen Tag im Jahr, der unserem inneren Kompass als Menschen, die in dieser Welt leben, nur nützlich sein kann.
2018 gedenken wir übrigens auch des Beginns des Dreißigjährigen Krieges. Auch der ist eine Folge der Reformation. Darum wird dieser neue Feiertag in sich tragen, sorgfältig und achtsam nach rechts und links zu sehen. Es geht nicht um Dominanz und Rechthaberei sondern um gottesfürchtiges und gottgefälliges Leben, nicht kleingemacht sondern zur Freiheit befreit, denn – so heißt es im ersten Korintherbrief: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

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  Abschreckung

Abschreckung

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.06.2018

Als ich ein Kind war, gingen meine Eltern manchmal abends aus. Sie ließen dann das Licht in der Garderobe brennen und legten einen kleinen freundlichen Gruß parat, falls ich wach werden und sie suchen sollte. Einmal muss ich diese beruhigenden Zeichen übersehen haben, denn ich erinnere mich noch, barfuß und brüllend im Treppenhaus zu stehen voll panischer Angst, dass sie endgültig weg sein könnten.
Solche Trennungsangst gehört zu den Urerfahrungen von Kindheit. Das Vertrauen in die Welt muss erst wachsen, bis dahin garantieren Eltern Zuflucht und Geborgenheit.
Meistens jedenfalls. Vom Missbrauch dieser Konstellation will ich heute nicht reden…
Dafür über das Elend, welches Familien erleiden, wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie für den Lebensunterhalt sorgen sollen, wenn Haus und Hof verloren gehen, Menschen sich auf die Flucht begeben müssen. Was immer zu diesem Thema inzwischen auch in unserem Land laut wird: ich werde niemals glauben, dass Mütter und Väter sich mit ihren Kindern leichtfertig auf eine so gefährliche Reise ins Ungewisse begeben. Darum ist es unfasslich grausam, dass in dieser ohnehin angstbesetzten schlimmen Lage Kinder von ihren Eltern getrennt werden. So geschieht es derzeit massenhaft und systematisch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
Dahinter liegt nicht nur menschenverachtende Unbarmherzigkeit die jeder Moral spottet, sondern auch ein Axiom, das auch hier in Deutschland durchaus salonfähig ist und – man halte sich fest – als sinnvolle Strategie verstanden wird: Abschreckung. Krieg der Bilder.
Mit den Flüchtlingen soll so schrecklich umgegangen werden, dass der dem Wort innewohnende Schreck sich in Windeseile verbreitet und Menschen abschreckt, sich auf den Weg in unser reiches christliches Abendland zu machen…
Wir treten also ein in ein „neues Zeitalter öffentlicher Grausamkeit“, erschrecken uns kurz und schämen uns nicht. Andernfalls liefe die aktuelle Asyldebatte in Deutschland anders.
Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung liest sich das so: „Die Transporttoten, die Erstickten und Ertrunkenen, die schmutzigen Lager, die schneidenden Zäune und jetzt die entrissenen Kinder, all das was seit vielen Jahren an den Rändern der westlichen Welt alltäglich geworden ist, erregt von Fall zu Fall ein vorübergehendes Entsetzen. Im schlimmsten Fall entwöhnt es uns von einem historisch fragilen Grausamkeitstabu…“
Ob das der schlimmste Fall ist, weiß ich nicht.
Aber ich weiß, dass uns im Matthäusevangelium gesagt ist: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“




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  Vom Helfen und Dienen

Vom Helfen und Dienen

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.06.2018

Kirchliche Arbeit hat immer eine ganz starke Komponente des Dienens und des Helfens. „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“, sagt uns Jesus Christus. Das sind große Worte, die beim ersten Hören auch sehr eingängig klingen, doch wie so oft im Leben ist es auch mit dem Dienen und Helfen nicht so ganz einfach.
Ist es uns Menschen überhaupt möglich, anderen zu helfen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen? Ich denke schon. Glücklicherweise kommt es immer wieder vor, dass Menschen anderen helfen, ohne dafür konkret eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung zu erwarten. Das passiert jeden Tag millionenfach im Kleinen, in dem wir einander eine Tür aufhalten, beim Ein- und Aussteigen in die Straßenbahn behilflich sind oder dem Menschen, der hinter unserem vollen Einkaufswagen nur seine drei Bananen bezahlen möchte, an der Supermarktkasse den Vortritt lassen.
Aber ist das wirklich alles so selbstlos und uneigennützig? Wie sieht es aus mit unserem guten Gefühl, das sich bei uns einstellt? Schmälert ein solches Gefühl den Wert unserer Hilfe und ist es überhaupt erlaubt? Ich denke schon. Denn zum einen können wir es kaum verhindern, dass wir uns gut fühlen, wenn wir helfen können und zum anderen wäre es eine schlechte Alternative, nur deshalb darauf zu verzichten, anderen zu helfen. Bisweilen ist es schwer, demütig zu bleiben. Doch gemeinsame Freude beim Hilfe geben und Hilfe annehmen – vielleicht ist das ja ein Teil des Gotteslohnes, den wir umgangssprachlich in diesem Zusammenhang bisweilen bemühen.
Unabhängig davon setzen wir uns als Helfende auch immer wieder der Kritik unserer Mitmenschen aus. Am Ende eines Gottesdienstes für eine Kollekte aufzurufen, mit der wirklich alle einverstanden sind, ist nahezu unmöglich. Warum ausgerechnet dafür spenden und nicht für irgendetwas anderes? – diese Frage ist unvermeidbar. Oder in größeren Kategorien gedacht: Mutter Teresa hat ihr gesamtes Leben in den Dienst von Kranken und Benachteiligten gestellt. Dennoch wird ihr vorgeworfen, dass sie ihre Popularität nicht auch dafür verwendet hat, die sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Indien zu verändern. Wer offen hilft, setzt sich auch immer der Kritik anderer aus.
Wirklich selbstlose, perfekte und von allen anerkannte Hilfe ist unter uns Menschen eine echte Herausforderung. Dennoch, zu helfen und zu dienen gehört zum christlichen Auftrag wie das berühmte Amen in der Kirche. Gott hat es uns in Jesus Christus vorgelebt und hierzu gehört auch das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht: „So spricht der HERR: Es soll meine Freude sein, ihnen Gutes zu tun.“ Lassen wir uns von diesen Worten inspirieren und schauen wir einfach ganz unverstellt auf die, die unsere Hilfe nötig haben. So haben wir eine Chance, diese Welt ein bisschen menschlicher, freundlicher und liebevoller werden zu lassen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  „Deine Seele ist ein Vogel…“

