Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  Seid getrost

Seid getrost

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.12.2018

Als wir gestern Abend im Dom den Polizeigottesdienst gefeiert haben, da fragte mein Kollege Maic Zielke zu Beginn seiner Predigt, mit welcher Wahrnehmung wir denn über den Weihnachtsmarkt gingen. Seien es Lichter, Farben, Gerüche und adventliche Vorfreude – oder aber würde anstelle dessen die Wahrnehmung überwiegen, wie eigentlich der Weihnachtsmarkt polizeilich gesichert sei. Er fragte dies etwa eine Stunde, bevor in Straßburg ein Mann in die Menge schoss. Und zwei Jahre nach Berlin stehen wir also wieder, sind ratlos und hilflos wie zuvor. Denn es bleibt ja dabei: Weichziele, um es in der Polizeisprache auszudrücken, sind im Grunde kaum zu schützen.

Wir ahnen anhand der Herkunft des Attentäters die Folgen einer nicht wirksamen Integrationspolitik nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten und dritten Generation. Wir ahnen, dass es um den Frust eines Milieus geht, das sich übergangen, nicht gewollt und als Fremdkörper im Land seiner Geburt fühlt. Wir ahnen, dass es Gründe gibt, warum Menschen in ihrem Leben zu Verbrechern werden. Natürlich mag im Falle von gestern alles ganz anders gewesen sein, noch ist wenig über die Hintergründe der Tat bekannt, aber allein der Lebenslauf legt den verkorksten Werdegang auch in Abhängigkeit sozialer Wirklichkeit nahe.

Im gestrigen Gottesdienst ging es weiter um die Frage von Ängsten. Von Wirklichen und Scheinbaren, darum, wie man sie voneinander unterscheidet und mit ihnen umgeht. Die eigene Angst ansehen, war das Votum, und sie so handhabbar machen. Und dann wurde das just am Beispiel vom Berliner Weihnachtsmarkt durchgespielt. Was eine Stunde später geschah, mag all die Worte des Kollegen wie blanker Hohn erscheinen lassen. Und doch meine ich, bleiben sie wahr: denn wenn wir uns von unseren Ängsten beherrschen lassen, dann werden uns Vertrauen, Zuversicht und Freiheit als Gefühle fern bleiben. Gerade sie braucht es aber, um das Gute in der Welt wachsen zu lassen.

Das ist die ureigene Botschaft des Advents, der ja symbolisch als Zeit der Dunkelheit steht. In ihm beschauen wir verstärkt Gefühle wie Angst und Bedrängnis, Hass und innere Enge, Schuld und Scham. Wir sehen all das an, was ratlos und hilflos und die Welt dunkel macht. Dem entgegen setzen wir unsere Hoffnung auf das Licht, unser christliches Vertrauen auf den Erlöser aus der Krippe im Stall von Bethlehem.

Wobei – wer ist wir? Die Zahl der Christen im Land sinkt. Und erschreckenderweise wird die Zahl derer größer, die in alte Muster verfallen und meinen, dass simple Antworten Lösungen schaffen könnten; überhaupt: dass Erlösung irdisch möglich sei. Dem entgegen will ich meinem Glauben treu bleiben, der auf Vertrauen setzt und auf den Wert eines jeden Menschen; und möchte mit dem Propheten Joel rufen:

„Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der HERR hat Großes getan.“ (Joel 2,21)

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  Still schweigt Kummer und Harm

Still schweigt Kummer und Harm

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.12.2018

In diesem Jahr habe ich in meiner Schreibwarenhandlung eine kleine, runde Box entdeckt, die Hyggelige Wohlfühlmomente im Advent versprach. Und nicht nur mit dem Modewort „Hygge“ haben die Hersteller wohl den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern auch mit dem Ziel des Wohlfühlens. Zumindest vermute ich, dass die Adventszeit für viele Menschen genau dann als gelungen gilt, wenn sie ihnen auf der einen Seite Momente der Gemütlichkeit und auf der anderen Seite Momente der Begegnung beschert.

„Maranatha, komm, Herr Jesus“, heißt es im vorletzten Satz der Heiligen Schrift (Offb 22.20) – und lenkt damit den Blick doch noch einmal anders als es die Hyggeligen Wohlfühlmomente tun. Zwar sind Adventsfeiern und der gemütliche Abend auf dem Sofa ganz wunderbar, aber der Ruf „Komm, Herr Jesus!“ reicht tiefer.

Leise raunt er, dass die Adventszeit mehr sein könnte als ein Countdown auf den Heiligen Abend hin; dass sie mehr sein könnte als eine jährliche Quality Time. Die alten Worte der Verheißung wollen mehr. Sie gleichen jenem Augenblick, in dem die Leserin zwar am Ende des Buches, der Schluss der Geschichte aber offen geblieben ist. Nun kann sie noch einmal von vorne beginnen und tiefer in die Worte der Erzählung eindringen. Gleichzeitig aber wartet ein Teil von ihr sehnsüchtig darauf, dass endlich die Fortsetzung der Geschichte folgt.

Wir haben unsere Verheißung. Sie jubiliert von Ostern her. Aber hier auf Erden, ist sie nur in seltenen Augenblicken ungebrochen spürbar. Meistens leben wir eher im alltäglichen Kuddelmuddel mit schönen und schweren Momenten.

Mir sagte mal jemand im Advent: „Ach wissen Sie, Frau Pfarrerin, wenn es im Lied heißt: ‚In den Herzen wird’s warm; still schweigt Kummer und Harm. Sorge des Lebens verhallt….“, dann darf einem doch auch schon einmal eine Träne laufen.“

Wie wahr, dachte ich. Es gibt so viele Gründe, die einem das Herz erkalten lassen. So viele Momente, die hadern lassen. So viel elende Wirklichkeit, die auszuhalten zugemutet wird. Und das sage ich darum wissend, dass wir in einem der reichsten und lebenswertesten Länder der Welt zu Hause sind. Aber trotzdem. Trotzdem passieren ja wieder und wieder Dinge, die hilflos und stumm machen. Die hart werden lassen und den Lebensmut nehmen. Die von einem Menschen nicht viel mehr übrig lassen als die Frage: „Warum?“

„In den Herzen wird’s warm; still schweigt Kummer und Harm. Sorge des Lebens verhallt. Freue dich, Christkind kommt bald.“

Seit jenem Moment singe ich diese Strophe in neuer Perspektive. Es geht um mehr als romantische oder – moderner: hyggelige Zeiten. Es geht um Hoffnung. Nämlich die Hoffnung, dass es überhaupt Hoffnung gibt.

Der Ruf steht: „Maranatha, komm, Herr Jesus.“ Komm, sei uns Licht. Denn du hast uns verheißen, dass wer an dich glaubt, der nicht wandeln wird in der Finsternis, sondern er das Licht des Lebens haben wird. (Joh 8,12) Möge es so sein.

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  70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.12.2018

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!“ Lassen Sie sich diesen Satz doch mal auf der Zunge zergehen. Er steht ganz vorne in der Bibel, im 1. Buch Mose, da, wo alles angefangen hat – Himmel, Erde, Luft und Meer und vor allen Dingen die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Um nichts Anderes geht es in der Bibel und denjenigen, den sich Gott als sein Gegenüber erschaffen hat, er wird ein Abbild von Gott selbst. Ist das nicht großartig? Sie und ich, wir sind gemacht als ein Abbild unseres Schöpfers. Damit tragen wir Göttliches in uns, sind einzigartig und wunderbar.
Diese 14 Worte am Anfang der Bibel genügen schon, um jede Diskussion darüber im Keim zu ersticken, ob es Menschen gibt, die mehr wert sind als andere. Jeder Mensch ist Gottes Abbild und damit unermesslich wertvoll. Und in dieser Wertschätzung schaut Gott auf uns. Wir sind ihm wichtig, jeder einzelne – und das völlig unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Bildung, Reichtum, Geschlecht und allem Übrigen, was wir Menschen so gern als Grenzen zwischen uns aufbauen. Mensch, du bist ein Wunder! Und das stimmt sogar dann, wenn uns der morgendliche Blick in den Spiegel vielleicht etwas Anderes suggerieren mag. Mensch, Du bist ein Wunder!
Ein weltliches Dokument, das dicht an diese biblische Wahrheit heranrückt, wird heute 70 Jahre alt. Es ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Sie wurde am 10. Dezember 1948 in Paris von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Im Artikel 1 heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“
Eigentlich sollte das ausreichen, damit es uns Menschen gelingt, friedlich und mit Respekt miteinander umzugehen. Eigentlich sollte das ausreichen, damit es uns Menschen gelingt, Lebensmittel und Lebenschancen auf dieser Erde so zu verteilen, dass alle Menschen eine faire Chance auf ein gutes Leben bekommen. Dass die Realität anders aussieht, zeigt jeder Blick in eine beliebige Tageszeitung und jede Nachrichtensendung. Gerade deshalb ist es gut, dass es die Erklärung der Menschenrechte gibt. Denn sie verdeutlicht unmissverständlich, was uns Menschen ausmacht und was wir von Gott an unabdingbaren Rechten und Pflichten in die Wiege gelegt bekommen haben: das Recht auf Leben, das Recht auf Würde aber auch die Verpflichtung, unseren Mitmenschen in Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit zu begegnen.
In seiner Wortwahl anders, dem Inhalt nach aber gleich hat es der formuliert, auf dessen Ankunft wir uns in diesen Tagen und Wochen vorbereiten. Jesus Christus hätte die Erklärung der Vereinten Nationen mit Sicherheit unterstützt. „Ihr sollt das Leben in Fülle haben“ und „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – so drückt er es aus. Und wenn wir das verinnerlichen, haben wir schon ganz viel von Menschenrechten und Menschenwürde und vom Evangelium verstanden.

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  Influencer

Influencer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.12.2018

Ich bin wahrscheinlich ein bisschen „oldstyle“, denn ich habe eben erst gelernt, dass es „influencer“ gibt, kleine und große, im echten und im virtuellen Leben, vor allem aber bei YouTube.
Weil mich die Herkunft und Bedeutung von Wörtern und die Assozationsketten, die Bildern erzeugen, interessieren, geht in meinem Hirn bei dem Wort ein Verwirrspiel los: Einerseits denke ich bei „influenca“ an die echte Grippe, die Menschen richtig schwer krank macht und zudem äußerst ansteckend ist. Wenn dann andererseits „influence“ mit „Einfluss“ übersetzt wird, bekommt das Wort jedenfalls in meinen Ohren etwas Gemeingefährliches, etwas dem man hilflos ausgesetzt ist, wenn man sich nicht aktiv wehrt: bei der Influenza durch Impfungen, Händewaschen, Vitamine… Sonst nietet uns das um. Einfluss, der mit „influence“ zu tun hat, wirkt analog: schnell und massenhaft haut er uns aus der Spur unseres eigenen Lebens.
Und manchmal kann man damit ein irrsinniges Geld verdienen.
Manchen der Influencer, von denen ich bisher nicht wusste, folgen Millionen. Es sind Menschen, die sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag auf eigenen Kanälen im Internet präsentieren und damit ungeheuer viel Geld verdienen. Ganz besonders erfolgreich sind zur Begeisterung der Werbebranche „mini-influencer“. Kinder. Sie basteln oder wirtschaften in der Küche, essen Abendbrot, füttern ihre Katze, präsentieren Mode und Spielzeug, inszenieren Partys und alle schauen zu. Es sind hochbezahlte Stars mit Millionenpublikum.
Sie bekommen Aufmerksamkeit, draußen und von Eltern, die die Filmchen machen; nichts, was sie tun ist irrelevant. Dafür stehen sie aber eben auch ständig unter Beobachtung, entwickeln die Bedürfnisse anderer. Und: sie sehen zauberhaft aus. Sie rühren offenbar unzählige andere an.
Influenca eben. Ansteckend.
Der Schritt zum strengen Urteil – Stichworte Kinderarbeit, Entwicklungspsychologie, emotionaler Missbrauch – ist klein. Aber vorher muss noch was anderes gefragt werden:
Was machen wir hier mit Adventsstern, Weihnachtsmusik, alten Texten und Liturgien, Kindern mit Kerzen, den rationalen und emotionalen Tastaturen? Ist das Christkind womöglich der erste Superstar unter den Mini-Influencern?
Wir versuchen doch auch, Menschen zu beeinflussen, mitzunehmen dorthin, wohin wir gehen – Richtung Krippe und Bethlehem, dann nach Jerusalem und Golgatha. Und Jesus Christus tat das erst recht. Er predigte und forderte seine Zeitgenossen auf, alles stehen und liegen zu lassen und ihm nachzufolgen, sein Follower zu werden. Millionen haben es seither gemacht. Gibt es einen Unterschied zu den Influencern auf YouTube?
Ja, das hoffe ich. Denn es geht nicht um Inszenierung sondern um Beziehung, nicht um gesteuerte Wahrnehmung sondern um Gnade, also wirkliches Angesehenwerden in all unserer Unvollkommenheit, nicht um millionenfache Nachahmung, sondern darum das Gott jeden einzeln von uns unverwechselbar gemacht und meint.
Und weil wir alle so leicht zu beeinflussen sind, geht es um Vertrauen, um unsere ureigene Entscheidung, wem wir nachfolgen im Leben und im Sterben. Und wenn dann die Inszenierung hier im Dom hoffentlich gut ist, dann nicht unseretwegen (es herrscht ja eh Smartphoneverbot), sondern weil weil wir hier vor Gottes Angesicht sind, ihm zur Ehre und darum uns zur Freude.

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  Es darf geküsst werden…

Es darf geküsst werden…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.12.2018

„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein…“ werden wir zu Weihnachten singen und auf dem Weg dahin heißt es in einem unserer Adventslieder: „Gott will im Dunkel wohnen…“
Dichtend und singend nehmen wir die alten Geschichten mit hinein in unser Leben, manchmal werden sie sogar zum Ohrwurm. Es spiegelt sich darin Jesaja 60: „Mache dich auf, werde Licht…“
Manches vom Licht in dunkler Nacht kann man in diesen Tagen auch in unserer Stadt entdecken. Menschen schmücken ihre Fenster und erzählen damit etwas davon, was sie freundlich finden oder noch mehr, woran sie sich freuen. Sie zeigen einander ein bisschen mehr von sich als sonst.
Und manchmal sieht man sogar, wonach sie sich sehnen, als würden sich Herzen öffnen.
Auf meinem Weg heute Morgen begegnete mir etwas dieser Art.
In einer Erdgeschosswohnung hing etwas großes dickes Grünes von der Decke – es sah fast aus, als hätte jemand einen besonders unorthodoxen Umgang mit dem Weihnachtsbaum gefunden. Aber es war ein Mistelzweig, nein ein Mistelbusch. Durch das Zimmer, in dem er hängt, kommt keiner ohne geküsst zu werden – es sei denn, er drückt sich ganz schmal an der Wand lang.
Das ist doch fantasaieanregend:
Entweder lebt da jemand, der unglaublich verliebt ist und vor lauter Freude über dieses Glück nun dafür sorgt, dass richtig viel geküsst werden muss. Oder da lebt jemand, der so lange nicht geküsst worden ist, dass er sich jetzt diesen Busch hinhängt, damit aber auch wirklich alles passiert, was er tun kann, damit aus seiner Sehnsucht Wirklichkeit wird.
Beides macht Dunkelheit hell und bringt Licht in unser Menschenleben.
Denn wenn wir einander etwas von unserer Liebesfähigkeit und Liebensbedürftigkeit erzählen, dann sind das zutiefst menschliche Antworten auf die Verheißung, dass Gott kommen und unter uns wohnen wird, dann kann es anders gar nicht sein als „beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunklel mehr.“



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  Seht auf und erhebt eure Häupter….

Seht auf und erhebt eure Häupter….

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.12.2018

Bei Lukas heißt es: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Ich habe mein halbes Berufsleben gebraucht, um zu merken, dass da nicht steht: „Steht auf und erhebt eure Häupter….“
Schade eigentlich, denn dieses Aufstehen ist so unvergleichlich aktiver! Wer aufsteht, der hebt nicht nur den Blick aus gekrümmter und niedergeschmetterter Haltung, der macht vielmehr den Rücken grade, der wird wieder losgehen und irgendwann auch bei der Krippe ankommen. Der wird nicht aufzuhalten sein, wenn er ausbricht aus dem, was ihn drückt und lähmt, gefangen hält und ängstigt.
Ein wunderbares Bild für solchen Aufbruch und eine Erlösungsgeschichte erzählt der Amerikaner Kirk Johnson. Als junger Mann lernte er arabisch, studierte die Sprache später. Als die Amerikaner im Irak einmarschierten, lebte er im Nahen Osten und wollte unbedingt helfen wieder gutzumachen, was seine Landsmänner da anrichteten. So meldete er sich zunächst bei der Behörde für Entwicklungszusammenarbeit in Bagdad, später mühte er sich um den Wiederaufbau von Falludscha.
Nach einem schweren Unfall (er schlafwandelte als Folge der Kriegstraumata und stürzte dabei aus einem Fenster), begann er sich zuhause für Iraker zu engagieren, die in ihrer Heimat in Gefahr geraten waren, weil sie während des Krieges für die Amerikaner gearbeitet hatten.
Gerade dreißigjährig war er physisch und psychisch vollkommen erschöpft. Frieden fand er nur beim Fliegenfischen.
Dort hörte er die Geschichte, die ihm half aufzustehen und ins Leben zurückzukehren. Sie erzählt von einem Engländer, Edwin Rist, im bürgerlichen Leben Flötist, der dem Fliegenfischen ganz und gar verfallen war.
Für das Fliegenfischen braucht es Fliegen, kunstvoll aus verschiedenen Materialien oft nach uralten Anleitungen gebunden. Sie sollen den Fischen überm klaren Wasser Insekten vorgaukeln. Je nach Saison und Biotop muss jede Fliege anders sein. Für wirklich gute Fliegen braucht man deshalb Vogelfedern und in manchen Gegenden der Welt müssen diese Federn vor allem eins: in all den Farben schimmern, die Insekten nur annehmen können.
Rist wusste, wo es die weltbesten Vogelfedern gab: in einer Dependance des britischen Naturkundemuseums. Dort lagerten Vogelbälge, die Charles Darwin und andere Naturforscher von ihren Expeditionen mitgebracht und konserviert hatten. In einer Novembernacht 2009 brach Rist ein und stahl 299 unbezahlbare Exemplare und verkaufte später einzelne Federn im Internet an die heißhungrige Fliegenfischercommunity.
Ein Kriminalfall. Und die Rettung für Kirk Johnson.
Er begann zu recherchieren, zu forschen und zu suchen. 174 Vögel fand die Polizei. Und auch Kirk Johnson brachte einige zurück.
Ist das eine Adventsgeschichte? Ja, ich glaube schon. Denn sie erzählt etwas davon, dass Menschen in unendliche menschengemachte Finsternis fallen können und auch, dass es Wege hinaus gibt. Es ist nur eine Fliegenfischergeschichte. Aber wenn die schon ein Menschenleben heilen kann, welche Kraft muss dann erst der Geschichte innewohnen, die seit 2000 Jahren nichts an Kraft und Wärme verloren hat und uns noch immer leben hilft, denn der Stern ist über Bethlehem aufgegangen, darum: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

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  Licht am Ende des Tunnels

Licht am Ende des Tunnels

Heiko Frubrich, Prädikant - 04.12.2018

Ist Ihnen aufgefallen, wie hell es draußen ist und das mitten in der dunklen Jahreszeit? Gerade haben wir den November verabschiedet, der nicht nur bezogen auf das Tageslicht, sondern auch mit seinen Feier- und Gedenktagen nicht gerade zum Strahlen veranlasst. Volkstrauertag, Buß- und Bettag und der Totensonntag ganz am Ende des Kirchenjahres konfrontieren uns mit dem Tod und den vermeintlich letzten Dingen. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, diese mahnenden Worte aus dem 90. Psalm standen über dieser Zeit.
Trauer, Schmerz und Leid können es in unserem Leben nachhaltig dunkel werden lassen. Die Zeit heilt alle Wunden – das ist so ein Sprichwort, das uns anrät, geduldig zu sein auch und gerade in unseren schwierigen Lebensphasen. Doch das fällt schwer, wenn uns die Perspektive darauf fehlt, dass es in absehbarer Zeit auch mal wieder besser werden kann. Wir brauchen das berühmte Licht am Ende des Tunnels, um wieder Lebenskraft und Lebensfreude zu empfinden. Und um Ihnen den Kalauer nicht vorzuenthalten: Das Licht am Ende des Tunnels darf dann eben nicht der entgegenkommende Schnellzug sein.
Was ist Ihr Licht am Ende des Tunnels? So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Ressourcen, aus denen wir Hoffnung und Zuversicht schöpfen. Die Ladestationen für unsere inneren Akkus sind vielfältig: Das kann die Familie sein, berufliche Karriere, ein Team von freundlichen und wertvollen Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf, und natürlich auch mein Glauben. Nachhaltige Kraftquellen sind selten materieller Natur. Sicherlich kann mir das Ergebnis meiner Shoppingtour durch die weihnachtliche Fußgängerzone Freude bereiten und mich kurzzeitig auch glücklich machen. Doch erfahrungsgemäß währt dieses gute Gefühl nicht allzu lang. Es sind dann doch eher die immateriellen Dinge, die uns belastbar tragen.
Auf das Aufleuchten eines Lichtes am Ende des Tunnels bereiten wir uns in diesen Tagen gerade vor. Es ist ein Licht, das heller und verlässlicher strahlt als alle anderen. In drei Wochen feiern wir den Geburtstag dessen, der gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt!“ Und um deutlich zu machen, dass es um dieses Licht der Welt geht, lassen wir es bis zum Weihnachtsfest schon einmal hell strahlen in unseren Straßen, Häusern und Geschäften. Und wir lassen es heller werden mit jeder Woche des Wartens und der Vorbereitung. Jede Woche ein Licht mehr auf dieser großen Countdown-Uhr, die wir Adventskranz nennen. Wir sollen uns freuen auf Weihnachten doch wir dürfen uns auch völlig unabhängig von diesem Fest freuen, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, einer von uns, mittendrin in unserem Leben und verlässlich an unserer Seite. Wir Menschen brauchen ein Licht, an dem wir uns ausrichten und aufrichten können. Jesus Christus will dieses Licht für uns sein.
Das Bibelwort für den Monat Dezember berichtet von Menschen, denen Jesu Geburt im Stern von Bethlehem angezeigt wurde. Der Evangelist Matthäus schreibt: Und als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Wir dürfen uns anstecken lassen von dieser Freude und wir dürfen es hell werden lassen – nicht nur draußen auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt, sondern auch in unseren Herzen.

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  Prosit Neujahr

Prosit Neujahr

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.12.2018

Prosit Neujahr! Nein, wir hatten noch nicht zu viel Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und ich habe mich bei diesem Andachtstext auch nicht im Datum geirrt. Gestern war der 1. Advent und damit hat unser neues Kirchenjahr begonnen und da das erst gestern war, kann man durchaus noch Prosit Neujahr sagen. Doch anders als zum Kalenderjahreswechsel Ende Dezember verläuft der Start ins neue Jahr bei „Kirchens“ etwas ruhiger. Keine Raketen, keine Böller, kein Tischfeuerwerk und in aller Regel fließt auch nicht der Sekt in Strömen. Die Glocken der Innenstadtkirchen haben alle gemeinsam im großen Stadtgeläut am Sonnabend um 18:00 Uhr auf den Jahreswechsel hingewiesen und natürlich haben wir gestern einen festlichen Gottesdienst hier im Dom gefeiert. Doch wir geben nicht gleich Vollgas.
Am Altar im hohen Chor hängt ein Parament und es ist violett. Diese Farbe kennen wir aus der Passionszeit. Und genauso wie diese ist auch der Advent kirchenjahreszeitlich eine Buß- und Fastenzeit. Ja, Sie haben richtig gehört: Fastenzeit. Angesichts dessen, was wir rund um unseren Dom zu sehen, zu riechen und zu schmecken bekommen, klingt das schon irgendwie komisch. Doch die besondere Atmosphäre dieser Zeit hat durchaus ihren Sinn.
Zwar läuft der Countdown bis zum großen Fest unaufhaltsam. Doch die Zeiger auf der Adventsuhr zeigen keine Minuten und Sekunden an. Sie messen die Zeit in Wochen – jede Woche eine Kerze mehr. In solchen Zeiteinheiten zu denken und zu leben wird wahrscheinlich nicht zu Ihren vollen Terminkalendern passen – zu meinem im Übrigen auch nicht. Und dennoch ist der Advent eine Aufforderung an uns, dass wir uns Zeit nehmen sollen. Zeit zum Warten, Zeit dafür, über die Dinge nachdenken, die wirklich wichtig sind, Zeit für andere Menschen, Zeit auch für diejenigen, die an der vorweihnachtlichen Geschäftigkeit gar nicht teilhaben können: die Einsamen, die Hoffnungslosen, die Vergessenen.
Advent ist eine Aufforderung an uns, dass wir Zeit finden auch für uns selbst, dass wir zu uns kommen, dass wir in der Hektik der Vorweihnachtszeit einfach mal den Mut haben, kräftig auf die Bremse zu treten und zu sagen: So, nun ist es mal gut! Heute bin ich mal dran! Der Advent will, dass wir Ruhe finden und Besinnlichkeit, um zur Besinnung zu kommen und nicht besinnungslos durch diese Tage gehen. Dabei will Kirche kein Spielverderber sein – ganz gewiss nicht. Jesus hatte nichts gegen Feste, gutes Essen mit Freunden und gegen Fröhlichkeit schon einmal gar nicht. „Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben“, hat er gesagt. Und zu einem Leben in Fülle gehören ganz sicher auch Freude, Glück und Wohlergehen. Und wenn es vor 2000 Jahren im Heiligen Land schon Bratwurst, Glühwein und Poffertjes gegeben hätte: Jesus und seine Jünger wären ganz sicher nicht abgeneigt gewesen.
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir den Start ins neue Kirchenjahr mit allen Sinnen genießen können, dabei unsere Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren und dass wir Dankbarkeit darüber empfinden können, dass uns Gott all das geschenkt hat. In diesem Sinne: Prosit Neujahr!

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  Hochleistungszeit

Hochleistungszeit

Cornelia Götz, Dompredigerin - 01.12.2018

Wir sind viel umgezogen, der statistischen Einschätzung folgend (wenn man noch einen Einbruch dazu rechnet) mindestens zweimal komplett abgebrannt. Einmal war es besonders übel. Die Landeskirche ließ damals alle Umzüge durch eine Arbeitsloseninitiative des Diakonischen Werkes erledigen. Das war eigentlich eine gute Idee aber dennoch schwierig für die ortsansässigen Umzugsunternehmen und für uns auch, denn statt professioneller Möbelpacker stand uns ein Heer gutwilliger aber völlig unerfahrener Menschen zur Verfügung. Meine Verzweiflung wuchs, als keiner wusste, wie mein uralter Kleiderschrank wieder zusammengebaut werden kann aber sie gipfelte, als einer von ihnen vor der Tür stand – mit dem Glockenbergmann unterm Arm!
Er wusste offenbar nicht, dass das eine Herzenskostbarkeit ist und nicht wie Gummistiefel behandelt werden kann. Nun befürchte ich, dass auch mancher von Ihnen nicht genau weiß, worum es sich bei einem Glockenbergmann handelt. Es ist eine erzgebirgische Holzfigur: ein Bergmann trägt in einer Hand eine Art Minipyramide, die von Kerzenwärme bewegt bei jeder Runde an ein Glöckchen schlägt. Noch wichtiger aber: damit drehen sich über dem Haupt des Bergmanns auch vier Engel in höchster Eile.
Dieses Bild liebe ich: Ich stelle mir vor, wie vor Zeiten einer die Gefahr unter Tage in diese Figur gelegt hat. Wer einmal eine Schachtkapelle gesehen hat, der ahnt, welcher Art die Gebete waren, die diese Räume durchdrungen haben. Es konnten gar nicht genug Engel sein, die um einen Bergmann herum schwebten und auf ihn aufpassten. Und es können auch jetzt, in dieser geschäftigen Zeit nicht genug Engel sein, die sich um jeden von uns herum drehen und uns behüten und beschützen: da sind die Polizisten, denen wir unsere Sicherheit in all den Menschenmengen auf dem Weihnachtsmarkt oder in unseren überfüllten Kirchen anvertrauen; da sind Busfahrer, die gewärtig sein müssen, dass glühweinselige Menschen nicht so genau gucken, wenn sie die Straßen überqueren, da sind kleine Kinder, die beim Staunen im Gewühl die Hand der Eltern loslassen, da sind unzählige Kurrendekinder mit Kerzen im Dom und übermüdete Mitarbeiter auf der Post, die viel zu viele Pakete verteilen müssen…
Ganz zu schweigen von denen, die die Engel ganz besonders im Auge behalten müssen, weil das Alleinsein besonders dann schwer auszuhalten ist, wenn alle anderen auf Familie machen oder die Angst vor dem Weihnachtsfest, weil die Ehe zerbrochen ist oder ein Kind im Krankenhaus liegt.
Ja, es ist nicht nur Hochleistungszeit für Schmalzkuchenbäcker und Blechbläser, sondern auch für die Engel Gottes, die uns behüten sollen auf allen unseren Wegen und achthaben, dass wir nicht stolpern und in irgendwelche Sackgassen laufen, sondern dass wir den einen wichtigen Stern aus all dem Gefunkel herausfinden, von dem gesagt ist: „Da sie diesen Stern gesehen hatten, wurden sie hocherfreut.“

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  „Da steht der Leib bequem“

„Da steht der Leib bequem“

Cornelia Götz, Dompredigerin - 30.11.2018

Alle Jahre wieder geht es gleich nach dem Ewigkeitssonntag los, überall wird weihnachtlich geschmückt, es gibt Glühwein und Pförtchen, die alten Weihnachtslieder und -geschichten, alles beginnt wieder von vorn, äußerlich genauso wie im letzten Jahr. Und trotzdem fahren wir eben nicht wie auf einer Pyramide im Kreis, sondern ist all das jedes Jahr neu und anders. Advent geschieht jetzt und immer schon, weil Gott sich damals in der Geschichte erwiesen hat und jeden Tag neu in unserem Leben.
Mir ging es bisher so, dass ich die Holterdipolterumstellung nach dem Totensonntag immer ein bisschen stressig fand. Dann hat man zwar schon gebrannte Mandeln im Mund aber die Seele kommt langsamer hinterher, weil sie noch bei den Toten und den Themen des Novembers ist. Dieses Jahr dagegen hat das schnelle Eintauchen in all das Leibliche, Sinnliche, Fröhliche heilsame Wirkung.
Diese Wahrnehmung hat mich an eine Geschichte von Siegfried Lenz erinnert. Sie beginnt so: „Es starb … mein Tantchen Arafa. War ein schwerer fülliger Mensch, mein Tantchen, hatte mächtige Schultern und rötliche Kapitänshände, und außerdem war sie … gewohnt zu befehlen.“ Es passiert dann auf knapp zwei Seiten eine turbulente Überführung. Aber schließlich kommen alle im Trauerhaus zusammen, es wird gefeiert, gegessen, getrunken, musiziert, getanzt und sich verliebt. Zwischendurch taucht die Frage auf, wo denn der Sarg mit dem Tantchen ist. Und es zeigt sich: „Den Sarg, damit mehr Platz ist im Haus, haben wir hochkant gestellt, gegen den Ofen. Da steht der Leib bequem.“
Es ist eine Geschichte voller masurischem Humors und voller Wahrheit: Denn ja, gerade weil wir nicht im Kreis leben und das ewig Gleiche geschieht, geht die Zeit nicht spurlos an uns vorbei. Die Erfahrungen des letzten Jahres nehmen wir genauso mit hinein in diese Weihnachtszeit wie die Lücken, die diejenigen gerissen haben, die nicht mehr unter uns sind.
Aber jetzt, in diesen Tagen scheint etwas Neues auf. Der Tod ist nicht mehr so raumfüllend, wie er noch am letzten Sonntag war.
Es entsteht wider Platz für Hoffnung und Leben, für Licht und Neuanfang, für Erwartung und Freude.
Wie man bei einem Leichenschmaus durcheinander lacht und weint, so gehen wir auch jetzt weiter auf unserer Lebenstrasse. Was dunkel ist verändert sich. Tara Brandt sagte: „Es ist nicht mehr die Dunkelheit des Sarges, sondern die der Gebärmutter.“

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  Sehnsuchtsort Unterbrechung

Sehnsuchtsort Unterbrechung

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.11.2018

Gestern Abend standen unser Sohn und ich inmitten einer riesigen Menschenmenge. Es müssen Hunderte gewesen sein. Wir alle drängten uns um die kleine Bühne, um dabei zu sein, wenn der Oberbürgermeister mit der Dompredigerin den Weihnachtsmarkt eröffnet. In seiner kleinen Ansprache sagte er, dass der Markt vielen Menschen – jung und alt – ein Sehnsuchtsort sei. Mindestens für unser Kind kann ich das bestätigen. Schon seit Tagen lebt es in Vorfreude auf die weihnachtliche Zeit. Während ich selbst eigentlich noch ganz anders unterwegs bin. Denn Sie wissen ja, am vergangenen Sonntag war Ewigkeitssonntag – und auch die Losungstexte dieser Woche folgen – interessanterweise – diesem Weg. Für den heutigen Tag heißt es z.B. (Ps 39,5):

„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben wird
und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Das scheint wenig adventlich.
Und doch….
Ist Weihnachten nicht gerade das Fest, das die Finsternis erhellen will?
Dass uns von jenem Ziel her leuchtet, auf das hin wir davon müssen?

Der Advent mit seinen Traditionen und Ritualen ist Unterbrechung des Alltäglichen.
Und Gelegenheiten wie der Gang über den Weihnachtsmarkt sind Auszeiten.
Eine Zeit, in die ich mich hineinfallen lassen kann;
fallen lasse in Licht und Farben, in Lachen und Freude,
in Staunen und in die Schönheit des Augenblicks.
Ich denke, solche Momente, in denen das Licht, das in der Welt ist,
ganz bewusst wahrgenommen wird, sind adventliche Momente.
Momente unverzweckten Seins.
Und nur deshalb ist dieser Ort auch mehr als ein Konsumort,
sondern eben möglicher Sehnsuchtsort, weil er Ort der Unterbrechung ist;
Ort, wo wir noch einmal mit den leuchtenden Augen des Kindes staunen, uns lachend über Schönes freuen und auf Gutes vorfreuen können.

Dorothee Sölle hat einmal geschrieben:
„Du sollst dich selbst unterbrechen.

Zwischen
Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein
und Freude,
dem Gruß des Engels zu
lauschen:
Fürchte dich nicht!

Zwischen
Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,
das alte Lied der Sehnsucht:
Maranata, komm, Gott, komm!

Zwischen
Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an den ersten Schöpfungsmorgen,
deinen und aller Anfang,
als die Sonne aufging
ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit,
die niemandem gehört
außer dem Ewigen.

Und so segne uns Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, dass wir seinen ewigen Segen in der Wärme und in der Anmut des Lichts, im Lachen und im Genuss, in Freude und Vorfreude, in der Stille eines gesegneten Augenblicks – in der Unterbrechung des Alltags auch in diesem Advent finden werden. Amen.

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  Himmel und Erde, Heerscharen und Weihnachtsmarkt…

Himmel und Erde, Heerscharen und Weihnachtsmarkt…

Dompredigerin Cornelia Götz - 28.11.2018

Über diesem Tag heute heißt es in den Herrnhuter Losungen aus dem 1. Buch der Könige: „Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: da soll mein Name sein.“
Lass deine Augen offen stehen so reden Menschen zu Gott und bitten ihn: Schau nicht weg, schau hierher, sieh wie wir hier versuchen zu leben, schau her und wenn Du auf unseren Doms schaust, dann wirst Du auch das ganze Drumherum sehen: die Menschen, die ameisenfleißig, fantasie- und liebevoll hier eine kleine Weihnachtsstadt hingebaut und so eine Möglichkeit geschaffen haben, den öffentlichen Raum zu besetzen und ihn zu einem Ort der Begegnung und Freude, der menschlichen Geschwindigkeit oder Verlangsamung zu machen, der unverzweckten Zeit.
Das ist in Zeiten, in denen sich mancherorts Menschen auf der dunklen Straße unsicher fühlen und menschenunfreundliche Parolen laut werden, schon fast ein politisches Statement. Schaut: so kann es unter uns sein: friedlich und weltoffen gleichermaßen. Und mittendrin der Dom und noch einmal die Bitte:
„Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: da soll mein Name sein.“
Auch hier drinnen stehen turbulenten Zeiten an. Es werden viel mehr Menschen als sonst ein und ausgehen, dableiben, singen und zuhören, manchmal auch drängeln und poltern oder Druck und Angst ablassen von wegen der ganzen Weihnachtsharmonie…
Manche werden sich hinsetzen, um einen Moment zu verschnaufen.
Und viele werden hierherkommen, weil Weihnachten ja noch so viel mehr ist als Kerzenschein und Glühwein und Duft von Gebackenem und Geschmortem.
Hier drinnen braucht es keinen Weihnachtsmann. Aber es braucht eine Entscheidung, was wir denken und glauben, hoffen und erwarten wollen. Hier drinnen merken wir, dass unsere Sehnsucht mit weihnachtlicher Gemütlichkeit allein, so schön sie ist, nicht gestillt werden kann. In Magdeburg wurde vorgestern der Weihnachtsmarkt besonders spektakulär eröffnet. Der Weihnachtsmann wurde vom 60 Meter hohen Plateau der Johanniskirche abgeseilt….
Soweit lassen wir es hier nicht kommen, sonst geraten die Bilder durcheinander. Das Oben gehört den himmlischen Heerscharen, unten mögen Weihnachtsmänner unterwegs sein, dazwischen die Bläser, die Glocken, der Oberbürgermeister und wir. Weihnachten verbindet Himmel und Erde, die weltlichen Hoffnungen und die großen Sehnsüchte der Menschheit. So soll es sein.
Darum herzlich willkommen Ihnen allen und den Schaustellern, Sami und Samar aus Bethlehem… - es wird eine Art Wohngemeinschaft für die nächsten vier Wochen, Menschen kommen von überall. Am Ende werden wir uns bei der Krippe versammeln und dann sehen, was es heißt:
„Lass deine Augen offen stehen über diesem Dom Nacht und Tag, über dieser Stadt und dem Ort, von dem du gesagt hast: da soll mein Name sein.“

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  Gottgefällig

Gottgefällig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 27.11.2018

Fast ist es wieder soweit. In der Woche nach dem Toten- und Ewigkeitssonntag sieht es rund um den Dom schon ganz nach Weihnachtsmarkt aus. Kaum haben wir uns der Namen derer erinnert, die im vergangenen Jahr von uns gegangen sind, und haben uns als Wochenspruch sagen lassen (Ps 90,12): „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“, geht es schon wieder weiter. Muss ja auch, sagen viele. Und nicht selten höre ich es gerade von jenen, denen die Zeit still steht, weil sie so unfassbar traurig sind. Mit Worten wie „Es muss ja weitergehen“, versuchen sie sich, einen Ruck zu geben.

