Das Wort zum Alltag

Seit dem 1. Dezember 1968 gibt es von Montag bis Freitag um 17.00 Uhr und Samstag um 12.00 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet, die von Orgelmusik gerahmt wird.
Wir möchten Menschen damit ermöglichen für ihre eigene Praxis pietatis eine regelmäßige Form zu finden. Zugleich birgt das Format die Möglichkeit auf die jeweils aktuellen Ereignisse in unserer Stadt und unserer Welt zu reagieren.

Während des Advents und der Friedensdekade hat das Wort zum Alltag einen besonderen Akzent. Das Wort zum Alltag wird in der Regel von der Dompredigerin oder der Dompfarrerin, sowie von anderen Braunschweiger Pfarrerinnen und Pfarrern und Prädikanten gehalten. Die umrahmende Orgelmusik übernehmen die Kantoren des Braunschweiger Doms.

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Worte zum Alltag

  23.04.2018 - Der Heilige Georg

Der Heilige Georg

Prädikant Heiko Frubrich

In der Apsis unseres hohen Chores finden sie in der Mitte ein ziemlich finster aussehendes Fenster. Wenn es draußen sonnig ist, leuchtet es in sattem Blau und zeigt einen Ritter, der einen Drachen besiegt. Sie kennen diese Darstellung wahrscheinlich auch von anderen Illustrationen, der Kampf des Guten gegen das Böse wird hier personifiziert.
Der da auf dem Pferd sitzt, ist der heilige Georg und heute ist sein Gedenktag. Wir wissen nicht viel Verlässliches über ihn. Dass der 23. April der Tag ist, an dem er in Kappadokien als Märtyrer starb, ist vergleichsweise sicher und es soll um das Jahr 303 gewesen sein. Georg wurde Opfer der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian. Echte Berühmtheit erlangte er im Hochmittelalter, als sich um seinen Namen eben jene auch in unserem Kirchenfenster dargestellte Drachenlegende rankte. Georg soll dabei eine verschleppte Jungfrau aus den Fängen eines urzeitlichen Ungeheuers gerettet und dieses dann umgebracht haben. Der heilige Georg wurde fortan Schutzpatron des deutschen Ritterordens. In der Heraldik nehmen viele Wappen Bezug auf ihn, zahlreiche Kirchen sind nach ihm benannt und sein Vorname gehört mit all seinen sprachlichen Abwandlungen zu den beliebtesten in Europa.
Der heilige Georg – Sieger im Kampf gegen das Böse, Glaubensheld und Märtyrer. Ist er einer, an dem wir uns ein Beispiel nehmen sollten? Ist er einer, dem es nachzueifern lohnt? Grundsätzlich wohl schon, allerdings komme ich persönlich bei diesen ganz Großen sehr schnell an den Punkt, an dem ich sage: „Das schaffe ich doch sowieso nicht!“ Ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft und das Gottvertrauen hätte, mich für meinen Glauben foltern und umbringen zu lassen und ich hoffe inständig, dass mir eine solche Prüfung erspart bleibt. Ich stehe ganz gewiss nicht in einer Reihe mit Dietrich Bonhoeffer, Thomas Becket und dem heiligen Georg und ich könnte mir vorstellen, dass das bei Ihnen möglicherweise auch nicht so ganz anders ist.
Ich glaube aber auch, dass es das gar nicht braucht. Wenn wir uns einmal ansehen, welche Truppe Jesus mit seinen zwölf Jüngern zusammengesammelt hatte, dann finde ich mich da schon eher wieder. Sie begreifen oftmals nicht, was Jesus ihnen sagen wollte, Thomas will nur glauben was er sieht, Petrus verleugnet ihn dreimal in einer Nacht, Jakobus und Johannes möchten sich gern im Himmel einen Platz in der ersten Reihe reservieren und alle hauen sie ab, als es für Jesus im Garten Gethsemane wirklich um alles geht. In diese doch auch sehr menschliche und bestimmt nicht perfekte Truppe passe ich irgendwie besser.
Und so denke ich, dass es gar nicht die großen Glaubensheldentaten sind, die wir an den Tag legen müssen. Vieles wäre schon erreicht, wenn es uns Menschen im Hier und Jetzt gelänge, respektvoll, wertschätzend und liebevoll miteinander umzugehen. Und wenn wir dann doch mal den Mut eines Drachentöters brauchen, können wir ja in den hohen Chor gehen und einen Blick auf Georg werfen.

Heiko Frubrich
Prädikant und Kirchenvorsteher am Dom

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  21.04.2018 - Komm lieber Mai und mache...

Komm lieber Mai und mache...

Cornelia Götz, Dompredigerin

Irgendwann im April, ich vermute in der fünften oder sechsten Klasse, haben wir in der Schule „Komm lieber Mai und mache…“ singen gelernt und wenn ich es mir heute bedenke, dann war das für so eine Schulklasse halbfreiwilliger Brummbären eine ziemliche Herausforderung – zumal das einzelne Vorsingen auf Noten zwingend dazugehörte. Ich vermute, das lief mit Kichern und roten Köpfen ab, daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Tief in mein Gedächtnis eingegraben hat sich hingegen die Geschichte, deren Wahrheistgemäßheit mich heute eigentlich nicht mehr interessiert: Unsere Lehrerin erzählte, dass Wolfgang Amadeus Mozart dies Lied in seinem letzten Winter geschrieben habe, als er elend und krank lag und auf den Frühling wartete. Den habe er nicht mehr erlebt, sondern sei gestorben und in einem Armengrab beigesetzt…
Vielleicht erinnern Sie sich ja auch an das Lied?
„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün und lass uns an dem Bache die kleinen Veilchen blühn. / Wie möchte ich doch so gerne ein Veilchen wiedersehen, komm lieber Mai und mache, einmal spazieren gehen.“
Es ist ein Lied so voller Sehnsucht nach Licht und Farben, nach Wärme. Es ist ein Lied gegen die Angst, dass der Winter, die Dunkelheit und Kälte nicht vorübergehen wird. Es ist ein Lied voll der Bitte, man möge es doch noch einmal schaffen aus der Starre in die Lebendigkeit zurückzufinden!
Mir fällt es in jedem Frühling ein.
Manchmal nur, weil ich es genieße, Türen und Fenster aufzureißen.
Manchmal, weil ich an diejenigen denke, die es so viel Kraft kostet, durch den Winter zu kommen, die ihre Seele nicht vor der Dunkelheit schützen können.
Manchmal, weil es so schmerzt, an die zu denken, die diesen Frühling nicht mehr mit uns erleben.
Und heute, wo alle Welt von dringenden Aufbrüchen und Neuanfängen spricht – in der SPD, im Bundesamt für Flüchtlinge und Migration, in der Klimapolitik, in Europa – denke ich auch an meine Musiklehrerin, die uns Kindern damals in der DDR-Schule eine kleine bleibende Lektion darin erteilte, wie man auch bei einem harmlosen Text zwischen den Zeilen von etwas Anderem reden und sich verständigen kann. Sie träumte davon, die DDR zu verlassen und hat, wie ihr Mann dafür im Gefängnis gesessen und aushalten müssen, dass ihr Kind ins Heim musste.
Ob sie das Ende dieser starren dunkeln Zeit glücklich und erlöst erleben konnte oder ob sie über allem bitter und hoffnungslos geworden ist, weiß ich nicht aber die Erinnerung mahnt mich, Tage wie diese nicht für eine Selbstverständlichkeit zu halten.
Zuletzt: Wer Theologie s tudiert, kommt an den großen Dogmatikern des 19. und 20. Jahrhunderts nicht vorbei. Deshalb wird er bedenken müssen, ob er mit Karl Barth glaubt, dass unser Gott sich ausschließlich in Jesus Christus offenbart hat und man deshalb immer mit dem Blick auf ihn die Welt sehen lernen muss oder ob Gott sich doch in vielerlei Weise zeigt, in seiner Schöpfung zum Beispiel. Der geistigen Klarheit dient es sicherlich, sich an Karl Barth zu halten, aber wer an einem Morgen wie diesem nicht einen Gott denkt, der sich in seiner wunderbaren Schöpfung zeigt, ist für ihren Zauber womöglich nicht empfänglich. Und zusammen kriegt man das schon:
Welcher Gott sonst als einer, der aus scheinbar toten Zweigen Grün hervorbrechen lässt, könnte das Wunder der Auferstehung Jesu wirken?
Welcher Gott sonst, als der, der solche tage schafft, schenkt auch Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt?