„Deine Seele ist ein Vogel…“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 16.06.2018

Gerhard Schöne, ein DDR-Liedermacher, der seinerzeit vorzugsweise in Kirchen sang, wusste immer schon, dass Kinderlieder nicht harmlos sind oder sein müssen, denn Kinder haben feine Antennen für die Aufrichtigkeit anderer Menschen und erspüren schnell, wenn ihnen nur die Hälfte gesagt wird. Zugleich lassen sie sich bereitwillig auf Geschichten und Bilder ein, sortieren gebannt in Gut und Böse. Viele der Lieder von Gerhard Schöne kamen deshalb als Kinderlied daher und wurden dennoch begierig von Erwachsenen gehört.
Einer seiner Texte klingt so:
„Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.
Deine Seele ist ein Vogel, / stopf nicht alles in ihn rein. / Er wird zahm und satt und träge, / stirbt den Tod am Brot allein.
Deine Seele ist ein Vogel, / schütze ihn nicht vor dem Wind. / Erst im Sturm kann er dir zeigen, / wie stark seine Flügel sind.
Deine Seele ist ein Vogel, / und er trägt in sich ein Ziel. / Doch wird er zu oft geblendet, / weiß er nicht mehr, was er will.
Deine Seele ist ein Vogel. / Hörst du ihn vor Sehnsucht schrein, / darfst den Schrei du nicht ersticken, / bleibt er stumm, wirst du zu Stein.
Deine Seele ist ein Vogel, / stutze ihm die Flügel nicht, / denn er will sich doch erheben / aus der Nacht ins Morgenlicht.“
Da ist alles drin: Der Glaube daran, dass wir mehr sind als nur Haut und Knochen, Wissen und Reflex. Die Angst davor, dass unsere Gefühle und wir selbst ersticken könnten, taub und leer werden. Die Sehnsucht nach Freiheit und Sinn, dass unser Leben mehr ist, Grund und Ziel hat.
Beim ersten Hören mag man denken, ja: das mit dem Vogel ist ein schönes Bild. Aber die Kunst eines besseren Liedes ist es, dass es Kontexte und Resonanzräume eröffnet, dass es zwischen den Zeilen und Worten mehr und mehr und mehr erzählt. Das tut auch dieses Lied. Wer hören kann, der hört darin den 124. Psalm, auch der ein Lied, ein Gedicht, das mehr erzählt: „ Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel / dem Netze des Vogelfängers; / das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. / Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, / der Himmel und Erde gemacht hat.“


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  Machtkämpfe

Machtkämpfe

Dompredigerin Cornelia Götz - 15.06.2018

In Berlin tobt ein Machtkampf. Die Protagonisten sind bekannt. Dass sie sich in die Haare kriegen können, war schon immer mal wieder zu beobachten. Jetzt hat die Schlacht neue Ausmaße und Schärfe angenommen. Man kann davon ausgehen, dass nur einer übrig bleiben wird und auch er wird Blessuren davontragen…
Worum es letztlich geht, ist nicht so leicht auszuloten. Da hat der kluge Kolumnenschreiber Heribert Prantl sicherlich recht, wenn er sagt: „Es geht letztlich gar nicht so sehr um die Abweisung von Flüchtlingen direkt an der Grenze, es geht um irgendeinen Flüchtlings-Großkonflikt, um sich von der Kanzlerin abzugrenzen und Anschluss an die Anti-Flüchtlingsstimmung zu kriegen.“ Denn „die Abweisung der Flüchtlinge direkt an der Grenze, ist bayernfeindlich, … Bayern würde sich abriegeln - das ruiniert Wirtschaft und Tourismus.“
Es geht also um Macht und Deutungshoheit, oben und unten, Abgrenzung und Ausgrenzung, innen und außen, wir und die, ich und alle.
Berlin bietet dafür im Moment ein ordentliches Spektakel, ist aber keineswegs der einzige Austragungsort solcher Spiele.
Auch in unseren Zusammenhängen hier, erlebe ich, dass es nicht zuerst darum geht, das „Beste zu suchen“, fürsorglich zu agieren, sondern dass sehr formal deutlich gemacht wird, an wem man nicht vorbeikommt, sei es nun die Mitarbeitervertretung oder ein anderes Gremium.
Dabei vergisst man schnell, wieviel Kraft mit solchen Kämpfen verschwendet wird, wieviel Vertrauen verloren, wieviel Lebenszeit vorübergeht.
Während der Theaterformen, einem wirklich großartigen Festival, das unsere Stadt aktuell beherbergt und sie ziert, konnte man das Stück einer französischen Regisseurin mit vietnamesischen Wurzeln sehen: „Saigon“.
Als es lief, war es im groben Haus des Theaters drückend schwül, manchmal tropfte die Zeit. Zu recht. Denn so wurde wirklich schmerzhaft bewusst, dass manchmal ein ganzes Leben nicht ausreicht, damit es noch mal gut wird, wenn man zum Spielball politischen Kräftemessens geworden ist.
Wer immer auf Entscheidungen wartet, sei es, um endlich Familiennachzug zu gewähren, Luftverschmutzung einzudämmen oder eine bezahlbare Wohnung zu finden, wartet, während irgendwo „oben“ um Macht gerungen wird. Es kostet ihn Gesundheit, Kraft, Lebensmut, Hoffnung…
Und dieses eine Leben geht einfach vorbei.
In solchen Momenten staune ich, dass Paulus – der all das sicher auch kannte- dennoch oder vielleicht gerade erst recht im Römerbrief schrieb: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Wer weiß, was ihm diese Gewissheit gab. Vielleicht empfand er stärker als wir die Vorläufigkeit und Endlichkeit menschlicher Macht. In jedem Fall hat ihn und viele nach ihm dies Bekenntnis geholfen zu leben und auch wir können uns darin bergen.