Aber wissen Sie, manchmal denke ich, dass die Augenblicke der Stille doch auch gut tun. Dass es gar nicht immer gleich weitergehen muss. Es ist doch gut, sich Zeit zu nehmen, um innezuhalten und zu bedenken, wie ich gut leben und auch gut sterben kann. Es braucht doch Zeit, um mir Fragen zu stellen wie „Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Gibt es Menschen, die ich glücklich mache? Setze ich Zeit für Dinge ein, die ich als sinnvoll empfinde? Worin finde ich Freude? Woran hängt mein Herz?“

Oder ist das schnell gesprochene „Es muss ja weitergehen“ vielleicht der Versuch, der möglichen Antwort auf diese Fragen auszuweichen. Weil man instinktiv weiß, dass so manche der Fragen negativ oder unbefriedigend zu beantworten hätte. Und was dann?

Im biblischen Losungswort für diesen Tag heißt es (Jes 58,7): „Brich mit dem Hungrigen dein Brot“, und im Lehrtext dazu (Hebr 13,16): „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Diese Texte als Auszüge christlicher Moral zu verstehen, ist offensichtlich. Allerdings vermute ich, dass in Worten wie diesen mehr steckt. Gottgefällig sei das Tun für den Nächsten, meint der Schreiber des Hebräerbriefes. Und was gefällt Gott noch?

Ich glaube, IHM gefällt, wo wir den Wert des Lebens schätzen. Wo wir schätzen, was uns in unseren jeweiligen Leben geschenkt ist. Und wo dieses Gute über das eigene Selbst hinauswächst. Wer sich zwingen muss zu teilen, der hat wahrscheinlich nicht wirklich verstanden, worum es beim Teilen geht. Teilen ist mehr als eine Zwangsabgabe. Es ist die Bereitschaft, miteinander in Beziehung zu treten. Freude zu gewinnen an der Freude des Anderen. Freude zu gewinnen daran, dass man Leben, Zeit, Geschichten, Lachen, Weinen und eben auch Güter teilt. Ein gottgefälliges Leben gelingt für mich da, wo Menschen einander als Menschen ansehen. Als Geschöpfe und Mitgeschöpfe. Als wertvoll, kostbar und schön. Wahrscheinlich ist dies eine der schweren Aufgaben im Leben. Aber gleichzeitig mag sich da, wo es gelingt, Neues ankündigen; etwas, worin die Dinge nicht nur weitergehen, sondern zu ihrem guten Ende geführt werden. Schon tönt es leise weihnachtlich und kündigt sich an die hoffnungsfrohe Erwartung (Lk 2,14):
„Ehre sei Gott in der Höhe
und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

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  Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren

Heiko Frubrich, Prädikant - 26.11.2018

Zwischen den Jahren – sie kennen diesen Ausdruck für die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Diese Zeit hat ihren so eigenen Rhythmus, der anders ist als sonst im Jahr. Die Welt wirkt entschleunigt und wir mit ihr. Zwischen den Jahren in der letzten Dezemberwoche – doch es gibt diese Zeitspanne auch im Kirchenjahr und heute ist der erste Tag.
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, der zugleich Volkstrauertag ist, Buß- und Bettag und gestern der Toten-und Ewigkeitssonntag, das sind die besonderen Fest- und Feiertage, die das Kirchenjahr beschließen. Mit dem Totensonntag beginnt die letzte Woche des Kirchenjahres, in der wir uns gerade befinden. Unser kirchliches Neujahr feiern wir am kommenden Sonntag mit dem ersten Advent. Doch bevor es soweit ist, leben wir in einer Zeit, in der wir Christinnen und Christen uns mit dem Tod auseinanderzusetzen haben und in der wir uns mit Fragen zu den vermeintlich letzten Dingen befassen. Gestern haben wir hier im Dom der aus unserer Gemeinde Verstorbenen gedacht. Ein bewegender und für viele auch schwieriger Gottesdienst.
Es gibt Themen die uns leichter in Jubelstimmung versetzen und dass wir diese besonderen Tage nun ausgerechnet auch noch im grauen November begehen, macht es nicht unbedingt einfacher. Dabei ist die Botschaft dieser Zeit so hoffnungsvoll, dass wir unsere Gottesdienste eigentlich viel fröhlicher und ausgelassener feiern könnten. Ja, da sind die Worte aus dem 90. Psalm: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Doch es gibt eben auch Offenbarung des Johannes, in der es heißt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, denn das Alte ist vergangen. Und Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Diese Tage zwischen den Jahren erinnern uns immer wieder daran, dass unsere Zeit hier auf der Erde begrenzt ist. Doch wir dürfen uns eben auch vergewissern, dass unser Weg mit Gott nicht an unseren Gräbern endet. Zu guter Letzt wird das Leben siegen, verspricht uns Gott und er zeigt uns in der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus, was er damit meint. Und so sind die Grabsteine auf unseren Friedhöfen doch nicht mehr als Meilensteine auf unserem Weg, auf unserem Heimweg, in Gottes Herrlichkeit.
Der Tod reißt immer wieder tiefe Wunden und er stürzt uns in Trauer und Verzweiflung. Doch Gott hat uns einen Glauben geschenkt, mit dem wir aufblicken können. Denn er verspricht uns, dass auch und gerade in die Dunkelheit unserer Trauer und unseres Schmerzes das Licht des Ostermorgens scheinen wird.
Unser Freund und Bruder Jesus Christus sichert uns zu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Gut, dass es diese stille Zeit im Jahr gibt, denn sie ist eine perfekte Gelegenheit, sich genau daran immer wieder zu erinnern

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  Der letzte dunkle Punkt

Der letzte dunkle Punkt

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.11.2018

Immer enger, leise, leise,
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.

Unter dem Titel „Ausgang“ hat Theodor Fontane diese Verse verfasst. Ein düsteres Gedicht, das beschreiben mag, wie es sich in den dunklen Stunden anfühlt, wenn das Leben voranschreitet. Ihm scheint nichts zu bleiben als die Aussicht auf den letzten dunklen Punkt.

Trostlos, oder?
Und ich atme leise erleichtert auf, dass ich in Gottesdiensten so viele schöne Anlässe habe, Kerzen zu entzünden und dazu die Worte Christi zu sprechen (Joh 8,12):
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
Oder aber auch das Glück habe, die Worte des 23. Psalm zu kennen, zu unterrichten und sie schon deshalb immer wieder einmal zu beten (Ps 23,4):
„Und ob ich schon wanderte im finstersten Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Aber was, wenn man keine äußeren Anlässe hat, so regelmäßig Trostworte gegen die Dunkelheit zu gebrauchen? Wenn da nichts ist als die eigenen Gedanken, aus denen man für sich selbst Hoffnung gebären soll? Wenn da keine Zusagen, keine Verheißungen sind, in die man sich voller Vertrauen fallen lassen kann? Dann, ja dann mag es so sein, dass der Ausgang eines Leben nicht mehr ist als der letzte dunkle Punkt, der alle Lebensleistung genauso zunichtemacht wie alle Albernheiten und alle Schuld.

Keine Bewahrung. Keine verheißungsvolle Ruhe am Ende mit einem Gericht, dessen Ziel es ist, mich aufzurichten angesichts meines Lebens, das mit seinen Höhen und Tiefen eben war, wie’s war; stattdessen nicht mehr als die kalte Stille des Grabes, an dessen Rand Menschen mit den Füßen abstimmen und mit Worten wiegen, welche Bedeutung diesem Leben wohl zukommt.

Mehr und mehr begreife ich, warum das Wort Evangelium jenen ersten Christen eingefallen ist und angemessen erschien, als sie eine Überschrift für das suchten, was durch Christus in die Welt kam. Denn Sie wissen ja, Evangelium bedeutet: „Frohe Botschaft“. Und für mich ist es eine echte frohe Botschaft, wenn ich am Ende eines Lebens nicht nur von dessen Ausgang sprechen muss, sondern angesichts des Todes noch segnen kann (Ps 121,7f.):

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“
Amen.

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  Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste

Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.11.2018

Dreihundert Seiten. Mit Fünfunddreißigtausend Namen aus 25 Jahren. Und hinter jedem dieser Namen findet sich eine Lebensgeschichte, die mindestens von Bedrängnis, Aufbruchsmoment, leiser Hoffnung und schließlich Scheitern gezeichnet ist. Es sind die Namen von Toten, die auf diesen dreihundert Seiten festgehalten sind.

Die Organisation „UNITED for Intercultural Action“ hat zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember eine Liste der belegten Todesfälle von Flüchtlingen zusammengestellt, in der die Namen einiger Verstorbener um kurze Porträts, Fotos und Berichte von Überlebenden ergänzt werden. „Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste“, heißt das daraus entstandene Buch.

Wozu das nützt, fragen Sie? Ich lese die Worte der Journalistin Kristin Helberg, die in Damskus lebt und lange für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Korrespondentin tätig war. Sie schreibt: „35.000 Tote in 25 Jahren? Na ja, klingt gar nicht so schlimm. Trotzdem sind es, statistisch betrachtet, vier Menschen, die seit einem Vierteljahrhundert jeden Tag auf der Flucht nach Europa umkommen. Das sind freilich nur die registrierten Toten, wer unbemerkt stirbt, hinterlässt keine Spur, nur eine Lücke. ‚Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen‘ – schon klar. Aktuell sind es nicht einmal vier Prozent der weltweit Geflüchteten, die nach Europa gelangen. 2,6 Millionen von 68,5 Millionen. Doch genug der Zahlen. Es geht inzwischen nicht mehr nur darum Menschen zu retten, sondern unsere Menschlichkeit, die Fähigkeit zur Empathie.“ Und die Autorin Anja Tuckermann schreibt: „Seit einigen Jahren unterstütze ich intensiv Geflüchtete vor allem aus Afrika. Immer wieder drehen die Gespräche auch um geliebte Menschen oder Bekannte, die die Flucht nach Europa nicht überlebt haben. Wie sie spurlos verschwunden sind. Oder wie Überlebende die Angehörigen benachrichtigen müssen.“

Ich lese diese Worte und weiß als Pfarrerin, wie wichtig es, dass es Möglichkeiten gibt, um sich der Verstorbenen zu erinnern. Ein Trauergespräch erlebe ich als gut, wenn nicht nur organisiert, sondern ganz viel erzählt, geweint und gelacht wurde. Wenn der Verstorbene im Erzählen noch einmal mitten unter uns war. Wenn noch einmal die Augen gedreht wurden über die Eigenheiten, wenn noch einmal wertgeschätzt wurde, worin er für sich und andere stark war, wenn noch einmal erzählt wurde von Lieben und Lachen und Weinen und Streiten und Versöhnen und Tanzen und Unsinn Treiben und Leidenschaften und Scheitern und Gewinnen und so vielem mehr, das einen Menschen ausmacht. Namen sind wichtig, weil sich mit ihnen ein ganzer Kosmos verbindet. Eine eigene Welt, die den Menschen unverwechselbar und nicht austauschbar macht.

Deshalb empfinde ich dieses Buchprojekt als echten Beistand für die Hinterbliebenen. Es ist eine gute und wertschätzende und „den Flüchtling“ wieder zu einem Subjekt machende Geste. Vielleicht tatsächlich nicht mehr als eine Geste, aber ganz gewiss auch nicht weniger. Und dazu denke ich, dass doch gerade wir Christen wissen, wie wichtig Namen sind, weil wir Worten wie jenen vom Propheten Jesaja trauen, in denen es heißt: „Gott, der dich geschaffen hat, spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jes 43,1)

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  Mitfühlen

Mitfühlen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.11.2018

Zwischen Buß- und Bettag und Ewigkeitssonntag geht es nochmal ganz um das Hier und Jetzt, die vorletzten Dinge, die Frage nach der Umkehr.
MDR-Kultur hat dabei gestern „Mitfühlen“ empfohlen. Es ist das Sachbuch der Woche. In der Anmoderation konnte man hören, dass „der Ton rauer wird, politische Grabenkämpfe brutaler, Hemmschwellen sinken.“ Die Autorin Melanie Mühl widmet sich der wachsenden Unfähigkeit zur Empathie und kennt dafür viele Beispiele:
„Der Populismus blüht. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit erstarken. Die Hemmschwelle sinkt. Im Netz tobt ein Shitstorm nach dem nächsten, und der schiere Hass vieler Kommentare verschlägt einem die Sprache.“
Dann sind da noch die Voyeuristen, die das Handy lieber zum Fotografieren zücken als um Hilfe zu holen. Es braucht eine, so hören wir, gute Geschichte, um zu uns abgestumpften, reizüberfluteten und dauerverkabelten Menschen durchzudringen.
Eine solche Geschichte spielt vor der Erfurter Hauptpost auf dem Anger, Straßenbahn- und Fußgängerknotenpunkt der mittelalterlichen Landeshauptstadt. Eine Freundin erzählte, wie sie vor ein paar Wochen mit ihrem Mann aus der Hauptpost kommend, Zeugin wurde, wie ein Mann, der ganz offensichtlich auf der Straße lebt, einen Krampfanfall erlitt. Es war später Nachmittag und die Innenstadt voll. Unzählige Menschen unterwegs.
Schon malt sich trübe Fantasie aus, was passierte.
Und, so erzählt sie, keiner ging vorbei.
Jede und jeder bleib stehen und fragte, ob er oder sie helfen könnte.
Ich erzähle das nicht, weil das der gute Osten wäre oder eine Wundergeschichte, stimmt beides nicht – sondern, weil wir vielleicht anfangen sollten, uns wenigstens dann und wann freundliche Geschichten vom alltäglichen Gelingen zu erzählen, auch sie nähren die Hoffnung, dass es anders unter uns werden kann.
Vielleicht im Sinne Eva Strittmatters:
„In deinem Alter, Kind, / hat jeder Mensch noch Gründe, / anzunehmen, / er könnte / fliegen wie laufen / lernen.
Ich werde mich hüten / dich aufzuklären.
Vielleicht / bin doch ich es / die sich irrt.“
Ich werde mich auch deshalb hüten, weil ich hier am Dom – unter den vielen, die mittun, damit so vieles möglich wird - immer wieder erlebe, dass Menschen genau hinsehen, mit Herz und Verstand, dass sie sich einfühlen – auch dafür sind Orte wie dieser Dom eine Oase, weil wir hier vor Gottes Angesicht sind und von seinen Wundern hören

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  Frieden fängt im Kleinen an

Frieden fängt im Kleinen an

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.11.2018

Frieden fängt im Kleinen an. So banal dieser Satz auch klingen mag, so richtig ist er auch. Er bedeutet, dass ich zunächst einmal mit mir selbst im Reinen, im Frieden sein muss. Wir Menschen werden es nicht dauerhaft hinkriegen, uns einander in Liebe und Wertschätzung zu begegnen, wenn wir unsere eigenen inneren Kriegsschauplätze nicht bereinigt haben.
Wenn ich mit mir selbst nicht zufrieden bin, weil ich mit meinem Handeln an meinen eigenen Maßstäben scheitere, weil ich mich in dieser Welt und diesem Leben nur zweitklassig fühle – zu schwach, zu unbedeutend, zu alt, zu arm – dann fehlt mir die Kraft, in wahrer Herzlichkeit auf andere Menschen zuzugehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagt Jesus Christus. Oft neigen wir dazu, den zweiten Halbsatz zu überhören, doch er ist mindestens genauso wichtig wie der erste. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – hier ist eine Waage beschrieben, und wenn die aus dem Gleichgewicht gerät, dann gerät so manch anderes auch aus dem Gleichgewicht. Doch wenn ich sie in Balance halte, dann kann ich die Kreise größer ziehen: in meiner Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz.
Und was das konkret bedeutet, schreibt Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Das sind klare Worte, doch wir alle wissen, dass es mitunter eine echte Herausforderung ist, ihren Inhalt im Alltag umzusetzen. Ich soll keine Rachegedanken hegen, sondern es aushalten, wenn mein Gegenüber mich ungerecht behandelt. Ich soll verständnisvoll auf das Fehlverhalten meiner Mitmenschen reagieren und ich soll Bösem mit Gutem begegnen. Paulus fordert hier unser Engagement, um die Spirale der Gewalt, die sich immer nur nach oben schraubt, mit Liebe und Barmherzigkeit zu durchbrechen. Ja, wir laufen Gefahr, dabei zu scheitern, herbe Enttäuschungen zu erleben, und als „Gutmenschen“ belächelt zu werden. Auch das gilt es auszuhalten. Denn wenn wir dem Frieden eine echte Chance geben wollen, ist die paulinische Handlungsanleitung alternativlos.
Immer wieder gelingt es Menschen, große und kleine Friedenserfolge zu erzielen. Und Scheitern ist, wie gesagt, durchaus erlaubt. Niemand von uns ist perfekt, das wissen Sie, das weiß ich und das weiß vor allem Gott. Doch aus Angst vor Fehlern oder aus Bequemlichkeit die Hände in den Schoß zu legen, ist ganz sicher kein Leben in Jesu Sinne. Dem Frieden eine Chance zu geben, ist anstrengend, doch anfangen muss jeder für sich. Frieden fängt im Kleinen an, bei Ihnen, bei mir aber immer mit Gottes Hilfe.

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  Krieg und Kriegsgeschrei

Krieg und Kriegsgeschrei

Cornelia Götz, Dompredigerin - 19.11.2018

Das Vorbereitungsteam der ökumenischen Friedensdekade hat folgende Worte aus dem Markusevangelium über diesen Tag gestellt:
„Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, und werden viele verführen. Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht: Es muss geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da.“
Der Text stammt aus einer Rede Jesu über das Ende der Zeit.
Ich glaube, es ist nicht an uns, zu spekulieren, ob es schon so weit ist. Längst wissen wir ja, dass Anfang und Ende im Großen wie im Kleinen in Gottes Hand liegen. Wir können keine Stunde dazu tun oder wegnehmen.
Nichts destotrotz gibt es Anlass zur Sorge.
Yuval Noah Harari, ein israelischer Historiker und Philosoph, warnte vor wenigen Wochen in einem Interview vor den Folgen eines neuen Wettrüstens mit Hilfe der künstlichen Intelligenz. Er sagte damals, dass das Wettrüsten heute im Vergleich zur atomaren Aufrüstung völlig neue Risiken bergen würde. Zum einen ist es unvergleichlich viel schwieriger als bei der Entwicklung von Atomwaffen zu kontrollieren, woran jemand im Bereich KI genau arbeitet. Selbst wenn es gelingen würde, diesbezüglich Vereinbarungen zu treffen, bräuchte es ein nie dagewesenes Vertrauen zueinander, um Beschränkungen sicher zu stellen. Zum anderen: der Einsatz von Atomwaffen geht mit einem Weltuntergangsszenario einher. Diese Waffen taugen nur für einen Krieg, in dem man zum allerletzten Mittel greift und bereit ist, mit unterzugehen.
Gefährliche künstliche Intelligenzhin hingegen kann man jederzeit verwenden. Ihre Auswirkungen werden unsere Gesellschaften verändern noch ehe wir die Ursache zuordnen können. Ob man sie einmal losgelassen wieder einfangen kann, wer weiß…
Dieses Wettrüsten kann keiner gewinnen. Unter solchen Vorzeichen klingt das Jesuswort „wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht…“ regelrecht blauäugig. Sowas konnte man sich zu Jesu Zeit nicht vorstellen. Aber vergessen wir nicht, dass es auch damals technologische Wettläufe gab. Was müssen Menschen sich gefürchtet haben vor Gewehren, Kanonen, Tieffliegern, Giftgas? Immer schien eine bis dahin unvorstellbare Schallmauer durchbrochen zu sein.
Darum können wir wissen: Es wird keinen Weg geben, der dosierend mit Waffen verfährt. Dies wird immer zu Missbrauch und Vorherrschaftsfantasien führen und uns immer neu an den Rand des Abgrundes bringen. Es wird nur helfen, einander zu vertrauen und sich nicht zu fürchten, denn „Gott hat uns keinen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

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  Dennoch wert, bewahrt zu werden

Dennoch wert, bewahrt zu werden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.11.2018

Kann der Mensch sich ändern? Was denken Sie?
Für sich selbst hofft man das ja immer. Dass man lernfähig bleibt – ein Leben lang. Dass man gut zuhören kann und für Argumente stets offen ist. Dass es gelingt, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.

Und doch sind mit dem Blick auf die Weltgeschichte Zweifel angebracht…. Denn unserer menschlichen Lernkurve scheint ja bei Themen wie Frieden, Gerechtigkeit oder Altruismus eine deutliche Grenze gesetzt zu sein. Schon in jenen gut zwei- bis dreitausend Jahre alten Texten des Erstens Testaments lässt sich schließlich davon lesen, dass Menschen aufeinander achtgeben, füreinander einstehen und friedlich beieinander wohnen sollen. Die Zehn Gebote sind so alt. Und Jesus hat vor zweitausend Jahren göttlich noch über den Tod hinaus von der Liebe Gottes gezeugt. Und doch gelingt es der Menschheit insgesamt nicht, gut zu sein. Und wenn es doch einmal gelingt, hier und da, dann sind das wahrhaft himmlische Momente der Geschichtsschreibung.

Noch einmal also: Kann der Mensch sind ändern? Oder hat Luther mit seiner Beschreibung des Menschen vielleicht bleibend Recht, wenn er den Menschen als „simul iustus et peccator“, als gerecht, richtig und Sünder zugleich beschreibt.

Der für heute vorgeschlagene Text der Friedensdekade spricht eben diese Sprache. Es ist das Ende der Noah-Erzählung; jener Augenblick, in dem Gott mit Noah einen Bund schließt. Dort heißt es (Gen 8,21f.):
„Und Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Dass der Mensch sich grundlegend zu ändern vermag, darauf hoffte der nicht, der diese Worte einst formulierte. Aber dass der Mensch es dennoch wert sei, bewahrt zu werden, daran glaubte er fest. Und so schrieb er seine Worte voller Vertrauen als Gottesworte nieder: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, kurzum: das Leben in seiner guten Ordnung werde nicht aufhören. Ganz gleich, was diese närrischen Menschen auch anstellen.

Gottes „Ja“ steht zu uns Menschen. So der Glaube im Ersten Testament, so der Glaube, wie wir ihn in Christus kennen gelernt haben. Die für mich einzig angemessene Antwort des Menschen auf dieses „Ja“ Gottes zu uns lautet, sich in den göttlichen Willen einzustellen. Dran zu bleiben an den Worte des Lebens, wie sie in der Heiligen Schrift wieder und wieder erzählt werden. So gut wie möglich. Im Bewusstsein, scheitern zu können. Aber – so gut wie möglich. Auf dass dann doch, hier und da, im Namen und im Geiste Gottes sein Friede werde auf Erden.

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  Kriegsfolgen

Kriegsfolgen

Dompredigerin Cornelia Götz - 16.11.2018

Wir sind mitten in der Friedensdekade. Zehn Tage lange beten Menschen überall für den Frieden. Seit vielen Jahren schon. Die Idee stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, als die Hochrüstung so bedrohliche Ausmaße Annahme, dass ein dritter Weltkrieg unmittelbar vor der Tür zu stehen schien. Aber die Motivation erwuchs aus den Wunden und Narben derer, die wussten, was Krieg anrichtet.
Es waren Menschen, in deren Familien die Männer fehlten.
Es waren Menschen, in die Väter ihre Sprachlosigkeit und emotianale Ertaubung nach Krieg und Gefangenschaft hineingeprügelt hatten.
Es waren Menschen, die im Schweigen großwurden und nicht verstanden, ob es aus Scham herrührte oder aus Schuld, aus bodenloser Trauer.
Es waren Menschen, die ihre Heimat verloren haben.
Es waren Menschen, deren Körper von Gewalt gezeichnet sind, deren Seelen übervoll mit Bildern von Not und Leid waren.
Sie alle trugen Kriegsspuren. Diese Art, die heute Menschen überall auf der Welt Kriegsspuren zugefügt wird.
Auch Jesaja berichtet von solchen Spuren. Seien Stimme kommt aus einer Zeit, die nicht mehr akut schmerzt und trotzdem in die Menschheitsgeschichte und unser aller Gene eingetragen ist:
„Dies ist die Last für Moab: Des Nachts kommt Verheerung über Ar in Moab, es ist dahin; des Nachts kommt Verheerung über Kir in Moab, es ist dahin! Sie sind hinaufgestiegen zum Tempel und nach Dibon auf die Höhen, um zu weinen; … Auf ihren Gassen gehen sie mit dem Sack umgürtet, auf ihren Dächern und Straßen heulen sie alle und zerfließen in Tränen. Darum weine ich mit Jaser um den Weinstock von Sibma und vergieße viel Tränen über dich, Heschbon und Elale. Denn es ist Kriegsgeschrei über deinen Sommer und deine Ernte hergefallen, dass Freude und Wonne in den Gärten aufhören, und in den Weinbergen jauchzt und ruft man nicht mehr. Man keltert keinen Wein in den Keltern, dem Gesang ist ein Ende gemacht….“
Auch dieser Abend ist dem Friedensgebet gewidmet. Damit Menschen aufhören, Kriege zu führen, Waffen zu bauen, aufeinander zu schießen. Damit Versöhnung möglich wird.
Damit unsere Kinder nicht unter den Wunden ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Geschwister und Lehrer leiden.
Damit Frieden werde unter uns und überall.


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  Bereit zum Handeln - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

Bereit zum Handeln - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 15.11.2018

Es ist ein ungewöhnlicher Text, den das Vorbereitungsteam der Ökumenischen Friedensdekade für heute vorschlägt: es ist die lange Erzählung aus dem 1. Buch Samuel um Nabal, David und Abigail – eine Erzählung um Konventionen und was eigentlich geschieht, wenn einer sich nicht mehr an das hält, was als allgemeingültig gilt.

Ich versuch’s mit der Erzählung in Kürze (1. Sam. 25): David hatte über den Sommer gemeinsam mit den Hirten des Nabal die Herden in Karmel gehütet. Als er nun davon hört, dass Nabal die große Schafschur veranstaltet und Schlachtungen vornimmt, da sendet er seine Leute zu ihm, um den Teil zu erhalten, der eigentlich seiner Arbeit und seiner Gastfreundschaft den Hirten Nabals gegenüber angemessen wäre. Aber Nabal hält sich nicht an die Regel. Er fragt, wer denn David sei – und dass er doch nicht einem Dahergelaufenen gebe, was er für seine Scherer geschlachtet habe. David ist über diese Unverschämtheit sowie die Weigerung ihm das Seine zukommen zu lassen so erbost, dass er sich auf den Weg macht, um blutige Rache zu nehmen…. Abigail nun ist die kluge Frau des Nabal. Ihr wird von ihren eigenen Leuten das schlechte Benehmen ihres Mannes zugetragen und weil sie ahnt, wo alles enden kann, nimmt sie schnell Brote, Wein, Gebratenes und Kuchen, lädt es auf ihren Esel und geht David entgegen. Sie fällt vor ihm nieder und erklärt, ihr Mann Nabal sei wie er heiße: ein Narr. Und es wäre ihre Schuld, weil sie die Männer Davids nicht rechtzeitig gesehen und gehört habe. Und dann endet sie: „Der HERR selbst hat dich davor bewahrt, in Blutschuld zu geraten und dir mit eigener Hand zu helfen.“ David preist daraufhin ihre Klugheit, dankt ihr, ihn vor Schuld durch Selbstjustiz bewahrt zu haben, nimmt ihre Segensgabe an und lässt sie ziehen.

Wenn ich aus der Blickrichtung der Friedensdekade diese Erzählung lese, dann lese ich zum einen, dass Konventionen, die gebrochen werden, zu Aggressionen führen. Wenn mit einem falschen Tun das Selbstverständliche nicht mehr gilt, dann scheint plötzlich nichts mehr zu gelten. Es braucht also Menschen, die die stillen Verabredungen im Blick haben, damit der Frieden bleibt. Abigail ist solch ein Mensch. Sie regelt, was zu regeln ist. Leise, unauffällig, im Hintergrund. Und als ihr närrischer Mann alle durch sein Fehlverhalten gefährdet, ist sie bereit zum Handeln. Sie ist bereit, eine Schuld auf sich zu nehmen, die gar nicht die Ihre ist, damit sie a) den Fehler ihres Mannes ausbügeln und b) so dem David ein gesichtswahrendes Argument anbieten kann, warum der nun doch nicht das ganze Haus Nabals töten muss. Ihr Kommen, spricht sie klug, sei Gottes Wille, um den David vor der Blutschuld der Selbstjustiz zu bewahren. Der kluge David folgt der klugen Abigail gern in ihrer Rede und zieht befriedet davon.

Wie oft bricht nicht durch Kleinigkeiten auf, wie dünn die Kruste menschlicher Kultur ist. Mögen wir da, wo uns das widerfährt, so klug sein wie Abigail und bereit zum Handeln, damit auch wir das Richtige tun, um den Frieden zu bewahren.

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  "Wo warst du?" - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

"Wo warst du?" - Andacht im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 14.11.2018

„Wo war Gott? Warum hat er das zugelassen?“ Ich vermute, im Zusammenhang mit Unglücken kennen wir alle diese Frage. Warum handelt Gott, wie er handelt – und nicht, wie es uns, mir oder Ihnen, sinnvoll erscheint? Wozu Kriege, Krankheiten oder Unglücke? Es ist eine Frage, an deren Beantwortung sich Glaubende wahrscheinlich schon immer abgearbeitet haben.

Im Buch Hiob beschreiben die biblischen Autoren das, was Menschen vielleicht noch heute spüren, wenn ihnen Unglück widerfährt: es ist ein Ringen im Glauben – verortet irgendwo zwischen Elend, Wut und Hoffnung.

Hiob also ringt viele, viele Kapitel lang mit seinen Freunden darum, dass er Gott als ungerecht empfindet. Die Freunde akzeptieren diese Position nicht – und suchen deshalb auf Seiten Hiobs, womit er sein Leid wohl herausgefordert und verdient haben könnte. Sie glauben, sie könnten Gott verstehen, und meinen deshalb, sie dürften sich ein Urteil über Hiob erlauben. Aber Hiob bleibt standhaft: Nicht an ihm liege es, sagt er, sondern Gott allein sei der Verantwortliche. Wäre es ihm nur möglich, würde er mit Gott vor Gericht ziehen. Gott lässt Hiob nicht ohne Antwort. Aus dem Sturm spricht ER:

„Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist. Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Messschnur gezogen hat? Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt? Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis? Wer hat dem Platzregen seine Bahn gebrochen und den Weg dem Blitz und Donner, dass es regnet aufs Land, wo niemand ist, in der Wüste, wo kein Mensch ist, damit Einöde und Wildnis gesättigt werden und das Gras wächst?“ (aus Hiob, Kap.38)

Kurzum, Gott antwortet:
„Ich habe die Welt gemacht und wohl geordnet. – Wo warst du, als ich das tat?“

Ein Totschlagargument, meinen Sie? Stimmt. Aber für mich hat es eine zweite Seite. Denn Gott erzählt hier, was für ein Gott er ist: Kein Gott des Krieges, kein Gott des Todes, sondern ein Gott des Lebens. Er ist der Gott, der das Leben geschaffen hat und der das Leben bewahrt. Und zu Hiobs Freunden, die tatsächlich glaubten Gott begreifen und insofern auch rechtfertigen zu können, spricht ER: „Mein Zorn ist entbrannt über euch; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,7)


Gott allein also weiß, warum dies oder jenes im Leben geschieht – an Freude und Leid. Und keinem Menschen wird es je gelingen, die Gedanken Gottes zu erfassen.

Sie meinen, das zu denken nütze nichts? Ich meine doch. Denn erst, wenn ich Gott als mächtig über das Gute und das Böse meines Lebens glaube, kann ich weiter darauf vertrauen, dass ER sich am Ende auch mir als Gott des Lebens erweisen und mir seinen Frieden schenken wird.

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  "Dankbar für Versöhnung"

"Dankbar für Versöhnung"

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 13.11.2018

Mose und das Volk singen, Mirjam und die andere Frauen schlagen die Pauke und tanzen dazu. Ihr Kehrvers lautet: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“ (Ex 15,21)

So heißt es im Bibelwort zum heutigen Tag der Ökumenischen Friedensdekade.

Auch am Sonntag wurde eines Sieges gedacht: Auf den Tag genau waren es einhundert Jahre, dass der Erste Weltkrieg mit dem Sieg der Alliierten über die Deutschen endete. Es war kein Tanz mit Pauken und lautem Siegesgesang wie er im Zweiten Buch Mose von jenem Augenblick geschildert wird, nachdem die Wellen des Meeres über den Verfolgern zusammengeschlagen waren und Israel wundersam gerettet, trockenen Fußes auf der anderen Seite des Wassers stand. Da sind wir inzwischen Gott sei Dank klüger geworden; aber es liegt bleibend eine leise Freude in der Erinnerung, dass das Ende eines Krieges stets ein guter Augenblick ist. Selbst wenn der Frieden von 1918 nur kurz währte; vor allem wohl deshalb, weil das Gefühl in Deutschland damals stark war, durch den Versailler Vertrag unfair behandelt worden zu sein. Es war die schlechte Laune des schlechten Verlierers. Es war die Angst eines Volkes marginalisiert zu werden. Es war die Unsicherheit in einer politischen Situation, die eine Jahrhunderte währende politische Ordnung beendete und an ihre Stelle die unbekannte Demokratie setzte. Eine Demokratie, die in ihrem ersten Versuch eine Vielzahl an Kinderkrankheiten hatte und die am Ende aus sich heraus den Nationalsozialismus ermöglichte.

Dennoch aber einhundert Jahre nach Friedensschluss die Freude über das Kriegsende; und im Blick zurück auf beide Kriege die Erfahrung, dass alles Töten im Namen von was auch immer vor allem eines bringt: nämlich den Tod – und damit alles Elend, das ihm an Trauer und zerstörten Lebenswegen folgt.

Gerade deshalb ist es ein Geschenk, wenn wir gemeinsam, völkerübergreifend jener Jahre und ihrer Soldaten gedenken. Der Bundespräsident legte in London einen Kranz nieder, auf dem er handschriftlich zufügte: „Geehrt, hier Seite an Seite zu gedenken, dankbar für Versöhnung, hoffnungsvoll für eine Zukunft in Frieden und in Freundschaft.“

Es sind gute Worte, die er da gefunden hat. Denn sie erzählen von ehemaligen Feinden, die nicht nur ihre Hand dem Gegenüber reichen, sondern die es wagen, im Gedenken nebeneinander zu stehen. Sie erzählen von jenem urchristlichen Gedanken, dass da, wo Versöhnung gelingt, neues Leben entspringt. Und sie erzählen von der Hoffnung, die für das Morgen so wichtig ist; gerade angesichts eines Heute, das wieder einmal in so vielem ungewiss und verunsichernd erscheint.

Glauben und hoffen also auch wir – noch gegen unsere eigenen Ängste und Zweifel – an eine Zukunft in Frieden und Freundschaft. Bleiben wir bereit zur Versöhnung. Und wertschätzen wir die Anderen. Denn ohne das bleibt alle Gedenksymbolik nicht mehr als schöner Schein. Es müssen die Herzen beieinander bleiben, damit auch der Friede bleibt.

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  Schwerter zu Pflugscharen

Schwerter zu Pflugscharen

Heiko Frubrich, Prädikant - 12.11.2018

Im vergangenen Jahr wurden weltweit rd. 1,6 Billionen Euro für Rüstung ausgegeben. Selbst ich als Banker kann mir diese dreizehnstellige Zahl nicht mehr plausibel vorstellen. Um es etwas griffiger zu machen: Würden wir diesen Betrag gleichmäßig auf die Weltbevölkerung verteilen, so musste jeder jetzt auf dieser Erde lebende Mensch etwas mehr als 200,00 € bezahlen, um die Rüstungsausgaben zu finanzieren. Jeder Mensch auf dieser Erde, 200,00 €. Der amerikanische Präsident, das gerade in diesem Moment geborene Baby, die englische Königin, der älteste Mensch der Welt, der Dalai-Lama, das verhungernde Kind in Afrika und sie und ich – jeder müsste 200,00 € auf den Tisch des Hauses legen, um Panzer, Bomben, U-Boote und Soldaten zu bezahlen – und das jedes Jahr aufs Neue.
Auf unserer Erde leiden über 800 Millionen Menschen an Hunger. Ihnen fehlt es an ausreichender Nahrung und vor allen Dingen an frischem Wasser. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu nennen ist der Klimawandel, die Korruption, die internationale Ausbeutung, also das Leben der reichen Länder auf Kosten der armen und natürlich auch die zahllosen kriegerischen Auseinandersetzungen. Es wird sie kaum überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass man den Hunger auf dieser Welt von heute auf morgen beenden könnte, wenn man das Geld, das für Waffen ausgegeben wird, in Entwicklungs-und Unterstützungsprojekte investieren würde. Nur diese einzige Haushaltsposition aus den Etats der Rüstungsstaaten wäre umzuwidmen, um unfassbar viel Leid auf dieser Welt dauerhaft zu beenden. Es könnte so einfach sein.
Der Prophet Micha schreibt: „Gott wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet.“
Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln. 2500 Jahre sind diese Worte alt, doch sie prophezeien eine Weltenwende, auf die diese Erde schon viel zu lange warten muss. Geld auszugeben, um Hunger und Leid zu lindern, anstatt Panzer zu kaufen, ist die moderne Übersetzung von Schwertern zu Pflugscharen. Angst und Kriegstreiberei zu beenden, um allen Menschen ein gutes und friedliches Leben zu ermöglichen, das ist es, wovon Micha schreibt.

Vielleicht ist es naiv, daran zu glauben, vielleicht ist es utopisch, darauf zu warten. Doch gerade wir als Christen dürfen nicht aufhören, dafür einzutreten, dass diese Prophezeiung wahr wird. Wir dürfen nicht aufhören, davon zu erzählen, dafür zu beten und darauf zu hoffen. Denn wenn unsere Hoffnung stirbt, dann stirbt damit auch die Chance auf Frieden und auf eine gerechtere und bessere Welt.