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  20.04.2018 - „Trinkt alle daraus…“

„Trinkt alle daraus…“

Cornelia Götz, Dompredigerin

Im Februar berichteten die Medien, die katholischen Bischöfe hätten sich in Ingolstadt dazu durchgerungen, dass „Ehepaare unterschiedlicher Konfessionen künftig im Einzelfall gemeinsam an Eucharistiefeiern teilnehmen dürfen. Die Entscheidung werde vor Ort in den Gemeinden getroffen“, sagte damals Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz.
Ein Aufatmen ging durch die (ökumenische) Landschaft und die Hoffnung, dass sich hier endlich etwas bewegen würde, bekam neue Nahrung. Wenig später sammelte sich allerdings um den konservativen Mainzer Kardinal Rainer Maria Woelki eine Gruppe, die die Rechtmäßigkeit des Zugangs von evangelischen Ehepartnern zur Kommunion anzweifelt.
Jetzt hat der Papst ein Gespräch im Rom anberaumt, um die Angelegenheit zu ordnen. Zumeist alte und jedenfalls unverheiratete Männer werden denn das „für“ und „wider“ solcher Gnade erörtern.
Ich weiß, dass dieses – die wissen doch nicht, wovon sie reden – ein mageres Argument ist. Aber, wer Freud und Leid, Alltag und Festtage, Hochzeit und Krisen, Gemeinsamkeit und Einsamkeit in einer Ehe miteinander geteilt oder ausgehalten hat, der ahnt, dass geübtes und mitfühlendes Zuhören oder seelsorgliche Ausbildung eigene Lebenserfahrung nicht ersetzen können.
Zudem:
Es muss uns als Kirche und Christenmenschen doch daran gelegen sein, dass Paare, die ihre Zweisamkeit unter den Segen Gottes stellen, die in der Not zusammen beten und zu deren Leben es gehört, gemeinsam in den Gottesdienst zu gehen, die ihre Kinder taufen und ihre Eltern christlich bestatten zu lassen, auch zusammen zum Abendmahl kommen dürfen. Ausgerechnet!
Das gilt, finde ich, erst recht, wenn wir auf die Einsetzungsworte hören, die uns letztlich Begründung unserer Abendmahlspraxis sind und in denen Jesus Christus selbst uns einlädt. Gleich werden wir das Abendmahl feiern und dann hören: „Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nach dem Mahl nahm er den Kelch, sagte Dank, gab ihnen den und sprach: "Trinket alle daraus…“
Wer sind wir, dass wir einschränken dürften, was Gott uns gewährt, damit wir Vergebung und Neuanfang erfahren? Hoffen wir, dass der Papst und die Kardinäle auch von daher denken und Entscheidungskraft erbitten.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  19.04.2018 - Törichte Wünsche

Törichte Wünsche

Dompredigerin Cornelia Götz

Je schöner die Tage und je berechtigter die Hoffnung auf Sonnenschein, umso mehr Taufen und Trauungen auf dem Programm…
Neben der immer wieder fröhlichen Begegnung mit Menschen, in deren Leben sich etwas Glückliches ereignet hat, sei es nun die Geburt eines Kindes oder die Begegnung mit einem Menschen, mit dem man sein Leben teilen möchte, ballen sich dabei auch Gesprächsthemen über die Zukunft, die Hoffnungen und Wünsche für die Zeit, die kommt.
Wenn ich junge Eltern frage, was sie sich denn für ihre Kinder erhoffen, dann sagen sie oft: „dass sie alles erreichen, was sie sich wünschen.“
Es hat eine Weile gedauert – ich musste einfach älter werden – bis ich verstanden habe, dass solcher Wunsch eigentlich töricht ist. Ich weiß schon, dass Eltern für ihre Kinder ersehnen, dass sie ein glückliches und erfüllendes Leben haben mögen.
Aber je länger je mehr sehe ich auch, dass man beim Jagen nach dem Glück oder dem, was heute als erstrebenswert erscheint und man sich deshalb wünscht, gefährdet ist, sich selbst zu verlieren und das wirkliche gute Leben, das sein könnte, zu verfehlen, weil man von etwas träumt, das nicht zu haben ist.
Denn unsere Wünsche sind manipulierbar. Ganze Industrien leben davon.
Unsere Vorstellung von Erfolg und Glück sind nicht mehr gespeist von der Weisheit derer, die vor uns waren, sondern übermalt von medialen Giganten.
Es ist doch unfasslich, wenn sich junge Mädchen dick und hässlich finden, weil ihnen die digitale Welt vorspiegelt, dass alle gertenschlank sind, keine Leberflecken und superstraffe Haut haben …
Es ist vergeblich, wenn Kinder sich durch das Gymnasium und später irgendein Studium quälen, weil sie denken, dass man ein erfülltes Leben nur mit viel Geld haben kann und sich nicht trauen, dem zu folgen, was ihnen Spaß macht oder sie wirklich gut können…
Es ist bitter, wenn Menschen aneinander vorbeirennen, Beziehungen ruinieren oder Geborgenheit aufs Spiel setzen, weil sie von irgendeiner romantischen Liebe träumen, die es so ideal nur retuschiert im Fernsehen geben kann…
Umso eindrücklicher ist es, dass die, die vor uns waren – so erzählt es die Bibel – ihre Hoffnung auf Gottes Segen setzen.
Der kam nicht planmäßig und verdient wie ein gutes Zeugnis, eine Bankausschüttung, ein trainierter Körper – sondern unvermittelt und unerwartet. manchmal mitten in der Krise. Oft setzt er Menschen auf ein neues Gleis, gibt ihrem Leben Richtung und Ziel. Immer führt er in Gottes Nähe und immer hat Gott längst gewusst, dass es unser Weg sein wird.
Das wissen Taufeltern – und sei es nur noch unbewusst – offenbar immer noch. Denn als Taufspruch suchen sie für ihre Kinder und deren hoffentlich wunschgemäßes Leben am immer gerne aus, dass Gott spricht: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  18.04.2018 - 70 Jahre Israel

70 Jahre Israel

Dompredigerin Cornelia Götz

Gestern Abend haben wir nebenan zusammengesessen und über unser Glaubensbekenntnis gesprochen, sind der Frage nachgegangen, was wir damit ausdrücken, in welcher Bekenntnisgemeinschaft wir uns befinden. Hilfreich war, sich zu vergegenwärtigen, dass wir das Glaubensbekenntnis nicht beten oder es uns als Wort Gottes offenbart wurde. Der Text ist vielmehr eine menschliche Verabredung, die der eigenen Vergewisserung dient.
Ein bisschen anders verhält es sich mit dem berühmten „Höre Israel“ aus dem fünften Buch Mose, den Worten, die in jüdischen Familien fest zur religiösen Praxis und Begründung der eigenen Identität dazugehören. In unserer Bibel heißt es:
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. … Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat, sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen …“
In diesen uralten Worten klingt die Verheißung des Landes Israel an. Daraus erwächst der Anspruch der Juden auf das Land am Mittelmeer. Darum: Wenn diese kleine Abendandacht vorbei ist, werde ich in die Jüdische Gemeinde gehen. Dort wird es einen Festakt geben anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israels. 70 Jahre. In biblischen Maßeinheiten ist das ein Menschenleben.
Das britische Mandat für Palästina endete am 14. Mai 1948 um Mitternacht. Ben Gurion erklärte damals in Tel Aviv die Errichtung des Staates Israel „kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und aufgrund des Beschlusses der UNO-Vollversammlung.“
Was das für die Menschen bedeutete, kann man weder ohne den vorhergegangenen Holocaust noch ohne die biblische Verheißung des Landes an das Gottesvolk verstehen.
Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Transjordanien, der Libanon, der Irak und Syrien dem neuen Staat den Krieg. Seither hat das Land keinen Frieden erlebt und es seinen Befürwortern schwer gemacht, sich zu freuen. Nicht nur Israels berühmter Schriftsteller Amos Oz quält sich mit der Liebe zu seinem widersprüchlichen Land, das das palästinensische Westjordanlandes seit fünf Jahrzehnten besetzt hält.
Trotzdem wird er den 70. Geburtstag von Israel feiern und sagt: "Ich werde mein Glas erheben. Es ist nicht so, dass ich die heutige Zeit als Paradies empfinde. Aber ich wurde in der Zeit von Nazi-Deutschland geboren, von Hitler, Stalin, Mussolini. Ich wurde in einer kleinen Enklave geboren, in der sich verängstigte Juden befanden. Wir waren damals nur eine halbe Million. Wir hatten Hoffnungen, ja, aber keine klare Perspektive. Also: Unsere raue, blutige und grausame Welt von heute ist immer noch weniger rau, blutig und grausam, als in den 1940er Jahren."
An uns ist es nicht, dem zu widersprechen schon gar nicht angesichts des starken Antisemitismus mitten in unserer Gesellschaft. An uns ist es, zu unserem Gott, der auch der Gott Israels ist und der seinem Volk eben dies Land verheißen hat, zu beten und für den Frieden im Heiligen Land zu bitten.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  17.04.2018 - Gesichtserkenner

Gesichtserkenner

Cornelia Götz

Am Sonntag haben wir hier Konfirmation gefeiert, ein wunderbares Fest ganz auf Zukunft hin. Das Land liegt hell und weit vor den jungen Leuten, die festlich aussehen und von ihren Familien begleitet über eine unsichtbare Schwelle gehen: Mit dieser Entscheidung, sich zur eigenen Taufe zu bekennen, beginnt, dass wir Verantwortung für unser Leben übernehmen, Entscheidungen selbst treffen, Urteile selbst begründen müssen. Es ist der erste Schritt in eine „mündige Existenz“, die aber eben auch Freiheit im besten Sinne des Wortes bedeutet.
So gesehen finde ich es nicht überraschend, dass die Konfirmanden sich oft Segensworte aussuchen, die für die nächsten Schritte immerhin eine gewisse Fangsicherung umschreiben: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“. Das braucht es ohne Frage, um zuversichtlich ins weite Land zu gehen.
Denn der Blick nach vorn, so hat es Predigt meiner Kollegin gezeigt, birgt Untiefen. Unsere Zeit hat Möglichkeiten und Probleme hervorgebracht, deren Konsequenzen wir kaum abschätzen können. Die digitale Revolution und mit ihnen die sogenannten sozialen Netzwerke machen Menschen gläsern und scheinen einem göttlichen Alleinstellungsmerkmal Konkurrenz zu machen. Bisher galt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ (1.Sam) Ein Mensch sieht Äußerliches und kann mitfühlend auch manches Unsichtbare ergründen. Sein Gedächtnis ist gnädig. Er vergisst.
Jetzt aber werden menschliche Möglichkeiten durch künstliche Intelligenz erweitert und so unsere Interessen, Vorlieben, Lebensäußerungen, Verhaltensweisen gesammelt, ausgewertet und gespeichert, unsere Gesichter gescannt, Schritte und Aufenthaltsorte verfolgt.
Vorreiter dabei ist China. Dort soll es demnächst 600 Millionen Überwachungskameras geben, die prüfen, ob Menschen sich an die Straßenverkehrsordnung halten, kein Toilettenpapier verschwenden, nicht gegen den Mainstream laufen. Es braucht keine Geldkarte und keinen Pass. Der Gesichtserkenner weiß, ob ich was auf dem Konto habe oder hier reindarf…
Das kann vielleicht auch Vorteile haben und manche Prozesse sicherer und einfacher machen. Aber Mündigkeit und Freiheit verträgt das System nicht. In China läuft die Sache übrigens auf ein Sozialkreditsystem hinaus. Brave Bürger können dann Punkte sammeln, die man später braucht, um einen Flug zu buchen oder eine Wohnung zu bekommen, mehr Gehalt oder von all dem gar nichts…
Alles eher Vorstellungen, die Bauchschmerzen machen und derentwegen ich für genau richtig halte, dass ein anderer Hit unter den Konfirmationssprüchen heißt: „Sammelt euch Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.“ (Mt 6,20)
Ich glaube, nur im Himmel haben wir wirklichen Kredit – nicht solchen, den wir uns verdienen können und der unser Leben unter totale Kontrolle stellt. Himmlischer Kredit sieht das Einzigartige und ist uns erworben, durch den, der von sich sagt: „Zur Freiheit habe ich euch befreit.“ Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  16.04.2018 - Offenheit