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  Jenseits

Jenseits

Katja Witte-Knoblauch - 14.06.2018

Ein bisschen ist es schon her, dass der Astronaut Alexander Gerst in Richtung Weltraum abgehoben ist. Aber die Bilder sind durchaus noch vor Augen. Da stehen er und seine Kollegen zu einem letzten Interview bereit und erzählen von dem, was vor ihnen liegt, ihrer Aufregung vor dem ersten Abheben oder dem eher planenden Denken desjenigen, der schon einmal in den Weltraum geflogen ist. Als ich die drei so nebeneinander stehen sah, eine Amerikanerin, einen Russen und einen Deutschen, da dachte ich: „Wie großartig! Wenn es um den Weltraum geht, dann spielen Nationalinteressen im Jahr 2018 anscheinend nur noch eine untergeordnete Rolle.“

Vielleicht ist es ja wirklich so, dass fern der Erde und fern aller irdischen Sorgen und Nöte der blaue Planet einfach nur noch staunenswert ist. Und dass man plötzlich die eigene Spezies nicht mehr begreift, die so unfassbar viel Energie in ihre Hegemonialinteressen steckt, dabei weder scheut, sich gegenseitig umzubringen, noch ihren Reichtum auf Kosten von Natur oder anderer Menschen zu entwickeln und voll auszuleben. Was geschähe, wenn wir Menschen tatsächlich friedlich beieinander wohnten? Und was, wenn wir dem Schöpferauftrag nachkämen und die Schöpfung hüteten und bewahrten?

Fern des Irdischen Klein-Klein wird plötzlich deutlich, dass das Leben wirklich – wirklich! – gut sein könnte. Trotz aller Naturkatastrophen und Krankheiten, die im konsequenten Denken einer geschaffenen Welt wohl notwendig dazu gehören. Es ist die beste aller möglichen Welten, so formulierte es Gottfried Wilhelm Leibniz einst. Keine Willkürwelt, sondern gute Schöpfung mit fester Ordnung. Und das, was wir in ihr als Unglück erfahren: wer weiß schon, was davon wirklich Unglück ist. Zumindest gilt das für mein Leben: eine jede Krise war schwer, aber nicht jede unnütz. Einige davon würde ich natürlich auch rückblickend gerne streichen. Und bei anderen bleibe ich zurück und frage mich bis heute, was wohl geschehen wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte. Aber für alle Krisen gleichermaßen gilt: Ich habe durch sie gelernt, manches neu verstanden, und sie haben mich geformt.

Mit Abstand sortiert manches sich noch einmal anders; plötzlich staunt man über sich selbst und fragt: Wozu? Wozu all die Missgunst, der Streit, das verbissene Kämpfen um Macht und Geld? Was war es eigentlich, dass uns das Miteinander so schwer gemacht hat? Warum haben wir nicht in den Frieden gefunden? Und jenseits – nicht des Weltraums, aber des Vergangenen steigen die demütigen Worte des Psalmisten auf:
„Herr, du erforschest mich und kennest mich. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. Aber wir schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich immer noch bei dir.“ (Ps 139.1,13f.,17f.)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Des Menschen Wille ist sein Himmelreich... - ???

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich... - ???

Katja Witte-Knoblauch - 13.06.2018

Der Tod ist eine sensible Angelegenheit. Wer trauert, dessen Leben ändert sich von einem Tag auf den anderen. Denn selbst wenn jemand alt und lebenssatt stirbt, bewirkt der Tod für jene, die täglich mit ihm in Berührung waren, eine Leerstelle. Die kümmernden Telefonanrufe fallen weg. Und so oft man vorher vielleicht über den Druck geklagt haben mag, dass man gar nicht weiß, wie dieses oder jenes Problem anzugehen sei, dass anderes sich auch gar nicht ändern ließe und wieder anderes ohnehin nur schlechter würde, so fehlen all dieser Stress und die Sorge nun, weil man es man letztlich eben doch gerne für diesen Menschen getan hat, der einem lieb und wert war. Erinnerungen steigen aus der Tiefe auf und plötzlich wird bewusst, dass diesen Erinnerungen keine einzige neue mehr hinzugefügt werden kann. Ein Leben ist abgeschlossen, und jene, die zurückbleiben, müssen ihre Wege zu trauern finden. Der bewusste Umgang mit dem Ende ist dabei ein hilfreiches Tun. Und so manchem Angehörigen ist es eine Erleichterung, wenn er weiß, was der Verstorbene für seine Abschiednahme gewünscht hätte.