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  Albert Schweitzer

Albert Schweitzer

Cornelia Götz, Dompredigerin - 10.11.2018

10. November. Martinstag. Das Wetter ist nicht dazu angetan, Gedanken hin zu Laternenumzügen und Martinsgänsen zu lenken. Einfacher geht es in Richtung Urwald und Lambarene…
Lambarene. Als ich ein Kind war, zog der Filmdienst der Evangelischen Kirche durch die Gemeinden mit Vorführapparat und Filmrollen, ein Spitzenjob – jedenfalls vorübergehend - für junge Erwachsene, die im DDR-System keinen Platz fanden. Immer im Gepäck der Alber-Schweitzer-Film, der nicht nur Bildungspotential besaß, sondern auch Fernwehkranke anlockte.
Albert Schweitzer, 1875 im Elsass geboren, war das, was man einen Tausendsassa nennt. Orgelvirtuose, Orgelbausachverständiger, habilitierter Theologe, Pfarrer, promovierter Philosoph, Arzt. Er schrieb – auf Anregung seines Pariser Orgellehrers Charles-Marie Widor – ein Buch über Johann Sebastian Bach und eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Kein Theologe kommt durchs Examen, der nicht von seiner Auslegung der Bergpredigt gehört hat. Ethik ohne seine „Ehrfurcht vor dem Leben“? Undenkbar.
Als sehr junger Mann hatte Albert Schweitzer mit sich selbst einen Deal geschlossen, den er selbst so beschrieb: „An einem strahlenden Sommermorgen, als ich – es war im Jahre 1896 – in Pfingstferien zu Günsbach erwachte, überfiel mich der Gedanke, dass ich dieses Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse. Indem ich mich mit ihm auseinandersetzte, wurde ich, bevor ich aufstand, in ruhigem Überlegen, während draußen die Vögel sangen, mit mir selber dahin eins, dass ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr für berechtigt halten würde, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbar menschlichen Dienen zu weihen."
Das schafft er nicht ganz. Die medizinische Ausbildung mit Tropenspezialisierung braucht doch einen Moment mehr. Aber am 21. März 1913 bricht er auf. Nach Lambarene. Dort wird er ein Krankenhaus gründen, indem heute auch noch zahllose Menschen stationär und ambulant behandelt werden, Kinder zur Welt kommen.
Albert Schweitzer war umstritten, als Theologe und Ethiker ganz sicher.
Wie er sich Bachsche Musik vorstellte, können Sie heute hören.
Über seine Beziehung zu Richard Wagner, dessen Musik und Familie, können Sie gleich im Anschluss einen Vortrag hören. Herzlich willkommen!
Unumstritten ist aber, wie Robert Leicht in der ZEIT vor einigen Jahren über Albert Schweitzer schrieb: „Die letzte Lücke in der Theorie darf kein Vorwand sein, die erstbeste helfende Tat zu verweigern.“
Schweitzer war diesbezüglich nicht gefährdet und wurde zum Inbegriff selbstloser Mitmenschlichkeit. Noch einmal Robert Leicht: „ Es bleibt freilich das Paradox gerade größter Vorbilder: dass sie ebenso verpflichtend wie zugleich entlastend wirken. Und dass es viele Verehrer, aber kaum Nachfolger gibt.“
Und so passt das Thema zuletzt auch zu diesem Wochenende. Denn es geht in diesen Tagen um das Ende des ersten Weltkrieges, die Novemberrevolution, die Reichspogromnacht, die Maueröffnung. Es geht darum, nicht nur zu denken sondern auch zu sagen und zu tun, wovon wir überzeugt sind, Christsein in der Welt zu leben.


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  Helle und dunkle Geschichte

Helle und dunkle Geschichte

Cornelia Götz, Dompredigerin - 09.11.2018

Über diesem Tag heißt es im ersten Buch der Könige: „Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unseren Vorfahren war.“
So ist es ausgelost worden in Herrnhut. In diesen wenigen Worten schwingt eine uralte Glaubenserfahrung der Juden, des Volkes Israel mit, die später auch für uns Christen Gültigkeit behielt: Gott geht mit uns durch die Geschichte. Gemeint ist die profane Weltgeschichte. Gemeint sind die tagespolitischen Ereignisse im Großen und im Kleinen. Hier und dort, damals und heute. Darum ordnen die alttestamentlichen Bücher Prophetenworte der Herrschaftszeit dieses oder jenes Königs zu. Eben, damit man weiß, wann es war. Später tut das die Geburtsgeschichte Jesu auch, dann wenn es heißt, „zur Zeit als Quirinius Statthalter in Syrien war…“
Und gesagt ist immer: Wir leben nicht in Kreisen ewiger Wiederkehr, sondern in der vergehenden Zeit. Jedes Menschenleben hat seine datierbare Zeit, in der wir Menschen sein können oder Ungeheuer. Zeit, die nicht wiederkommt.
Gott handelt in ihr, manchmal sehr sichtbar, bewahrend und Wunder wirkend. Dann feiern Völker die Freiheit und Menschen glauben, dass Träume in Erfüllung gehen – so wie vor hundert Jahren Demokraten hofften, dass nun Unterdrückung, Not und Verzweiflung ein Ende haben werden. Oder so, wie Menschen vor 29 Jahren einander an der innerdeutschen Grenze in den Armen lagen und Freudentränen weinten.
Aber es gibt auch die anderen Daten, die, an denen Gott schweigt und so ohnmächtig scheint, dass man begann, von seinem Tod zu reden. Daten, an denen er nicht eingreift und was geschieht, Menschenwerk ist.
Am Kreuz starb vor 2000 auf Golgatha ein Mensch. Das ist ein historisches Datum. Auch der der 9. November 1938 ist ein historisches Datum oder wie wir es heute lesen in der Braunschweiger Zeitung stand: „Es war eine Nacht des Schreckens und eine Nacht der Braunschweiger Schande.“
In dieser Nacht starben nicht nur Menschen, sondern die Menschlichkeit.
Es war eine Nacht, in der Bürger unserer Stadt ihre jüdischen Mitbürger aus ihren Häusern zerrten, zerstörten und verbrannten, was jüdisch war und mit ihrem unbändigen Hass zum Einsturz brachten, was als zivilisatorischer Konsens des Zusammenlebens galt, ganz zu schweigen vom Anspruch einer Kulturnation des christlichen Abendlandes. Das geschah überall in unserem Land, auch hier: in der Steinstrasse, in der Adolfstrasse, in der Lützowstrasse, überall.
Noch immer unbegreiflich. Noch immer ein Grauen, das in der Mitte unserer Stadtgesellschaft aufbrach, dem sich die Vielen nicht widersetzten und Pfarrer nicht laut flehten: „Der Herr unser Gott sei mit uns, wie er mit unseren Vorfahren war.“ Denn ihnen war doch gesagt, genau wie es heute im dazugehörigen Lehrtext aus dem Hebräerbrief steht: „Tut es denen gleich, die durch Glauben und Geduld die Verheißung erben.“ Denen sollen wir es gleich tun. Nicht den anderen. Niemals.

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  Solange die Kräfte reichen

Solange die Kräfte reichen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.11.2018

Solange die Kräfte reichen

Als ich gestern nach Texten und Bildern suchte, um ein bisschen mehr von der Flüchtlingskarawane in Mittelamerika zu verstehen, fiel mir unmittelbar neben den Berichten ein Video auf, das eine Drohne in Sibirien aufgenommen hat.
Es zeigt zwei Bären an einem Schneehang. Eine Bärenmutter und ein Bärenkind. Die beiden verlieren sich, weil das Kleine abrutscht. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Manchmal so tief, dass es aus dem Bild fällt und man Angst hat, dass das Bärenkind an den Felsen weiter unten zerschmettert. Aber es strampelt sich immer wieder hoch, versucht immer wieder das endlose Schneefeld hinter sich zu lassen und irgendwann schafft es das kleine Tier doch über die Kante, dorthin wo die Mutter gewartet hat…
Es ist ein Wüstenbild.
Eines mit einem guten Ende.
Ob die unzähligen Menschen, die derzeit durch Mittelamerika gen US-amerikanischer Grenze ziehen jemals irgendwo ankommen, wo alles halbwegs gut ist, wer weiß. Ihr einziges Pfund im Moment ist es jedenfalls, dass nicht allein sind. Sie gehen gemeinsam, weil das ihre Sichtbarkeit erhöht. Denn sollte eine Drohne filmen, dass sie unterwegs überfallen, vergewaltigt, ermordet werden, wird das keiner ins Internet stellen, es rührt nicht an und – so bitter es ist – es ist auch nichts Besonderes.
Die Karawane von Menschen, die ihr Schicksal in die Hände des reichen Westens legen, hingegen bietet durchaus ein Bild, das sich festfrisst im Kopf.
Dies erst recht, wenn man befürchten muss, dass diese Tausendschaft von Habenichtsen an der amerikanischen Grenze auf eine Übermacht bewaffneter Polizisten oder Soldaten treffen wird.
Das scheußliche Bild einer Maßnahme, die von einer erschreckend Zahl von Menschen für akzeptabel wenn sogar für angezeigt und genau richtig gehalten wird.
Jetzt haben die Menschen um Asyl in Mexiko gebeten. Vielleicht haben sie Angst vor den Truppen, die Donald Trump in Marsch gesetzt hat, vielleicht spüren sie, dass sie einander verlieren werden, wenn sie jetzt weitergehen, vielleicht ist die Kraft zu Ende.
Sie sind zusammen losgegangen, damit wir es merken. Damit wir uns erinnern, dass uns gesagt, was gut ist. Oder wie es über diesem Tag aus dem 2. Buch der Chronik heißt: „Frag doch zuerst nach dem Wort des Herrn!“

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  Gott vermissen...

Gott vermissen...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.11.2018

Allerorten lesen wir, dass Werte verfallen, sich immer weniger Menschen an Kirchen binden oder auf ein Bekenntnis festlegen wollen, dass Glauben zu einer Privatsache geworden ist, bei der man sich auf dem Supermarkt der Angebote zusammensucht, was man meint für das leibliche und seelische Wohl zu brauchen.
Zugleich sorgen wir uns, wo es hingeht mit unserer Welt, wenn Menschen das Miteinander im echten Leben verlernen, Mitgefühl und Solidarität mithin nicht einüben können, wenn Diktaturen erstarken und vereinfachende Pseudoargumente wie beim Rattenfänger von Hameln funktionieren…
Wo kommen wir also hin ohne den Gott, der uns lehrt im Nächsten den zu sehen, den er liebt, ohne den Gott, der von uns nicht Vollkommenheit verlangt sondern vergibt, wo wir scheitern, ohne den Gott, der mit uns Menschen Wege zum Frieden gehen und sein Reich bauen will?
Friedrich Nietzsche hat in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ vor reichlich hundert Jahren geschrieben, wie es wäre ohne Gott:
„Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen – du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Macht stehen zu bleiben und deine Gedanken abzuschirren – du hast keinen fortwährenden Wächter und freund für deine sieben Einsamkeiten – du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupt und Glut in seinem Herzen trägt – es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr – es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird – deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat … Wer wird dir die Kraft dazu geben?“
Nietzsche hat sich damit seiner Zeit voraus gefühlt. Die Geschichte gibt ihm Recht. Es wurde immer dunkler. Aber Gott hat sich nicht abgewendet. Im Gegenteil. Es gilt noch immer, wie es im Titusbrief heißt: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“

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  Spazierengehen mit deinem Gott

Spazierengehen mit deinem Gott

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.11.2018

Am Wochenende habe ich von einem alten reformierten Pastor aus den Niederlanden etwas Erstaunliches gelernt. Die Übersetzung der bekannten Micha-Worte, vor wenigen Jahren auch Kirchentagslosung „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ klingt in der niederländischen Bibel, erst recht aber in der umgangssprachlichen Widergabe sehr anders als in unseren Ohren, denn dort heißt es, so erzählte er mir:
„Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich spazieren gehen mit deinem Gott.“
Spazierengehen… Nicht schlendern, sondern eher wandeln. Aber eben doch: umherlaufen. Das klingt im ersten Moment wie eine Verwässerung der strengen lutherischen Entfaltung. Aber im Nachklingenlassen und Nachdenken erscheint mir das ungeheuer weise.
Wer umhergeht, der muss hinaus vor die Tür.
Wer spaziert, der wandert oder walkt nicht auf eigens dafür vorgesehenen Wegen zur Ertüchtigung seines Leibes, wer spaziert, der hat alle Sinne offen – die Augen und Ohren, die Nase. Er ist ja unterwegs, um Eindrücke aufzusammeln, den Tieren, Wolken und Menschen zuzusehen, Gedanken zu ordnen. Er hat seine Antennen offen.
Wenn wir also mit Gott spazieren gehen, dann wird das unsere Wahrnehmung schärfen: Wir werden sehen, dass das goldene Herbstlaub so vollkommen leuchtet, dass es auf den Schöpfer verweist. Wir werden aber sehen, dass ungeheuer große teure Autos durch die Stadt fahren und nur ein einziger Mensch darin sitzt, dass Mülleimer nach Pfandflaschen durchsucht werden, dass Schulkinder irgendwelches Junkfood essen, Mütter aufs Smartphone gucken statt auf ihre Kinder und viele Menschen ziemlich blass aussehen, tiefe Augenringe haben.
Wir werden sehen, dass Menschen sich lieben und zärtlich an der Hand halten, dass sie einander fürsorglich betreuen und helfen, dass sie aufmerksam sind und rücksichtsvoll, begeisterungsfähig und warmherzig.
All das.
Mit Gott spazieren zu gehen ist eine Übung darin, sich nicht abzukapseln in der eigenen Welt und Glauben zur Privatsache zu machen.
Mit Gott spazieren zu gehen, ist eine Möglichkeit, seine Liebe wirken zu sehen.
Mit Gott spazieren zu gehen, ist eine Chance, Wege vom Sehen ins tun zu finden, denn: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist.“

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  Der Sinn des Lebens

Der Sinn des Lebens

Heiko Frubrich, Prädikant - 05.11.2018

Lassen Sie uns diese Woche mit einer einfachen Überlegung beginnen: Was ist der Sinn des Lebens? Die Antwort auf diese Frage füllt diverse Regalmeter in jeder Buchhandlung. Wenn sie sich davon überzeugen wollen, schauen Sie nachher doch mal bei Graff vorbei. Doch ich denke, selbst wenn sie das alles gelesen haben sollten, werden sie nicht auf die einzig richtige Antwort gestoßen sein, denn ich fürchte, dass es die so nicht gibt.
Ich glaube vielmehr, dass der Sinn jedes einzelnen Lebens so individuell ist, wie das Leben selbst. Für mich fest steht, dass es ihn gibt und dass Leben besser gelingt, wenn wir seinen Sinn für uns zumindest grob umreißen können. Wahrscheinlich ist es dann auch nicht der eine Sinn des Lebens, den wir finden, sondern es sind mehrere, die wir aufteilen können in Ziele und Rahmenbedingungen. Vieles, was von außen kommt, beeinflusst unseren Lebenslauf ganz maßgeblich. Ein gutes Leben braucht ein stabiles Fundament. Ausreichend Nahrung, Sicherheit, Beziehung, Freiheit und Frieden gehören unverrückbar dazu. Menschen, die einen Krieg erleben mussten, berichten, dass sich in Kriegszeiten Werte und Ziele geradezu disruptiv verändert haben, weil auf einmal Leben an sich infrage gestellt war. Ich denke, dass die Bilder und Berichte aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt uns neben Betroffenheit auch mit Dankbarkeit erfüllen können, darüber, dass wir hier in Deutschland seit über 70 Jahren in Frieden leben dürfen.
Zurück zur Ausgangsfrage. Der Dalai-Lama sagt: „Der Sinn des Lebens ist es, glücklich zu sein.“ Das klingt eingängig, das ist nachvollziehbar und wer könnte von sich schon sagen, dass er nicht gern glücklich ist. Stellt sich nur die Frage, wie wir diesen Zustand erreichen. Auf dem Sofa zu sitzen und darauf zu warten, dass ich mich endlich glücklich fühle, ist da vielleicht etwas zu wenig. Viele unserer Zeitgenossen suchen ihr Glück im Äußeren. Das schicke Auto, das schöne Häuschen, die tolle Urlaubsreise, all das sind Überschriften unter denen Glück gesucht wird. Kurzfristig können materielle Dinge auch durchaus glücklich machen, doch das hält meist nicht lange an. Nachhaltigere Glücksquellen sind hingegen die, die aus dem Inneren heraus kommen. Die vorhin bereits zitierte Dankbarkeit wäre da zu nennen, Freude an dem, was uns in dieser wunderbaren Welt in der Natur umgibt und natürlich auch Liebe und Wertschätzung. Die beiden Letztgenannten gelten im Übrigen in beiderlei Richtung: geliebt zu werden ist genauso schön, wie Liebe zu geben, wertgeschätzt zu sein baut auf doch ist genauso erfüllend, zu erleben, wie andere Menschen strahlen können, wenn sie Wertschätzung erfahren.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus Christus. Trage dazu bei, dass es deinen Mitmenschen gut geht, achte auf ihre Bedürfnisse, schaue, wo du helfen kannst und tue genau das, aber eben wirklich genau das auch für dich selbst. Das kann eine gute Strategie sein, um glücklich zu leben und dann ist die Suche nach dem Sinn des Lebens vielleicht wirklich ein Kinderspiel.

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  ... und alles beim Alten

... und alles beim Alten

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 03.11.2018

Die Woche liegt hinter uns und am Mittwoch also war Reformationstag – der fünfhunderterste, und viele Menschen finden trotz aller Jubiläumsfeiern weiter, dass der Luther und seine olle Gnadenlehre doch nun wirklich längst Schnee von gestern seien. Deshalb lasen sich die Stimmen am Dienstag in der Zeitung für mich auch nicht überraschend, als sie von dem erzählten, wie sie denn den Reformationstag nutzen würden, nämlich als einen a-religiösen Feiertag: Also mit Spaziergängen und Sport, Leute besuchen und anderen Aktivitäten. Natürlich auch mit Halloween, wenn die Befragten jüngeren Jahrgangs waren. Ein wunderbares zweites Fasching im Jahr, eines, bei dem der Gruseleffekt garantiert ist…. Das finden zumindest unsere Kinder. Und ich muss zugeben, inzwischen bin auch ich soweit und werde dem Kind im kommenden Jahr wohl ein Kostüm organisieren. Und es ist ja auch nett, wenn die Nachbarskinder klingen und ihre Variante eines schaurigen „trick or treat“ zum Besten geben. Und natürlich spendieren wir nicht nur an allen anderen Tagen des Jahres, sondern auch an diesem Tag gerne einmal eine Runde Süßigkeiten.

Allerdings kam mir in diesem Jahr zum ersten Mal der Gedanke, dass die Dinge auf Erden sich doch wirklich ähnlich bleiben. Denn mal ganz ehrlich: sich von dem Bösen mit einer materiellen Gegenleistung freizukaufen… erinnert Sie das nicht auch an etwas? Da stehe ich also gut fünfhundert Jahre nach Luther an meiner Haustür und denke: Zwar kaufe ich heute nicht meine Seele mit einem Ablassbrief frei, aber anscheinend kann ich mich vom kindlichen Zorn mit Süßem freikaufen. Na dann. Hat er uns also doch wieder, der alte Ablasshandel, allein dieses Mal im süßen Gewand.

Sie scheint tief in uns verankert, die Idee von Leistung und Gegenleistung. Do ut des. Wie du mir, so ich dir. Sie scheint tief verankert, die Idee vom Handel. Wer gibt denn bitte auch schon ohne dafür zu bekommen? Und wo gäbe es etwas umsonst? Wer stellte sich freiwillig schlechter als er müsste? Und wer hielte schon die linke Wange hin, wenn ihm einer auf die rechte schlägt? Wer liebte seine Feinde, wenn er sich stattdessen von ihnen freikaufen kann?

So bleibt alles beim Alten.
Bis zu jenem Tag, an dem eine jede und ein jeder aus vollem Herzen bekennt:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Röm 1,16f.)

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  Auf ganzer Linie: Evangelium

Auf ganzer Linie: Evangelium

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.11.2018

„Mit welchen Worten würden Sie ihre Glaubenserfahrungen zusammenfassen?“, fragt mein Losungskalender mich für heute. Und ich merke, wie die Erinnerungen in die Kindheit zurückführen, wie ich über Nachtgebete, die gut einschlafen ließen, nachdenke, über die Freude daran, mit einer Freundin gemeinsam am Sternsingen teilzunehmen, über die Langeweile im Konfirmandenunterricht und Brüche, und dann erst über eine neue Lust am Glauben, als ich Andachten am Lagerfeuer erlebte. Die Erinnerungen der Erwachsenen treten hinter all das zurück. Aber wie würde ich es zusammenfassen? Wahrscheinlich mit dem Begriff „Beziehung“. Mein Glaube ist eine Beziehung zu etwas, das ich schätzen gelernt habe, zu dem ich den Kontakt aufrecht halten möchte und – das auch mich nicht loslässt. Es ist eine gute Beziehung, weil ich Vertrauen in sie habe. Es ist eine schwere Beziehung, weil sie nicht immer gleich intensiv ist. Aber es ist eine lebendige Beziehung, die mich stärkt und von der her es zu leben lohnt.

Der Autor des Kalenderblatts, Michael Stollberg, hat seine Antwort über ein Erlebnis in einem Prüfungsgeschehen gefunden: Er erzählt von einem jungen Studenten, den die Kommission über den Philipperbrief des Paulus befragte. Der junge Mann wusste nicht mehr viel davon, allein einen Vers wusste er noch: „Freuet euch in dem HERRN allewege.“ „Sehr schön. Was fällt Ihnen noch ein?“, bohrte der Prüfer weiter. Unsicher kam ein: „Und abermals sage ich: Freuet euch!“ „Mehr“, so erzählt Stollberg, „fiel dem jungen Mann nicht ein.“ – Eins aber müsse man dem so unglücklich in Bedrängnis Geratenen zugestehen: Den entscheidenden Inhalt des Philipper-Briefes habe er durchaus angemessen wiedergegeben. Eigentlich habe er damit sogar das Wesentliche der Frohen Botschaft von Christus umschrieben. Für Stollberg ist der Glaube „die fröhliche Gewissheit, dass jemand Ja zu mir sagt“. Und die Freude darüber.

Das mag erst einmal wenig lebensnah klingen, denn der junge Mann wird sich nach dieser Prüfung wahrscheinlich nicht sehr gefreut haben. Es sei denn natürlich, dass sich die Lücke mit anderem Wissen hat kompensieren lassen und er doch bestanden hat. Aber die Worte des Paulus: „Freuet euch in dem HERRN allewege, und abermals sage ich: Freuet euch“ (Phil 4,4), reichen ja in Wahrheit auch tiefer. Paulus war jemand, der im Zustand des „Trotzdem“ lebte. Er schreibt an die Gemeinde in Thessalonich, dass er in Philippi gelitten habe und misshandelt worden sei und dennoch habe er den Mut gefunden, das Evangelium Gottes zu sagen in hartem Kampf (1. Thess 2,2f).

So ist die Freude, zu der er auffordert, eine leise und gleichzeitig aufmüpfige Freude, die von Gutem weiß, selbst wenn gerade alles im Leben dagegen zu sprechen scheint. Deshalb sind seine Worte auch auf ganzer Linie Evangelium: frohe Botschaft; weil sie davon zeugen, dass der Glaube gerade in jenen Augenblick Kraft und Stärke schenkt, in denen es besonders mies zu laufen scheint und man erst einmal so gar nichts von Gottes „Ja“ zur eigenen Person spürt. Die Freude ist die Freude am Trotzdem und die Lust, ein Feld nicht kampflos aufzugeben, sondern dran zu bleiben an dem, was man selbst als fürs Leben wichtig glaubt.

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  Versöhnte Verschiedenheit

Versöhnte Verschiedenheit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 01.11.2018

Es ist lange her, dass ich das Wort von der „Versöhnten Verschiedenheit“ gehört habe. Für mich gehört es in den Zusammenhang der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1999 von Vertretern der Katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes unterzeichnet worden ist – auch wenn es damals ordentlich „Einheit in versöhnter Vielfalt“ hieß. Aber geflügelt wurde das Wort von der versöhnten Verschiedenheit in unserem Ökumene-Seminar. Gestern nun endete die Predigt, die wir hier im Dom von dem katholischen Gastprediger, dem Hildesheimer Bischof Dr. Heiner Wilmer, gehört haben, auf diese Worte. Wir leben und sind Christen in versöhnter Verschiedenheit.

Ich denke, in unseren Zeiten, wo Taufeltern verwundert vor mir sitzen und fragen, ob es denn wirklich wichtig sei, dass die Paten evangelisch sind und ob christlich nicht reiche, lassen sich Worte, die das Verbindende der Konfessionen betonen, kaum überschätzen. Die konfessionellen Unterschiede mögen uns Theologinnen und Theologen weiter in ihren Theorien nachvollziehbar sein, aber in der Praxis leuchten sie kaum mehr ein. Und ich selbst habe mir Jesus auch noch nie als jemanden vorgestellt, der formal-juristisch unterwegs war. Er aß und trank mit jenen, die von Gott hören wollten und die ihn als einen Menschen glaubten, der von Gott göttlich sprach.

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich halte Kirchenmitgliedschaft für überhaupt keine unwesentliche Frage. Aber sie ist Konsequenz eines Glaubens, der davon ausgeht, dass von ihm geredet werden muss und von ihm ausgehend auch gehandelt werden sollte. Das Christentum braucht eine äußere Form. Unbedingt und notwendig! Allein im Wald funktioniert höchstens die Selbstvergewisserung im Glauben, aber dem Christentum ging es ja schon immer um mehr als die Beförderung des eigenen Selbst. Er war noch nie egozentrisch und genau das halte ich persönlich auch für seine große Stärke. Aber um Teil dieser Gemeinschaft zu sein, ist Kirchenmitgliedschaft nicht notwendig der erste Schritt.

Ohnehin ist der Glaube immer auch eine individuelle Größe: So heißt es in einer jüdischen Anekdote sehr schön, dass da, wo drei Glaubende zusammensitzen und über den Glauben streiten, mindestens vier Meinungen im Raum sind. Die vierte ist die von Gott. Die versöhnte Verschiedenheit meint also nicht nur das Ernstnehmen der verschiedenen Traditionen, sondern ist auch eine Anerkenntnis der eigenen Begrenztheit in allem Reden von Gott. Alles exklusiv Besserwisserische bleibt mir deshalb suspekt.

Und so war ich gestern dankbar einen Bischof zu erleben, der Vielfalt und Verschiedenheit ernst nimmt. Ich meine, dass wir solche Stimmen brauchen, wenn wir unsere Religion gegenwartsrelevant predigen wollen. Denn letztlich gilt für jede Christin und jeden Christen, ganz gleich welcher Konfession sie oder er angehört, was im Petrusbrief geschrieben steht (1. Petr. 3,15):
„Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

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  Ein neuer Feiertag

Ein neuer Feiertag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.10.2018

Jetzt haben wir ihn, den neuen Feiertag. Der Landtag hat’s beschlossen. Dass wir Niedersachsen bis zu diesem Sommer mit nur neun Feiertagen gemeinsam mit Berlin das Schlusslicht in der Gesamtzahl gesetzlicher Feiertage bildeten, nahm so mancher Wirtschaftsexperte wahrscheinlich zu Recht als Standortnachteil wahr. Jetzt aber liegen auch wir endlich bei zehn Feiertagen. Die Chance der großen Begeisterung des letzten Jahres zum Reformationstag wurde genutzt, um die Zahl zehn zur Verbesserung der eigenen Attraktivität auf dem Markt der knapper werdenden Ressource Arbeitskraft zu erreichen. Und welche Kirche würde es schon ablehnen, wenn ihr ein neuer Feiertag mit einem ihrer Anliegen vor Augen gestellt wird? Nun fordert Martin Jasper uns Kirchen in seinem Kommentar auf, doch bitte etwas mit diesem Feiertag anzufangen, dem Reformationstag. Also gut. Recht hat er.

Als ich mir dann weiter durchlas, was Menschen mit ihrem diesjährigen Reformationstag möchten, da fand sich eine erste Spur: Denn ganz gleich, ob der- oder diejenige morgen in den Gottesdienst gehen oder Sport treiben, faulenzen oder Freunde besuchen wird, fast alle haben gesagt, dass sie den Reformationstag dazu nutzen möchten, einmal weniger auf ihr Mobiltelefon zu gucken. Das ist doch spannend! Denn hier wird der Reformationstag zum Fastentag. Menschen unterbrechen sich in etwas, wovon sie wissen, dass es in ihrem Leben überhandnimmt.

Denn im Leben geht es ja wirklich um anderes als ständige Erreichbarkeit oder dauernde Leistungsfähigkeit oder das permanente Ausstellen des Egos in eine virtuelle Welt. Leben gelingt in Beziehungen, in sinnvollem Handeln, im Zuhören und Lernen, im Ausprobieren, sogar im Scheitern, solange das Scheitern Wege zur Bearbeitung, zur Überwindung oder vielleicht auch nur zu einem damit weiterleben Können findet. Und Leben gelingt durch Dankbarkeit. Aber wer kann heute schon noch aus vollem Herzen sagen, was einst der Beter des 139. Psalms sprechen konnte? „Denn du, Gott, hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“

Stattdessen kreisen wir Menschen in der Selbstüberforderung, alle Probleme dieser Welt alleine lösen zu wollen; und wären damit da, wo einst schon Luther war: Denn wo Menschen nur noch um eigene Gedanken und Heilswege kreisen, wo Menschen meinen, sich selbst erlösen zu können, da verdrehen sie sich in sich selbst. Gott aber richtet auf. Und im Gottvertrauen findet sich das rechte Maß an Selbstvertrauen: Ich weiß, dass ich wunderbar gemacht bin – und auch dass ein schöner Scheitern zum Leben dazu gehört. Der Glaube gleicht dabei einer Wahrnehmungsschule. Selbstunterbrechungen wie das Liegenlassen des Telefons in der Schublade können ein erster Schritt sein. Aber das allein reicht nicht. Denn sonst ist übermorgen alles schon wieder vorbei und beim Alten. Der Glaube zielt auf Neuorientierung, indem er darauf vertraut, im Leben nicht allein zu stehen, sondern Gott auf der Seite zu haben. So bleibt das Herz weit; sogar und gerade dann, wenn die Zeiten einmal ängstlich und eng sind. Das nennt sich Gnade: Mich in der unerlösten Welt dennoch erlöst wissen – und deshalb fröhlich meiner Pfade ziehen können. Ich meine, das wiederzuentdecken, wäre ein wunderbares reformatorisches Ziel!

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  Gemeinsam

Gemeinsam

Heiko Frubrich, Prädikant - 29.10.2018

Ich war übers Wochenende mit Freunden in Wittenberg. Und ich gestehe: zum aller ersten Mal! Es war schon beeindruckend, an den Orten zu sein, an denen Martin Luther, auf den unsere Evangelisch-Lutherische Kirche zurückgeht, gelebt, gewirkt und verändert hat und an seinem Grab zu stehen, war in der Tat ein bewegender Moment. Luthers Persönlichkeit war ambivalent. Auf der einen Seite der Kämpfer gegen ein Verbiegen des Evangeliums – nur die Schrift, nur durch Gnade, nur Jesus Christus – war sein Credo, auf der anderen Seite der Verfasser antisemitischer Schriften. Das 500. Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr hat dieses Spannungsfeld richtigerweise intensiv thematisiert. In keinem Jahr sonst sind über Martin Luther und die Reformation so viele Bücher veröffentlicht worden, wie in 2017. Dem ist auch nicht mehr viel hinzuzufügen. Dennoch lohnt immer wieder ein Blick auf die Quelle, aus der Martin Luther seine reformatorische Motivation gezogen hat. Luther hat sich eingemischt, weil er einige Entwicklungen in seiner Kirche nicht mehr ertragen konnte. Er hat sich eingemischt, weil er der Überzeugung war, dass sich seine Kirche, mit dem was sie tat, teilweise gegen Jesu Botschaft gestellt hat. Die Konsequenzen aus Luthers Handeln waren dann auch Veränderungen in der katholischen Kirche, doch es hat sich eben auch eine neue christliche Kirche gebildet, unsere, zu der wir heute gehören.
Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, dass die Bedeutung der christlichen Kirchen in unserer Gesellschaft zunehmend kleiner wird. Dabei ist das, was wir zu sagen haben, gerade vor dem Hintergrund immer größer werdende Probleme und Herausforderungen wichtiger denn je. Einzutreten für Gerechtigkeit, Freiheit, Bewahrung der Schöpfung, Wertschätzung und Liebe ist dabei kein Thema, das sich in evangelisch oder katholisch unterscheiden ließe. All diese Überschriften gehören auf die lange Liste der Gemeinsamkeiten. Dass wir uns nun allerdings nach Katholiken und Protestanten sauber getrennt für dieselben Themen einsetzen, geht ganz klar zulasten unserer Durchsetzungskraft. Gerade in Zeiten, in denen wir weniger werden, wird aus meiner Sicht das Zusammenrücken, die Ökumene, immer wichtiger. Übermorgen setzen wir hier im Dom dazu ein besonderes Zeichen. Am Reformationstag, der in diesem Jahr bei uns in Niedersachsen wieder ein arbeitsfreier Feiertag ist, wird der katholische Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer im Festgottesdienst die Predigt halten. Und ich bin mir schon heute sicher, dass wir Lutheraner zu nahezu allem was er sagt, zustimmend nicken werden, denn die frohe Botschaft macht keinen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch.
Ich denke, dass wir uns noch viel intensiver auf unsere Gemeinsamkeiten fokussieren sollten. Und mal so ganz nebenbei: Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Himmel nicht einstürzt, wenn Katholiken mit Lutheranern gemeinsam Abendmahl feiern – weder in einer katholischen noch in einer evangelischen Kirche. Und wenn ich mit meinem Gottesbild nicht ganz falsch liege, dann wird der Herr über unsere Spalterei wahrscheinlich ohnehin nur kopfschüttelnd lächeln und sich fragen: „Was machen die da eigentlich?“
Also dann: Herzliche Einladung zum Gottesdienst – ökumenisch, feierlich, fröhlich und festlich! Übermorgen, am Reformationstag, um 11:00 Uhr, hier bei uns im Braunschweiger Dom.

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  Wer hat an der Uhr gedreht…?

Wer hat an der Uhr gedreht…?

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.10.2018

Paulchen Panther, die Ärzte, diverse Kindergartengruppen – alle singen und Sie könnten es sicherlich auch: „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät…?“
Wenn dieses Lied erklungen ist sind Sendezeit oder Konzert vorbei, da kann man nichts machen. Genauer. Da konnte man nichts machen.
Dabei drehen wir sehr wohl an der Uhr, vor und zurück, beim Reisen nach Ost und West oder zuhause im Wohnzimmer, wenn die Zeit umgestellt wird. Morgen ist es wieder soweit und manch einer wird merken, dass diese klitzekleine Stunde an der inneren Uhr nicht spurlos vorübergeht.
Als die EU Kommission diesen Sommer von ihren Bürgern wissen wollte, wie mit Sommer- und Winterzeit in Zukunft umgegangen werden soll, plädierten achtzig Prozent der Befragten dafür, dass morgen nicht ausgeschlafen wird, also für die endlose Sommerzeit. Drei Viertel aller Teilnehmer an der Umfrage waren Deutsche. Kein Wunder, denn Wiener und Pariserinnen trennt die Stunde eh und die Südländer gehen den Tag ohnehin mit mehr Lebenskunst an.…
Chronobiologen (mein neues Wort der Woche), Psychologen, Pädagogen, Schlafforscher, Mediziner und Ökonomen, vermutlich aber noch viele mehr, streiten nun darum, ob das Verzichten auf die Morgendämmerung zugunsten längerer Abende zum sozialen Jetlag bei Jugendlichen führt, weil die eh einen anderen Biorhythmus haben, spät ins Bett gehen und lange schlafen. Es wird gemahnt, dass wir alle dicker, dümmer und depressiver werden, wenn uns nicht Morgenlicht beim Start in den Tag leuchtet. Nur die Alten sind außen vor – die meisten stehen ohnehin vor Tau und Tag auf…
In einem Jahr können die EU-Mitgliedstaaten je für sich entscheiden, ob wieder an der Uhr gedreht wird – dann wäre der ganz große Versuch möglich, den man jetzt nicht anstellen kann. Oder soll das halbe Land eine Stunde später aufstehen, um zu testen, ob das Volk davon schlauer und gesünder wird???
Wir werden es sehen und zugleich sollten wir angesichts dieser vielleicht harmlosen Frage – durch die Zeitzoneneinteilung leben ja die allermeisten Menschen ohnehin ein bisschen neben der von der Erdrotation vorgebenden natürlichen Stunde – einmal mehr innhalten und unsere Wahrnehmung dafür schärfen, wie unverfroren Menschen in die Schöpfungsordnung eingreifen.
Denn wir haben in uns nicht nur uralte Uhren, die Herzfrequenz, Atem, Verdauung oder Menstruation bestimmen, es hat und braucht jedes Ding seine Zeit.
Wenn wir daran drehen, mag das für unsere Jetlaggesellschaft keine so große Sache sein. Die Ärzte beschließen aber – wer weiß wie hellsichtig – ein Album, das „Nach uns die Sintflut…“ heißt, mit dem Song.
„Wer hat an der Uhr gedreht? / Ist es wirklich schon so spät? …“
Wir wissen es nicht. Wir wissen die Stunde überhaupt nicht, denn unsere Zeit liegt in Gottes Händen und wie der Prediger Salomo weiß: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

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  Kirchenlieder, Blues und Träume…

Kirchenlieder, Blues und Träume…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.10.2018

Vor einem Jahr hingen hier im Dom zahllose schimmernde Acrylbuchstaben. Sie waren Teil einer Kunstinstallation zum Reformationsjubiläum und sollten all die Lieder und Töne ins Bild setzen, die Kirchenräume erfüllen und für uns auf so wunderbare Weise zum Erbe der Reformation gehören.
Die Reformation hat sich singend im Volk ausgebreitet .
Etwas von dieser weltverändernden Kraft der Musik haben wir auch gespürt, als wir vor ein paar Wochen afroamerikanische Gemeinden in Chicago besucht haben. Eine von ihnen war stolz darauf, auch Martin Luther King zu Gast gehabt zu haben. Der Namensvetter unseres Reformators wusste dabei wie schon der Wittenberger 400 Jahre zuvor, dass jede und jeder nicht nur seine Geschichte und seinen Traum hat, sondern eben auch seinen Blues.
Martin Luther King sagte es ungefähr so:
„Der Blues erzählt die Geschichte von den Schwierigkeiten des Lebens. Er greift die härteste Realitäten auf und verwandelt sie in Musik, um mit etwas neuer Hoffnung … daraus hervorzugehen. Jeder hat den Blues, denn jeder sehnt sich…“
Martin Luther King, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 50. Mal jährte, übersetzte diese Sehnsucht in sehr konkrete und sehr politische Träume. Seine berühmte Rede, die er auf dem „Marsch auf Washington“ hielt, hätte vermutlich auch unserem Martin Luther, der viel Sinn für mitreißende Rede hatte, gefallen. M. L. King erzählt von Freiheit und Geschwisterlichkeit, von den Glocken, die läuten werden, … wenn alle Kinder Gottes sich an den Händen halten und endlich fei singen.“
Ein großer Traum. Eine romantische Fantasie?
Ja, Träumer haben es in unserer Kultur schwer. Sie gelten als unrealistische Schwärmer. Helmut Schmidts Meinung dazu muss ich nicht erinnern. Aber: Träumende sind die, die sich nicht abfinden, die die Idee einer anderen besseren Welt wachhalten und die Hoffnung fest.
Die davon singen können, denn jeder hat seinen Blues. Darum wohl auch beteten die Alten: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unserer Zunge voll Rühmens sein…“

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  Maria aber...