Offenheit

Prädikant Heiko Frubrich

Offenheit ist großer Luxus. Ein steiler Satz zu Beginn einer kurzen Andacht – ich will Ihnen sagen was ich damit meine. Vielleicht sind sie auch schon einmal in einer Lebenssituation gewesen, in der sie etwas nicht nach außen tragen wollten oder konnten, was ihr eigenes Leben stark beeinflusst und geprägt hat. Vielleicht wissen Sie, wie belastend es sein kann, etwas mit sich herum zu tragen, ohne es anderen anzuvertrauen. Bei Menschen, die uns nicht besonders nahestehen, ist so etwas einigermaßen erträglich. Quälend wird es bei denen, die mir lieb und wichtig sind, die mir Vertrauen entgegenbringen und die ich nicht verlieren möchte. Diesen in meinem Leben so wichtigen Menschen Dinge vorenthalten zu müssen, kann mitunter sehr schmerzhaft sein.
Ich selber war einmal in einer solchen Zwickmühle und habe mit etwas hinter dem Berg gehalten, was untrennbar mit mir verbunden ist, was mich auch ein Stückweit ausmacht. Irgendwann habe ich mich dann entschlossen, über den eigenen Schatten zu springen und es meinen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und Nachbarn einfach zu erzählen. Ein echter Befreiungsschlag und die Steine, die einem da vom Herzen fallen, die können ausreichen, um daraus ein großes Haus zu bauen. Als es dann raus war, habe ich mich gefragt, warum ich so lange gewartet habe – und ich frage mich das noch heute. Denn die negativen Reaktionen, die ich zwar nicht erwartet aber unterschwellig befürchtet habe, sie sind komplett ausgeblieben. Vielmehr war zu hören: „Warum hast du dich so lange damit rumgequält? Hättest doch was sagen können. Dann hätten wir dir doch geholfen!“
Offenheit ist großer Luxus und Offenheit ist auch einer der Bausteine für ein gutes und vertrauensvolles Miteinander. Einem gegenüber haben wir allerdings diesbezüglich niemals Probleme. Einer ist da, der in unsere Herzen sieht und uns im Zweifel besser kennt, als wir uns selbst. Ihm gegenüber macht es überhaupt gar keinen Sinn, aus irgendetwas ein Geheimnis zu machen, weil es ohnehin schon weiß. Diese Erkenntnis ist eine große Befreiung, einfach deshalb, weil ich keine Kraft in meine Versteck-Aktionen zu investieren brauche.
Das Bibelwort, das über dem heutigen Tag steht, stammt aus dem Buch der Sprüche und lautet: „Eines jeden Wege liegen offen vor dem Herrn.“ Und hinzu kommt noch: Der Herr kennt uns und sieht uns. Doch er sieht uns nicht einfach nur so, er sieht uns freundlich an. Ganz egal wie es gerade in unserem Leben zugehen mag: Wir können uns seines Wohlwollens, seiner Liebe und seiner Barmherzigkeit sicher sein, auch und gerade, wenn es mit unseren Mitmenschen – aus welchen Gründen auch immer – gerade mal schwierig ist.

Ihr Heiko Frubrich, Prädikant

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  14.04.2018 - Transit

Transit

Dompredigerin Cornelia Götz

Im Kino und im Staatstheater laufen derzeit moderne Inszenierungen von Anna Seghers Roman „Transit“. Die 1900 in Mainz geborene jüdische Schriftstellerin – damals hieß sie noch Netty Reiling – verarbeitet in dem Buch ihre eigene Fluchtgeschichte.
In Marseille hatte sie mit ihren beiden Kindern das angstvolle Warten auf ihren Mann László Radvanyi, der einen Tag vor der Auswanderung im März 1941 aus der Haft entlassen wurde, das Betteln um Visa, den steigenden Druck rechtzeitig ein Schiff zu erreichen, am eigenen Leib erlebt.
Dass der Roman heute genauso aktuell wie damals ist, braucht keine längere Begründung.
Die Aktualisierung des Stoffes geht unter die Haut, denn man verliert in beiden Inszenierungen das Zeitgefühl. Es ist vollständig glaubwürdig, dass sich die Dramen, die sich damals in der überfüllten Hafenstadt in Südfrankreich abspielten, heute wiederholen. Dies umso mehr, als der Roman mit äußerster Eindringlichkeit beschreibt, dass Rettung nicht viel wert ist, wenn sie die Trennung von den Nächsten bedeutet.
Anna Seghers: „Ich fragte den jungen Herrn mit der Baskenmütze, worum es hier ging. Das sind lauter Kinder, Enkel, Urenkel und sonstige Anverwandte dieser uralten Frau, ihre Papiere sind vollständig in Ordnung. Der Konsul will sofort seine Unterschrift geben. Er will sie alle einwandern lassen, bis auf die Alte…. Die ganze Familie aber, wie diese Art Leute nun einmal verrannt sind, will entweder mit der Alten reisen … oder alle wollen bei ihr zurückbleiben …Wenn sie nun alle hierbleiben, bedenken Sie doch, dann stirbt zwar die Alte sowieso, die Visen aber verfallen, die Transit verfallen, und wie Sie wissen, sperrt man in Frankreich die Leute gern ein, die alle Visen haben und alle Transits, aber doch nicht abhauen...“
So ist Transit nicht nur eine Geschichte von Flucht und Verfolgung, sondern auch ein Drama über zerrissene Beziehungen und Familien. Vorgestern hat nun der Europäische Gerichtshof den Familiennachzug erleichtert. Das Recht auf Familienzusammenführung liegt danach nicht im Ermessen der Mitgliedstaaten, die deutsche Handhabung steht endlich infrage.
Für viele kommt dieses Urteil zu spät. Der Schatten hoffnungsloser Zerrissenheit, von der Anna Seghers erzählte, wird über ihrem Leben nicht mehr verschwinden. Aber vielleicht hilft das Urteil ja anderen, Mut zu schöpfen, Kraft und Hoffnung zu tanken.
Zuletzt: Über diesem Zag heißt es im Kolosserbrief: „Gott hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes.“
An uns war es also nicht, wenn sich hier eine Tür öffnet. Aber jetzt könnte es an uns sein, die der Angst zu folgen, sondern der Menschlichkeit.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  13.04.2018 - Eigentlich

Eigentlich

Dompredigerin Cornelia Götz

Vielleicht haben Sie heute im DLF die Morgenandacht von Rainer Maria Kardinal Woelki gehört. Solche Prominenz ist da eher ungewöhnlich und hängt mit der morgen beginnenden „Woche für das Leben“ zusammen.
Woelki startete mit der Aufforderung, heute auf das Wort „eigentlich“ zu verzichten, denn „eigentlich“ sei das unchristlichste Wort schlechthin.
In gewisser Weise hat er da recht. Denn das kleine „eigentlich“ mausert sich, schneller al man denkt, zum großen alles relativierenden Hintertürchen.
„Eigentlich glauben wir an die Auferstehung“ – aber so richtig nicht, denn wer wollte sich den biologischen Erkenntnissen vom Werden und Vergehen allen Lebens entziehen.
„Eigentlich wissen wir, dass uns gesagt ist, dass wir dem Frieden dienen und auf Gewalt verzichten sollen“ – aber uneigentlich sind die Verhältnisse auf der Welt ja nun mal so, dass man unbewaffnet nur verlieren kann.
„Eigentlich wissen wir, dass wir unsere Erde hüten und bewahren sollen“ aber uneigentlich können wir uns von unserem Lebensstil nicht trennen.
Eigentlich.
Und dann macht Woelki ein großes Fass auf, denn er eröffnet ja die Woche für das Leben und kommt seinen Hörern zuvor, wenn er vermutet, dass in ihren Gedanken nun gleich Kopfkino zum Thema Abtreibung beginnt.
Er bleibt sich und dem Vorsatz für diesen Tag treu. Kein „eigentlich.“
Gott sagt „ja“ zum Leben, dem geborenen wie dem ungeborenen.
Ganz ohne jedes eigentlich habe ich in diesem Moment gedacht, wie ungeheuer froh ich bin, niemals in eine Situation geraten zu sein, in der sich diese Frage stellte. Und auch:
Und je länger je mehr, denke ich, dass der Kardinal irrt, wenn er in dem kleinen Wort eigentlich das „unchristlichste“ aller Wörter hört, denn es sind ja nicht nur unsere halbherzigen und feigen Rückzugsgefechte, die sich mit „eigentlich“ vernebeln lassen.
„Eigentlich“ kann auch etwas eröffnen und ermöglichen, wo kein Weg mehr ist. „Eigentlich hätten wir verdient, dass…, eigentlich wollte ich mit dem und dem nie mehr ein Wort wechseln…, eigentlich wollte ich alles hinschmeißen..., eigentlich hat all das keinen Sinn…“
Aber ohne eigentlich, ohne alles Verdienst und alle Würdigkeit, sieht Gott mich trotzdem freundlich an, ist er durch das Dunkel von Leid und Schmerz gegangen, damit die Liebe, die Vergebung, die Barmherzigkeit das letzte Wort haben. Die braucht es auch. Denn eigentlich bin ich nur ein sehr unvollkommener Mensch.
Aber ich glaube, Gott weiß es. Er liebt mich trotzdem. Ich darf das sein.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  12.04.2018 - BARBER ANGELS