Allerdings gibt es auch Wünsche, die eher ratlos machen. Denn was macht man mit dem Wunsch eines Mannes, der testamentarisch festgelegt hat, dass er in seinem Traumwagen beerdigt werden möchte? Vielleicht haben Sie die Randnotiz über dieses Ereignis in China ja auch in der Zeitung gelesen. Ich bin, offen gestanden, sehr froh, dass unser Bestattungsgesetz und unsere Friedhofsordnungen solchen Wünschen wehren. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen geschieht hier Vermüllung der Welt. Zum anderen ist es ein Umgang mit dem Tod, den ich nicht verstehe. Was soll das Auto sein? Ist es eine Grabbeigabe? Dann ist es unsinnig, denn die Grenze zwischen Lebenden und Toten ist unüberwindbar; der Mann wird mit seinem Auto im Jenseits nichts anfangen können. Oder ist das Auto das goldene Kalb, der angebetete Gegenstand, um den dieser Mensch einst tanzte? Dann hat er auf Sand gebaut, und wir sollten lieber nach dem suchen, was im Leben und Sterben zu tragen vermag. „Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.“, heißt es in unserer Bestattungsagende. Und das ist wahr. Wozu also dieser Schrott um das herum, was einst lebendig war und nun tot ist und allein in seinem Vergehen zu Neuem werden kann. Das was ein Leben ausmacht, unsere Existenz, das ist ohnehin Gott anheim gegeben. Er führt es zu neuem Leben oder aber wir bleiben tot. Alternativen gibt es da nicht wirklich.

Und so bleibt nur zu hoffen, dass Menschen in ihrer Trauerbearbeitung sich nicht an solchen – im wahrsten Sinne des Wortes – hoffnungslosen Wünschen abarbeiten müssen, sondern sie am Ende in der Ruhe gewisser Hoffnung sagen können: „Der, den ich lieb hatte, glaubte, dass Gott ihn nicht fallen lässt, wenn er stirbt. Daran will ich mich halten.“

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht.
Glaubt an Gott und glaubt an mich. Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh 14,1.19)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Getauft auf deinen Namen

Getauft auf deinen Namen

Katja Witte-Knoblauch - 12.06.2018

Sind Sie eigentlich getauft? Und falls ja: was meint das für Sie? Ist es Ihnen wichtig? Ist Ihnen Ihre Konfession wichtig, also ob Sie evangelisch, katholisch, orthodox oder anderes sind? Oder verstehen Sie sich eher, wie ich es manchmal höre, als „christlich“ – und erscheinen Ihnen konfessionelle Unterschiede schon längst als von vorgestern?

Mir selbst ist die Frage nach meiner Konfession erst im Studium wichtig geworden. Tatsächlich habe ich da mühsam um meine eigene Position gerungen, habe mich durch die Theorie-Konstrukte der verschiedenen Denker und Kirchen gequält und habe am Ende meinen Luther lieb gewonnen. Trotz allem, was er an manchem auch verzapft hat. Aber eines seiner Theologie ist und bleibt mir wichtig, nämlich seine Erkenntnis, dass wir durch die Taufe Christen und darin alle miteinander gleich sind. Es gibt keine Karriereleiter des Glaubens, auf der z.B. mönchische Zurückgezogenheit höher stünde als ein Christendasein, das sich auch im beruflichen, familiären und politischen Leben der Ethik des Glaubens verpflichtet weiß. Und ein Bischof oder Papst steht vor Gott nicht anders da als jeder andere auch. Im Lutherdeutsch klingt das so: „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.“ (Luthers Schrift an den Adel, 1520)

Als Getaufte fühle ich mich meinem Gott zugehörig: „Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist; ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt. Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt“ (EG 200.1)
Die eigene Taufe anzunehmen gleicht dem bewussten Akt, sich selbst anzunehmen. Als die Frau, die ich bin. Ich nehme mich als Geschöpf Gottes an mit meinen Ecken und Kanten, Macken und Fehlern, mit meinen Stärken und meinem Können, meinen Lachfalten und meiner Lebenslust. Mit allem, das zu mir gehört. Die bewusste Annahme der Taufe gleicht einem Dank für das eigene Leben. Und gleichzeitig ist sie ein Bitten: „Ich möchte‘, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht‘, dass einer mit mir geht;“ (EG 209.1) heißt es in einem anderen Gesangbuchlied. Und weiter: „Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht‘, dass er auch mit mir geht.“ (EG 209.4)

Wenn wir im Konfi-Unterricht die Taufe erarbeiten, dann geht es um praktisches Zeug: Was gehört zu einer Taufe? Wasser und Wort. Wer lässt taufen? Der auf Gott vertraut. Und warum mit Wasser? Weil es Symbol ist für das Wegwaschen all dessen, das schmerzt und nicht gut ist, für die Lebendigkeit und die Freiheit. Aber im Grunde ist und bleibt die Taufe eine vertrauens- und hoffnungsvolle Antwort auf das Wort Christi, der da spricht:
„Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,20)