Maria aber...

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.10.2018

Zu Losung und Lehrtext heißt es über diesem Tag mit einem Text von Matthias Claudius: „Es bedarf der Mensch, der gewöhnlich sein Leben in Zerstreuung und Leichtsinn vor sich hinlebt und immer voraneilt, ohne zu wissen, was ihn eigentlich treibt und was er eigentlich will, in seinem Laufe von Zeit zu Zeit anzuhalten und zu sich selbst zurückgeführt zu werden; es bedarf eines Steines am Wege, auf den er sich hinsetze und in sein vergangenes Leben zurücksehe…“
Matthias Claudius lebte in einer Zeit, von der wir heute denken mögen, dass sie langsamer war als die unsere, dass es mehr Momente gab, in denen man Zeit hatte, nachzudenken und vielleicht auch, dass es ohne Fotografie und Speichermedien eine andere Erinnerungs- und Erzählkultur gegeben hat.
Erschütterndes, Bewegendes, Aufrüttelndes, Anrührendes gab es sicherlich wie heute zuhauf.
Dennoch, der Stein am Wegesrand, auf dem man sitzt und nachdenkt, so wie es der Schmerzensmann in unserem Südschiff tut, gehörte auch zu Claudius‘ Zeit nicht zum Alltag. Dabei täte es damals wie heute dringend Not, von „Zeit zu Zeit anzuhalten“, damit sich setzten kann, was wir erlebt, bewegt und versäumt haben, damit die Emotionen nicht auf der Strecke bleiben und völlig unkontrollierbar über uns hereinbrechen oder von anderen manipuliert werden können.
Wann sitzen wir also auf diesem bildlichen Stein?
Manche Menschen schreiben Tagebuch, andere sitzen dort drüben nachdem sie eine Kerze angezündet haben lange unterm Imervard, dritte in der stillen Ecke. Sie halten innere Zwiesprache oder tun, was die Weihnachtsgeschichte erzählt und tatsächlich über diesem Tag heute steht:
„Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
Maria hält nicht nur für sich selbst fest, was sie erlebt und gehört hat, sie prägt es auch tief in ihre Erinnerung ein, vor allem aber bewegt sie es in ihrem Herzen. Sie lässt es nicht ruhen, schiebt hin und her, horcht und fühlt nach, was passiert ist. Das braucht es, um menschlich zu reagieren und nicht zu schnell zu vergessen oder zu verdrängen. Das braucht Zeit und Herzensbildung. Das braucht Rituale und die Wertschätzung unserer Gesellschaft und Arbeitswelt.
Darum kommen diese Worte Ende Oktober gar nicht so unvermittelt, sondern passen in diese Woche, in diesen Monat, jederzeit.


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  Lass dich nicht vom Bösen überwinden…

Lass dich nicht vom Bösen überwinden…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 24.10.2018

Über dieser Woche steht aus dem Römerbrief: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Das ist nicht immer einfach und verlangt manchmal auszublenden, was anderswo geredet und entschieden oder ausgesessen wird – einerseits, um nicht die eigene und sehr konkrete Verantwortung abzuschieben andererseits um nicht durch Mutmaßungen dazu beizutragen, dass das Böse an Macht gewinnt. Denn je mehr Macht das Böse hat, desto weniger bleiben wir bei der Wahrheit, sitzen Vorurteilen auf, verschwenden wir unsere Zeit und Lebenskraft in überflüssigen Ärger, unnötige Verletzung und destruktive Prozesse.
Gutes gegenzuhalten wirkt dagegen allermeist unkritisch und naiv, als hätte man nicht bemerkt, was schief läuft, wäre zu gutgläubig oder zu schlecht informiert. Gutes gegenzuhalten braucht Mut und Leidenschaft, tapferes Einstehen für das, was man liebt und richtig findet.
Das gilt im Großen und im Kleinen, in der Politik und in der eigenen Küche.
Das bewirkt eine Gratwanderung, die es im Alltag fortzusetzen gilt, denn im Eifer des Gefechtes ist schnell ein hartes Urteil gefällt oder ein böses Wort gesprochen, ein hässliches Gerücht weitergegeben.
Dabei wäre es herzerwärmender, hilfreicher und liebevoller zu widersprechen. Wahrheitsgemäßer und friedensdienlicher sowieso.
Eine schwierige Konstellation, die man nicht weiter illustrieren muss.
Eine schwierige Konstellation, die wenig Spielraum lässt.
Denn wollen wir nicht verbittern und einander das Leben vergällen, wollen wir ein Licht auf dem Berg sein und kein verlöschender Docht, wollen wir Salz in der Suppe sein aber nicht der Gallenröhrling, der das Essen verdirbt, dann hilft nur: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Das gilt es zu hoffen für die Verhandlungen um Abrüstungsabkommen, für die Aufarbeitung diverser Umweltskandale, für die Beschreibung der sozialen Lage im Lande. Das gilt es zu tun, wenn genau ich ein hässliches Wort höre, eine Entscheidung weitergeben oder treffen muss. Ein dickes Brett. Gut, dass mir, dass uns gesagt ist: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“



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  Heilig

Heilig

Heiko Frubrich, Prädikant - 23.10.2018

Am Sonntagnachmittag bin ich bei einem Spaziergang durch Wendeburg an einem offensichtlich schon ziemlich alten aber frisch restaurierten Gedenkstein vorbeigekommen, der mir bisher nicht aufgefallen war. Dieser Stein trägt die Inschrift: „Unseren gefallenen Helden des Heiligen Krieges 1870/71“. Das fand ich ganz schön starken Tobak. Damit meine ich nicht, dass wir Gedenksteine in unseren Dörfern und Städten haben und pflegen, auf denen an die Toten der letzten Kriege erinnert wird. Ganz im Gegenteil – ich halte es für notwendig, uns immer wieder vor Augen zu führen, was Kriege bedeuten. Sie vernichten Leben, sie zerstören Familien und Freundschaften, sie bringen Leid und Schmerz über unsagbar viele Menschen.
Völlig abwegig fand ich allerdings die Formulierung „Heiliger Krieg“. Was kann denn bitteschön an einem Krieg heilig sein? Hier wird doch suggestiv versucht, kriegerische Gewalt als irgendwie wohl doch von Gott gewollt zu verkaufen und zu sagen, dass die anderen, im vorliegenden Fall also die Franzosen, auch in Gottes Augen im Unrecht sind. Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen im Mittelalter wurde christlicherseits von heiligen Kriegen gesprochen, was schon absurd genug ist. Doch 1870/71 tobte der deutsch-französische Krieg – Christen haben Christen getötet. Wie kann so etwas unter der Überschrift „Heilig“ stehen? Wir gehen mit diesem Wort mitunter sehr locker um, doch auch missbräuchliche Verwendung ist offenbar nicht auszuschließen. Heilig bedeutet: perfekt, besonders, verehrungswürdig und umfassend. Nach Gottes Willen sind wir heilig. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“, sagt er den Israeliten und damit auch uns. Wenn nun Menschen einander das Leben nehmen, dann dürfen Sie einfach nicht davon ausgehen, dass Gott auf ihrer Seite steht, denn es ist ganz sicher nicht in seinem Sinne, dass Menschen etwas zerstören, das so, wie Gott selbst, heilig ist. Kriege und Gewalt sind Gott zuwider und das war ganz sicher auch im deutsch-französischen Krieg im 19. Jahrhundert nicht anders.
Doch auch uns als Kirche ist es nicht immer leichtgefallen, diese Position mit ausreichendem Nachdruck zu vertreten. Die „Deutschen Christen“ haben es in der NS-Zeit sehr wohl verstanden, das Evangelium so zu verbiegen, dass es sich mit der Nazidoktrin irgendwie vertrug. Gott sei Dank gab es aber auch evangelische Christen wie Dietrich Bonhoeffer, die in der „Bekennenden Kirche“ sehr deutlich gemacht haben, dass Terrorherrschaft mit christlichen Grundwerten aber auch so überhaupt zu rechtfertigen ist.
In wenigen Tagen beginnt auch hier am Dom die ökumenische Friedensdekade, in der europaweit zehn Tage lang für den Frieden gebetet wird. Ja, wir brauchen Gottes Hilfe, um dem Frieden auf dieser Welt eine Chance zu geben. Doch final ist es unsere Verantwortung, Frieden tatsächlich zu leben – in allen Bereichen menschlichen Zusammenseins. Und wenn wir schon die Vokabel „heilig“ in diesem Zusammenhang verwenden, dann steht sie in untrennbarer Verbindung mit eben diesem Frieden, niemals jedoch mit Krieg.

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  reengineeren

reengineeren

Cornelia Götz, Dompredigerin - 22.10.2018

Wenn man sich im Deutschen Museum in München angesichts der Masse methodisch vorarbeiten will, kann man schlicht ganz unten beginnen, in der Bergwerksabteilung. Ehe man sich dabei in der Menge der Stollen, Bagger und Bohrer verliert, betritt man eine uralte kleine Kapelle. Hier versammelten sich die Bergleute vor dem Gang unter Tage und man ahnt die Gebete, die das dunkle Holz füllen: dass man heil das Tageslicht wieder erblicken möge, dass die körperliche Kraft reicht und der Stollen stabil bleibt, dass die Kinder von diesem schweren Leben verschont bleiben und vielleicht auch, dass der Herr verzeihen möge, dass Menschen sich anmaßen, dem Herzen der Erde entgegenzugraben…
Letzteres ist ein gutes Vorwort für das ganze Museum. Denn es zeigt nicht nur, was Menschen mit Geschick und Körperkraft zu bewegen vermögen, sondern auch mit welchem Wagemut sie ihre Grenzen erweiterten – sei es in abenteuerlichen Fluggeräten oder Taucheranzügen oder im wachsenden Begreifen dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält bzw. wie sie in unendlichen Fernen aussieht.
Zwei Stockwerke weiter oben und etliche Stunden später betreten wir das Modell einer Zelle. Angekommen in der Gegenwart, ihren Forschungsfragen und wissenschaftlichen Höchstleistungen, gibt es keine Kapellen mehr. Das demütige Bewusstsein der eigenen Grenzen als menschlichem Maß ist verlorengegangen. Die Fragen, ob ich mein Tagewerk überlebe, ob meine Kraft reicht, ob das menschengemachte Gebäude trägt, ob ich darf, was ich vorhabe, stehen nicht mehr.
Es ist alles nur eine Frage der Zeit.
Auf dem Heimweg habe ich ein Interview mit Yuval Noah Harari gelesen. Der israelische Historiker und Bestsellerautor wird zunehmend nach seinem Blick auf die Zukunft befragt. Eines der Themen, die ihn beschäftigen, ist die Biotechnologie und mit ihr unsere mutmaßlich immer höher werdende Lebenserwartung. Er zweifelt nicht daran, dass wir lernen werden, unseren Körper komplett zu „reengineeren“, also Körperteile zu verjüngen oder bionische Teile zu ersetzen.
Physische Gründe zu sterben, wird es irgendwann nicht mehr geben. Sollen wir uns das wünschen? Wird die Strafe für unseren Größenwahn nicht sein, dass wir vollständig erstarren, weil das Morgen, in das hinein etwas verschoben werden kann, ewig währt oder weil die Angst, dass eine Entscheidung heute, ewige Konsequenzen hat, total lähmt? Wer wollte sich dann noch wagen, sich an einen Menschen zu binden oder Kinder in die Welt zu setzen??? Und andererseits: verdeckt das Gedankenspiel nicht, dass auch heute Tun und Lassen Konsequenzen hat, die wir kaum überschauen? Oder nochmal anders: Welches Urteil bedeutet ein „lebenslänglich“, wann ist Schuld vergeben und überhaupt, was ist mit unseren Herzen und Seelen? Wer wollte die reengineeren?
So stellen sich angesichts all unserer neuen Möglichkeiten dringend alte Fragen. Über diesem Tag heute klingt die Losung aus dem ersten Petrusbrief dazu jedenfalls wie ein Kontrapunkt: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit ER euch erhöhe zu seiner Zeit.“

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  Der HERR behüte dich

Der HERR behüte dich

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 20.10.2018

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen und der dich behütet schläft nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

Es ist ein altes Gebet, dieser 121. Psalm (Ps 121,1-3.5-8). Und er spricht dem ins Leben, der sich gerade wieder einmal ein gut gerüttelt Maß durchgeschüttelt fühlt. Und gleichzeitig war es für mich schon immer ein Psalm des zweiten Schritts. Vielleicht weil unser Jugendchorleiter damals sagte, dass wir das Vertrauen des in die Krise Geratenen spüren müssten, dass wir mit ihm glauben müssten, wenn wir die Worte volltönend und glaubwürdig singen wollten. Vielleicht aber auch, weil schon in den ersten fünf Worten ein Teil der Lösung vieler Probleme liegt: „Ich hebe meine Augen auf.“

Luther bezeichnete den unerlösten Menschen als einen, der in sich selbst verkrümmt und verdreht ist, als den „homo incurvatus in se ipsum“. Als einen, der um sich selbst kreist, der gebannt ist von dem, was ihm im Kopf herumspukt. Der erste Schritt ist es deshalb, von dem, was bannt, abzusehen. Wegzusehen – und hinzusehen in die Ferne. Dieser Blick nach vorn und nach oben zugleich, er richtet auf. Und so findet der, der den Kopf erhebt, aus seiner Selbstverkrümmung hinein in eine Existenz, die sich selbst plötzlich mit nur einer Kopfbewegung als wieder aufrecht stehend erfährt. Das ist natürlich keine konkrete Problemlösung, aber plötzlich gibt es mit dieser Frage: „Woher kommt mir Hilfe?“ wieder Möglichkeiten. Denn sie glaubt, hofft, vertraut, dass es eine Antwort gibt.

Und tatsächlich fährt der Beter voller Vertrauen fort: „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Und sein Blick in die Ferne mag dabei gleichermaßen als Punkt der Aufrichtung und Orientierung wie aber auch als Hinweis darauf gelten, dass mancher Weg bis zur Hilfe schlicht weit ist. Aber Vertrauen ist der Anfang von allem. Auch wenn dieses Wort von irgendeiner Werbung schon fast entwertet wurde. Vertrauen ist der Anfang. Darein, dass Gottes Wort gilt, gerade so wie sein Odem uns, seine Schöpfung, Tag für Tag belebt. Darein, dass Gott schon nicht verschläft, wenn wir straucheln, sondern er auf uns achtgibt und mit uns ist. Unter solchem Zuspruch setzt der Beter vertrauensvoll einen Schritt vor den anderen auf seinem weiten Weg und segnet dabei noch jene, die mit ihm hoffen mögen:

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“
Amen - So sei es.

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  Entscheidungen

Entscheidungen

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 19.10.2018

„Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14f.)

Tut Buße und glaubt an das Evangelium. Das sind die ersten Worte, die Jesus im Markusevangelium zu den Menschen spricht. Das ist sein Auftrag an uns. Im Deutschen erscheint dieses Wort inzwischen wie ein Wort aus anderer Zeit…. Im Griechischen ist es ein zusammengesetztes Wort, dessen eine Worthälfte „denken“ bedeutet und die andere „um“ oder „nach“. Es geht also um die Änderung der eigenen Sinneshaltung, um ein nachdenkliches Umdenken sozusagen, das Herz und Verstand einbezieht. Es ist ein Wort der Entscheidung. Eine Antwort auf Fragen wie: woher komme ich, wer will ich sein, und mit welcher Grundhaltung will ich Dinge tun?
Von dem Autoren und Psychiater Jorge Bucay gibt es eine kleine Erzählung, die anders, aber sehr sprechend davon erzählt, dass viel von der Selbstbestimmung der eigenen Existenz abhängt. In ihr geht ein Mann zum Therapeuten. Irgendwann stellt sich als sein Problem heraus, dass er nicht entscheiden mag. Er sagt: „‚Das Problem beginnt, sobald man die Wahl hat. […] Ich sage nicht, dass ich lieber keine Wahl hätte, und genauso wenig möchte ich meine Freiheit aufgeben.‘ ‚Du willst einfach keine Entscheidung treffen müssen.‘ ‚Nein, genau das will ich nicht.‘“ Aber sich nicht zu entscheiden, ist gefährlich. Und um das besser zu verstehen, erzählt Bucay ein Märchen, in dem ein Zentaur sich nicht entscheiden kann, wer er sein will: So hat er Hunger, kann sich aber nicht entscheiden, ob er lieber einen Hamburger essen oder Klee fressen sollte. Er ist müde, kann sich aber nicht entscheiden, ob er lieber ins Hotel oder in den Stall gehen sollte. Und weil er nun weder isst noch schläft, wird er krank. Und wieder kann er sich nicht entscheiden, ob er zum Arzt oder zum Veterinär gehen sollte. Also stirbt er – jetzt aber wollen die Menschen nicht entscheiden, ob er auf dem Feld oder dem Dorffriedhof begraben werden soll. Die Erzählung endet mit den Worten: „Und weil sie sich nicht entscheiden konnten, fragten sie den Autor des Buches, und weil der nicht an ihrer Statt entscheiden konnte, rief er den Zentaur ins Leben zurück. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
Sich nicht entscheiden können. Mich nicht entscheiden können. Vermutlich kennen wir dieses Gefühl alle. Der christliche Glaube ruft auf nachzudenken, umzudenken, umzukehren. Tut Buße. „Bedenke, Mensch, wer du bist“, so spricht er zu uns, „was du tust, wohin du mit deinem Tun willst – und worauf du hoffst.“ Vom Weg Christi aber heißt es, er sei das Evangelium, eine frohe Botschaft für jeden, der sich entscheidet.

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  Geplatzte Kragen

Geplatzte Kragen

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.10.2018

Kennen Sie diese Situationen, in denen sie denken: „Noch ein Wort und mir platzt der Kragen“? Ich denke, dass bei jedem und jeder von uns irgendwann einmal der Punkt erreicht ist, an dem das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht wird, wir es einfach nicht mehr ertragen können, und uns die Contenance verloren geht.
Immer wieder verlangen uns unsere Mitmenschen ein gehöriges Maß an Geduld ab. Sie strapazieren unsere Nerven, weil sie sich einfach nicht so verhalten, wie wir es erwartet oder gewünscht haben, oder weil sie Standpunkte vertreten, mit denen wir nicht klarkommen. Auch enge Freunde und Familienmitglieder können unseren Langmut ganz schön auf die Probe stellen durch permanentes Nachfragen, mangelndes Zuhören oder gezieltes Weghören.
Je wichtiger mir Menschen sind, je näher sie mir stehen aber auch die stärker ich von ihnen abhängig bin, desto größer ist meine Bereitschaft und meine Fähigkeit, auch mal „Fünfe gerade sein zu lassen“ und nicht gleich zu explodieren. Aber, wie gesagt, irgendwann ist auch das größte Maß mal voll und dann gibt‘s richtig Stress. Nach einem solchen emotionalen Ausbruch ist die Stimmung dann aber nicht unbedingt besser. Zwar ist ein bisschen weniger Adrenalin in der Blutbahn, allerdings hat das dann möglicherweise einen Haufen zerschlagenen Porzellans mit sich gebracht und zu pflegende Wunden – bei mir genauso wie bei meinem Gegenüber.
Doch emotionale Ausbrüche gehören zu unserem Leben dazu. Selbst unser großer Freund und Bruder Jesus Christus war nicht immer nur beherrscht. Denken wir an die Szene, in der er die Geldwechsler aus dem Tempel geschmissen hat oder auch an Situationen, in denen seine Jünger mal wieder nichts verstanden haben und Jesu Gelassenheit einfach mal auf der Strecke blieb.
Was allerdings niemals auf der Strecke bleibt, das ist seine Liebe zu uns Menschen. Diese Liebe erträgt alles, sie überstrahlt alles und sie ist eine stabile Konstante in unserem Verhältnis zu Gott. Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, das nach seinen eigenen Gedanken wandelt auf einem Wege, der nicht gut ist.“
Gott streckt seine Hand nach uns aus und das, obwohl wir ungehorsam sind. Vieles in unserem Leben kann sich ändern, wenn wir unsere Hand auch nach ihm ausstrecken und so uns seiner Liebe nicht nur sicher sind, sondern in ihr Leben.

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  Derselbe auch in Ewigkeit

Derselbe auch in Ewigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 17.10.2018

Immer dasselbe. Die stets gleiche Leier, der ewig gleiche Alltag, die immer selben Leute. Oder wie Heinz Rudolf Kunze es Anfang der Neunziger besang: „Aufstehen. Pissen gehen. Schaudernd in den Spiegel sehen. Donnerstag. Zahnbelag. Überwiegend Niederschlag. Spät dran. Dusche an. Kalter Strahl auf alten Mann. Kaffee stark. Frühlingsquark. Biber nagt am Rückenmark. Wenn das hier schon das Leben ist, was machen dann die Toten? Wer kennt sich hier aus? Wer hilft mir hier raus? Aus der Verschwörung der Idioten.“ – Wahrhaft, erfülltes Leben klingt anders. Fragt sich nur: Wie?

Ist es das fortwährend Neue? Die dauernde Veränderung? Das neueste Mobiltelefon? Der größte Bildschirm? Die neueste Spieletechnik? Der extreme Kick in der Erlebnisindustrie, die gesündeste Ernährung, der größte Erfolg? Ist es das Übertreffen des Superlativs durch den nächsten Superlativ? Vielleicht lautet Ihre Antwort darauf sogar: „Ja, klar. Warum auch nicht? Warum sollte morgen noch zählen, was gestern wichtig war? Unsere Welt verändert sich. Das hat sie schon immer getan. Und wir verändern uns mit ihr.“

Das ist wahr. Und deshalb finde ich es erst einmal gar nicht seltsam, dass die Kirche in alledem vielen Menschen als Fremdkörper erscheint. Im heutigen Lehrtext aus dem Hebräerbrief heißt es zum Beispiel (Hebr. 13,8):
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“
The same procedure … wieder und wieder und wieder. Worte, Andachten, Gottesdienste, Gesänge, Rituale, Gebäude. Ewig ähnlich. Warum also hingehen? Oder gar drauf vertrauen? Die Welt verändert sich – und wir mit ihr. Das ist wahr – und doch auch nicht. Denn selbst im Wandel bleiben unsere Sehnsüchte gleich. Und das nicht erst heute und gestern, sondern schon über die Jahrtausende hinweg: Geliebt wollen wir werden. Und lieben. In Frieden leben und Frieden schenken. Hoffen und vertrauen und glauben. Wertschätzung erfahren und Wert schätzen. Die Kostbarkeit eines Lächelns spüren, das von Herzen kommt. Das tröstende Wort in der Not, das stärkt. Und in diese Wirklichkeit sprechen die biblischen Worte hinein.

An permanente Veränderung gewöhnt der Mensch sich genauso schnell wie an alles andere. Und schon ist er wieder am Anfang der Andacht – also in der Unzufriedenheit einer Existenz, die nichts weiter als einen idiotischen Alltag zu bieten scheint. Denn Zufriedenheit findet sich erst dann, wenn man weiß, wofür man eigentlich gerade unter der Dusche steht und worauf man sich freut. Sie findet sich, wenn der Frühlingsquark die erste kleine Köstlichkeit des Tages ist – und der Kaffee mehr als das Koffein. In der Mitte von Zufriedenheit findet sich das Wort Frieden. Und der, so unsere Tageslosung, ist das Geschenk des Glaubens, denn:
„Seine Herrschaft wird groß und des Friedens kein Ende sein.“ (Jes 9,6)

Es ist ein Frieden aus vollem Herzen, der rückblickend neu verstehen lehrt, der Dankbarkeit für das Gegenwärtige und Perspektiven für die Zukunft schenkt. Und von dem aus es dann sehr wohltuend ist, dass der Christus derselbe bleibt – gestern und heute und auch in Ewigkeit.

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  Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 16.10.2018

„Für Tage wie diese braucht es eine neue Jahreszeit“, meinte meine Kollegin heute, als wir durch die Stadt gingen. Der Himmel klar und blau, die Temperaturen spätsommerlich, die kahlen Zweige der Herbstbäume verlachend. Wir Städter konnten in diesem Jahr das Wetter wirklich in vollen Zügen genießen. Lange konnte man draußen liegen und in den Himmel sehen. Am Tag mit geschlossenen Augen, die warme Sonne wohlig im Gesicht. In der Nacht ehrfürchtig staunend angesichts der Unendlichkeit des Sternenhimmels. Heiko Frubrich hat in der letzten Woche ja gerade erst wieder eingestimmt in das Staunen des Matthias Claudius: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ Wer den Himmel sieht, der sieht auch leicht darüber hinaus – in jene Wahrheit, die unserer Wirklichkeit zugrunde liegt.

Doch was, wenn wir eines Tages den Himmel gar nicht mehr sehen können – weil wir uns in der Wunscherfüllung unserer kleinen Konsumträume den Blick auf den Himmel mehr und mehr verbauen? Zumindest kam mir dieser Gedanke heute Morgen, als ich das Interview mit Olaf Jaeschke las, dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Innenstadt. Ganz bestimmt beschreibt er die Stadt der Zukunft zu Recht als eine, die sich mehr und mehr zu einem Erlebnisort wandeln wird. Viel Gastronomie und kleine Geschäfte, in denen man gar nicht mehr direkt einkaufe, sondern die vor allem als Showräume dienten. Gekauft würden die Produkte dann über das Internet. Und weiter meint er: „Und man kann gar nicht ausschließen, dass es eines Tages Drohnen sein könnten, die Waren ausliefern. Es gibt ja bereits Tests in Großstädten. Und wer weiß, was im Jahr 2050 nicht alles möglich sein wird.“

Die Innenstadt als Erlebnisort und Ort der Begegnung, das gefällt mir gut für eine Stadt der Zukunft; aber Drohnen, die vierundzwanzig Stunden am Tag Stadt und Land gleichermaßen mit Waren versorgen? Die das Bestellen und die Rückgabe noch leichter machen, indem sie die Dinge bis an die Haustür liefern. Da fehlt mir nicht nur der freundliche Postbote im Bild, sondern auch der freie Blick zum Himmel. Denn ganz ehrlich, Drohnen die in großer Menge durch die Lüfte schwirren, scheinen mir das Gegenstück dessen zu sein, was ich einst in der Menschenarmut Finnlands erleben durfte: den klaren Himmel bei Tag; und in der Nacht jenen Sternenhimmel, der nicht nur Claudius im 19. Jahrhundert inspirierte , sondern auch vor über zweitausend Jahren den Beter des 19. Psalms, als er schrieb:

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern,
ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.
Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“ (Ps 19)

Deshalb hoffe ich für unsere Tage, dass wir uns solchen Blick in den Himmel nicht ganz und gar verbauen, sondern uns lieber die Möglichkeit erhalten, uns weiter ganz leicht unmittelbar als Geschöpfe einer unfassbar schönen und weiten Welt zu begreifen.

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  Der fliegende Holländer

Der fliegende Holländer

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.10.2018

Am vergangenen Sonnabend hatte „Der fliegende Holländer“ Premiere in unserem Staatstheater. Es ist die Geschichte eines Seemanns, der dazu verdammt ist, bis zum jüngsten Tag über die sieben Weltmeere zu fahren. Der fliegende Holländer kann und darf nicht sterben und er ist darüber unendlich verzweifelt. Komisch, oder? Wäre es nicht durchaus erstrebenswert, eine – positiv formuliert – Garantie darauf zu haben, dass uns der Tod nichts anhaben kann und ist das nicht sogar der Kern unseres christlichen Glaubens?
Die Geschichte vom fliegenden Holländer stammt aus der Welt der Sagen, dennoch lohnt es sich, einmal genauer auf das Schicksal dieses Seemanns zu schauen. Er sehnt sich nach einem Ende seiner Odyssee und er bringt dies in bewegenden Worten zum Ausdruck. Gefragt, aus welchem Land er komme, antwortet er: „Unmöglich dünkt mich', dass ich nenne die Länder alle, die ich fand: Das eine nur, nach dem ich brenne, ich find' es nicht, mein Heimatland!“ Der Tod als Heimatland – ist das nicht eine merkwürdige Sicht auf die Dinge? Gerhard Engelsberger, Pfarrer und Autor, hat in seinem Buch „Den Müden ein Fest“ einen Text über das Leben geschrieben. Seine Kernaussage: Auf unserem Lebensweg sind wir unterwegs nach Hause. Wir sind unser ganzes Leben lang auf dem Heimweg. Beim ersten Lesen hatte ich sofort ein Bild im Kopf, dass sich fest mit dieser Geschichte verbunden hat. Es ist das Bild des Nach-Hause-Fahrens zu meinen Eltern, um dort gemeinsam Weihnachten zu feiern. Damit verknüpft sind angenehme Gefühle von Geborgenheit, Vertrautheit und davon, angenommen und angekommen zu sein. Aus dieser Stimmung heraus werden alle Holprigkeiten, aller Ärger und alle Belastende auf dem Weg viel leichter, sie verlieren ihr Stress-Potenzial und lassen sich einfach besser ertragen. Der Stau auf der Autobahn, schlechtes Wetter, all das ist egal, denn ich habe den Blick auf zu Hause.
Übertragen auf unser Leben ist dieser Vergleich natürlich recht banal, die grobe Richtung, denke ich, kann aber durchaus passen. Unser Glaube schenkt uns eine Perspektive auf etwas Wunderbares, das nach dem Hier und Jetzt auf uns wartet. Ich muss aus den Jahren meines Lebens auf dieser Erde nicht alles herausquetschen, nicht in Panik verfallen, irgendetwas zu verpassen, nicht mit Ellenbogen arbeiten, um immer der erste in der Reihe zu stehen. Christliche Botschaft sagt: Bleibe entspannt, denn das Beste hast du noch vor dir! Aus diesem Denken heraus kann eine angenehme Gelassenheit erwachsen, eine Gelassenheit im Vertrauen auf unseren großen Freund und Bruder Jesus Christus, der in seines Vaters Hause auch für uns eine Wohnung bereiten wird.
Auch der fliegende Holländer findet am Ende Erlösung und er findet sie durch die Liebe. Die Liebe ist stark genug, seinen Fluch zu durchbrechen, sie ist stark genug, ihn herauszuholen aus seinen nicht enden wollenden Irrwegen und sie ist stark genug, ihn schlussendlich nach Hause zu bringen. Erlösung durch Liebe – auch das ist uns Christinnen und Christen durchaus nicht fremd.

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  Erntedank – noch immer…

Erntedank – noch immer…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 13.10.2018

Am letzten Sonntag haben wir Erntedank gefeiert, der Dom ist inzwischen wieder abgeschmückt (ziemlich radikal sogar, wir haben hier ja grade eine Baustelle) und die Woche neigt sich dem Ende. Grund genug, noch einmal auf Erntedank zurück zu sehen.
Dietrich Bonhoeffer schrieb in einem Erntedanktext: „Nicht Besitz ist Segen und Güte, sondern Verantwortung.“ Und ich bin sicher, dass es in seinem Sinne wäre, diesen Besitzbegriff zu weiten: Nicht das Leben in Frieden und Freiheit sind Güte, sondern Verantwortung.
Eine Lektion dafür bekam ich diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse. Dort war ich bei einem Podium mit der Schriftstellerin Asli Erdogan, um ihren Besuch am 19. November hier im Dom, vorzubereiten. Man muss Hornhaut auf der Seele haben, um sich von der schmalen gepeinigten und zugleich unendlich tapferen Frau, nicht anrühren zu lassen. Ich sag es immer wieder, damit Sie die Lesung nicht verpassen.
In ihrem Buch: „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ beschreibt die Exgefangene des türkischen Präsidenten Erdogan, was derzeit in der Türkei nicht veröffentlicht werden darf. Es klingt so: „Die Mutter eines Häftlings bat: Sag mir doch, bevor du gehst noch irgendwas, das mir Hoffnung gibt. Dabei sah sie mir unverwandt mit bohrendem Blick in die Augen. In diesem Blick lag alles, Bitterkeit und Verstehen, … dann waren da noch Freundschaft, Güte, alles, außer Hoffnung.“ Es sind also Wege durch die Hoffnungslosigkeit, die gegangen werden müssen und dennoch steht wenige Seiten weiter, sie schriebe, um nicht zu vergessen, „das alles, was wir besitzen, zu dem wir gehören, bei dem wir dabei sein oder mittendrin sein wollen … mit einem Wort untrennbar verbunden ist… Frieden.“
Für Asli Erdogan sind Hoffnung und Frieden unschätzbare Kostbarkeiten.
Für uns aber, die wir in Freiheit und Sicherheit leben, die wir in Frieden säen und ernten (auch wenn die Ernte dieses Jahr mancherorts sehr mager ausgefallen ist), kommen solche Zeilen aus einer anderen Welt.
Aber es ist unsere Welt. Gerade deshalb müssen wir diese Worte laut werden lassen und in unseren Herzen bewegen. Nur so können wir begreifen, wie eng unsere Vorstellungen von Gnade und Dankbarkeit geprägt sind, von dem, was wir sind und haben.
Dietrich Bonhoeffer verstand das 1930 auf einer Reise nach New York und während seiner Begegnungen in den schwarzen Gemeinden von Harlem. Darum schrieb er zum Erntedankfest: „Speist Gott seine Lieblingskinder und lässt die Verworfenen hungern? Der gnädige Gott bewahre uns vor der fürchterlichen Versuchung solcher Gedanken und solcher Dankbarkeit. … Sehen wir denn nicht, dass die Geschenke seiner Güte uns zum Fluch werden, … wenn wir auf uns selbst schauen, statt mit dem Blick auf die Not unseres Nächsten ganz demütig zu werden?“ Und er schließt mit den Worten, die ich anfangs zitierte: „Nicht Besitz ist Segen und Güte Gottes, sondern Verantwortung.“

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  Unterm Imervard

Unterm Imervard

Cornelia Götz, Dompredigerin - 12.10.2018

Nun sitzen wir hier also schone eine ganze Woche unterm Imervard so wie es sonst Menschen tun, die eine Kerze angezündet haben und dann einfach sitzen bleiben, weil sie wissen oder zum ersten Mal spüren, dass mein heiler wird, wenn man unterm Imervard sitzt, dass dem, der den Blick mit ihm wechselt Frieden und Gnade schenkt.
Es ist eine eigentümliche Vorstellung, dass dieses Kreuz einmal durch die Straßen unserer Stadt getragen worden sein soll, dass Menschen das schweißtreibende Buckeln als reinigend empfunden haben und andere dabei zusahen.
Auch im Dom ist das Kreuz gewandert, es hat frei schwebend im Mittelschiff gehangen und heute hier seinen Ort, korrespondierend mit dem Taufstein und dem Osterleuchter, an einer oft sonnenhellen Wand.
Von Karl Rahner, einem katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts stammt die grundsätzliche Feststellung: „Das Christentum ist die Religion, die den an das Kreuz Genagelten und dort gewaltsam Sterbenden als Siegeszeichen und realistischsten Ausdruck des menschlichen Lebens erkennt und zum eigenen Zeichen gemacht hat.“
Der Sterbende als Siegeszeichen…
Es gibt viele Kreuzesdarstellungen, die genauso wirken – aber dieses hier???
Dieser Christus hängt nicht, wie einer, der eben einen schrecklichen Foltertod gestorben ist. Ihn anzuschauen, wirkt nicht wie ein Spiegel all dessen, was schmerzt, bedrückt, verzweifelt, demütigt. Ihn anzuschauen tröstet.
Ich weiß, dass manche Menschen, das Antlitz bzw. den Ausdruck dieses Menschenbildes zunächst hochmütig finden. Aber ich kenne keinen, der unterm Imervard sitzend bei dieser Meinung geblieben ist.
Vielleicht liegt es daran, dass man früher der Meinung war, dass der irdische Jesus so ausgesehen haben müsste. Jedenfalls bezeugen alte Handschriften eine Legende, wonach der Bischof von Lucca schon 742 auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem auf den Auftrag eines Engel hin nach einer Schnitzerei suchte, mit der Nikodemus Jesus Christus porträtiert haben soll. Mit diesem Kunstwerk stünde dann auch unser Imervard hier in Verbindung. Und vielleicht hat diese Legende ja einen wahren Kern.
Aber eigentlich denke ich nicht, dass Menschen, die unter dem Imervard verharren, vor allem Kunstgeschichte meditieren. Ich glaube vielmehr, dass sie sich von den weit geöffneten Augen der uralten Figur anrühren lassen, dass sie sich angesehen fühlen im allerbesten Sinne des Wortes, dass sie Gnade spüren.
Denn Gnade kann nur erfahren, wer wahrgenommen wird.
Gnade ist die Erfahrung von zärtlicher Zuwendung, Gott neigt sich uns zu ohne jede Herablassung – darum wird Gott Mensch, denn Gnade verbindet oben und unten. DAS ist die Kernbotschaft, von der Meister Imervard mit seiner Kunst erzählt. Und er wusste oder ahnte noch etwas: das hebräische Wort für Gnade heißt auch Anmut. Das sieht man.
Dieser Christus ist es, der zu uns sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“

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  Das geknickte Rohr…

Das geknickte Rohr…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 11.10.2018

Die Süddeutsche Zeitung titelt heute: „Papst: Abtreibung ist wie Auftragsmord“. Es scheint ganz so als hat er das gestern auf dem Petersplatz vor Tausenden Menschen tatsächlich gesagt. Dass er dabei von seinem Manuskript abgewichen sein soll, macht es nicht besser – oft kommt ja grade bei der Rede ins Unreine das zutage, was wir tatsächlich denken und was eben nicht vorab die innere und äußere Zensur passiert hat.
Auftragsmord. Während er das sagte, saß ich auf der Frankfurter Buchmesse, um einen Abend im Dom mit Asli Erdogan vorzubereiten. Es ging um Pressefreiheit und die ermordete bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa, um so viele ihrer Kollegen, die ihr Leben verloren haben. Es ging um Asli Erdogans sogenanntes „Glück“ den Folterern und Gefängniswärtern in der Türkei entronnen zu sein. Sie sah in die Runde und hielt uns ihr schmales von Elend gezeichnetes Gesicht entgegen und fragte: Glück? Sieht so ein glücklicher Mensch aus???
Gewiss nicht, denn Asli Erdogan weiß, was ein Auftragsmord ist.
Sie weiß, welche Kaltblütigkeit und brutale Gewalt einem da begegnen. Und auch wozu fanatische Machthaber fähig sind.
Werdende Mütter sind solche Monster nicht.
Sollte der Papst also tatsächlich verzweifelte Frauen, die in ihrer Not keinen anderen Weg sehen, als eine Schwangerschaft abzubrechen, mit kaltblütigen Auftragsmördern verglichen haben, dann hat er sich an ihnen schuldig gemacht.
Vielleicht/ wahrscheinlich finden aber solche Frauen nicht den Weg in sein Büro zur Seelsorge. Bei mir sitzen sie schon. Es sind unendlich traurige Gespräche und nicht an mir, ein Urteil zu fällen, sondern miteinander Wege zu suchen, Gottes Vergebung glauben zu dürfen. Er hat das letzte Wort. Wir sollten nicht gnadenloser sein als er, denn bei Matthaus heißt es nach einem Jesajawort: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“


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  Aktionstag gegen die Todesstrafe

Aktionstag gegen die Todesstrafe

Heiko Frubrich, Prädikant - 10.10.2018

Heute ist der internationale Aktionstag gegen die Todesstrafe. Amnesty International hat diesen Tag ausgerufen, um gegen die Verhängung der Todesstrafe zu protestieren, die es noch in gut 100 Ländern auf dieser Erde gibt. Wirklich verlässliche Zahlen sind kaum zu ermitteln, denn aus vielen Ländern dringen nur wenig Informationen zu diesem Thema an die Öffentlichkeit. Amnesty vermutet, dass allein in 2017 mehrere 10.000 Menschen hingerichtet wurden.
In Europa ist die Todesstrafe mittlerweile in allen Ländern abgeschafft, in einigen allerdings erst seit den 1990er Jahren. In unserem Land schließt das Grundgesetz die Verhängung der Todesstrafe aus. Dies wurde ganz maßgeblich befördert auch vor dem Hintergrund der grausamen Entwicklungen im Dritten Reich. Allein von 1933-45 wurden von deutschen Gerichten über 30.000 Todesstrafen verhängt und die meisten davon auch vollzogen. Die Entwicklung, die zur Abschaffung der Todesstrafe in Europa geführt hat, dauerte über mehrere Jahrzehnte an. Sie war geprägt von vielen kontroversen Diskussionen, unvereinbar erscheinenden Standpunkten und teilweise großem Engagement bei Befürwortern und Gegnern. Erst 1970 hat sich der Europarat auch unter großem öffentlichen Druck dazu durchgerungen, eindeutig Position gegen die Todesstrafe zu beziehen. Das Europaparlament hat dann in 2010 mit großer Mehrheit einen entsprechenden Beschluss gefasst und diese Haltung bestätigt.
Auch die Position der Kirchen war nicht immer eindeutig. Papst Franziskus hat erst in diesem Jahr im Rahmen einer Enzyklika klargestellt, dass die Todesstrafe „unter allen Umständen unzulässig“ ist. Aus evangelischer Perspektive wird diese Position schon seit vielen Jahrzehnten so vertreten. So sagte beispielsweise Margot Käßmann in einem Interview: „Mit Jesus können Sie keine Todesstrafe rechtfertigen.“
Evangelikale in den USA haben diese Argumentationsschwierigkeiten nicht. Auge um Auge – Zahn um Zahn ist für sie ein Bibelwort, mit dem sich die Todesstrafe sehr wohl rechtfertigen lässt. Aus meiner Sicht wird dabei allerdings verkannt, dass diese Regel gewaltbegrenzend wirken soll, in dem sie Reaktionen deckelt und eben nicht verlangt, dass alles, was auf dieser Welt passiert, mit gleicher Münze zurückgezahlt werden soll. Denn Jesus sagt weiter: „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“
Jesu Botschaft ist Vergebung und Liebe. Und wenn uns die Bibel sagt, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und unsere Zeit in seinen Händen steht, dann kann sich niemand anmaßen, über das Leben eines anderen Menschen zu verfügen und damit Göttliches zu zerstören. Dieser Grundsatz gilt auch in unserem Land – ein gutes Beispiel dafür, das Grundgesetz und christliche Botschaft einen guten Zusammenklang ergeben können – den Menschen zum Wohle, Gott zur Ehre und in Jesu Namen.

