Man braucht nur einen Menschen

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# Wort zum Alltag

Man braucht nur einen Menschen

„Man braucht nur eine Insel / allein im weiten Meer. / Man braucht nur einen Menschen, / den aber braucht man sehr.“ Das sind Worte der Dichterin Mascha Kaléko. Über sie ist gerade ein Buch erschienen.* Es erzählt einfühlsam ihr deutsch-jüdisches Lebensschicksal: von ihrem Erfolg als Lyrikerin und ihrer inneren Heimatlosigkeit nach der zwangsweisen Auswanderung aus Nazi-Deutschland im Jahr 1938.
Mascha Kaléko wurde in Galizien, im heutigen Polen geboren. Die deutschsprachige Familie zog bald nach Berlin, wo Mascha bekannt wurde mit ihren Gedichten, erst in Zeitungen und dann als Bücher gedruckt. Der Nationalsozialismus machte dem ein Ende. Zunächst brannten ihre Gedichtbände wie viele andere Bücher in den Feuern der Nazis. Schließlich emigrierte Mascha Kaléko mit Mann und Kind in die USA. Erst achtzehn Jahren später kam sie zurück nach Deutschland. In Berlin fand sie die totgeglaubte Schwester wieder. Aber heimisch wurde sie in Deutschland nicht mehr.
„Man braucht nur eine Insel / allein im weiten Meer. / Man braucht nur einen Menschen, / den aber braucht man sehr.“ Mascha Kaléko sehe die Welt immer mit einer lachenden Träne im Auge, schrieb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einst über diese besondere Frau. Das passt zu ihrem festen Gespür dafür, dass wir Menschen in dieser wogenden und abgrundtiefen Welt einander zum Leben und Überleben brauchen.
Für mich ist das die wichtigste Erinnerung an diesem 27. Januar als Gedenktag an die vielen Millionen Jüdinnen und Juden und Andersdenken, die Opfer des Nationalsozialismus wurden: Dass wir selbst Menschen sein sollen, die vor dem Unrecht, das andere erleiden, nicht ihre Sinne verschließen. Dass wir uns schützend neben und vor Mitmenschen stellen, die verlacht, beleidigt, herabgewürdigt und bedroht werden. Dass wir miteinander den Mut finden, immer und immer wieder gegen den Hass auf Andersdenkende die Stimme zu erheben.
„Man braucht nur eine Insel / allein im weiten Meer. / Man braucht nur einen Menschen, / den aber braucht man sehr.“ Ein Lichtblick ist jeder Mensch, der das für sich begriffen hat.

* Volker Weidermann, Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens, 2025


Pfarrer Henning Böger

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