BARBER ANGELS

Dompredigerin Cornelia Götz

„Quasimodogeniti“ – so heißt der Sonntag, der über dieser Woche steht.
„Wie die neugeborenen Kindlein“. Das Bild kommt aus dem ersten Petrusbrief, in dem es heißt: „Wie neugeborene Kinder nach Milch, so seid begierig nach dem unverfälschten Wort Gottes.“
Neugeborene Kinder sind bedürftig nach der Milch ihrer Mutter als gäbe es nichts anderes, was sie durchs Leben bringt. Es ist ein Reflex, der staunenswert und unverfälscht ist. Und neugeborene Kinder sind auf eine zutiefst anrührende Weise vollkommen. Ihre rosigen Nägel sind wie zarte Blütenblätter, die Haare wie ein lichter Flaum und jede Linie, sei sie im Schwung der Wimpern oder des Mundes perfekt.
Ihre völlige Unverdorbenheit und Liebenswürdigkeit ist fraglos. So starten wir alle und etwas davon bleibt in jedem von uns verborgen. Zu Ostern scheint es auf, weil wir Auferstehung nicht unvollkommen denken können. Und Ostern liegt – jedenfalls für uns Nordhalbkugelbewohner – im Frühling, der jedes Jahr wieder ein Hohelied auf die Schönheit der Schöpfung ist.
Dann brummt das Geschäft und Menschen kaufen sich neue Klamotten in den Farben der Saison, bepflanzen ihre Ballons, pflegen und suchen Schönheit. Und mittendrin touren die Barber Angels, eine Gruppe von Friseuren durch Deutschland. Sie sind keine Teilnehmer irgendwelcher Laufstegaktionen, um allerneuste Haarschnitte und Tönungen zu präsentieren, sondern sie schneiden Obdachlosen die Haare. Man kann den Menschen zusehen, wie sie sich selbst wieder mögen und neues Selbstvertrauen spüren, wie sie sich an ihre eigene Liebens-Würdigkeit (ich sage das im Wortsinne) erinnern.
Die Friseure schenken ihren Kunden ein Verwöhnprogramm, der eigenen Art: Würde. Mich rührt dieses Projekt an, es freut mich, weil es eine menschenfreundliche Idee ist, die nicht vergisst, dass es alle manchmal brauchen, sich schön zu fühlen, dass es ein Geschenk ist, liebevoll und aufmerksam behandelt zu werden. Und mich erinnert es an ein Gedicht Street flower (D.Sölle)
Am strassenrand blüht eine malve / eine knospe ist beinahe offen / altrosa wird sie sein / vielleicht schon morgen
Hätt ich geduld / ich würde warten / hätt ich aufmerksamkeit / ich rührte mich nicht vom fleck / hätt ich frömmigkeit / hier würde ich niederknien Vielleicht schon morgen / könnt ich sehen nicht nur glauben / wie es einem mitgeschöpf gelingt / am strassenrand zum blühen zu kommen.
Oder eben andere zu Blühen zu bringen.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  11.04.2018 - Thomas

Thomas

Dompredigerin Cornelia Götz

Zu dieser Woche gehört als Evangelium die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“. So nennen wir den Zweifler fast schon sprichwörtlich.
Er ist der, so erinnerte ich mich, der nicht an Auferstehung glauben kann, ehe er nicht mit allen Sinnen gespürt hat, dass Jesus Christus leibhaftig wieder von den Toten zurückgekommen ist. Er ist der, der einen Beweis braucht für Gottes Nähe, dem es nicht reicht, erzählt zu bekommen, was geschehen ist, sondern der sehen und tasten muss.
Er ist im Gegensatz zu seinen Gefährten in der Jüngerschaft Jesu der Kleingläubige und deshalb - vermutlich - der uns Ähnliche. So erinnerte ich mich jedenfalls bis ich am letzten Sonntag hier im Dom das Evangelium gelesen habe:
„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren … kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben...“
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich habe diesen Text offenbar immer sehr oberflächlich wahrgenommen, weil ich ja schon weiß, wie er geht und dabei völlig überlesen, dass Jesus den anderen Jüngern seine Hände und Seite auch zeigt und das völlig unaufgefordert. Und ich erst jetzt bemerkt, dass es heißt: DA wurden sie froh, also NACHDEM sie diese Kreuzigungswunden gesehen haben!
Mit anderen Worten: Die Jünger sind überhaupt nicht glaubensstärker. Das, was Thomas später erbittet und für sich zur Glaubensbedingung erklärt, hatten sie auch nötig. Mich hat diese meine Wahrnehmungslücke überrascht.
Thomas ist der Zweifler, ja. Aber er ist damit kein bisschen anders als Petrus, Jakobus, Andreas, Johannes und wie sie alle hießen.
Warum wird seine Reaktion dann so ausdrücklich erzählt?
Ich denke, vielleicht will diese Geschichte ja eine Brücke hin zu uns bauen, die wir Nachgeborene des Auferstehungswunders sind. Auch Thomas kommt ja erst später dazu. Er muss sich wie wir ein Urteil bilden über das, was ihm von denen, die vor ihm waren, über Jesus Christus erzählt wird. Er ist es, der einen Glaubensweg vom Zweifel zum Bekenntnis geht. Nur er sagt: „Mein Herr und mein Gott!“
Und vielleicht passt genau zu ihm diese Art der sinnlichen Vergewisserung: er muss es aussprechen, die Worte in den Mund nehmen, sich selbst sagen hören: „Mein Herr und mein Gott!“ – um glauben zu können.
Und auch darin ist er uns nicht unähnlich. Auch wir sehnen uns ja nach Zeichen seiner Nähe, auch wir können singend und laut betend fester glauben. Machen wir es dem ungläubigen Thomas also ruhig nach, denn der hat ja offenbar Gewissheit gefunden.

Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  10.04.2018 - Ein Wunder vor unseren Augen

Ein Wunder vor unseren Augen

Prädikant Heiko Frubrich

Ist ihnen aufgefallen, was da draußen los ist? Haben sie gemerkt, was da spätestens seit dem vergangenen Wochenende vor unser aller Augen passiert? Wie aus dem Nichts zeigt sich auf den bisher braunen Feldern auf einmal ein zarter grüner Schleier, in den Parkanlagen und Gärten unserer Stadt fangen Bäume und Sträucher an, sich ganz vorsichtig aus dem Winterschlaf zu bewegen, und wenn wir morgens die Fenster öffnen, erwartet uns nicht eisige Stille, sondern jubelndes Vogelgezwitscher. Die Natur schenkt uns, wie im jedem Jahr um diese Zeit, ein Wunder zum Sehen, Riechen, Anfassen und Miterleben.
Ich hatte in der Schule im Abitur Biologie als Leistungskurs – lang, lang ist‘s her. Dennoch würde ich mir zutrauen, Ihnen mit etwas Vorbereitung zu erklären, wie das denn so im Groben funktioniert mit dem Chlorophyll und der Sonne und dem Kohlendioxyd. Aber warum das alles so ist, auf diese Frage findet auch die Wissenschaft keine Antwort. Wie all diese Zahnräder ineinandergreifen, dass die Pflanzen den Sauerstoff produzieren, den Tiere und Menschen zum Leben brauchen, dass uns die Sonne wärmt und das Wasser, das für uns lebensnotwendig ist, aus dem Wolken auf uns herabregnet – ich weigere mich einfach zu glauben, dass das alles nur ein großer kosmischer Zufall ist.
Für Zufälligkeiten ist diese Erde einfach zu bunt und zu schön und das, was es an Leben auf ihr gibt, viel zu vielfältig und zu wunderbar. Ich weigere mich, zu glauben, dass sich das alles einfach nur so ergeben hat, weil sich nach dem Urknall ein paar Krümel Materie eben mal so angeordnet haben, dass diese Welt und all das hier um uns herum so ist, wie es ist und vor allem, dass es uns gibt. Nein, das ist mir einfach zu kurz gesprungen.
Auf dieser Erde leben über 7,5 Milliarden Menschen, jeder einzelne entstanden aus einer Ei- und einer Samenzelle, so wie Sie und ich. Über 7,5 Milliarden Menschen. Und ich wage die Behauptung, dass es noch nicht einmal zwei gibt, die in ihrem Aussehen, ihrem Denken, ihrem Fühlen und ihrem Handeln vollkommen gleich sind. Wir müssen uns ja nur einmal hier heute Nachmittag umschauen, um zu sehen, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Zwei Zellen, zu erkennen unter dem Mikroskop, neun Monate später ein kleiner neuer Mensch mit allem, was dazugehört – jedes Mal wieder ein Wunder. Mensch, du bist ein Wunder! Das gilt im Übrigen auch für Sie und mich und wenn es uns mal nicht so gut geht, dann dürfen wir uns ruhig vor den Spiegel stellen und uns in aller Demut selber zusprechen: „Trotz allem; ich bin wunderbar, von Gott so erdacht, wie ich bin, und von ihm geliebt und gewollt.“
Und wenn wir in diesen traumhaften Frühlingstagen draußen sind und Gottes Segen geradezu spüren können, bringen es die alten Worte aus Psalm 118 wunderbar auf den Punkt: „Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“