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  Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?

Heiko Frubrich, Prädikant - 09.10.2018

Konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten den Sommer genießen? Haben Sie vielleicht den einen oder anderen Abend genutzt, um in der Dämmerung mit einem Glas Saft, Bier oder Wein draußen zu sitzen? Wenn das Licht des Tages schwächer wird und der Himmel klar ist, dann werden wie aus dem Nichts kommend, die ersten Sterne am Himmel sichtbar. Und je dunkler es wird, desto mehr sehen wir. Wer schon einmal abseits von unseren auch nachts beleuchteten Städten und Dörfern bei völliger Dunkelheit in den Sternenhimmel geschaut hat, der weiß, wie unfassbar beeindruckend dieses Bild ist.
Ich denke, Sie allen kennen das Lied „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?“ So leicht und so lieblich es auch daherkommt und so wunderbar es sich als Einschlaflied für unsere Kleinen eignet, so wahr und so groß ist doch seine Botschaft. Denn wir müssen auf diese so banal klingende Frage: „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?“ ganz offen einräumen: Nein, ich weiß es nicht. Da stehen wir ach so fortschrittlichen und wissenschaftlich versierten, modernen Menschen des 21. Jahrhunderts in sternenklaren Nächten mit dem Kopf in den Nach gelegt da, schauen nach oben und können nur staunen. Denn das, was wir dort geboten kriegen, ist einfach zu groß, um es zu erfassen. Das Sternenzelt ist unendlich groß und allein das übersteigt unser Vorstellungsvermögen, denn ein echtes Bild von der Unendlichkeit können wir uns nicht machen. Und wir wissen eben nicht, wie viele Sternlein stehen, können nur sagen, dass es unfassbar viele sind, doch das Raum und Zeit und Menge all unsere menschliche Vernunft sprengen.
Doch das Lied weist uns auf den, der all das fassen kann, es weist uns auf den, der alles gemacht hat: Gott der Herr hat sie gezählet. Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, schenkt uns dieses wunderbare Bild, dass in klaren Nächten über uns aufgespannt ist. Und wir Menschen sind gut beraten, es demütig und dankbar anzunehmen und einfach zu akzeptieren, dass wir eben nicht alles erforschen, ergründen und begreifen können, auch wenn wir manchmal in einem Anflug von Selbstüberschätzung meinen, es zu können.
Demut ist angesagt, auch wenn wir uns immer schwerer damit tun, dieses Wort „Demut“ überhaupt noch zu verstehen. Für mich ist Demut die Verneigung der Seele vor etwas Größerem. Demut heißt, anzuerkennen, dass ich eben nicht alles selbst im Griff habe und dass ich angewiesen bin auf Gottes Gnade und auf seinen Segen, damit mein Leben gelingen kann. Und Demut heißt, anzuerkennen, dass da einer ist, der größer ist, als ich selbst: Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.

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  Dritter ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Dritter ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Heiko Frubrich, Prädikant - 08.10.2018

Geht doch! Unter diesem Motto steht der dritte ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit. Die Pilgerwanderung führt über drei Monate von Bonn quer durch Deutschland bis ins polnische Katowice, wo ab dem 2. Dezember über die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens verhandelt wird. Ganz unterschiedliche Menschen sind unterwegs und leben und erleben so eine Kombination aus Information und Mahnung, Freude am Wandern und gelebter Spiritualität, Gemeinschaftserlebnis und Zeichen-Setzen für einen guten und überlebenswichtigen Zweck.
Klimaschutz ist ein komplexes Thema. Es geht nicht nur darum, so wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht, die Erderwärmung auf 1,5° C zu begrenzen, sondern es geht auch darum, die bereits jetzt massiv spürbaren Folgen des Klimawandels auf dieser Welt soweit es irgend geht, gerecht zu verteilen. Denn wie so oft im Leben gilt auch hier: Diejenigen, die in erster Linie für den Klimawandel verantwortlich sind, nämlich die vergleichsweise reichen Industrienationen, sind nicht diejenigen, die die Konsequenzen am härtesten zu spüren bekommen. Das sind vielmehr die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, bei denen das Wasser noch knapper, die Versorgungslage noch prekärer und damit Armut und Elend größer und größer werden. Diesbezüglich genießen auch wir unseren Wohlstand ganz eindeutig zulasten anderer. Und diese anderen sind so weit weg, dass uns ihre Not nicht zwingend vor Augen geführt wird, denn auch Presse, Funk und Fernsehen richten ihre Scheinwerfer nicht unbedingt auf die schwächsten und ärmsten unserer Mitmenschen.
Ja, dieses Thema ist durchaus auch unbequem. Denn um Klimagerechtigkeit zu erreichen, um unseren Lebenswandel so zu verändern, dass uns nachfolgende Generationen überall auf dieser Welt eine faire Chance auf ein gutes Leben haben, kommen wir nicht umhin, unser eigenes Verhalten kritisch zu überprüfen und zu verändern. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Ein Gericht in Münster hat einem Antrag des BUND folgend, die Rodung des Hambacher Forstes zunächst einmal gestoppt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer! Doch auch ganz individuell können wir, Sie und ich, Einfluss nehmen auf die Geschwindigkeit des Klimawandels. Wir können darauf achten, ökologisch verantwortlich produzierte Waren zu kaufen, das eigene Auto öfter mal stehen lassen und Fahrrad, Bus und Bahn verwenden, und wir können laut und vernehmlich an die Entscheidungsträger appellieren, die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommens ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu treffen, diese auch einzuhalten.
Klimaschutz und Klimagerechtigkeit sind zwar als Schlagwort in der Bibel nicht zu finden, doch sie sind nichtsdestotrotz mindestens Gottes Erwartungshaltung an uns, wenn nicht sogar sein Auftrag. Wir Menschen sollen uns die Erde untertan machen, sagt Gott, doch wir sind dabei, diese Erde zu versklaven. Und wenn Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, dann müssen wir nach Afrika und Indien und Süd- und Mittelamerika schauen, die in den Blick zu nehmen, auf deren Kosten und zu deren Lasten wir leben und die unsere Hilfe brauchen. Daran zu erinnern sind Menschen seit dem 9. September in Gottes Namen unterwegs. Ihr Engagement verdient unser aller Respekt und unsere Unterstützung.
Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Brot

Brot

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.10.2018

Wir haben es gut, finde ich. Nirgendwo gibt es so gutes Brot wie in Deutschland. Und heute gibt es im Dom ganz besonders gutes Brot. Jetzt duftet es. Nachher können Sie hineinbeißen.
Das ist Luxus in jeder Weise. Luxus, dass wir so viel Brot haben können, wie wir wollen, Luxus, dass wir uns die Sorten aussuchen können, dass wir das Brot danach auswählen, was wir dazu essen wollen…
So gesehen, ist es eigentlich merkwürdig, dass wir beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute?“ Denn wer so betet, der fragt sich nicht, was oder wie er essen möchte, sondern ob es überhaupt heute etwas zu essen gibt.
Im Vaterunser ist die Brotbitte die erste, die sich auf uns bezieht. Zuerst geht um die tägliche Nahrung, denn das war und ist wichtiger, existentieller als alles andere. Wir mögen dabei vieles Lebensnotwendige mitdenken – ganz im Sinne von Dorothee Sölle, die sagte, dass der Mensch vom Brot allein nicht nur nicht leben, sondern am Brot allein sterben würde.
Das will ich nicht kleinreden.
Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass es unfasslich viele Menschen gibt, für die die Brotbitte wortwörtlich dringlich ist und Hunger so dominant, dass sie an nichts anderes mehr denken können. Zeugnis davon gibt ein Erlebnis, von dem der argentinische Autor Martín Caparrós berichtet.
Er erzählt:
„An Aisha, eine etwa dreißigjährige Mutter in einem Dorf in Niger, erinnere ich mich besonders gut. Wir saßen bei unserem Gespräch auf einer Sisalmatte im Schatten eines dürren Baums. Als ich sie fragte, was sie sich wünschen würde, wenn ein Zauberer käme, der ihr jeden Wunsch erfüllen würde, antwortete sie nach einer Weile schließlich: eine Kuh. Die gäbe Milch, die könnte sie verkaufen, so käme sie besser zurecht. Ich sagte, aber der Zauberer würde jeden Wunsch erfüllen, ob diese Kuh denn alles sei? Da sagte sie: zwei Kühe. Dann müsste ich nie mehr Hunger leiden….“
Jenseits des Hungers gibt es keinen Horizont. Das kennen und erleiden wir hier Gott sei Dank nicht mehr. Grund genug, wie immer der Ertrag gewesen sein mag, Erntedank zu feiern und zu teilen, denn: „Wenn das Brot, dass wir teilen, als Rose blüht, und die Not, die wir lindern, zur Freude wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann ist er schon in unserer Welt.“



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  Nadia Murat

Nadia Murat

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.10.2018

Auf dem Deckblatt der Süddeutschen Zeitung sieht man heute Angela Merkel einen Kranz in Yad Vashem niederlegen. Ein Akt, der, so kann man lesen, niemals zum Ritual werden wird. Das glaube und hoffe ich auch.
Vor fast einem Jahr stand eine junge Frau in Yad Vashem, eine von über zwei Millionen, die jedes Jahr die Holocaustgedenkstätte besuchen, eine von tausenden Mädchen und Frauen, die vom IS verschleppt und missbraucht worden sind und werden, eine, deren Volk immer wieder Pogromen und Vernichtungsversuchen ausgesetzt ist.
Die schmale dunkelhaarige Frau wurde von einem weißhaarigen Überlebenden der Shoa durch das Museum geführt. Mehr stolperte sie als sie ging. Sie wollte lernen, wie man eines Genozids gedenkt und hörte, wie zu ihr gesagt wird: „Wenn ihr eines Tages ein Museum baut, stellt ihr Überlebende vor eine Kamera."
Die junge und zugleich uralte Frau wird diesen Satz lange mit sich herumtragen. Sie heißt Nadia Murad. Und ist Jesidin.
Heute ist ihr der Friedensnobelpreis zugesprochen worden.
Als UN-Sonderbotschafterin kämpft sie dafür, dass die Verbrechen der der Terrormiliz IS endlich strafrechtlich verfolgt werden, dass nicht vergessen wird, was mit ihrem Volk und ihren Schwestern geschieht, dass niemand mehr den IS mit Waffen versorgt. Dass sie die Kraft dafür hat, grenzt an ein Wunder.
Mit ihr bekommt Denis Mukwege den Preis. Der Arzt operiert im Ostkongo Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden und kämpft für die Bestrafung der Täter.
Die Jury in Oslo hätte kaum ein traurigeres Thema in das Licht des Nobelpreises ziehen können.
In den nächsten Tagen werden wir viel zu hören und zu lesen bekommen über das vergessene Leid all derer, deren Leben endgültig zerstört wurde, weil sie als Prämie sogenannter Gotteskrieger entführt, missbraucht und weitergereicht wurden.
Als ich diesen Text heute Mittag geschrieben habe, wollte ich ein Video über Nadja Murats Aussage im Dezember 2015 vor dem UN-Sicherheitsrat ansehen. Dem Video sind zehn Sekunden zwangsweise Opelwerbung vorgeschaltet. Schöne Menschen in schöner Landschaft mit schönen Autos. Konsumfreude pur. Ich hätte – Entschuldigung – auf die Tastatur kotzen können.
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Was muss passieren, damit uns jemand die Hornhaut von der Seele schruppt?
Und: Wird Nadia Murat sich freuen? Wird sie Hoffnung haben, dass die Weltgemeinschaft dem Terror ein Ende zu setzen vermag? Oder erlebt sie nur wieder einen Teil der Mitgefühlvermarktungsmaschinerie?
Das liegt auch an uns.
Bei Micha heißt es über diesem Tag: „Er ist der Friede.“ Er. Nicht wir. Aber wenn wir auf ihn hören, wird unter uns Frieden werden. Heute ist wieder ein Tag, der uns mahnt, endlich dranzubleiben…


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  Evangelium

Evangelium

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 04.10.2018

Meist geschieht es unverhofft, unvermittelt – und ich stolpere über Altvertrautes. Über Worte, die ich schon so oft gelesen, geschrieben, gehört oder auch gesagt habe, dass ich sie kaum mehr wahrnehme. So z.B. der erste Vers des Markusevangeliums:
„Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“
Klingt längst nicht mehr spektakulär – und bleibt es doch. Denn Markus war der erste, der damals so begann. Er wählte nicht mehr wie all seine Vorgänger die Briefform, um seine theologischen Überzeugungen auszudrücken, sondern er machte den Anfang, indem er Erzählungen von Jesus sammelte, sie ordnete und erzählend seiner Theologie Gestalt gab. Er machte den Anfang, indem er vom Anfang eines neuen Zeitalters auf Erden berichtete – und diesem Bericht gab er den Namen „Evangelium“. Zu Deutsch: Frohe Botschaft. Aber sagen Sie, freuen Sie sich eigentlich, wenn Sie die Bibel aufschlagen? Begeistert es sie? Oder ist es Ihnen ermüdend fremd, was da steht, oder gerade umgekehrt: längst viel zu langweilig vertraut? Doch weiter: Markus will von der frohen Botschaft von Jesus Christus berichten. Jesus, der Christus: der Gesalbte, der Auserwählte, der Besondere, der, dem ich mein Leben anvertrauen kann. Der Sohn Gottes. Nicht irgendein Prophet, sondern Mensch und Stimme Gottes zugleich.
Nicht mehr als ein Vers und doch hat jedes Wort Gewicht. Aber wie oft stolpern wir noch über solche Worte? Wie oft lassen wir uns von ihnen ins Nachdenken bringen?

Albert Schweitzer meinte einmal: „Du bist so jung wie deine Zuversicht. Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt, sie ist ein geistiger Zustand. Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel. So jung wie deine Hoffnungen, so alt wie deine Verzagtheit. Solange die Botschaft der Schönheit, Freude, Kühnheit, Größe von der Erde, von den Menschen und von dem Unendlichen dein Herz erreicht, solange bist du jung.“

Vielleicht überhören wir Verse wie jenen ersten aus dem ältesten unserer Evangelien deshalb, weil unsere Seelen alt und des langen Nachdenkens müde geworden sind. Keine Begeisterung mehr. Zwei Jahrtausende Geschichte liegen hinter uns – und sowohl unsere Hoffnung als auch unser Vertrauen auf die Wahrheit jener Frohen Botschaft schwinden. Dabei könnten sie uns doch genauso entflammen wie die Menschen einst. Eine Frohe Botschaft, die von anderem zeugt als der Rede von Leistung, die mehr verspricht als irgendeinen Kick auf Erden, der dann doch nur wieder nach Steigerung sucht, die anderes in uns sieht als den Käufer oder die Arbeitskraft oder den Nutzlosen und so fort…. Alter ist keine Frage der Jahre, sondern davon, ob und wie sehr wir berührbar bleiben für die Größe allen Lebens und die Unendlichkeit jener Textur, die ihr zugrunde liegt. Gesegnet deshalb der, der den Zauber der ewigen Jugend der Frohen Botschaft in sich spürt. Zumindest hier und da und immer wieder einmal im Leben.

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  Tag der Deutschen Einheit

Tag der Deutschen Einheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 03.10.2018

Zum 28. Mal feiern wir heute den Tag der Deutschen Einheit. Es ist ein gesetzlicher und kein kirchlicher Feiertag, doch es hat gute Tradition, dass wir uns hier im Dom auch an diesem Tag versammeln, um auf Gottes Wort zu hören und die Bedeutung dieses Tages herauszustellen und zu würdigen. Die zentralen Feierlichkeiten finden jedes Jahr in dem Bundesland statt, dass gerade die Bundesratspräsidentschaft innehat – in diesem Jahr ist es Berlin. Seit Montag findet dort ein buntes Fest statt, bei dem Vielfalt und Demokratie, Gemeinschaft und Engagement in den Mittelpunkt gerückt werden.
„Nur mit Euch“, so lautet das Motto. Es soll ausdrücken, dass das Erreichte der vergangenen 28 Jahre seit dem Fall der Mauer eine Gemeinschaftsleistung ist und nicht der Erfolg einiger weniger. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert in der Tat nur dann dauerhaft, wenn sich möglichst alle zu ihr bekennen, ein gemeinsames Grundgerüst an Werten und Regeln akzeptieren und sich vor allem engagieren für das, was eine freiheitlich-demokratische Grundordnung in ihrem Kern ausmacht. Ein Blick auf unser Land kann einem da schon die eine oder andere Sorgenfalte auf die Stirn treiben. Es gab auch in der Vergangenheit an den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums Gruppen, die sich nicht eindeutig zu unserer Demokratie bekannt haben. In der Vergangenheit waren diese Gruppen klein, sie tauchten auf und verschwanden wieder und stellten nie eine wirkliche Gefahr für unsere Gesellschaft dar. Das hat sich deutlich und auch schnell geändert. Jetzt sitzt seit über einem Jahr einer Partei in unserem Bundestag, ihre Plätze sind räumlich gesehen ganz rechts, bei deren politischen Inhalten und Aussagen es einem schon mal angst und bange werden kann.
Und unser Parlament ist an dieser Stelle nur ein Spiegel unserer Bevölkerung. Auch hier erodiert Gemeinschaft zusehends. Fragen zu Migration und Integration von Geflüchteten polarisieren, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer und unter dem fortdauernden Rückzug aus gemeinschaftlichen Aktivitäten hinein ins Private leiden politische Parteien, Vereine und auch wir als Kirche. Mangelnde Integration ist längst nicht mehr ein Thema, dass sich auf Menschen mit Migrationshintergrund beschränkt. Auch viele Deutsche sind in unserer Gesellschaft nicht wirklich integriert, denn auch Armut, mangelnde Bildung, Krankheit und Alter grenzen aus und schließen aus. All das schwächt unsere Demokratie und macht sie anfällig für Angriffe von denen, die andere Gesellschaftssysteme im Kopf haben und sie in unserem Land auch umsetzen wollen.
„Nur mit Euch.“ Beim genaueren Hinhören drückt selbst dieses mit Sicherheit gut gemeinte Motto aus, dass es eine Spaltung gibt. Denn wenn es ein „Euch“ gibt, dann gibt es auch ein „Uns“, wenn es ein „wir“ gibt, dann gibt es auch „die Anderen“. Das soll so nicht gesagt werden, aber verstehen könnte man es so. Unser Land, Europa und diese Welt stehen vor großen und bisher ungekannten Herausforderungen. Klimawandel, Verarmung, aus ihrer Heimat flüchtende Menschen, Terror und Krieg sind nur einige Überschriften. Zu lösen sind diese Problemstellungen nicht im Alleingang einzelner. Zu lösen sind sie nur in großen Gemeinschaften, in denen darauf geachtet wird, dass Menschenrechte und Menschenwürde nicht unter die Räder geraten.
Wir alle werden uns auf Veränderungen einzustellen haben und es ist wichtig, dass gerade wir als Kirche darauf achten, dass bei diesen Veränderungen niemand auf der Strecke bleibt. Jesus Christus hat uns vorgelebt, dass wir diejenigen im Blick halten sollen, über die andere gerne einmal hinwegsehen. Und er hat uns vorgelebt, dass wir uns einmischen sollen, dass wir unsere Stimme erheben sollen, überall da, wo Entwicklungen stattfinden, die mit christlichen Werten nicht übereinzubringen sind. Und Kirche kann diejenigen wieder in den Dialog bringen, die momentan nur noch übereinander aber nicht mehr miteinander sprechen.
Im zweiten Timotheusbrief heißt es: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit! Kraft, Liebe und Besonnenheit sind eine gute Basis für ein gelingendes Miteinander. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind gute Orientierungspunkte, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, die das Wohl der Menschen und den Fortbestand von Gottes Schöpfung im Fokus haben. Und mit Kraft, Liebe und Besonnenheit wurde auch viel Gutes erreicht, nachdem der Eiserne Vorhang zwischen den beiden deutschen Staaten endlich eingerissen wurde. Neben allem Nachdenklichen ist heute auch der Tag, dafür dankbar zu sein.
Vertrauen wir auf das, was Gott uns geschenkt hat und womit der uns immer wieder neu zurüstet. Der Tag der Deutschen Einheit ist ein gutes Datum, um uns selbst zu fragen, wo wir uns einbringen und einmischen können, um unsere Demokratie zu stärken – mit Kraft, Liebe und Besonnenheit, Gott zur Ehre und in Jesu Namen.

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  Schutzengel

Schutzengel

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 02.10.2018

Unsere katholischen Brüder und Schwestern feiern heute, also am 2. Oktober, alljährlich das Schutzengelfest. Da wird zum einen die Verehrung der Schutzengel selbst gefeiert und weiter soll dieser Tag den Menschen daran erinnern, dass er sein Leben lang von Schutzengeln begleitet und durch sie vor Schaden bewahrt werde. Folgerichtig beschreibt die Augsburger Allgemeine süffisant: „Engel sind die Streetworker Gottes“. Die Erfahrung, dass einem dennoch Böses widerfährt, mag einst die Iren zu folgendem selbstkritischen Segenswort bewogen haben: „Möge dein Schutzengel nie mehr Arbeit mit dir haben, als der Besitzer von einem Sack Flöhe.“

Engel gibt es in der Bibel viele. An 305 Stellen werden sie erwähnt – als Mächte und Gewalten, als Erzengel, Seraphim und mit anderen Namen mehr. Wer die Bibel auch als sich entwickelndes historisches Dokument liest, wird auch eine Entwicklung in der Engelsdarstellung verfolgen können. Doch in allen Fällen können sie als mystische Wesen gelten, in denen dem Menschen das Göttliche begegnet. Dabei sind nicht alle Engel freundlich und die wenigsten von ihnen als Schutzengel unterwegs. Der katholischen Tradition gelten Engel als Mittler zwischen Gott und Mensch. Und zugegeben, vielleicht fällt’s der protestantischen Predigerin auch deshalb schwer, mit ihnen umzugehen. Denn solch eine Vermittlung braucht es in unserer Tradition nicht. Und wenn doch, dann ist es der Christus selbst, der bei Gott für uns bittet.

Trotzdem finde ich sie ernst zu nehmen, diese Sehnsucht vieler von uns nach Engeln: Denn ich vermute, dass nicht wenige auch heute hier ihren ganz persönlichen Schutzengel bei sich tragen: Sei es als Bronzefigur oder kleines Bildchen, als Anhänger oder Postkartengruß. Aber was ist es, das uns an den Himmlischen Heerscharen festhalten, uns nach ihnen sehnen lässt?

Ich denke, es ist das, was ich bei vielen unserer Taufeltern höre: Sie wissen, dass sie ihr Kind nicht auf allen Schritten seines Lebens begleiten können – und spüren die Furcht der Endlichkeit. Sie wissen, dass sie „just human“ sind, „nur Menschen“. Deshalb also hoffen sie auf Gott. Und sind ihm gleichzeitig fremd. Sie haben gelernt, dass das Bild Gottes als eines alten Mannes mit Bart nicht trägt, wie ihn einst Michelangelo auf seinem Bildnis der Erschaffung des Adam in der Sixtinischen Kapelle wirkmächtig darstellte. Doch dann sind da die Engel, Männer in weißen Gewändern wie in der Auferstehungsgeschichte, Gestalten mit Flügeln wie in der Weihnachtsgeschichte, Mittler des Göttlichen auf Erden, nahbare Göttlichkeit.

„‚Engel‘“, schreibt die Alttestamentlerin Beate Ego, „ist eigentlich keine Bezeichnung für eine Gattung oder ein Wesen, sondern drückt eine Funktion aus, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch.“ Gestaltgewordene Verbindung zwischen Himmel und Erde, eine gute Hoffnung, die Eltern – und nicht nur Eltern trägt, wenn sie jenes Wort aus dem 91. Psalm für ihr Leben wählen, in dem es heißt (Ps 91,11):
„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

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  Klagen

Klagen

Heiko Frubrich, Prädikant - 01.10.2018

Woran hatten Sie heute im Laufe des Tages schon etwas auszusetzen? Heute ist ein Montag und das ist ja bekanntermaßen der Tag in der Woche, den wir ohnehin nicht so gut leiden können. Raus aus dem Wochenende, rein in den Arbeitsalltag, da geht dann schon mal so einiges schief, wir alle wissen mit dem Begriff „Montagsauto“ etwas anzufangen und überhaupt ist dieser Tag bisweilen irgendwie „gebraucht“. Es müssen dann auch gar nicht die großen Katastrophen sein, die uns die Laune verderben – gerade wir Deutschen stehen in dem Ruf, Weltmeister im Nörgeln zu sein. Da sitzen wir dann am Meer und schauen in die untergehende Sonne und dann ist der Kaffee zu kalt oder das Bier zu warm, das Meeresrauschen zu laut oder die Mücken zu angriffslustig. Und ruckzuck verschleiern wir das göttliche Farbenspiel aus Sonne, Meer und Wolken mit einem Nebel von schlechter Laune. Zugegeben, das war jetzt überspitzt dargestellt, dennoch neigen wir unbestrittenermaßen dazu, uns doch sehr über das Haar in der Suppe aufzuregen, anstatt uns über die leckeren Nudeln oder die Fleischeinlage zu freuen.

Doch es gibt tatsächlich Situationen, in denen wir allen Grund haben, zu klagen und zu stöhnen. Menschen werden zu Opfern von Ungerechtigkeiten, weil sie z. Bsp. für Fehler verantwortlich gemacht werden, die andere begangen haben, eine schlimme Krankheit wirft uns aus der Bahn, wir verlieren einen Menschen, den wir liebhatten und der ein wesentlicher Teil unseres Lebens war. Wir werden enttäuscht von unseren Mitmenschen und mitunter auch von uns selbst. Solche Dinge wiegen schwer und können unser Leben nachhaltig aus dem Gleichgewicht bringen.

Wie geht man nun als aufrechter Christenmensch mit solchen Lebenssituationen um? Wenn wir das, was in der Bibel steht und was den Kern unseres Glaubens ausmacht, wirklich ernst nehmen, dann könnte man auf die Idee kommen, dass wir all diese belastenden Momente unseres Lebens in stiller Demut einfach mal zu akzeptieren hätten. Schlussendlich wissen wir, dass uns Gott die Zusage gegeben hat, dass am Ende alles gut werden wird. Also Augen zu und durch? Nein, das ganz sicher nicht! Jeder hat das Recht darauf, auch einmal unzufrieden, enttäuscht und traurig zu sein und mit seiner aktuellen Lebenssituation und auch mit Gott zu hadern. Der Zweifel ist der Bruder des Glaubens, das weiß jeder, der sich als Christ fühlt und vor allen Dingen weiß das auch Gott. Er erwartet nicht von uns, dass wir den stoischen Helden geben, denn er weiß ganz genau, dass wir eben das nicht sind. Und wir dürfen ihm dann bitte auch mit unserem Klagen und unseren Ängsten und Sorgen in den Ohren liegen, wir dürfen sie vor ihn bringen und ihn ganz konkret darum bitten und auffordern, die Lasten von unseren Schultern zu nehmen, von denen wir meinen, dass wir sie nicht alleine tragen können.

Der Monatsspruch für den Oktober bringt genau das zum Ausdruck. Er stammt aus dem 38. Psalm und lautet: „Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ Gott freut sich, wenn es uns gut geht. Doch er ist eben auch und gerade dann für uns da, wenn wir allein nicht mehr weiterkommen.

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  Fremd und doch so nah...

Fremd und doch so nah...

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.09.2018

Riccardo Muti dirigiert. Ich liege im Gras, rund um mich herum Menschen, eine Familie neben mir, deren kleine Tochter nach kurzer Rückversicherung wagt, immer wieder über mich hinweg zu springen. Ihr Körper bewegt sich im Takt der Musik, Vivaldis Vier Jahreszeiten. Sie strahlt und lacht. Wir sind im Milleniumpark Chicagos, einem Ort, der jedem Menschen offen steht. Viele Menschen stehen nahe der Bühne, um Muti und das Orchester zu sehen. Die meisten aber sitzen picknickend auf der Erde. Zu Beginn noch leise plaudernd, Neuigkeiten austauschend, dann hörend. Ein Hauch von Leichtigkeit und Spätsommer liegt in der Luft. Phantastisch, denke ich. Da gibt es Hochkultur frei für alle – auch für Kinder, die alles erleben dürfen ohne still sitzen zu müssen. Perfekt.

Und doch ist da ein Wehrmutstropfen, denn die Rassentrennung scheint noch immer einer stillen Verabredung gleich selbstverständlich. So wie wir in den Kirchengemeinden dieser Stadt nur entweder farbig oder weiß getroffen haben, so wie im Jazz-Club nur Weiße saßen und die Kollegin auf unsere Frage hin meinte, die Schwarzen gingen in andere Clubs, so wie in den Geschäften und Restaurants die Menschen weiß oder farbig waren, so sind in diesem Park fast nur Weiße zu sehen. Es scheint, dass die Milieugrenzen, die wir in Deutschland ja auch kennen, in diesem Land Farben tragen. Eine Kollegin sagte, sie fürchte, dass wir in dieser Stadt vielleicht unsere Zukunft sehen könnten. Eine Zukunft, in der jene, die neu dazukommen, nicht in die Teilhabe unserer Gesellschaft hineinfinden. So wie die Farbigen, die vor hundert Jahren in diese Stadt kamen, bis heute in ihren von Armut geprägten Stadtteilen verblieben sind. Eine Zukunft, die ins Gegeneinander, statt in ein Miteinander ihrer verschiedenen Glieder führt.

Fremd und doch ganz nah, denke ich. Denn auch wenn es bei uns keine Jahrhunderte lang währende Rassentrennung gegeben hat, so erleben wir doch gerade in diesen Tagen an uns selbst, wie groß die innere Distanz zum Fremden oder auch nur Andersartigen sein kann. Vielleicht essen wir gerne chinesisch, italienisch oder türkisch, aber gemeinsam mit den Köchen essen wir dann doch eher ungern an einem Tisch.

Von Jesus wird anderes erzählt. Er handelte ohne Ansehen der Person. Da wurde dem Hauptmann ebenso geholfen wie dem Zöllner, der Frau ebenso wie dem Kind, dem Lahmen und Blinden wie dem Aussätzigen – und der verachtete Samariter aus der Nachbarregion wurde gar zum Vorbild. Jesus scheute keinen Menschen, sondern brachte sie im Gegenteil miteinander an den Tisch. Ich denke, dass Jesus die Menschen so sah, wie sie im besten Falle sein könnten – und dass er sie gerade dadurch veränderte.

Es ist die Grundhaltung, in der wir einander begegnen, die die Welt verändern kann. Nicht Gleichheit ist das Ziel, sondern das Aushalten der Verschiedenheit auf Augenhöhe und die ehrliche Suche nach den jeweiligen Stärken des Anderen.

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  Community

Community

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.09.2018

Wer regelmäßig unsere Andachten hier am Dom wahrnimmt, der hat in dieser Woche bereits davon gehört, dass die Herzen voll sind von dem, was meine Kollegin und ich in der letzten Woche in Chicago erlebt haben. Dabei waren das nur auch die architektonischen Wunder, die dort unter dem Motto „Dream big“ gebaut werden; mehr noch waren es die Menschen, die uns beeindruckten. Und zwar gerade die, die von sich selbst sagten, dass sie in ihrem Alltag mit dem Rücken an die Wand stehen. Jene, deren Spielraum begrenzt ist, weil ihre Ausbildung schlechter, ihr Englisch nur rudimentär, ihre Gesundheit angefasst, ihre Herkunft eine gebrochene ist – oder weil ihre Grundstücke inzwischen da liegen, wo andere gerne teure Appartements um des Profit willens neu bauen möchten…. Aber: in all diesem Schlamassel haben diese Menschen einander. Und sie wollen keine Almosen – weder geben noch empfangen, sondern Platz, um ihren Stärken Raum zu geben.

Sie haben uns von ihren Communities, von ihren Gemeinschaften, ihrem Lebensmiteinander erzählt: Die einen mit Stolz auf das von ihnen Erreichte: Die Errichtung einer eigenen Schule, die Anstellung von Anwälten und Ärzten, dem Aufbau eines Sportzentrums, in dem junge Leute in Sportarten fit gemacht werden, die sie am Ende in eines der Förderprogramme für die Uni bringen könnten. Alles unter dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe; Empowerment. Die anderen mit Frust, weil sie finden, dass Rassismus nicht ihr Problem sei. Sie empfinden sich als Opfer des Rassismus der anderen. Doch in ihrer Community stehen sie einander bei. Sie stehen jenen bei, mit denen sie im Gemeinderaum den Tisch teilen, weil im Viertel längst nicht alle satt werden. Jenen, die aus dem Knast kommen und denen das amerikanische System kaum eine Chance gibt, eine neue Wohnung oder einen neuen Job zu finden. Jenen, die in den Gangs ihre Gegenwart gefunden haben und trotzdem Menschen sind, die sich für ihr Leben ganz gewiss auch anderes als Gewalt und Drogen vorstellen könnten. Und die Dritten, die sagen: „Wir wollen hier allen Menschen ein Zufluchtsort sein – auch und gerade jenen, die des Landes verwiesen sind. Deshalb bitten wir nicht darum, Kirchenasyl geben zu dürfen, sondern wir tun es.“

Ich vermute, nicht jede und jeder unter uns konnte allem zustimmen, dass er oder sie gehört hat. Aber eines ist uns allen doch sehr deutlich geworden: Wer unter jenem christlichen Motto lebt, das in der Apostelgeschichte des Lukas wie folgt klingt:

„Die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, trafen sich regelmäßig. Sie ließen sich von den Aposteln unterweisen, pflegten ihre Gemeinschaft, brachen das Brot und beteten.“ (Apg 2,42), der wird solche Community, solche Gemeinschaft ernst nehmen. Vielleicht lautete die häufigste Antwort auf die von unserer Seite immer wieder gestellte Frage: „Was braucht Ihr? Können wir etwas für Euch tun?“, deshalb auch:

„Ja. Betet für uns. Betet für uns, denn das Gebet ist stark. Gott ist die Hoffnung.
Nicht wir. Gott ist die Zukunft. Und er wird sie uns geben.“ Amen & Halleluja.