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  Tag der Domsingschule

Tag der Domsingschule

Heiko Frubrich, Prädikant - 11.06.2018

Gestern haben wir den Tag der Domsingschule gefeiert. Mehrere 100 Menschen aller Größen- und Altersklassen haben hier im Dom und auf dem Burgplatz ein buntes, großes und beeindruckendes Musikprogramm gezeigt. Wir sind schon stolz darauf, die größte evangelische kirchenmusikalische Einrichtung in ganz Deutschland zu haben. Ein großer Schatz und ein großes Geschenk!
Besonders beeindrucken mich immer die ganz kleinen Sängerinnen und Sänger. Viele von ihnen sind noch im Vorschulalter, können also nicht lesen, und sind aus diesem Grunde darauf angewiesen, alle Texte auswendig zu lernen. Diese Leistung finde ich wirklich bemerkenswert. Wenn sie das nächste Mal in einem Gottesdienst sind, probieren sie‘s doch mal aus, die Lieder ohne einen Blick ins Gesangbuch mitzusingen. Da trennt sich dann sehr schnell die berühmte Spreu vom noch berühmteren Weizen.
Gesang und Spiritualität gehören schon seit Urzeiten zusammen. Die alttestamentlichen Psalmen waren ursprünglich gesungene Gebete und sie bringen noch heute als Lob- oder Klagelieder intensivste menschliche Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck. Auch in der christlichen Tradition ist das Singen nicht wegzudenken. Der mittelalterliche gregorianische Gesang bestimmt noch heute die Liturgie unserer Gottesdienste und auch unsere großen Kirchen, so wie dieser Dom, sind akustisch auf Gesang ausgerichtet. Sollte hier einmal unsere Mikrofonanlage ausfallen, wäre ich von hier oben singend viel besser zu verstehen, als mit gesprochenen Worten.
Martin Luther war ein großer Wegbereiter des gottesdienstlichen Singens. Er hat mit kraftvollen und bildhaften Texten und eingängigen Melodien die frohe Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes unter die Leute gebracht. Noch heute sind viele seiner Lieder gottesdienstliche Gassenhauer, die durchaus auch in katholischen Messen gesungen werden.
Die Bibel berichtet davon, dass Gott auf Gesang ganz unmittelbar reagiert. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Paulus und sein Begleiter Silas festgenommen und misshandelt werden. Man legt sie in Ketten und sperrt die beiden in einen finsteren Kerker. Anstatt nun zu resignieren, beginnen Paulus und Silas mitten in der Nacht Loblieder zu singen, in denen sie Gott für alles Geschenkte danken. Und tatsächlich geschieht ein Wunder: Die Gefängnistüren öffnen sich, die Ketten werden gesprengt und Paulus und Silas und alle ihre Mitgefangenen sind frei.
Singen hat etwas Befreiendes – im übertragenen Sinne und in dieser biblischen Geschichte sogar sehr konkret und unmittelbar. Und Paulus fordert uns auf, Sie und mich, es ihm gleichzutun: „Ermuntert einander mit Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen!“ Probieren Sie es doch einfach mal aus – heute Abend in der Badewanne oder gern gemeinsam hier bei uns im Dom beim nächsten Gottesdienst.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Jakob

Jakob

Pfarrer Jens Paret - 09.06.2018

Jakob ist auf dem Weg, eigentlich ist er auf der Flucht. Die Angst sitzt ihm im Nacken. Er hat seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht betrogen und nun muss er Strecke machen. Er hat ein Ziel – und doch ist die Zukunft ungewiss. Beschwerlich ist der Weg, die Temperaturen heiß, die Wüste staubig. Er reist allein. Das hilft, um zu sich zu finden. Es ist aber auch mühsamer und gefährlicher. Am Abend legt er einen Stein zu seinen Häupten und legt sich schlafen. Und im Schlaf, da träumt er. Ihm träumt und er sieht eine Leiter, auf Erden stehend, die rührt mit ihren Spitzen an den Himmel und die Engel Gottes steigen daran auf und nieder. Und oben Gott, der ihm verheißt: Ich bin mit dir, wo auch immer du bist und sein wirst. Ich werde dich nicht verlassen, ich segne dich und deine Nachkommen. Und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
Die Gottesbegegnung verändert den Ort. Er ist ein heiliger Ort – aus heiterem Himmel. Jakob errichtet ein Steinmal, gießt Öl drüber und nennt die Stätte Bethel, Haus Gottes.
Und die Begegnung mit Gott verändert die Person. Das Hier und Jetzt dieses Traumes hat Folgen. Nicht alles wird fortan reibungslos verlaufen und glücken auf dem Lebensweg, aber Jakob weiß Gott im alltäglichen Hier und Jetzt bei und um sich und das macht ihn getroster, gelassener, lebensmutiger.
Auch wir hier und jetzt, im Heute dieser Welt, haben unsere Weg und unsere Ziele. Und auch wir haben Gottes Verheißung. Auch wir sind gemeint und gesegnet. Und so können auch wir das Leben getrost wagen, neu angehen und gestalten. Die Kirchen, die Gottesdienste, die Musik, etwa durch Posaunenchöre hier heute Mittag und um 18 Uhr bei der Serenade des Landesposaunentags auf dem Burgplatz und morgen um 16 Uhr bei der Festmusik auf dem Löwenwall, erinnern uns daran: Die Zeit zu beginnen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier. Hier und jetzt will die Verheißung sprechen und den Teufelskreis der Furcht, Gleichgültigkeit und Trägheit durchbrechen. Die Zeit uns zu wandeln ist jetzt. Die Zeit für die Umkehr ist jetzt. Im Hier und Jetzt, in jedem Moment, an jedem Ort. Und wir können das! Du kannst das! Die Zeit zu vertrauen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier. Auf Gottes Nähe und Treue können wir bauen. Diese Verheißung wird uns tragen – hier und jetzt, immer wieder neu.