Ihr Heiko Frubrich, Prädikant

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  09.04.2018 - sie und ich

sie und ich

Dompredigerin Cornelia Götz

Auferstehung ist ein großes Wort und wird noch größer, wenn es in unseren Bekenntnissen präzisiert wird: Auferstehung der Toten, Auferstehung des Fleisches … Auferstehung. Diese Hoffnung ist so groß, dass wir keine Kategorie dafür haben.
Sollen wir sie also kleiner machen, um Auferstehung denken zu können? Oder anders gefragt, gibt es Erfahrungen in unserem Leben, die ahnen lassen, wie groß es werden kann?
Wie ist es mit dem Aufleben, Aufatmen, Aufstehen…?
Beginnt nicht, wo immer das geschieht, etwas Lebendiges, Kraftvolles, Neues, fängt Frieden an? Manchmal nenne wir das Auferstehung mitten im Leben. Etwas in der Art ist für mich die Entdeckung eines Textes von Nemutallah Ahangosh, eines sehr jungen Mannes aus Afghanistan:
„sie und wir
da bin ich / da bist du / auch sie sind da / sie suchen den richtigen Weg / wir gehen den richtigen Weg / unser Lachen ist stark / ihre Gewehre sind es nicht
sie kämpfen und kämpfen / wir aber hören zu, verstehen / vertrauen und unterstützen einander / sie fliegen Drohnen / sie werfen Bomben / wir fliegen Lenkdrachen / wir pflanzen Liebe …
unser Dasein ist unser Widerstand / sie nennen uns verrückt für was wir tun / und ja, das sind wir, lasst uns verrückt sein / aber nicht verrückt wie sie es sind…“
Sie und wir. Es scheint immer eine Alternative zu geben, einen Weg, eine Tür.
Fast zeitgleich fand ich eine Reportage des Zeitredakteurs Wolfgang Bauer über Afghanistan: „Ich schreibe diese Zeilen hinter drei hohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden, bin bewacht von 30 Bewaffneten, im Privathaus eines hochrangigen Politikers…
Nie stand es seit dem Fall der Taliban um das Land so schlimm wie jetzt. Kabul, die Hauptstadt, ist mittlerweile so unsicher geworden, dass US-Truppen sich nicht mehr auf die Straßen wagen. Nur noch zu Luft bewegen sich Amerikaner im Zentrum ihres Vasallenstaates….“
Auf eben diesen Straßen lebt Nematullah Ahangosh. Hier hat er erfahren: „Wir können zum Mond fliegen aber nicht gefahrlos auf der Straße laufen… Niemand lehrt uns, wie wir einander lieben können…“
Der junge Afghane lebt ohne Frage in einer Welt, in der Tod und Gewalt, Flucht, Vertreibung und Hoffnungslosigkeit übermächtig sind. Aber er lebt, als traute er dem Auferstehungsglauben zu, die Welt zu verändern. Vielleicht hat er noch nie davon gehört, wahrscheinlich ist das nicht seine Religion. Aber er hat längst begriffen: „dass eine besserer Erde nur möglich ist, wenn wir gewaltfrei miteinander leben, wenn wir uns erinnern, dass wir Brüder und Schwestern sind“, dass Hoffnung nicht zuschanden werden lässt.
Darum sammelt er andere junge Leute. Gemeinsam leben sie an gegen Krieg und Gewalt, Tod und Sterben.
„sie bauen Grenzen / und nehmen Städte ein / … wir öffnen Grenzen mit Liebe.“
Ihre Cornelia Götz, Dompredigerin

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  07.04.2018 - Erwachen

Erwachen

Katja Witte-Knoblauch

„Kennt Ihr das Nasengefühl?“, fragte der Religionslehrer meine Freundin und mich während der Pause. Wir sahen uns damals an und schüttelten eloquent, wie Jugendliche es gerne sind, die Köpfe. „Nö.“ Aber dann siegte die Neugier: „Was ist das?“ Mit dem Gesicht der Sonne entgegen antwortete er: „Wenn im Frühling die ersten kräftigen Sonnenstrahlen auf die Nase scheinen und man nach langem Winter endlich wieder die Wärme mitten im Gesicht spürt.“ – Mit dieser Szene hat mir mein alter Lehrer eine Erinnerung geschenkt. Denn alle Jahre wieder habe ich nun im Frühling das Nasengefühl. Und diese Tage sind ja wahrlich richtige Nasentage.

Während wir am vergangenen Sonntag das endzeitliche Erwachen erinnert haben, auf das wir Christen hoffen, erwacht derzeit die Natur neu. Vielleicht ja, um davon zu zeugen, dass es nicht erst am Jüngsten Tag die Auferstehung geben wird, sondern es auch schon im Leben viele kleine Momente der Auferstehung gibt, die einen fröhlichen Vorgeschmack auf das schenken, was einst sein wird. Da bricht nach langer, karger Zeit neues Leben hervor, schenkt Farben und Duft, wohlige Wärme und das Bewusstsein, dass das Leben ein Reigen ist, in dem Kargheit und Fülle einander abwechseln. Allein: Wahrnehmen muss man das! Und manchmal frage ich mich schon, wie es eigentlich sein kann, dass die Unzufriedenheit in unserem Land, das so viel Fülle kennt, so groß sein kann. Haben nicht die meisten unter uns zu essen und zu trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf? Leben wir nicht in einer Gesellschaft, die grundsätzlich noch davon weiß, dass Hilfe für jene, die Hilfe brauchen, eine gute Sache ist? Und doch findet sich gerade das Letzte neuerlich gefährdet, weil Menschen in unserer Gesellschaft meinen, dass sie zu kurz kommen könnten oder aber auch dass bestimmte Menschengruppen per se keine Hilfe verdient hätten. Und eine gewisse Grundunzufriedenheit rührt vielleicht auch daher, dass eine gut geölte Werbemaschinerie uns vorgaukelt, was es nicht alles brauche, damit ein Leben schön und leicht und wert sei.

In der heutigen Tageslosung aus dem Buch Ezechiel heißt es (Hes 7,19): „Silber und Gold kann nicht erretten am Tag des HERRN.“ – und irgendwie glaube ich, dass Silber und Gold nicht nur am Tag des Herrn nichts und niemanden retten. Denn so schön die Erleichterungen des Wohlstands sind, so liegt in ihnen doch kein eigener Lebenswert. Viel wichtiger scheint mir zu sein, dass ein Mensch sich in der eigenen Haut wohl fühlt, dass er mit seinen Mitmenschen besser mehr als weniger im Reinen ist und dass er in jenen Momenten vergeben kann oder aber Vergebung erfährt, in denen es wichtig ist. Außerdem sind eine positive Lebenseinstellung und viel Lachen ganz gewiss auch wichtig; ach ja, und natürlich: die Sonne dann genießen können, wenn sie einem auf die Nase scheint.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  06.04.2018 - „Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür."

„Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür."

Katja Witte-Knoblauch

Wünschen Sie sich manchmal auch Erlösung? Erlösung von den ewig ähnlichen Nachrichten. Erlösung von Hass und Krieg in der Welt. Erlösung von Streit und Misstrauen in der eigenen kleinen Welt. Erlösung vom Schweigen. Erlösung von zu vielen Worten. Erlösung von den Alltagsproblemen. Erlösung von all dem, das müde macht und ratlos. Erlösung von all den kleinen und großen Kämpfen, an deren Ende alle Parteien Sieg und Freude für sich erhoffen. Und dabei liegt Ostern doch eigentlich hinter uns – und mit ihm die Erlösung vom Tod und aller Sünd und Schuld, wie es so gern in unserer theologischen Sprache heißt…. Und doch leben wir weiter in dieser ach so unerlösten Welt. Die Wirklichkeit Christi ist wahrscheinlich wirklich nicht von dieser Welt. Aber, so schreibt Paulus, „wenn wir [durch die Taufe] mit Christus verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm 6,5) Also: was nicht ist, wird werden. Des sollen wir nach dem Apostel getrost sein.