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  Mein Buch des Lebens

Mein Buch des Lebens

Cornelia Götz, Dompredigerin - 27.09.2018

Vielleicht kennen Sie das ja auch: manchmal hat man derartig viel zu tun, dass der Tag kaum ausreicht, auch die dringenden Dinge nicht alle bearbeitet werden konnten und man auf dem Weg ins Bett denkt, dass es genügen würde, Schlafzimmer und Bad zu mieten, weil man die restlichen Räume der Wohnung ja doch nicht betritt. In diesem Stadium denkt man dann über Fortbildungen zum Zeitmanagement und die Work-Life-Balance nach und lässt sich von anderen sagen, dass ja auch Berufswahl eine Frage der Intelligenz ist…
All das hat auch eine Professorin der Universität Chicago, Cynthia Lindner, umgetrieben. Deshalb begann sie nachzufragen und nachzuhaken. Sie akquirierte Geld für ein Forschungsprojekt über die tatsächliche Berufs- und Lebenszufriedenheit und bot einen Teil davon einem renommierten Psychologen an, um einen Fragebogen zu entwickeln. Der nahm das Geld und präsentierte keinen Fragenkatalog sondern nur folgende einzige Frage: „Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie hieße es?“
Cynthia Lindner fand das frech und wollte mehr für ihr Geld. Sie bohrte und nervte, bis der Psychologe nachgab und sagte: Ok, noch eine Frage: „Wie heißen die Kapitel?“ oder präzisiert: „Wie heißt das letzte Kapitel?“
Dabei blieb es und so wurde das Forschungsprojekt schließlich angegangen.
Also: „Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie hieße es?“
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Ich vermute, wahrscheinlich eher nicht: „Keine Zeit für nichts“, „Das Leben als Langstreckenlauf“ oder: „Immer an der Leistungsgrenze“ … denn diese Titel würden zwar eine Wahrheit spiegeln aber zugleich auch nur einen Aspekt. Das hat auch Cynthia Lindner erlebt, denn in dem Moment als sich die Kollegen festlegen und vor allem entscheiden mussten (das ist der Charme der einen Frage!), merkten sie, dass sie ihren Alltag nicht darauf reduzieren wollten und konnten, dass alles anstrengend und viel ist. Im Gegenteil: Auf einmal sahen sie wieder die Fülle und den Reichtum, fanden dass ihr Leben wunderbar ist, weil sie ihren Beruf lieben und dass die Mühe ja immer nur die Rückseite dessen ist, was bewegt, gedacht, gemacht wird.
So ist unsere Müdigkeit (wenn es sich nicht um strukturelle Ausbeutung handelt – denn da gibt es nichts zu relativieren) vielleicht manchmal auch nur Kurzsichtigkeit und gut, dass uns die Schöpfung einen Lebensrhythmus mit Ruhetag vorgibt, gut, dass wir einen Ort zum Innehalten und Nachspüren haben, gut, dass unserer Zeit in Gottes Händen liegt und dass er unsere Füße auf weiten Raum stellt. Und nicht zuletzt, gut, dass unserer Wege bei ihm beschlossen liegen. Er wird die Überschrift wissen, denn er hat uns ja beim Namen gerufen und segnet uns.


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  150 Jahre

150 Jahre

Cornelia Götz, Dompredigerin - 26.09.2018

Gestern Abend haben wir hier 150 Jahre Evangelische Stiftung Neuerkerode gefeiert. 150 Jahre. Das sind sechs Generationen, in denen vermutlich in jeder Familie beinahe alles vorkommt, was zwischen Menschen passieren kann: große Liebe und große Einsamkeit, Kinder und plötzliche Todesfälle, besondere Begabungen, Charakterschwächen, Talente und Überforderungen, wirtschaftlich gute und schlechte Zeiten. Dazu kommen die äußeren Umstände: Kaiserreich und Demokratie, Diktaturen, staatliche Zusammenbrüche, Krieg, Krisen, Friedenszeiten.
In den meisten unserer Familien wird es dabei jedenfalls in den letzten beiden Generationen bergauf gegangen sein, denn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse haben sich stabilisiert, die medizinische Versorgung ist immerhin so gut, dass Frauen nicht mehr im Kindbett sterben und Eltern ihre Kinder begraben müssen.
Das ist nicht überall so. Gestern habe ich ja schon erzählt: die Dompfarrerin und ich waren in Chicago und haben in dieser kontrastreichen Stadt auch afroamerikanische Gemeinden besucht. Wir waren in Stadtvierteln, manchmal nur zehn Minuten von den glitzernden Wolkenkratzern in Downtown entfernt, in denen Schießereien zum Alltag gehören und Schulen geschlossen werden. Meist sind das sogenannte Fooddeserts, Verpflegungswüsten. Denn es gibt keine Supermärkte, von Wochenmärkten oder Restaurants ganz zu schweigen.
Betrachtet man schließlich in solchen Vierteln die Alterspyramide, dann fällt einem ein massiver Abbruch bei den Männern zwischen zwanzig und dreißig auf; ein Abbild der sozialen Situation: sie sitzen im Gefängnis, sind fortgegangen oder bei Gewaltdelikten oder durch Drogen ums Leben gekommen.
Würde man dort sechs Generationen zurückblicken, ergäbe sich ein trauriges Bild: Armut und Gewalt, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit sind durch die Zeit präsent. Egal, ob man noch vorn oder zurück schaut, es schmerzt.
Und dennoch feiern die Menschen Gottesdienste voller Hingabe und Dankbarkeit, sie singen ein großes Halleluja. In einer Gemeinde hing über dem Altar ein großes Transparent: „a season of excellence“ – schönste Jahreszeit, allerbeste Zeit schlechthin. Als könnte es nicht schöner sein.
Mich macht das ein bisschen ratlos. Ist das totale Verdrängung, Religion als Opium für das Volk? Oder bin ich nur zu kleinmütig und traue der Kraft des Glaubens, durch den Alltag zu tragen zu wenig zu?
Vielleicht müssen wir ja von diesen Christen neu glauben lernen und womöglich klingt es dann ganz anders, dass aus dem ersten Johannesbrief über dieser Woche steht: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

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  Der erste Immigrant

Der erste Immigrant

Cornelia Götz, Dompredigerin - 25.09.2018

Meine Kollegin und ich haben eine große Reise gemacht und Gemeinden in Chicago besucht. Wer heutzutage in die Vereinigten Staaten einreisen will, braucht einen biometrischen Pass und eine Extraeinreisegenehmigung, Esta. Man muss die Namen seiner Eltern angeben und noch ein paar andere Angaben mehr und ist dann in aller Regel im Besitz gültiger Dokumente.
Einen Pass zu haben und sich also legal in einem Land aufzuhalten ist für die meisten von uns eine absolute Selbstverständlichkeit. Das war auch hierzulande nicht immer so. Die Not zahlloser Menschen, die versuchten, Nazideutschland oder die DDR zu verlassen, sollte uns jedenfalls eine Erinnerung in die Gene geschrieben haben, dass die Freiheit, Grenzen zu passieren und sich ausweisen zu können, mithin im Besitz vollständiger Dokumente und Bürgerrechte zu sein, ein ungeheures Privileg ist.
Wie viele Menschen dennoch ohne Dokumente leben und überleben müssen, angewiesen auf die Hilfe derer, die den Zusammenhang zwischen Glauben und Tun unmittelbar und bestürzend konsequent leben, haben wir neu in einer Gemeinde Chicagos begriffen, die seinerzeit Heimat deutscher Auswanderer war und heute vor allem Hispanics begleitet.
Das Kirchengebäude trägt noch die Handschrift der Deutschen, die einst versucht haben, sich hier ein bisschen Heimat in der Fremde zu schaffen. Jetzt liegen buntgewebte Tücher über dem Altar und auch die Ausmalung der Kirche ist erheblich farbenfroher als wir es angehen würden. Nebenan hat die Gemeinde ein paar kleine Wohnungen, die immer schon Landebasis und Ankerpunkt derer waren, die in diesem Land zu fassen suchten. Jetzt sind es Mittel- und Lateinamerikaner, die hier ankommen, Rat und Hilfe brauchen und froh und dankbar sind, dass wirklich jede und jeder hier englisch und spanisch spricht.
Die Pfarrerin, eine Amerikanerin mit vielen europäischen Wurzeln, verheiratet mit einem Mann aus Guatemala, hat ihr kleines Kind auf dem Arm als sie von den Menschen erzählt, denen sie durchzuhelfen versucht. Dass Engagement für die Armen und Mittellosen hat sie selbst zu einer Exilantin im eigenen Land gemacht, denn ihre Kirche unterstützt diesen radikalen Einsatz für die Mittellosen ohne gültige Dokumente nicht. Vor die Wahl gestellt, hat sie sich für den Bruch mit der eigenen kirchlichen Heimat und Familie entschieden.
Davon kann die Frau, die bis eben mit ihrem unerschrockenen Mut und ihrer Fröhlichkeit beeindruckt hat, nur unter Tränen erzählen.
Zweifel hat sie trotz aller Schmerzen nicht, denn – so sagt sie - wir haben doch das Evangelium von Jesus Christus. Und war der nicht auch ein Immigrant, eingewandert von Himmel auf unsere Erde und ohne Dokumente?


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  150 plus 1

150 plus 1

Werner Busch, Pfarrer - 24.09.2018

In unseren Bibeln haben wir 150 Psalmen. Nach einer alten, orthodoxen Tradition gibt es noch einen weiteren. Man rechnet ihn zu den „Syrischen Psalmen“. In alten, historischen Bibelübersetzungen ist er enthalten: Psalm 151. Ein Lied, in dem David seine Berufung und sein erste Tat beschreibt. Dieses Lied beginnt mit Erinnerungen. „Ich war klein unter meinen Brüdern. Ich war der Jüngste im Haus meines Vaters. Ich weidete die Schafe. Meine Hand spielte die Leier.“
Beginnen wir doch unsere Gebete mit Erinnerungen! So wie der vergessene Psalm heutzutage weder gesprochen noch gesungen wird, so geraten auch Erinnerungen aus dem Blick. Wecken wir sie wieder auf. „Herr, hier bin ich.“ Hier bin ich mit meiner Kindheit, als ich noch klein war. Als ich noch angewiesen war auf Eltern und Großeltern, auf Lehrer, auf Freunde. Als ich in meiner kleinen Kinderwelt lebte, die mir heute wie eine ferne große Heimat vorkommt. Hier bin ich mit meiner Jugend, als die Sehnsucht nach Leben in mir erwachte. Hier bin ich mit den Träumen, die ich damals träumte, mit dem weichen Herzen, das damals in mir schlug und sich verliebte, sich begeisterte. Hier bin ich mit meinen Entscheidungen, die ich getroffen habe. Und mit den Erinnerungen an die Wege, auf die sie mich führten. Hier bin ich mit dem, was ich gelernt und geschafft habe. Hier bin ich mit den Bildern von den Lebensorten, die mich prägten. Das Mietshaus, die Straße von damals. Die Blumenwiese. Die Wege. Hier bin ich mit der Atmosphäre, die Menschen und Ereignisse mitgeprägt haben. Hier bin ich. Nichts ist vergessen. Es ist alles noch in mir, so wie in David. „Ich war klein. Ich war der Jüngste.“
Und dann: „Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“ Die Geschichte Davids ist eine bewegende Geschichte. David hatte viel Unruhe und Ungewissheit in seinem Leben. Einen langen Weg musste er zurücklegen, bis er wie zugesagt König wurde. Sie kennen die Geschichte. Seine lange Flucht vor Saul, der eigentlich sein König war und doch zugleich sein Feind wurde. Es zerriss David das Herz. Irgendwann nach vielen Jahrzehnten schaut er zurück und erinnert sich, wie alles begann. Er denkt an seine Berufung durch den alten Propheten Samuel. Er denkt an seinen Kampf gegen Goliath, den Spötter, den Menschenverächter und Gottesverächter. Und wenn David zurückschaut, dann kommt ihm eine Einsicht: „Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“
David ging seinen Weg mit Gott. Auch als er Fehler machte, hielt er am Glauben fest. Indem er betete. Nichts in ihm blieb ohne Worte. Nichts schloss er stumm in sich ein. Mit Gott leben heißt: beten. Beten heißt, sein Herz bei Gott ausschütten.
Ich vermute, Ihre Lebenswege sind auch bewegte Geschichten. Familiengeschichten. Freundschaftsgeschichten. Berufsgeschichten. Manchmal wartet man lange auf Gottes Hilfe. Manchmal muss man viel Geduld haben, und dann kommen Fragen. Im 151. Psalm steht eine solche Frage. „Wer sagt es meinem Herrn?“ Wer überbringt Gott die Nachricht aus unserem Leben? Wie wichtig ist es, gehört, gesehen, verstanden zu werden! Wie wichtig ist es, dass nicht einfach Gras über alles weg, dass der schwere, mächtige Gang der Zeit nicht einfach so über meine Seele hinweggeht. Wer bringt Gott die Kunde von dem, wie es mir ergangen ist?
„Der Herr selbst, der Herr wird mich hören!“ Diese Gewissheit hat dieses alte Gebet mit allen anderen 150 Psalmen gemeinsam.

Gott, wir kommen zu dir.
Du kennst uns.
Du kennst unser Leben.
Du verstehst, was in unseren Herzen ist.
Wir bringen dir unseren Dank.
Wir bringen dir unsere Klage.
Wir bringen dir unsere Sehnsucht, unsere Bitten.
Du selbst, Herr, du selbst hörst uns an.
Amen.

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  Messer, Gabel, Schere, Licht

Messer, Gabel, Schere, Licht

Janis Berzins, Pfarrer und Studieninspektor - 22.09.2018

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht!“ Vielleicht sind sie mit diesem Spruch groß geworden. Vielleicht haben sie ihn selbst verwendet, um den eigenen Kindern einzuschärfen, die Finger von gefährlichen Dingen zu lassen. Der Erfolg dürfte begrenzt gewesen sein. Vor allem, weil das Verbotene für uns immer das Interessanteste ist. Das war schon immer so, seit Anbeginn der Menschheit. In der Symbolik der Bibel zeigt sich das an der verbotenen Frucht im Paradies. Von der müssen Adam und Eva nach ausgesprochenem Verbot gleich erst einmal naschen. Die Konsequenzen sind bekannt.
Messer, Gabel, Schere, Licht: mit manchen Dingen muss man erst einmal umgehen lernen, damit man nicht sich und andere verletzt. Und das gilt nicht nur für kleine Kinder. Ich muss die Technik lernen und mich an die entsprechenden Handgriffe gewöhnen, ob ich nun Sterne aus Tonpapier ausschneide oder ob ich mich hinter das Lenkrad eines Autos setze. Aber das ist nur der eine Teil. Vor allem muss ich mir klar machen, was passieren kann, wenn ich unaufmerksam oder leichtsinnig bin. Ein beherzter Schnitt in den Finger oder eine Promillefahrt – die Konsequenzen können durchaus blutig sein. Verantwortlich handeln, das heißt, sich klar zu machen, mit welchen Folgen ich im schlimmsten Fall rechnen muss.
Um ein Auto fahren zu dürfen, brauche ich einen Führerschein. Um Waffen zu besitzen, brauche ich einen Waffenschein. Da steckt auch eine Warnung drin: Denk dran, dass du Verantwortung trägst. Für Messer, Gabel, Schere, Licht gibt’s keinen Führerschein. Und für manche Dinge gibt es keine Waffenscheinpflicht, die im Alltag so viel zerstören. Manchmal unterschätzen wir die Gefährlichkeit einfach.
Manchmal denke ich, wir bräuchten einen Waffenschein für unsere Worte. Für das, was wir so reden, manchmal ganz unbedarft und unüberlegt. Gar nicht so selten aber auch voller Hass und Häme. Hilde Domin dichtete:

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige,
eben noch ungesprochene
Wort?
Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf an-
zukommen.
Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei
Nicht das Wort.
Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

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  SOLANGE DIE ERDE STEHT

SOLANGE DIE ERDE STEHT

Werner Busch, Pfarrer - 20.09.2018

"Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." 1. Mose 8

"Gott lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse." Matthäus 5

Solange sie auf festen Pfaden ihre immer gleiche Bahn zieht. Solange, wie Naturgesetze gelten und selbst kosmisches Chaos, das Zerbersten von Sternen in neue Ordnung überführen. Solange, wie selbst über der schlimmsten Anarchie in der Menschenwelt jeden Morgen pünktlich die Sonne aufgeht. Solange, wie die Umbrüche in den Gesellschaften und der Streit zwischen Staaten vom verlässlichen Wechsel der Jahreszeiten begleitet werden. Solange, wie über meinem kleinen Leben der Sternenhimmel leuchtet wie schon vor Jahrzehnten. Als ich noch kindlich staunend noch oben blickte und die großen Zahlen üben konnte: Millionen, Trilliarden. Und wie schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden dieses uralte Licht auf die kleinen Leben der Menschheit strahlte und sie abergläubisch werden ließ, weil wir einfach nicht fassen können, was von so fern in unsere Welt strahlt.
Solange das so ist und bleibt, sollen Menschen ihre Archen verlassen. Sollen wir hinaus gehen in die Schöpfung. In die Parks. Sollen wir hingehen in unsere Stadt, in das gemeinsame Leben. In alle Welt.
Solange die Schöpfung aus unerschöpflicher Kraft den Wechsel von Blühen, Vergehen und Wiederaufblühen hervorbringt. Solange sich nach jedem Unwetter die Wasser verlaufen. Und es duftet nach nassem Gras. Braunes Laub liegt warm unterm Baum. Die Erde dampft. Solange der verbrannte Rasen wieder zu grünen beginnt und die Insekten in den Blüten trinken.
Solange sollen Menschen dem Herrn ihre Altäre bauen. Solange sollen wir unsere Herzen in den Melodien wiegen, mit denen schon die Alten dem Schöpfer ihre Freude zuspielten.
So lange.
Ich habe nicht den Atem für so lange. Ich habe nicht die Geduld. Mit mir nicht. Und mit meinem Nächsten nicht. Mit dem, der an der Kasse vor mir im Kleingeld kramt und dem, der an der grünen Ampel zögert, nicht. Mit den Politikern nicht und den Politikverdrossenen auch nicht. Mit den Wutbürgern nicht und denen, die sich abfällig und hitzköpfig über sie empören, auch nicht.
So treu, so lange, so ausdauernd wie Gottes Schöpfung uns trägt und nährt und freut, erfreut, ernährt, erträgt, - so weit komme ich nicht mit meiner schmächtigen Liebe und meinem flach hechelnden Wohlwollen.
Deshalb muss ich Atem holen. Ich muss mich ausruhen von meinem Zorn. Mich erholen von meinem Gekränktsein. Ich muss mich stärken und erfrischen. Lassen. Ich öffne meine Seele für das große Glühen und Wehen in diesen Wochen. Für den Abschied des Sommers. Für den Mars, den ich fast jeden Abend rötlich schimmern sehe und mich nicht sattsehen kann. Für den Mond, der hell und klar über den Himmel streift - wie ein ferner Begleiter, mit dem ich gerne reden würde. Weißt du noch? Als du mir vor Jahren den schneebedeckten Hof in silbernes Glitzern verwandelt hast? Weißt du noch, wie du am frühen Morgen der erste warst, der mich beim Erwachen milde lächelnd grüßte und sich noch schnell verabschiedete, bevor das Sonnenlicht dich in die Unsichtbarkeit verblassen ließ?
Ich betrachte die großen Wunder der Schöpfung. Nicht das Aussetzen der Naturgesetze versetzt mich in Staunen, sondern ihre schier unendliche Geltung. Bis in die fernsten Winkel des sich immer weiter dehnenden Alls gelten, gestalten und herrschen sie. Wahnsinn!
Ich betrachte. Während ich schaue, dämmert mir Unsichtbares. In den Werken der Schöpfung flimmert etwas von ihrem Schöpfer. Ihn sieht man nicht. Aber man erkennt etwas von seiner unendlichen Kraft. Von seiner Schönheit.
Solange die Erde steht.
Solange es unruhig und wild auf diesem Planeten zugeht. So lange hält er seine Hand über uns. Ganz dicht in einem nahen Jenseits hält er sie schützend über uns. Hinter allem, was ist, ist er.

GEBET:
Gott,
Gütiger,
Dein großer Sommer.
So heiß.
Sie klagen.
Wo soll ich schlafen?
Sie fragen.
Wie kommt das?
Beruhigen sich:
»Gabs schon immer«.
Beunruhigen sich:
»Gabs noch nie« …
Trotzdem: Hortensien blühn.
Aber die Wiese verdorrt.
Trauben reifen.
Und der Mais bleibt klein.
Dennoch Äpfel. Erstaunlich.
Wenig Heu.
Irgendwo Feuer auf dem Feld.
Gott,
Gütiger.
Ich dank Dir für den Sommer.
Bitte Dich um Regen.
Und, Gütiger, bitte:
Beruhige mich,
was Deine Treue betrifft.
Und beunruhige mich,
daß ich tu’, was zu tun ist.

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  Missing piece

Missing piece

Peter Kapp, Pfarrer - 19.09.2018

Seit ein paar Wochen liegt vorn vor dem Taufstein in St. Andreas ein großes Puzzle. Es scheint, als hätten zwei Menschen von zwei Seiten begonnen, das Puzzle fertigzustellen. Deshalb geht eine Art Riss quer durch das unfertige Werk. Einzelne Puzzleteile liegen zudem unverbunden herum und an einem Rand fehlt ein Teil offensichtlich ganz.
„Missing piece“ hat der Künstler Georg-Friedrich Wolf sein Werk genannt. Fehlendes Teil. Und was so unverbunden aussieht, soll auch so sein. Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft, das hat nicht nur der Künstler beobachtet. Manches ist kaum noch vermittelbar, Positionen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Der Ton wird rauer. Der jüdische Restaurantbesitzer in Chemnitz wird seine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, jetzt sicherheitshalber unter einer der üblichen basecaps verbergen. Bisher hatte er sie einfach so getragen. Er glaubt, dass das jetzt nicht mehr geht. Ich finde das schlimm. Dass da jüdische Menschen in unserem Land wieder Angst haben müssen, dass sie bedroht werden.
Der Riss durch unser Land. Nehmen wir das einfach hin, schweigen wir gar? Mischen wir uns lieber nicht ein? Als Kirche kann uns das nicht egal sein, wenn etwas schief geht in unserem Land. Wir nehmen die Brüche wahr und wir gehen den fehlenden Teilen nach.
Man kann die einzelnen Teile des Puzzles übrigens nicht mal eben zusammenlegen. Denn jedes wiegt an die 170 Kilo. Man braucht einen kleinen Kran, um sie zu bewegen. Ein Elektromagnet, so habe ich es beim Aufbau gesehen, hebt die einzelnen Teile an, dann werden sie vorsichtig an die richtige Stelle bugsiert. Ganz schön aufwendig.
Risse heilen nicht mal eben. Man muss sich Zeit nehmen, man muss sich Hilfe holen, man muss es gemeinsam versuchen. In der Geschichte von dem Gelähmten sind es vier Freunde, die ihn zu Jesus bringen. Sie lassen sich durch die Menschenmenge nicht abhalten. Sie machen einfach ein Loch ins Dach und lassen ihn hinter. Direkt vor Jesu Füßen. Sie haben ein Ziel und sie suchen und finden einen Weg. Sie lassen sich nicht entmutigen, sie haben Phantasie.
Diese Geschichte aus unserer Bibel kommt mir in diesen Tagen immer wieder in den Sinn, wenn ich das Puzzle sehe. Und ich denke: Kirche ist eine solche Gemeinschaft, wo Menschen mit Phantasie und Tatkraft anderen helfen. Wo andere ihnen nicht egal sind. Wo es uns interessiert, was mit der Gesellschaft passiert. Wo wir uns zusammentun, damit der Riss nicht größer wird.

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  Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Großzügig gerundet - Gedanken zum Geben und Danken

Henning Böger, Pfarrer - 18.09.2018

Sie traut ihren Augen nicht. Ein Trinkgeld von über € 500 bekommt sie. Wo gibt es denn so was? In Amerika, Anfang dieses Jahres!
Da erzählt eine Kellnerin ihrer Kollegin, dass sie finanziell ganz arg in der Klemme steckt: Sie kann die Miete für ihre Wohnung nicht zahlen. Sie wird obdachlos, sagt sie und weint laut.
Zwei Gäste im Diner müssen das Gespräch mit angehört haben. Als sie ihr Essen bezahlen, runden sie großzügig auf: von 60 auf 600 Euro, umgerechnet.
Als die Kellnerin abrechnet, traut sie ihren Augen nicht. Sie dreht sich um, aber die Männer sind weg. Sie läuft auf die Straße und sucht. Vergeblich. Sie muss wieder weinen, aber nun aus Freude.
Geben und Danken, das ist auch die Welt.
Die Welt ist nicht nur Jammern und Klagen; nicht nur Krieg und Härte und Hass.
Die Welt ist auch Geben und Danken.
Und noch schöner ist es, wenn ganz ohne Worte gegeben wird.
So, wie in der Geschichte der Kellnerin: Die beiden großzügigen Helfer verschwinden. Sie wollen nicht als Gönner erscheinen, sondern nur mal helfen. Und Gutes tun, weil sie es können. Ganz einfach so.
Das ist eine schöne Geschichte vom Geben und Danken, die sich schnell in den Medien weltweit verbreitet hat. Eine Geschichte wie ein Spiegel, die fragt: Könntest du das auch? So großzügig sein? Gutes tun, weil du es kannst? Ganz einfach so?
Es muss ja nicht Geld sein, großzügig gerundet.
Es gibt viele Geschichten vom Gut Sein; davon, dass Menschen einander wahrnehmen und gegenseitig zum Leben aufhelfen.
Ich denke: Wir alle brauchen diese Geschichte, um die Welt ertragen zu können. Manchmal erdrücken einen die schlechten Nachrichten von Krieg, Gewalt und Konflikt. Oft weit weg und dann erschreckend nah, wie in Chemnitz in den vergangenen Wochen.
Da ist es wie Aufatmen, einfach nur gut zu sein.
Es wenigstens zu versuchen.
Glauben heißt auch, ins Leben zu vertrauen, mit Gottes Hilfe nicht bitter oder abschätzig zu werden, sondern gut sein zu wollen mit anderen.
Geben und Danken sind ein großzügiges Paar. Sie sind der schönere Teil dieser Welt.

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  Die Tore stehen offen

Die Tore stehen offen

Werner Busch, Pfarrer - 17.09.2018

Wenn man jung ist, scheint fast alles möglich.
Es gehört zum Jungsein, Erwartungen zu haben.
Während meines Studiums habe ich einmal den Satz aufgeschnappt: „Ein Student ist ein Nichts, aber es kann noch alles aus ihm werden.“ Es ist ein tolles Lebensgefühl, von der Zukunft noch viel und Schönes erwarten zu können.
Die Zukunftsträume von Kindern sind von dieser Art. Am Anfang: Ich will Baggerfahrer werden. Die Welt umgraben. Etwas bewegen. Beim Erbauen von etwas Großem eine wichtige Rolle spielen. Oder Feuerwehrmann. Gefahren abwehren. Die Welt retten.
Erinnern Sie sich an die Jahre, als das Meiste in ihrem Leben noch unentschieden vor Ihnen lag? Als die Idee für einen Beruf gerade begann, sich zu klären? Als es losging, dass Sie sich Ihre Zukunft erträumt haben? „Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (EG 395) Nicht alle Tore der Welt stehen einem offen. Das lernt man schnell. Die meisten in unserem Land lernen das zu schnell. Aber das braucht es auch nicht, dass alles geht und kommt, wie ich es mir wünsche. Was es braucht, ist das Gefühl: Da kommt noch etwas. Etwas mit Bedeutung für mich. Etwas mit Möglichkeiten. Junge Leute brauchen dieses Gefühl: Die Welt steht mir offen. Da geht noch was.
Es gibt ein Wort Jesu, das berühmt geworden ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ (Markus 9) Ich halte innerlich immer für einen Moment die Luft an, wenn dieser Vers irgendwo vorkommt. Lieber Herr Jesus, denke ich mir, hättest du das nicht ein bisschen bescheidener sagen können? Eine kleine Einschränkung wenigstens? Eine Brise Realismus? Nein. Da steht: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Herausfordernd. „Nur die Übertreibung ist wahr.“ (Adorno) Es gibt Dinge, die kann man nicht bescheiden formulieren.
Die Geschichte, aus der dieser Satz Jesu kommt, ist eine sehr starke und tiefe Szene im Neuen Testament. Ein verzweifelter Mann wendet sich an die Jünger. Sie sollen den schwerstkranken Sohn dieses Mannes heilen. So fremd, so beängstigend und krass war seine Krankheit, dass man sagte, da seien unheimliche Mächte im Spiel.
Aber die Jünger konnten nicht. Sie brachten nicht fertig, worum sie gebeten waren, und mussten den Vater bitter enttäuschen. Ja, Kirche ist manchmal enttäuschend. Verglichen mit der großen Botschaft, dem großen Glauben ist Gottes Bodenpersonal manchmal ein Grund für Ernüchterung. Gelegentlich sogar für tiefe hässliche Kränkung. Es hat keinen Sinn, das wegzureden, zumal das im Neuen Testament eben auch schon vorkommt. In dieser Geschichte aus Markus 9.
Dann schaltet sich Jesus ein und sagt: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Das Gegenteil war eigentlich gerade bewiesen. Trotzdem stellt Jesus den großen Satz ungeschützt, einladend, irritierend noch einmal neu auf. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Ein Satz, der nach dem Scheitern gesprochen ist, nicht vorher. Ein Satz, der in die Situation der Niederlage gehört, und nicht den geborenen Siegern gesagt ist.
Daraufhin antwortet ihm der Vater. In seinen Worten öffnet sich eine Tiefe, die nichts mehr zu tun hat mit Machbarkeitswahn und Fortschrittsnaivität. Kein Hauch mehr von ‚Wir schaffen das.‘ Er sagt: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ Die ganze Zerrissenheit eines Erwachsenenlebens liegt in diesem Satz. Die Fürsorge für sein krankes Kind. Die Liebe. Die Last, der Schmerz und ein tiefes Frustriertsein. „Unglauben.“ Er sagt es frei heraus und lässt die Tiefe seines Herzens sich aussprechen. Unglauben. Nicht nur Zweifel. „Zweifel“ sagen Christen gerne mit dem Unterton von Bescheidenheit. Das klingt wie das Kleingedruckte, dass es ja immer auch noch gibt. Die vielen kleinen Fallstricke und Klauseln, die in jeder Realen Sache stecken, die gibt es eben auch im Glauben. Zweifel ist ja schon fast eine Tugend, ein bisschen skeptisch sein, nicht fanatisch usw. Nein, hier wird ein Mann deutlich. Er meint etwas anderes. Es steckt eine Not in ihm, die sich nicht mehr selbstgefällig ummänteln lässt. Unmissverständlich sagt er: „Unglauben.“ Er kämpft mit sich selbst. Er kämpft mit dem Leben, das er nicht ändern kann. Er kämpft mit Gott, der ihn hängen lässt. Ein Vorbild für aufrechte Christenmenschen.
Aber auch das andere hat er in sich. Er hat noch etwas von dem Kind in sich bewahrt, das wir alle einmal waren. Etwas für möglich halten. Da muss doch noch was gehen! „Herr, ich glaube.“ Auch wenn ich schon alles versucht habe. Auch wenn die Kirche enttäuschend sein kann. Ich kann den Glauben nicht ganz aufgeben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Denn dieses Vertrauen hängt nicht an den Personen, die für den Glauben einstehen. Hängt nicht an den Ämtern, die ihm dienen sollen. Der Herzensglaube der Menschen nährt sich nicht von der Überzeugungskraft der Pastoren und Pastorinnen, der Pröpstinnen oder Bischöfe.
Sondern wir glauben an den, der selber unsere Zerrissenheit auf sich genommen hat. Es hat ihn ans Kreuz gebracht, dass er sich so ungeschützt auf unser Menschsein eingelassen hat. Dass er mit offenem Herzen in diese Welt kam, um Herzen zu finden. Er hat sich auf unser Leiden eingelassen, auf unser Scheitern. Und Gott hat ihn auferweckt. Geheimnisvoll, aber doch so, dass ein Gerücht nicht mehr aus der Welt zu kriegen ist. „Alles ist möglich dem, der glaubt.“
Nicht jeder Kindertraum wird Wirklichkeit. Aber keine Kränkung, kein Misserfolg kann Gott davon abhalten, mit uns zu etwas Gutem zu kommen. Uns Menschen kann man aufhalten. Wir kennen die Hindernis, die uns hemmen. Uns wütend machen und resignieren lassen. Aber Gott kann man nicht aufhalten. Und er hat mit seinen Menschenkindern etwas vor. „Niemand soll den Glauben daran aufgeben, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“ (Martin Luther) Ob jung oder alt. Seine Tore stehen offen.

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  Sorget nicht - II

Sorget nicht - II

Cornelia Götz, Dompredigerin - 15.09.2018

Morgen werden wir einen Gottesdienst zum Schöpfungstag feiern, in der kommenden Woche folgt dann das Propsteifest. Aufhänger genug, sich am zehnten Jahrestag der Lehman-Pleite bewusst zu machen, dass Geld in Gottes Schöpfungsordnung nicht vorkam.
Er hatte Himmel und Erde geschaffen, Wasser und Festland, Licht und Finsternis voneinander geschieden und dann die Erde als vollkommenen Garten eingerichtet mit Pflanzen der Wiesen, Felder und Wälder, mit Tieren, die laufen kriechen, fliegen oder schwimmen und mit uns Menschen. Es war füreinander gesorgt aber offenbar bot auch die beste aller Welten noch Spielraum, um mehr und anderes zu wollen. Andernfalls hätten Adam und Eva nicht versucht werden können…
So wurden sie des Paradieses verwiesen. Lebensunterhalt, das tägliche Brot war von da an im Schweiße des angesichts der widerspenstigen Erde abzuringen. Nichts war mehr ideal aber wirtschaftlich ging es trotzdem bergauf. Die alttestamentlichen Väter sammelten große Familien und Herden um sich und es dauert nur zwanzig Kapitel, dass Abraham mit den Hethitern darüber verhandelte, was der Platz für Saras Grab kosten soll.
Hatte man in Israel zunächst noch Naturalien getauscht, so diensten bald kostbare Steine, Muscheln und Rohstoffe als Bezahlung. Zur Zeit des Aristoteles schließlich war Geld schon eine solche Macht und derart selbstverständlich, dass er zwischen Haushaltskunst und Geldwirtschaft unterschied. Ersteres betrachtet die Dinge nach ihrem Gebrauch, letzteres nach ihrem Wert. Daraus folgerte Aristoteles: in der Hauswirtschaft erwirbt man so viele Dinge, wie man wirklich braucht. In der Geldwirtschaft hingegen gibt es keine Grenze. Darum machten Menschen in der Geldwirtschaft, so beobachtete es schon Aristoteles, aus allem einen Gelderwerb, weil sie von der Illusion getrieben waren, waren mit viel Geld den wahren Reichtum, das gute Leben sichern zu können.
Folgerichtig verschwanden echte Güter aus der Tauschkette. Geld selbst wurde das Tauschobjekt bis sich die Spirale so heiß gedreht hatte, dass noch gar nicht vorhandenes Geld gehandelt wird. Die Insolvenz der Lehmanbank war nur ein Beispiel dieses Irrsinns und auch sie hat die Welt ins Trudeln gebracht, Millionen Menschen obdach- und heimatlos gemacht.
Wissen konnte man das.
Darum hat die Bibel sehr klare Regeln für die Zinswirtschaft und den Schuldenerlass. Darum auch unterscheidet das Neue Testament sehr genau zwischen Geld und Reichtum. Woran Du dein Herz hängst… Und auch deshalb sandte Jesus seine Jünger ohne Geld und seine Macht unter die Menschen. Das hatte viele Aspekte. Und unter anderem den, dass Lebenszeit in Jesu Nachfolge nicht gebraucht werden muss, um Geld zu akkumulieren sondern vielmehr offen wird auf anderer Ziele und Gottes Wege hin. Auch darum heißt es: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen..“


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  Sorget nicht…

Sorget nicht…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 14.09.2018

Im Matthäusevangelium heißt es: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“
Oft kann ich das gut hören. Es gibt ohnehin alle Tage so viel zu tun, dass es manchmal wenig Sinn hat, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es morgen oder übermorgen weitergehen wird. Zudem ist es eine hilfreiche Alltagsstrategie, ganz im Sinne von Michael Endes Beppo Straßenkehrer, sich nicht von all dem, was es zu bewältigen gibt, erschlagen zu lassen, sondern Schritt für Schritt zu tun, was dran ist und vor den Füßen liegt. Das hilft nicht nur, um Erschöpfungssyndrome zu vermeiden, sondern gibt auch Luft und Atem, das was man tut, in Ruhe und also ordentlich und gut zu machen. Solches schenkt dann ja wieder mehr Zufriedenheit und Kraft für den nächsten Schritt und Tag.
Ein guter Kreislauf, der in der Theorie auch fantastisch funktioniert.
Praktisch fällt einem trotzdem immer mehr vor die Füße als man sorgfältig bewältigen kann und so kommt es, dass man sich dann und wann auch eingestehen muss, dass Dinge schiefgegangen sind, weil keine Zeit war, sie gründlich vorzubereiten oder einfach nur die Konzentration und Kraft fehlte, im richtigen Moment präsent zu sein.
Und dann gibt es noch die Sorgen, die man nicht einfach beiseite- und ruhenlassen kann. Allermeist sind das die Dinge, bei denen man für andere Verantwortung übernommen hat oder abhängig ist von Entscheidungen Dritter. Dann sieht man die Schritte, die getan werden müssten. Aber es bewegt sich nichts und mit der verrinnenden Zeit, wächst die Sorge.
Dann kann ich das Matthäuswort nicht gut hören.
Und dennoch hat Jesus Christus nicht unterschieden zwischen den kleinen und harmlosen Alltagsfragen und den großen Nöten. Im Gegenteil. Er sagt, was auch immer uns umtreibt, wenn wir daran glauben, dass Gott uns Zukunft schenkt, wenn wir ihm vertrauen, wird es einen Weg geben. Ich finde, das ist eine schwere Übung. Und zugleich: Eine bessere Lösung fällt mir für die großen Sorgen auch nicht ein als zu hoffen, dass Gott bewegt, was ich nicht bewegen kann, dass er Herzen erweicht, die ich nicht erreiche und Türen öffnet, die für mich geschlossen bleiben. So gilt es, Vertrauen zu wagen ohne träge und teilnahmslos zu werden. So gilt: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

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  Weltsuizidpräventionstag

Weltsuizidpräventionstag

Karl-Peter Schrapel, Pfarrer - 13.09.2018

Am vergangenen Sonntag ist der aus „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt gewordene Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck während einer Kreuzfahrt unter bisher ungeklärten Umständen über Bord gegangen. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Suizidversuch, so berichten es die Medien. Die Suche nach Daniel Küblböck wurde inzwischen eingestellt. Somit ist davon auszugehen, dass er seinen mutmaßlichen Suizidversuch nicht überlebt hat. Selten erfahren wir öffentlich davon, wenn ein Mensch versucht, sich das Leben zu nehmen. Und auch jetzt weisen die meisten Medien darauf hin, dass sie in diesem Fall nur ausnahmsweise davon berichten, weil es sich um eine Person der Öffentlichkeit bzw. besondere Todesumstände handelt.
Warum ist das so, werden Sie sich vielleicht fragen?
Seit beobachtet wurde, dass sich nach einer öffentlich geschilderten Selbsttötung bzw. eines Suizidversuches, statistisch die Zahl ähnlicher Suizide bzw. Suizidversuche erhöht, haben sich die Medien dazu verpflichtet, bei diesem Thema zurückhaltend oder gar nicht zu berichten.
Das geschieht sicher in guter Absicht, hat aber einen fatalen Nebeneffekt: So bekommt das Thema „Suizid“ in unserer Gesellschaft als eine wichtige Herausforderung, mit der wir uns gemeinsam auseinandersetzen müssen, kaum Raum. Und wo etwas nicht benannt, verschwiegen wird, da entsteht eine Lücke, die Platz bietet für wilde Spekulationen, nicht überprüfbare Annahmen: Wie z.B. die völlig falsche Vorstellung, es sei besser, gar nicht über dieses Thema zu sprechen, weil erst dadurch Menschen „auf dumme Gedanken“ gebracht würden. Doch das Gegenteil ist richtig! Aufklärung über die Umstände, die zum Suizid führen, ist der beste Weg, weitere Selbsttötungen zu verhindern! Denn es ist fast nie Todessehnsucht, die Menschen zum Verzweifeln am eigenen Leben bringt, sondern die Überforderung mit den aktuellen Lebensumständen. Krisensituationen, die durch Hilfe, Beistand und Solidarität von Mitmenschen überwunden werden könnten, in denen sich suizidale Menschen aber häufig einsam, nicht gesehen und allein gelassen fühlen. Das müsste aber nicht so sein, wenn wir das rechtzeitig erkennen und entsprechend Hilfe leisten könnten.
Deshalb, um Leben zu retten, muss das Thema in die Öffentlichkeit! Diesem Ziel hat sich der „Arbeitskreis Suizidprävention“ in Braunschweig verpflichtet, der heute auch diesen Gottesdienst verantwortet. Seit 15 Jahren ist dieses sich kontinuierlich erweiternde psycho-soziale Netzwerk durch Fachaustausch und aufklärende, informierende Öffentlichkeitsarbeit mit regelmäßigen jährlichen Aktionen und Veranstaltungen im Rahmen des Weltsuizidpräventionstages in Braunschweig aktiv. Jedes Jahr am 10. September macht uns der Weltsuizidpräventionstag darauf aufmerksam, dass sich in unserem Land jährlich über 10.000 Menschen das Leben nehmen. So geht unserer Gesellschaft pro Jahr die Einwohnerzahl einer Kleinstadt verloren. Das sind mehr Menschen, als im gleichen Zeitraum durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenabhängigkeit ums Leben kommen.
Und zurück bleiben die vielen Betroffenen mit der oft verzweifelten, unbeantworteten Frage nach dem „Warum?“: Familienangehörige, Freunde, Kolleg*innen, Mitschüler*inne und alle anderen, die von einem Suizid in ihrer Nähe betroffen sind. Und dafür braucht es einen Raum, wo Betroffene auch öffentlich zum Ausdruck bringen können, wie es in ihnen aussieht, welchen Kummer und welches Leid sie erlebt haben und immer wieder erleben? Wer von den nicht Betroffenen wäre bereit, Menschen auf diesem schmerzlichen Weg zu begleiten? Sicher nicht wenige! Doch dann darf es nicht mehr, wie so oft bisher, schamhaft verschwiegen werden, wovon sie betroffen sind! Und schließlich geht es insbesondere darum, jedes einzelne, von Gott einmalig geschaffene Leben, das uns durch Suizid verloren gegangenen ist, zu erinnern, zu würdigen und nicht einfach aus dem Blick der Welt verschwinden zu lassen. Ich weiß, das ist den Hinterbliebenen sicher mit das wichtigste, dass der Mensch, den sie betrauern, nicht vergessen wird, sondern gesehen wird mit seinem Leben und seinem Leiden. Schauen wir mutig dahin! Tun wir es im Vertrauen auf Gottes Beistand und Segen!