Ihr
Jens Paret
Pfarrer an St. Johannes, Hondelage

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  Der Tian’anmen-Platz

Der Tian’anmen-Platz

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.06.2018

Vor 29 Jahren saß ich Anfang Juni abends im Trabant eines Freundes, wir fuhren von Erfurt nach Weimar und wollten dort ins Nationaltheater gehen, um Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ anzusehen. Es waren angespannte Tage. Im Sommer 1989 verließen massenhaft Menschen das Land und es lang eine Mischung von Agonie und Aufbruch über allem, die sich manchmal entsetzlich einsam und dann wieder ungeheuer kraftvoll anfühlte.
Wir waren gespannt auf den Abend. „Die Übergangsgesellschaft" sollte so etwas wie ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR sein. Dass das Stück schon ein paar Jahre existierte und jetzt erst auf die Bühne durfte, machte es umso reizvoller zumal man ja geübt war, zwischen den Zeilen zu hören. Volker Braun hatte gesagt: "wenn in einer Gesellschaft nichts mehr zu erwarten ist - das war das Grundgefühl -, dann bedarf es des radikalen Bruchs mit der alten Existenz. Das ist das, was wir fürchten und wozu die Kunst ermutigt."
Was wir da zu fürchten hatten, ahnten wir nur ungefähr. Wir waren ins Gespräch vertieft und hörten nebenher Westradio – so gut das eben in diesem Auto ging – als auf einmal eine Nachricht aus Peking durch den Äther ging, die uns das Blut gefrieren ließ: Auch in China hatte es eine Demokratiebewegung gegeben, viele die sich dabei auf die Straße wagten, waren junge Leute wie wir…
Am vierten Juni 1989 wurde dieser Aufbruch auf dem Tian’anmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens mit militärischer Gewalt beendet. Hunderte Menschen, wenn nicht sogar mehrere Tausend starben. Bis heute ist das öffentliche Gedenken an die Opfer des Massakers in China verboten…
Ich werde nicht vergessen, wie nüchtern die Erkenntnis war, dass wieder und wieder Panzer gegen wehrlose Demonstranten eingesetzt werden - dieses Wissen kroch einem im Herbst 1989 manchmal in den Nacken, denn auch in der DDR standen Kampftruppen bereit…
Zum Glück kam es so nicht. Die friedliche Revolution ein Stück deutscher Geschichte für das man nicht dankbar genug sein kann.
Wie anders in China! Die Mütter und Väter der chinesischen Studentinnen und Studenten haben ihre Kinder nicht nur verloren, sie müssen auch ihre Trauer verstecken, denn die Opfer des 4. Juni 1989 werden bis heute totgeschwiegen.
Daran sollten wir uns nicht beteiligen sollten.
Darum ist es wichtig, sich zu erinnern.
Darum ist es wichtig, denen zu widersprechen, die mit platten Parolen historische Schuld wegbügeln.
Die Tageslosung am 4. Juni 1989 hieß: „Seht zu, liebe Brüder, dass keiner unter euch ein böses ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott.“ Ja, da sollten wir zusehen. Es ist noch lange nicht alles gut.



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  Wie im Himmel so auf Erden…

Wie im Himmel so auf Erden…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.06.2018

Während Alexander Gerst heute Vormittag darauf wartete, endlich den angenehmen Druck der Raketentriebwerke im Rücken zu spüren, sass ich im Pfarrkonvent, der Dienstbesprechung der Braunschweiger Pfarrerschaft. Mühselig haben wir alle Eventualitäten auseinanderklamüsert, die bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen zu Abstimmungsproblemen führen könnten. Man sollte meinen, dass das keine allzu großen Schwierigkeiten macht – aber schon in unserer mittelgroßen Stadt sind Erfahrungen und vor-Ort-Situation manchmal so verschieden, dass man sich kaum auf eine gemeinsame Handhabung einigen kann.
Mit einem solchen Vormittag im Rücken hört man dann im Radio von der Implementierung der Kohlekommission in Berlin und ihren schwer vereinbaren Aufträgen, Klimaziele zu erreichen mithin den Braunkohleabbau zu beenden und trotzdem Arbeitsplätze zu erhalten ganz zu schweigen von den transatlantischen beim Antrittsbesuch des amerikanischen Außenministers und beginnt sich zu fragen, wie es denn überhaupt gelingen kann, miteinander klarzukommen.
Sehr tröstlich, wenn dann der Astronaut sagt, wie wunderbar es ist, mit einer Amerikanerin und einem Russen unterwegs zu sein und dass dort oben Verständigung auf eine Weise möglich ist, wie man sie sich unten auf der Erde nicht vorstellen kann.
Das haben wir ja immer schon geahnt – im Himmel geht es anders zu: kein Leid und kein Geschrei, keine Interessenkollision, keine Missverständnisse…
Woran mag das liegen?
Vielleicht relativiert sich in der Größe des Alls die Bedeutung irdischer Konflikte. Vielleicht besinnt man sich auch in der Verlassenheit der Raumkapsel auf das Glück, nicht allein sein zu müssen, sondern Menschen um sich zu haben und ist dann einfach nicht mehr wählerisch. Vielleicht erinnert ausgerechnet eine so gigantische Expedition – immerhin braucht es 26 Millionen Pferdestärken – den Menschen wieder an sein Maß. Und offenbar trägt alles miteinander dazu bei das Beste aus diesem Projekt zu machen, was irgend möglich ist. Nicht weil wir hier unten keine bleibende Statt haben. Das allerdings ist auch unser Auftrag hier unten: und „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Wenn wir da ein bisschen besser würden, könnte das der Anfang des Himmels auf Erden sein.