Zu Recht dürfen Sie jetzt fragen: „Was nützt mir das? Mir und all dem, worin ich gerne jetzt und heute Erlösung finden würde?“ Nun, ich glaube, es geht darum, Freiheit zu erlangen. Und zwar nicht die Freiheit von etwas, denn das wird in dieser Welt nicht möglich sein, sondern Freiheit gegenüber dem, was mich anficht. Freiheit gegenüber dem mir Unlösbaren, genauso wie gegenüber dem, worin ich mir unsicher bin, was überhaupt richtig oder falsch ist. Der Glaube bewirkt also im besten Fall, dass ich mich auch angesichts der unerlösten Welt als frei empfinde. Oder, um es mit Worten aus dem Jahr 1630, also Worten, die inmitten der Anfechtungen des Dreißigjährigen Krieges geschrieben worden sind, zu sagen (EG 111, 7-9. 11):

„Sein Reich ist nicht von dieser Welt, kein groß Gepräng ihm hier gefällt; was schlicht und niedrig geht herein, soll ihm das Allerliebste sein. Halleluja. / Hier ist noch nicht ganz kundgemacht, was er aus seinem Grab gebracht, der große Schatz, die reiche Beut, drauf sich ein Christ so herzlich freut. Halleluja. / Der Jüngste Tag wird’s zeigen an, was er für Taten hat getan, wie er den Schlangen Kopf zerknickt, die Höll zerstört, den Tod erdrückt. Halleluja. / O Wunder groß, o starker Held! Wo ist ein Feind, den er nicht fällt? Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür. Halleluja.“

Sein Reich ist nicht von dieser Welt – und was genau der Tod Christi für uns bedeutet, das werden wir erst am Tag des Herrn sehen. Aber bis dahin gilt: Keine Bange! Denn, wir haben’s doch gehört:
„Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür. Halleluja!“

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  05.04.2018 - 50 Jahre Frauenordination

50 Jahre Frauenordination

Prädikant Heiko Frubrich

Gestern haben wir hier im Dom mit einem Festgottesdienst das fünfzigjährige Jubiläum der Frauenordination in unserer Landeskirche gefeiert. Ja, man mag es kaum glauben, bis vor 50 Jahren gab es auch in unserer evangelischen Kirche keine Frauen im Pfarramt. Die Verbreitung der frohen Botschaft war zumindest von Dienstwegen den Männern vorbehalten. Die Gründe dafür, wenn man denn überhaupt von Gründen sprechen kann, sind schwer nachzuvollziehen. Mich beschleicht der Eindruck, dass man gewisse Bibelstellen so hingebogen hat, dass man darüber das Patriarchat in der Kirche über viele Jahrhunderte erfolgreich aufrechterhalten konnte.
Wenn wir die Bibel jedoch unverstellt und unvoreingenommen lesen, dann werden wir ganz schnell feststellen, dass es gerade Frauen waren, die in zentralen Situationen die entscheidenden Rollen gespielt haben. Vor vier Tagen haben wir Ostern gefeiert und wenn ihnen die Schilderung der Ostergeschichte noch präsent sein sollte, dann werden Sie sich erinnern, dass der auferstandene Jesus Christus nicht etwa den uns allseits bekannten männlichen Jüngern zuerst erschienen ist: Es waren Frauen, die ihn zuerst gesehen und mit ihm gesprochen haben. Und noch viel mehr: Jesus beauftragt eben diese Frauen, die Kunde von seiner Auferstehung unter die Leute zu bringen. Ihnen hat er den Verkündigungsauftrag gegeben. Daraus ließe sich eher ableiten, dass das Priesteramt nur Frauen vorbehalten wäre und nicht umgekehrt.
Schauen wir nach Europa: In allen Konfessionen war das Pfarramt bis in das letzte Jahrhundert hinein Männern vorbehalten. Man könnte also meinen, dass das europäische Christentum von Anbeginn an eine Männerangelegenheit gewesen ist. Doch ganz weit gefehlt! Der erste Christenmensch auf unserem Kontinent war Lydia, eine Purpurhändlerin. Eine Frau hat sich als erste taufen lassen und hier bei uns in Europa das Christentum begründet.
Und zu guter Letzt unser Braunschweiger Dom: Seit es diesen wunderbaren Dom gibt, waren ausschließlich Männer im Verkündigungsdienst. Vor drei Jahren allerdings kam dann die große Wende: Seit dem haben wir eine Dompredigerin und eine Dompfarrerin und das wurde, wenn ich mir die persönliche Bemerkung erlauben darf, 500 Jahre nach der Reformation auch endlich mal Zeit!
Wenn Sie Predigten hören, dann werden Sie feststellen, dass es sowohl Unterschiede in Sprache, Inhalt und Stimmung gibt, je nachdem ob es ein Pfarrer oder eine Pfarrerin war, die den Text verfasst hat. Frauen und Männer haben einen durchaus unterschiedlichen Blickwinkel auf die frohe Botschaft und wirklich rund wird ein Bild erst dann, wenn es aus allen Perspektiven betrachtet wird. Insofern: Wie gut, dass das es auch bei den Seelsorgenden und Verkündigenden Gleichberechtigung gibt.
Im ersten Buch Mose ist diese Gleichberechtigung bereits nachzulesen. Dort heiß es: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Und Paulus schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Dass man das über fast 2000 Jahre lang in unserer Kirche nicht so richtig wahrhaben wollte, ist ganz sicher nicht in seinem Sinne.

Ihr
Heiko Frubrich, Prädikant

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  03.04.2018 - Fünf glatte Steine

Fünf glatte Steine

Dompredigerin Cornelia Götz

Im ersten Buch Samuel wird von dem sprichwörtlich ungleichen Kampf von David gegen Goliath erzählt. Herausgefordert von dem übermächtigen Philister tritt David für sein Volk an. Er wird für diesen Kampf mit schweren Waffen versehen. Aber dann heißt es: „Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin's nicht gewohnt; und er nahm seinen Stab in die Hand und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, die ihm als Köcher diente, und nahm die Schleuder in die Hand und ging Goliath entgegen.“
Diese fünf glatten Steine genügen gegen den waffenstarrenden Feind. Und sie sind 1969 titelgebend für den Roman „Fünf glatte Steine“ von Ann Fairbairn geworden. Das Buch erzählt die Geschichte des David Champlin, eines Schwarzen aus New Orleans, der es im Norden der Vereinigten Staaten schafft, sich zu einem glänzenden Anwalt hochzuarbeiten, um dann doch in den Süden zurückzugehen und dort gegen die Rassendiskriminierung und den goliathstarken Klu-Klux-Klan zu kämpfen. Ann Fairbairn schreibt in ihrem Roman über Davids Großvater: „Hunger und Entbehrung waren nichts Neues für ihn, er hatte sie sein ganzes Leben lang immer wieder zu spüren bekommen… Jetzt trat Hoffnungslosigkeit zu Hunger und Entbehrung, etwas, das ihm bis dahin unbekannt gewesen war. Hoffnung hatte es immer gegeben in der engen begrenzten Welt, in der zu leben die Farbe seiner Haut ihn zwang.“
„Fünf glatte Steine“ ist ein trauriges Buch. Lange war es vergriffen. Jetzt gibt es aus gutem Grund eine Neuauflage, denn in diesem Frühjahr jährt sich die Ermordung Martin Luther Kings zum 50. Mal. King kämpfte vollkommen gewaltlos (mit nicht mal fünf glatten Steinen in der Hosentasche) für ein anderes Amerika und den „Traum, in einer Nation zu leben, in der man nicht nach Hautfarbe sondern nach Charakter beurteilt wird.“ Er riss mit seinem rhetorischen Talent und Organisationsvermögen, seinem Glauben an das Wort und den zivilen friedlichen Ungehorsam, seine schwarzen Geschwister in einer großen Bewegung mit. Gemeinsam erkämpften sie 1964 die Anerkennung der schwarzen Bevölkerung als vollwertige, gleichberechtigte Bürger der USA. Fünfzig Jahre später hat es immerhin eine farbige Präsidentenfamilie im Weißen Haus gegeben, aber von echter Gleichberechtigung der Afroamerikaner ist man noch immer weit entfernt. Ein Zeitzeuge des Marsches auf Selma, Alabama, sagte jüngst: „Ich kann mich noch erinnern… Ich war etwa elf. Es gab ziemliche Schlägereien… Viel gebracht hat es ihnen ja nicht. Heute sind die Schwarzen arbeitslos…“ Sie haben die schlechtere Bildung, sind ärmer, kränker, werden härter bestraft und landen, so schrieb es die SZ, öfter im Leichenschauhaus.
Im Alten Testament gewinnt David gegen Goliath.In unserer Welt droht er immer von neuem zu verlieren. Vermutlich hat das etwas mit der Tageslosung zu tun. Sie stammt aus dem Buch des Propheten Jeremia. Dort heißt es: „Sie kehren mir den Rücken zu und nicht das Angesicht.“

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  31.03.2018 - Karsamstag

Karsamstag

Dompredigerin Cornelia Götz

Karsamstag. Das Kreuz steht nicht mehr auf Golgatha, es liegt auf der Erde, der Leichnam ist abgenommen und begraben. Der Ort, an dem gestern noch so viele Menschen das Sterben dreier Menschen miterlebten, der Ort, an dem sie sich drängten, um zu sehen, ob Gott doch noch eingreift, der Ort, an dem die einen spotteten und die anderen weinten, liegt verlassen.
Die Qualen sind vorüber.
Das Stöhnen der Sterbenden und die Hammerschläge sind verklungen.
Die Menschen haben sich verstreut.
Es herrscht drückende Stille…
„Über den Schmerz zu sprechen ist schwer
Über die abwesenheit zu sprechen ist schwer
Über das fehlen zu sprechen ist schwer…“
So dichtete Dorothee Sölle.
Über Schmerz zu sprechen ist schwer, eher verschluckt er uns.
Die Abwesenheit lässt sich nicht begreifen.
Sprache wird mager, es fehlen die Worte.
Der Stein ist vor das Grab gerollt.
Es herrscht drückende Stille…
Die Jünger, die Frauen sind fortgegangen. Dort auf Golgatha hält man es nicht mehr aus. Die Stille draußen macht das innerliche Dröhnen erst hörbar. Es gibt nichts mehr zu sagen, denn es gibt nichts mehr zu hoffen.
Später machen sie es vielleicht wie wir, wenn uns die Worte fehlen und die Sprachlosigkeit nicht mehr zu ertragen ist und suchen nach Worten, die andere in der Not gefunden haben.
Vielleicht erinnerten sie sich an die Klagelieder des Jeremia, gedichtet, Wort für Wort, metrisch gefügt. Geschrieben, nachdem Jerusalem 587 vor Christus zerstört worden war.
„Ach, wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern…
Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen, … der sie tröstet.
Die Straßen nach Zion liegen wüst,
All ihre Tore stehen öde…“
Auch damals lag Schweigen über den Hügeln, dumpfe schmerzhafte Stille.
Auch damals wurde das Sprechen über den Schmerz schwer.
Dann lieber über Erinnerung reden, denn (wieder Dorothee Sölle):
„Die Sprache ist voller Erinnerung
Sie stellt ständig Beziehung her…“
Erinnernd findet sich, dass Tod und Sterben, Beziehung schafft. Wir rücken näher zusammen, vergewissern uns einander und dessen, der fehlt, halten die Stille aus, bis sich Worte einstellen.
Auch die Klagelieder finden wieder zu Atem und zu Fragen. Sie enden mit der Hoffnung auf eine Antwort. So glimmt auf, dass es Zukunft geben kann:
"Aber du, HERR, der du ewiglich bleibst und dein Thron von Geschlecht zu Geschlecht, warum willst du uns so ganz vergessen und uns lebenslang so ganz verlassen? Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters!“