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  Gnade

Gnade

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 12.09.2018

„Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig! Denn auf dich traut meine Seele“ (Ps 57,2),
heißt es siebenundfünfzigsten Psalm und in der Tageslosung. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig“, fleht der Beter, aber was meint das eigentlich – Gnade?
Im letzten Jahr haben wir unsere Sommernächte diesem Thema gewidmet und festgestellt, dass Gnade als Begriff ein schwerer Brocken ist. Weit weg von unserem alltäglichen Sprachgebrauch und von unseren gewohnten Vorstellungswelten. Denn Gnade ist ein Wort das unserer heißgeliebten Selbständigkeit entgegensteht. Zwar treffen wir Entscheidungen, formulieren Wünsche, sind rege und mühen uns, wir hoffen das Beste – aber eine Garantie, dass all unser Sorgen sicher zum gewünschten Ergebnis führt, gibt es nicht. Unser Leben liegt eben nur auch in unserer Hand. Wenn aber tatsächlich geschieht, was wir uns von Herzen wünschen, dann ist das Gnade.

Gnade meint das gute Ende zum Schluss. Sie ist das, worauf wir als Christinnen und Christen hoffen – „denn auf dich, Gott, traut meine Seele“.

Ein Leben birgt viele Momente des Zweifels, der Unsicherheit, des Unverständnisses, des Zorns, der Traurigkeit, der Hilflosigkeit. Und viele dieser Momente fühlen sich an, als ob die Welt um einen herum ins Wanken geriete. In solchen Momenten ist es manchmal schon Gnade, genau die Kraft zu finden, die es braucht, um so gut wie möglich die Balance zu wahren und nicht zu fallen. Und dann das Gegenstück dazu: Gnade liegt in der Freude über Schönes; über Zeiten und Augenblicke eines Lebens, die dankbar sein lassen. Das ist ein bisschen wie das Ernten der Früchte im Herbst. Einen ganzen Sommer lang hat man sie wachsen sehen, sich an ihnen gefreut, sie gepflegt und still gebangt, dass kein gemeiner Käfer sie befällt. Und dann ist es Gnade, wenn man sie pflücken und genießen darf.

Als ich mir im letzten Jahr die Lebensgeschichte des Paulus angesehen habe, der von sich selbst sagt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Kor. 15,10), da habe ich eine Lebensgeschichte neu entdeckt, in der Gott dem Paulus all seine Lebenspläne und Vorhaben in nicht mehr als einem Augenblick zerschießt. Paulus geht zu Boden – und muss neu aufstehen. Aber darin findet er zu seiner Lebensaufgabe. Und schließlich weiß er: Noch da, wo er hadert – mit seiner Geschichte, mit seiner Gesundheit, mit der Sturheit anderer, mit Problemen über und über, noch da gilt: „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“. Gott selbst wird es am Ende gut machen, auch wenn der Mensch (noch) nicht weiß, wie es geschehen wird.

Für mich meint Gnade deshalb ein vertrauensvolles und anmutiges Loslassen. Bei allem Tun, Schaffen und Arbeit, bei allem Sorgen und kümmern weiß ich mich als Mensch dann eben doch ganz in Gottes Hand gegeben und geborgen.

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  Jahrestag

Jahrestag

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 11.09.2018

Erinnern Sie sich an den Film „Matrix“? Es war einer der Filme, die anlässlich des Jahrtausendwechsels mit dem Gedanken des Weltuntergangs spielten. Am Ende waren es drei Filme – und die Erzählung war die eines modernen Christus. Allein dass der Auserwählte auch sehr erfolgreich das Mittel der Gewalt zu nutzen wusste. Weshalb ich heute mit diesem alten Film daherkomme, ist ein Satz, den ich gestern in einem Podcast gehört habe. Dort sagte der Menschenrechtler John A. Powell, der in Berkeley das Haas Institut für faire und inclusive Gesellschaft leitet, dass seiner Einschätzung nach die Menschheit weniger auf die Liebe als auf eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Interessen vertraue. Wenn ich mich an alle Rambos, Neos, Harry Potters, Iron-Men und so manch andere Filmfigur erinnere, wenn ich mir Counter-Strike, Fortnite, Lara Croft als Spiele der Gegenwart anschaue, dann sehe ich, dass es zumindest einen großen Kult um die rechtschaffene Gewalt rechtschaffener Helden gibt.

Siebzehn Jahre ist es heute her, dass die Twin Tower fielen. Für die einen war es Terror, für die anderen die Tat von Märtyrern. Es sind siebzehn Jahre, in denen die Welt nicht friedlicher geworden ist. Wohl auch durch das, was damals geschah. Denn dem, was wir „den Westen“ nennen, wurde die eigene Verletzlichkeit bewusst. Und damit einher gingen Trauer und Zorn, Angst und Hilflosigkeit. Alles Gefühle, die schwächen. Und leider schlagen nicht nur Kinder manchmal aus Schwäche, Zorn oder Traurigkeit um sich. Dazu dann der in Filmen und Spielen gepflegte Überbau des heroischen Helden, der in seiner Schwäche Stärke entwickelt und als letzter Helden-Notausgang seine Waffen für den Showdown entdeckt.

„Wir trauen der Gewalt mehr zu als der Liebe“, meint Powell. Mein Bauch sagt, dass er Recht hat. Aber wenn das stimmt, dann bedeutet es, dass unsere christliche Aufgabe mehr denn je darin liegt, dagegen zu halten. Gewalt schafft neue Gewalt. Und eine Wahrheit des Kreuzes ist, sichtbares Zeichen gegen alle Gewalt zu sein. Im Hebräerbrief heißt es (Hebr 9,26-28): „Nun aber ist Christus ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“

Ein für alle Mal. Christus als das letzte Opfer, dem keine anderen mehr folgen sollten. Wir können diesen Gedanken gar nicht groß genug schreiben. Wenn der Tod Christi einen Sinn hatte, dann denjenigen, den Wahnsinn aller Gewalt sichtbar zu machen. Gewalt, die aus Rache zu Gegengewalt führt, zieht im schlimmsten Falle Rach-Sucht nach sich. In Folge verzerren sich wunderschöne menschliche Antlitze mehr und mehr zu hässlichen Fratzen. So hoffe ich darauf und bete darum, dass wir lernen, einander in die Gesichter, in die Augen zu sehen und das Schöne im Antlitz des Nächsten zu entdecken. Hier und da wird solche Begegnung Frieden schaffen. Und wenn nicht, dann macht es zumindet deutlich, dass es der Frieden ist, um den wir ringen, und dass Gewalt nichts, aber auch gar nichts Heroisches hat, sondern letzte Tat der Verzweiflung ist.

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  Mein erstes Gefühl

Mein erstes Gefühl

Werner Busch, Pfarrer - 10.09.2018


Wenn ich morgens aufwache – mit welchen Gedanken steige ich aus dem Bett und in den Tag? Das Erwachen am Morgen sind sensible Momente. In welches Lebensgefühl hinein erwache ich? Wenn ich morgens die Augen aufschlage – was bewegt mich zuerst? Man macht sich das meistens nicht bewusst. Aber über das Aufwachen nachzudenken, kann hilfreich sein.
Aufwachen ist ein bisschen wie geborenwerden. Aufwachen ist eine Art Machterfahrung. Es passiert etwas mit mir. Was prägt mich in diesen Momenten, in denen ich noch nicht ganz Herr über mich selbst bin? Bei manchen dauert das nur ein Gähnen lang. Einmal gereckt und zack geht’s los. Bei anderen hält das an, bis die ersten drei Tassen Kaffee drin sind. Wir alle kennen diesen Aggregatzustand. Was gibt mir die Themen, die Gedanken für diese ersten Momente?
„Zuerst danke ich meinem Gott.“ Nachdem Paulus sich selbst den Adressaten vorgestellt hat, beginnt er so sein Schreiben an die Christen Rom. „Zuerst danke ich meinem Gott.“
Womit fängt man normalerweise etwas an? Meist mit Kritik. Am Anfang vieler Veränderungen war die Unzufriedenheit. Irgendetwas klappt nicht, ich muss das anders machen. Am Anfang war der Frust. Dann packt man’s an, beginnt etwas Besseres, Neues.
Aber der Dank? Man soll doch den Tag nicht vor dem Abend loben.
Das große Projekt seiner Mission im Westen beginnt Paulus mit Dank. Noch einmal wird es ihn vorher nach Jerusalem führen, ins alte, östliche Zentrum der Christenheit. Und dann: Let’s go west. Hinaus in die Welt. „Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ Er plant bis nach Spanien. Think big. Dieses Mega-Vorhaben beginnt er mit Dank. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Mich beeindruckt das, weil es so anders ist als das, was ich kenne und selber praktiziere.
Wie beginnen wir etwas in der Kirche? Ich erinnere mich an 2006. Der Rat der EKD brachte das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ heraus. Unter Theologen ist das inzwischen ein alter Hut und die Kritik daran schon abgenutzt. Aber immerhin war es der Anstoß für EKD-weite Reformen. Manches in den evangelischen Landeskirchen sieht heute anders aus als vor 2006. Und was stand am Anfang? Am Anfang standen Krisen-Prognosen. Man rechnete die Trends bis 2030 weiter und erschreckte. Es wird furchtbar. Wir steuern in die Katastrophe, wenn wir nichts ändern. Eines der größten kirchlichen Reformprojekte in der Evangelischen Kirche der Nachkriegszeit hat so begonnen: Am Anfang stand die Angst. Am Anfang stand der Gedanke, unterzugehen. Am Anfang steht der Druck.
Dazu das Kontrastprogramm aus dem Neuen Testament. DAS erste Großprojekt der Urchristenheit begann anders. „Zuerst danke ich in meinem Gott für euch alle. Ich will zu euch kommen und euch und mich an unserem gemeinsamen Glauben stärken.“ Römerbrief, Kapitel 1. Dabei war die Situation damals überhaupt nicht rosig. „Ich will euch nicht verschweigen, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen. Ich bin aber bis heute daran gehindert worden.“ schreibt Paulus. Dringliches schiebt sich vor das Wesentliche. In seinen Briefen finden wir immer wieder sehr menschliche Passagen von Paulus. Wenig Verlautbarungspathos, selten Timbre in der Stimme. „Ich bin fest davon überzeugt“. Sondern echt und ehrlich schreibt er. „Ich will das nicht verschweigen.“ Ich hab’s einfach nicht geschafft. Anderes hat mich in Atem gehalten.
Nichts von stringenter Projekt- und Prozessplanung in Hochglanz-Dossiers. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auch in der Kirche. Auch im Glauben an Gott. Es ist wie im richtigen Leben.
Der Apostel schwingt sich zum Dank auf. „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle.“ Seit ich mich näher mit diesem Vers beschäftigt habe, hat sich mir ein Morgenchoral geradezu aufgedrängt. „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank.“ Ich merke aber auch: mich selber umstimmen ist nicht so einfach. Die Art des Aufwachens verändern, geht nicht einfach per Beschluss. Bibel und Choräle lenken den Blick auf Gott. „ER weckt mich alle Morgen.“
Welche Gedanken und Emotionen kultivieren wir, wenn wir etwas beginnen? Erproben wir es: Zuerst den Dank. Wenn die Dinge noch unklar, noch im Fluss sind. Wenn alles noch dämmert. Gott kümmert sich um die, die gerade aufwachen. Gott ist bei denen, die noch nicht ganz Herr über sich selber sind. Und bevor wir wichtige Entscheidungen treffen, geben wir diesem Gefühl, dieser Beziehung eine Chance: „Zuerst danke ich meinem Gott für euch alle und möchte mit euch den Glauben teilen.“
Ihr
Werner Busch, Pfarrer an St. Katharinen

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  Alan Kurdi

Alan Kurdi

Cornelia Götz, Dompredigerin - 08.09.2018

Vorhin habe ich hier einen kleinen Jungen getauft, der es sich guthaben wird – mindestens sein Vater ist ein Backofen voller Liebe. Der Taufspruch hieß: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das passt zu dieser Familie und macht Freude mit anzusehen.
Und zugleich wissen wir: die Welt in der dieser kleine Junge groß wird, birgt viele Fragen und Nöte. Wenn wir ernstnehmen, dass wir Gottes Ruf folgen, dann können wir uns nicht nur einwickeln in seiner Liebe sondern müssen sie auch hinaustragen.
Darum habe ich den Eltern nicht nur die Taufkerze mitgegeben, sondern auch ein kleines Buch von Khaled Hosseini, das in der letzten Woche erschienen ist. Der Autor, Arzt und Botschafter des UN-Flüchtlingshilfswerkes ist durch seine Bücher, in denen er von seiner Heimat Afghanistan erzählt, längst weltberühmt. Sein jüngstes Werk ist ein schmales Bilderbuch. Er hat es Alan Kurdi gewidmet, dem kleinen Jungen, der in seiner blauen Hose, dem roten Hemd und den kleinen schwarzen Schuhen vor fast genau drei Jahren an der türkischen Küste lag, den Kopf im Wasser, ertrunken.
Das Bild ging um die Welt. Es erschütterte. Und verblasste. Haben Sie es noch vor ihrem inneren Auge?
Hosseini schreibt sein Büchlein wie einen Brief oder vielleicht doch nur die innerliche Zwiesprache eines Vaters mit seinem Kind. Er schreibt hinein in eine verlorene Vergangenheit, voller Erinnerung an Homs mit seiner Moschee und der Kirche, dem herrlichen Markt. „Ich wünschte, auch du könntest dich an die Gassen mit den vielen Menschen erinnern, erfüllt vom Duft warmer Kibbehs, an die abendlichen Spaziergänge mit deiner Mutter…“
Hosseini beschwört seine Erinnerungen regelrecht und braucht nur wenige Worte, damit man versteht: sein Kind hat diese Erinnerung schon nicht mehr. Denn, so Hosseini weiter, „dieses Leben, diese Zeit, kommen inzwischen sogar mir wie ein Trugbild vor, wie ein längst verstummtes Gerücht.“
Und dann folgen Bilder über die Zerstörung von Homs und die Flucht, das ungewisse Warten so vieler verschiedener Menschen an der Mittelmeerküste, die Angst und das Gefühl nicht willkommen zu sein. Man spürt all die tapferen Versuche, einander Mut zu machen: „Ich höre die Stimme deiner Mutter in der Brandung, sie flüstert mir ins Ohr: Ach wenn sie wüssten, Liebling, wenn sie nur wüssten, was in dir steckt, wenn sie das nur zur Hälfte wüssten, dann wären sie sicher freundlicher.“
Hosseini würde gern versprechen, dass alles gut wird. Aber er weiß, dass er das nicht richten kann. Darum endet sein Buch mit einem Gebet. …
Es ist keine große Literatur, vielleicht, weil auch der große Khaled Hosseini für das Sterben im Mittelmeer keine Worte hat. Aber es ist sein Versuch gegen das Vergessen und Verdrängen. Denn es ist ja nicht vorbei und wird auch heute Nacht wieder passieren….
Und auch: all das hat etwas mit uns zu tun. Es wird die Welt und das Leben unserer Kinder prägen. Darum müssen wir sie mit unserer Liebe stark machen und Beten lehren, denn: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

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  Käthe Löwenthal

Käthe Löwenthal

Cornelia Götz, Dompredigerin - 07.09.2018

Rainer Maria Rilke dichtete nicht wissend aber vielleicht doch ahnend vor über hundert Jahren:
„Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern. / Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern / und gewährst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klöstern / und lässest fünf Stunden noch Mühsal allen Erlöstern
Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben, / bis sie dir alle würdig sind und weit. / Ich will nur sieben Tage, sieben…“
Als hätte er gewusst, dass Städte mit Kirchen und Klöstern in Schutt und Asche sinken werden, dass Lebensgeschichten sinnlos abbrechen, dass sieben Tage zur rettenden Ewigkeit werden können. Vielleicht kannte er die beinahe gleichaltrige jüdische Malerin Käthe Löwenthal, die viele Sommer ihres Lebens auf der kleinen Insel Hiddensee verbrachte. Auch Rilke war dort zu Gast. Selbst nicht alt geworden, erlebte er nicht mehr, dass die jüdischen Mitglieder aus der Hiddenseer Künstlerkolonie verschwanden, schon gar nicht, dass Käthe Löwenthal, weil sie Jüdin war, deportiert und ermordet wurde.
„Gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben…“
Diese kleine Weile sollten Sie sich jetzt nehmen und die Ausstellung in der Jakob-Kemenate ansehen. Sie zeigt Bilder, Grafiken und Fotografien der Schwestern Löwenthal. Bei der Vernissage gestern Abend sang Svetlana Kundish zur Begleitung von Alan Bern verlorengegangene Lieder jüdischer Künstler. Es war ein Moment wider das Vergessen und auch ein politisches Lehrstück in Tagen, in denen in Deutschland rechtsextreme und antisemitische Haltungen wieder salonfähig werden…
Alan Bern sagte zur Auswahl der Lieder, dass er im Umgang mit den Flüchtlingen, die er in Weimar beherbergt, gelernt hat, dass es keineswegs unpolitisch ist, mitten in Not und Verfolgung, auf der Flucht Lieder zu singen, Bilder zu malen, Geschichten zu erzählen, die von der Normalität berichten. Gerade das holt Menschen aus der Opferrolle, der Außenseiter- und Extremsituation und erinnert alle anderen daran, dass ihre Normalität kein Privileg ist.

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  Sich selbst verbeulen

Sich selbst verbeulen

Cornelia Götz, Dompredigerin - 06.09.2018

Der Papst wünscht sich eine verbeulte Kirche, also eine, die angeeckt ist und sich gestoßen hat, eine, die an der Seite der Armen, Rechtlosen, Ausgegrenzten steht, die Spannungen und Konflikte aushält. Er weiß, dass eine perfekte Performance, makellose Schönheit und streifenfreier Glanz nur mit Macht und Geld zu haben sind und auch, dass dies dem Evangelium widerspricht. Ich bin sicher, er weiß auch, dass Menschen unvollkommen sind und in sich selbst verbogen, auch wenn sie getauft sind. Jetzt gibt er trotzdem Anlass, dass man hofft – so Matthias Drobinski heute in der Süddeutschen Zeitung – dass der Papst so konsequent sein möge, dass er sich auch selbst verbeult.
Es geht dabei um die Missbrauchsskandale und deren Aufklärung, um Sexualität und Homophobie, um die Lebensform von Priestern in der katholischen Kirche. Mithin um den Mut, bei der Wahrheit zu bleiben auch dann, wenn der eigene Lack dabei abgeht und andere sehen können, dass man nicht weiter weiß, sich in Widersprüchen befindet. Und es genügt nicht, so Drobinski, predigend daran zu erinnern, dass Jesus Christus schwieg als gebrüllt wurde: „Kreuzige ihn!“
Ich finde, da hat Drobinski in allem Recht. Zugleich lohnt es, den Balken im eigenen Auge zu erinnern. Es sind etliche. Erstaunlich, dass wir überhaupt noch was sehen.
Einer der Balken hat mit der neuerlich entflammten Debatte um die Organspende zu tun. Mit dem Mut zur Selbsverbeulung wäre es doch dran, dass wir uns als Kirche an der Diskussion beteiligen auch wenn das hieße zuzugeben, dass ich – sollte es meinen Mann oder meine Kinder betreffen, hoffen und beten würde, dass sie ein Spenderorgan bekommen und dass ich zugleich Sorgen hätte, ob wirklich bin zum Letzen um ihr Leben gekämpft würde, wenn ihre Organe gebraucht werden. Ich müsste darüber reden, wie ich von Auferstehung predigen und sie bekennen kann, ob es also noch die Auferstehung des Leibes sein kann, wenn das Herz, die Nieren und wer weiß was noch fehlen… Und auch darüber, ob Nächstenliebe vor eigener Unversehrtheit steht? Darf ich mich selbst wie den Nächsten lieben und mein Herz behalten wollen??? Oder ist es egal? Oder kommt es am Jüngsten Gericht nur auf meine Beulen an nicht darauf, ob ich mich selbst als Geschöpf Gottes geachtet und geleibt habe? In meinem Organspendeausweis habe ich vermerkt, dass ich selbst der Organentnehme zustimme aber meine Kinder und mein Mann gefragt werden und keiner überstimmt werden soll.
Ein beuliger Kompromiss…
Über Flüchtlinge, Lebensstil, gerechte Weltordnung, Geld und Wohnraum habe ich dabei noch gar nicht geredet. Immerhin: Über diesem Tag heute heißt es in der Herrnhuter Losung: „Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken, denn der Herr ist deine Zuversicht.“
Das hilft bei der Angst vor Beulen.

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  Den Ruf gehört…

Den Ruf gehört…

Cornelia Götz, Dompredigerin - 05.09.2018

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben….
Am letzten Abend unserer diesjährigen Bergtour hatten wir eine tiefergelegene Hütte in der Nähe einer Alm. Es gab noch ein paar Sträucher, die Baumgrenze lag nahe und jede Menge Kühe, deren Glöckchen friedlich vor sich hin läuteten. Im letzten Abendlicht war ich noch einmal rausgegangen, um Abschied zu nehmen als plötzlich von allen Seiten Rinder in atemberaubender Geschwindigkeit die Berghänge hinuntergestürmt kamen. Ich habe mich gewaltig erschrocken, in eine kleine Kiefer gedrückt und gehofft, in der Dämmerung nicht überrannt zu werden.
Die Tiere sammelten sich bei der Alm.
Ein für mich unhörbares oder unsichtbares Zeichen hatte sie zusammen gerufen und auf einmal sah ich, wie viele sie waren...
Vorgestern Abend sammelten sich Zehntausende in Chemnitz zu einem Konzert. Währenddessen war ich mit unserem Sohn im Kino. Wir haben „Gundermann“ gesehen. Die Geschichte eines Liedermachers aus der DDR, im Hauptberuf Baggerfahrer im Braunkohletagebau. Anschließend dann das abendliche Gespräch: Wie entsteht der Moment, das auf einmal Menschen sich sammeln und zeigen: so geht es nicht. Welches Signal ruft uns zusammen, weckt uns auf und holt uns aus der Zuschauerrolle?
In Chemnitz wirkte vermutlich besonders der Marktwert des Namens Campino. Aber nicht nur. Es gab auch ein Moment daneben…
Oder 1989: Fast zeitgleich wurden Friedengebete zu Demonstrationen, gingen Menschen mit Kerzen auf die Straßen. Auf welches Signal hin?
Wovon lassen wir uns aus der schützenden Deckung rufen ehe Stimmen, die wohl keiner haben will, alles niedergebrüllt und verängstigt und verjagt haben, was nicht in unsere fragwürdige Idylle zu passen scheint?
Welcher Ruf weckt uns aus alltäglicher Privatheit?
Dies ist kein Vortrag, nur eine Andacht, darum bitte ich die folgenden schnellen Schluss zu entschuldigen: Dietrich Bonhoeffer hat 1937 als ziemlich junger Mann im Vorwort seiner „Nachfolge“ geschrieben. „Wir wollen vom Ruf in die Nachfolge Jesu sprechen. Laden wir damit den Menschen ein neues schweres Joch auf? … Soll mit der Erinnerung an die Nachfolge Jesu nur noch ein spitzerer Stachel in die beunruhigten Gewissen getrieben werden?“
Wohl wissend also, wie schwer es ist, im Sinne Jesu zu leben, zu widersprechen, zu entscheiden, wohl wissend wie leicht man den Ruf Jesu überhören kann, wohl wissend, dass auf diesen Ruf nicht Menschen von allen Seiten strömen, vertraut Bonhoeffer doch darauf, dass das einzig verlässliche Signal ist. Nur von diesem Ruf will er sprechen und sich leiten lassen.
Das hat seinen Weg nicht einfacher gemacht, aber andere haben sich daran orientiert und Mut geschöpft.

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  Kriegskinder

Kriegskinder

Cornelia Götz, Dompredigerin - 04.09.2018

Wenn man dieser Tage mit dem Auto vom Bahnhof Richtung Stadthalle fährt - und nicht nur da – bleiben die Augen an weißen Holzkreuzen hängen. Das ist ein bisschen gefährlich für den Verkehr, denn die Kreuze nehmen kein Ende und jedenfalls ich musste aufpassen, um nicht zu stark abgelenkt zu werden. Ganz schlicht sind sie. Es steht nur der Name eines Landes drauf.
Das letzte, was ich heute Morgen gelesen habe, war „Polen“.
Dann bin ich abgebogen. Was war das?
Die Kreuze sind Teil der Aktion „100 Jahre Kriegskind“. Den Initiatoren liegt daran, einhundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viele Kindheiten auch heute immer noch geprägt sind von Kriegserlebnissen. Daran ändert sich offenbar nie etwas. Egal wie viele großgewordene Kriegskinder unter uns leben, die Nacht für Nacht in Bunkern gesessen haben und viel zu früh bereifen mussten, dass nichts bleibt, alles jederzeit in Schutt und Asche versinken kann.
Kinder wurden und werden Zeugen von Blutbädern und Vergewaltigungen. Sie erleben Flucht und Vertreibung. Statt von Geborgenheit und Zuwendung geprägt zu werden und im Schutz eines fürsorglichen Elternhauses groß zu werden, erleben sie Angst und Ohnmacht, Schrecken und Leid, Hunger und Kälte. Unbekümmertheit und Lebensfreude verkümmern, wenn stets der Verlust droht, Gegenwart lebensgefährlich und Zukunft ungewiss ist. Dazu kommt die Einsamkeit. Viele Kriegskinder sind mit ihrer Seelenangst lebenslang allein geblieben. Wenn überlebt werden muss, wenn es alle betrifft, ist wenig Raum für die Not der Kleinsten.
Aber die Erinnerung verblasst nicht. Im Gegenteil. Sie bleibt schmerzhaft klar.
Grund genug, wenigstens einen Moment innezuhalten. Grund genug, inmitten aller Konflikte an die zu denken, die sich nicht wehren können.
Wie weit Kinderwelten auseinander liegen können hat die Braunschweiger Zeitung heute übrigens sehr eigenwillig dokumentiert: unmittelbar neben dem Artikel mit den weißen Holzkreuzen zeigt die Rubrik „Willkommen“ die Fotos der Neugeborenen in unserer Stadt…

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  Markierte Wege

Markierte Wege

Cornelia Götz, Dompredigerin - 03.09.2018

Ich hatte Urlaub und wir waren wandern. Dieses Mal im Montafon, einem Gebirgsstock der Alpen auf der Grenze zwischen Schweiz und Österreich. Grüne Hochtäler wechseln sich ab mit bizarren Felsformationen, nach jedem Pass sieht die Landschaft wieder völlig anders aus. So läuft und steigt man Pfade entlang der rotweißen Wegmarkierungen von Hütte zu Hütte und schaut nach dem Wetter, weißen und schwarzen Wolkentürmen.
Letztere machen es manchmal nötig, extra zeitig aufzubrechen und bescheren dann lange verregnete Hüttennachmittage, in denen man mit anderen Wanderern erzählt und Karten spielt und liest, was einem eben in die Hände kommt. So stieß ich auf einen Text aus der Geschichte des Alpentourismus und der Alpenvereine und las von einer hitzigen Debatte, bei der man vor hundert Jahren darüber stritt, ob die markierten Wege in den Bergen eigentlich eine kulturelle Glanzleistung oder totale Entmündigung sind.
Beide Seiten haben gute Argumente für sich. Es ist ohne Frage eine kulturelle Errungenschaft, die Bergwelt so erschlossen zu haben, dass auch Menschen, die weder dort oben groß geworden noch Extrembergsteiger sind, ihre Großartigkeit erleben können ohne ständig in Lebensgefahr zu geraten. Dafür braucht es gespurte Wege, gesicherte und markierte Pfade und die Einsicht des Wanderers, genau dort lang zu gehen, wo alle vor ihm schon ihre Füße hingesetzt haben. Letzteres kann man als entmündigende Gängelei betrachten. Es ist eben ausdrücklich nicht erwünscht, eine eigene Route zu suchen, eigene Wege zu gehen. Kreativität wird – jedenfalls auf Bergwanderwegen abseits alpiner Steige - nicht gebraucht.
Dieser Zwiespalt hat mich auf den folgenden Touren begleitet. Ich bin nicht geneigt, die vorgegebene Spur zu verlassen – schon weil ich weiß, wie es sich anfühlt, den Weg verloren zu haben.
Aber die alte Debatte hat sich in mir festgehängt als Bild für Größeres: Ist es nicht in unserem Glauben auch so? Wir bergen uns in alten Worten und liturgischen Formen, bekennen theologische Formulierungen seit Jahrhunderten immer in derselben Weise.
Das kann man kritisch finden, weil die eigene Gebets- und Glaubenssprache verkümmert, wenn ich nur nachspreche, was andere formuliert haben und weil es so immer schwerer wird, auszudrücken, was ich selbst im Leben und im Sterben hoffe und bekenne.
Aber zugleich bewahren uns die Psalmen und das Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Einsetzungsworte oder wunderbare Lieder, davor endgültig zu verstummen, weil die Fragen zu groß sind oder uns in der Einsamkeit der Zweifel zu verlieren, weil die Deutung des Lebens oft so unwegsam scheint. Darum sind die alten Glaubensworte wie die Wegmarkierungen im Gebirge. Sie sind ein Geländer, an dem entlang man von Zuflucht zu Zuflucht gehen kann.
Und sie sind Menschenwerk, müssen gepflegt und erneuert und den sich immer stärker verändernden Bergen angepasst werden.

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  Offenbar werden

Offenbar werden

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 31.08.2018

Die Ereignisse rund um Chemnitz lassen nicht los. Und sie lassen einen Autor wie Thilo Sarazzin in anderem Licht erscheinen, der sich in seinem neuesten Buch anmaßt ohne jeglichen religionswissenschaftlichen Sachverstand die Heiligen Schriften anderer Religionen verurteilen zu können. Derzeit scheinen viel zu viele Menschen bereit, ihrem Frust auf Kosten anderer Luft machen zu wollen. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung kommentiert Sonja Zekri zum neuen Sarrazin-Buch: „Deutschland braucht dieses Buch so nötig wie einen Ebola-Ausbruch, und doch ist der Erfolg unabwendbar. Die zweitschlimmste Deutung dafür wäre, dass ein Autor auf einem gewachsenen Markt für Islamängste nur die alten Thesen in höheren Dosen anbietet. / Aber was, wenn viele das Buch gar nicht als Überdosis empfinden? Wenn ein Teil seines Erfolgs gar nicht darauf zurückginge, dass die Leser ihre „berechtigten“ Fragen an den Islam von Sarrazins biologistischen Übersteigerungen trennen, sondern, umgekehrt, Sarrazin gerade mit der Anrufung alter Ängste um Reinheit und Blut einen Nerv trifft? Wenn also, anders ausgedrückt, manche Vorbehalte gegen den Islam nichts mit Religion oder Kopftuch oder Terror zu tun haben, mit kultureller Überfremdung und schon gar nicht mit westlichen Werten, sondern darin eine uneingestandene Furcht zutage träte; etwas nie Bewältigtes, historisch Vererbtes, was jede Debatte über Integration zur Kulissenschieberei macht? Die Antwort auf diese Frage könnte unerträglich sein.“

Tja, was also, wenn trotz aller politischer Bildungsarbeit, trotz allem Geschichtsunterricht, trotz aller Gedenktage und Gedenkstätten viel zu viele Menschen in unserem Land wieder oder immer noch Rassisten wären? Die BZ betitelt den sächsischen Regierungschef Michael Kretschmer heute als den „Ratlosen“. Denn seine Wähler sind eben auch jene, die sich „abgehängt fühlen und neidisch-ängstlich auf Migranten schauen“. Die Journalistin Ulrike Winkelmann meint dazu, dass schlaue Ideen aus dem Westen jetzt nicht helfen würden, sondern stattdessen die Demokraten vor Ort zu stärken wären. Und wie? Indem offen gelegt werde, wer wo was rassistisch verlautbaren lässt, indem Rädeslführer benannt würden, indem Fußballforen, Facebook und WhatsApp noch einmal auf ihre Rolle bei Gewaltaufrufen hin überprüft würden.

Im 2. Brief an die Korinther heißt es (2. Kor 5,10): „Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat, es sei gut oder böse.“

Wenn das, was ist, offen gelegt und benannt wird, dann ist das gut. Ohne Fehl wird zwar erst der Christus selbst unser Tun beurteilen können, aber um einander in unserem Tun aufzuhelfen, haben wir ja doch ein paar Maßstäbe von ihm erhalten: Offene und ehrliche Rede gehören genauso dazu, wie ein Handeln, das eigene Vorurteile und Egoismus um des Nächsten willen überwindet. Es ist ein Weg fortwährender Selbstbefragung, ob das eigene Tun und Lassen noch mit diesen Maximen übereinstimmt. Das würde ich mir nicht nur für manchen Chemnitzer, sondern auch für viele andere Menschen der näheren und weiteren Umgebung wünschen.

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  Von Hochzeiten und inneren Bildern

Von Hochzeiten und inneren Bildern

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 30.08.2018

Es ist Sommerzeit und damit die Hoch-Zeit für Hochzeiten. In einer Zeit, in der niemand mehr heiraten „muss“, wie es bei uns zu Hause so schön hieß, ist das vielleicht doch ein noch einmal besonderer Schritt. Denn es stärkt den Gedanken, dass zwei Menschen bis zu ihrem Tod Seite an Seite bleiben wollen. Allen Trends und allen Statistiken entgegen.

Doch wahrscheinlich gerade weil es inzwischen keine selbstverständliche Lebensstation mehr ist, wird das Vermarktungsgeschehen um dieses Ereignis herum immer bunter. Fernsehshows formen innere Bilder, indem sie Brautpaare miteinander in Konkurrenz treten lassen und am Ende die schönste Hochzeit gekürt wird. Es sind Bilder von der ‚Prinzessin für einen Tag‘, die geschürt werden; oder, heute vielleicht besser gesagt: Bilder vom ‚Star für einen Tag‘. Und so blicke ich manchmal aus meinem Bürofenster – und staune. Kürzlich erst ließ sich ein Paar auf dem Domplatz fotografieren, deren Fotografen echte Verknotungskünstler waren. Da lag der eine auf der Erde, während der andere die Beleuchtung hielt, gleichzeitig aber auch selbst noch Fotos machte. Die beiden boten der stillen Betrachterin am Fenster über Minuten hinweg eine eindrückliche Show. Wenn dieses Brautpaar sich nicht wichtig vorkam, sich nicht als die Stars des Tages fühlten, dann - … ja dann haben sie die Show der Männer durchschaut. Denn gute Fotos machen auch Leute mit weniger akrobatischem Aufwand. Die beiden aber haben neben hoffentlich auch guter Bilder eine zweite Dienstleistung verkauft: und zwar die des ‚du bist der Star deines eigenen Films‘. Und wahrscheinlich sind die frisch Vermählten mit dieser Dienstleistung hochzufrieden und werden das Unternehmen am Ende weiterempfehlen.

Als Pfarrerin darf ich viele Hochzeiten begleiten. Und je länger ich das tue, umso stärker nehme ich wahr, dass das Gelingen der Hochzeit an dem hängt, was in den Menschen geschieht. Wir haben hier wunderschön geschmückte Hochzeiten erlebt und ganz minimalistische – und beide äußeren Szenarien boten Beispiele für Gelingen wie für Misslingen. Vielleicht habe ich es Ihnen sogar schon einmal erzählt, aber eine meiner schönsten Trauungen war jene, in der ein Brautpaar 23 Jahre nach seiner standesamtlichen Trauung entschied, dass sie im Kreise ihrer Kinder und deren Freundinnen die kirchliche Trauung nachholen wollten. Geld gab es keines, deshalb wären die Kleider manch einem lustig erschienen. Aber das alles machte nichts, weil alle von Herzen beteten und mit Leidenschaft und Freude schön schräg sangen. Von außen hätten die beiden Lacher und keinen einzigen Punkt in der Hochzeitsshow bekommen, trotzdem war es eine der wunderbarsten und schönsten Trauungen, die ich begleiten durfte – und, Sie hören es, von der ich bis heute regelmäßig schwärme. Das Gelingen der Hochzeit hängt nicht am äußeren Bild, sondern an der inneren Beteiligung. Es hängt nicht an diesem oder jenem Accessoire, sondern daran, ob Menschen dankbar sind und bereit, sich auf ihr eigenes Wagnis „Eheschließung“ ganz und gar einzulassen. Ohne Ablenkung, sondern von Angesicht zu Angesicht.