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  Planungsmeister

Planungsmeister

Dompredigerin Cornelia Götz - 05.06.2018

Unsere Tochter wurde am Wochenende Zeugin eines Sonntagabendrituals einer Wiener Familie: nach dem Abendessen holte jeder (jeder! Mutter, Vater, zwei erwachsene Kinder) sein fein säuberlich geführtes Hausaufgabenheft und es begann die Wochenplanung. Wer ist wann wo, wann isst wer mit wem was, wann sind Zeiten, in denen ein Familienglied nicht erreichbar ist, weil in ein er Sitzung oder Vorlesung steckt, wann schläft wer von den jungen Leuten Zuhause und wer noch und wann nicht…
Der Planungswahnsinn. Dass einer unsere Familie toppen kann, will was heißen, denn auch wir müssen lange vorher Besuche, Unternehmungen oder Reisen mithin alle privaten Termine planen, weil sie sonst im Domalltag immer das Nachsehen haben und untergehen.
Dabei vergisst man leicht, dass es nicht in unserer Hand liegt, ob wir noch eine Woche oder ein Jahr zu leben haben, ob unsere Pläne Wirklichkeit werden. „So Gott will und wir leben“ – sagte man früher am Ende einer Verabredung und das war mehr als eine Floskel, es war die demütige Einsicht, dass wir unserem Leben keine Stunde dazutun oder wegnehmen können, wie auch alles andere nicht von uns dosiert wird..
Das sollte Folgen haben, nicht nur auf die Art, wie wir Pläne schmieden, sondern vor allem auch mit Blick auf die Dinge, die es jetzt zu erledigen gilt:
Manchmal ist es ein Streit, der befriedet werden muss, ein böses Wort, für das wir uns entschuldigen müssen, ein erster Schritt ohne den es nicht weitergeht.
Manchmal sind es Wahrheiten, die wir längst erkannt haben oder im Grunde unseres Herzens schon lange wissen, die nun endlich auf den Tisch müssen, damit etwas anders werden kann.
Die große Politik liefert aktuell beliebig viele Beispiele für die Folgen verschleppter Entscheidungen, egal ob es um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht, das Anträge zu bearbeiten hat – geduldiges Papier, ja – aber Lebensgeschichten von Menschen damit beeinflusst oder um Umweltfragen, Schulpolitik, Rüstungsexporte…
Vielleicht haben wir noch alle Zeit der Welt, aber mit Sicherheit sind wir verantwortlich für das, was wir heute tun oder lassen.

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  Die verlorenen Söhne und Töchter

Die verlorenen Söhne und Töchter

Prädikant Heiko Frubrich - 04.06.2018

In diesen Wochen werden in unseren Kirchen die neu gewählten Kirchenvorstände in ihr Amt eingeführt, so auch gestern hier bei uns am Dom in einem festlichen Gottesdienst. Aufgabe der Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher ist es, gemeinsam mit den Pfarrerinnen und Pfarrern unsere Kirche mit zu gestalten, mit zu verwalten und mit zu leiten. Soweit so gut. Doch wer ist das überhaupt, „Unsere Kirche“? Der Autor und Politikberater Erik Flügge hat in seinem Buch „Eine Kirche für viele“ über diese Frage nachgedacht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der Umstand, dass über alle Konfessionsgrenzen hinweg die meisten Mitglieder unserer Kirchen kaum noch aktiv am Gemeindeleben teilnehmen.
In seinem Buch legt der bekennende Katholik das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus, allerdings in einer ungewohnten Weise. Der verlorene Sohn ist bei ihm nicht etwa ein Bild für die Gemeindeglieder, die zwar Kirchensteuer zahlen, ansonsten aber eher kirchenfern leben, sondern der verlorene Sohn, das sind die 10%, die in den Sonntagsgottesdiensten noch dabei sind, die die Andachten besuchen und kirchliches Leben mitgestalten. Der verlorene Sohn, das sind wir! Ich finde den Ansatz, das Gleichnis einmal aus dieser Perspektive zu sehen, sehr reizvoll. Er zwingt uns aktive Kirchenleute dazu, die Frage zu beantworten, ob es denn für uns in Ordnung ist, dass kirchliche Aktivitäten im Leben von 90% unserer Mitglieder überhaupt gar keine Rolle mehr spielen. Können Sie sich einen Sportverein vorstellen, in dem 90% aller Mitglieder nur artig Beitrag zahlen und ansonsten nirgendwo auftauchen?
Nein, ich denke, dass diese Situation so keinesfalls akzeptabel ist. Und es ist nach meiner Auffassung auch Aufgabe der neu eingeführten Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, sich Gedanken darüber zu machen, wie dieses Verhältnis von einem, der da ist, zu neun anderen, die nicht mehr kommen, in eine positive Richtung verändert werden kann. Erik Flügge fragt, wie denn eine Kirche aussehen könnte, die ihr Geld und ihre Kraft nicht mehr in erster Linie für die 10% einsetzt, die immer da sind, sondern ganz bewusst die 90% in den Blick nimmt. Wie können wir als Kirche wieder die Mehrheit unserer Mitglieder erreichen? Ich habe keinen Zettel in der Tasche, auf dem die Antwort auf diese Frage steht. Ich ahne nur, dass sie damit zu tun haben wird, auch den einen oder anderen alten Zopf abzuschneiden, was ja bekanntermaßen durchaus auch mal schmerzhaft ist.
Keine Option ist es, die Botschaft des Evangeliums in irgendeiner Weise weichzuspülen und dem Mainstream anzupassen. Damit würde Kirche sich selbst und ihren Auftrag verraten. Doch das ist auch gar nicht nötig. Denn das, was das Evangelium im Kern ausmacht, ist wunderbar, befreiend, höchst aktuell und hat mit Liebe und Hoffnung zu tun. Der Bedarf dieser Welt genau daran ist größer denn je. Die Herausforderung besteht darin, eben das zu aufzeigen und zu den Menschen zu tragen.
Ich wünsche allen neuen Kirchenvorständen und auch uns hier am Dom gute Ideen und den Mut, Neues zu denken und zu tun. Im zweiten Timotheusbrief heißt es: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Diese Worte könnten eine gute Orientierung sein, um kirchliche Arbeit neu auszurichten.