Ihre
Dompredigerin Cornelia Götz

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  29.03.2018 - Passionsandacht IV - Unter dem Kreuz

Passionsandacht IV - Unter dem Kreuz

Katja Witte-Knoblauch

„Warum eigentlich der Hauptmann? Warum einer, der zugelassen hat, dass seine Soldaten um die Kleider Christi losten? Warum ausgerechnet ein Soldat?“

Diese Sätze fielen, als wir in dieser Woche in einem Kreis Erwachsener zusammen saßen und gemeinsam die Passionserzählung nach Markus lasen. Wie folgt wird dort geschildert, was unter dem Kreuz Christi geschieht (aus Mk 15,22-40): „Die Soldaten verteilten seine Kleider und losten aus, wer was bekommen sollte. Es war aber die dritte Stunde als sie ihn kreuzigten. […] Die Leute, die vorüberkamen, lästerten ihn. Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten: ‚Ha! Du wolltest doch den Tempel abreißen und in nur drei Tagen wieder aufbauen. Rette dich selbst! Steig vom Kreuz herunter!‘ […] In der sechsten Stunde breitete sich Finsternis aus. Das dauerte bis zur neunten Stunde. In der neunten Stunde schrie Jesus laut: ‚Eloї, Eloї, lama sabachtanie?‘ Das heißt übersetzt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden: ‚Habt ihr das gehört? Er ruft nach Elija.‘ Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin. Er sagte: Lasst mich nur machen! Wir wollen mal sehen, ob Elija kommt und ihn herunterholt.‘ Aber Jesus schrie laut auf und starb. Da zerriss der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Teile. Ein römischer Hauptmann stand gegenüber vom Kreuz. Er sah genau, wie Jesus starb. Da sagte er: ‚Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.‘“

Warum nun erkennt also ausgerechnet der Hauptmann, der Soldat, der Römer den Sterbenden als Heiland? – Nun, ich glaube, genau deswegen; weil er die unwahrscheinlichste aller Personen ist, von der man eine solche Erkenntnis erwartet. Er war einer derer, die zugelassen hatten, dass die Soldaten Jesus folterten und ihren Spott mit ihm trieben. Er war einer derer, die verantwortlich waren an seinem Tod. Er war einer derer, für die der Christus in die Welt kam: Einer derer, der in die Verhältnisse seiner Zeit verstrickt, auch ihre Verhängnisse zu verantworten hatte. Er war einer der Sünder, für die der Mensch Jesus starb. Und damit war er ein glaubwürdiger Zeuge.

Und vielleicht noch ein zweiter Antwortversuch: Denn ein bisschen ist es mit ihm ja wie mit dem Blinden, der plötzlich zu sehen vermag. Dem Hauptmann wurden in der Sterbestunde, warum auch immer, die Augen geöffnet. Vielleicht war es die Art Jesu, dem eigenen Tod ins Auge zu sehen, vielleicht die Sonnenfinsternis, vielleicht auch die außergewöhnliche Geschwindigkeit des Sterbeverlaufs, denn üblicherweise ist der Tod am Kreuz noch viel langwieriger; aber wahrscheinlich war es einfach nur Gnade. Ohne besondere Leistung, ohne eigenes Zutun, ja vielmehr sogar als Sünder par excellence wurden ihm die Augen geöffnet – und er erkannte, wen sie da getötet hatten. Da bleibt für seine Existenz nur zu hoffen, dass er nicht bei seinem Wissen um den Tod des Menschensohnes haften blieb, für den er ja mitverantwortlich war, sondern dass ihn auch die frohe Botschaft von dessen Auferstehung erreicht hat.

Ihre Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

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  28.03.2018 - Passionsandacht III – Pilatus

Passionsandacht III – Pilatus

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Es ist Karwoche und wir erinnern letzten Tage und Stunden Jesu. Als Vikarin habe ich eine besonders eindrückliche Passionsandacht erleben dürfen, in der die zwei Kapitel des Matthäus-Evangeliums zur Passion Jesu vollständig vorgelesen wurden. Nur an einer Stelle brach die Vorleserin aus und ließ sehen, was geschrieben steht; Sie nahm eine Schale mit Wasser und Wusch ihre Hände darin, während sie sprach (Mt 27,24): „Pilatus merkte, dass er nichts beim Volk erreichen konnte. Der Tumult wurde immer größer. Da ließ er sich Wasser bringen und wusch vor der Volksmenge die Hände. Er sagte: Mich trifft keine Schuld an seinem Tod. Das ist eure Sache.“ - Eine eindrückliche Inszenierung des Textes.

Tatsächlich zweifelt die Person des Pilatus in allen Evangelien an der Rechtmäßigkeit der Verurteilung Jesu. Beim Evangelisten Johannes ist das wohl am deutlichsten, weil Pilatus dort ausdrücklich sagt, dass er an Jesus keine Schuld finde. Auch wird im Johannesevangelium begründet, warum Jesus überhaupt vor Pilatus geführt wird: „Pilatus entgegnete den Vertretern der jüdischen Behörden: ‚Nehmt ihr ihn doch und verurteilt ihr ihn nach eurem eigenen Gesetz.‘ Da sagten sie: ‚Wir dürfen aber niemanden hinrichten!‘“ (Joh 18,31)
An der Figur des Pilatus finde ich am interessantesten, dass er sich als der mächtigste Mann vor Ort dennoch ohnmächtig fühlt. Obwohl er den Unschuldigen als unschuldig erkennt, obwohl er Recht von Unrecht unterscheiden kann, sieht er sich doch an Gesetze, Verabredungen und Allianzen gebunden; demonstrativ wäscht er deshalb seine Hände in Unschuld. Aber geht das überhaupt? Kann man sich selbst von seinem eigenen Tun entlasten, indem man die Schuld offensiv anderen anlastet? Oder stünde nicht doch eigentlich jede und jeder in der Pflicht, erkanntem Unrecht zu wehren?
Wer weiß, vielleicht ist aus all diesen Erzählungen Pilatus sogar jene Figur, die uns heute am ähnlichsten ist. Denn versuchen nicht auch wir regelmäßig, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir manches Falsche um der Verhältnisse willen aushalten, zulassen oder gar befördern müssen? – Und liegt deshalb darin nicht auch ein Trost in dieser Figur?
Denn zu guter Letzt wird es eben kein Mensch sein, der die Geschichte entscheidet, sondern Gott wird sie am Ende in seinem Sinne bestimmen. Allerdings werden dort, wo Menschen scheitern und Gott selbst es richten muss, Leid und Traurigkeit wesentlich zur Geschichte gehören. Und allein deshalb schon wäre es wirklich schön, wenn wir uns weniger nach den Verhältnissen als nach dem richteten, was wahr und gut ist. Schließlich müsste uns das Opfer Christi doch genug sein, um an ihm zu lernen, dass es zu keiner Zeit und an keinem Ort der Welt Opfer geben sollte.

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  27.03.2018 - Passionsandacht II – „Bin ich denn ein Verbrecher?“

Passionsandacht II – „Bin ich denn ein Verbrecher?“

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

Nach großzügiger Salbung aus Herzenslust und Liebe, heute ein nächster Schritt auf unserem Kreuzweg durch die Passionszeit entlang der Passionserzählung. Lassen Sie uns auf die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane schauen. Der Verrat, das Abendmahl, die verzweifelten Gebete Jesu zu seinem Vater im nächtlichen Garten, all das liegt schon hinter Jesus. Und nun also folgen der Judaskuss und die Festnahme:
„Da merkten seine Begleiter, was geschehen sollte. Sie fragten: ‚Herr, sollen wir mit dem Schwert zuschlagen?‘ Und einer von ihnen schlug nach dem Anführer der Truppe des Oberen Priesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Aber Jesus sagte: ‚Hört auf damit!‘ Und er berührte das Ohr und heilte den Mann. Dann wandte er sich an die Leute, die ihn festnehmen wollten: die führenden Priester, die Hauptleute der Tempelwache und die Ratsältesten. Er sagte: ‚Mit Schwertern und Knüppeln seid ihr hier angerückt! Bin ich denn ein Verbrecher? Täglich war ich bei euch im Tempel, dort habt ihr keine Hand gegen mich gerührt. Aber jetzt ist eure Stunde gekommen, und die Finsternis tritt ihre Herrschaft an.“ (Lk 22,49-53)

„Bin ich denn ein Verbrecher?“, fragt Jesus. Und stellt diese Frage damit auch uns. Im Gesangbuchlied EG 81 von Johann Heermann heißt es: „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen? Was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten? / Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.“ Heermann schreibt im Jahre 1630, also inmitten des dreißigjährigen Krieges. Einer Zeit, in der die menschliche Bosheit und Grausamkeit nur allzu anschaulich durch die deutschen Lande zieht – und auf der jede der Seiten behauptet, im Recht zu sein. Der Krieg aber bewirkt für alle Beteiligten nichts weiter als Unrecht und Unglück, als Missetat und Schuld.