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  Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Vergebung ist nicht gleich Vergebung, zur #ChurchToo-Debatte

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 29.08.2018

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, beten wir, weil Christus selbst es uns gelehrt hat. Wer die Erzählungen der Bibel ein wenig kennt, weiß, dass es dabei um Buße und Umkehr, also den kritischen Blick auf sich selbst geht.

In diesen Tagen lesen wir viel von dem, was die #ChurchToo-Debatte ausgelöst hat. Vieles von dem, was zu lesen ist, ist so weit von dem entfernt, wofür unser Glaube der Liebe und Nächstenliebe steht, das einem ganz flau wird. So finden sich auf tagesschau.de die Worte eines Opfers, der als neunjährigem Mädchen von ihren Eltern und dem Pastor gesagt wurde, sie müsse dem Täter vergeben; Christus habe schließlich Vergebung gelehrt. Sie musste ihren Vergewaltiger umarmen und ihm vergeben. Das ist einfach nur schrecklich.

Auch eine der Kirchengemeinden, in denen ich gearbeitet habe, gehörte zu jenen, die sich mit dem Thema Missbrauch auseinander mussten. Hier war es der ehrenamtliche Posaunenchorleiter, der einigen Kindern Einzelunterricht erteilt hatte. Irgendwann brach Gott sei Dank einer der Jungen das Schweigen. Für uns in der Gemeinde war es ein kaum zu verarbeitender Schlag. Denn wir alle hatten diesen Mann als sympathisch, lustig, zuverlässig, stets präsent und ansprechbar für viele Gemeindeaufgaben, ja, als einen Vorzeige-Ehrenamtlichen empfunden. Wir haben ihm… vertraut. Als dann der Missbrauch ans Tageslicht kam, fühlte es sich an wie das Messer im Bauch, verbunden mit einer riesengroßen Scham gegenüber den Opfern und ihren Familien. Und niemand wusste so recht, was gegenüber den fragenden Journalisten zu sagen sei, denn es gab nichts Vernünftiges zu sagen. Dass so manch einer diesen öffentlichen Teil gerne umginge, kann ich mir gut vorstellen. Denn das alles ist für alle Beteiligten nur schwer auszuhalten. So lässt sich nachvollziehen, das in einigen Gemeinden geschieht, was nicht geschehen darf: Nämlich das Verschweigen des Missbrauchs. Alles wird mit dem Wort Vergebung zugekleistert, sogar das eigene Gewissen. Hier wird die Mahnung zur Vergebung missbraucht, und mit diesem Missbrauch erfährt das Opfer einen weiteren Missbrauch. Ja, es ist wirklich einfach nur schrecklich.

Vertrauen und Vergebung. Ausgerechnet diese in ihrem Kern so großen Werte sind die Einfallstore. Der Vertrauensvorschuss macht es dem Täter leicht und die Mahnung zur Vergebung verhindert die gerechte Strafe und ermöglicht Folgetaten. Aber so wie Vertrauen nicht blindes Vertrauen sein darf, so ist Vergebung nicht Vergebung. Sie ist kein Persilschein, der die verschmutzte Weste weiß wäscht, sondern sie braucht, um wirklich und wahr zu sein, die Aufdeckung, die Bloßstellung der bösen Tat. Und erst wenn alle rechtlichen Schritte abgearbeitet sind – und man sich fragt, wie man eigentlich mit den Erinnerungen weiterleben soll, dann kommt die Vergebung ins Spiel. – Sie ist der Abschluss eines inneren Prozesses, der weiterleben und keiner Bosheit der Welt das Recht geben will, Macht über die eigene Seele zu behalten. Sie ist nichts, was sich fordern ließe, und schon gar nichts, was ohne die vorherige Aufdeckung der Straftat auskäme.

Wahre Vergebung meint m.E. in solchen Fällen, den anderen anzusehen und ihn in seinem Unrecht mit der eigenen Größe zu beschämen, ihn zurückzulassen – und so in größerem Frieden weiterzuleben als zuvor.

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  Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 28.08.2018

„Wie konnte das damals eigentlich passieren?“ So haben meine Klassenkameraden und ich uns in der neunten Klasse im Geschichtsunterricht gefragt. Unsere Lehrerin hatte einen Plattenspieler mitgebracht und eine Platte aufgelegt, auf der eine von Hitlers Reden mitgeschnitten war. Zu hören war eine abgehackte, aber dynamische Stimme sowie viel Jubel einer großen Menge. Zu verstehen war allerdings wenig. Im Nachhinein bekamen wir die Rede auf Papier, um sie zu analysieren. In dieser Rede war allen alles versprochen, bis dahin, dass einige der Versprechen einander eigentlich ausschlossen. „Hat das denn niemand gemerkt?“, fragten wir. Wenn, dann war es den Leuten wohl egal. Und es ist ja leider auch nur allzu wahr: Nicht was gesagt wird, ist wichtig, sondern wie und mit welchem Selbstbewusstsein es gesagt wird. Die Show und nicht der Inhalt gewinnt.

Wie kann das passieren, müssen wir heute fragen, wenn wir auf die Nachrichten des Wochenendes blicken. Was ist das für eine Katastrophe, wenn in einem demokratischen und reichen Land, plötzlich der Mob auf der Straße nach Selbstjustiz schreit und Menschen angegriffen werden allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Für mich ist das alles vor dem Hintergrund unseres damaligen Geschichtsunterrichts unfassbar. Denn da ist ja nicht nur der Mob, sondern da ist auch eine Partei, deren Vorsitzender Zeug erzählt wie: „Wir holen uns unser Land zurück“. Das mag für manchen heroisch und tapfer klingen, ist inhaltlich aber blanker Unsinn und gefährlich. Weiter gibt es Parteikollegen, die sich unverhohlen menschenfeindlich und rassistisch auf ihren Webseiten äußeren, die dann zwar halbherzig von der Partei zurückgerufen werden, man aber das Gefühl nicht loswird, dass der Medienrummel um solche Schlagzeilen eigentlich gern genommen ist. Und noch weiter gibt es kleine Männer, die sich zu Staatsmännern Deutschlands aufspielen, sich von Despoten dieser Erde einladen und fürstlich umsorgen lassen und anscheinend gut damit leben können, dass die Diktatoren solches Tun medial für ihre Zwecke ausschlachten. Aber anstatt dass die Menschen schreien und sich laut wundern, lese ich heute, dass im Sachsen-Trend zur Landtagswahl die CDU verliere und die AfD gewinne. Wie kann das passieren? Warum schrillen die Alarmglocken bei scheinbar immer weniger Menschen? Wir sind theoretisch so gut informiert wie noch nie und haben praktisch, scheint’s, aufgehört die Informationen zu werten und zu deuten.

Umso wichtiger, dass wir nicht schweigen. Als Christinnen und Christen ist uns nicht geboten, danach zu fragen, woher einer kommt oder wie er aussieht, sondern danach, wie wir mit ihm zusammen Wege und Möglichkeiten entwickeln können. Das ist weder ein: „Alle sollen in Deutschland leben“, noch ein: „Schließt die Grenzen“, sondern ist das hörende Fragen, das aufrechte Ringen und die feste Zuversicht, dass es am Ende Wege des Lebens gibt. Keine harte Hand, sondern die trotzige Nachfolge in einem Christuswort, dass Paulus uns überliefert hat (2. Kor. 12,9): „Der HERR hat zu mir gesagt:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

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  Die Kehrseite der Freiheit

Die Kehrseite der Freiheit

Heiko Frubrich, Prädikant - 27.08.2018

Es gibt eine Frage, die sich Menschen seit vielen 1000 Jahren stellen, die jedoch noch nie zufriedenstellend beantwortet wurde. Diese Frage lautet: Warum mischt sich Gott nicht ein, wenn hier auf dieser Erde Menschen einander Leid zufügen. So alt diese Frage sein mag, so aktuell ist sie auch. Ein schnelles Durchblättern der Zeitung oder auch schon die 5-Minuten-Nachrichten im Radio reichen aus, um mehr Situationen präsentiert zu bekommen, die uns diese Frage leise stellen lassen, als uns lieb ist.
Man kann sich auf Wikipedia schaurige Statistiken über die aktuell auf dieser Erde zu findenden bewaffneten Konflikte anzeigen lassen. Sortiert nach der Anzahl der Todesopfer wird dort dargestellt, wer gegen wen Krieg führt, was Gründe und Auslöser sind und waren und wo diese Kriege genau stattfinden. Derzeit herrschen auf fünf Kontinenten unserer Erde kriegerische Auseinandersetzungen; lediglich in Australien und in der Antarktis ist es friedlich. Das Perfide an diesen Gewalttaten ist, dass die Menschen, die sich auf den Schlachtfeldern dieser Erde gegenüberstehen oder sich mittels Drohnen und anderer ferngesteuerter Lenkwaffen gegenseitig umbringen, sich gar nicht kennen und persönlich auch nichts gegeneinander haben. Diese Absurdität wohnt Kriegen inne, solange es Menschen gibt. Diejenigen, die ihr Leben lassen müssen, als Soldaten oder unbeteiligte Menschen in der Zivilbevölkerung sind nicht die, die entschieden haben, dass Krieg zu führen ist. Die Mächtigen sitzen woanders und das meist weit weg von den Orten, an denen Menschen sterben müssen.
Warum greift Gott nicht ein? Es wird Sie nicht wundern, auch ich habe keine wirklich befriedigende Antwort parat. Ein Versuch: Gott hat uns mit unserem Leben auch große Freiheit geschenkt – Freiheit, selbst Entscheidungen zu treffen, Freiheit, unser Leben zu gestalten, Freiheit, an Gott zu glauben oder es eben auch zu lassen. Gott zwingt uns zu nichts, er lässt uns im positiven Sinne an der langen Leine laufen und wenn es eng wird, dürfen wir uns seiner Nähe sicher sein aber er drängt sich eben nicht auf. Die Kehrseite dieser Medaille der Freiheit ist, dass wir Menschen sie missbrauchen können, um unseren Mitmenschen zu schaden. Das kann bewusst und direkt passieren, indem wir anderen ganz konkret Gewalt antun, das kann aber auch indirekt so sein, in dem wir unser Leben zulasten anderer leben, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Von den drei Euros, die wir bei uns für ein T-Shirt bezahlen, wird die Näherin in der Fabrik in Bangladesch kaum ihre Familie ernähren können.
Gott schenkt uns Freiheit, doch wir tragen auch immer die Verantwortung für unser Tun und Lassen. Das Bibelwort für den heutigen Tag will uns Orientierung und Entscheidungshilfe sein. Es stammt aus dem Epheserbrief und lautet: „Führt euer Leben in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat.“ Liebe und Hingabe sollen Antrieb und Ziel unseres Lebens sein. Würden wir Menschen das im Blick behalten, wäre schon viel erreicht.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  Was ist Glück?

Was ist Glück?

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 25.08.2018

Haben Sie gerne Glück? Vermutlich schon, wie wir alle. Wohl auch deshalb wünschen wir einander zum Geburtstag viel Glück, zu Prüfungen oder auch zum Neujahrstag. Aber was ist das eigentlich: Glück?

Sigmund Freud fand, dass jede und jeder seines eigenen semantischen Glückes Schmied sei. Der Brockhaus wagt mehr; er definiert: „Glück ist eine komplexe Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen, des Eintretens positiver Ereignisse, Eins-Sein des Menschen mit sich und dem von ihm Erlebten. Glück beinhaltet sowohl günstige Fügung der Geschehnisse, als auch den Zustand des Wohlbefindens und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.“ Im Begriffslexikon zum Neuen Testament klafft hingegen eine große Lücke zwischen ‚Gleichnis‘ und ‚Gnade‘. Da findet sich kein Glück. Das ist kein Zufall, denn das Gute, das wir erleben, wird in der Bibel ja weder irgendeiner beliebigen Fügung noch einem diffusen Schicksal anheimgestellt, sondern Gott selbst wirkt es in unserem Leben. Glück entspricht also der göttlichen Gnade und der daraus folgenden Seligkeit des Menschen.

Die Literatin Connie Palmen fügt all dem eine schöne eigene Beschreibung von Glück hinzu, indem sie eine ihrer Figuren sagen lässt: „Glück ist das Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können.“ „Sich-auf-die-Zukunft-freuen-Können“. Welche wunderbare Definition! Sie macht das Glück unabhängig von gegenwärtigem Ergehen und Geschick, ja sogar von der Erfüllung irgendwelcher Wünsche oder Hoffnungen. Glück findet sich stattdessen da, wo man sich etwas von der Zukunft erwartet.

Wir leben in einer Gegenwart vieler Ängste und Sorgen. Und so mancher erwartet von der Zukunft nicht mehr, als dass sie schlechter sein wird als die Gegenwart. Welch‘ eine unglückliche Zeit, wenn Menschen derart den Glauben an die Zukunft zu verlieren drohen. Wenn sie keinem Gott mehr zutrauen, dass er selbst die Welt erhält und bewahrt.

In einem der wunderschönen biblischen Texte heißt es dagegen (Mt 6,26f..34):
„Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Ich meine, dass schon vielen vieles geholfen ist, wenn sie das leben könnten. Wenn sie täglich tun, was ihnen zu tun möglich ist, und sie sich angstfrei und voller Vertrauen auf das Erwachen am kommenden Morgen freuen.

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  Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 24.08.2018

Kleider machen Leute, so weiß es das Sprichwort. Und auch in Märchen und Sagen spielen Kleider eine wichtige Rolle. Hier unterscheidet sich durch die Kleidung der König vom Knecht, die Bäuerin von der Hexe und so fort. Und oft genug wird damit gespielt, dass der eine in die Kleidung und damit in die Rolle des anderen schlüpft. Es scheint bisweilen so zu sein, dass die Kleidung mehr mit ihrem Träger macht, als man vielleicht vermuten würde. In der Tageslosung für heute heißt es (Sach 3,4):
„Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“
Vergebung wird hier durch die Feierkleider sichtbar. Der, dem vergeben wurde, wird als veränderter Mensch erkennbar. Auch an anderer Stelle spielt die Bibel mit Bekleidungsbildern. So heißt es im Epheserbrief in Bezug auf den Christenmenschen in der Welt: „So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens.“ Und Paulus schreibt im Römerbrief sogar (Röm 13,14): „So zieht an den Herrn Jesus Christus.“

Zwar dürfte der Glaube sich kaum anziehen oder ablegen lassen wie ein Gewand, doch handelt es sich bei solchen Bildern um durchaus hilfreiche Vorstellungen. Zum einen, weil sie den Gedanken festhalten, dass der Glaube in einem Leben sichtbar werden soll: in Werten wie der Wahrheit, der Gerechtigkeit oder des Friedens, wie wir es gerade aus dem Brief an die Epheser gehört haben. Zum anderen, weil solche Vorstellungen eine spielerische Dimension haben. Was wäre wenn? Was wäre, wenn aus den Schwertern Pflugscharen würden und die Wölfe und Lämmer beieinander weideten und die Löwen Stroh fräßen wie das Rind? Was wäre, wenn Gemeinsinn mehr gälte als Egoismus? Was wäre, wenn wir uns im Leben einen Vorteil auf Kosten anderer verschaffen könnten und täten es einfach nicht?

Das Taufkleid, das dem Täufling ursprünglich nach seiner Taufe angezogen wurde, darf sinnbildlich für den Christus stehen, in dessen Gewand der Täufling sich mit der Taufe begibt. Sein eigenes Sein ist mit der Taufe nicht verschwunden, er bleibt – Mensch. Aber ein Mensch, der sich ab jetzt im Namen Christi kleiden will. Er formt sich äußerlich um in der Hoffnung, dass er seinem veränderten äußeren Bild hier und da schon in dieser Welt mit seinem Inneren entsprechen kann.

Kleider machen Leute. Aschenputtel muss erst eine Nacht lang in die Kleider einer schönen Prinzessin schlüpfen, um ihre wahre Bestimmung zu entdecken. Auch das Taufkleid gibt es nur einmal im Leben, und doch können wir es im besten Fall immer wieder einmal aus dem Schrank nehmen und erinnern, dass es zu uns gehört. Denn Christ oder Christin werden wir, indem wir uns nicht weniger als unser Leben lang auf Gott hin ausrichten.

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  Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 23.08.2018

- lautet die heutige Tageslosung. Das passt zu einer Sitzung, an der ich gestern teilnehmen durfte. Sie handelte von der Maria-Magdalenen-Kapelle. Diese lag inmitten der Stadt und war eine von drei Kirchen, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überlebt hatten. Ursprünglich gehörte sie als Kapelle zum Domstift. Mit der Reformation endete das aber und wie sie dann bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts genutzt wurde, ist nicht wirklich bekannt. Ab 1832 wurde sie erneut Stiftskapelle, dieses Mal des Frauenkonvents des Aegidienklosters. In den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts war sie dann vor allem Verhandlungssache. Die Druckerei Limbach wollte das Grundstück kaufen, auf dem sie stand, was nach einigem Hin und Her im Jahre 1944 auch gelang. Die Kapelle wurde allerdings erst 1955, nachdem der Kauf bestätigt worden war, abgerissen und machte so Druckereigebäuden Platz.

Im Rückblick betrachten viele dieses Geschehen vor allem kopfschüttelnd. Aber so manches an architektonischem Tun der Jahre des Wiederaufbaus ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Dass wir jetzt wieder von ihr lesen und sprechen liegt daran, dass sie einst dort zu sehen war, wo die Burgpassage derzeit neu in die Burgtwete umgestaltet wird, und die Frage aufbrandet, ob man nicht in irgendeiner Weise an die Kapelle erinnern und ihren noch erhaltenen Grundstein in einem unserer Museen ausstellen sollte.

Dazu gehört die Frage, wieso es eigentlich niemandem auffiel, als 1955 eine derjenigen drei Kirchen abgerissen wurde, die den Krieg heil überstanden hatten? Ein Teil der Antwort lautet, dass sie so versteckt lag, dass sie den Menschen im Stadtbild kaum sichtbar war. Der andere und wichtigere: Dass sich nicht genügend Menschen fande, die sie lieb hatten. Denn die Kapelle war nie Kirche der Öffentlichkeit. Sie war besonders, aber eben leider den Menschen der Stadt kein Ort ihres Gebets.

Eine Kirche mag ein Heiliger Ort sein, aber sie ist es nicht per se. Ihre Heiligkeit hängt an dem, was wir einem Kirchraum zutrauen bzw. in ihm erleben. Kann ich in ihm dem Heiligen begegnen? Rechne ich damit? Das ist die wesentliche Frage.

Und so kann ein Kirchbau im Laufe der Zeit tatsächlich überflüssig werden, während ein Küchentisch zum sakralen Ort wird, wenn nur Menschen mit Herz ihr Mittagsgebet an ihm singen oder sprechen. Manche Orte, oft sind es so alte wie auch unser Dom, laden Menschen unmittelbar ein. Selbst jene, die schon lange getrennte Wege von Gott gehen, spüren die Wirkmächtigkeit des Ortes. Ein über die Jahrhunderte stetig durchgebeteter Raum trägt. Eine Kirche, die man erst suchen muss und in der kaum je jemand war, die vielleicht zwischendrin als Stall oder Abstellraum diente, hat es da schwerer. Aber gut. In unserem Lehrtext heißt es entsprechend (Mt 18,20):

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

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  Barmherzigkeit

Barmherzigkeit

Katja Witte-Knoblauch, Dompfarrerin - 22.08.2018

Wenn es um das Christentum und seine christlichen Werte geht, dann gehört die Barmherzigkeit wahrscheinlich für uns alle unwidersprochen dazu. Schließlich ist eine der wichtigsten christlichen Beispielgeschichten jene des barmherzigen Samariters. Barmherzig ist demnach, wer bereit ist die Not eines anderen zu sehen und für ihn einzustehen, auch wenn er selbst kein Nutzen davon hat. Vieles in der aktuellen Weltpolitik scheint derzeit weit von solcher Haltung entfernt, stattdessen spielen wieder verstärkt sichtbare und unsichtbare Mauern ihre Rolle. Aber das ist ein anderes Thema. Denn unsere Tageslosung, die ebenfalls von der Barmherzigkeit Gottes spricht, bedenkt einen zweiten Aspekt neben diesem altbekannten. In ihr heißt es:
„Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit deinem Volk nicht ein Ende gemacht noch es verlassen.“ (Neh 9,31)

Der Stadthalter Nehemia baut im 5. Jh. v. Chr. nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil Jerusalem wieder auf und ordnet das Leben der Menschen mit Hilfe des Priesters Esra neu. In der Geschichtsdeutung der damaligen Zeit wird das Exil als Folge einer Schuld verstanden, die das Volk Israel auf sich geladen habe. Gott aber, so Nehemia, habe sein Volk trotzdem nicht verstoßen. Und das nach seiner großen Barmherzigkeit.

Vielleicht mag Ihnen das verschroben und auch langweilig in den Ohren klingen, aber das ist es nur, wenn man das Ganze in der Vergangenheit belässt. Denn seien wir ehrlich, wahrscheinlich kennen die meisten von uns Situationen, in denen der eine dem anderen Schuld vorwirft. Hier ein falsches Wort, dort eine missverstandene Geste, da ein aneinander Vorbei oder auch verschiedene Interessenslagen, die zu verschiedenen Handlungsforderungen führen – und schon sprechen Menschen nicht mehr miteinander. Beide Seiten fühlen sich in ihrer Position im Recht und niemand ist bereit zurückzustehen und auch das klärende Gespräch kann irgendwie nicht herbeigeführt werden. Tatsächlich geschieht ja auch oft genug wirklich Unrecht, das ein schlichtes Zurück in die Situation davor nicht mehr zulässt. – Und dann stehen wir Menschen da und wissen so recht nicht weiter. Der Weg in ein heiles Miteinander scheint nicht nur weit, sondern unmöglich. Die großmütige Barmherzigkeit des Samariters hilft hier nicht, sondern hier braucht es Menschen, die über sich selbst hinaus wachsen, indem sie nach dem Vorbild der großen Barmherzigkeit Gottes selbst von ihrem eigenen Recht abzusehen bereit sind. Ganz im Sinne der Bergpredigt, in der Jesus spricht:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,38f.)

Barmherzigkeit also ist mehr als Freundlichkeit aus einer Position des Stärkeren heraus, sondern sie ist auch die Bereitschaft des Verletzten, auf jegliches Aufrechnen zu verzichten: Kein Rabattmarken Kleben, kein aufs Butterbrot Schmieren, stattdessen der Wille trotzdem gemeinsam miteinander auf dem Weg zu bleiben. Ihre Folge aber ist hier wie da Heilung und Heil.

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  KOFI ANNAN

KOFI ANNAN

Heiko Frubrich, Prädikant - 20.08.2018

Vorgestern, am 18. August, ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren in Genf gestorben. Er war von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen und hat in seiner Amtszeit die Bedeutung und die Außenwirkung dieser Organisationen gestärkt und geprägt.
Kofi Annan wurde 1938 in Ghana geboren. Er gehörte zu einer eher privilegierten ghanaischen Familie und so war es ihm möglich, in seinem Heimatland zu studieren, was durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Über ein Stipendium der Ford-Stiftung konnte er sein Studium später in den USA und in der Schweiz fortsetzen. Bereits 1962 begann Kofi Annan seine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen, zunächst bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Zwischendurch arbeitete er einige Jahre als Tourismusdirektor für sein Heimatland Ghana, bis er 1976 zur UN zurückkehrte. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Koordination der Einsätze der UN-Blauhelmsoldaten. 1996 wurde er zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Er war nicht unumstritten, denn mit ihm wurde erstmalig ein Generalsekretär aus den Reihen der Mitarbeiter der UN gewählt und er war überdies der erste Schwarzafrikaner in diesem Amt. 2001 wurde er dann für eine weitere Amtszeit von der UN-Vollversammlung bestätigt, was ebenfalls bemerkenswert ist, denn normalerweise hätte turnusgemäß der Generalsekretär aus einem asiatischen Staat gestellt werden sollen.
Am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wies Kofi Annan in einer Rede noch mal eindrücklich darauf hin, dass die Gründung der Vereinten Nationen eine Antwort auf „das Böse des Nationalsozialismus“ gewesen ist. Damit beschrieb Annan die Funktion und die Bedeutung der UN. Sie soll das moralische Gewissen der Weltgemeinschaft sein, vor dem sich alle Nationen dieser Erde bezüglich ihres Tuns und Lassens zu verantworten haben.
In der Charta der Vereinten Nationen haben sich die Mitgliedsländer dazu verpflichtet, an der Sicherung des Weltfriedens mitzuwirken und gemeinsam und in freundschaftlicher Beziehung zueinander die globalen Probleme unserer Zeit zu lösen und für die Einhaltung grundlegender Menschenrechte zu sorgen. Kofi Annan hat für diese Ziele gelebt und 2001 für seine Arbeit den Friedensnobelpreis erhalten.
Zu seinem Vermächtnis gehört ein Satz, den er auch ihnen und mir in die Bücher geschrieben hat. Dieser Satz lautet: „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“ Damit sind wir aufgefordert, nicht stumm bleiben, wo Menschenrechte und Menschenwürde unter die Räder zu geraten drohen. So etwas beginnt mit Gedanken, die später Worte werden, aus denen dann Gewalt erwächst. Wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren, dafür hat sich Kofi Annan sein Leben lang eingesetzt, und das ganz sicher auch aus der Kraft seines christlichen Glaubens heraus. Mit ihm verlieren wir einen unermüdlichen Kämpfer für den Frieden und für eine bessere Welt. Wir wissen ihn geborgen in Gottes liebevollen Händen.

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  Geduld

Geduld

Heiko Frubrich, Prädikant - 18.08.2018

Sind sie ein geduldiger Mensch? Viele Dinge in unserem Leben können wir nicht beschleunigen. Wir müssen einfach abwarten, bis sie sich entwickeln. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mithilfe meiner Oma auf unserer Fensterbank in einer kleinen mit Watte ausgelegten Schale Kresse gezogen habe. Die wächst bekanntermaßen ziemlich schnell, dennoch hat es mir immer zu lange gedauert, bis wir endlich Butterbrot mit Kresse essen konnten. Was da genau passiert ist, wie aus den kleinen braunen Samenkörnchen diese kleinen grünen Pflänzchen wurden, habe ich damals noch nicht verstanden. Sehr wohl verstanden habe ich allerdings, dass ich keinen Einfluss auf das Tempo habe. Ich kann nur zusehen und abwarten.

In unserem Verhältnis zu Gott ist das mitunter auch so. Wir Christinnen und Christen warten darauf, dass das Reich Gottes anbricht. Wenn wir in diese Welt schauen, wird uns allerdings sehr schnell und sehr schmerzhaft deutlich, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist. Krieg, Gewalt und Terror herrschen an vielen Orten, Hunger und Elend scheinen in den Schwellen- und Entwicklungsländern keine Grenzen zu kennen, die Toten des Brückeneinsturzes in Genua machen uns traurig, wütend und betroffen und die Odyssee der vielen Geflüchteten, die auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet wurden und nun nirgends an Land dürfen ist schwer nachzuvollziehen. Nein, nach dem Reich Gottes, so wie ich es mir vorstelle, sieht das alles nicht aus. Also auch hier scheint Geduld gefordert. Oder haben wir es möglicherweise doch in der Hand, diesen Prozess zu beschleunigen?

Eine Antwort darauf liefert uns Jesus Christus höchst selbst, wenn er sagt: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen.“ Damit wird klar, dass in der Tat Geduld gefordert ist. Ja, wir sollen den Samen aufs Land werfen, was für mich so viel bedeutet wie, offen zu sein für Gottes Wort, mich anrühren zu lassen von seiner Botschaft und immer wieder neu mein Tun und Lassen an dem auszurichten, was uns Jesus Christus vorgelebt hat.

Dann allerdings darf ich sehr wohl meine Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass Gott mir etwas hineinlegt. Ich darf schlafen und aufstehen, schlafen und aufstehen und darauf warten und darauf hoffen, dass es irgendwann einmal so weit ist. Ich empfinde es als einen Segen, dass ich abwarten darf. Ich empfinde es als einen Segen, dass da etwas wächst, ohne mein Zutun. Und ich empfinde es als sehr entlastend, dass nicht wir es sind, Sie und ich, die die Verantwortung dafür tragen, das Reich Gottes zum Wachsen zu bringen. Wir sind frei von dieser Verantwortung. Gottes Reich wächst von allein, das verspricht uns Jesus Christus selbst. Wir dürfen Hoffnung haben auf dieses Reich, in dem Gott alle Tränen abwischen wird von unseren Augen und in dem Tod, Schmerz und Leid nicht mehr sein werden. Das ist, wie ich finde, eine gute Basis für ein entlastetes, fröhliches christliches Leben, in Jesu Namen.

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  Sünde

Sünde

Heiko Frubrich, Prädikant - 17.08.2018

Bei mal wieder dringend nötig gewordenen Aufräumarbeiten auf meinem heimischen Schreibtisch ist mir ein Zeitungsartikel in die Hände gefallen, der folgende Überschrift trug: „Was Sie als Sünder jetzt wissen müssen“. Anlass war der Beginn eines Heiligen Jahres in 2015, das Papst Franziskus ausgerufen hatte. In einem solchen heiligen Jahr kann ein „Jubiläumsablass“ gewährt werden, also eine besondere Freisprechung von begangenen Sünden. Anders als im Mittelalter muss man dafür heutzutage kein Geld mehr bezahlen. Es handelt sich bei diesem Ablass vielmehr um einen symbolischen Akt, der mit dem Durchschreiten der Heiligen Pforte, zum Beispiel im Petersdom in Rom vollzogen wird. Wäre das für Sie eine Option? Hätten Sie Lust, sich auf den Weg machen, um einen solchen besonderen Sündenablass zu erhalten?

Bevor wir jedoch unsere Koffer packen, sollten wir vielleicht erst einmal überlegen, was denn „Sünde“ nach unserem heutigen Verständnis überhaupt ist. „Gestern habe ich gesündigt und mir ein dickes Stück Torte gegönnt“, ist bisweilen zu hören, es gibt die Verkehrssünderkartei in Flensburg, doch ich denke, dass das alles noch zu kurz gesprungen ist. Wir tun uns schwer mit dem Begriff „Sünde“. Aber wir tun uns unglaublich leicht damit, andere Menschen vermeintlicher Sünden zu bezichtigen und sie dann abzuurteilen. Besonders gründlich und besonders grausam geht es dabei in den sogenannten sozialen Netzwerken zu, wo man ganz ungeniert, weil anonym, Menschen mit Shit-storms überziehen, ihre Würde beschädigen oder sie nachhaltig verletzen kann.

Doch zurück zum Begriff „Sünde“. Nach evangelischen Verständnis ist Sünde alles das, was uns von Gott trennt. Natürlich ist es somit auch unser Fehlverhalten, denn nicht selten missachten wir dabei, wie Gott sich unser Leben gedacht hat. Der Sündenfall im Alten Testament, in dem Adam und Eva trotz göttlichen Verbots Früchte vom Baum der Erkenntnis essen, führt zur Trennung der beiden von Gott geführt – er hat sie rausgeschmissen aus dem Garten Eden. Glücklicherweise ist es bei dieser Trennung nicht geblieben, denn, wenn wir sagen, dass Jesus Christus unsere Sünden mit ans Kreuz genommen hat, bedeutet das, dass er alles Trennende weggeräumt hat, das sich zwischen Gott und uns so angesammelt hatte. Damit ist der Weg wieder frei geworden für Gottes unendliche und unbedingte Liebe. Und wenn wir nachher im Heiligen Abendmahl zugesprochen bekommen, dass uns unsere Sünden vergeben ist, dann bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als dass zwischen Gott und uns wieder alles in Ordnung ist.

Im Johannesevangelium heiß es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Damit ist zum Thema „Sünde“ schon ganz viel Maßgebliches und Wesentliches gesagt. Herzliche Einladung, das gleich noch einmal im Heiligen Abendmahl ganz persönlich zugesprochen zu bekommen, und nach Rom zu fahren, ist trotzdem eine gute Idee, weil die Stadt einfach so wunderschön ist!

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  Der Hauptmann von Köpenick

Der Hauptmann von Köpenick

Heiko Frubrich, Prädikant - 16.08.2018


„Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen - Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen. Und Gott sagt zu dir: Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?"

So klingt die Lebensbilanz des Schusters Wilhelm Voigt aus dem Hauptmann von Köpenick. Sein Leben ist aus seiner Sicht völlig schiefgelaufen – und schiefgelaufen ist auch, wie er Gott erfahren hat. Er kennt Gott nur als den Fordernden und Richtenden - nicht als den, der in Jesus Christus seine vorbehaltlose Liebe zu uns zum Ausdruck bringt und der uns so annimmt, wie wir sind, mit all unseren Schwächen und Fehlern. Die Lebensbilanz des Wilhelm Voigt wird so zur Lebensklage, erschütternd und anrührend. Auf den Tag genau vor 110 Jahren wurde er von Kaiser Wilhelm II begnadigt.

Zwei Jahre zuvor war er wegen „unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte sich mittels einer auf dem Flohmarkt gekauften Uniform als preußischer Hauptmann ausgegeben und sich so Zugang in das Köpenicker Rathaus verschafft, um dort – und hier gehen die Meinungen auseinander – entweder einen Auslandspass oder aber auch Geld zu stehlen. Der in die Jahre gekommene Schusterjunge hatte die Hoffnung, durch sein Äußeres auch aus seinem bisherigen Leben ausbrechen zu können. Gelungen ist es ihm nicht. Und im Scheitern seiner Pläne geht nun auch noch sein Gottvertrauen in die Brüche und er erwartet Zurückweisung statt Liebe, Tadel statt Barmherzigkeit, Strafe statt Vergebung.

Es wäre Wilhelm Vogt zu wünschen gewesen, dass er das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, für sich hätte annehmen können. Es stammt aus der Ersten Johannesbrief und lautet: „Und wir haben die Liebe erkannt und geglaubt, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Möge Ihnen und mir geschenkt sein, dass die Hoffnung, die aus diesen Worten erwächst, uns immer und überall auf unseren Lebenswegen begleitet. Ich bin im Übrigen fest davon überzeugt, dass der Schuster Wilhelm Vogt überrascht gewesen sein wird, als er vor seinen Herrgott hingetreten ist. Denn Gott hat ihn bestimmt ganz einfach nur in die Arme genommen und gesagt: „Lass jut sein Wilhelm, lass jut sein. Brauchst Dir nich zu schenieren. Hast alles prima jemacht!“

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  Reklamationen

Reklamationen

Heiko Frubrich, Prädikant - 15.08.2018

Wenn wir uns ein technisches Gerät im Internet bestellt oder vor Ort in einem Fachgeschäft besorgt haben, es freudig zu Hause auspacken und dann feststellen, dass es nicht so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben, dann geben wir es zurück und es landet in der Reklamationsabteilung. Dort wird dann geprüft, woran es lag – manchmal liegt der Fehler nicht im Gerät, sondern er steht in Persona des Benutzers direkt davor – und irgendwann bekommen wir dann unser Gerät hoffentlich heile und voll funktionstüchtig wieder zurück.

Die Arbeit in so einer Reklamationsabteilung stelle ich mir recht vielseitig vor, denn es geht ja nicht nur darum, festzustellen, was tatsächlich kaputt ist, sondern eben auch darum festzustellen, ob der Reklamierer auch tatsächlich einen Anspruch auf eine kostenlose Reparatur hat. Und wenn dem nicht so ist, dann muss man erklären und verhandeln können, um dem Kunden die schlechte Nachricht zu überbringen: „Du bist schuld daran, dass dein Gerät kaputt ist und die Reparatur geht zulasten deines Portemonnaies.“ Nicht selten endet so etwas vor Gericht, zieht sich mitunter über Monate und Jahre hin und macht am Ende keinen so richtig glücklich und zufrieden.

Im Himmel übrigens gibt es keine Reklamationsabteilung. Ein steiler Satz, doch ich will ihnen auch sagen, wie ich darauf komme. Kennen Sie das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg? Da werden Leute an einem Tag zu unterschiedlichen Zeiten eingestellt morgens, mittags und abends, arbeiten damit auch unterschiedlich lange bis zum Feierabend und erhalten trotz ihrer ungleichen Arbeitsleistungen am Abend alle den gleichen Lohn. Jene, die am längsten gearbeitet haben, werden sauer und beschweren sich darüber, doch der Weinbauer – er steht in diesem Gleichnis für Gott – lässt die Beschwerdeführer locker ablaufen in dem er sagt, dass er zu entscheiden habe wer was bekommt und auch nicht so ganz nachvollziehen könne, warum sich jemand über seine Großzügigkeit aufregt.

In diesem Gleichnis steckt viel Wahrheit. Denn es sagt im Kern, dass Gott allein darüber entscheidet, was uns zuteilwerden wird. Er ist großzügig, davon dürfen wir ausgehen, wenn wir allerdings erwarten, dass er das, was wir in unserem Leben getan haben, nach irdischen Maßstäben vergütet, dann werden wir wohl überrascht oder sogar enttäuscht werden. Alles, was von Gott kommt, ist ein Geschenk – seine Barmherzigkeit, seine Gnade, seine Liebe. Und all das erhalten wir eben deshalb unverdient aus seinen Händen, weil man es sich gar nicht verdienen kann. Wir haben Gott gegenüber keine Ansprüche zu stellen und das ist auch die Aussage des aktuellen Wochenspruches, der da lautet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Wir müssen Gott nicht beweisen, dass wir grandiose Glaubenshelden sind. Wir dürfen uns von ihm einfach beschenken lassen. Und das ist doch irgendwie auch viel schöner.

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Montag bis Freitag – 17.00 Uhr
5 Minuten-ANDACHT
Freitag: mit anschließender Feier des Abendmahls

Samstag – 12.00 Uhr
20 Minuten Orgelmusik im „MITTAGSGEBET“

Sonntag – 10.00 Uhr
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Öffnungszeiten Dom:

Montag bis Sonntag – 10.00 - 17.00 Uhr
Zwischen Anfang Januar und Mitte März ist der Dom von 13.00 - 15.00 Uhr geschlossen.


Öffentliche Domführungen:

Montag bis Freitag – 11.00 und 15.00 Uhr
durch Mitglieder der DomführerGilde
In der Zeit von Anfang Januar bis Mitte März finden keine Führungen statt!