Ihr
Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Wasser

Wasser

Dompredigerin Cornelia Götz - 02.06.2018

In der Hitze dieser Tage fällt einem wieder ein, was an trüben Novembertagen oder nasskalten Sommerwochen völlig aus dem Bewusstsein verschwindet: was für eine wunderbare Gabe Wasser ist und welches Glück wir haben, dass es in unserem reichen Land in solch überfließendem Masse vorhanden ist.
Wir mögen das für selbstverständlich halten aber anderswo auf dieser Erde ist man weit weniger gefährdet zu vergessen, dass Wasser die wichtigste Ressource der Menschheit ist, dass wir es Tag für Tag trinken müssen. Milliarden Menschen entbehren den Zugang zu ausreichendem und sauberen Wasser – ihnen ist es die Kostbarkeit schlechthin.
Auch unser Glaube wurzelt in einer Weltgegend, deren Klima es von allein nahelegt, dass Wasser eine tiefe spirituelle Bedeutung hat.
Das hat viele Gründe.
Es ist ungeformt und so steht es für alles, was fließt, für das Geistige.
Es ist klar und rein und erinnert so an Transparenz und Wahrheit.
Wasser erfrischt und erquickt Leib und Seele. Es Menschen deshalb zum Inbegriff nachwachsender Kräfte und Erneuerung.
Weil es äußerlich reinigt, schrieb man dem Wasser schnell auch innerlich läuternde Eigenschaften zu.
Schließlich löscht es Durst. Nicht nur den physischen, der in der Kehle brennt, sondern es symbolisiert auch den Durst nach Erkenntnis, die Sehnsucht nach Tiefe und Versenkung.
Und Wasser kann mit bedrohlicher Wucht über uns kommen, uns vernichten und symbolisiert so auch die Gefährdungen, denen wir ausgesetzt sind.
Wasser ist deshalb ein Symbol des Lebens überhaupt, denn es fließt seinen Lauf mit wechselnder Dynamik, Tiefe, Geschwindigkeit, Farbe…. – es weist über rein materielle Zusammenhänge weit hinaus.
Für uns Christen bündelt sich vieles davon in der heilsamen Erinnerung, dass wir mit Wasser getauft worden sind und so nicht nur seiner reinigenden klärenden Kräfte zuteilwerden sondern vor allem Anteil bekommen an Jesus Christus. Die Taufe bettet uns ein in Gottes Hände. So wie ein Kind im Bauch der Mutter gut gebettet ist in Wasser, werden wir durch das Leben getragen. Weil unser Gott das von Anbeginn der Welt vorgesehen hat, heißt es bei dem Propheten Jesaja:
„So spricht der Ewige, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht. Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen. Sie werden sagen »Ich gehöre Gott«, und in ihre Hand schreiben: Dem EWIGEN zu Eigen.“

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  Kreuze in Bayerm

Kreuze in Bayerm

Dompredigerin Cornelia Götz - 01.06.2018

Spätestens heute Morgen musste man sich – sofern man für ein bayrisches Dienstgebäude verantwortlich ist – eine Meinung zu Markus Söders Erlass gebildet haben, „wonach im Eingangsbereich als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung gut sichtbar ein Kreuz anzubringen ist.“
Hochschulen, Theater und Museen können ihrer künstlerischen Freiheit frönen aber für alle anderen – seien es nun Finanzämter oder Gerichte – besteht die Freiheit jetzt nur noch darin, sich aussuchen zu können, welches Kreuz es sein soll. Darum hängt nun in der Bayrischen Staatsbibliothek die schlichte Variante zu 59,00€ aus dem Münchner Kirchenladen.
Andere – zum Beispiel die Archäologische Staatssammlung oder die Akademie der Bildenden Künste – stöhnen und sagen, die Umsetzung des Erlasses widerspräche ganz ihrem weltoffenen und demokratischen Ansatz. Das klingt nach dem ausgrenzenden intoleranten Christentum, das über viele Jahrhunderte, so der Münchner Professor für Jüdische Geschichte, Michael Brenner „für Verfolgungen und Bekehrungseifer“ stand. Schon diese Erinnerung ist ein unabsehbarer Kollateralschaden des Söderschen Erlasses.
Überhaupt klingt die Debatte nach verordneter Leitkultur. Bei Jesu Kreuz geht es aber um Nachfolge, in die wir von Gott berufen sind und zu der wir uns aus freien Stücken bekennen sollten. In der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung aus dem Jahr 1934 heißt es deshalb: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Man formulierte also mit diesen Thesen, dass Jesus Christus das Zentrum unseres Lebens ist und verwahrte sich so gegen jedwede Vereinnahmung und Instrumentalisierung. Jetzt hingegen wird, so kommentierte Heribert Prantl, das Kreuz als „Dominanzsymbol“ missbraucht.
Während sich nun die Evangelische Kirche diplomatisch zurückhält und sagt: dieser Anspruch muss halt mit Leben gefüllt werden – aber was ist wenn die Ämter unbarmherzige und ungerechte Entscheidungen treffen, Entwicklungen zentrieren helfen, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, wird das Kreuz dann abgehängt? – sind unsere katholischen Geschwister klarer: „Das Kreuz ist kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder Staates“ so der Bamberger Erzbischof. Kardinal Marx ergänzte später, der Staat könne die Bedeutung des Kreuzes nicht definieren. Man solle es nicht verharmlosen, denn es hinterfragt ja weltliche Werte radikal. Daher müsse man seinen religiösen Eigensinn verteidigen.
Der ersten Barmer These ist dementsprechend folgendes Wort aus dem Johannes-evangelium vorangestellt. „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Sein Symbol ist es. Nicht das der bayrischen Staatsregierung.






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