Nicht Jesus also ist der Verbrecher, aber er ist derjenige, der die Folge menschlichen Irrens trägt. Weil seine Umwelt sich im Recht und ihn im Unrecht glaubt, weil die politisch Verantwortlichen dieser Zeit meinen, er wäre eine Gefahr für den Frieden, so wie sie den Frieden denken und verstehen, und weil sie glauben, Frieden könne mit Gewalt erzwungen und erhalten werden, darum leidet der Christus. Weil Menschen irren, leidet der Mensch Jesus. Damals, zur Zeit Jesu, damals, im 17. Jahrhundert – und ja, noch heute.

Aber Jesus bleibt auch in Angst und Not der Gerechte, der, der seinen Worten treu bleibt. „Hör auf damit!“, sagt er zu jenem, der sich schützend mit dem Schwert vor ihn wirft. Und spricht damit deutlich, dass seine Botschaft vom Frieden auf Erden mit keinem Schwert der Welt einhergehen kann.

Dieser Weg Jesu ist und bleibt eine Mahnung über alle Zeiten hinweg. Deshalb sollten auch wir inne halten und uns fragen, wo eigentlich wir in den Kämpfen unseres Lebens stehen.

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  20.03.2018 - Die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein…

Die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein…

Dompredigerin Cornelia Götz

Der keineswegs mehr jugendliche Barde Reinhard Mey hat vor etlichen Jahren ein Lied geschrieben, das vom Alleinsein erzählt:
„Allein, / Wir sind allein, / Wir kommen und wir gehen ganz allein. / Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein: / Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein. / Allein, Wir sind allein, Wir kommen und wir gehen ganz allein….“
Das ist so, wenn wir geboren werden und sterben. Das ist aber eben leider auch allzuoft so, wenn es darauf ankommt, Farbe zu bekennen, für eine Sache oder einen Menschen einzustehen. Anderen nach dem Munde zu reden, ist zwar einfacher aber man schürt damit nicht selten ungute Stimmungen, egal ob man im Klassenzimmer schweigt, wenn jemand gemobbt wird oder nicht widerspricht, wenn unserer Innenminister sagt, dass die vielen Deutschen muslimischen Glaubens nicht in unser Land gehören.
Auch das Evangelium des letzten Sonntages, das über dieser Woche steht, erzählt von solcher Bekennerfeigheit. Es ist die Geschichte von Petrus, ausgerechnet dem, dessen Name wie ein Fels klingt und der doch im Treibsand steht: nach Jesu Verhaftung gesellte sich Petrus unter die Menschen, er suchte Schutz in der Menge oder einfach nur menschliche Nähe nach diesem Desaster. Sicher war er nicht schwächer oder feiger als die meisten von uns. Umso erschütternder, dass erzählt wird: „Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Ich bin's nicht. Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. Petrus aber sprach: Was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn.“ Perus erinnert sich in diesem Moment daran, dass Jesus seine Schwäche vorhergesagt hat. Seine bitterlichen Tränen sind uns vermutlich nicht fremd. Wir haben sie geweint, weil wir allein gelassen worden sind oder weil wir uns geschämt haben, als wir nicht den Mut hatten, zu unseren Freunden oder unserer Meinung zu stehen.
Passionszeit. Steine und Dornen. Menschliches Versagen. Und die Kerzen. Denn die Geschichte ist glücklicherweise nicht zu Ende. Nach Ostern werden sich die Jünger und Jesus wieder begegnen. Ein Neuanfang ist möglich, eine zweite Chance auch.
Das gilt nicht nur Petrus, sondern auch uns. Schon jetzt.

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  19.03.2018 - Josef von Nazareth

Josef von Nazareth

Prädikant Heiko Frubrich

Ruhm und Ehre werden auf dieser Welt nicht gerecht verteilt. Das war schon zu Zeiten der Bibel nicht anders. Es gibt da so eine Person, deren Namen alle kennen, ohne die es irgendwie auch nicht komplett wäre, deren Bedeutung allerdings eher in Richtung Statistenrolle geht. Wenn die große Geschichte der Evangelien auf die Bühne gebracht oder filmisch inszeniert wird, dann ist er zwar immer mit von der Partie, doch seine Rolle hat meistens keinen Text. Er steht dabei, weil er halt irgendwie dazugehört, doch das war es dann meistens auch schon. Sie ahnen vielleicht von wem ich spreche: Josef, Marias Mann und Ziehvater Jesu. Heute ist sein Gedenktag.

Er war Bauhandwerker, so berichten es die Evangelien, und er war wohl um einiges älter als Maria. Berichte über Josef beziehen sich ausschließlich auf Jesu Kindheit und Jugendzeit und man geht davon aus, dass er bereits verstorben war, als Jesu Wirkungszeit begann.

Doch gibt es überhaupt etwas Gedenkenswertes im Zusammenhang mit diesem Josef von Nazareth? Zeichnet ihn irgendetwas aus? Ich denke schon. Ohne Josef wäre unsere Geschichte mit Gott nicht so wunderbar verlaufen, wie sie es ist. Josefs Verlobte wird schwanger und das Kind ist nicht von ihm. Die normalste Reaktion zur damaligen Zeit wäre gewesen, Maria im wörtlichen Sinne in die Wüste zu schicken und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Sie wäre wahrscheinlich nicht mit dem Leben davongekommen. Aber Josef tut das nicht. Er steht Maria zur Seite, sehr wahrscheinlich gegen massive Proteste seiner Eltern und Freunde. Und er ist dabei, als Maria ihr Kind zur Welt bringt. Ja natürlich, es bedurfte der Fürsprache eines Engels, um Josef zu überzeugen, doch das macht sein Handeln, wie ich finde, nur noch wertvoller. Sollten wir nicht alle viel öfter auf das hören, was uns die guten Stimmen in unserem Leben einflüstern?

Josef ist es auch, der im Traum die Eingebung hat, nach Jesu Geburt nicht sofort zurück nach Nazareth zu gehen, sondern nach Ägypten zu fliehen, um Jesus vor der drohenden Ermordung durch die Soldaten des Herodes zu bewahren. Hierdurch wird er nun schon zum zweiten Mal zum Lebensretter. Erst durch ihn wird Gottes Plan möglich, erst durch ihn kann unser Freund und Bruder Jesus Christus seinen Weg beginnen, der diese Welt und unser Verhältnis zu Gott so nachhaltig und grundlegend verändert.

Hier bei uns in der evangelischen Kirche haben wir es ja nicht so mit den Heiligen. Doch ich finde, dass es uns gut ansteht, uns vor der Lebensleistung dieses Josef von Nazareth zu verneigen und seiner heute zu gedenken. Oftmals sind es die kleinen Leute und die kleinen Dinge, die in Gottes Plan eine große Rolle spielen. Josef ist hierfür ein

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  15.03.2018 - „We croak“

„We croak“

Dompfarrerin Katja Witte-Knoblauch

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken, die dich bewog, von aller Schuld des Bösen uns zu erlösen. // Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden: so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, die Weisheit Gottes. // Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde.“ (EG 91. 1+5+6)

Christian Fürchtegott Gellert war es, der diese Verse 1757 dichtete. Es ist die Zeit der Aufklärung und der Empfindsamkeit. Und der Glaubende will sich nicht nur aus Gehorsam, sondern ganz bewusst in die Nachfolge Jesu einfinden. Und so ringt Gellert mit der Vernunft, die das eine zu gebieten scheint, und seinem Herzen, das glaubt. Und er findet seine Antwort in jenem alten Paulus-Wort, das der einst an seine Gemeinde in Korinth schrieb (1. Kor 1,18): „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.“

Uns treibt heutzutage weniger die Frage nach dem Sterben, als jene nach langem, wenn nicht gar ewigem Leben um. Kürzlich hörte ich im Radio sogar von Gedankenspielen im Silicon Valley, ob nicht die Informationen eines Menschen extrahiert werden könnten, um diese dann in einen anderen Körper einzusetzen. Dieser Idee liegt die Annahme, vielleicht aber auch nur der Wunsch zugrunde, dass die Identität des Subjekts oder meinethalben auch der Seele nichts anderes wäre als die Summe ihrer Informationen. Ehrlich gesagt, frage ich mich ja schon immer mit Queen: „Who wants to live forever?“ – also, wer überhaupt will eigentlich ewig leben? Aber es scheint da ja so manchen zu geben.

Doch nun gibt es Nachrichten aus dem einzigen Land der Welt, das seinen Reichtum nicht am Wohlstand oder Wirtschaftswachstum bemisst, sondern am Wohlbefinden seiner Menschen. Dieses Land ist Bhutan in Südasien. Und eine Bauernregel dort besagt, dass „ein glücklicher Mensch fünfmal täglich über den Tod nachdenken“ sollte. Unsere Gegenwart hat darauf mit einer App reagiert, durch die alle glücklichen Bhutaner sich jetzt eben jene fünfmal am Tag zu willkürlichen Zeitpunkten an ihren Tod erinnern lassen können. Diese App für das Smartphone heißt „We croak“, wörtlich übersetzt: „Wir quaken“, oder aber auch umgangssprachlich: „Wir kratzen ab“. Wie finden Sie das? Makaber? Oder gut? Ich finde es auf jeden Fall spannend, denn ich denke, es wehrt menschlichem Größenwahn und stellt die richtige Frage, nämlich: Worauf traust Du – im Leben und im Sterben? Der Apostel Paulus beantwortet diese Frage übrigens wie folgt:

„Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ (1. Phil. 1,21)

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